Die Seelenfalle - Andreas Parsberg - E-Book

Die Seelenfalle E-Book

Andreas Parsberg

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Beschreibung

Henri Vogt weiß längst, dass es Orte gibt, an denen die Zeit nicht vergeht wie sonst, Schauplätze, an denen die Toten keine Ruhe finden und das Vergangene nicht vergangen ist. Das Waverly Hills Sanatorium in Kentucky, im Jahr 1926, ist einer dieser Orte. Als Henri gezwungen wird, in diese Epoche zurückzureisen, betritt er kein verlassenes Gebäude, keinen bloßen Schauplatz des Verfalls. Er betritt ein lebendiges Gefängnis aus Leid, Krankheit und gefangenen Seelen. Hinter den Mauern des Sanatoriums verschwinden Menschen nicht einfach. Sie bleiben. Gebunden an Schuld, an Angst, an unerfüllte Hoffnungen, und an einen Pakt, den sie nie bewusst geschlossen haben. Was Henri dort erwartet, ist kein offener Kampf zwischen Gut und Böse, kein klar erkennbarer Feind. Es ist ein perfides Spiel mit Erinnerungen, mit Verdrängung und innerem Zerbrechen. Die Dämonen dieser Zeit verlangen keinen Körper. Sie verlangen Bindung. Hingabe. Stillstand. Sie nähren sich von Seelen, die den Übergang verpasst haben, und verwandeln das Sanatorium selbst in eine Falle, aus der es kein Erwachen gibt. Je tiefer Henri in das Waverly Hills Sanatorium eindringt, desto stärker beginnt die Vergangenheit, nach ihm zu greifen. Entscheidungen aus früheren Spielen fordern ihren Preis. Verbündete werden zu Spiegeln, die ihm zeigen, was er war, und was er zu werden droht. Henri erkennt, dass Zeitreisen ihn unweigerlich dorthin führen, wo er sich stellen muss. Ein atmosphärischer Fantasy-Roman voller verlorener Seelen, dunkler Zeitreisen und eines Ortes, an dem Erlösung unmöglich scheint. Mit dem Waverly Hills Sanatorium wird das Spiel der Dämonen persönlicher, grausamer und unumkehrbarer als je zuvor.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Andreas Parsberg

Die Seelenfalle

Das Spiel der Dämonen (Band 5)

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

15

16

17

18

19

20

Impressum neobooks

1

Germering bei München

Chloé schlug seufzend die Augen auf. Die Nacht war angenehm gewesen, der Schlaf erquicklich, und dieses seltene, satte Gefühl lag in ihr wie ein warmes Gewicht. So ausgeruht und wohl wie heute hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Sie könnte Bäume ausreißen.

Bevor sie aufstand, gähnte sie herzhaft und streckte die Glieder, bis es in Schultern und Rücken wohlig zog. Ein Ritual, das sich, mit kleinen Abweichungen, jeden Morgen wiederholte.

Jetzt gab sie sich einen Ruck, warf die Steppdecke schwungvoll zur Seite und verließ das angenehm warme Bett, das sie an manchen Tagen am liebsten mitgenommen hätte. Das wäre sicher ein witziger Anblick, wenn sie im Klassenzimmer im Bett gelegen hätte.

„Bartenberg, schnarchen Sie nicht!“, hörte sie ihre Lehrerin im Geist ärgerlich rufen. „Wenn Sie schon mitten im Unterricht schlafen, sollten Sie sich wenigstens still verhalten! Sie stören den Unterricht!“

Die Schulstunden waren derzeit stets einschläfernd. So kurz vor dem Abitur hatte Chloé Mühe, jede Stunde wachen Auges durchzustehen. Wenn ich einmal wirklich mit dem Bett angerückt käme, dachte Chloé amüsiert, würden die anderen Schüler es mir nachmachen. Das Klassenzimmer würde zum Schlafsaal werden.

Sie stellte sich erneut ihre Lehrerin vor fünfundzwanzig Betten vor. „Bartenberg, seien Sie still! Sie stören unseren Schlaf!“

Chloé schüttelte schmunzelnd den Kopf. Was du dir so zusammenspinnst, dachte sie, während sie einen Blick aus dem Fenster warf. Es war ein wunderschöner, sommerlicher Morgen.

Das dunkelrote Schlafshirt, das Chloé trug, war ziemlich kurz, wodurch ihre langen, schlanken Beine großartig zur Geltung kamen. Außerdem war der Stoff so dünn, dass man die Konturen ihres Körpers erkennen konnte. Darunter hatte sie ein gleichfarbiges Spitzenhöschen an. Ihre langen blauschwarzen Haare waren durch ein Gummiband zu einem Pferdeschwanz gebunden. Henri verglich sie manchmal mit einer ägyptischen Prinzessin. Ihre grünen Augen funkelten, als sie an ihren Freund dachte.

Sie ging ins Bad, zog sich aus und stieg in die Duschkabine. Vorsichtig drehte sie das Wasser auf, denn der erste Schwall war immer kalt, und sie hatte keine Lust, ihn voll abzubekommen. Als das Wasser warm wurde, drehte sie ganz auf und drückte Duschgel in ihre hohle Hand. Mit streichelnden Bewegungen verteilte sie es auf ihrem nackten Körper. Durch diese Berührungen empfand sie plötzlich prickelnde Gefühle und hatte erneut das Bild ihres Freundes vor den Augen. Henri! dachte Chloé. Schon wieder Henri.

Sie dachte sehr oft an ihn. Der Tag begann und endete mit ihm. Selbst in der Schule konnte sie nicht verhindern, dass sich ihre Fantasie mit ihm beschäftigte.

„Bartenberg, wo sind Sie schon wieder mit ihren Gedanken?“, wetterte ihre Lehrerin häufig.

„Na, wo schon?“, war sie manchmal versucht zu antworten. „Bei Henri natürlich!“

Als Chloé wenig später, zwar dezent geschminkt, aber im engen Minirock, die Küche betrat, warf ihr ihre Mutter einen missbilligenden Blick zu.

„Findest du, dass das die richtige Kleidung für die Schule ist?“

„Enge Röcke sind modern, Mutti“, erwiderte Chloé und setzte sich an den Küchentisch. „Außerdem habe ich hübsche Beine. Warum soll ich die verstecken?“

„Du bist immerhin achtzehn Jahre alt und ihr habt Lehrer, die nur unwesentlich älter sind.“

„Die sind Röcke in der Schule gewohnt“, gab Chloé unbekümmert zurück. Sie belegte sich gerade eine Scheibe Toast, als ihr Handy klingelte.

„Na, du!“, rief Henri gut gelaunt in sein Smartphone.

„Na, du selber“, gab Chloé keck zurück.

„Gut geschlafen?“

„Hervorragend.“

„Von mir geträumt?“

Sie kicherte. „Nein, einen Alptraum hatte ich nicht.“

„Das wagst du nur zu sagen, weil du nicht vor mir stehst. Du bist ein schlimmes Mädchen. Ich werde dich bei der nächsten Gelegenheit übers Knie legen.“

„Und was weiter?“

„Das wirst du dann schon sehen. Apropos sehen. Treffen wir uns nach der Schule?“

„Hatten wir das nicht abgemacht?“, fragte Chloé verwundert.

„Ich wollte mich nur vergewissern, dass es bei unserer Verabredung bleibt“, meinte Henri. „Außerdem wollte ich deine Stimme hören.“

„Du bist süß“, kicherte sie amüsiert. „Denkst du daran, dass wir heute Abend zu Lisas Party eingeladen sind.“

„Klar, ich frage Cedric, ob er mir seinen Wagen leiht.“

„Okay. Bis später dann.“

Die Schulstunden zogen sich wie zähflüssiger Sirup. Schrecklich war die letzte Stunde Geschichte. Sie musste die Verbindung der ägyptischen Götter zu den griechischen und römischen lernen. So viele Götter! Chloé schwirrte bereits der Kopf. Da war der katholische Glaube schon bedeutend einfacher.

Sie kam kaum dazu, an Henri zu denken, aber wenn er ihr ganz kurz einfiel, wurde sie von einem Gefühl angenehmer Vorfreude erfüllt. Sie war sehr gern mit ihm allein. Wenn seine Eltern in der Arbeit waren, sein älterer Bruder Cedric in der Universität, nutzten sie das immer aus. Ein leises Lächeln erschien auf Chloés Lippen.

