Walker
Elina Wörmann
© 2025 Elina Wörmann
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Walker, der/die
Substantiv, maskulin/feminin
Bedeutung:
Eine Person, die zu unbestimmter Zeit und ohne ersichtlichen Grund ihre Rationalität verliert.
Herkunft:
mittelhochdeutsch Wilker, von wil(le)kür
(eine willkürliche Entscheidung treffen)
Kapitel 1
das Wasser eines Bergsees und das Blätterdach des Waldes
Die Nacht war längst über das Land hereingebrochen, als Nathaniel das Gefängnis betrat, in dem sie seinen besten Freund gefangen hielten. Der Geruch von Stroh und Pferdeäpfeln hing in der kalten Herbstluft und dazwischen lagen nur die Geräusche vom Schnauben und Kauen der drei Pferde, die hier untergebracht worden waren. Denn das Gefängnis war nicht mehr als ein kleiner Stall, der zu der Hofstätte eines alten Dorfes gehörte. Dort, wo sie gemeinsam aufgewachsen waren.
Es war ein idyllisches, ruhiges Dorf. Angelegt um einen kleinen Teich inmitten eines Laubwaldes, der jetzt, zur goldenen Jahreszeit, einen malerischen Anblick bot. Wäre da nicht der gewaltige Schatten, der insbesondere Nathaniel den Blick für diese Pracht nahm. Er fühlte sich den Bewohnern, die ihn von Kindheit an begleitet hatten, schon lange nicht mehr zugehörig, und sein gefangen genommener Freund stellte einen der Hauptgründe dafür dar.
Nathaniel ging an den Pferden vorbei, ohne sie groß zu beachten. Sein Weg führte ihn zu der Box am Ende des Stalles, in der sie normalerweise nur das Tierfutter lagerten – und heute auch seinen Freund. Der Mann kniete gut sichtbar hinter einem einfachen Querbalken, der als Abtrennung diente. Seine Hände hatte man ihm auf den Rücken gefesselt und an einen Stützpfeiler gebunden, und sein Gesicht wurde verdeckt von der weiten Kapuze seines Umhangs.
Er rührte sich keine Handbreit.
Selbst dann nicht, als Nathaniel sich unter der Holzstange hindurch duckte, die als Tür fungierte, und an ihn herantrat.
»Sie sprechen immer noch über dich«, sagte er leise, während er vor seinem Freund in die Hocke ging. »Bis morgen werden sie wohl kein anderes Thema finden.«
Sein Freund antwortete nicht. Wie immer. Nathaniel konnte sich nicht daran erinnern, ihn jemals sprechen gehört zu haben. Erst recht nicht in den vergangenen drei Jahren, in denen sie immer weniger miteinander zu tun gehabt hatten.
Interessiert hatte es ihn nie, und so war es auch jetzt, als er den Dolch aus dem Holster seines Ledergürtels zog. Die silberne Klinge funkelte im Licht der einsamen Fackel, die den Stall erhellte, und der Griff, der mit saphirblauen Bändern verziert war, lag angenehm weich in seiner Hand.
Er streckte den linken Arm aus und schob mit der Klingenspitze die Kapuze zurück; legte die Sicht auf verschiedenfarbige Augen frei, die ihm leer entgegenblickten. Blau und Grün. Wie das Wasser eines klaren Bergsees und das Blätterdach des Waldes an einem warmen Sommertag. Zwei auffällige Farben, die die Schuld an dem Leid ihres Besitzers trugen. Obgleich dieser sein Schicksal längst akzeptiert hatte.
Ein Schicksal, das vom Tod erzählte.
Der Anblick dessen, was seinen Freund als das verriet, was er war – ein Walker – verunsicherte Nathaniel jedoch nicht im Geringsten.
Stattdessen empfand er Wut.
Darüber, dass die Bewohner des Dorfes so unbekümmert über das Leben seines Freundes entschieden hatten, und darüber, dass Walker, der den Namen seines Fluchs trug, sich seinem Ende so kampflos entgegenstellte.
Getrieben von dem Gefühl ließ Nathaniel die Klinge vorschnellen und durchtrennte mit einer einzigen Bewegung die Seile, die Walkers Hände auf dem Rücken zusammenhielten. Gleichzeitig gab eines der Pferde ein zufriedenes Schnauben von sich, als würde es befürworten, was Nathaniel soeben getan hatte.
Auch in Walker kam Leben, denn er sah überrascht zu ihm auf, während er sich die Handgelenke rieb. Die Fesseln hatten tiefe Abdrücke auf seiner Haut hinterlassen und seine Hände waren von dem angestauten Blut verfärbt .
»Was? Dachtest du etwa, ich lasse dich hier sterben?« Nathaniel musterte ihn. Ein Schmunzeln huschte über seine trockenen Lippen. »Ich weiß, dass du es nicht getan hast. Warte, bis die nächste Wache nach dir gesehen hat und komm dann runter zum Bach.«
Ohne Walkers Reaktion abzuwarten, erhob er sich. Sein Freund würde auf ihn hören, das wusste er. Deswegen brauchte er keine Antwort und blickte auch nicht zurück, als er die Box und schließlich den Stall verließ.
Walker hingegen zog sich die Kapuze wieder ins Gesicht, legte die Hände zurück hinter seinen Rücken und wartete.
Eine richtige Wache gab es nicht. Gegen Mitternacht kam lediglich ein alter Mann, der Nathaniel und Walker vor Jahren das Fischen beigebracht hatte. Er war einer der wenigen Bewohner dieses Dorfes und gehörte zu der noch kleineren Minderheit, die Walker gegenüber zumindest neutral eingestellt gewesen war. Doch diese Neutralität hatte sich irgendwann an diesem Tag verabschiedet, und jetzt schenkte er ihm nicht mehr als einen verachtungsvollen Blick.
Kein Lächeln.
Kein Wort.
Von heute an verabscheute er Walker genauso, wie jeder andere es tat. Entsprechend zögerte Walker nicht, kurze Zeit später aufzustehen und Nathaniels Aufforderung zu folgen. Im Schutz der Dunkelheit huschte er die wenigen Schritte über den festgetretenen Erdboden zu dem geflochtenen Zaun, der ihr Grundstück von den Feldern trennte. Ehe er jedoch durch das schmale Tor trat, warf er noch einen Blick zurück.
Es war Stimmengewirr, das ihn innehalten ließ. Leise drang es durch die geschlossenen Fensterläden des aus Stämmen und Ästen erbauten Wohnhauses zu ihm nach draußen.
Verstehen konnte Walker nichts, doch darum ging es ihm auch nicht. Vielmehr zögerte er, weil die Stimmen zu seiner Familie gehörten. Gut waren diese Leute nie zu ihm gewesen, trotzdem waren sie die Menschen, mit denen er sein gesamtes Leben verbracht hatte. Diese Hofstätte, dieses Dorf – es war sein Zuhause. Er war hier groß geworden und der Gedanke daran, eines Tages hier zu sterben, hatte ihm nie etwas ausgemacht. Wieso also fühlte er sich ausgerechnet jetzt, da sein langersehntes Ende zum Greifen nah war, nicht mehr bereit dazu?
Er blinzelte die aufsteigenden Tränen weg und verließ das Gehöft. Mit gesenktem Blick folgte er dem eingestampften Weg zwischen zwei Feldern hindurch, auf denen sie vor nicht allzu vielen Wochen fleißig Roggen gesät hatten, der im Sommer ihre Bäuche füllen sollte.
Walker würde davon nichts mehr mitbekommen, und schuld daran waren die Überreste des Getreidelagers, das hinter ihm lag. Der Gestank der längst erloschenen Flammen hatte ihm während seiner Stunden im Stall in der Nase gehangen und ihn daran erinnert, warum das Dorf ihn tot sehen wollte.
Dabei gab es keinerlei Beweise, die ihn als Täter überführten. Das Einzige, was seine Familie ihm vorwerfen konnte, war seine Augenfarbe. Wäre es nur das Grün oder das Blau, stünde er nicht vor den Abgründen seines Daseins, aber beide Farben zugleich besiegelten ein Schicksal, aus dem es kein Entkommen gab.
Er war ein Walker. Es lag in seiner Natur, den Menschen, den Tieren und den Feldern zu schaden. Es war seine Bestimmung, das absolut Böse zu tun und alles zu vernichten, was sich ihm in den Weg stellte.
Irgendwann zumindest.
Irgendwann war es so weit.
Wann genau dieser Zeitpunkt gekommen war, vermochte jedoch niemand zu sagen. Bis dahin lebte er wie jeder andere.
Jeder Walker wurde als normaler Mensch geboren. Sie unterschieden sich einzig und allein durch ihre verschiedenfarbigen Augen und durch die Tatsache, eines Tages ohne ersichtlichen Grund den Verstand zu verlieren. Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, kam es nicht selten vor, dass sie getötet wurden, bevor sie den ersten Tag ihres Lebens hinter sich brachten.
