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Die Falschmünzer von André Gide gilt als ein wegweisender Roman der Moderne, der mit seiner vielschichtigen Handlung die Grenzen der traditionellen Erzählkunst sprengt. Das Werk, erstmals 1925 veröffentlicht, entfaltet eine komplexe Geschichte um eine Gruppe von Figuren, deren Schicksale sich in der Pariser Gesellschaft kreuzen. Im Mittelpunkt stehen Intrigen, moralische Konflikte und die Suche nach individueller Identität, wobei Gide konsequent zwischen verschiedenen Erzählperspektiven wechselt. Der Roman begleitet unter anderem den jungen Bernard, der von familiären Zwängen geprägt ist und sich nach Freiheit sehnt. Zugleich tauchen weitere Charaktere auf, deren Beziehungen zueinander verflochten sind. Dabei setzt Gide literarische Techniken ein, um die Themen Täuschung und Wahrheit, Schein und Sein in all ihren Facetten zu beleuchten. Indem sich die Figuren mit uneingestandenen Begierden und sozialen Schranken konfrontiert sehen, wirft Die Falschmünzer Fragen über Authentizität, Loyalität und Selbstbestimmung auf. In diesem Netz aus Täuschungen bildet das Motiv des Falschgeldes eine Parallele zu den Fälschungen in menschlichen Beziehungen und der Selbstwahrnehmung, was Gides Experimentierfreude unterstreicht. Die Bedeutung dieses Romans liegt in seiner stilistischen Innovation und seiner philosophischen Tiefe, die den Leser zu einer kritischen Auseinandersetzung mit menschlichem Verhalten einlädt. So hat Die Falschmünzer das literarische Schaffen des 20. Jahrhunderts beeinflusst und fasziniert bis heute.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
»Jetzt müßten eigentlich Schritte zu hören sein auf dem Korridor«, sagte sich Bernard. Er hob den Kopf und lauschte. Doch nein: sein Vater und sein älterer Bruder hatten im Justizpalast zu tun; seine Mutter machte Besuche; die Schwester war in einem Konzert; und über dem Jüngsten, dem kleinen Caloub, schlossen sich die Pforten einer Pension, einen Tag wie den andern, wenn der Schulunterricht beendet war. Bernard Profitendieu war zu Hause geblieben, um für sein Baccalaureats-Examen zu ochsen; er hatte nur noch drei Wochen vor sich. Die Familie respektierte seine Einsamkeit; der Dämon nicht. Bernard hatte seine Jacke ausgezogen, aber er konnte kaum atmen. Durchs offene Fenster drang von der Straße her glühende Luft herein. Seine Stirn triefte. Ein Schweißtropfen rann ihm die Nase herab und fiel auf den Brief, den er in der Hand hielt:
»Ganz wie eine Träne«, murmelte Bernard. »Na, immer noch besser zu schwitzen, als zu weinen!«
Das Datum war entscheidend. Kein Zweifel möglich: es handelte sich um ihn selbst, um Bernard. Der Brief war an seine Mutter gerichtet: ein Liebesbrief, vor siebzehn Jahren geschrieben und nicht unterzeichnet.
»Was bedeutet dieser Anfangsbuchstabe? Ein V, das vielleicht auch ein N sein kann … Soll ich Mama danach fragen? … Verlassen wir uns auf ihren Geschmack! Dann kann ich mir einbilden, es sei ein Prinz gewesen. Was hätte ich von der Gewißheit, der Sohn eines Hochstaplers zu sein? Nicht wissen, wen man zum Vater hat: das ist ein Mittel gegen die Furcht, ihm ähnlich zu sein. Alles Nachfragen verpflichtet. Entnehmen wir dem Fall nur eines: die Befreiung. Und gehen wir nicht weiter darauf ein. Für heute wenigstens genügt's mir.«
Bernard faltete das Blatt zusammen. Der Brief hatte dasselbe Format wie die zwölf andern des Bündels. Als Verschnürung diente ein rosa Seidenbändchen, dessen Knoten er gar nicht hatte zu lösen brauchen und das er nun einfach über das Päckchen zurückschob. Dann legte er das Briefbündel in die Schachtel zurück und diese in die Schublade des Tischchens. Die Schublade stand nicht offen: sie hatte ihr Geheimnis von oben her ausgeliefert. Bernard fügte die losgegangenen Teile der bedeckenden Holzschicht aneinander und legte die schwere Onyxplatte vorsichtig wieder darüber. Dann stellte er die beiden kristallenen Armleuchter sowie die unbequeme Stutzuhr, die er hatte reparieren wollen, an ihren Platz zurück.
Die Pendule schlug vier Uhr. Sie ging jetzt wieder richtig.