„Bartenberg, was gibt es da zu grinsen?“, wollte ihre Lehrerin wissen, die in ihrem Leben wohl noch nie gelacht hatte.

„Nichts“, antwortete Chloé rasch, und dann war die Stunde endlich um.

„Heute hatte sie dich mal wieder im Visier“, sagte Martin, der übergewichtige Klassenprimus beim Verlassen des Schulgebäudes mitfühlend.

Chloé zuckte gleichmütig die Schultern. „Das Schuljahr ist fast vorüber, danach werde ich sie hoffentlich nie wieder sehen.“

„Sie kann verdammt lästig sein.“

„Ich habe gelernt, mit ihr zu leben.“

„Kommst du heute auch auf die Party von Lisa?“, fragte Martin.

„Ja, klar. Lisa ist meine beste Freundin.“

„Stimmt“, meinte Martin. „Radeln wir ein Stück gemeinsam? Wir haben doch den gleichen Weg.“

„Heute nicht, ich treffe mich gleich mit Henri.“

„Mein Pech.“ Das Bedauern in seiner Stimme war ernst gemeint, denn Martin war seit drei Jahren in Chloé verliebt. Deshalb versuchte er auch immer, ihr irgendeinen Gefallen zu tun. Aber seit kurzer Zeit gab es Henri. Martin wusste, dass es ihm nie möglich sein würde, Henri auszubooten, aber er war so ehrlich, zuzugeben, dass er es versucht hätte, wenn er auch nur die geringste Chance gewittert hätte.

„Bis heute Abend“, sagte er noch zu Chloé, drehte sich dann um und verschwand. Sie blickte ihm kurz nachdenklich hinterher, hob dann ihren Kopf und beobachtete eine Wolkengruppe, die über Germering zog. Dann entdeckte sie am Himmel eine schwarze Krähe, die zu einem Sturzflug direkt auf den Müllcontainer des Schulhofes ansetzte. Chloé sah ihr nach, bis die Krähe über den Zaun auf das Nachbargrundstück abdrehte.

Dann verharrte ihr Blick plötzlich auf einem Punkt. Ihre Augen weiteten sich vor Verwunderung und Schreck.

Was war das?

Da stand ein seltsamer, fremdwirkender Mann. Er sah aus wie ein Seemann, trug eine grobe Leinenhose, ein weißes Hemd, dazu eine schwarze Kapitänsmütze.

Sein Blick war auf das Schulgebäude gerichtet. Der Kinnbart schimmerte rötlich in der Sonne. Chloé konnte einfach nicht ihren Blick abwenden. Sie spürte, dass der fremde Mann ihr mittlerweile direkt in die Augen blickte. Nein, er sah eher durch sie hindurch. Sie hatte das Gefühl, dass sein Blick bis in das tiefste Innere ihrer Seele vordrang.

Dann hörte sie seine Stimme! Sie klang weich und harmonisch.

Amanda ...

Es klang wie ein Liebeslied, leise und doch eindringlich ... fordernd!

Amanda. Amanda. Komm zu mir, Amanda. Komm. Komm!

Chloés Herz klopfte wild und ein unbestimmtes Glücksgefühl jagte angenehme Schauer über ihren Rücken. Ihr Blut pulsierte schneller.

Plötzlich strömte auf Chloé eine Flut merkwürdiger Erinnerungen ein. Sie sah sich auf einem großen Segelschiff mit Kanonen bewaffnet, vor dem Hintergrund eines Hafens. Eine Erinnerung schien jedoch stärker zu sein als alle anderen. Sie sah ein schönes Gesicht mit Kinnbart. Die tiefliegenden Augen waren voll männlichem Begehren, ein verschmitztes, verführerisches Lächeln strahlte sie an. Sie spürte die Wärme seiner Umarmung, die erste aufregende sanfte Berührung seiner Lippen.

Ja, Amanda, ich bin hier. Ich bin wieder da. Meine Amanda.

Schnell drehte sie sich um und rannte zu ihrem Fahrrad, sprang auf und radelte davon. Nur weg von diesem merkwürdigen Mann. Eine kleine Taubenschar stieg mit klatschenden Flügelschlägen hoch und ließ sich auf die Dächer der umliegenden Häuser nieder. Die Luft war warm und die Sonne zeigte ihre Kraft. Das Fahrrad rollte über eine Bodenschwelle, die zur Verkehrsberuhigung beitragen sollte, und einige Meter danach hielt sie an. Sie stieg ab und schüttelte ihre lange schwarze Mähne. Die Gedanken an den unheimlichen Mann am Schulgelände hatte sie bereits verdrängt.

An einem der Fenster im Erdgeschoss tauchte Henri auf. Sie winkte ihm zu und er lächelte zurück. Mit seinen regelmäßigen weißen Zähnen hätte er für eine Zahncreme Reklame machen können. Henri verschwand vom Fenster, um Chloé die Haustür zu öffnen.

Ein leichtes Kribbeln überlief sie, als sie eintrat. Henri gab der Tür einen lässigen Stoß und nahm Chloé in die Arme. Er drückte sie so fest, dass ihr die Luft wegblieb. Aber nur ganz kurz.

Dann küsste er sie mit hungrigen, warmen Lippen. „Schön, dass du endlich da bist“, flüsterte er leise. „Ich wurde schon ein bisschen nervös, hatte dich früher erwartet.“

„So ungeduldig?“

„Natürlich! Du hast mir gefehlt.“

„Aber wir waren doch erst gestern zusammen auf dem Volksfest“, meinte sie, freute sich aber über seine Worte.

„Das ist schon viel zu lange her“, erklärte Henri. Er konnte ihr schlecht erklären, dass er gefühlte Wochen in Indien verbracht hatte. Von Dämonenkämpfen und Seeschlachten würde sie kein Wort glauben, ihn für verrückt oder betrunken halten. Außerdem durfte er kein Wort verraten, sonst würde er die Spielrunden automatisch verlieren.

Er nahm Chloés Hand und zog sie mit sich nach oben. Sein Zimmer war nicht sehr groß, aber urgemütlich. An den Wänden hingen Bilder von Bayern München. Chloé fand das weniger romantisch, wollte ihm jedoch seine Liebe zu Fußball nicht nehmen. Henri spielte selbst als Linksverteidiger in der Bayernliga Süd beim SC Fürstenfeldbruck.

Im CD-Player lief langsame Musik, die Lamellenjalousie war zur Hälfte heruntergezogen. Ein weiches, angenehmes Dämmerlicht erfüllte den Raum und machte ihn zu einer intimen, weltentrückten Insel.

Henri setzte sich mit Chloé aufs Bett und zog sie eng an sich. Sie liebte es, wenn er sie mit langsamen, zärtlichen Berührungen streichelte. In solchen Momenten wünschte sie sich, dass die Zeit stehenbleiben würde. Die Liebe war für sie ein Gericht, das man langsam und bewusst genießen sollte, häppchenweise, Bissen für Bissen.

Als er gefühlvoll an ihrem Ohrläppchen knabberte, erschauerte sie und ihre Lippen trafen sich erneut zu einem zärtlichen Kuss.

„Ich kann dein Herz fühlen“, sagte Henri leise. „Es schlägt sehr schnell.“

„Deines etwa nicht?“

„Doch“, gab er zu. „Meines auch.“

Chloé rieb ihr Kinn an seiner Schulter und hatte den Wunsch, sich in Henri zu verkriechen. Es war schön, mit ihm zusammen zu sein, und ganz besonders genoss sie es, wenn sie völlig ungestört waren.

Sie hatte zu Hause auch ihr eigenes Zimmer, das größer als Henris war, sogar mit einem eigenen angrenzenden Badezimmer. Aber ständig hatte sie Angst, dass ihre Mutter oder ihre Schwester Michelle im falschen Moment hereinplatzen könnten. Sie stellte sich immer die Katastrophe vor, wenn ihre Mutter ahnungslos ins Zimmer kam und sie nackt in Henris Armen überraschte. Niemals wollte sie das wirklich erleben. Sie würde vor Scham im Erdboden versinken. Dass sie alt genug dafür war, Henri liebte und dadurch ein Recht auf all das hatte, würde ihre Mutter nicht gelten lassen.