Er hatte den ersten Tag überstanden. Den ersten und siebentausendvierhundertachtunddreißig weitere. Er war zwanzig Jahre alt und langsam war es gewiss an der Zeit für ihn, seiner Natur nachzugeben.
Jedenfalls, wenn man die Dorfbewohner fragte.
Er selbst jedoch hatte bisher nicht das geringste Bedürfnis danach verspürt. Im Gegenteil, er wusste nicht mal, wie sich diese Natur anfühlen sollte. Und doch …
Der Gedanke an das, was sie ihm antun wollten, ließ ihn schaudern. Es ergab keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, und trotzdem steckte ein fetter Kloß in seinem Hals, der durch nichts verschwinden wollte.
Auch nicht durch den Anblick der Katze, die friedlich seinen Weg kreuzte.
Eine tote Ratte hing aus ihrem Maul und sie schenkte Walker keinerlei Beachtung, dennoch blieb er stehen und sah dabei zu, wie das Tier mitsamt seiner Beute in der Dunkelheit des Feldes verschwand.
Vollkommen geräuschlos.
Würden der Mond und die Sterne nicht am schwarzen Nachthimmel leuchten, wäre sie unbemerkt an ihm vorübergegangen.
Neid nistete sich in sein Herz ein. Er mochte Katzen und wenn er die Wahl hätte, ein neues Leben anzufangen, würde er sich für das einer Katze entscheiden. In einem Körper mit vier Pfoten wäre es ihm erlaubt, in Frieden auf Erden zu wandeln, unbedroht und ungesehen.
So hingegen blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Weg fortzusetzen und hinter sich zu lassen, was er so lange als Heimat bezeichnete.
Der Bach am Ende der Felder lag in Finsternis gehüllt und trennte ihr Dorf von dem dichten Wald, der sich wie ein schwarzes Loch vor Walker erhob.
Walker zwang sich, nicht hineinzusehen. Dafür blickte er auf der Suche nach Nathaniel angestrengt nach rechts und links, bis er seinen Freund auf einem umgestürzten Baumstamm entdeckte. In der Dunkelheit schien er fast mit dem Holz zu verschmelzen.
Walker näherte sich ihm. Heruntergefallenes Laub raschelte unter seinen Füßen, was seine Ankunft verriet.
»Endlich.« Nathaniel sprang von seinem Platz und landete neben Walker auf der weichen Erde. »Lass uns gehen. Bis Sonnenaufgang möchte ich das östliche Dorf erreicht haben. So weit folgen die uns nie!«
Schweigend nahm Walker den Leinenbeutel entgegen, den Nathaniel ihm reichte. Er glaubte nicht daran, dass ihnen überhaupt jemand nachstellte. Insbesondere seine Abwesenheit würde dem Dorf Freude bereiten und Nathaniel bewies mit seiner Tat nur sein verräterisches Herz, weshalb auch er nicht länger erwünscht wäre.
Er beschloss, diese Gedanken für sich zu behalten.
Mit neutraler Miene setzte er sich in Bewegung und folgte seinem Freund den Pfad am Bach entlang in Richtung Osten. Dorthin, wo sie nach kurzer Zeit die Grenzen ihres Dorfes erreichten und in den Wald hineintraten, der sie willenlos willkommen hieß.
Unterdessen sprach Nathaniel ununterbrochen. Jeder Gedanke, der seinen Kopf durchquerte, kam ihm über die Lippen. Völlig unbedacht der Tiere, die im Unterholz auf sie lauern konnten.
So war es immer.
Nathaniel redete und Walker hörte zu. Es war ihre Art der Freundschaft, für die ihnen in der Vergangenheit eine Menge Unverständnis entgegengebracht wurde, aber keiner von ihnen hatte sich je daran gestört. Besonders Walker nicht, der in den vergangenen drei Jahren die Befürchtung gehegt hatte, sie könnten sich auseinanderleben.
Auf halber Strecke ging Nathaniel die Puste aus. Von dort an marschierten sie im Stillen weiter. Einzig und allein ihr angestrengter Atem und das Plätschern des Baches begleiteten sie durch die Dunkelheit des Waldes, in dem sie schon als Kinder oft gewesen waren. Sie hatten zwischen den Bäumen gespielt und die Gegend erkundet, obgleich sie sich in ihrer kindlichen Angst nie wirklich weit hineingewagt hatten. Für sie, die sonst nur das Dorf und die umliegenden Felder kannten, war der Wald wie ein gewaltiges Labyrinth gewesen. Ging man zu tief hinein, kam man nie wieder zurück.
Ein Gedanke, auf den die beiden Männer in dieser Nacht setzten, denn genau das wollten sie nicht.
Nie mehr.
Damals wie heute trugen sie das unbändige Bedürfnis in sich, mehr von dieser Welt zu sehen, und endlich hatten sie den letzten Schritt in diese Richtung gewagt. Das Einzige, was ihnen von hier an noch im Wege stand, war die Anstrengung.
Sie beide waren müde von der Arbeit auf dem Hof und der Aufregung, die der Brand mit sich gebracht hatte. Die Erschöpfung saß in ihren Knochen und der Wald weigerte sich, ihnen ihre Reise leicht zu machen. Sie kletterten über Baumstämme, schlitterten Erdhaufen hinab und kämpften sich durch kniehohes Gestrüpp – alles in vollkommener Dunkelheit, denn das Laub über ihren Köpfen schloss das Sternenlicht vollkommen aus.
Trotz der vielen Hindernisse schaute Nathaniel sich regelmäßig zu Walker um, und dieser schenkte ihm jedes Mal dasselbe schiefe Lächeln. Es war immer schief. Er zog lediglich seinen linken Mundwinkel nach oben und wenn ihn etwas wirklich belustigte, schnaubte er zusätzlich durch die Nase. Aber es war ein Lächeln, und dieses bestätigte Nathaniel immer wieder darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Obwohl er wusste, dass sein Freund eines Tages getötet werden musste, vielleicht sogar durch seine Hand.
Nathaniel war klar, dass er das Schicksal nicht aufhalten konnte. Sein Rettungsversuch zögerte lediglich das Unvermeidbare hinaus, doch das war es ihm wert, solange Walker dadurch nur einen einzigen Tag länger an seiner Seite blieb.
Mit dieser Überzeugung erreichten sie in den frühen Morgenstunden das östliche Dorf. Die Sterne verblassten allmählich in der Morgendämmerung, und als sie unter dem Blätterdach hervortraten, reichte das dürftige Licht aus, um die Ruinen der Gebäude zu erkennen, die einst hier gestanden hatten. Bei einigen fehlte lediglich das Strohdach, andere hingegen waren vollständig niedergebrannt. Von den Zäunen, die einmal Gärten und Beete voneinander abgegrenzt hatten, war nichts mehr übrig, und die Wege und Felder waren über die Sommermonate von der Natur zurückerobert worden.
»Dann stimmt es wirklich.« Nathaniel hob ein zerfleddertes Seil auf, das im Gestrüpp zu seinen Füßen lag. »Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, es wieder aufzubauen.«
Walker trat an seine Seite und nickte. Dabei haftete sein Blick an der Zerstörung, die sich ihnen bot. Sie hatten gewusst, dass sie hier niemanden mehr finden würden. Im vergangenen Frühling hatte in diesem Dorf ein einziger Walker gewütet. Mitten in der Nacht war er seiner Natur verfallen und hatte ein Feuer gelegt, das auf den Feldern und an den Hütten großen Schaden anrichtete. Dazu erzählten die Geschichten, er habe weitere Gebäude mit einer Axt kurz und klein geschlagen, ehe jemand den Mut sammeln konnte, ihn aufzuhalten.
Tiere wie Menschen ließen damals ihre Leben, und ihre Angehörigen hatten keine andere Möglichkeit gesehen, als ihr Land aufzugeben. Zu viel war den Flammen zum Opfer gefallen und zu schrecklich waren die Bilder, die sich in dieser Nacht ereigneten.
Die Geschichte hatte sich in Windeseile in den umliegenden Dörfern herumgesprochen und den ohnehin vorherrschenden Hass gegen die Walker geschürt. So auch bei ihnen zu Hause. Die letzten Monate waren deshalb für Walker eine einzige Höllentour gewesen, und umso mehr verurteilte Nathaniel sich dafür, nicht früher aufgebrochen zu sein.
»Lass uns einen Ort zum Schlafen suchen.« Er ließ das Seil fallen und setzte sich in Bewegung, als könne er auf diese Weise sein schlechtes Gewissen abschütteln.
Walker folgte ihm.
Seite an Seite spazierten sie zwischen den Ruinen hindurch, bis sie am Waldrand einen Verschlag fanden, der tatsächlich intakt war. Vom Zentrum des Dorfes abgeschieden, hatten die Flammen ihn offenbar verschont. Dadurch fehlten heute nur die Fensterläden und Teile vom Dach, die wohl der Witterung zum Opfer gefallen waren.
