Die drei ???, Stadt der Vampire (drei Fragezeichen) - Marco Sonnleitner - E-Book

Die drei ???, Stadt der Vampire (drei Fragezeichen) E-Book

Marco Sonnleitner

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5,99 €

  • Herausgeber: Kosmos
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

Eine riesige Fledermaus versetzt die Kleinstadt Yonderwood in Angst und Schrecken. Der Großteil der Einwohner hat bereits das Weite gesucht, nachdem einige Menschen mit Bissspuren und einer Menge Blut in ihren Betten erwacht sind. Justus, Peter und Bob haben noch nie an Vampire geglaubt. In diesem neuen Fall jedoch scheint es, als müssten die drei berühmten Detektive aus Rocky Beach ihre Meinung ändern ...

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Seitenzahl: 153

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Stadt der Vampire

erzählt von Marco Sonnleitner

Kosmos

Umschlagillustration von Silvia Christoph, Berlin

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele weitere Informationen zu unseren Büchern, Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und Aktivitäten finden Sie unter www.kosmos.de

© 2002, 2008, 2011 Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

Based on characters by Robert Arthur.

ISBN 978-3-440-12899-2

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Die Geisterstadt

»Hier ruht Peter Shaw, begnadeter Detektiv, König aller Schlossknacker und Schwarm unzähliger Mädchen. Sein kurzes Leben gab er hin im aufopferungsvollen Kampf für die Gerechtigkeit!«

»Auch nicht schlecht, Bob«, meinte Justus anerkennend. »Vor allem deine inbrünstige Vortragsart. Echt theaterreif! Aber ich wüsste noch was. Wie wär’s mit:

Den Peter raffte einst dahin

sein übertriebner Sportlersinn.

Er bot dem Fels die blanke Stirne

und schlug sich ein die hohle Birne!«

Bob klopfte sich lachend auf den Schenkel. »Super! Das ist klasse! Das schreiben wir auf den Grabstein!«

Peter klaubte ein Steinchen auf und warf es nach Bob. »Ha, ha, ha! Ihr seid ja sooo lustig. Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie weh das getan hat?«

»Realiter, nein«, erwiderte Justus ernst, »aber du hast uns ja deinen Todeskampf die letzten zehn Minuten in den anschaulichsten und lebendigsten Farben geschildert. Insofern können wir deine Leiden zumindest intellektuell nachempfinden.«

»Was für ’n Liter?«, blaffte Peter.

»Realiter«, wiederholte Justus. »Das bedeutet so viel wie in Wirklichkeit oder realistischerweise.«

»Schön für dich«, ächzte Peter. Die komplizierte Ausdrucksweise, die Justus manchmal an Tag legte, trug ganz offenbar nicht dazu bei, dass der hämmernde Schmerz in seinem Kopf nachließ.

»Wenigstens hast du dir einen ebenbürtigen Gegner für deinen Kopfhärtetest ausgesucht«, sagte Bob und zeigte nach oben. »Da, seht euch das mal an.«

»Ich habe was?« Peter verdrehte die Augen und sah in die angegebene Richtung.

»Ist ja verrückt!« Justus ging ein paar Schritte zurück. »Das sieht dort oben aus wie ein überdimensionaler Hundekopf.«

Vor den Jungen schraubte sich ein über zwanzig Meter hoher Felsenturm in den Himmel und endete in einem gewaltigen Brocken, dessen Form unverkennbar an den Kopf eines Hundes erinnerte.

»Nicht wahr? Verblüffend!« Bob zeichnete die Konturen mit dem Finger nach. »Schäferhund oder so etwas in der Art würde ich sagen.«

»Eher Dobermann«, meinte Justus.

Peter stöhnte. »Das interessiert euch. Na prima. Mir platzt fast der Kopf, und ihr diskutiert über Hunderassen!«

»Splittert«, sagte Justus trocken, ohne Peter anzuschauen. Aufmerksam betrachtete er weiterhin die Felsformation.