Henri atmete heftiger. Seine zärtlichen Bemühungen erregten Chloé sehr. Selten hatte sie sich so wohl und begehrt gefühlt. Sie seufzte wohlig, er wusste genau, was ihr gefiel. Als er den Versuch unternahm, seine Hand unter ihr Shirt zu schieben, hinderte sie ihn nicht.

Schließlich richtete er sich auf und betrachtete Chloés makellosen Körper. „Ich kann mich an dir einfach nicht sattsehen.“

Sie schmunzelte. „Ich habe nichts dagegen.“ Liebevoll strich sie ihm über das Haar.

„Hast du es gern, wenn dich ein Mann ansieht? Was empfindest du dabei?“

„Es ist ein angenehmes Gefühl, zu erkennen, dass man begehrt wird. Geht es dir nicht genauso? Was empfindest du, wenn du im Freibad zum Schwimmbecken schlenderst und merkst, wie dir ein hübsches Mädchen bewundernd nachsieht?“

„Es schmeichelt mir“, antwortete Henri.

„Das Gleiche spielt sich in mir ab.“

„Scheint so, als wären beide Geschlechter gar nicht so verschieden.“

„Beides sind Menschen.“

Henri grinste. „Was du nicht sagst.“

„Ich werde jetzt fahren, Henri. Ich möchte mich doch für die Party noch hübsch machen, damit ich dir gefalle.“

„Hier in meinem Bett gefällst du mir am besten“, antwortete er grinsend.

„Schlingel!“ Sie knuffte ihn zärtlich in die Seite. „Hast du das Auto von Cedric bekommen?“

„Ja, klar. Mein Bruder schläft heute bei Laura und braucht den Wagen nicht.“

„Gut, ich würde ungern mit meinem Kleid auf dem Rad fahren. Kommst du mich um halb acht abholen?“

„Ja, klar.“

Wenig später verabschiedete sie sich von Henri und radelte nach Hause.

2

Chloé ließ sich Zeit, als sie sich vor dem Spiegel schminkte. Sie wollte auf der Party ihrer Freundin Lisa nicht einfach nur gut aussehen, sondern besonders. Sorgfältig betonte sie ihre Augen, ließ den Lippenstift einen Hauch satter wirken als sonst und musterte sich kritisch, bis sie zufrieden nickte. Bevor sie das Bad verließ, griff sie zur Bürste und fuhr so lange durch ihr langes blauschwarzes Haar, bis es im Licht schimmerte und weich über ihre Schultern fiel.

In ihrem Zimmer ließ sie den weißen Frotteemantel von den Schultern gleiten, trat nackt vor den Schrank, öffnete ihn und ließ den Blick prüfend über die Kleider wandern. Das Rote natürlich, gar keine Frage, raunte ihr eine innere Stimme zu. Der angenehme Chiffon-Stoff würde sich großartig an ihren schlanken Körper schmiegen. Du siehst darin sexy aus, das weißt du doch, erklärte diese Stimme abschließend, selbstsicher und überzeugend.

„Okay“, murmelte Chloé lächelnd zu ihrem Spiegelbild. „Das dunkelrote Chiffonkleid.“

Sie nahm es aus dem Schrank, breitete es sorgfältig auf dem Bett aus und betrachtete es einen Moment lang, als wäre es mehr als nur ein Kleidungsstück. „Henri wird es gefallen“, sagte sie leise und grinste dabei, während sie in ihre Unterwäsche schlüpfte. Vorsichtig streifte sie das Kleid über den Kopf, zog es an den Hüften glatt und drehte sich einmal um die eigene Achse. Noch der schwarze Gürtel – und sie war fertig.

Im Wohnzimmer fiel ihr Blick auf die leise tickende Pendeluhr. Halb acht. Um acht sollte die Party beginnen. Draußen auf der Straße hupte jemand dreimal kurz.

Chloé lief zum Fenster, schob den Vorhang zur Seite und sah Henri. Groß, schlank und attraktiv lehnte er am Wagen seines Bruders und lächelte zu ihr herauf. Mit einer knappen Geste fragte er, ob er noch ins Haus kommen sollte. Sie schüttelte den Kopf. Nicht nötig. Sie war fertig, musste nur noch in ihre Schuhe schlüpfen.

Als Chloé aus dem Haus trat, kam Henri ihr entgegen, zog sie an sich und hielt sie einen Moment lang fest. „Du siehst bezaubernd aus“, flüsterte er und küsste sie zärtlich auf den Mund. Für Chloé hätte dieser Augenblick ewig dauern können. Sie genoss seine Umarmung, seine Nähe, die Wärme seiner Lippen.

„Freust du dich auf die Party?“, fragte er schließlich, als sie sich voneinander lösten.

Sie nickte. „Und du?“

Er grinste breit. „Ich kann es kaum erwarten. Lisa hat sicher ein leckeres Büfett vorbereitet. Da werde ich ordentlich zuschlagen. Ich habe heute nur gefrühstückt. Außerdem hatte ich heute Nachmittag Frauenbesuch, der mich viel Kraft gekostet hat.“

Chloé lachte. „Wie kann man ständig nur ans Essen denken?“

„Ich habe eben einen gesegneten Appetit“, erwiderte er. „Zum Glück setze ich kein Fett an. Ich will doch nicht, dass du mich verlässt, weil dir meine Figur nicht mehr gefällt.“

„Ich werde dich auch mit Bauch lieben“, schmunzelte sie.

„Na also“, meinte er zufrieden. „Dann kann ich ohne schlechtes Gewissen am Büfett zuschlagen.“ Er öffnete die Beifahrertür und ließ Chloé einsteigen.

Sie waren nicht die ersten Gäste. Das große Haus von Lisas Eltern vibrierte bereits vor Musik, Stimmen und Gelächter. Lisa empfing ihre Gäste an der Tür. Diejenigen, die sie besonders mochte, begrüßte sie mit einem Küsschen, zu den anderen sagte sie freundlich: „Hallo, schön, dass ihr da seid.“

Chloé und Henri wurden natürlich geküsst. Henri, weil er zu Chloé gehörte. Und Chloé, weil sie Lisas beste Freundin war.

„Ist das Büfett schon aufgebaut?“, erkundigte sich Henri grinsend.

Chloé stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. „Ich muss mich wegen dir echt schämen!“, wies sie ihn zurecht.

„Warum denn?“, entgegnete er. „Hunger ist eine absolut menschliche Regung.“

Lisa seufzte gespielt bedauernd. „Diesmal gibt es leider kein Büfett, Henri.“

Er sah sie entsetzt an. „Kein Büfett? Mädchen, das kannst du mir nicht antun. Mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen.“

„Ich sehe mal nach, ob ich noch irgendwo ein Stück altes Brot für dich auftreiben kann“, meinte Lisa trocken.

„Altes Brot!“ Henris Stimme klang beinahe panisch.

„Frisches Brot ruft bei Männern ohnehin nur Blähungen hervor, habe ich neulich in einer Zeitschrift gelesen“, erklärte Lisa ernsthaft, konnte sich aber nicht länger halten. Lachend löste sie auf, dass es natürlich ein Büfett gab.

„Ich hoffe, ihr amüsiert euch gut“, sagte sie immer noch kichernd und schob die beiden ins Haus.

„Genau das haben wir vor“, erklärte Henri erleichtert. „Gleich nachdem ich mich ordentlich gestärkt habe.“

„Du musst dich aber ranhalten“, lachte Lisa.

„Wieso?“, fragte Henri misstrauisch.

„Weil ich vorhin gesehen habe, wie sich Martin schon einen Teller geholt hat“, antwortete sie amüsiert. „Und du weißt ja, was der verdrücken kann.“

„Warum hast du diesen Vielfraß eingeladen?“, fragte Henri vorwurfsvoll.

„Weil er eine Stimmungskanone ist“, verteidigte sich Lisa.

„Er ist schlimmer als ein Schwarm Heuschrecken“, stöhnte Henri.