In geduckter Haltung trat Nathaniel durch den Türrahmen an der schiefhängenden Tür vorbei. Der Boden bestand aus Erde und Steinen, aber davon abgesehen konnte er nichts ausmachen, was gegen eine Übernachtung sprach.
»Hier ist gut«, gähnte er. Solange sie vor möglichem Unwetter geschützt waren, wollte er sich damit zufriedengeben. Also zögerte er nicht länger, seinen Leinenbeutel in eine Ecke fallen zu lassen.
Ein dumpfer Schlag ertönte.
Zu laut, um von dem Beutel zu stammen, weshalb er sich irritiert umdrehte. Sein Blick fiel auf Walker, der neben der Tür in sich zusammengesunken war. Mit geschlossenen Augen rollte er sich gerade zu einer engen Kugel zusammen, die schnell anfing, in langen, gleichmäßigen Zügen zu atmen.
Es war ein Anblick, der Nathaniel daran erinnerte, dass es Walker seit dem letzten Morgen nicht vergönnt gewesen war, die Augen zuzumachen. Im Gegensatz zu ihm, der mehr als nur ein Nickerchen gehalten hatte.
»Mensch.« Er ließ sich neben seinem Freund auf dem Boden nieder und nahm ihm das Gepäck aus den Händen. Heraus kramte er eine Wolldecke, die er behutsam über den schlafenden Körper legte. »Warum sagst du denn nicht, wenn du erschöpft bist?«
Kapitel 2
leuchtende Löcher in tiefen Schatten
Viel Schlaf sollte Nathaniel nicht bekommen. Das Rauschen des Windes und der Gesang verschiedenster Vögel schlichen sich in seine Träume und hielten ihn davon ab, einer tieferen Erholung zu verfallen. Dazu gesellten sich einfallende Sonnenstrahlen, die direkt in sein Gesicht schienen und ihn letzten Endes gänzlich weckten.
Er richtete sich in seinem provisorischen Lager auf und schaute hinüber zu seinem Freund, den all diese Sachen augenscheinlich nicht interessierten. Dennoch musste er kurzzeitig aufgewacht sein, denn zwischen seinen halbgeöffneten Fingern lag die hölzerne Figur einer kleinen Katze. Ein Geschenk, das Nathaniel ihm vor vielen Jahren geschnitzt hatte.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Für ihn war dieses kleine Stück Holz nichts Besonderes, aber es ehrte ihn, dass Walker es all den Jahren gut behütet hatte. Gleichzeitig durchbohrte ihn ein stechender Schmerz, denn so ruhig und umgänglich Walker heute sein mochte, es änderte nichts an seiner düsteren Bestimmung, die sich ihm mit jedem vergehenden Tag näherte und ihm unweigerlich den Tod brachte.
Und dieser würde kein friedlicher sein.
Mit zerschlagener Laune stand Nathaniel auf, bahnte sich seinen Weg über Walkers Beine hinweg aus dem Verschlag hinaus und streckte sich ausgiebig in der warmen Herbstsonne. Anschließend ging er zwischen den Ruinen des Dorfes hindurch zum Bach, wo er auf die Knie sank und seinen Kopf in das kalte Wasser tauchte. Er trank, während er sich mit beiden Händen den Schlaf aus dem Gesicht schrubbte. Danach ließ er sich zufrieden auf den Waldboden fallen. Mit dem Ärmel seines Leinenhemdes wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht, als er auf der anderen Seite des Baches eine kleine Gruppe Rehe entdeckte; auf der Fläche, wo einst Felder gewesen waren, die nun nach und nach vom Wald zurückerobert wurde.
Die Tiere bemerkten ihn nicht.
Ihre Nasen durchsuchten das weiche, vom Morgentau feuchte Gras nach Nahrung, ohne den Menschen zu beachten, der nur wenige Meter entfernt saß und sie beobachtete.
In diesem Moment bereute Nathaniel, keinen Bogen mitgenommen zu haben. Er konnte nicht wirklich gut damit umgehen, aber auf die kurze Distanz hätte er es sicher geschafft, eines der Tiere zu erlegen. Damit wäre ihr Frühstück gesichert gewesen. Oder ihr Geldbeutel.
Geld war etwas, das sie in naher Zukunft dringend benötigten. Da seine Familie, so unlieb sie ihm auch war, die Münzen brauchte, hatte er sie nicht stehlen wollen. Jetzt realisierte er, dass er es hätte tun sollen. In ihren Beuteln war nicht viel Platz für Essen geblieben, weshalb es ihnen nun daran mangelte. Heute würden sie noch zurechtkommen, aber schon morgen könnten sie Probleme bekommen. Sicher, ein oder zwei Tage ließen sich ohne Nahrung aushalten, doch ihre Reise würde es erschweren. Bis zur nächsten Stadt hatten sie einen langen Fußmarsch vor sich.
Seufzend erhob Nathaniel sich von seinem Platz. Es wurde Zeit, dass sie aufbrachen. Zeitdruck hatten sie keinen, dafür ergaben sich andere Herausforderungen, die es zu umgehen galt, und ihr bald knurrender Magen stellte nur eine davon dar. Viel mehr sorgte Nathaniel sich um Wölfe oder andere wilde Tiere, die in den Wäldern lebten und denen er lieber nicht begegnen wollte. Ganz zu schweigen von den Diebesbanden, die seit langer Zeit im ganzen Land ihr Unwesen trieben. Sicher war nur, wer sich in der Gemeinschaft eines Dorfes oder einer Stadt befand. Daran änderte auch Nathaniels Dolch, den er nicht einmal zum Schlafen beiseitelegte, wenig.
Walker war wach, als Nathaniel zu ihm zurückkehrte. Er saß vor der Hütte und hatte die Inhalte seines Leinenbeutels feinsäuberlich vor sich ausgebreitet: ein kleines Messer, zwei Seile unterschiedlicher Länge, Lumpen zur Wundversorgung und behutsam in Tücher gewickelte Minze. Außerdem die Wolldecke, auf der die Utensilien im Moment lagen und Kleidung, die er im Beutel gelassen hatte.
»Suchst du etwas?«
Walker schaute auf, wodurch das Sonnenlicht in seine Augen fiel und die verschiedenen Farben aufleuchten ließ. Ein Anblick, den in den letzten Jahre ausschließlich Nathaniel zu Gesicht bekommen hatte. Als Antwort auf die Frage schüttelte er den Kopf. Nein, er suchte nichts. Er hatte sich lediglich einen Überblick über ihr Gepäck verschaffen wollen und war zufrieden mit dem Ergebnis. Mehr als das, denn bei der Hälfte der Dinge glaubte er nicht einmal, dass sie diese überhaupt benötigten.
»Sicher?« Nathaniel ließ sich im Schneidersitz ihm gegenüber auf den Boden sinken und machte sich an seinem eigenen Gepäck zu schaffen, aus dem er zwei kleine Fladenbrote hinausnahm. »Nicht mal das hier?«
Ein schiefes Grinsen legte sich auf Walkers Lippen und mit eben diesem Grinsen nahm er eines der Brote entgegen, riss ein Stück ab und stopfte es sich in den Mund. Sein Morgen war soeben bedeutend besser geworden.
»Warte noch.« Ein zweites Mal kramte Nathaniel in seinem Beutel und dieses Mal zauberte er ein Päckchen hervor, das er sogleich öffnete. Zum Vorschein kam ein weißgelber, deformierter Klumpen, den er Walker voller Stolz unter die Nase hielt. »Hier!«
Mit leuchtenden Augen nahm Walker die Butter entgegen und tunkte sein Brot hinein.
»Iss nur nicht alles auf einmal«, mahnte Nathaniel belustigt, woraufhin Walker eifrig nickte.
Die Butter reichte, um seinen Tag perfekt zu machen. Hilda, die ihnen das Brot sicher gerne zur Verfügung gestellt hatte, war eine hervorragende Köchin, aber eine grauenhafte Bäckerin. Nicht selten waren ihre Leckereien angebrannt oder zu hart, wie auch die Exemplare, die sie gerade in den Händen hielten.
Umso besser machte es die salzige Versuchung, die Nathaniel mitgenommen hatte. Bei der geringen Menge fühlte Walker sich auch nicht ansatzweise schlecht, sie zu verspeisen. Das bisschen würde dem Dorf im Winter nicht fehlen.
»Viel konnte ich nicht nehmen«, erklärte Nathaniel kauend. »Wir sollten zusehen, dass wir bald das nächste Dorf erreichen. Richtung Süden dürften wir am schnellsten sein. Dort könnten wir auch Arbeit und eine Bleibe finden.«
Walker nickte zu jedem der Sätze. Er hatte sich längst ähnliche Gedanken gemacht und war froh, dass Nathaniel seine Überlegungen teilte.