»Der Herr Untersuchungsrichter und sein Sohn, der Herr Rechtsanwalt, werden vor sechs nicht zurück sein. Ich habe also Zeit. Wenn er nach Hause kommt, soll der Herr Richter den hübschen Brief, in dem ich meinen Abschied kundtun werde, auf seinem Schreibtisch finden. Doch bevor ich ihn schreibe, will ich meine Gedanken ein bißchen in die Luft führen –… und mit Olivier sprechen, um, für die erste Nacht wenigstens, eines Obdachs versichert zu sein. Ja, mein lieber Olivier, die Stunde ist gekommen, wo du deine Freundschaft beweisen und mir zeigen kannst, was du wert bist. Bisher haben wir nie etwas voneinander verlangt. Bah, eine Gefälligkeit, die amüsant zu leisten ist, kann nicht schwer zu erbitten sein. Das Dumme ist nur, daß Olivier nicht allein sein wird. Na, ich werd ihn schon loseisen von den andern. Ich will ihm durch meine Ruhe imponieren. Je ungewöhnlicher die Situation, desto natürlicher weiß ich mich zu benehmen.«
Die Straße, in der Bernard Profitendieu sein bisheriges Leben zugebracht hatte, liegt ganz nahe am Jardin du Luxembourg. In diesem Park, in der Allee, die die Fontäne der Maria von Medici beherrscht, pflegten sich mittwochs zwischen vier und sechs einige seiner Kameraden zu treffen. Man plauderte über Kunst, Philosophie, Literatur, Sport, Politik. Bernard war sehr rasch gegangen. Schon vom Tor aus bemerkte er Olivier Molinier und verlangsamte alsbald seinen Schritt.
Die Versammlung war heute, vielleicht wegen des schönen Wetters, besser besucht als gewöhnlich. Einige hatten sich hinzugefunden, die Bernard noch gar nicht kannte. Jeder einzelne dieser jungen Leute suchte vor den andern eine Rolle zu spielen und verlor fast alle Natürlichkeit.
Olivier errötete, als er Bernard kommen sah. Recht unvermittelt verließ er das junge Mädchen, mit dem er geplaudert hatte, und ging ein wenig seitwärts. Bernard war sein intimster Freund; so vermied er sorglich den Anschein, als ob er ihn suche; ja, manchmal tat er, als sähe er ihn gar nicht.
Bernard mußte, bevor er mit ihm sprechen konnte, mehreren Gruppen standhalten, und da auch er den Freund keineswegs zu suchen vorgab, so verweilte er ziemlich lange bei den andern.
Vier junge Leute umringten einen kleinen Herrn mit Bart und Kneifer, der merklich älter war als sie. Er hatte ein Buch in der Hand. Das war Dhurmer.
»Du kannst sagen, was du willst«, wandte er sich an einen aus der Runde (legte aber sichtlichen Wert darauf, von allen gehört zu werden), »ich habe bis Seite dreißig gelesen, ohne auf eine einzige Farbe zu stoßen, auf ein einziges malendes Wort. Er spricht von einer Frau: ich weiß nicht einmal, ob sie ein rotes oder ein blaues Kleid anhatte. Und wenn keine Farben da sind, so sehe ich eben nichts« –… und im Drange, um so mehr aufzutragen, je weniger er sich ernst genommen fühlte, setzte er hinzu: –… »absolut gar nichts!«
Bernard hörte schon nicht mehr, was der Schwätzer sagte. Er hielt es für unpassend, sich allzu rasch zu entfernen, aber schon wandte er sich einer anderen Gruppe zu, der sich Olivier angeschlossen hatte, nachdem er die junge Dame allein gelassen. Einer von diesen Kameraden saß auf einer Bank und las die Action Française.
Welch ernsthaften Eindruck macht Olivier Molinier in ihrer Mitte! Und doch ist er einer der Jüngsten. Sein Antlitz ist fast noch kindlich, doch sein Blick verrät einen frühreifen Geist. Er ist zart und errötet leicht. Und so freundlich er sich erweist gegen alle: irgend ein Zug seines Wesens hält die Kameraden im Abstand. Darunter leidet er. Ohne Bernard wäre dies Mißbehagen noch schlimmer.
Molinier hatte sich, ebenso wie Bernard, nach allen Seiten aufmerksam gezeigt; nur aus Höflichkeit, denn nichts von dem, was gesagt wurde, interessierte ihn.
Er neigte sich über die Schulter des Zeitungslesers. Bernard, ohne sich hinzuwenden, hörte ihn sagen:
»Du solltest keine Gazetten lesen; das macht dir Blutandrang.«
Der andere versetzte scharf:
»Und du wirst ja grün und gelb, wenn du nur den Namen Maurras gedruckt siehst.«
Ein dritter mischte sich ein und fragte boshaft:
»Findest du die Artikel von Charles Maurras vielleicht amüsant?«
Der erste:
»Nee, höchst langweilig; aber ich finde, daß er recht hat.«
Darauf ein vierter, dessen Stimme Bernard nicht kannte:
»Du scheinst alles, was dich nicht langweilt, für flach zu halten.«
Der erste erwiderte:
»Während du zu glauben scheinst, wenn einer nur dumm sei, so sei er auch schon unterhaltsam!«
»Komm!« sagte Bernard leise, Oliviers Arm fassend. Er zog ihn ein paar Schritte abseits:
»Antworte rasch; ich hab's eilig. Du hast mir doch gesagt, du schliefest nicht auf derselben Etage wie deine Eltern?«
»Ich hab dir ja die Tür zu meinem Zimmer gezeigt; es liegt direkt an der Treppe, eine halbe Etage tiefer als unsere Wohnung.«
»Und du hast mir gesagt, dein Bruder schlafe mit in deinem Zimmer?«
»Georges: ja.«
»Ihr beide seid da allein?«
»Ja.«
»Der Kleine kann den Mund halten?«
»Wenn's sein muß, ja. Warum?«
»Hör zu. Ich bin von Hause weggegangen. Oder, genauer: ich gehe noch heute nachmittag von Hause weg. Ich weiß noch nicht, wohin. Kannst du mich für eine Nacht bei dir aufnehmen?«
Olivier war blaß geworden. Seine Erregung war so groß, daß er Bernard nicht ansehen konnte.