»Was?« Peter gaffte seinen Freund verständnislos an. »Wovon redest du?«

»Holz splittert, es platzt nicht.«

»Hä?« Peter schaute noch ein wenig verwirrter drein, und auch Bob schien nicht so recht zu wissen, worauf Justus hinauswollte. »Holz splittert? Sag mal, bin ich gerade gegen diesen Felsen gelaufen oder du? Was faselst du da für einen Unsinn von wegen Holz –«

Urplötzlich brach Peter ab. Von einer Sekunde auf die andere hatte er kapiert, was Justus meinte. »Jetzt geht’s aber los!«, stieß er entrüstet hervor und hielt seinem Freund die geballte Faust entgegen. »Du Schwabbelmonster wagst es, meine edle Rübe mit einem Holzkopf zu vergleichen! Wenn ich nicht gerade um Haaresbreite dem Tode entronnen wäre und noch einigermaßen bei Kräften wäre, würdest du jetzt die grausame Rache des Peter Shaw zu spüren bekommen!«

»Schwabbelmonster! Das muss ich mir merken!« Bob knuffte Justus lachend in die Schulter.

Aber der Erste Detektiv grinste ihn nur gekünstelt an. Er konnte es gar nicht leiden, wenn man ihn auf die paar Pfunde zu viel ansprach, die er nun mal mit sich herumschleppte.

Peter hingegen fühlte sich mit einem Mal bedeutend besser. Er hatte mit seiner Bemerkung bei Justus voll ins Schwarze getroffen. Der Schädel brummte zwar immer noch heftig, aber die Schmerzen waren plötzlich sehr viel erträglicher als noch vor ein paar Minuten. Dabei war der Rums wirklich nicht ohne gewesen und hätte leicht das Ende für ihren kleinen Ausflug bedeuten können. Die drei Detektive hatten sich nämlich für das Wochenende zu einer Tour verabredet, die sie durch das Hinterland der Küste führen sollte. Sie wollten mal wieder so richtig abschalten, nicht an die Schule denken, keine kniffligen Fälle lösen, kein Radio, kein Fernsehen, nichts.

Bewaffnet mit ihren Rucksäcken, einem Drei-Mann-Zelt und den überlebenswichtigsten Ausrüstungsgegenständen wie Schokoriegel, Schokoriegel und Schokoriegel waren sie am Morgen in Bobs gelbem Käfer aufgebrochen. Sie waren ein paar Meilen ins Landesinnere gefahren, hinauf in die Santa Monica Mountains, hatten den Käfer in einem kleinen Kiefernwäldchen stehen gelassen und waren dann losmarschiert. Mittags hatten sie an einem Bach Rast gemacht und einige ihrer Schokoriegel verzehrt, und danach hatten sie sich stark genug gefühlt, einen längeren Anstieg zu erklimmen. Dort oben wollten sie nach einem geeigneten Platz suchen, wo sie für die Nacht ihr Zelt aufstellen konnten.

Und eben während jenes Aufstieges war es passiert. Peter, das Sportass der drei ???, war wie schon die ganze Zeit vorausgeeilt und nahe an jenem steil aufragenden Felsenturm unter ein paar Büschen hindurchgeschlüpft. Doch dort hatte sich ihm plötzlich eine große, vorspringende Felsnase in den Weg gestellt. Der Zweite Detektiv bemerkte sie allerdings viel zu spät und knallte mit voller Wucht mit dem Kopf gegen den Felsen. Er konnte vor lauter Überraschung und Schmerzen nicht einmal laut schreien und sah für einige Minuten nur noch Sternchen.

Als Justus und Bob ihn schließlich fanden, lag er immer noch wimmernd auf dem Boden und hielt sich den Kopf. Zuerst sah es auch wirklich schlimm aus, und Peter blutete sogar ein wenig. Doch bald stand für Justus fest, dass er höchstens eine dicke Beule davontragen würde und dass sie ihre Tour ohne Probleme fortsetzen konnten.