»Außerdem sollten wir nicht länger Nachts reisen«, fuhr Nathaniel unbeirrt fort. Eine weitere Idee, die Walker längst gehabt hatte. Ihre Aktion in der vergangenen Nacht war halsbrecherisch gewesen und sollte somit eine Ausnahme darstellen.
»Langfristig denke ich, könnten wir uns in einer Stadt niederlassen. Wenn sich hier herumspricht, was mit unserem Lager geschehen ist, landen wir ohnehin auf der Straße.«
Immer wieder nickte Walker.
Sein Freund hatte recht, dieses Ereignis würde sich wie ein Lauffeuer in den umliegenden Gebieten verbreiten. Dann sprachen die Menschen von einem weiteren Walker, der ein Feuer gelegt und dadurch fast wieder getötet hatte.
Dabei war es unwichtig, dass diese Geschichte nicht der Wahrheit entsprach. Es würde nicht lange dauern, und sein Leben würde einem Albtraum gleichen, wenn sie bis dahin weiter hier ausharrten.
Walker standen auch ohne solche Erzählungen unter Ächtung. Sie waren egal. Gänzlich. Ein Mord an einem Walker war in den meisten Regionen nicht mal Grund genug für eine ernsthafte Anschuldigung, unabhängig davon, ob sie bereits ihrer Natur verfallen waren oder nicht.
In der Regel zog zwar niemand durch die Straßen, um sie blindlings zu töten, aber mit etwas Pech reichte ein falscher Blick oder ein schlechter Tag. Geschichten darüber gab es unzählige, weshalb es umso wichtiger war, dass sie zeitnah eine Stadt erreichten. Durch die dichtere Besiedlung fiel es dort schneller auf, wenn ein Walker die Kontrolle verlor, wodurch man ihn ausschalten konnte, ehe er größeren Schaden anrichtete. Deswegen gab es in vielen Städten Gesetze, die sich gegen eine unbegründete Tötung aussprachen.
Dass diese Gesetze dem Eigennutz dienten, interessierte niemanden – nicht einmal die Walker.
»Wollen wir weiter?«, fragte Nathaniel irgendwann, als sie beide jeweils zwei Brote verschlungen und alle Sachen wieder verstaut hatten. Als Antwort stand Walker auf, nur um gleich darauf heftige Widerworte von Nathaniel zu erhalten: »Warte, setz dich noch mal.«
Irritiert neigte Walker den Kopf zur Seite, gehorchte jedoch.
»Hör zu«, begann Nathaniel eindringlich. »Ich habe dich nicht mitgenommen, um einen Packesel zu haben. Ich habe dich mitgenommen, weil du mein Freund bist. Wenn du noch erschöpft bist, dann respektiere ich das. Dann bleiben wir hier, okay?«
Walker nickte eifrig.
»Gut. Also noch mal: Willst du weiter?«
Wieder stand Walker auf, und dieses Mal hielt Nathaniel ihn nicht davon ab. Zum Glück, denn es fiel ihm schwer, das aufsteigende Grinsen zu unterdrücken, das sich schleichend auf seine Lippen legte. Nathaniel erkannte seine Menschlichkeit. Es war nichts Neues für Walker, aber Worte wie diese bedeuteten ihm die Welt. Und sie waren das einzigst wirksame Mittel gegen die Gedanken, die ihn sonst plagten.
Sie ließen das Dorf und den Bach hinter sich und folgten stattdessen einem überwachsenen Hohlweg, dessen Existenz sich nach den vielen Monaten ohne Benutzung nur noch erahnen ließ. Was sich einst als tiefe Furche durch den Wald geschlängelt hatte, war durch viele Regentage, Laub und junge Gewächse beinahe wieder ebenerdiger Waldboden geworden. Somit blieb ihr Marsch mühselig, bis sie irgendwann einen breiteren Pfad erreichten, der ihnen ihre Reise erleichterte. Karrenspuren und Hufabdrücke verrieten, dass sie bald unter Menschen sein würden, und der erste ließ nicht lange auf sich warten.
Es war eine junge Händlerin, die an ihrer Seite hielt und sie zum Mitfahren einlud, ohne Fragen zu stellen. Mit Fässern im Rücken und baumelnden Beinen bestand ihr vorerst einziges Problem also nur noch darin, nicht mit dem Kopf voran vom Karren zu fallen. Eine Kunst, die sich angesichts des begrenzten Platzes und der mangelnden Festhaltemöglichkeiten schwierig gestaltete.
Sie beschwerten sich nicht darüber.
Trotz der schmerzenden Hintern waren sie froh, den langen Weg nicht zu Fuß zurücklegen zu müssen.
»Weiter fahre ich nicht!«, rief die Händlerin ihnen zu, als sie nach einer Weile das nächste große Dorf erreichten. Dabei bremste sie ihr Pferd in unmittelbarer Nähe zu einer kleinen Gaststätte. Die erste, die Walker jemals zu Gesicht bekam.
Bei ihnen zu Hause war es üblich gewesen, Durchreisende in den eigenen vier Wänden zu beherbergen. Hier hingegen bot ein lang gezogenes einstöckiges Haus andere Möglichkeiten, obwohl es ebenfalls ausschließlich aus Holz und Stroh bestand. Ein Anzeichen dafür, dass dieses Dorf weitaus besser besucht war als ihre Heimat.
Die vielen Gebäude unterstrichen diese Vermutung. Rund um eine großzügig angelegte Weidefläche reihten sich die Wohn- und Arbeitshäuser, Ställe und Beete in einer Menge, dass man durch sie kaum noch die umliegenden Felder sehen konnte.
Es war ein Anblick, der Walker unweigerlich dazu verleitete, die Kapuze tiefer ins Gesicht zu ziehen. Obwohl die Bewohner allesamt ihren Pflichten nachgingen und nicht einmal die spielenden Kinder sie beachteten, fühlte er sich beobachtet.
Er wandte sich ab. Seine Augen kamen ihm vor wie leuchtende Löcher in den tiefen Schatten seiner Kapuze, die ein jeder auch aus weiter Ferne zu sehen vermochte. In ihm breitete sich das ungute Gefühl aus, dass ihr Aufenthalt kurz werden würde.
»Fahrt Ihr morgen weiter?«, hörte er Nathaniel unterdessen die Händlerin fragen.
»Ihr sagtet, Ihr wolltet weiter Richtung Süden, nicht wahr?«
Nathaniel nickte.
»Dann nicht. Mein Ziel liegt gen Westen.«
»Wisst Ihr dann, wie weit die nächste Stadt für uns entfernt liegt?«
Nachdenklich tippte sich die Händlerin, die sich ihnen als Katharina vorgestellt hatte, ans Kinn. »Zu Fuß würde ich zwei Tagesmärsche schätzen. Folgt einfach der Straße in diese Richtung.« Sie deutete am Anger vorbei.
»Danke.« Endlich wandte Nathaniel sich wieder Walker zu. Dieser hatte dem Gespräch aus sicherer Distanz gelauscht, während er innerlich mit jedem Herzschlag tausend Tode gestorben war.
»Zwei Tage halten wir durch, oder?« Nathaniels Augen glänzten vor Aufregung.
Walker nickte. Eine Geste, die von seiner weiten Kapuze fast gänzlich verschlungen wurde. Er hatte sie in der Zwischenzeit so tief ins Gesicht gezogen, dass ihr Schatten es in vollständige Dunkelheit hüllte. Besonders in dem fahlen Licht des Gasthauses, in das sie sich nun hineinwagten.
Nathaniel voran.
Mit einem Selbstbewusstsein, von dem Walker ahnte, dass es gespielt war.
»Hallo?«, rief Nathaniel in das graue Licht des Hauses, als er niemanden im Gastraum ausmachen konnte. Erschrocken stieß Walker ihm den Ellenbogen in die Seite.
»Was? Mit irgendjemandem müssen wir sprechen.«
Walkers Blick glitt durch das offene Zimmer. In der Mitte befand sich eine kleine Feuerstelle und an den Wänden entlang waren einige Strohmatten ausgelegt, die als Betten dienten. Ansonsten gab es nur die Pfeiler, die das Dach vor dem Einsturz bewahrten. Keine Privatsphäre, kein Schutz vor Fremden und auch keiner vor dem bärtigen Mann, der durch einen zweiten Eingang kam und sie mit einem Blick fixierte, der Walker das Blut in den Adern gefrieren ließ. Seine Hoffnung, eine Unterkunft zu finden, sank endgültig unter die Erde und in ihm entflammte der Wunsch, sich in Luft aufzulösen.
»Was?«, fragte der Alte, wobei er die Tür hinter sich schloss.
»Wir sind auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Im Tausch gegen Arbeitskraft«, beeilte Nathaniel sich zu sagen. Nichts war mehr übrig von seinem gespielten Selbstbewusstsein. Er dachte dasselbe wie Walker: Sie würden nicht bleiben dürfen. Aus verschiedenen Gründen.
