Flucht in die Unterwelt - Andreas Parsberg - E-Book

Flucht in die Unterwelt E-Book

Andreas Parsberg

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Beschreibung

Karim weiß, dass Flucht kein Entkommen ist. Und dass es Wege gibt, die man nur einmal betritt, und nie unverändert verlässt. Als der Krieg seine Heimatstadt verschlingt, verteidigt der siebzehnjährige Karim nicht nur Mauern, sondern das Wenige, das ihm geblieben ist: seine Familie, seine Liebe zu Faizah, und die Hoffnung, dass jenseits der Zerstörung noch so etwas wie Zukunft existiert. Doch als die Stadt fällt, bleibt nur die Flucht, und ein Pakt, dessen Preis höher ist, als Karim begreift. Gemeinsam mit seiner Schwester Selma und dem schwarzen Hund Labolas wird Karim in eine Welt gezwungen, die unter der unseren liegt. Eine Unterwelt aus Schatten, uralten Mächten und vergessenen Gesetzen, in der Dämonen nicht nur Feinde sind und Hilfe stets an Bedingungen geknüpft ist. Zwischen zerstörten Städten, Fluchtlagern und den ersten Stufen der Unterwelt erkennt Karim, dass dieser Weg kein Zufall ist. Er ist Teil eines Gleichgewichts, das aus den Fugen geraten ist, und das Opfer verlangt. Mut. Loyalität. Entscheidungen, die nicht rückgängig zu machen sind. Denn nicht jede Dunkelheit ist böse. Und nicht jedes Licht rettet. Flucht in die Unterwelt eröffnet eine spannende, mythische Fantasy-Saga über Krieg, Liebe, Opfer und die Frage, wie weit ein Mensch gehen darf, um das Richtige zu tun.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Andreas Parsberg

Flucht in die Unterwelt

Der Pfad des Gleichgewichts (Band 1)

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

Impressum neobooks

1

Die Sonne über Syrien meinte es gut und lag mit gleißender Wärme auf Staub, Stein und zerschossenen Kanten, als wolle sie alles für einen Moment so aussehen lassen, als sei es nie anders gewesen.

Nur ab und zu ratterte irgendwo ein Maschinengewehr, dieses trockene, ungeduldige Geräusch, das in der Luft hängen blieb, als würde es sich an ihr festkrallen. Hin und wieder erfolgte ein Einschlag, dumpf, hart, gefolgt von einem kurzen Zittern im Bauch, das man längst kannte und trotzdem nie mochte. Etwas undeutlich hörte man schweres Motorenbrummen, mal näher, mal weiter weg, als arbeite sich ein Ungetüm durch Geröll und Staub. Es könnte ein Panzer sein, der wie eine dicke Walze im Vorfeld herumkroch und sich Zeit ließ, weil Stahl keine Eile kennt. Es könnten aber auch feindliche Lastkraftwagen sein, die Nachschub heranbrachten, beladen mit Kisten, Munition und all dem, was Krieg noch länger macht. Wer wusste das schon, wenn die Tage ineinanderflossen und jedes Geräusch sein eigenes Echo bekam? Und wer kümmerte sich nach den vielen Jahren Bürgerkrieg noch darum, ob es heute ein Panzer oder ein Laster war, wenn beides dieselbe Drohung blieb?

Hinter der Stadtmauer von Hesen Dera herrschte eine angespannte Atmosphäre, so dicht, dass sie sich wie feiner Staub auf die Haut legte und in den Hals kroch. Einst war es eine stolze Stadt gewesen, in der Nähe des Maydanki Lake, direkt an der Handelsroute zur Türkei gelegen, ein Ort mit Durchgangsverkehr, Märkten, Stimmen und Streit um Preise statt um Leben.

Die gutbefestigte Ansiedlung, siebzig Kilometer nördlich von Aleppo, konnte bisher noch nicht von der feindlichen Armee eingenommen werden, und das war kein Wunder, sondern der sture Vorteil der Geografie, der manchmal mehr wert ist als Mut. Dies lag an ihrer vorteilhaften Lage, weil die westliche und südliche Rückseite auf natürliche Weise von einer mächtigen Felswand eingebettet wurde, als hätte der Stein selbst beschlossen, hier Schutz zu geben. Um die offene nördliche und östliche Seite zu schützen, wurde eine zehn Meter hohe und fünf Meter dicke Stadtmauer errichtet, ein wuchtiger Riegel aus Stein, der dem Feind schon von weitem sagte, dass er hier nicht einfach hineinspazieren würde.

