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Die vampirischen Monsterjäger sind wieder da. Allerdings sind sie nicht mehr für den Vatikan tätig, sondern kämpfen gegen ihn. Die Heiligen führen den Vatikan hinter den Kulissen, doch jetzt ist ihre Zeit der Herrschaft gekommen. Ein nervenaufreibender Kampf um den Vatikan beginnt. Auf ihrer neuen weltumfassenden Reise treffen die Wesen aus der Schattenwelt alte Freunde und Feinde.
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Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Andrea Appelfelder
Die Blutgarde
Die Rückkehr der Monsterjäger
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Anfang
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Ende
Abspann
Danksagungen
Quelle
Impressum neobooks
Die
Blutgarde
Die Rückkehr der Monsterjäger
Andrea Appelfelder
Das folgende Werk ist rein fiktionaler Natur. Jegliche Ähnlichkeiten zu bereits existierenden Namen, Figuren und Orten sind reiner Zufall und haben nichts mit diesen zu tun.
Egal wie du aussiehst und wie man dich bezeichnet, wenn du Tränen vergießt, weil dein Herz und deine Seele von Kummer, Pein und Schmerz gezeichnet sind, bist du kein Monster.
Als Monster bezeichnen werden lediglich die, die kalt und unberührt unter den unschuldigen Tod, Chaos und Zerstörung säen.
Sie mögen zwar die Gestalt eines Menschen haben, aber sie sind die wahrhaftigen Monster in der düsteren Welt der übernatürlichen Kreaturen.
Zitat des Anführers der Blutgarde
12. Juli 2114
Einige Meter vom Vatikan entfernt
Ein schwaches Licht durchbrach in der unendlichen und grauenerregenden Dunkelheit die Finsternis. Dieses erleuchtete eine unwirklich erscheinende Person, die nach etwas zu suchen schien.
Aber nach was hielt die Person, die sich als junger Mann, der eine dunkle Jeans und ein weißes Shirt trug, entpuppte, Ausschau? Während er sich immer weiter nervös umschaute, bemerkte man, dass er etwas mit sich trug. Aber was hatte dieser Mann mit den dunklen Haaren und den grünen Augen in der Hand? Alles deutete auf eine gefährlich Waffe hin, aber was wollte er damit in dem friedlichsten Staat der Welt?
Während der junge Mann noch Gedankenvorloren vor sich hinstarrte und kein genaues Ziel zu haben schien, tauchte wie aus dem Nichts eine zweite Person, die sich als eine sehr ansehnliche junge Dame mit einem blutroten Rüschenkleid mit blondem Haar herausstellte, auf.
Diese Frau stolzierte mit ihren ebenfalls roten High Heels geradewegs auf den Jungen mit den langen, etwas struppigen Haaren und dem ebenmäßigen Gesicht zu. Sie sah ihn dabei nur abschätzig an. „Bist du endlich so weit? Du wolltest doch nur kurz den besten Weg auskundschaften und jetzt stehst du nur blöd hier in der Gegend herum. Ich will diesen verdammten Menschen schnell umbringen und dann zur Maniküre. Meine Nägel sehen einfach schrecklich aus. Diese ständige körperliche Arbeit, die diese Männer uns zumuten, tut mir gar nicht gut.“
Der Mann, der jetzt den Gegenstand in seiner Hand deutlich zeigte und ruhelos mit ihm spielte, sah etwas beschämt zu Boden. Er ignorierte die gesprochenen Sätze der jungen Frau und sprach seine Bedenken leise aus. „Mir ist dabei gar nicht wohl. Er ist immerhin das geistige Oberhaupt der Kirche. So war das außerdem nicht ausgemacht, ich will nicht von allen Seiten gehasst und gejagt werden.“
Er blickte reumütig hoch und konnte in einiger Entfernung den Palast des Heiligen Vaters nur noch deutlicher erkennen. Dieser war genauso prachtvoll und wunderschön wie er immer schon gewesen war. Schließlich wurde er schon 1508- 1519 erbaut. Der Apostolische Palast oder einfach nur als Papstresidenz bekannte Gebäudekomplex hat eine Fläche von fünfundfünfzigtausend Quadratmetern und eintausendvierhundert Räume.
Der Werwolf kannte diesen Ort nur zu gut, denn er wohnte auch dort. Er hatte sein zu Hause allerdings in einem der unzähligen versteckten Räume im Keller. Den Heiligen, die Ihn dort einquartiert hatten, war es am liebsten, wenn keiner von seiner Existenz erfuhr oder zu mindestens davon, dass er in Wirklichkeit ein Werwolf war.
Er spürte, wenn er an diesen Raum dachte, in dem er nun Leben musste, die Trauer und die Einsamkeit, die er schon in den Kerkern erfahren hatte. Er schloss die Augen und dachte an die vielen grausamen Experimente, die die in weiß gekleideten Wissenschaftler in den letzten Monaten seinem Körper und seiner Seele angetan hatten. Am liebsten würde er sofort anfangen zu schreien und zu weinen oder sich vor Scharm sein Leben lang verkriechen. Allerdings verspürte er auch in seinem Inneren das Gefühl nach Rache und Blutdurst nach seinen Peinigern.
Seit den Ereignissen um seinen ehemaligen Meister waren mittlerweile mehrere Monate vergangen, allerdings trauerte er diesem nicht hinterher. Dieser Vampir hatte Ihn auch nur für seine Machenschaften missbraucht. Aber nichtsdestotrotz war er ihm dankbar, Arvato hatte ihm die Freiheit gegeben, nach der er sich gesehnt hatte. Der junge Mann starrte weiterhin auf das Gebäude und wusste, dass ihnen dort drinnen niemand das Wasser reichen konnte. Seit dem Fortgehen der Beschützer des Vatikan hielt dieser sich mehr schlecht als recht. Seines Wissens nach, hatten die Feinde mehr als nur einmal versucht, sie zu überrennen, aber dank der Lehnstreue und blutigen Verlusten der mutigen Soldaten war es ihnen gelungen, ihren Stand auch weiterhin zu halten.