Es verging eindeutig zu viel Zeit, in der der Mann sie schweigend musterte. Von Kopf bis Fuß, erst Nathaniel und dann Walker.
»Setz die Kapuze ab.«
Wie von Geisterhand getrieben, machte Walker einen halben Schritt zurück. Dabei entging ihm nicht, dass Nathaniel auffällig schnell zu ihm zurücksah.
»Dacht ich’s mir«, brummte der Bärtige. »Schert euch! Für Walker habe ich keinen Platz. Und auch sonst keiner. Seht zu, dass ihr wegkommt, sofort!«
Mit jedem Wort wurde seine Stimme lauter. Trotzdem schaffte Walker es nicht, sich zu rühren. Sein Puls dröhnte in seinen Ohren und seine Kehle schnürte sich zu. Dazu gesellte sich ein unangenehmes Brennen in seinen Augen, das er nur allzu gut kannte.
Er schluckte es herunter, wie immer.
Wie aus weiter Ferne spürte er, dass Nathaniel ihn am Arm packte und nach draußen zog. »Mach dir nichts draus«, hörte er ihn flüstern. »Wir haben geahnt, dass es so kommt. Lass uns einfach weiterziehen. Es ist noch hell. Wir können heute noch ein gutes Stück schaffen.«
Walker reagierte nicht. Gelähmt und mit gesenktem Blick ließ er sich von seinem Freund mitziehen. In die Richtung, in die Katharina gezeigt hatte, deren Stimme plötzlich hinter ihnen ertönte: »Wartet!«
Nathaniel blieb stehen, Walker tat es ihm gleich. Er musste, denn sein Freund hielt seinen Arm weiterhin fest umklammert. Andernfalls wäre er womöglich weitergegangen. Weiter. Immer weiter, um den Augenpaaren zu entfliehen, die auf seiner Haut brannten, als wüssten sie allesamt, was er war.
Dabei schenkte niemand ihm Beachtung.
»Bitte verzeiht, dass ich Euer Gespräch mitangehört habe«, sagte Katharina. Sie stand noch immer neben dem Gasthaus, hatte aber zwischenzeitlich ihr Pferd abgespannt und mit Wasser versorgt. »Wenn er ein Walker ist, möchte ich euch davon abraten, weiter nach Süden zu reisen. Dort wurde kürzlich ein neuer Bürgermeister ernannt, der sich gegen ihren Schutz ausspricht.«
Während die Händlerin sprach, sank Walkers Kopf immer tiefer. Der Tag hatte gut angefangen und nun lag er wie ein Scherbenhaufen zu seinen Füßen. Seine Hoffnung war genauso gestorben wie sein Lebenswille. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich seinem Schicksal zu stellen, statt Nathaniel so bereitwillig zu folgen.
»Was sollen wir dann tun?«, fragte Nathaniel, der von den pechschwarzen Gedanken seines Freundes nichts mitbekam.
»Geht nach Osten. Folgt der Straße und haltet Euch an der Gabelung rechts. Ihr werdet an einem Kloster vorbeikommen, in dem Ihr nächtigen könnt. Zieht morgen früh weiter, dann erreicht Ihr bald ein Dorf. Fragt dort nach Fabios. Wenn Ihr ihm sagt, dass ich Euch schicke, wird er Euch gewiss nach Habichtsrode fahren.«
»Gabelung rechts, Kloster, Fabios, Habichtsrode«, wiederholte Nathaniel, ehe er nickte. »Vielen Dank.«
»Viel Erfolg. Und lasst Euch nicht unterkriegen!«
Kapitel 3
Gottes gnädige Hand
Auf den Schreck folgte – wie jedes Mal – die Akzeptanz. Sie hatten das Dorf noch nicht lange hinter sich gelassen, da bemerkte Walker, wie erleichtert er war. Er hatte nicht an diesem Ort bleiben wollen. Selbst wenn sie es geschafft hätten, einen Schlafplatz auszuhandeln, hätte er bei dem Anblick des offenen Raumes keine Ruhe gefunden. Zu groß wäre die Angst gewesen, in der Nacht erdolcht zu werden.
Herauszufinden, dass er ein Walker war, fiel Fremden offenbar nicht so schwer, wie er geglaubt hatte, und mehr brauchte es nicht. Völlig egal, wie gut er welche Arbeit erledigte und wie freundlich er sich gab, es änderte nichts an dem, was er war. Die Leute fürchteten ihn, und gegen diese Furcht half nur, sein Leben zu nehmen.
Nathaniel war die einzige Ausnahme.
Für ihn wäre er dortgeblieben.
Walker wollte nicht, dass sein Freund seine Sorgen bemerkte und ganz davon abgesehen, fühlte er sich in seiner Gegenwart sicher. Immer. Walker wusste, dass Nathaniel nicht zulassen würde, dass jemand die Hand gegen ihn erhob – oder Schlimmeres. Das hatte er in den vergangenen zwanzig Jahren oft genug unter Beweis gestellt.
Nathaniel konnte jedoch nicht immer an seiner Seite sein, und im Schlaf wäre auch er machtlos. Da spielte es keine Rolle, wenn er im Nachhinein das ganze Dorf in Schutt und Asche legte.
Walker schlug die Kapuze zurück und sah zu seinem Freund, der nicht immer bei ihm sein konnte, es aber jetzt gerade war. Er hätte im Dorf bleiben können. Hätte noch einmal mit dem Besitzer des Gasthauses sprechen und eine angenehme Nacht aushandeln können.
Allein.
Ohne ihn.
Doch das hatte er nicht.
Nathaniel hatte sich ein weiteres Mal gegen eine Annehmlichkeit und für ihre Freundschaft entschieden und Walker konnte nicht in Worte fassen, wie dankbar er darüber war. Wie dankbar und besorgt.
»Hältst du noch durch?« Nathaniel hatte den Blick bemerkt, den Walker ihm zuwarf.
Walker nickte. Der Fahrt auf dem Karren verdankte er, dass seine Füße nicht schmerzten und seine Müdigkeit hielt sich in Grenzen. Außerdem hatten sie zwischenzeitlich die verbleibenden Brote verzehrt, wodurch auch sein Magen zufrieden schien.
Nathaniel gähnte. »Glaubst du, bis zum Kloster ist es noch weit?«
Sie waren Katharinas Anweisungen gefolgt und bei der ersten Abzweigung des Pfades nach rechts gegangen. Vor einer ganzen Weile. Seitdem hatten nur die Rufe einiger Vögel ihre Sinne gereizt.
Besser so als anders, fand Walker. Dennoch musste er zugeben, dass ihm Abwechslung gerade recht käme. Er war nie in einem Kloster gewesen, hatte aber so viel Gutes von den Mönchen und Nonnen gehört, dass der Gedanke daran, sie kennenzulernen, ihn mit Vorfreude erfüllte.
»Ich hoffe, wir erreichen es, bevor es dunkel wird«, sagte Nathaniel, der nachdenklich den Himmel betrachtete. »Ich habe wenig Lust, vor verschlossenen Türen zu stehen.«
Walker antwortete ihm, indem er ihm auf die Schulter tippte und auf die Mauer zeigte, die endlich vor ihnen auftauchte. Ihr Umfang deutete auf ein sehr kleines Kloster hin, doch das kam den beiden Männern gelegen.
Nathaniel zögerte nicht, durch das geöffnete Tor zu gehen, welches das Kloster in der Nacht von der Außenwelt abschirmte, und Walker hielt sich dicht an seiner Seite.
Das Tor führte sie geradewegs auf einen befestigten Weg, der sich zwischen prächtig gewachsenen Obstbäumen hindurchschlängelte. An den meisten von ihnen befand sich nichts weiter als gelbbraunes Laub. Nur an den Apfelbäumen hingen vereinzelt reife Früchte, während andere bereits drumherum auf der von Blättern bedeckten Wiese lagen und langsam vor sich hin faulten.
Sie schenkten ihnen genauso wenig Beachtung wie den leergepflückten Holunderbeerensträuchern, die an der Mauer entlang wuchsen, und folgten stattdessen dem Pfad, der sie immer weiter auf das Klostergelände führte. Dabei bewegten sie sich mit bedachten Schritten vorwärts, um einem Mönch die Möglichkeit zu geben, sie zu entdecken, weil sie sich nicht sicher waren, ob sie einfach eintreten durften.
»Sucht Ihr etwas?«, fragte plötzlich eine sanfte, alte Stimme zu ihrer Rechten, wo einer der Klosterbrüder im Kräuterbeet kniete. Neben ihm stand ein Korb mit abgeschnittenen Pflanzenzweigen.
»Guten Abend«, beeilte Nathaniel sich zu sagen. »Wir sind auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht.«
»Einen Augenblick.« In aller Seelenruhe wandte der Mann sich wieder seinen Pflanzen zu.
Erleichtert ließ Walker die angehaltene Luft aus seinen Lungen weichen. Er war zwar davon ausgegangen, dass sie hier einen Schlafplatz bekommen würden, doch nach dem Ereignis am Nachmittag hatte er dennoch Sorgen gehabt.