Chloé verdrehte die Augen. „Er wird dir schon etwas übriglassen. Großer Gott, du denkst wirklich nur ans Essen.“

Martin, der Primus der Oberstufe, aß gerne und bewegte sich wenig – und das sah man ihm auch an. Während sich andere mit Diäten quälten, stand er zu seiner Leibesfülle und war nicht bereit, auch nur das Geringste dagegen zu unternehmen. Jogging, Schwimmen oder Radfahren lehnte er ab, pflegte lieber seine angeborene Faulheit und die vielen Pfunde, die er sich über die Jahre angeschlemmt hatte. Seine Freizeit verbrachte er vor dem Computer, wo er Programme oder Spiele entwickelte.

Gerade schaufelte er mehrere Pasteten auf seinen Teller.

„Hallo, Martin“, begrüßte ihn Henri.

Martin sah kurz auf. „Oh, Henri, auch schon da?“

„Wie du siehst“, antwortete er. „Ab jetzt gehört dir nur noch das halbe Büfett.“

Martin grinste breit. „Für dich schränke ich mich gern ein. Hast du schon den Lachs probiert?“

„Ich bin eben erst gekommen!“

„Hol dir unbedingt ein Stück“, empfahl Martin. „Schmeckt fantastisch.“ Er küsste seine Fingerspitzen. „Ich habe nur eines zu beanstanden: Die Teller sind viel zu klein. Man kriegt kaum was drauf.“

„Dann musst du dich halt öfter bewegen und öfter ans Büfett gehen“, meinte Henri.

„Das werde ich tun, darauf kannst du dich verlassen“, lachte Martin mit vollem Mund. „Ich habe im Internet ein paar großartige Witze gefunden, die erzähle ich aber erst, wenn ich ausreichend gegessen habe.“

Martin war bekannt für seine guten Witze, die er hervorragend erzählen konnte. Das war einer der Gründe, weshalb er fast zu jeder Party eingeladen wurde.

„Sag mal, auf welcher Internetseite findest du immer die neuesten Witze?“, fragte Henri.

Martin warf sich in die Brust. „Ich erfinde sie selbst.“

„Blödsinn!“

„Tatsache“, behauptete Martin.

„Du willst mir nur deine Quelle nicht verraten“, brummte Henri.

Martin grinste. „Du hast es erfasst.“ Dann ging er zur großen Couch und ließ sich nieder.

Neben Henri flötete plötzlich jemand: „Hallo, Henri! Schön, dich zu sehen.“

Henri drehte den Kopf und blickte direkt in die großen, braunen Augen von Jennifer Scheele.

„Hallo, Jenny“, lächelte er. Sein Blick glitt unwillkürlich zu ihrem offenherzigen Dekolleté. „Donnerwetter!“

Sie atmete tief ein, ihr üppiger Busen hob sich. „Ich denke, ich kann mich sehen lassen“, meinte sie, deutlich auf ein Kompliment aus.

„Unbedingt“, bestätigte Henri. „Ich sehe absolut nichts, was du verstecken müsstest.“

„Tanzt du später mal mit mir?“, fragte sie mit einem verführerischen Augenaufschlag.

„Ähh … ja, aber ich bin mit Chloé da.“

„Na und? Wir wollen doch nur tanzen, oder hattest du andere Pläne mit mir?“

„Ich? Pläne? Nein, ich wollte mich eigentlich nur am Büfett stärken.“

Sie kicherte. „Ich habe eine Schwäche für starke Männer.“

Chloé hatte zwei „beste Freundinnen“. Die eine war Anna Krüger, die andere die Gastgeberin Lisa Schröder. Die drei Mädchen hatten sich immer etwas zu sagen, teilten Interessen, Geschmack und unzählige Gedanken. Es gab kaum Geheimnisse unter ihnen.

Henri hatte deshalb rasch das Weite gesucht, als sie begannen, den neuesten Klatsch auszutauschen. Das Büfett war ihm deutlich lieber, als Mädchen beim Lästern zuzuhören.

Die Party lief inzwischen auf vollen Touren. Alle Gäste waren eingetroffen, und Lisa brauchte sich um nichts mehr zu kümmern. Einer aus der Jahrgangsstufe sorgte für die Musik, ein anderer schenkte Getränke aus. Das Büfett war inzwischen recht unansehnlich geworden, die Gäste hatten ordentlich darin gewütet.

Nun waren alle satt und zufrieden. Auch Martin. Er war zur Hochform aufgelaufen, erzählte Witze und organisierte Gesellschaftsspiele.

Die drei Freundinnen ließen sich von der Hektik um sie herum nicht beirren. Sie waren beim Thema Schulferien angekommen.

„Die Melanie will im August mit einem Rucksack durch Thailand reisen“, erzählte Lisa. „Sie hat mich gefragt, ob ich mitfahre.“

Chloé schüttelte den Kopf. „Das würde dir niemals gefallen.“

„Wieso nicht?“, fragte Lisa trotzig.

„Weil du dafür nicht geschaffen bist“, behauptete Anna.

„Woher wollt ihr das denn wissen?“

„Ich kenne dich doch“, erklärte Chloé. „Du würdest deinen Rucksack schon nach kurzer Zeit verfluchen und dir schnellstmöglich ein Hotel mit Pool suchen.“

„Kann sein“, gab Lisa zu. „Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Menschen in der Sonne liegen, im Meer baden, auf Surfbrettern über die Wellen reiten.“

„Ein Urlaub in den schneebedeckten Alpen würde mich jetzt mehr reizen“, erwiderte Chloé verträumt. „Dicke Eiszapfen vor den Fenstern, Eisblumen an den Scheiben, Schlittenfahren, Spaziergänge durch verschneite Wälder, die Hänge auf Skiern herunterwedeln …“

„Bloß, weil du so toll Ski fährst“, entgegnete Anna. „Ich würde lieber in einen Pool springen, mir von einem hübschen Jungen einen Cocktail bringen lassen. Wenn er brav ist, dürfte er mir auch den Rücken mit Sonnencreme einreiben.“

Chloé lachte. „Na gut, das würde mir jetzt auch gefallen.“ Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, suchte Henri, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Jennifer Scheele hatte die Sache raffiniert eingefädelt. Sie beauftragte mehrere Mädchen, mit Henri anzustoßen, und als er ein wenig angesäuselt war, machte sie sich an ihn heran. Ihr war klar, dass er als Sportler wenig Alkohol vertrug. Außerdem wusste sie, dass sie im Normalfall keine Chance bei ihm hätte, dafür war er zu sehr in Chloé verliebt. Aber vielleicht, hoffte sie, würde sich unter Alkoholeinfluss eine Gelegenheit bieten.

„Ich habe dich beobachtet“, schmollte sie zu Henri. „Du hast mit allen möglichen Mädchen angestoßen, nur mit mir nicht.“

Henri grinste. „Nur kein Neid, Jenny. Wenn du möchtest, trinke ich selbstverständlich auch auf deine Gesundheit.“

Sie zauberte zwei Gläser Wodka Lemon herbei, wobei sie absichtlich mehr Alkohol einschenkte als üblich. Nachdem sie ihre Gläser geleert hatten, erinnerte Jennifer ihn daran, dass er ihr einen Tanz versprochen hatte.

„Aber das tue ich doch gerne“, erklärte er.

Auf ihr verabredetes Zeichen verdunkelte der DJ die Beleuchtung und legte einen Schmusesong auf. Jennifer schmiegte sich eng an Henri und legte den Kopf an seine Schulter. Er hätte aus Stein sein müssen, wenn ihn das kaltgelassen hätte. Sie wusste genau, wie sie vorgehen musste. Während sie sich unmissverständlich an ihm rieb, kraulte sie seinen Nacken und seufzte sehnsüchtig.

„Du tanzt großartig“, sagte Henri mehr aus Höflichkeit, weil er das Gefühl hatte, in dieser Situation etwas sagen zu müssen. Ein trüber Alkoholschleier lag über seinem Geist, seine Bewegungen waren nicht mehr so geschmeidig wie sonst.