Er schluckte schwer. Der Werwolf hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er an die derzeitige Situation dachte, an der er nicht ganz unschuldig war. Aber trotzdem stand er zu seinen Taten. „Es ist eine Sache, für sie Vampire und andere Ungeheuer zu vernichten, aber den Papst töten? Das können wir doch nicht tun. Was ist, wenn man uns erwischt oder wir es gar nicht schaffen? Oder wenn wir es schaffen? Alle werden uns für diese Tat hassen. Ich meine natürlich, noch mehr als ohnehin schon.“
Die junge Frau, die fast schon wie eine makellose und unbezahlbare Porzellanpuppe wirkte, mit einer weißen Haut, der perfekten Nase eines Engels und den vom Rouge geröteten Wangen, wurde ungeduldig und öffnete ihren rot geschminkten Mund und zeigte, dass auch sie ein Monster mit scharfen Zähnen war. „Ich lasse mir doch von einem gefühlsduseligen dreckigen Werwolf wie dir keine Vorschriften machen. Lupi vergiss nicht, nur weil wir zusammenarbeiten, sind wir noch lange keine Freunde. Ich bin dir nicht nur Kräftemäßig überlegen, weil ich auch sehr viel älter bin als du, sondern auch noch kultivierter, hübscher und intelligenter. Ein altes Vampirsprichwort sagt nicht umsonst, dass wir das Gehirn sind und ihr die Muskeln seid. Außerdem hätte ich dich nicht für einen solchen Feigling gehalten.“
Der als Werwolf geoutete starrte sie verlegen, aber auch wütend, aus großen grünen Augen an. „Wieso bist du nur immer so? Wir sind alle Wesen gleicher Natur, Wesen der Finsternis. Wir müssen keine Feinde sein, aber wir müssen natürlich auch keine Freunde werden. Das will ich auch gar nicht und genau das gabst du mir auch schon nach unserem ersten Treffen zu verstehen, aber wir können doch respektvoll miteinander umgehen.“
Lisa Lorelle strich sich durch ihr goldenes Haar und rollte genervt mit ihren lebhaft wirkenden, grünen Augen. „Von mir aus. Ich will das alles nur beenden und dass meine Nägel endlich eine neue Farbe bekommen. Mir gefällt es nicht, wenn sie so blass und farblos sind.“
Lupi schüttelte nur mit dem Kopf und dachte bei sich: Sie ist wie ihr Vater. Ich kenne ihn zwar nur aus Erzählungen, aber genauso beschrieb man mir diese Person. Menschliches Leben ist für solche Wesen nichts wert, im Gegenteil. Für sie sind Menschen weniger wert als die Farbe ihrer Fingernägel. Auch wenn er sie nun mal so kannte, war er trotzdem enttäuscht, schockiert und angeekelt.
Den nächsten Gedanken sprach er unbedacht und eigentlich viel zu laut aus. „Was machen wir nun mit ihm?“
Sie lächelte ihn nur ungläubig und unschuldig an. „Das steht doch überhaupt nicht zur Debatte. Wir führen unseren Auftrag aus. Ich will schließlich wissen, wer meine Mutter getötet hat. Du hast doch auch ein Ziel: Du willst diesen Jungen mit den blauen Augen wiedertreffen.“
Ihr Charakter veränderte sich plötzlich von einem Moment auf den anderen. Sie kicherte nun wie ein Schulmädchen, das mit ihrer besten Freundin sprach. „Verrate mir mal wieso? Ist er dein Freund? Oder vielleicht auch mehr, so oft wie du nach ihm fragst? Aber ich würde mir keine zu großen Hoffnungen machen. Die Heiligen meinten doch, dass er ein Vampir ist. Schatz, ein Vampir wird dich niemals lieben. Übrigens sag mal! Ist er hübsch? Vielleicht ist er ja etwas für mich.“
Lupi reichte das aber völlig und zeigte nun auch seine Zähne, er knurrte sie zähnefletschend an. Mit dieser Geste versetzte er seine jugendlich wirkende Kollegin in Angst und Schrecken: „Was ich von ihm will, geht dich nicht das Geringste an, verdammte Vampirin!“
Die Angesprochene entfernte sich einige Meter von ihrem wenige Jahre älter aussehenden Kollegen. Sie fürchtete sich seit ihrem Kennenlernen nun zum ersten Mal vor ihm. Er war bislang trotz seiner Abstammung immer nett und kultiviert gewesen. Doch verstand sie nicht, wieso er sich in diesem Moment so aufregte. Sie überlegte und entschloss sich schließlich zu einem Schritt, den sie nie für möglich gehalten hätte. „Entschuldigung, aber ich wollte dir mit meinen Worten nicht zu nahe treten. Ich werde nicht wieder fragen. Diese Sache ist einzig und allein deine Angelegenheit. Aber wir müssen jetzt langsam mal hinein. Der Mond steht günstig und nur zur Anmerkung: Wenn wir uns weigern, unsere Arbeit zu tun, werden uns die Heiligen mit ihren mörderischen Kräften auslöschen. Also, wenn du den Dolch nicht willst, gib ihn mir. Wenn du obendrein Angst hast, dass man dich wiedererkennt, dann verwandle dich einfach in einen Werwolf, aber bitte bedenke eines: Ich war heute nett zu dir und deswegen töte mich nicht in deiner unendlichen und blutig ausfallenden Raserei.“
Lupi fragte sich, ob er die Entschuldigung wirklich als Nettigkeit verstehen konnte und gab den bunt verzieren Dolch, welchen ihm die Heiligen übergeben hatten, weiter. Er war ohnehin eines Werwolfs unwürdig. Er könnte nicht mehr unter Seinesgleichen treten, wenn diese davon erfuhren.
Der Werwolf starrte die Vampirin noch kurz an, verzog sich dann in die Büsche. Dort drehte er sich weg und streifte hastig seine Kleidung ab, um sie dort zu verstecken und verwandelte sich dann binnen von einigen Momenten mit einem knirschenden Geräusch in einen gefährlichen und dunkel behaarten Werwolf. Die Kreatur der Finsternis stand jetzt einfach nur auf seinen Hinterläufen, verharrte noch einen Moment und sog die Gerüche der Nacht in sich auf. Er versank völlig in seiner eigenen Welt und wurde eins mit der Natur um Ihn herum, währenddessen erholen er sich von den Strapazen die diese Metamorphose mit sich brachte. Er brach sich jedes Mal alle Knochen im Leib, wenn er diese Prozedur durchmachte. Sie verformten und veränderten sich so, dass sie sich an seine neue Gestalt anpassen konnten.
Nachdem die Kreatur sich wieder an diese Veränderung gewöhnt hatte, besann er sich noch einmal auf die angesprochenen Gedanken. Er war auch früher kein Heiliger gewesen, hatte sich aber in den letzten Wochen mit seiner düsteren Rolle und der undurchsichtigen Erzählung der Heiligen abgefunden. Aber was blieb ihm für eine Wahl?
Er hatte damals nichts mehr in dieser Welt, für was es sich zu leben lohnte. Die Heiligen hatten dem Werwolf ein Leben ermöglicht, in dem er, in der wirklichen Welt leben konnte, ohne sich für seine Andersartigkeit schämen zu müssen. Er hatte sich in den letzten Monaten das eine für ihm wichtige Ziel gesetzt: Er wollte unbedingt den Jungen mit den blauen Augen wiedersehen.