Peter jedoch wollte mehr Mitleid. Er jammerte ausgiebigst und sah sogar sein baldiges Ende kommen, weil er überzeugt war, sich irgendwelche inneren Kopfverletzungen zugezogen zu haben. Zuerst hatten ihn Justus und Bob noch angemessen bedauert, aber da Peter mit seinem Gejammere einfach nicht aufhören wollte, waren sie irgendwann dazu übergegangen, sich Grabsprüche für den Fall seines Ablebens zu überlegen.

»Ich glaube, es geht wieder.« Peter stand auf und befühlte noch einmal vorsichtig seine Beule. »Noch ein bisschen schwummerig, aber wegen mir kann’s weitergehen.«

Justus schulterte seinen Rucksack und nickte. »Na, dann mal los. Aber nimm ab jetzt etwas mehr Rücksicht auf die Felsen hier in der Gegend, ja?«

»Ich werd’s versuchen, Dickerchen«, erwiderte Peter lachend und lief sicherheitshalber ein paar Meter voraus.

Der Anstieg zog sich noch eine Weile hin. Vorbei an verdorrten Bäumen und dornigem Gestrüpp arbeiteten sich die drei Jungen über loses Geröll und manchmal auch blanken Fels den Abhang hinauf. Hin und wieder mussten sie sogar auf allen vieren krabbeln, und nicht nur Justus kam ziemlich ins Schwitzen. Aber endlich hatten sie es geschafft.

Keuchend zog sich Peter als Erster auf das kleine Plateau, das sich auf dem Berggipfel ausbreitete. Kurz nach ihm folgte Bob, und einige Minuten später hatte auch Justus den Anstieg bezwungen.

»Geschafft!«, stöhnte Bob und ließ sich zu Boden gleiten. »War doch ziemlich heftig hier rauf.«

»Aber das Panorama entschädigt für alles!« Peter zeigte nach Westen, wo sich ganz in der Ferne das spiegelnde Band des Pazifiks ausbreitete, in den gerade die untergehende Sonne eintauchte. »Und da drüben! Ein Wasserfall! Ist das nicht schnuckelig?«

»Unser Romantiker!«, witzelte Justus. »Aber apropos schnuckelig. Bob, kannst du bitte mal auf der Karte nachsehen, wie dieses Dorf da unten heißt?« Der Erste Detektiv deutete nach Osten, wo sich ein kleiner Ort in ein enges Tal schmiegte. Er mochte ungefähr eine halbe Meile entfernt sein und bestand aus etwa vierzig Häusern, die sich längs der Hauptstraße wie an einer Perlenschnur aufreihten.

»Wenn das Nest überhaupt drauf ist«, antwortete Bob und kramte in seinem Rucksack nach ihrer Tourenkarte. Als er sie gefunden hatte, faltete er sie auseinander und legte sie auf den sandigen Boden. Dann begann er mit dem Finger nach ihrem momentanen Standort zu suchen. »Das müsste es sein«, sagte er einige Augenblicke später. »Das hier ist der Bach, der sich dort drüben über die Felsen stürzt«, Bob zeigte hinüber zu dem Wasserfall, »und wenn mich nicht alles täuscht, dann ist der Ort dieser kleine Fleck hier.« Der dritte Detektiv tippte auf ein dunkelrotes, längliches Viereck und ging näher an die Karte ran. »Er heißt … Augenblick … Yonderwood.«

»Yonderwood?« Justus sah seinen Freund verwundert an.

»Ja, Yonderwood.«

»Komischer Name«, fand auch Peter. »Yonderwood, hm.«

»Na ja«, Justus zuckte mit den Schultern, »wie dem auch sei. Ich bin jedenfalls dafür, dass wir da nachher mal runtergehen. Wir kaufen ein paar Kleinigkeiten fürs Abendessen ein, oder vielleicht gibt’s da sogar eine Kneipe oder etwas in der Art. Dann müssten wir uns nicht mal selbst was aufwärmen. Irgendwie ist mir nicht so nach Erbsensuppe vom Gaskocher. Was meint ihr?«

»Gute Idee«, pflichtete ihm Bob bei.