„Du führst hervorragend“, erwiderte sie lächelnd. „Ich erkenne immer sofort, was du willst.“

Er grinste. „Weißt du das wirklich?“

„Aber klar doch.“

„Und was will ich?“

„Du hättest gerne noch etwas zu trinken“, sagte sie leise, „vielleicht auch noch eine dieser köstlichen Pasteten vom Büfett. Dann würdest du dich gerne ausruhen, nachdem du so fleißig getanzt hast.“

„Du hast Recht“, gab er zu. „Woher weißt du das?“

„Ich kenne euch süßen Jungs doch“, flüsterte sie in sein Ohr. „Komm mit, ich weiß, wo du es dir bequem machen kannst.“

„Ähh … ja? Wo denn?“

Sie griff nach seiner Hand und hauchte: „Komm, ich zeig’s dir.“

„Wollt ihr einen Cocktail?“, fragte Anna und stand auf, nachdem Chloé und Lisa mit dem Kopf geschüttelt hatten.

„Wie läuft es mit David?“, erkundigte sich Chloé. Der neue Freund von Lisa hieß David Becker und ging in die Nebenklasse.

Lisa nickte zufrieden. „Sehr gut. Wir verstehen uns blendend. Er kann irrsinnig komisch sein, ich muss manchmal lachen, bis mir die Tränen kommen.“

„Wo ist er denn?“, fragte Chloé.

„Er hat einen Einsatz mit dem THW. In Puchheim sind Keller vollgelaufen, und jetzt haben sie Angst, dass aus den Tanks Erdöl austritt. Er steht bestimmt gerade an einer Pumpe und denkt an mich.“

„Für diesen Job braucht man starke Nerven“, meinte Chloé.

„Man gewöhnt sich wahrscheinlich daran“, sagte Lisa.

„Ich könnte mir das nicht vorstellen“, erwiderte Chloé, „aber ich finde es bewundernswert, wenn Menschen anderen helfen.“

„David ist genau der richtige Mann dafür“, sagte Lisa. „Wenn jemand Hilfe braucht, darf man nicht die Nerven verlieren, sondern muss einen kühlen Kopf bewahren.“

„Liebst du ihn?“, fragte Chloé leise.

Lisa nickte. „Ja. Sehr sogar.“

Chloé beugte sich ein wenig vor. „Hast du schon mit ihm geschlafen?“

Lisa schüttelte den Kopf. „Dazu gab es noch keine Gelegenheit. Wir sind doch erst seit Kurzem ein Paar.“

„Würdest du es tun, wenn er dich fragt?“

„Jederzeit!“, hauchte Lisa selig, als hätte David es ihr gerade selbst vorgeschlagen.

Anna kam mit einem orangefarbenen Cocktail zurück. „Sag mal, Lisa, wieso siehst du plötzlich so verzückt aus?“

Chloé erzählte ihr, worüber sie gesprochen hatten. Anna lachte. „Dann ist ja alles klar. Übrigens, Chloé, du solltest dich ein wenig um Henri kümmern. Mir kam an der Bar zu Ohren, dass es die blöde Jennifer auf ihn abgesehen hat, und du weißt ja, wie sie vorgeht, wenn sie sich einen Jungen in den Kopf gesetzt hat.“

Chloé zog die Augenbrauen zusammen. „Da geht sie glatt über Leichen. Ich verstehe nicht, warum du dieses mannstolle Miststück eingeladen hast, Lisa.“

„Ich möchte meinen männlichen Gästen eben etwas bieten“, erklärte Lisa achselzuckend.

Chloé war unruhig geworden. Es machte sie traurig, dass sie sich wegen Henri Gedanken machen musste. Aber so genau kannte sie ihn noch nicht. Wie würde er reagieren, wenn er Alkohol getrunken hatte? Wäre er empfänglich für die körperlichen Reize einer Jennifer Scheele?

Sie beschloss, wachsam zu sein.

Jennifer Scheele lehnte neben der Küchentür an der Wand. Ihr Atem ging schnell, fast flackernd, und sie genoss das herrliche Gefühl, als ihre Fingerspitzen über die festen Gesäßbacken von Henri strichen. Sie wollte ihn – mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel zuließ. Doch noch war er nicht so weit, das erkannte sie klar und nüchtern.

Jennifer schob ihre Zungenspitze in sein Ohr und kitzelte ihn spielerisch. Henri wollte etwas sagen, doch er konnte sich nicht entscheiden, was es sein sollte. Worte stolperten wirr aus seinem Mund, während er spürte, wie sich alles um ihn herum zu drehen begann. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Benommenheit stellte er fest, dass sich vor seinen Augen eine gewaltige weibliche Oberweite befand. Neugierig beobachtete er das Heben und Senken des Busens, und für einen seltsamen Moment erinnerte es ihn an die Lady Lovibond im Golf von Bengalen. Der Alkohol hatte ihm so stark zugesetzt, dass er nicht mehr wusste, wo er sich befand. Verwirrende Bilder schoben sich vor sein inneres Auge. Er dachte an Amanda und fragte sich, wie es ihr nach seiner Abreise ergangen war. Ohne sie hätte er das erste Spiel niemals gewonnen.

Jennifer nutzte seinen willenlosen Zustand und seine geistige Abwesenheit hemmungslos aus. Sie presste ihre Lippen auf seinen Mund und versuchte, ihre Zunge zwischen seine Zähne zu schieben. Durch den Schleier einer dichten Nebelwand vernahm er die Laute ihrer Erregung. In ihm regte sich jedoch außer einer beginnenden Übelkeit nichts. Kein Begehren, keine Lust, nur ein dumpfes, unangenehmes Gefühl.

Jennifer nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und spielte mit ihrer Zungenspitze in seinem Mund. Henri roch den betörenden Duft, den sie verströmte, und musste aufstoßen. Der Alkohol setzte ihm immer stärker zu. Er hätte niemals eine andere Frau berührt, wenn er nüchtern gewesen wäre. Genau das wusste Jennifer, deshalb hatte sie mit einer erheblichen Menge Wodka nachgeholfen.

Und sie war mit dem Ergebnis zufrieden.

Keuchend vergrub Henri sein heißes Gesicht in ihrem Ausschnitt. Er dachte keinen Augenblick daran, wie peinlich es für sie werden konnte, wenn plötzlich jemand die Küche betrat. Jennifer hingegen dachte daran. Sie dachte an alles. Und sie fand, dass sie ihn inzwischen genügend aufgeheizt hatte, um ihm vorschlagen zu können, nach oben zu gehen.

Laut dröhnte die Musik aus den großen Stereoboxen. Chloé hatte Henri noch immer nicht gefunden. Unruhig ging sie von einem Raum in den nächsten. Warum hatten die Eltern von Lisa nur eine so große Villa? dachte sie genervt. Überall standen Gäste, unterhielten sich, tranken, scherzten, lachten.

Der übergewichtige Martin nahm Kurs auf sie. „Hey, Chloé, was sollen denn die Kummerfalten auf deiner Stirn? Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“

Chloés Stirn glättete sich ein wenig. „Nein.“

„Irgendein Problem?“

„Ich suche bloß Henri“, antwortete sie. „Hast du ihn gesehen?“

Martin schüttelte den Kopf. „Mir ist nur aufgefallen, dass Jenny ihm ständig Cocktails gemixt hat und Henri einiges getrunken hat. Vielleicht ist er besoffen und jetzt ist ihm schlecht. Soll ich dir helfen, ihn zu suchen?“

„Ist nicht nötig“, wehrte sie ab.

„Lisas Eltern haben ein großes Haus, ich helfe dir gern.“

„So groß nun auch wieder nicht“, entgegnete sie lächelnd. „Wenn sich Henri nicht in Luft aufgelöst hat, werde ich ihn finden.“

„Alles Gute!“, meinte Martin und ließ sich wieder in einem Sessel nieder.

Im Arbeitszimmer von Lisas Vater lagen Anna und Marcel auf der Ledercouch. Anna, halb entkleidet, stieß einen erschrockenen Schrei aus, als Chloé durch die geöffnete Tür blickte. Ihre Wangen waren feuerrot.

„Oh! Entschuldige bitte, Anna“, sagte Chloé rasch, grinste ihre Freundin kurz an und schloss die Tür wieder.

„Ich habe gehört, du suchst Henri“, sagte jemand hinter ihr.

Chloé drehte sich um. Das Licht spiegelte sich so stark in den dicken Brillengläsern von Thomas Möller, dass sie seine Augen nicht erkennen konnte. Er liebte es, Gerüchte in Umlauf zu bringen. Seine Augen waren nicht die besten, aber mit seinen scharfen Ohren hörte er angeblich das Laub fallen.