Er sah noch einmal auf, blickte erst zum Mond, der schon fast einen Vollmond bildete, und schätzte dann kurz den Abstand zwischen ihm und dem Vatikan ab. Als das passiert war, rannte er los, so schnell es ihm möglich war, immer seinem Auftrag entgegen. Er wusste, dass heute der eine Tag war, an dem der Papst sein Leben aushauchen würde. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht sagen ob er selbst der Mörder sein würde oder ob er letztlich kneifen würde und seine Partnerin es schließlich vollbringen würde.
Die beiden Komplizen hatten sich in ihrem Plan nicht wirklich abgesprochen. Sie hatte nur ausgemacht, dass Lupi den Heiligen Vater töten sollte. Aber einige Meter hinter dem Werwolf, der sich mit einem Heulen ankündigte, stürmte nun auch die Vampirin hinterher. Lupi kannte dieses anmutig schöne Wesen zwar schon seit einigen Monate, aber ihm schien es in diesem Moment ganz so, dass diese Frau wirklich kein Gewissen in sich trug und ihr alles außer sich selbst egal war. Das würde bedeuten, das sie jedes Wesen, was sich ihr auch nur ansatzweise näherte, umbringen würde.
Der Werwolf sprang ohne zu zögern über die Mauer des Papstpalastes und riss die Menschen, die sich ihm in den Weg stellten, in abertausende Stücke. Seine Freundin war allerdings nicht so effektiv wie er. Sie blieb schon nach einigen Momenten zum Trinken zurück.
Lupi, der jetzt nach dem Tod seines ersten Vatikanischen Opfers, endgültig zu einem behaarten und blutrünstigen Ungeheuer geworden war, kümmerte sich allerdings nicht um ihr Treiben und ließ sie einfach hinter sich zurück. Ihm war es egal, was aus ihr wurde. Die Vampirin hatte ihm schließlich zu verstehen gegeben, dass sie keine Freunde waren und auch niemals welche werden würden. Sie kümmerte sich nicht um sein Schicksal und er nicht um ihres.
Während diese Frau nun eigenmächtig handelte, verfolgte der junge Wolf ihr gemeinsames Ziel alleine weiter. Lupi hetzte durch die weiten Gänge und suchte nach dem Geruch, auf welchen er von seinen neuen Herren geprägt wurden war.
Er hatte keine Schwierigkeiten sein Ziel zu erreichen. Schließlich hatte er sein Opfer einige Male schon selbst getroffen, da er Verschiedenes für die Heiligen erledigt hatte. Aus diesem Grund stand er auch schon nach einigen Minuten vor der prunkvollen Saaltür, hinter der sein Opfer war. Der Werwolf lächelte und sah in seiner jetzigen Gestalt mit der Geste irgendwie eigenartig aus.
Dieser Mann sitzt auch heute wie selbstverständlich in seinem Saal und wartet auf die Anweisungen der Sechs Heiligen. Er ist so unglaublich verbohrt. Dieser Junge hat dem Papst doch schon einige Male mitgeteilt, dass er den Heiligen nicht vertrauen darf und jetzt stirbt er durch ihre Hand. Grundlegend stirbt er zwar durch meine Hand, aber diese Hand wird durch sie geleitet.
Er atmete noch einmal durch, stieß die Türen mit seinen scharfen Klauen auf und sprang durch das einzigartige, goldverzierte Portal. Viele Hilfesuchende hatten diese Türen schon aufgestoßen, aber niemals hatte es ein Attentäter bis hierher geschafft. Sie wurden normalerweise immer vorher aufgehalten, aber dafür war es einfach zu schnell und für seine Gegner zu unvorbereitet.
Der Wolf knurrte böse und sah sich die Anzahl seiner Feinde in dem Raum genau an. Einige Menschen, die sich in dem Saal versammelt hatten, scharrten sich verzweifelt um ihren geistigen Führer. Eine handvoll der mutigen Soldaten, die es noch nicht schafften, ihren Herren in Sicherheit zu bringen, stellten sich der Bestie todesmutig entgehen. Einer der Soldaten wiederum zog eine Waffe und beschloss den Wolf mit einigen Kugeln.
Der Wolf ließ sich davon aber nicht verschrecken. Er wich den Geschossen einfach aus, schnellte auf den Feind zu und Schlug ihm seine messerscharfen Klauen in den schutzlosen Rücken. Der Mensch, der es erst merkte, als es vorbei war, fiel zu Boden, wimmerte vor Schmerzen und hinterließ auf seiner dunklen Kleidung und dem Boden eine riesige Blutspur.
Die anderen Verbliebenen stellten sich nun auch vor ihren Schützling, wurden aber von dem Werwolf im Handumdrehen niedergestreckt noch bevor sie ihre gefährlichen Schusswaffen auf ihn richten konnten. Der Werwolf machte einfach nur kurzen Prozess und zerlegt sie binnen von Sekunden in ihre blutigen Einzelteile. Der Papst, der noch auf seinem Thron saß, ergriff, keine Angst zeigend, das Wort: „Weiche von mir, du Dämon! Wenn du das nicht tust wirst du sterben! Wir haben eine Spezialeinheit von Vampiren, die dich für deine Verbrechen niederstrecken werden! Ich muss sie nur rufen und Sie sind in wenigen Augenblicken hier!“
Die Kreatur trat näher. Sie wusste genau, dass er log, „Auch wenn ihr dieses Gerücht weiterhin kräftig schürt, so weiß ich doch, dass ihr schon seit geraumer Zeit auf euch gestellt seit. Ihr habt sie verloren, weil ihr gegen sie integriert habt. Jeder hätte euch dann verlassen. Soviel ich gehört habe, habt ihr sogar versucht, einen der Agenten der Einheit zu töten.“
Der Papst erschrak, nach dem Gehörten hielt er diese Lüge doch für den einzigen Weg zu überleben.
Er stand auf, lächelte noch einmal und ergriff die Flucht. Er wollte nicht sterben und versuchte in aller ihm zur Verfügung stehenden Schnelligkeit zu einem der riesigen Fenster zu kommen. Er hatte es auch schon fast geschafft, nur noch einige Schritte entfernt, plante er schon, sich mit aller Gewalt gegen die Scheibe zu werfen um nach draußen in den Hof zu kommen, dort, so war er sich sicher, würde er die Hilfe bekommen, die er jetzt brachte.
Doch kurz vor dem Ziel geschah es: Der stolze Papst, der in Gedanken versunken war, ging zu Boden. Allerdings war der Werwolf für diese Tat nicht verantwortlich.
Dieser hatte sich nach seinen Worten nicht mehr bewegt. Er haderte erneut mit seinem Schicksal und dem des Papstes. Er hatte zwar schon viele Leute auf dem Weg hierher getötet, aber bei diesem zögerte er.