»Von mir aus«, stimmte auch Peter zu, »obwohl das natürlich nicht besonders stilecht ist – mit Rucksäcken durch die Berge wandern und sich dann in irgendeinem Gasthaus ein Steak mit Pommes reinziehen.«

»Stilecht vielleicht nicht«, entgegnete Justus und zwinkerte Peter zu, »aber dafür umso leckerer!«

Doch als die drei Jungen etwa eine Stunde später am Eingang des Dorfes standen, machte es nicht den Anschein, als würde es hier auch nur ein Stück Brot geben, geschweige denn ein Steak mit Pommes. Wie ausgestorben lag der Ort im schwindenden Dämmerlicht vor ihnen, und nicht das kleinste Anzeichen deutete darauf hin, dass hier irgendjemand lebte.

Zu allem Überfluss zog vom Landesinneren auch noch ein Gewitter auf, das sich mit einem unheilvollen Grollen und gespenstischem Wetterleuchten am Horizont ankündigte. Irgendwo schlug ein Fensterladen im Wind, der mit einem leisen Heulen durch die Hauptstraße strich und den drei ??? einen struppigen Wüstenbusch vor die Füße blies.

»Leute, ich sag’s ja nur ungern«, flüsterte Peter beklommen, »aber ihr wisst sicher, wie man Orte wie diesen nennt.«

»Ein … Kaff?«, riet Bob.

»Nein.« Peter schüttelte den Kopf. »So etwas nennt man … eine Geisterstadt!«

Dunkle Erinnerung

Wie zur Bestätigung zuckte in diesem Moment der erste Blitz über den Himmel, der sich im Osten allmählich tiefschwarz verfärbte. Ein einzelner, wild gezackter Strahl schoss fast senkrecht aus den Wolken Richtung Erde und tauchte die Landschaft für den Bruchteil eines Augenblicks in ein unwirkliches Gleißen. Justus sah auf seine Armbanduhr und zählte stumm die Sekunden bis zum Einsetzen des Donners mit.

»Einundzwanzig«, sagte er schließlich leise, als ein drohendes Poltern über die Berge rollte. »Einundzwanzig Sekunden. Mal sehen, wie lange es beim nächsten Mal dauert, dann wissen wir, ob das Gewitter in unsere Richtung zieht.«

Und wie auf Bestellung riss in diesem Moment ein weiterer Blitz die dunkle Wolkendecke auf und jagte in bizarren Sprüngen quer über das Firmament. Fast gleichzeitig führten die drei Detektive ihre Uhren vors Gesicht und begannen zu zählen.

»… zwölf, dreizehn, vierzehn«, Peters Stimme wurde mit jeder Zahl lauter und zuversichtlicher, »fünfzehn, noch nicht, bitte, sechzehn, ja, sieb –«

Ein einziger, dumpfer Knall ließ die Luft erbeben, dem ein tiefes Kollern folgte. Es hörte sich fast an, als würde irgendwo eine riesige Kanonenkugel einen Berghang hinabrollen.

»Es kommt näher!«, stellte Justus nüchtern fest. »Und zwar nicht zu langsam. Wir sollten sehen, dass wir uns irgendwo unterstellen können. Das könnte ziemlich ungemütlich werden. Ich würde vorschlagen, dass wir uns in eines der Häuser verkrümeln, bis das Schlimmste vorbei ist.«

»Du willst in eines der Geisterhäuser rein?«, fragte Peter entsetzt. Den Zweiten Detektiv gruselte es heftig bei der Vorstellung, eines der verlassenen Häuser betreten zu müssen.

»Du kannst gerne hierbleiben«, antwortete Justus wenig rücksichtsvoll. »Wir holen dich dann später wieder ab und wringen dich aus.« Er tippte sich zum Abschied an die Stirn und ging schon einmal los.

»Setz dir besser’n Hütchen auf!«, empfahl Bob Peter grinsend und folgte dem Ersten Detektiv.