Die Schießscharten in den Wehrgängen waren mit PK-Maschinengewehren im Kaliber 7,62 × 54 mm bestückt, sauber in Position, als wären sie Teil der Mauer geworden. Die Männer der Verteidiger verfügten zusätzlich über Kalaschnikows, sowjetisch-russische Sturm- und Maschinengewehre, die hier beinahe so selbstverständlich waren wie Trinkwasser, sowie RPG-7-Panzerbüchsen. Dieser mobile Granatwerfer kam gegen angreifende Panzer oder Helikopter zum Einsatz, sobald Ketten zu nah oder Rotoren zu tief wurden.

Im Inneren der Stadt befand sich ein leichtes Artillerieraketensystem, kurz LARS, und schon der Name klang in den Ohren der Verteidiger wie ein Versprechen, das man nicht zu oft aussprechen durfte. Es bestand aus zwei Rohrpaketen mit je 18 gezogenen Rohren des Kalibers 110 mm, ordentlich ausgerichtet, bereit, in wenigen Atemzügen die Hölle aufzuschrauben. Montiert war diese Waffenanlage auf einem dreiachsigen LKW-Fahrgestell und konnte somit schnell an benötigte Positionen verlegt werden, wenn irgendwo ein Abschnitt flackerte und man nicht warten konnte. Die Geschossflugbahn der Raketen war durch eine schwache Treibladung so verkürzt, dass Ziele kurz hinter der Stadtmauer getroffen werden konnten, genau dort, wo Angreifer sich gern sicher wähnten.

Im Haus der Reserve saß die kleine Einheit von Karim Al Sayed, zusammengedrängt zwischen staubigen Wänden, Waffenölgeruch und dem schwachen Geschmack von Sand in jedem Atemzug. Faule Witze wurden gemacht und manche unschuldige Laus musste ihr Leben lassen, weil jemand irgendwo einen Kragen kratzte und ein anderer meinte, er müsse beweisen, dass er noch lachen konnte.

Da stürmte ein Soldat herein, außer Atem, mit Blicken, die zu groß wirkten, als hätten sie gerade etwas gesehen, das nicht in einen Raum passte. Dass es vorher verdächtig nahe einige heftige Einschläge gegeben hatte, war von der Reservegruppe kaum registriert worden, weil man gelernt hatte, Geräusche zu sortieren und das Schlimme erst zuzulassen, wenn es einen Namen bekam.

„Schnell, alles fertigmachen! Ihr müsst auf die Stadtmauer, rechte Position neben dem Osttor!“

Sie kamen kaum zum Fragen, weil der Soldat hastig berichtete, dass der Volltreffer einer Panzergranate in die Unterkunft der Hauptwache gegangen sei, und seine Worte stolperten, als wolle die Zunge sich weigern, das auszusprechen. Das Geschoss hatte glatt zwei Wände durchschlagen und war im rückwärtigen Zimmer detoniert, wo sich der Großteil der Wachsoldaten gerade aufhielt, dort, wo man in diesen Zeiten oft zusammensaß, um sich gegenseitig zu versichern, dass man noch da war. Es gab keine Überlebenden mehr, außer den Posten, die gerade auf dem Wehrgang patrouillierten, und selbst das klang wie ein Zufall, der nicht verdient war.

Der Soldat, der diese schreckliche Nachricht überbracht hatte, war noch immer kreidebleich, als trüge er den Staub der Explosion im Gesicht. Er war erst kurz vorher bei der Wachmannschaft gewesen und hatte kaum das Haus verlassen, als es krachte, als hätte ihn etwas im letzten Moment an der Schulter gepackt und hinausgeschoben.

Die Reservereinheit von Karim Al Sayed packte ihre Habseligkeiten und machte sich auf, den Wachdienst am Osttor zu übernehmen, schnell, routiniert, ohne große Worte, weil jeder wusste, wie wenig Zeit zwischen Nachricht und nächstem Einschlag lag. Ein ungutes Gefühl beschlich jeden Einzelnen, dieses leise Kribbeln im Nacken, das nicht von Kälte kam. Wer sagte, dass der feindliche Panzer nicht noch öfter aus sicherer Entfernung das Osttor der Stadt beschießen würde, als wäre es nur ein Ziel auf einer Übungskarte?

Sie beeilten sich, den Wehrgang der Stadtmauer zu besetzen, während die Schritte auf den Stufen hohl klangen und der Staub in kleinen Wolken aufflog. Als das Ishaa-Gebet beendet war, machte Karim einen Rundgang durch den Wehrgang, ließ den Blick über Gesichter, Sicherungen und Hände gleiten, und gelegentlich blickte er über die Mauer, versuchte, die Stellungen der Feinde auszumachen, bis er neben Safi Hemedi, seinem besten Freund, stehen blieb.