„Ja“, antwortete sie. „Hast du ihn gesehen?“

„Ich würde es mal in der Küche versuchen“, riet er. „Aber ich glaube, er ist nicht allein.“

Jennifer Scheele setzte alles ein, was sie zu bieten hatte – und das war nicht wenig.

„Lass uns nach oben gehen“, flüsterte sie. „Ich möchte mehr von dir. Gib mir alles, was du hast. Komm, wir schleichen uns die Treppe hinauf und schließen uns in einem der Gästezimmer ein, damit wir ungestört sind.“

Sie griff nach seiner Hand und drückte sie fest auf ihre Brust.

„Fühle meine Weiblichkeit, ich brenne für dich. Lass uns das Feuer der Leidenschaft gemeinsam löschen. Oh, Henri, du bist so ein erotischer Mann. Ich halte es nicht mehr aus.“

Es gab wohl kaum einen Mann, der den Verführungskünsten der attraktiven Jennifer widerstanden hätte. Bei ihr war noch jeder schwach geworden, den sie sich ausgesucht hatte. Und nun war Henri Vogt an der Reihe. Dass er einer anderen gehörte, störte Jennifer nicht – im Gegenteil. Es machte die Sache nur interessanter. Es erregte sie, den Besitz einer anderen zu benutzen. Für Jennifer zählte allein, was sie wollte.

Plötzlich öffnete sich die Küchentür.

Chloé trat ein. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und es wirkte, als würde sie ihre Krallen ausfahren. Ihr blieb das Herz stehen, als sie sah, wie betrunken Henri bereits war. Er hatte weder seine Umgebung noch seinen Körper unter Kontrolle und schwankte bedenklich. Sie sah, wie Jennifer ihren Freund intensiv befummelte und die Situation schamlos ausnutzte.

Henri hatte sie noch nicht bemerkt, doch Jennifer wusste, dass Chloé da war, und sie sah ihr ungeniert und triumphierend in die Augen. Schließlich bemerkte Henri, dass sie nicht mehr allein waren. Er drehte sich um und blickte Chloé an. Schweiß perlte auf seiner Stirn, seine Augen glänzten fiebrig. Er war wie vom Donner gerührt und schämte sich, dass Chloé ihn in diesem Zustand sah.

Chloé starrte ihn enttäuscht und wutentbrannt an. Dann schritt sie langsam auf Jennifer zu.

„Habe ich euch gestört?“, fragte sie frostig, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.

„Natürlich störst du“, antwortete Jennifer bissig. „Wir wollten gerade in ein Gästezimmer gehen. Henri ist ja so wild und gierig darauf, meinen Körper zu befriedigen.“

„Ach ja?“ Chloés Augen blitzten gefährlich auf. Dann drehte sie sich zu Henri. „Du bist also scharf auf ihren Körper?“

„Hä?“, stammelte er lallend. „Was für ein Körper?“

„Na, das Miststück neben dir meinte gerade, dass du wild auf ihren unförmigen Körper bist.“

„Ähh …“, brachte Henri hervor, zu mehr kam er nicht.

Jennifer trat entschlossen einen Schritt nach vorn. „Wer ist hier ein Miststück?“, fauchte sie.

„Du blöde Kuh natürlich!“

Jennifer begann am ganzen Körper zu zittern. Ihre Wut zeigte sich in roten Wangen und geblähten Nasenflügeln.

Chloé beachtete sie nicht weiter. Sie wandte sich Henri zu, der sich schwankend am Küchenschrank festhielt. In seinem Kopf tobte ein Orkan, und er glaubte, sich auf der Lady Lovibond bei schwerem Seegang zu befinden.

„Komm, ich werde dich besser nach Hause fahren“, sagte Chloé bestimmt.

„Ja, Kapitän. Sir!“, antwortete Henri und hielt sie für Simon Peel, den Kapitän der Lady Lovibond.

„Ich bringe dich besser ins Bett, morgen wirst du höllische Kopfschmerzen haben. Los, komm!“, befahl Chloé.

Henri nickte, löste sich vom Kühlschrank und erlitt beinahe einen Schwindelanfall, als sich die Küche erneut zu drehen begann. Der Seegang wurde immer stärker, davon war er überzeugt.

„Er bleibt bei mir!“, schrie Jennifer zornig. Sie wusste selbst nicht genau, was ihre Wut ausgelöst hatte – die Unterbrechung, das Wort „Miststück“ oder der Ausdruck „unförmiger Körper“. Sie trat vor Chloé und schubste sie einen Schritt zurück. „Er bleibt bei mir!“

Chloé wollte es nicht tun. Doch es geschah, ohne dass sie ihre Bewegung steuern konnte. Sie holte aus und traf Jennifer mit der flachen Hand auf die rechte Wange. Jennifer schrie auf vor Schmerz und Überraschung, taumelte zwei Schritte zurück, stieß gegen den Küchentisch, stolperte, drehte sich einmal um sich selbst und landete unsanft mit dem Gesäß auf dem Boden.

Chloé beachtete die Gestürzte nicht weiter. Sie griff nach Henris Hand, zog ihn hinter sich aus der Küche, verabschiedete sich kurz von ihren Freundinnen, schob den schwankenden Henri aus dem Haus, bugsierte ihn in Cedrics Auto und fuhr mit ihm nach Hause.

Dort angekommen bemerkte sie, dass in der Küche noch Licht brannte. Nach ihrem Klingeln öffnete Cedric, der zwei Jahre ältere Bruder von Henri, die Haustür.

„Hallo, Cedric“, sagte Chloé. „Schön, dass du zu Hause bist. Henri meinte, du wolltest heute bei Laura schlafen.“

„Hi, Chloé“, antwortete Cedric freundlich lächelnd. „Wir haben die Pläne kurzfristig geändert. Laura bleibt heute Nacht hier. Ist etwas passiert?“

„Könntest du mir bitte helfen? Dein Bruder liegt betrunken in deinem Auto und schnarcht. Allein schaffe ich es niemals, ihn ins Bett zu bringen.“

Cedric sah sie verwundert an, dann begann er zu lachen.

„Du meinst wirklich meinen kleinen Bruder Henri, der immer über Alkohol schimpft? Henri, der mir erzählt hat, er würde sich niemals einen Rausch antrinken?“

„Ich glaube, wir sprechen vom selben“, erwiderte Chloé und lachte ebenfalls. Wieder fiel ihr die erstaunliche Ähnlichkeit der beiden Brüder auf. Sie hatten eindeutig die gleichen Augen.

„Das will ich sehen“, meinte Cedric, schlüpfte in seine Turnschuhe und trat, gefolgt von Chloé, zum Auto. Henri saß auf dem Beifahrersitz, hatte den Kopf an die Scheibe gelehnt und schlief tief und fest.

„Was hat er denn getrunken?“, fragte Cedric.

„Ich vermute Wodka, aber ich war nicht dabei“, antwortete Chloé.

„Wart ihr nicht gemeinsam auf der Party?“

„Doch, aber ich habe mit Anna und Lisa geratscht. Henri wollte sich etwas vom Büfett holen.“

„Davon wird man aber nicht so betrunken.“

„Stimmt. Ich fand ihn eine Stunde später in der Küche. Er lehnte völlig betrunken am Kühlschrank, und die blöde Jennifer Scheele überprüfte die Festigkeit seiner Muskeln.“

„Ähh …“, stotterte Cedric. „Welche Muskeln?“

„Also bitte, Cedric“, entgegnete Chloé und musste über ihre eigene Wortwahl grinsen. „Sie befummelte seine Bauchmuskeln unter dem Hemd. Henri schien davon nichts mitzubekommen, so betrunken war er.“

„Ob ihm das leidtut?“

Chloé funkelte ihn an. „Sollten ihm die Berührungen dieser Jennifer Scheele gefallen haben, bekommt er von mir ein Andenken verpasst, das er niemals wieder vergisst.“

Cedric lachte. Er mochte die Freundin seines Bruders. Sie war ehrlich, direkt und offen.