Der Mensch wiederum, der mit Schmerzverzehrten Gesicht am Boden lag, war in seiner Hast über seine wallende Robe gestolpert und schien sich dabei am Knöchel verletzt zu haben.
Die Bestie sah ihn nur mit seinen großen unsicheren Augen an und dachte bei sich: Wie erbärmlich und du bist der Führer der so viele von uns getötet hat? Nein, hat töten lassen. Es stimmt doch, was die Heiligen gesagt haben. Er ist ohne Hilfe einfach nur ein schwacher Mensch. Dieser Schwächling hat sich seinen Status nur durch seine Vampire verdient. Die Monstereinheit hat so viele Wesen der Dunkelheit in seinem Auftrag vernichtet. Ohne sie ist er nichts. Ich muss, wenn ich an all das denke, jetzt wieder an diesen Jungen denken.
Ich erinnere mich jetzt auch an den Moment, nachdem meine Familie gestorben war und er in mein Gefängnis eintrat. Angel, er hat sich mit diesem großen Vampir, der der mich einst gefangen hat, unterhalten. Er hat den Tod meiner Familie sogar betrauert und er hat mich vor demselben Vampir in Deutschland beschützt. Wenn er nicht gewesen wäre, dann wäre ich niemals aus dem Schloss gekommen. Ich habe gleich, nachdem die Vampire den Saal verlassen haben, die Flucht ergriffen. Er ist auf jeden Fall der geborene Anführer und sollte selbst auf diesem Thron sitzen.
Auch wenn ich diese Vampire hasse, weil sie meine Familie ausgelöscht haben, so fühle ich mich doch auch irgendwie mitverantwortlich.
Er fixierte seinen Blick weiter auf den Papst. Dieser versuchte davon zu robben. Er sah das aber nicht als Gefahr und dachte mit Tränen in den Augen an seine Vergangenheit.
Wenn ich nicht bei diesen anderen, halbwüchsigen Wölfen gewesen wäre und nicht diese Schweinerei in der russischen Kirche angerichtet hätte... Wenn ich das nicht getan hatte, wäre meine Familie noch am Leben. Doch in meiner ganzen Wut muss ich gestehen, dass ich diesen Jungen nicht hasse.
Er blickte wieder auf den Papst. Dieser versuchte im kriechenden Zustand weiter zum Fenster zu kommen. Doch diesmal ließ ihn das Monster, was in diesem Moment so unglaublich traurige Augen hatte, nicht noch einmal davonkommen. Er stürzte sich auf sein Opfer und biss ihm ein Stück aus der breiten Schulter heraus. Der alte Mann schrie vor Schmerz auf und sein Peiniger spürte schon die Wachen des Papstes näher kommen.
Seine vampirische Freundin hatte es entweder nicht geschafft, sie aufzuhalten oder es war ihr wie immer egal gewesen.
Nun musste er schnell handeln. Viele von ihnen, mit Silber bewaffnet konnten auch ihm gefährlich werden, besonders weil er noch ein sehr junger Werwolf war. Er riss seinem blutenden Opfer binnen von Sekunden das Haupt vom Rumpf, er sah noch die leblosen Augen und den offenstehenden Mund ihrer Heiligkeit, bevor er den Blick abwendete.
Im selben Augenblick stürmten einige der hiesigen Soldaten mit scharfen Waffen im Anschlag den Raum.
Der Werwolf ließ sich davon jedoch nicht beirren und starrte sie einfach nur an. „Ihr seid gekommen um ihn zu retten. Von mir aus, hier ist euer heißgeliebter Papst.“
Mit diesen Worten warf er seinen Feinden den blutüberströmten Kopf zu, den er noch bis eben in der Pfote gehalten hatte, und stürzte sich blitzschnell aus dem Fenster. Die Scheiben barsten unter dem Druck seines Gewichtes und der Attentäter war verschwunden.
Die Soldaten der Weißen Garde folgten ihm zur geborstenen Scheibe und richteten ihre Waffen suchend umher. Sie sahen sich um, doch nichts war zu erkennen. Das Wesen schien nicht einmal den Boden berührt zu haben.
Der Werwolf war schon verschwunden und kümmerte sich nicht weiter um den Papst oder seine Partnerin. Er war Tod und schon fast vergessen und sie war alt genug und würde wohl auch nicht gleich sterben, wenn sie allein war. Außerdem hatte sie ihm bei diesem Auftrag erneut allein gelassen. Er war zwar um einiges jünger als sie, aber er nahm sich für die Zukunft vor, der Frau die Stirn zu bieten.
Wieder in der kleinen Lichtung seines Ausgangspunktes angekommen, verwandelte er sich unter enormen Schmerzen zurück. Nachdem er wieder ein Mensch geworden war, stand er völlig nackt da, so wie Gott ihn geschaffen hatte. Er zog seine Kleidung, die er zuvor in den Büschen versteckt hatte, wieder hastig an und grübelte wieder.
„Jetzt haben die Heiligen ihr erstes Ziel, über den Vatikan zu herrschen, glaube ich endlich erreicht. Natürlich glaube ich nur, dass es ihr erstes Ziel ist. Aber ich bin nur ein dummer Werwolf und was weiß ich schon von ihren Plänen. Sie würden mir so etwas doch ohnehin nie erzählen.“
Einige Tage später - Deutschland
Es war früher Mittag und eine wunderbare, grüne Landschaft und ein strahlender Sonnenschein bewegten sich in Windeseile an dem Fenster eines Hochgeschwindigkeitszug vorbei.
Ein junger, gutaussehender Mann mit kurzen, schwarzen Haaren saß am Fenster, auf einer blau bezogenen Sitzbank, welche eigentlich für zwei Personen ausgelegt war. Er hatte seinen Rucksack neben sich gestellt und die Beine auf seinem Sitz angewinkelt. Angel hatte seinen farblosen tragbaren PC, welchen er wie eine Ziehharmonika ausziehen konnte, auf dem Schoss liegen und sah gedankenverloren aus der von der Innentemperatur etwas beschlagenen Scheibe.
Der Knabe war fasziniert von dem was er sah und versuchte immer wieder einen Blick weiter hinaus in die unendlich schöne Landschaft zu erhaschen, aber der ICE ließ ihm dieses Vergnügen nicht umsetzen.
Der Fahrgast war vom fernen Japan in das Herz von Deutschland gekommen um erneut seiner altbekannten Arbeit nachzugehen. Während er die verfallenen Bahnhöfe, die gerade an ihm vorüber zogen, betrachtete und noch bei sich dachte, dass er schon wieder in Deutschland gelandet war, wurde er von einem Mann Ende fünfzig in einer blauen Uniform angesprochen. „Ihre Fahrkarte bitte.“
Der Angesprochene wühlte hektisch in seinem Rucksack nach seinem Portemonnaie und nach wenigen Sekunden hatte er es auch schon gefunden. Er zog die Karte aus der Börse und überreichte das Stück Papier mit einem kurzen Lächeln an den Schaffner.