Auf einmal stieß Safi seinen Kameraden unsanft an, der nervös mit den Füßen trappelte und scharrte, als könnte er die Spannung aus dem Körper schütteln.

„Psst ... horch! Hörst du nichts?“

Sie lauschten beide mit angehaltenem Atem, und das Schweigen fühlte sich an wie eine gespannte Schnur. Jetzt, ganz deutlich, war es zu hören: ein Schleichen, Rascheln und auch ein metallisches Klappern vor der Stadtmauer, ein Geräusch, das nicht hierhergehörte und gerade deshalb sofort Bedeutung bekam.

Jäh fuhr Safis Hand zur Leuchtpistole, die in einer Nische des Wehrgangs lag, und in diesem Griff lag die ganze Routine von Menschen, die zu oft Alarm gehabt hatten. Zischend jagte die Leuchtkugel in den nächtlichen Himmel, tauchte die Umgebung in grellweißes Licht und riss die Schatten auseinander, als wären sie plötzlich schuldig.

Vor der Stadtmauer sprangen erdbraune Gestalten auf, hastig, gedrungen, zu nah. Waren es zehn, zwanzig, dreißig oder mehr? Die beiden konnten sie nicht zählen, weil es alles sekundenschnell ging und weil das Auge im grellen Licht nur Fragmente bekam. Es ging alles sekundenschnell, ein Aufblitzen, ein Aufspringen, ein kurzes Chaos aus Bewegung und Staub. Die Leuchtkugel sank bereits wieder zitternd herab und ließ den Rand der Dunkelheit wieder wachsen.

Safi schoss eine zweite hinterher, und mit dem nächsten Zischen kam das Licht zurück, als würde man eine Tür kurz aufreißen. Karim kauerte, bereit zum Kampf, hinter einer Schießscharte, entsicherte das dort positionierte PK-Maschinengewehr und ratterte los, sodass der Rückstoß durch den Körper lief und das Metall heiß wurde. Schlagartig wurde es lebendig, nicht nur das MG, sondern der ganze Wehrgang, weil jeder begriff, was es bedeutete. Die gesamte Wachmannschaft kam auf den Wehrgang gestürmt, irgendwo klirrte ein Magazin, Stimmen riefen durcheinander. Auch links und rechts setzte ein wilder Feuerzauber ein, und die Schüsse fügten sich zu einem einzigen, harten Teppich aus Lärm. Unmittelbar darauf begann die eigene Artillerie zu feuern, tief, schwer, und der Boden schien kurz zu antworten.

Keuchend kam Ademar Al Sayed, der Vater von Karim, auf den Wehrgang gerannt, und sein Blick ging nicht suchend, sondern prüfend über die Männer, als müsse er binnen Sekunden entscheiden, wo er gebraucht wurde.

„Verdammt, was ist denn los?“

„Die Feinde schlichen an die Mauer, Vater“, erklärte Karim, und obwohl er laut sprechen musste, klang es kontrolliert. „Ich vermute, sie wollten eine Sprengladung anbringen.“

Langsam ebbte der Lärm wieder ab, erst vereinzelt, dann als Ganzes, als würde jemand einen Hahn zudrehen. So rasch der feindliche Stoßtrupp aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden, zurück in die Dunkelheit, die ihn wie ein Mantel verschluckte. In die eingetretene Stille hinein bellte von fern ein Hund, kurz, scharf, als wäre selbst ein Tier von dieser Ruhe misstrauisch.

In den nächsten Stunden blieb es ruhig, abgesehen von einzelnen kleineren Feuerüberfällen, die eher wie Stiche wirkten, damit niemand vergaß, wo er stand.

Zögernd, als hätte er Angst, kroch der neue Morgen herauf, und ein fahles Rot erschien im Osten, blass und verwaschen. Die Soldaten hinter der Stadtmauer sahen es kaum, weil Dunst, Rauch und Qualm vor und hinter ihnen lag und der Tag nicht klar werden durfte. Rundum blitzte es grellrot auf, als hätten die Wolken Brandwunden.

Nach dem Morgengebet brach der neue Sturm los, und diesmal war es kein kurzer Anfall, sondern ein Entladen, das mit voller Absicht kam.

Er entlud sich mit voller Heftigkeit und Wucht, denn die feindlichen Soldaten hatten Verstärkungen nachgezogen und genug Munition herangekarrt, und nun schossen sie aus allen Rohren, als hätten sie die Nacht nur dafür genutzt, den Mut aufzustapeln. Leuchtkugel um Leuchtkugel stieg im dämmernden Grau des Morgens gegen den Himmel, und jedes Aufblitzen legte das Vorfeld für einen Augenblick frei, ohne es zu erklären.