Mönche waren bekannt für ihre Gutmütigkeit den Walkern gegenüber, weshalb er sich hier, hinter den ge-waltigen Mauern, erlaubte, seinen Geist zu entspannen.
Hier war er kein Ausgestoßener.
Hier wurde er angesehen als ein Prüfling Gottes, und wenn er seine Rolle gut spielte, würde ihm geholfen werden, einen Platz im Himmel zu erhalten. Ganz gleich, was er tat, wenn seine Natur ihn übermannte.
»Ich bin froh, dass Katharina uns hierher geleitet hat«, flüsterte Nathaniel ihm zu. Die Ungeduld stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber selbst er schien sich nicht zu trauen, den Mönch um Eile zu bitten.
Walker nickte, wie so oft. Ja, darüber war er auch froh. Mehr als das, er empfand eine tiefe Dankbarkeit für die Händlerin und er wünschte sich, er hätte dieser Dankbarkeit mehr Ausdruck verliehen. Leider hatte er mit seinen Gedanken so tief im Sumpf gesteckt, dass es ihm unmöglich gewesen war. Deshalb hoffte er, dass sie einander wiedersahen. Irgendwann in den vielen Jahren, die er sich noch auf dieser Erde wünschte.
»Folgt mir.« Der Mönch war aufgestanden. Mit dem Korb zwischen seinen faltigen Fingern führte er sie die letzten Meter am Kräutergarten vorbei bis auf einen großen Platz mit all den Gebäuden, die Walker sich gerne genauer angesehen hätte. Insbesondere die Kirche, die sich vor ihnen in den Abendhimmel erhob, aber auch die Werkstätten, die reihenweise zu ihrer Linken lagen.
»Es kommt selten vor, dass Menschen um diese Zeit Schutz bei uns suchen«, sprach der Mönch, während sie zwischen den Bauwerken hindurchgingen. »Die meisten Leute rasten lieber in den Dörfern. Gottes Gnade wird nicht mehr so benötigt wie einst.«
»In den Dörfern hatten wir kein Glück«, erwiderte Nathaniel. Er war in Plauderlaune, wie so oft. Das verrieten die Farbe seiner Stimme und die Schnelligkeit seiner Antwort.
»Das glaube ich Euch. Zu dieser Zeit des Jahres sind sie wahrlich gut besucht. Wohl wegen der Ernten. Kommt Ihr von weit her?«
»Nicht allzu weit. Unser Zuhause liegt im Nordwesten, etwa zwei Tagesmärsche von hier.«
»Für zwei Fußläufige ein ordentlicher Weg. Welches Ziel habt Ihr?«
Sie hatten die Werkstätten hinter sich gelassen und gingen nun zwischen den Ställen entlang. Einige Pferde reckten ihnen ihre Köpfe entgegen und aus einem anderen drang das leise Glucksen ruhender Hühner nach draußen.
Zu gern hätte Walker sich eines von ihnen auf den Schoß gesetzt und ihm die weichen Federn gestreichelt, doch der Mönch führte sie unbeirrt an den Tieren vorbei. Er schritt zielsicher auf eine zweite Mauer zu, hinter deren Pforte sich weitere Gebäude befanden. Im Viereck angelegt, um einen ebenso viereckigen Platz herum, in dessen Mitte sich ein Brunnen befand.
»Wir wollen in eine Stadt. Egal welche«, beantwortete Nathaniel die Frage des Mönches. Er schien keinen Blick für den Ort zu haben, an dem sie sich befanden.
»Ein gutes Ziel.«
Der Mönch warf einen kurzen Blick über die Schulter und schaute geradewegs in Walkers verschiedenfarbige Augen.
Hier, im Schutz von Gottes gnädiger Hand, hatte er auf seine Kapuze verzichtet. Er wollte sich an einem heiligen Ort wie diesem nicht verstecken, und bisher bereute er diese Entscheidung nicht. Nur unter der flüchtigen Beobachtung fühlte er sich auf einmal doch unwohl.
»Unsere Familien wollten ihn töten«, erklärte Nathaniel, wonach niemand gefragt hatte.
Die weißen Augenbrauen des Mönches hoben sich auf seiner runzeligen Stirn.
»Er hat nichts verbrochen«, ergänzte er. »Aber deswegen sind wir auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Leider gehen wir davon aus, dass unsere Reise sich bis dahin schwierig gestalten könnte.«
»Ich befürchte, damit liegt Ihr richtig. Selbst nach den vielen Jahren fällt es den Menschen schwer, ihre Art zu akzeptieren.«
Sie hielten vor der Tür eines kleinen Hauses, die der Mönch für sie öffnete. Dabei fiel Walker zum wiederholten Male auf, wie anders dieser Ort hier war. Alles, was sie zu sehen bekamen, war aus Stein gebaut. Nicht aus Holz, wie sie es gewohnt waren.
»Dabei haben sie auch ein Recht zu leben.« Nathaniel trat durch die Tür hindurch.
»Natürlich haben sie das. Ein jeder von uns hat das. Deswegen freut es mich, zu sehen, dass Ihr bereit seid, diesen Weg gemeinsam zu bestreiten.«
»Nun, wir sind zusammen aufgewachsen.«
Der Mönch blieb auf dem Flur stehen und drehte sich zu ihnen um. »Es ist nicht vonnöten, Eure Beweggründe zu erklären. Ich wusste schon, dass Ihr über ein gutes Herz verfügt, als ich Euch zwischen den Obstbäumen sah.«
»Danke.«
Walker entging nicht, wie sein Freund versuchte, sein geschmeicheltes Lächeln mit einer neutralen Miene zu überspielen.
»Dafür nicht. Nun denn, hinter dieser Tür befinden sich Eure Räumlichkeiten für die Nacht. Ich hoffe, sie sind zu Eurer Zufriedenheit. Falls Ihr darüber hinaus etwas benötigt, zögert nicht, nach mir zu rufen. Ihr findet mich gegenüber oder in der Kirche.«
»Vielen Dank«, wiederholte Nathaniel. Offenbar waren ihm unter dem Lob die Worte ausgegangen.
Das Zimmer war winzig und bot ihnen lediglich zwei mit Stroh gefüllte Säcke als Betten. Zudem war die Luft kalt und die Fensterläden schienen ihre besten Jahre lange hinter sich zu haben. Doch es reichte für Walker und Nathaniel. Sie hatten beide keine hohen Ansprüche an ihre Bleibe und waren schlichtweg froh darüber, sich hier ausruhen zu dürfen.
»Wir haben vergessen, ihn nach seinem Namen zu fragen«, bemerkte Nathaniel. Dabei ließ er seinen Beutel fallen und zog sich sei Hemd über den Kopf.
Walker hob die Schultern. Nicht in Gleichgültigkeit, wie Nathaniel wusste. Im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit hatte er gelernt, mehr hinter den Gesten seines Freundes zu lesen, und ihm war bekannt, dass Walker niemals unhöflich war.
Er schlüpfte aus seinen gebundenen Lederschuhen und stellte sie zu seinem Gepäck ans Fußende einer der Matratze, ehe er sich auf die Matratze fallen ließ. Etwas, wovon Walker noch weit entfernt war. Dieser schälte sich aus seinem Umhang und faltete ihn feinsäuberlich zusammen, um ihn anschließend am Kopfende seines Lagers abzulegen.
Es kam selten vor, dass Nathaniel ihn ohne den Umhang zu Gesicht bekam. Walker trug ihn ausnahmslos jeden Tag. Im Sommer genauso wie im Winter. Von den frühen Morgenstunden bis in den tiefen Abend hinein und manchmal auch zum Schlafen. Umso mehr freute Nathaniel sich darüber, wenn dem mal nicht so war. Er las daraus eine Geste des Vertrauens, die er gerne entgegennahm.
Er richtete sich abrupt auf, als es plötzlich an der Tür klopfte. Was nicht unwesentlich daran lag, dass Walker wie ein verschreckter Hase herumfuhr. In Walkers Gegenwart fiel es selbst Nathaniel schwer, Ruhe zu finden. Sie waren zwar keiner Gefahr ausgesetzt, aber in einer fremden Umgebung erlaubte er sich nicht, seine selbstauferlegte Wachsamkeit abzulegen. Er musste sich immer konzentrieren – auf die Gegend, auf Walker; darauf, dass sein Freund sicher war. Nathaniel könnte sich niemals verzeihen, wenn ihm etwas zustieß, und er glaubte nicht daran, dass Walker sich selbst verteidigen konnte.
Aber dieses Mal gab es für seine Alarmglocken keinen Grund. Herein kam nur der Mönch, der ihnen einen Krug Wasser hinstellte und sich anschließend wieder zurückzog. Schweigend, dafür mit einem sanften Lächeln. Die Sonne war endgültig hinter den Wäldern verschwunden. Ein Umstand, der es dem Mönch verbot, weitere Worte mit ihnen zu wechseln. Was schade war, denn Nathaniel war noch kein bisschen müde und hätte sich zu gerne länger mit dem Mann unterhalten, der sie schnell wieder allein ließ.