„Bitte sehr.“ Dieser besah es sich skeptisch, fand aber keine Unregelmäßigkeiten und stempelte sie ab. Er übergab sie wieder an dem Besitzer und wollte schon seiner Wege gehen, aber der Junge hielt ihn noch kurz zurück.
„Könnten Sie mir bitte sagen, wann die Haltestelle Gera kommt? Ich bin noch nie hier gewesen und möchte es nicht verpassen.“
Der hilfsbereite Mann mit dem grauen Schnurrbart, der seinen Entwerter wegpackte, sagte: „Sie müssen noch zwei Haltestellen fahren und dann auf die Ansagen hören. Es sind vielleicht noch 10 Minuten.“
Der Kontrolleur schmunzelte. „Von wo kommen Sie eigentlich her? Sie haben einen eigenartigen Akzent.“
Der Junge überlegte nicht lange und antwortete: „Ich bin aus dem fernen Tokio hierher gekommen.“
Der Ältere sah ihn aus großen Augen an. „Da haben Sie einen weiten Weg hinter sich. Ich möchte Ihnen natürlich nicht zu nahe treten, aber wieso wollen sie nach dieser langen Reise ausgerechnet nach Gera? Diese Stadt ist schon nicht so schlecht, ich habe schon schlimmeres gesehen. Schön an ihr ist, dass sie im waldreichen Bundesland Thüringen liegt, aber dort gibt es nichts Besonderes. Oder besuchen sie vielleicht nur Verwandte?“
Der Reisende, der um die siebzehn Jahre alt sein musste, lächelte süffisant. „Nein. Ich kenne dort niemanden. Ich habe aber gehört, dass Schloss Osterstein ganz schön sein soll.“
Der Mann, der schon graue Haare aufwies, zog eine Augenbraue hoch. „Mein Junge, ich rate Ihnen ab, dort hinzugeben. Irgendjemand oder irgendetwas treibt dort sein Unwesen und tötet langsam aber sicher die ganze Bevölkerung. Von allen Seiten hat man versucht, diesen Ort wieder in das zu verwandeln, was er einmal war, aber vergeblich. Niemand geht mehr dorthin. Einerseits aus Angst und andererseits, weil das Gebiet gesperrt wurde. Ab der Wolfsbrücke ist es zu gefährlich und nur auf eigene Gefahr betretbar, wenn man sich an den Sperren vorbeischleicht. Der Einzige, der dort noch ausharrt, ist der Besitzer der Burg. Wenn Sie mich fragen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man auch von seinem Tod hört. Er scheint auch nach dem Fortgehen seiner Frau, die dort ein Café geleitet hatte, nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein.“
Der Junge war erstaunt und fragte weiter: „Sie kennen sich aber gut aus. Wie kommt das denn?“
Der Mann machte sich bereit, wieder an seine Arbeit zu gehen. „Kein Wunder, ich habe dort einmal gewohnt. Natürlich war das vor dem Vorfall. Ich bin praktisch eine Gersche Fettgusche (=Geras Ureinwohner). Gute Fahrt noch.“
Der Junge konnte mit den letzten Worten nicht wirklich etwas anfangen und sah wieder aus dem Fenster. Es ist jetzt schon fast ein Jahr her, dass meine Kameraden und ich den Vatikan verlassen haben.
Angel resignierte und lächelte kurz, als er an das letzte Kommentar des stolzen und auch mittlerweile toten Papstes dachte.
Er sagte, dass wir allein nicht mehr überleben könnten und jetzt ist es so, dass wir nach nur einem Jahr einen derart ungeahnten Erfolg haben, von dem wir nie zu träumen wagten. Unser Broken Bones ist auf der ganzen Welt dafür bekannt, alles zur Stecke zu bringen, was es gibt. Anfangs war es schon schwer für uns. Keiner kannte uns. Wir wussten auch nicht, wie wir uns ins Gespräch bringen sollen. Wir konnten schließlich nicht in den Medien für uns werben. Erst nachdem unsere Freundin Malefica uns mit ihren Kontakten geholfen hat, ist uns dann doch noch der Durchbruch gelungen.
Allerdings bei all dem neu gewonnenen Erfolg passt es mir gar nicht, dieser Frau noch mehr schuldig zu sein als vorher. Auch wenn wir uns mittlerweile etwas angefreundet haben, kann ich ihr nicht verzeihen, dass wir anfangs doch nur ihre eigene Leibgarde waren. Wir mussten uns erst beweisen, bevor Sie es für nötig hielt uns zu helfen.
Angel kicherte leise vor sich hin, während er an einer Ortschaft namens Lederhose vorbei fuhr.
Ein bisschen komisch ist auch, dass wir versuchen müssen, den Schein zu wahren. Unsere Auftraggeber haben größtenteils keine Ahnung von dem, was wir sind. Ich zum Beispiel habe Stunden bis hierher gebraucht. Wenn ich mit Hilfe meiner Vampirkraft gereist wäre, hätte ich nur Minuten gebraucht.
Angel schüttelte nur noch mit dem Kopf und packte langsam seine Sachen zusammen. Er war fast schon am Ziel seiner Reise.
Irgendwie verschlägt es mich schon wieder nach Deutschland. Natürlich bin ich froh, auch malindieses schöne Bundesland zu kommen, aber um die friedlichen und unschuldigen Menschen tut es mir immer sehr leid.
Der Vampir wurde aus seinen Gedanken gerissen als eine Durchsage erklang: „Der nächste Halt Gera Hauptbahnhof von dort haben sie Anschluss an ....“
Mehr vernahm Angel nicht mehr, da er sich schon Gedanken über seine weitere Vorgehensweise machte.
Ich werde mir wohl ein Taxi nehmen müssen. Ich habe mich natürlich etwas schlau gemacht. Wenn ich nicht mit dem Taxi fahre, müsste ich mit der Straßenbahn Linie eins fahren und danach noch etwas laufen, aber dazu habe ich keine Lust.
Zum Glück bezahlt mein Auftraggeber meine Spesen, also brauche ich mich darum nicht zu kümmern.
Ich frage mich, wie diese Stadt wohl aussehen mag? In so einer kleinen Stadt, in diesem Land, war ich bis jetzt noch nie. Ich habe etwas über diese Stadt recherchiert. Sie hat eine einzigartige Architektur. Das Rathaus und die Orangerie sprechen davon. Bedauerlicherweise werde ich aber keine Zeit haben sie zu bestaunen. Ich habe schließlich einen engen Terminplan.