Schnaufend standen Safi Hemedi und Karim Al Sayed im Wehrgang der Stadtmauer und blickten auf das Vorfeld, und ihre Kehlen waren trocken, weil jeder Atem nach Rauch schmeckte.

„Verdammt, die haben heute allerhand vor. Sie sind schon dicht heran“, keuchte Safi aufgeregt. „In ganzen Scharen kommen sie daher.“

„Wir werden sie erneut abwehren“, erwiderte Karim voller Selbstbewusstsein, und er meinte es so, wie man etwas meinen muss, wenn es keine Alternative gibt. Seine Worte gingen in den immer stärker werdenden Einschlägen des feindlichen Vorbereitungsfeuers unter, weil der Lärm alles übertönte, was nach Hoffnung klang.

Grüne, violette und rote Farbzeichen platzten am Himmel, wie Signale, die nur Eingeweihte verstehen sollten. Es donnerte, wummerte, krachte und dröhnte, und man hatte das Gefühl, die Luft sei zu schwer geworden, um sie einzuatmen.

Und sie kamen, früher als gedacht, als hätten sie nicht warten wollen, bis sich Angst setzen konnte.

Mit einem Schlag hörte das feindliche Feuer auf, und diese plötzliche Stille war nur die andere Seite derselben Gewalt. Laut und lauter tönte das Geschrei der anstürmenden feindlichen Soldaten, ein wilder Chor, der sich über den Boden schob. Die ersten Minen krepierten, hart, kurz, mit Erde, die hochspritzte. Granatwerfer ploppten ins Vorfeld, und das Geräusch war so stumpf, dass es einen Moment brauchte, bis man verstand, was gleich folgen würde.

Ein plötzliches Krachen und Bersten erklang, als ob Metall auf Stein beißen würde. Der erste Panzer war auf eine Mine gefahren, und sie hatte ihm die linke Kette wegerissen, sodass er hilflos fortwährend im Kreis herumdrehte, schwer, widerspenstig, wie ein Tier, das sein Bein verloren hatte. Eine RPG-7-Panzerbüchse nahm sich den Stahlkoloss aufs Korn, und schon die Haltung des Schützen verriet, dass es kein Zögern gab. Die Besatzung hatte es eilig, den stählernen Sarg zu verlassen, einer um den anderen sprang herab, lief einige Meter und warf sich nieder, als könnten ein paar Schritte Abstand etwas ausgleichen. Der Panzer stand still, als hätte er kurz überlegt, ob er noch leben wollte. Aber nur für ein paar Sekunden, und dann gab es einen lauten Knall, Volltreffer, hart und endgültig. Ölig-fetter Rauch stieg auf, schwer, klebrig, und legte sich wie ein dunkler Atem über das Vorfeld.

Rechts war ein T-55-Panzer verdächtig nahegekommen und nahm sich die Stadtmauer vor, und sein Lauf schwenkte wie ein Blick, der sich ein Ziel sucht.

Karim ergriff eine Panzerbüchse und feuerte, und in dieser Bewegung lag keine Überlegung, sondern Erfahrung, weil er zu den zielsichersten Schützen der Stadt gehörte. Der Panzer hatte keine Chance, auch er wurde abgeschossen, und es erwischte ihn direkt in der Flanke, dort, wo selbst Stahl nicht mehr so stolz ist.

Karim warf die Panzerbüchse auf den Wehrgang und ergriff sich eine Kalaschnikow, riss sie an die Schulter, als wäre sie Teil seines Körpers. Wieder schoss er wie verrückt vom Wehrgang herunter auf das Vorfeld, weil unten ein Trupp feindlicher Soldaten sich kriechend nahe an die Stadtmauer angeschlichen hatte, und jetzt musste es schnell gehen. Peitschend strichen die MG-Garben über sie hinweg, rissen hinter ihnen die Erde auf, wanderten unerbittlich näher, fassten nach den Menschenleibern in den verdreckten Uniformen, als hätte das Feuer Hände. Nach Sekunden lagen sie still und stumm, nicht mehr kriechend, nicht mehr schreiend, nur noch da.

Niemand dachte etwas und niemand nahm sich die Zeit, etwas zu denken, weil Denken ein Luxus war, den man sich in solchen Minuten nicht leisten konnte. Etwas links fuhren jetzt die Feinde mit einem kleinen Geschütz im freien Gelände auf, und es wirkte erschreckend routiniert, als hätten sie es geübt, bis es ohne Worte funktionierte.

Karim sah es aus den Augenwinkeln heraus, und dieser kurze Blick genügte, um alles zu erfassen. Eigentlich war es bewundernswert, wie schnell bei den Feinden alles ging, wie glatt die Handgriffe ineinandergriffen. Auffahren, wenden und das Geschütz in Stellung bringen war eins, als gehörte es zu einem einzigen Bewegungsablauf.