Peter verdrehte die Augen, stöhnte einmal kurz auf und lief dann seinen Freunden hinterher. »Irgendwann«, sagte er, als er zu ihnen aufschloss, »werdet auch ihr einsehen, dass es Mächte zwischen Himmel und Erde gibt, die sich nicht mit bloßer Vernunft erklären lassen. Und dann werdet ihr wimmernd vor mir im Staub liegen und um Verzeihung winseln, dass ihr mich nie ernst genommen habt.«

Justus und Bob lachten, und dann liefen die drei Jungen auf das erste Haus an der Straße zu. Es war ein zweistöckiges Holzhaus, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Die Fenster gähnten schwarz und schmucklos in den Wänden, und von der Tür blätterte der Lack ab.

»Hallo? Ist jemand da?«, rief Justus laut und klopfte dreimal kräftig an.

Die Jungen warteten ein paar Sekunden, aber nichts rührte sich.

»Ich sehe auch niemanden«, sagte Peter, der die Hände an die Scheiben eines Fensters hielt und ins Innere des Hauses spähte.

»Halloho?«, versuchte es Justus noch einmal. Aber wieder blieb alles ruhig. Schließlich zuckte er mit den Schultern und drückte vorsichtig die Türklinke nach unten.

»Abgeschlossen!«, sagte er und rüttelte ein wenig an der Tür. »Die haben abgeschlossen, logisch!«

»Peter, hast du dein Dietrichset dabei?«, fragte Bob.

Der Zweite Detektiv war bei den drei ??? für Schlösser aller Art zuständig und hatte im Verlaufe ihrer Arbeit schon so manche Tür geknackt. Aber diesmal konnte er nicht helfen.

»Mist!«, fluchte Peter und klopfte sich am ganzen Körper ab. »Ich glaube, ich hab das Etui in der anderen Hose gelassen, und die hängt zu Hause über dem Stuhl. Tut mir leid!«

»Na ja, halb so wild. Hier gibt’s ja genügend andere leer stehende Häuser«, meinte Justus und stieg die Stufen hinab.

Die drei Jungen liefen über die Straße und versuchten ihr Glück bei dem gegenüberliegenden Haus. Mittlerweile fielen die ersten dicken Regentropfen vom Himmel und klatschten schwer auf den Asphalt. Immer kürzer wurden auch die Abstände, in denen die Blitze das Geisterdorf erhellten, und der vorige Donner war kaum verhallt, da rollte schon der nächste über den Himmel.

Diesmal war Bob als Erster an der Tür. Er sparte sich das Rufen, denn auch dieses Haus sah nicht so aus, als würde noch jemand darin wohnen. Stattdessen versuchte er gleich die Tür zu öffnen.

Doch auch diese Tür ging nicht auf! Und auch nicht die des nächsten, des übernächsten und des überübernächsten Hauses. So verlassen die Häuser waren, so wenig waren sie doch überstürzt aufgegeben worden. Jedes einzelne war im Gegenteil sorgsam zugesperrt worden, als seine Bewohner ausgezogen waren.

»So ein Pech aber auch!« Peter blickte finster in den Regen hinaus, der nun in wehenden Fahnen über die Straße peitschte. »Sollen wir eine Scheibe einschlagen und reinklettern?«

»Wäre vielleicht das Beste«, fand auch Bob.

Doch Justus schüttelte den Kopf. »Nicht nötig, Kollegen.«

»Wieso denn nicht?«, fragte Peter verwundert. »Du warst es doch, der sein Zuckerköpfchen in Sicherheit bringen wollte. Und jetzt sollen wir hier draußen absaufen?«

»Wir werden nicht absaufen, aber wir müssen auch keine Straftat begehen und Fenster demolieren«, entgegnete Justus und deutete quer über die Straße. »Seht mal da!«

Peter und Bob drehten die Köpfe und starrten angestrengt durch den dichten Regen auf die andere Seite. Zuerst wussten sie nicht, was Justus meinte, aber dann sahen auch sie es.