„Hör auf zu lachen! Ich habe neunzig Kilogramm alkoholisierte Masse in deinem Auto liegen. Dein Bruder gehört ins Bett, oder möchtest du, dass er deinen Wagen vollkotzt?“

Cedric erschrak. Nein, der Mageninhalt seines Bruders im Auto war das Letzte, was er sich wünschte. Er öffnete die Tür und schüttelte Henri, in der Hoffnung, ihn wachzubekommen.

„Ist etwas passiert?“, fragte eine weibliche Stimme von der Haustür.

Cedric drehte sich um und strahlte das schlanke Mädchen an. „Mein Bruder ist betrunken.“

„Henri?“, rief Laura ungläubig.

„Ich wollte es zuerst auch nicht glauben, aber es scheint tatsächlich geschehen zu sein.“

„Hallo, Chloé“, rief Laura, noch immer erstaunt über Henris Zustand. Chloé ging zur Haustür und begrüßte sie herzlich. Laura war ihr vom ersten Moment an sympathisch gewesen.

„Magst du einen Tee?“, fragte Laura.

„Ja, gerne“, antwortete Chloé.

„Bring du deinen Bruder ins Bett, Cedy“, meinte Laura. „Wir warten in der Küche.“

„Okay.“

3

Nachdem sie Henri in sein Zimmer gebracht hatten, fuhr Cedric sie nach Hause. Die nächtlichen Straßen lagen still da, nur vereinzelt zogen Lichtkegel der Laternen über die Windschutzscheibe.

Chloé sagte kaum ein Wort. In ihr arbeitete zu viel. Zu Hause angekommen legte sie sich ins Bett, zog die Decke bis zum Kinn und schaltete den Fernseher ein. Die Bilder flimmerten über den Bildschirm, Stimmen kamen und gingen, doch es war ihr unmöglich, dem Programm zu folgen. Ihre Gedanken kehrten unruhig immer wieder zur Party zurück.

Was war nur mit Henri gewesen? So kannte sie ihn nicht. Er trank normalerweise keinen Alkohol. Hatte er Probleme? War etwas geschehen, das er ihr nicht erzählte? Voller Unruhe schlief sie schließlich ein.

In dieser Nacht hatte Chloé einen merkwürdigen Traum:

Sie zog sich gerade die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf. Der Stoff war schwer und feucht, als habe er bereits den Atem des Meeres in sich aufgesogen. Dann stieg sie in eine Kutsche, deren Räder über einen unebenen Weg rumpelten, und fuhr an die Küste eines unbekannten Meeres. Als sie an einer Brandungsmauer ausstieg, schlug ihr der heulende Wind das lange schwarze Haar ins Gesicht. Sie strich es sich aus der Stirn, stolperte über einen Felsbrocken, fing sich wieder und lief weiter.

Dieses fremde Meer war ein Hexenkessel aus schäumender Gischt, rollenden Brechern und gigantischen Wellen. Eine mächtige Woge brach sich an der Brandungsmauer und jagte eine zehn Meter hohe Salzwasserfontäne in die Luft. Der Wind pfiff und heulte wie ein völlig außer Kontrolle geratener Dampfkessel. Grelle Blitze zuckten über den Himmel, und jeder dieser bizarren Lichtstreifen erhellte für einen kurzen, grausamen Augenblick das menschenleere Ufer.

Als sie auf das offene Meer blickte, entdeckte sie in der Ferne ein Schiff, das verzweifelt gegen die mächtigen Wellen ankämpfte.

In diesem Augenblick umfassten sie von hinten kräftige Arme. Chloé wand sich aus der Umklammerung heraus, schlug heftig um sich, keuchte vor Wut und Angst. Dann fuhr sie herum und sah sich einem Mann gegenüber, dessen Gesicht mit der markanten Augen- und Kinnpartie ihr nur zu gut bekannt war.

„Lassen Sie mich los, John!“

„Es ist zu spät, Amanda. Das Schiff ist auf Grund gelaufen“, erklärte John Rivers mit dumpfer, unerbittlicher Stimme.

„Nein!“, schrie sie, drehte sich wieder zurück zum Meer. Das Schiff in der Ferne war nun deutlicher zu erkennen. Riesige Wellen überspülten es und brachen sich am Überbau. Der Bug war bereits unter Wasser verschwunden, und das Schiff neigte sich gefährlich nach Backbord.

Entsetzt beobachtete Chloé, wie einige Seeleute über Bord gefegt wurden, wie kleine dunkle Punkte im tosenden Chaos verschwanden.

„Nein!“, schrie sie erneut voller Panik, drehte sich um und rannte zu einem Lagerhaus.

Hinter sich hörte sie bestürzte Rufe: „Amanda! Wo willst du hin? Wir sind doch alle umgekommen. Komm zurück, Amanda!“

Hinter dem Lagerhaus fand Chloé ein Ruderboot. Ohne sich weiter um die warnenden Zurufe zu kümmern, schob sie es ins Wasser und ruderte hinaus auf das offene Meer. Die Ruder knarrten unter der Gewalt der Wellen, ihre Arme brannten, doch sie gab nicht auf.

Innerhalb weniger Minuten waren so viele Wellen über das Boot geschlagen, dass Chloé bis zu den Knöcheln im Wasser stand. Der Wind riss ihr die Kapuze vom Kopf, das Haar klebte ihr in nassen Strähnen an Stirn und Wangen.

Das Ruderboot wurde schließlich zurück an das Ufer geschleudert. Sie wurde rückwärts herausgeschleudert und landete hart auf dem Strand. Sand und Kies schnitten in ihre Haut. Hastig sprang sie wieder auf und stolperte in eine kleine, sturmgepeitschte Bucht. Sie lief über die Dünen, kämpfte sich mit zusammengebissenen Zähnen durch Regen und Wind. In der Ferne sah sie, wie das Segelschiff endgültig unterging. Das Heck hob sich in einem letzten, verzweifelten Aufbäumen, bevor das Schiff langsam und unwiderruflich zu sinken begann.

In diesem Augenblick entdeckte sie ihn. Er stand bis zur Taille im Wasser. Seine Seemannsjacke blähte sich im Wind, das rötlich braune Haar klebte ihm nass am Kopf.

„Simon“, rief sie voller Dankbarkeit.

Sie kämpfte sich durch das Wasser zu ihm vor und warf sich in seine ausgebreiteten Arme. Sein Körper fühlte sich kalt an. Eiskalt.

Sie weinte vor Erleichterung. „Du hast es geschafft! Ich hatte solche Angst um dich.“

Simon Peel lächelte und nahm ihr Kinn zwischen seine Finger, hob ihr Gesicht an. Chloé erzitterte. Seine Fingerspitzen auf ihrer Haut waren kalt wie Eis.

„Du bist mein, Amanda. Ich werde dich nie freigeben. Nie. Aber unsere Zeit ist abgelaufen. Willst du mich begleiten, Geliebte?“

Chloé schloss die Augen und barg schluchzend den Kopf an seiner Schulter. Der Stoff seiner Jacke fühlte sich glitschig an, als sei er mit Algen und Tang bedeckt.

„Ja“, flüsterte sie. „Ich werde dir überallhin folgen. Aber lass mich nie mehr allein, Simon.“

„Dann küss mich“, forderte er leise, aber eindringlich.

Chloé erschauerte unter dem Druck seiner Lippen. Sein Kuss war zugleich sanft und erregend. Sie spürte, wie ihr Innerstes auf diese einfühlsamen Liebkosungen reagierte, wie sie von einer Woge des Glücks erfasst wurde. Sehnsüchtig stöhnte sie auf.

In diesem Augenblick spürte sie, wie ihr ein dünnes Rinnsal Wasser in den Mund lief. Sie versuchte, ihre Lippen von Simon Peel zu lösen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Auch ihre Augen konnte sie nicht öffnen. Der raue Stoff der Seemannsjacke verwandelte sich plötzlich in schleimigen, fauligen Seetang.

Chloé wich angstvoll zurück, und dennoch spürte sie die eiskalten Lippen des Mannes weiter auf ihrem Mund. Aus dem Rinnsal wurde ein starker Schwall Wasser. Entsetzt riss Chloé die Augen auf. Kaltes Meerwasser lief ihr die Kehle hinunter und füllte in Windeseile ihre Lungen. Ihre Brust zog sich krampfhaft zusammen, sie versuchte verzweifelt, Luft zu bekommen. Aber vergebens, ringsum war nur Wasser. Kaltes, tödliches Wasser.