Aber ebenso schnell war Karim, und er ließ dem Gegner nicht den Moment, in dem aus Vorbereitung Wirkung wird.

Er setzte erneut die Panzerbüchse ein, die ersten Feuerstöße jagten aus dem Lauf, und man hörte sofort, wie die Luft anders klang, wenn schwere Projektile durch sie schnitten. Drüben gab es ein Durcheinander, noch ehe das Geschütz eine Granate aus dem Rohr gebracht hatte, weil Männer taumelten und auseinandergerissen wurden. Der erste Schuss saß bereits, zerfetzte die Stellung und tötete mit einer Aktion fünf feindliche Soldaten, und niemand hatte Zeit, das zu zählen, weil es gleich weiterging.

Von Minute zu Minute tobte der Kampf heftiger, als würde jemand immer neue Hände in dieses Feuer werfen. Immer neue Angriffswellen stürmten heran, und jede Welle sah aus wie die vorige, nur dass die Gesichter dahinter aus wechselndem Staub bestanden.

Die Männer hinter der Stadtmauer kämpften verbissen, und nein, das war keine Tapferkeit, das war kein Heldenmut, das war reiner Selbsterhaltungstrieb, weil von hier kein Entrinnen gab. Von hier gab es kein Entrinnen, sie konnten nicht weg, dass wussten alle, und genau dieses Wissen machte jeden Griff härter. Sie mussten die Stadt verteidigen, würden sonst ihr eigenes Leben verlieren, und die Frauen und Zivilisten gerieten in die Sklaverei, und wenn man das einmal klar vor Augen hatte, dann blieb nur noch: Also hieß es aushalten.

Rechts schrie einer jammernd um Hilfe, und in seiner Stimme lag mehr Kind als Soldat. Kam denn kein Sanitäter, oder kam er zu spät, oder war er längst woanders gebunden? Aber wer wusste, was die alles zu tun hatten, wenn überall Blut floss und überall jemand schrie. Und die Soldaten, die im Gefecht lagen, hatten keine Zeit, nicht für Fragen, nicht für Trost, nicht für den Blick, der einem sagt, dass man noch ein Mensch ist.

Was war das nur plötzlich für ein Krachen, das sich von allem anderen unterschied, tiefer, massiver, als würde irgendwo etwas Schweres seine Stimme erheben?

Karims Lippen waren trocken, seine Augen tränten vom Pulverschleim, und er sah fragend zu Safi, weil er spürte, dass dieses Geräusch nicht zufällig war.

„Unsere Artillerie! Sie haben das LARS-System auf den Angriff ausgerichtet“, meinte Safi, und in seiner Stimme lag zum ersten Mal seit Stunden so etwas wie Erleichterung.

„Es wird höchste Zeit. Wir haben fast keine Munition mehr!“

Karims Feuerstöße wurden kürzer, abgehackter, konzentrierter, nicht aus Schwäche, sondern aus Notwendigkeit. Sie mussten mit der Munition sparen, weil jede Patrone plötzlich, wie ein letzter Rest wirkte.

Endlich gaben die angreifenden, feindlichen Soldaten auf, und man sah es erst an einzelnen, dann an Gruppen, die rückwärts stolperten und dann losrannten. Da und dort rannte schon einer zurück, von den Geschossen der Gewehrschüsse verfolgt, und aus einzelnen wurden ganze Gruppen und dicke Rudel, die davonhasteten, als könnte ihnen die Entfernung das Leben zurückgeben.

Kurz darauf waren die Sanitäter mit den Verwundeten beschäftigt, und ihre Bewegungen waren schnell, aber nicht hektisch, weil Hektik niemandem half. Sie trugen die Gefallenen zusammen, und der Anblick von Körpern, die plötzlich still waren, blieb jedes Mal im Hals stecken, auch wenn man ihn schon kannte. Aus Karims Wacheinheit hatte ein junger Soldat einen Schulterdurchschuss, und er hielt sich still, stöhnte nur ab und zu tief auf, als wolle er den Schmerz nicht verschenken. Er musste ziemliche Schmerzen haben, aber er hatte gelernt, dass man hier nicht laut sein durfte.

Karim ließ ihnen nicht viel Zeit zum Ausschnaufen, weil die Pause im Krieg oft nur die Einleitung zum Nächsten ist. Er ließ die Schäden an der Stadtmauer ausbessern, die Waffen reinigen und die Verwundeten wegbringen, und die Männer gehorchten, weil Ordnung der einzige Halt war, den man noch greifen konnte. Die jüngsten Soldaten rannten los, um Munition zu holen, und ihre Beine wirkten für einen Moment wie der einzige Teil dieser Stadt, der noch leicht war.