So hingegen musste er sich zwangsläufig mit seinen eigenen Gedanken beschäftigen. Mit den Gedanken, die um Walker kreisten, der zu wenig auf sein eigenes Wohlergehen achtete. Es war ihm von ihrer Familie im Laufe der vielen Jahre ausgetrieben worden.
Während alle anderen Mittags eine Pause einlegten, hatte Walker weiterhin die Tiere versorgt, Reparaturen erledigt oder auf den Feldern gearbeitet. Und wenn das Essen im Winter knapp geworden war, war er der erste gewesen, der keines mehr bekommen hatte. Täglich hatte man ihn angeschrien oder herumgeschubst, und in seltenen Fällen hatte man sogar die Hand gegen ihn erhoben. Bloß, weil er ein Walker war.
Dabei hatte er nie irgendetwas getan, was eine derartige Feindseligkeit rechtfertigte. Im Gegenteil, er hatte sich nie beschwert, hatte kein einziges Mal seine Pflichten verweigert.
Sich nie gewehrt.
Walker stand nie für sich ein. Glaube wohl, dann endgültig der Böse zu sein. Umso mehr sah Nathaniel es als seine Aufgabe, ihn zu verteidigen. Insbesondere in den vergangenen Monaten.
Die Geschichte über das verbrannte Dorf hatte neue Unruhe gesät, was zu mehr Abscheu gegenüber Walker führte. An manchen Tagen war es so schlimm gewesen, dass Nathaniel in der Sorge baden musste, Walker würde den Tag nicht lebendig überstehen. Weshalb ihn auch an diesem Abend abermals der Hass darüber zerfraß, nicht früher richtig eingegriffen zu haben. Er hatte jeden Tag gesehen was die Menschen taten – und trotzdem waren sie viel zu lange dortgeblieben.
Er schüttelte die Gedanken ab und verkroch sich in sein Nachtlager. Die Vergangenheit galt nicht länger. Ja, er hatte Zeit vergeudet, aber letzten Endes hatte er das Richtige getan. Nur das zählte.
Und während er sich diesen Satzwieder und wieder vor Augen führte, bemerkte er allmählich etwas anderes: ein Geräusch, leise und unregelmäßig, das irgendwo aus der Dunkelheit in seine Ohren drang.
Murrend, weil er nun doch müde wurde, rollte er sich auf die Seite und starrte in die Finsternis. »Was machst du da?«
»Nichts«, kam die viel zu schnelle, erschrockene Antwort von der anderen Seite des winzigen Zimmers.
Schlagartig war er hellwach. »Du kannst sprechen?«
Es blieb still in der Dunkelheit.
Nathaniel richtete sich auf. »Du musst gar nicht so tun, ich habe dich gehört! Du kannst sprechen!«
Ein tiefes Seufzen ertönte, dicht gefolgt von einer vom langen Schweigen rauen Stimme: »Natürlich kann ich sprechen.«
»Warum wusste ich das nicht?«
Durch das graue Licht des Mondes, das durch die kaputten Fensterläden fiel, konnte Nathaniel erahnen, wie Walker die Schultern hob.
»Antworte!« Er flehte fast. Die Erkenntnis der existierenden Stimmbänder seines besten Freundes änderte so viel an allem, was er gewusst geglaubt hatte.
»Weil du vergesslich bist«, kam zu seiner Erleichterung die Antwort aus den Schatten.
»Was soll das denn heißen?«
»Dass du vergesslich bist.« Walker klang belustigt. Es war etwas, von dem Nathaniel niemals gedacht hätte, es jemals zu hören. »Als Kinder haben wir viel miteinander geredet, weißt du das nicht mehr?«
»Das muss Ewigkeiten her sein.«
»Und?«
»Warum hast du aufgehört?« Nathaniel ärgerte sich schwarz darüber, etwas so Wichtiges vergessen zu haben. Er hörte das Stroh unter Walkers Körper rascheln, als dieser sich auf den Rücken drehte. »Wegen Magdalena.«
»Magdalena?« Unglaube lag in Nathaniels Stimme. Magdalena war eine Bewohnerin ihres Heimatdorfes. Sie besaß eine kleine Herde Schafe, auf die Nathaniel und Walker früher oft zusammen aufgepasst hatten, doch mehr verband sie nicht.
»Ich war traurig, als Mutter gestorben war«, begann Walker zu erzählen. Der belustigte Unterton war verschwunden, stattdessen klang er nun, als wäre er mit den Gedanken meilenweit entfernt. »Ich habe nicht begriffen, was ihr Tod bedeutet und habe oft gefragt, wann sie zurückkommt. Bis Magdalena genug davon hatte. Sie drohte, mir die Zunge herauszuschneiden, wenn ich noch ein weiteres Wort verliere. Also habe ich geschwiegen.«
Nathaniel fiel die Kinnlade herunter. »All die Jahre?«
»Ich habe schnell gemerkt, dass es ohnehin niemanden interessiert, wenn ich etwas zu sagen habe.«
»Mich hätte es interessiert.«
»Mag sein, aber du hast mich auch ohne Worte verstanden. Außerdem …«
»Außerdem?«
Walker seufzte ein zweites Mal – diesmal klang es, als wäre ihm das Sprechen zu anstrengend geworden. »Ich dachte, wenn ich schweige, willst du irgendwann nicht mehr mit mir befreundet sein.«
Mit einem Blick, als hätte Walker gerade mit bloßen Händen einem Huhn den Kopf abgerissen, starrte Nathaniel in die Dunkelheit. »Warum sollte ich nicht? Und warum solltest du das wollen?«
»Damit es leichter für dich ist, wenn du mich töten musst.«
Kapitel 4
ein Name mit Geschichte
Töten.
Nathaniel wollte Walker nicht töten. Selbst wenn er müsste, er wäre nicht in der Lage dazu. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten die letzten zwanzig Jahre jeden einzelnen Tag gemeinsam verbracht. Wie könnte er jemanden töten, mit dem er so viel Lebenszeit teilte? Und wie konnte Walker so leichtfertig darüber sprechen?
Egal, wie lange Nathaniel über das Gesagte grübelte, er verstand es nicht. Das Wissen darüber, dass Walker eines Tages den Tod finden musste, begleitete ihn zwar in jedem Augenblick seines Daseins, dennoch hatte er nie darüber nachgedacht, dass er es sein würde, der ihm das Leben nahm.
Sicher, er hatte oft überlegt, wie es sein mochte, wenn Walker den Verstand verlor. Auch wie es wäre, wenn sie beide in diesem Moment allein wären. Aber selbst in den Tiefen seiner Gedanken brachte er es nicht über sich, seinem Freund auch nur ein Haar zu krümmen.
Es war falsch.
Unvorstellbar.
Absurd.
Eher würde er sterben, als diesen Schritt zu gehen. Also tat er das Einzige, was ihm in dieser Nacht übrig blieb, und verbannte Walkers Worte aus seinem Kopf. Er legte sie in Ketten, ertränkte sie in dem tiefen See seines Bewusstseins und erlaubte sich nicht, jemals wieder nach ihnen zu tauchen.
Deswegen dachte er auch am nächsten Morgen nicht darüber nach, als sie gemeinsam mit den Mönchen ihr Frühstück zu sich nahmen. Er dachte nicht darüber nach, als sie das Kloster hinter sich ließen, und er dachte nicht darüber nach, als sie am selben Abend drei Dörfer weiter in einem Stall übernachteten. Ein Schlafplatz, den sie sich durchs Holzhacken und Versorgen von Tieren verdienten, nachdem Fabios sich nicht dazu bereit erklärt hatte, sie nach Habichtsrode zu bringen. Er hatte Verpflichtungen, denen er nachkommen musste, und sie akzeptierten diese Entscheidung.
Nathaniel streckte die Glieder von sich und kuschelte sich in sein Nachtlager. Mit der untergehenden Sonne war die Luft kalt geworden, aber hier, unter einem Dach mit den Tieren, ließ es sich gut aushalten. Besonders mit gefülltem Magen und dem Duft von frischem Stroh in der Nase. Alles war perfekt.
Er fühlte sich sogar sicher, hier ein paar Stunden Ruhe zu finden, denn die Bewohner des Dorfes waren Walker gegenüber nicht feindselig gestimmt. Was vielleicht nur daran lag, dass sie nicht wussten, was er war. Oder es interessierte sie tatsächlich nicht. Auf jeden Fall hatte niemand ihn gebeten, die Kapuze abzunehmen und seine Augen zu zeigen. Mehr zählte nicht.
Somit war das Einzige, was ihn störte, das Geräusch, das auch in dieser Nacht wieder in seine Ohren drang und ihn vom Einschlafen abhielt.