Wenige Zentimeter vor ihr trieb Simon. Sein Kopf hatte sich in einen Totenschädel verwandelt. Die Zähne grinsten sie höhnisch an.

Gemeinsam sanken ihre Körper immer tiefer und tiefer …

Chloé schreckte aus dem Schlaf und fuhr hoch. Das Meer war verschwunden, sie lag in ihrem Bett. Doch im selben Moment wurde ihr voller Panik bewusst, dass ihr Körper noch immer gegen das Wasser anzukämpfen schien. Ihre Lungen fühlten sich an, als wollten sie ihren Brustkorb sprengen. Nach wie vor spürte sie den Druck der kalten Lippen auf ihrem Mund und rang verzweifelt nach Luft.

Sie wehrte sich gegen das unerbittliche, unsichtbare Etwas, das ihr den Atem raubte. Doch so sehr sie auch um sich schlug, sie konnte nichts dagegen ausrichten. Schließlich wurden ihre Glieder matt, und sie konnte sich nicht mehr bewegen.

Ihre Lungen schienen dem Bersten nahe. Dann spürte sie nur noch den Druck der kalten Lippen auf ihrem Mund und das Wasser, das nun jeden Teil ihres Körpers umschloss und sie zu töten drohte.

Sie war am Ertrinken. Und das im eigenen Bett.

„Chloé!“

Plötzlich ging das Licht im Zimmer an, und Chloé war mit einem Schlag von dem eisigen, tödlichen Kuss befreit. Röchelnd und würgend rollte sie sich auf die Seite.

„Was ist mit dir, Kleines?“, fragte Chloés Mutter angsterfüllt und setzte sich auf die Bettkante. „Ich habe Henri am Telefon. Er meinte, du gehst nicht an dein Handy.“

Chloé konnte nicht antworten. Keuchend sog sie die Luft in sich auf, süßer, kostbarer Sauerstoff. Ihre Mutter nahm sie in die Arme, und Chloé begann vor Erleichterung zu schluchzen.

Dann fiel ihr Blick auf den Fleck neben ihrem Bett. Sie erstarrte in fassungslosem Entsetzen. Auf dem teuren Ebenholzparkett glänzte eine Wasserlache, durchzogen von dünnen Fäden Seegras.

Ihre Mutter reichte ihr das Telefon, zwinkerte ihr kurz zu und verließ das Zimmer. Chloé nahm den Hörer. „Ja?“, fragte sie zaghaft.

„Du klingst so merkwürdig. Was hast du?“, wollte Henri wissen.

Chloé verzog den Mund, was Henri natürlich nicht sehen konnte. Wie sollte sie ihm diesen Alptraum erklären? Er würde sie für verrückt halten. Noch immer hatte sie seine mitleidvollen Augen vor sich, nachdem sie ihm von den unheimlichen Ereignissen in der Geisterbahn erzählt hatte.

„Nichts habe ich“, erwiderte sie schnell.

„Muss ich mich für etwas entschuldigen? Mir fehlen in meiner Erinnerung an die gestrige Nacht ein paar Stunden. Cedric erzählte mir, dass du mich nach Hause gefahren hast.“

„Ja.“

„Habe ich sein Auto verschmutzt?“

„Nein.“

„Habe ich sonst etwas angestellt, dessen ich mich schämen sollte?“

„Kannst du dich nicht mehr erinnern?“

„Ich habe starke Kopfschmerzen, Liebes“, antwortete Henri und rieb sich die Schläfen.

„Was sagt dir der Name Jennifer Scheele?“

„Ich glaube, sie war auch auf der Party, oder?“

„Ja.“

„Was ist mit ihr?“

„Du hast mit ihr getanzt“, erklärte Chloé.

„Aha.“

„Und sie hat dir eine Menge Wodka eingeflößt.“

„Aha.“

„Dann hat sie dich in der Küche befummelt. Ich vermute, ihr habt geknutscht.“

„Oh je.“

„Du erinnerst dich wieder?“

„Nö.“

„Du warst ziemlich blau, Henri.“

„Ich habe das ganze Bad vollgekotzt. Cedric hat sich totgelacht, der Arsch.“

„Schimpf nicht über deinen Bruder. Er hat dich ins Bett gebracht. Du warst mir zu schwer.“

„Ich weiß. Dafür habe ich mich bereits bedankt. Aber jetzt ärgert er mich ständig. Er hat eine Flasche Wodka an mein Bett gestellt und gefragt, ob ich durstig wäre.“

Jetzt musste Chloé lachen. Sie konnte Henri einfach nicht böse sein, so sehr sie es sich auch vorgenommen hatte.

„Jetzt lachst du auch noch.“

„Das sollte dir eine Lehre sein.“

„Ich trinke nie wieder Alkohol in meinem Leben.“

„Ja, dieser Satz ist einer der meistgesagten der Männerwelt.“

„Ich lade dich auf eine Pizza bei Michele ein, okay?“

„Du glaubst, ich bin käuflich und vergebe dir dann?“

„Nein, aber ich habe Hunger.“

Chloé lachte erneut. „Okay. Du zahlst, und ich vergesse dein gestriges Verhalten.“

„Du bist doch käuflich.“

„Nein, nur hungrig.“

Jetzt konnte sich auch Henri nicht mehr zurückhalten und musste lachen.

„Wann könntest du dort sein?“

„In einer halben Stunde.“

„Okay. Bis gleich.“

Chloé beendete die Verbindung, legte ihr Handy zur Seite und betrachtete sich nachdenklich im Spiegel. War es richtig, Henri so schnell zu vergeben? Konnte man Fehlverhalten aufgrund von Alkohol mildern? Er war eindeutig nicht zurechnungsfähig gewesen, und doch blieb ein flaues Gefühl in ihrem Magen. Es hatte ihr nicht gefallen, dass ein anderes Mädchen ihren Henri befummelte.

Als sie die Pizzeria Michele betrat, war Henri bereits da. Er saß an einem kleinen Tisch nahe dem Fenster, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt, und sah ihr erwartungsvoll entgegen, als hätte er jede Minute gezählt.

„Schön, dass du da bist“, sagte er erleichtert. „Ich hatte schon Angst, du würdest mich ein paar Tage lang mit deiner Abwesenheit bestrafen.“

„Das habe ich mir ernsthaft überlegt“, antwortete sie ruhig und blickte in seine unruhig flackernden Augen. Spätestens in diesem Moment wusste sie, dass sie ihm nicht mehr böse sein konnte. Sie beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn zärtlich auf den Mund, langsam und bewusst.

„Wie geht es meiner Rauschkugel?“, fragte sie leicht ironisch und wuschelte ihm durch die Haare.

„Nach der zweiten Tablette werden die Kopfschmerzen besser“, erwiderte Henri ehrlich. „Jetzt habe ich Hunger. Mein Bruder meinte, das sei ein gutes Zeichen.“

Er rückte mit seinem Stuhl ein wenig näher an sie heran und legte ganz selbstverständlich seine Hand auf ihren Oberschenkel. Chloé ertappte sich dabei, dass sie ihn immer wieder musterte. Jede Kleinigkeit, jede Regung seines Gesichts, jeden Blick prägte sie sich ein, als wäre es das letzte Mal, dass sie ihn so sah. Seine Nähe fühlte sich einfach richtig an. Es war unbeschreiblich schön, neben ihm zu sitzen, seine Stimme zu hören, seinen Atem zu spüren.

Kurz darauf kam der Kellner, und sie bestellten eine Pizza aus dem Holzofen. Während sie auf das Essen warteten, ertappte sich Chloé bei dem Gedanken, wie es sich anfühlen würde, mit Henri zu schlafen. Hastig nahm sie einen Schluck Wasser. Woher kamen diese Gedanken plötzlich? Als wenig später die Pizza kam, verschwanden sie nicht. Im Gegenteil. Ein leises Kribbeln breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, warm und intensiv, besonders tief in ihrem Unterleib.

Nachdem sie aufgegessen hatten, sah sie Henri nachdenklich an.