Karim zog den pulververschmierten Lauf seiner Kalaschnikow durch, sorgfältig, mit der mechanischen Geduld, die man entwickelt, wenn das Leben an einem Schloss und einem Federstift hängen kann. Dann machte er sich mit einem Lappen über das Schloss her, rieb, wischte, bis es wieder sauber lief. Als Nächstes suchte er mit einem Fernglas das Vorfeld ab, doch ein paar Geschosse von Scharfschützen zischten haarscharf vorbei, und er hatte blitzschnell den Kopf eingezogen, als hätte ihn jemand unsichtbar am Kragen gepackt.

„Da hockt doch noch irgendwo einer“, sagte er, und seine Stimme war rau.

„Du kannst froh sein, dass er ein schlechter Schütze ist. Sonst hättest du jetzt ein Loch im Kopf“, meinte Safi und baute die zerlegte, nun wieder frisch gereinigte Kalaschnikow zusammen, als wäre es eine Art Gebet, immer dieselben Handgriffe, damit die Hände nicht anfangen zu zittern.

„Es wird einen Grund haben, warum die Scharfschützen noch in den Stellungen liegen. Warum haben sie sich nicht auch zurückgezogen?“

„Sie werden ihre Befehle haben.“

„Aber warum? Etwas stimmt hier nicht.“

Karim steckte eine violette Patrone in die Leuchtpistole und reichte sie an Safi, und in dieser Geste lag ein stummes Einverständnis, dass man auf alles gefasst sein musste.

„Für alle Fälle!“

Dann nahm Karim erneut das Fernglas und suchte das Gelände ab, doch die Beobachtungsmöglichkeit war von dieser Position aus nicht gerade günstig, weil die Sicht nur dreihundert Meter weit bis zu einer abfallenden Mulde reichte, und dahinter begann das Unbekannte. Von dorther drang das Brummen, Quietschen und Klirren, das immer aufdringlicher und drohender wurde, und es klang nicht nach Menschen, sondern nach Maschinen, die sich sammeln.

Und da waren sie auch schon, als wären sie die Antwort auf dieses Geräusch.

Die ersten Stahlkolosse tauchten auf, wälzten sich breit und wuchtig heran, und es wurden mehr und mehr, zum Fürchten viel, wie eine Front aus Metall, die den Boden für sich beanspruchte. Acht, zehn, zwölf konnten sie schon zählen, und noch immer rasselte und rumorte es in der Mulde, als stehe dort unten ein ganzes Lager bereit.

„Woher haben die Eselshüter nur die vielen Panzer?“, fragte Safi, und seine Stimme war heiser, weil man über solche Fragen nicht lachen konnte, aber manchmal musste man sie trotzdem stellen.

„Es sind alles T-55 Standardpanzer der Sowjetarmee. Die Feinde haben wohl einen größeren Vorrat erworben, und die Russen waren sicher froh, den Schrott loszuwerden.“

Immer näher kamen die Panzer, eine breitgedehnte, mächtige, anrollende Stahlfront, und noch hatte keiner das Feuer auf die Stadt eröffnet, als wollten sie sich erst richtig positionieren. Aber schon ihr vorwärtswalzender Anblick konnte einem das Blut in den Adern gerinnen lassen, weil man ahnte, wie schnell aus Anblick Einschlag wird.

Zweihundert Meter ... einhundertfünfzig Meter ...

Es schien, als wären alle Verteidiger im Wehrgang der Stadtmauer erstarrt, als hätte jemand ihnen für einen Augenblick die Gelenke festgezogen, weil jeder begriff, dass jetzt etwas kommen musste, das nicht mehr mit Mut zu lösen war.

„Verdammt! Unsere Artillerie schafft das nicht allein. Schick die Jungs los, wir brauchen mehr Panzerbüchsen auf dem Wehrgang!“

Safi rannte die Treppe herunter und gab entsprechende Befehle, und man hörte seine Stimme kurz unten in den Gängen, scharf, drängend. Kurz darauf stand er wieder neben Karim, und wie gebannt sahen sie auf die Panzer, die unbeirrt näherwalzten, während drei, vier, fünf jetzt langsam und ruckweise ihre Rohre in Schussposition schwenkten, als würden sie sich Zeit lassen, weil sie glaubten, sie hätten sie.

In diesem Moment setzte die Artillerie der Verteidiger ein, und die Hölle war los, nicht als Bild, sondern als Gefühl, das den Körper erfasst. Es donnerte, brauste, orgelte und schlug mit Dröhnen und Bersten ein, als würden Fels und Himmel gegeneinander kämpfen. Gleich darauf kamen die Granaten, und das Sperrfeuer brach mit aller Wucht auf die anrollenden Panzer nieder, die für Sekunden verschwunden waren, eingehüllt in wogende Schwaden von Staub und Pulverdampf, sodass man nur noch Umrisse sah und darauf warten musste, was übrigblieb.