»Ich werd’ verrückt!«

»Wer hätte das gedacht! Hier scheint’s ja doch Leben zu geben!«

Diagonal gegenüber befand sich ein Haus, das sich auf den ersten Blick kaum von den anderen unterschied, die die drei Jungen bisher inspiziert hatten. Es war zweistöckig und aus soliden Ziegeln errichtet und wirkte mit seinen verschlossenen Fensterläden und dem verwitterten Putz genauso verlassen wie all die anderen Häuser in der Straße. Doch beim zweiten Hinsehen hatten Justus’ scharfe Augen einen gravierenden Unterschied entdeckt: Zwischen den hölzernen Läden sickerte ein mattes, honiggelbes Licht hindurch!

»Und es ist sogar ein Gasthaus, wenn ich das Schild da richtig interpretiere.« Der Erste Detektiv zeigte auf ein goldfarbenes Emblem, das über dem Eingang des Hauses unruhig im Wind hin- und herschaukelte. Es stellte einen Bären dar, der eben einen Krug zur Schnauze führte.

»Da steht auch was drunter.« Peter kniff die Augen zusammen und versuchte zu lesen, was unter dem Emblem in dunklen Lettern geschrieben stand. Aber die Entfernung war zu groß. »Ich kann’s nicht lesen von hier aus. Lasst uns mal rübergehen. Vielleicht ist es ja wirklich ein Gasthaus, dann wird’s doch noch was mit dem Steak und den Pommes für unseren Ersten.«

Die drei Jungen liefen durch den strömenden Regen über die Straße. Drüben angekommen, drängten sie sich unter ein kleines Vordach und schauten zu dem Emblem empor.

»Golden Bear«, las Bob die Inschrift, die jetzt deutlich zu erkennen war. »Du hattest recht, Just, es ist wirklich eine Gastwirtschaft oder zumindest eine Kneipe. Und wenn mich nicht alles täuscht«, Bob legte den Finger an die Lippen und lauschte aufmerksam an der Tür, »dann sind da auch ein paar Leute drin. Ich höre Stimmen.«

»Dann würde ich vorschlagen, wir gehen da mal rein«, sagte Justus und rieb sich erwartungsvoll die Hände. »Sonst saufen wir hier draußen nämlich doch noch ab.«

Der Erste Detektiv drückte die massive Türklinke hinunter und öffnete die Tür, die ihm mit einem leisen Knarren entgegenschwang. Peter schlüpfte an ihm vorbei und betrat eine halbkreisförmige Diele, die mit einem schweren, schwarzsamtenen Vorhang vom Rest des Gastraumes abgetrennt war. Bob folgte ihm, und als Justus hinter sich die Tür schloss, verstummte das rauschende Prasseln des Regens. Aber auch die Geräusche aus der Gastwirtschaft erstarben urplötzlich.

In den Sekunden ihres Eintretens hatten die drei ??? noch deutlich Stimmen vernommen. Leise zwar und gedämpft, aber doch Stimmen wie von Unterhaltungen. Doch jetzt hörten sie auf einmal gar nichts mehr außer dem blechernen Ticken einer Uhr, die irgendwo da drinnen an einer Wand hing.

Peter schürzte die Lippen und sah seine Freunde erstaunt an. »Was ist denn jetzt los?«

Justus schüttelte ahnungslos den Kopf und wies auf den Vorhang. »Lasst uns reingehen«, flüsterte er.

Peter nickte, griff dort in die weichen Falten des Samtvorhanges, wo seine zwei Hälften ineinander übergingen, und zog eine Seite so weit zurück, dass Bob und Justus hindurchtreten konnten. Dann zwängte er sich selbst hinein.

»Guten Abend alle miteinander!«, rief er fröhlich in die Runde. »Was für ein elendes Schweinewetter da draußen. Da schickt man ja keinen Hund vor die –«

Urplötzlich hielt Peter inne und starrte mit offenem Mund in den Raum. Justus und Bob erging es nicht anders. Auch sie waren unfähig, irgendetwas zu sagen, und sahen sich nur verwirrt um.