Angel begab sich zu den Ausgangstüren, um aus dem Zug zu steigen, sobald er gehalten hatte. Der Junge verließ erst den Zug und dann den Bahnhof, aber zuvor sah er sich noch etwas um.
Er fühlte sich nun doch etwas betrogen von der Website, die er besucht hatte. Dieser Bahnhof hatte nichts Besonderes an sich. Er sah zwar besser aus als die, die er auf dem Weg hierher durch das Fenster des Zuges gesehen hatte, aber er hatte sich einfach etwas Anderes vorgestellt.
Angel blickte sich noch einmal um. Er sah einen Bäcker und einen kleinen Buchladen, dieser Anblick, war nicht zu vergleichen mit den Bahnhöfen die er aus seiner Heimat kannte. Er ging weiter Richtung Hauptausgang und sah auch einen kleinen Kiosk, der Lebensmittel führte und eine Rezeption der Deutschen Bahn.
An dieser stellte er sich hinter den Wartenden an und erkundigte sich, als er an der Reihe war, nach dem nächsten Taxistand. Die etwas dickliche und unfreundliche Frau schickte ihn durch den Ausgang und dann gleich nach links. Dort, so sagte sie, würden immer einige Taxen stehen, die ihn mitnehmen würden. Angel hob wegen der Unhöflichkeit der Frau nur kurz eine Augenbraue und ging den Weg, dem man ihm geheißen hatte.
Während er auf sein Ziel zusteuerte, grübelte er weiter. Wie konnte ich mich nur wieder darauf einlassen, eine unbekannte Kreatur zu jagen. Mit so etwas hatte ich noch nie guten Erfahrungen gemacht, ich wusste meistens ohnehin immer ungefähr was mich erwartet. Allerdings hüllt sich mein Auftraggeber auch in Schweigen. Aber es hilft nichts. Ich bin nun mal der Einzige von uns, der perfekt deutsch spricht.
Angel ging nun zum ersten Fahrer, wurde aber für verrückt erklärt, als er das Reiseziel preisgab. Erst bei dem dritten Mann, der ihm aber nur versprach, ihn in der Nähe abzusetzen, hatte er Glück. Von diesem erfuhr er auch, dass sie auf ihrem Weg an der Orangerie und am Theater vorbeifahren würden.
Angel freute dieser Gedanke und setzte sich in das gelbe Fahrzeug hinein. Er erkannte nach einigen Minuten des Fahrens schon das goldene Theater. Es war wirklich einzigartig und hatte auf seinem Dach eine Figur, die der Junge als Genius („Göttin der Wahrheit“) identifizierte.
Er bat den Fahrer kurz zu halten. Dieser wies darauf hin, dass er das gerne tat, dass das Taxameter aber trotzdem weiterlaufen würde. Angel war sich der Tatsache bewusst, aber es war ihm egal. Dieses architektonische Meisterwerk wollte er sich einmal genau aus der Nähe ansehen.
Der Fahrer, der den Namen Viktor trug, stieg auch aus seinem Gefährt aus und bestätigte seine Vermutung um die Göttin. Diese goldene, wunderhübsche Göttin war aber nicht die einzige Büste, die er sehen konnte. Angel entdeckte noch zwei weitere Büsten von Friedrich Schillers und Johann Wolfgang von Goethe, sowie den lateinischen Schriftzug Musis Sacrum (dt. den Musen geweiht). Viktor, der schon so um die fünfunddreißig Jahre alt war und eine blaue Jeans mit einem schwarzen verwaschenen Shirt trug, erzählte ihm etwas über die Entstehung des Gebäudes, aber er hörte nicht zu, denn die Geschichte war ihm egal. Diese Aspekte konnte er auch im Internet nachlesen, aber es mit eigenen Augen sehen, konnte er nur jetzt.
Nachdem er sich das Gebäude von allen Seiten angesehen hatte, stieg er zusammen mit dem großen brünetten Viktor mit dem ebenmäßigen Gesicht ins Auto zurück.
Angel äußerte nun auch den Wunsch, an der Orangerie vorbeifahren zu wollen. Aus diesem Grund machten sie nun einen kleinen Umweg, er parkte dort auch einige Sekunden. Allerdings stiegen die Beiden diesmal nicht aus, sondern der Fahrer erklärte es kurz: „Die Orangerie ist ein altes Barockbauwerk. Sie bildet den westlichen Abschluss des Küchengartens, deswegen die vielen Blumen, im Stadtteil Untermhaus. Seit 1972 beherbergt sie die schönsten Kunstsammlungen von Gera. Dieser Halbkreis wird unter uns Gerschen auch die Geraer Bratwurst genannt.“
Angel lächelte nur kurz. Er konnte mit dem letzten Aspekt nicht wirklich etwas anfangen, er wollte aber auch nicht nachfragen.
Die Fahrt ging weiter, aber diesmal gab es keine Umwege mehr, schließlich war er nicht zum Vergnügen hier. Der Vampir sah sich in der Gegend um und erblicke eine sehr alte, schöne, aber etwas verfallene Villa. Von seinem Fahrer erfuhr er, dass dieses Gebäude früher einmal ein Kindergarten gewesen war. Angel malte sich schon in Gedanken aus, wie er dieses Gebäude zu einer Zweigstelle ihres Gewerbes ausbauen konnte, während Viktor, der schon fast wie ein Fremdenführer wirkte, ihm noch allerhand mehr erzählte. Er berichtete über das Rathaus, den Marktplatz mit dem Simsonbrunnen, über das Museum, das von einem stählernen Löwen bewacht wurde und von dem verheerenden Stadtbrand und die interessante Legende über das Schreibersche Haus.
Da Angel immer an alten Sagen und Legende interessiert war, hinterfragte er das Gehörte. Viktor erzählte daraufhin ausführlich: „Das Schreibersche Haus war das einzige Gebäude in der Geraer Altstadt, das den vernichtenden Flammen des 18. September 1780 nicht zum Opfer gefallen war. Die Feuersbrunst soll das Haus nach der Legende nur überstanden haben, weil ein mysteriöses Päckchen einer Zigeunerfamilie es schützte. Diese gaben es dem Hausherren Herrn Schreiber aus Dankbarkeit für seine Gutmütigkeit, wo die anderen Bewohner herzlos gewesen waren. Sie sagten ihm im Vorfeld ein schweres Unglück voraus und wenn Herr Schreiber dem entgehen wollten, sollte er den Gegenstand auf die Dachbalken seines Hauses legen. Da Dieser ihnen glaubte und kein Risiko eingehen wollte, tat er wie ihm geheißen und so wurde sein Haus vom Feuer verschont.“
Angel hatte zwar Details gewollt, hatte aber nicht nach dieser Erzählung gefragt, jedoch er fand sie gar nicht so schlecht und machte sich darüber Gedanken. Er überlegte, ob diese Zigeuner nicht vielleicht Hexen oder Seher gewesen sein konnten, wurde dann aber aus seinen Gedanken gerissen als Viktor ihm mitteilte, dass er ab diesem Punkt nicht weiterfahren würde.