Am liebsten hätte sich Karim sofort an dem Abwehrkampf beteiligt, weil er einer der besten Schützen mit einer RPG-7-Panzerbüchse war und weil Untätigkeit in solchen Sekunden beinahe körperlich weh tat. Aber zuerst musste die Artillerie ihr tödliches Werk ausführen, und das bedeutete warten, Zähne zusammenbeißen, den Atem kontrollieren. Die Männer auf dem Wehrgang würden die zweite Welle bilden, wenn der Staub sich teilte und die Silhouetten wieder sichtbar wurden.

Zwischenzeitlich kamen vier Jungs, nicht älter als zwölf Jahre, mit Panzerbüchsen auf den Wehrgang geklettert, viel zu klein für das Gewicht, das sie trugen. Karim und Safi nahmen den Burschen die Waffen ab und legten diese in Position, schnell, sachlich, als müsse man das Bild von Kindern mit Waffen so kurz wie möglich halten.

Hatten sie jemals schon einen ähnlichen Feuerzauber erlebt, dieses pausenlose Aufblitzen und Dröhnen, das die Zeit zu verschlucken schien? Aber niemand hatte Zeit, darüber nachzudenken, weil jede Erinnerung nur stören würde. Sie erwarteten die feindliche Infanterie, und in ihnen nagte die Frage, ob sie aus dem Staub springen würde. Wo waren sie nur, die erdbraunen Soldaten der Feinde, die zusammen mit den Panzern angriffen, wo blieb die Welle aus Körpern, die an die Mauer drängen würde? Sie abzuwehren, von den Panzern zu trennen, das war die Aufgabe der Männer auf dem Wehrgang, und sie hielten sich daran fest, weil Aufgaben Sicherheit vorgaukeln.

Aber die Feinde kamen diesmal nicht, und genau das machte es unheimlicher, weil es nach Plan roch. Scheinbar war es ein reiner Panzervorstoß, und Stahl schien heute das Wort führen zu wollen.

Da, ein Volltreffer, und gleich noch einer, und für einen Herzschlag wirkte es, als könne man den Ansturm tatsächlich brechen.

„Allah ist bei uns!“, jubelte Safi.

Seine Freude war gleich wieder gedämpft, als etwa fünf Meter vor der Stadtmauer eine Panzergranate in die Erde hieb, so hart, dass die Ohren brummten und der Wehrgang vibrierte.

Nun wurde es ernst.

Die eigene Artillerie hatte die Rohre heißgeschossen und brauchte eine Pause, und obwohl man ihnen Treffer verpasst hatte, dachten die Panzer nicht daran, zurückzurollen, denn selbst wenn sie nicht weiter angriffen, walzten sie doch ständig hin und her und begannen ein unablässiges Feuer, als hätten sie beschlossen, die Stadt allein durch Dauer und Gewicht mürbe zu machen.

Dicht vor der Stadtmauer schlugen die Panzergranaten ein, warfen Erdschollen hoch, ließen glühend heiße Splitter durch die Luft wirbeln, und stinkender Rauch wallte auf, der sich in die Kehlen setzte, die Augen brennen ließ und den Wehrgang für einen Moment in eine flackernde, schmutzige Hölle verwandelte.

„Sie kommen!“, brüllte Karim laut, weil er die feindliche Infanterie als Erster entdeckt hatte, und schon im nächsten Atemzug sahen sie die Männer heranstürmen, begleitet von ihrem gewohnten Geschrei, das sich wie ein wilder Chor über das Vorfeld wälzte.

Die Maschinengewehre begannen mit ihrem tödlichen Werk, und die Verteidiger knieten oder lagen in den Wehrgängen, pressten Wangen an Schäfte, hielten die Schultern fest, feuerten aus den Schießscharten heraus und spürten, wie der Rückstoß durch Knochen und Muskeln lief, während draußen Körper fielen und Staub hochspritzte.

Die Angreifer stürmten, und sie fielen, neue Männer rannten vor, zwischen ihnen walzten die Panzer, und die Artillerie der Stadt schoss sich erneut die Rohre heiß, als würde sie die eigene Wut in Metall gießen. Ein paar T-55-Panzer standen bewegungslos, getroffen, einer drehte sich mit abgesprengter Raupenkette im Kreis herum, und mindestens ein halbes Dutzend Panzer brannte mit fettem Qualm, der wie ein schwarzer, schwerer Atem über dem Vorfeld hing.