Nathaniel richtete sich auf und sah zu seinem Freund hinüber, der eine gute Armlänge von ihm entfernt saß. Offenbar noch nicht ganz bereit, sich ins Bett zu legen.
»Was machst du?«, wiederholte er seine Frage vom vergangenen Abend.
»Ich denke nach.«
Misstrauisch kniff Nathaniel die Augen zusammen. Er glaubte Walker kein Wort, denn zum Nachdenken musste man sich nicht bewegen. Allerdings hatte er keine Möglichkeit, seine Aussage zu hinterfragen. Im Stall war es stockfinster. Das Dach ließ kein Sternenlicht hindurch, weshalb ihm nur die schattenhaften Silhouetten blieben, aus denen man kaum etwas lesen konnte.
Frustriert rollte Nathaniel sich auf den Rücken. »Über was?«
Das Geräusch verstummte, wurde aber gleich darauf von dem Rascheln des Strohs abgelöst. Walker schien sich endlich schlafen zu legen.
»Einen Namen«, kam die Antwort aus der Dunkelheit, als auch das Rascheln verstummte.
»Einen Namen?«
»Ich glaube, es könnte von Vorteil sein, wenn ich mir einen neuen suche.«
»Das glaubst du gut.« Nathaniel verschränkte seine Arme unter dem Kopf. Er hatte sich schon seit ihrem Aufbruch aus dem Kloster Gedanken gemacht, wie sie Walker in Zukunft nennen sollten. Umso besser fand er, dass sein Freund sich selbst den Kopf darüber zerbrach.
»Ich würde gerne heißen wie damals«, sprach Walker weiter.
Ein Satz, unter dem sich Nathaniels Brustkorb zusammenzog. Wie damals? Er runzelte die Stirn. Walker hatte einen Namen gehabt, daran erinnerte er sich. Aber welchen? Wie hatten sie ihn genannt, bevor seine Mutter gestorben war? Wie hatte er ihn genannt?
»Du erinnerst dich auch nicht, oder?«
Walkers Stimme war kraftlos, was gleichermaßen für Trauer und Erschöpfung sprechen konnte. Ihre Reise musste für ihn besonders anstrengend sein, immerhin betraf ihn die ganze Aufregung ein gutes Stück mehr.
»Tut mir leid.« Am liebsten hätte Nathaniel sich für seine eigene Vergesslichkeit in den Hintern gebissen. Wer vergaß bitte den Namen seines besten Freundes? Dreizehn Jahre hin oder her, ein Name blieb für immer ein wichtiges Wort. »Er fällt uns bestimmt wieder ein. Und wenn nicht, finden wir einen Neuen.«
»Bestimmt.«
Walker klang wenig überzeugt und Nathaniel hörte, wie er stockte, als wollte er noch etwas anderes sagen. Was er nicht tat.
»Hättest du denn schon eine Idee?«, hakte Nathaniel deswegen vorsichtig nach.
»Nein. Aber wenn, möchte ich einen mit Geschichte.«
»Mit Geschichte?« Nathaniel gähnte. Je länger er in der Dunkelheit lag, desto müder wurde er, obgleich er Walker gerne länger zugehört hätte. Er genoss es sehr, dass sein Freund endlich sprach. Seine Gedankenwelt interessierte ihn brennend und es gefiel ihm, dass Walker von sich aus gewillt war, sie mit ihm zu teilen. Auf diese Weise konnte er fast vergessen, dass sie dreizehn Jahre lang nicht die Möglichkeit dazu hatten.
»Ja.« Walkers Stimme glich einem Flüstern. Dann war es wohl doch nur die Müdigkeit gewesen, die in seinen Knochen steckte. Ein beruhigender Gedanke, denn Nathaniel hasste nichts mehr, als Walker leiden zu sehen.
»Den finden wir.« Ihm fielen die Augen zu, was in Anbetracht der Finsternis keinen Unterschied machte. »Ganz bestimmt.«
»Ich hoffe es«, gähnte Walker. »Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Letzten Endes war es gut gewesen, dass Fabios ihnen nicht helfen konnte. Auf diese Weise durchquerten sie am darauffolgenden Tag viele Orte, die sie andernfalls nicht bis ins kleinste Detail zu sehen bekommen hätten, und eben diese Orte ließen ihre Vorfreude auf die Stadt erblühen.
Hier, in der bergigeren Region des Landes, unterschieden sich die Dörfer sehr von ihrem Zuhause. Obwohl es mindestens genauso viel Wald gab, waren die Gebäude vermehrt aus Lehm und Stein gebaut. In den letzten zwei Dörfern, die sie passierten, hatte es sogar zweistöckige Wohnhäuser, große Ställe und teilweise befestigte Straßen gegeben. Außerdem prachtvolle Kirchen, die Walker sich gerne genauer angesehen hätte.
Andererseits hatte er ebenso gerne vorwärtskommen wollen. Eine weitere Nacht wollte er nicht in fremden Häusern übernachten. Auch, weil sie nie wissen konnten, wie gastfreundlich die Menschen in dieser Region Walkern gegenüber waren.
Deswegen zogen sie unentwegt weiter, obwohl sie beeindruckt waren, welche Möglichkeiten die Natur der Menschheit bot und wie fortschrittlich die Welt war. Hier, wo alles besser werden würde, wenn sie ihr Ziel erst einmal erreichten.
Falls.
»Ich. Kann. Nicht. Mehr«, stöhnte Nathaniel, als sie zur Abenddämmerung zwischen zwei Ackern hindurchgingen. Es regnete seit geraumer Zeit. Die aufgeweichte Erde schmatzte unter ihren Sohlen und das stetig prasselnde Wasser saugte sich in ihre Kleidung. Unter dem freien Himmel erst recht, aber das Blätterdach des Waldes hatte dagegen mindestens genauso wenig Abhilfe geschaffen.
»Wir sind gleich da.« Walker schaute über den Acker hinweg zu den Stadtmauern, die sich pechschwarz vor dem grauen Himmel erhoben.
Sie war ganz nah.
Wenn Walker sich nicht irrte, lagen keine fünfhundert Schritte zwischen ihnen und ihrem Ziel, weshalb es ihn umso mehr ärgerte, dass Nathaniel ausgerechnet jetzt schlappmachte.
»Egal.« Nathaniel ließ seinen Leinenbeutel fallen und setzte sich keuchend auf einen hüfthohen Felsen. »Ich kann nicht mehr. Bitte, lass uns eine Pause machen.«
Walker musterte seinen Freund. Erst voller Ärger, bis seine Gefühle sich in Sorge wandelten. Der Regen tropfte aus Nathaniels braunen Haaren, und seine Schultern hoben und senkten sich unnatürlich schnell unter seinen Atem. Er sah elendig aus und musste mit seinen Kräften tatsächlich am Ende sein.
»Und wenn ich deine Sachen trage?«
Im Gegensatz zu seinem Freund fühlte Walker sich gut. Durch das Gepäck tat sein Nacken weh, aber davon abgesehen konnte er sich nicht beschweren. Er schaffte es, aufrecht zu stehen und in seinen Lungen gab es noch genügend Luft.
Was alles mitunter daran lag, dass der Ausblick auf die Stadt seine Laune hob. Stünden sie gerade mitten im Nirgendwo, hätte er sich wegen seiner schmerzenden Füße wohl auf eine Pause eingelassen.
Sie hatten sich auf ihrem Weg kaum ausgeruht. Nur zwei Mal hatten sie eine kurze Rast eingelegt, aber ihr Ehrgeiz hatte sie beide Male nur kurz an Ort und Stelle gehalten. Sie waren motiviert gewesen, die Stadt heute zu erreichen, obwohl es keinerlei Unterschied machte. Heute, morgen, nächste Woche – niemand erwartete sie. Und tagsüber standen die Chancen, irgendwie ein neues Leben aufzunehmen, weitaus besser als am Abend.
»Nein.« Nathaniel atmete einmal tief durch. »Das ändert nichts, meine Füße bringen mich um. Gib mir einen Moment, bitte.«
Walker legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf in den wolkenverhangenen Himmel. Sie brauchten dringend einen Unterschlupf und je länger sie warteten, desto geringer wurde die Wahrscheinlichkeit, einen zu finden. Um diese Uhrzeit gab es kaum etwas, womit sie eine derartige Gütigkeit begleichen konnten, und die wenigsten Leute ließen sich im Nachhinein bezahlen. Davon abgesehen befürchtete er, die Wachen könnten bald die Tore vor ihnen verschließen.
»Ich kann auch dich tragen«, schlug er daher vor. Ihm wurde immer kälter. Er sehnte sich nach frischer Kleidung und einem Bett. Besser wären nur ein kleines Feuer und eine Mahlzeit. Ihre Vorräte, die sie im Kloster hatten auffüllen können, waren längst verbraucht und sein Magen knurrte wie ein Tier.
---ENDE DER LESEPROBE---