Angel bezahlte den Mann noch schnell und bedankte sich für die zusätzliche Einführung in der Stadtgeschichte von Gera. Viktor wiederum war es ein Vergnügen. Er gab dem Jungen nur noch eine Wegbeschreibung mit und mahnte zur Vorsicht vor der Polizei, welche ihn nicht durchlassen würde, wenn sie ihn bemerken würden. Nach wenigen Momenten war das Auto auch schon wieder verschwunden.
Angel, der sich noch einmal an seinen langen Weg besann, entschied sich den Rückweg nicht wieder auf Menschenart zurückzulegen, sondern stilvoll wie ein Vampir zu reisen.
Aber nun versuchte er erst einmal seinen Pfad nach der Beschreibung von Viktor zu finden. Er schreitete voran und nachdem er die Wolfsbrücke erreicht hatte, wusste er, dass er richtig war, hatte er sich doch auch schon im Vorfeld informiert. Der Vampir war also fast da, nur noch einige Schritte und ihm würde sich das schöne Schloss Osterstein offenbaren.
Angel musste nun an diese Brücke denken und wusste nicht, wieso diese diesen Namen trug. Er bereute, seinen Fahrer nicht einmal gefragt zu haben. Ihn faszinierte der Gedanke, dass vielleicht ein Werwolf beim Bau der Brücke geholfen hatte oder hier viele Wölfe ihr Unwesen trieben. Aber wahrscheinlich hieß der Erbauer nur Wolf mit Nachnamen.
Der Vampire betrachtete den steinigen Übergang und lächelte. Ja, so wird es sein, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.Seit den Tagen mit Arvato und diesem Werwolf, der vom Vatikan aus mit ihm ging, hasse ich die Werwölfe nicht mehr. Ich hatte damals großes Mitleid mit diesem Werwolf und habe auch danach noch inständig gebetet, dass er es geschafft hat.
Natürlich habe ich jetzt auch keine unmäßigen Gefühle für sie entwickelt, aber der Hass ist verschwunden. Seit dem Tod meiner Familie hatte ich nur dieses Gefühl für sie übrig. Aber irgendwann wird man immer eines Besseren gelehrt. Ich habe jetzt auch beschlossen, nicht mehr alle Werwölfe zu töten, sondern bei ihnen die gleiche Auslese wie bei den Vampiren durchzuführen.
Nachdem er die Brücke überquert hatte, musste er nur noch einige Schritte gehen bis er den Turm, der zu Schloss Osterstein gehörte, erreicht hatte.
Er ging kurz um den Turm herum um sich diesen genau anzusehen. Er konnte einen atemberaubenden, gelblich-grauen Bergfried mit einem grauen Dach und der Statue der beiden tanzenden Kinder davor sehen. Während er sich die Verzierung am obersten Teil ansah, näherte sich plötzlich, aber von ihm sofort bemerkt, ein Mensch.
Dieser herrschte ihn an, was er hier machte. Der Junge antwortete nur kurz, während er sich zu seinem Gesprächspartner umdrehte. „Der Eigentümer hat mich eingeladen. Ich soll...“
Zu mehr kam er allerdings nicht, weil ihm sein Gegenüber unterbrach. „Der Herr Monsterjäger vom Broken Bones aus Tokio. Mein Name ist Herr Paulus Franke. Ich bin froh, dass Sie da sind. Endlich wird der Spuk ein Ende haben. Ich habe schon alles versucht und mich an jede Institution gewendet, die mir möglich war, aber Niemanden ist es gelungen, dieses Wesen auszuschalten. Sie alle sind gestorben oder haben sich feige davon gemacht.“
Angel war ratlos als er diesen Mann betrachtete. Er hat mich gleich erkannt, wie kann er wissen wer ich bin? Er hatte sich schon überall hingewendet, etwa auch an den Vatikan? Ein weiterer Gedanke erfasste ihn. Ich kenne diesen Mann, aber woher nur?
Der Junge versuchte sich zu erinnern, wollte aber auch gleichzeitig ein Gespräch beginnen. „Interessent. Sie haben sich wirklich an jede Institution gewandt? Achso mein Name ist übrigens...“ Noch bevor Angel seinen alten menschlichen Namen nennen konnte, welchen er für diese Arbeit wieder angenommen hatte, wurde er erneut durch den Mann, der einen schicken Anzug trug, unterbrochen.
Er sah den engelsgleichen Vampir aus seinen holzbrauen Augen an. „Ich weiß, wer Ihr seit. Ihr seid Lord Angel. Wir sind uns vor einigen Jahren im Vatikan schon einmal begegnet. Ich war Mitglied der Schwarzen Garde und Ihr habt mir bei einem unserer gefährlichen Aufträge mein Leben gerettet. Ich habe Sie gesehen und sofort wiedererkannt. Ihr seit immer noch der hübsche, jugendliche Vampir von damals. Aber Ihr müsst euch nicht fürchten. Ich habe dem Vatikan kurz nach euch den Rücken gekehrt.“
Angel war verblüfft und sah den braunhaarigen Mann, der schon Ende dreißig sein musste, an. Er hatte recht. Ihm kam dieser Mensch wirklich irgendwie bekannt vor. Aber war er wirklich vom Vatikan? Die Soldaten des Vatikan waren schneller gekommen und gegangen als er hatte zählen können. Aber etwas musste er hinterfragen. „Du hast dem Vatikan den Rücken gekehrt, wie hast du das geschafft?“
Paulus antwortete etwas betrübt, während er in den Himmel starrte: „Ich konnte damals einfach nicht mehr. Die Monster und das Alleinsein haben mir Angst gemacht. Ich bin von heute auf morgen einfach desertiert. Daraufhin bin ich weggelaufen immer weiter, bis man mich schließlich fand. Der Vatikan hatte mich damals in Polen aufgespürt und versucht, mich zu töten. Ich habe es nur knapp überlebt und bin hierher geflohen. Erst dachte ich, ich würde in diesem Kaff sterben, doch dann kam diese Frau. Sie hat mich gerettet. Ich habe nie eine schönere und klügere gesehen. Sie lebte hier und leitete das damals sehr belebte Café. Sie hatte Mitleid und pflegte mich gesund. Nach meiner Genesung wollte ich eigentlich verschwinden und irgendwo abtauchen, aber wir fanden immer mehr Interesse aneinander und schließlich verliebten wir uns. Wir haben dann auch schnell geheiratet als sie von meiner Geschichte erfuhr und ich nahm schließlich auch ihren Namen an. Oh Gott, ich liebe sie so sehr, mehr als mein eigenes Leben. Derzeit ist sie aber zum Glück nicht hier. Sie hat Angst und ist erst einmal zu ihren Eltern nach Jena gezogen.“
Angel hörte still zu und strich sich den langen Pony aus dem Gesicht nach hinten. „Ich habe noch nie Jemanden getroffen, der dem Vatikan entkommen ist und es auch noch überlebt hat. Du hast also versucht, die Bestie zu töten? Mit was für einer Kreatur muss ich rechnen? Du warst recht sparsam mit deinen Infos. Meine letzte Frage wäre dann noch, wie du auf uns gekommen bist?“
Der braunhaarige Mann mit der perfekten Nase und den getrübten Augen, besah sich nun auch den Jungen. Er trug nicht mehr so markante Lederkleidung wie früher und war mit einer schwarzen Jeans, einem schwarzem Hemd und einer schwarzen Weste recht schlicht gekleidet. Seine geliebte schwarze Lederjacke, die er auch schon damals trug, hatte er auf dem Arm bei sich. Er hatte sich wirklich nicht verändert. Er war immer noch dieser makellose, junge Mann, der ihm damals vor diesem Teufel von Jersey gerettet hatte. Der Teufel war im Begriff gewesen, ihn mit einem seiner riesigen Hufe zu zertreten. Er sah schon den nahen Tod vor Augen und plötzlich war er da und ging mit seinem Schwert auf das Wesen los.