Es war, als müsste an diesem Tag und gerade zu dieser Stunde die bisher uneinnehmbare Felsenstadt Hesen Dera fallen, als hätte sich eine unsichtbare Waage endlich entschieden und als würde jedes Geräusch, jeder Einschlag, jeder Schrei daran arbeiten, das Urteil zu vollstrecken.

Das Ende war abzusehen ...

In diesem Taumel des Wahnsinns, der Vernichtung und des Todes sollten die RPG-7-Panzerbüchsen die Wende bringen, weil man manchmal nur noch eine Handvoll Werkzeuge hat, an denen die Hoffnung hängt, und weil man sie dann mit einer Entschlossenheit ergreift, die keine Fragen mehr zulässt.

Karim ergriff sich als Erster eine Panzerbüchse, und die Männer seiner Einheit folgten ihm, ohne auf einen Befehl oder eine Erklärung zu warten, als hätten sie alle denselben Gedanken gehabt und nur darauf gewartet, dass einer ihn in Bewegung übersetzt.

„Feuert auf alles, was sich bewegt!“, schrie Karim, und seine Stimme war rau, aber klar. „Egal ob Panzer oder Soldaten! Wir haben nur noch diese einzige Chance. Los! Beeilt euch! Wir werden es schaffen! In schā'a llāh.“

„In schā'a llāh.“

„In schā'a llāh.“

Jede zur Verfügung stehende Panzerbüchse wurde ergriffen, und vor dem Abfeuern musste die hülsenförmige Treibladung an die Granate geschraubt und von vorn in das Rohr eingeführt werden, dann wurde die Waffe gespannt, gezielt und ausgelöst, der Hahn schlug auf einen Schlagbolzen, der die in die Starttreibladung integrierte Zündkapsel zündete, und die Abbrandgase trieben die Granaten aus dem Rohr, hinaus, direkt in das Vorfeld, wo sie ihre Arbeit ohne Gewissen verrichteten.

Die Erde wankte, schien zu beben, brüllender Donner brach auf, Blitze zuckten hoch, riesige graublaue Wolken stiegen auf, und dann war nichts mehr als Dunkelheit und Bersten und kreischendes Geheul, als würde die Welt selbst kurz aufschreien, weil sie es nicht mehr aushielt.

Als sich der Rauch- und Qualm Vorhang langsam lichtete und verzog, sahen sie, dass Granaten der Panzerbüchsen mitten in den Angriff der Feinde eingeschlagen waren, dorthin, wo eben noch Bewegung gewesen war, und nun nur noch Trümmer und Staub.

Riesige Krater gähnten, Panzer lagen auseinandergerissen, zertrümmert, zerfetzt, und zwischen den metallenen Brocken lag das, was man nie wirklich ansehen will, wenn es einmal passiert ist.

Die Vernichtung des modernen Krieges hatte wieder einmal einen ihrer Triumphe gefeiert, und es war egal, wer zermalmt wurde, denn auf jeden Fall waren es Menschen, die an ihrem Leben hingen, die leben, arbeiten und lieben wollten, und die nun zwischen Stahl und Erde verschwanden, als wären sie nie mehr gewesen als ein Schatten.

„Sie türmen! Sie türmen!“, schrie Safi ganz aufgeregt und setzte wieder sein Maschinengewehr ein, und Feuerstoß um Feuerstoß jagte er den Feinden nach, während sie sich zurückzogen, erst zögernd, dann schneller, als hätte sich plötzlich ein Riss durch ihren Mut gezogen. Nun wendeten auch die letzten Panzer, um sich zu retten, und es waren nicht mehr viele übrig.

Der Nachmittag verging, und es war, als ob nichts geschehen wäre, als hätte der Tag sich eine Maske aufgesetzt, denn der Himmel war blau und die Sonne lachte, und dieser Widerspruch war fast schwerer auszuhalten als der Lärm zuvor.

Als die Nacht hereinbrach, wurde es im freien Gelände vor der Stadtmauer lebendig, und geheimes Geraune und Gehusche war aus Richtung der Bombentrichter und Panzerwracks wahrzunehmen, als würden sich Schatten über die verwüstete Erde schieben und dort etwas suchen, das man nicht beim Namen nennen wollte. Gespannt horchten die Wachposten, die im Wehrgang patrouillierten, auf die nächtlichen Geräusche, und jeder Schritt klang in der Stille doppelt so laut, jeder Atemzug wie ein Verrat. Ob der Feind noch einmal angreifen wollte?“

„Die haben genug für heute“, meinte Karim, und obwohl er es sagte, als wäre es Gewissheit, war es doch eher ein Wunsch, den er in die Nacht stellte.