„Ich kann nicht genau sagen, was es ist. Ich habe dieses Wesen noch nie gesehen. Ansehen konnte ich mir nur, was es hinterlassen hat. Ich werde nachher bei einem Tee versuchen, euch das was ich weiß näher zu bringen, vielleicht wisst Ihr was es ist. Wir haben noch massig Zeit. Das Wesen greift nie vor Mitternacht an und in der letzten Zeit streift es nur durch den Wald und hat niemanden mehr getötet. Einerseits liegt es an den Sperren der Polizei, andererseits an der Angst der Menschen, die nicht mehr in seine Nähe kommen.
Angel mischte sich kurz ein. „Die Polizeisperren sind doch ein Witz. Mein Fahrer hat diese geschickt umfahren, weil er nicht in eine Kontrolle kommen wollte.“
Paulus lachte betrübt. „Da habt ihr recht, aber die Menschen sind hier anders. Sie hören auf die Polizei wenn sie sagt, dass es dort zu gefährlich ist. Achso, wie ich auf euch gekommen bin. Ihr macht Werbung in gewissen Kreisen für euren Laden, kurz nach eurem Verschwinden und dem Auftauchen einer Organisation, die Monster jagt. Da musste man nur eins und eins zusammenzählen.“
Der Vampir war beeindruckt und lächelte. „Das ergibt irgendwie Sinn und du hast Kontakt zu diesen Kreisen?“
Der Mensch machte eine folgende Bewegung. „Ich bin sehr vielseitig. Bitte kommen Sie ins Haus, damit ich Ihnen von dem Wesen berichten kann. Oh bevor ich es vergesse, sollte die Polizei vorbeischauen, werde ich euch als meinen Neffen aus meiner Heimat, der Schweiz, verkaufen.“
Angel folgte ihm. „Ich stimme aber nur zu, wenn ich Nicolas heißen darf. Dieser Name ist voll cool!“
Angel und Paulus hatten sich an einem massiven Weißeichentisch eingefunden und tranken genüsslich eine Tasse wohlduftenden Tees zusammen.
Nachdem Paulus den Vorschlag, ins Haus zu gehen, geäußert hatte, waren sie zu dem umwerfenden, aber verlassenen Café spaziert, welches sich etwas abseits vom Bergfried befand. Sie hatten das Haus, was auf den Ruinen der alten Burg erbaut worden war, betreten und waren die unzähligen Treppen zur Wohnung des ehemaligen Vatikanstreuen hochgestiegen.
Während Angel nun seinen roten Tee trank, starrte sein Gesprächspartner seinen Schwarztee einfach nur an und erzählte über die Opfer, die fast alle er oder seine Frau gefunden hatten. Der Mann Mitte dreißig, der seines Alters angemessen aussah war gefasst, schließlich hatte er im Vatikan schon schlimmeres gesehen. Aber seine Frau war bei den verstümmelten Leichen langsam aber sicher immer traumatisierter geworden. Aus diesem Grund war sie auch, vor einigen Wochen, zu ihren Eltern gegangen. Er hätte sie begleiten sollen, hatte sich aber geweigert. Schließlich war er über Jahre hinweg selbst ein Soldat und in gewissen Momenten auch ein Monsterjäger gewesen.
Der junge Mann, der dunkle Ränder unter den Augen hatte, schaute auf. „Mein Lord, ich habe alles versucht, bin aber immer und immer wieder gescheitert. Ich habe dieses Wesen nicht einmal zu Gesicht bekommen. Ich finde leider nur wieder und wieder diese armen, unschuldigen Menschen, die dem Wesen zum Opfer gefallen sind. Ich bin körperlich fertig und habe leider auch langsam meine Grenzen erreicht, besonders weil wir nicht einmal die Hälfte der Vermissten gefunden haben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass ich die Wahrheit kenne. Ich weiß, was dort draußen ist und früher konnte ich auch etwas gegen diese Wesen ausrichten. Doch jetzt bin ich anscheinend nur noch ein einfacher Mensch, ohne Vampire, die die Spuren finden und auch ohne Heilige, die ein riesiges Informationsnetzwerk nutzen. Das ist schon sehr deprimierend. Eigentlich wollte ich das alles ja nicht mehr, ich bin schließlich nicht umsonst um mein Leben gerannt.“
Angel hatte still gelauscht und sah das gequältes Gesicht des Mannes genau an, allerdings konnte er ihn nicht schonen und musste jetzt eine Frage stellen. „Wie bist du eigentlich auf uns gekommen? Wir machen zwar, wie du erkannt hast, Werbung in den entsprechenden Kreisen, aber wir stehen auch nicht gerade im Telefonbuch. Ich will damit sagen, man braucht Kontakte dahin und die interessieren mich.“
Paulus sah in die blauen Augen des Vampirs. „Ich habe von euch in den entsprechenden Netzwerken erfahren. Nachdem ich den Vatikan verlassen hatte, versuchte ich im Internet meine Hilfe in ganz Deutschland anzubieten. Du siehst es steckte mir im Blut, auch wenn es mich fertig gemacht hat, wollte ich doch auf meine weise weitermachen. Ich habe dort aber meistens nur mit Spinnern gechattet. Aber dann gelangte ich auch an die echten Hilfesuchenden und stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite und als ich dann selbst Probleme hatte, empfahl man mir als Ansprechpartner Japan und so kam ich auf euch.“