»Ja«, sagte er, »aber sei nicht vor elf da. Mama kommt jeden Abend zu uns herunter, um Gute Nacht zu sagen und die Tür von außen abzuschließen.«
»Aber dann kann ich ja nicht …«
Olivier lächelte:
»Ich hab einen zweiten Schlüssel. Du mußt leise anklopfen, damit Georges nicht aufwacht, falls er schon eingeschlafen ist.«
»Und der Pförtner wird mich vorbeilassen?«
»Ich sag ihm vorher Bescheid. Oh, ich steh mich sehr gut mit ihm! Von ihm hab ich ja den zweiten Schlüssel. Also auf heute abend!«
Sie trennten sich, ohne sich die Hand zu geben. Und während Bernard im Gehen den zu schreibenden Brief entwarf, den der hohe richterliche Beamte beim Nachhausekommen vorfinden sollte, ging Olivier, um nicht allein zu bleiben, auf Lucien Bercail zu, der sich meist etwas abseits hielt. Diesen Lucien hatte Olivier sehr gern, freilich nicht so gern wie seinen Freund Bernard. War dieser selbstbewußt, so Lucien desto schüchterner. Man fühlte seine Empfindsamkeit; nur Schwärmerei und Geist schienen diesen schwächlichen Körper aufrecht zu erhalten. Er wagte sich selten vor –… doch wie er Olivier auf sich zukommen sah, wurde er ganz toll vor Freude. Daß Lucien Gedichte machte, vermuteten wohl alle; aber Olivier war, glaube ich, der einzige, dem er seine Pläne offenbarte. Über die Brüstung der Terrasse gelehnt, sagte Lucien:
»Was ich möchte, wäre die Geschichte zu erzählen nicht einer Person, sondern eines Ortes –… etwa einer Parkallee wie dieser; zu schildern, was sich da vom Morgen bis zum Abend abspielt. Zuerst kommen die Kindermädchen, die Ammen mit den großen Schleifen … nein, zuerst kommen graue, wesenlose Gestalten und fegen die Wege, sprengen den Rasen, nehmen die verblühten Pflanzen aus den Beeten und setzen neue dafür ein, kurz, sie besorgen, vor Öffnung der Tore, Szenerie und Dekoration. Dann also der Einzug der Ammen. Um sie herum wühlt winziges Volk auf der Erde, macht Kuchen aus Sand, balgt sich und empfängt pädagogische Ohrfeigen. Dann erscheinen, nach Schluß des Unterrichts, die ABC-Schützen. Dann Arbeiterinnen, Ladenmädchen, die Mittagspause haben. Arme Leute setzen sich auf eine Bank und essen. Späterhin tauchen Menschen auf, die sich suchen, andere, die sich fliehen, und Philosophen, die allein sein wollen. Endlich die Menge. Man hat seine Einkäufe erledigt, die Musik spielt. Studenten, wie jetzt. Und abends: Verliebte, die sich umschlungen halten, und andere, die unter Tränen auseinandergehen. Und in der sinkenden Sonne, ein uraltes Paar … Da plötzlich, ein Trommelwirbel: der Garten wird geschlossen. Alle müssen die Bühne verlassen. Das Stück ist aus. Du verstehst, das müßte wirken wie eine Andeutung des Endes der Welt, des Todes aller Dinge … ohne daß der Tod erwähnt würde, selbstverständlich.«
»Ja, das steht mir klar vor Augen«, sagte Olivier, der nur an Bernard gedacht und gar nicht aufgepaßt hatte.
»Und das ist noch nicht alles; das ist noch nicht alles!« fuhr Lucien begeistert fort. »In einem Epilog möchte ich dieselbe Allee bei Nacht zeigen, wenn niemand mehr da ist. In ihrer Einsamkeit ist sie viel schöner als bei Tage. Und, in der großen Stille, die geheimnisvolle Steigerung aller Geräusche der Natur: das Plätschern der Fontäne, das Laub, das im Winde raschelt, das Nachtlied eines Vogels –… alles scheint eine tiefe Bedeutung zu enthalten. Ursprünglich hatte ich gedacht, daß sich in der Dunkelheit Schatten bewegen sollten, vielleicht die Gespenster der Statuen … aber das wäre doch wohl banal, meinst du nicht auch?«
»Nein, keine Statuen, keine Statuen«, sagte Olivier zerstreut. Doch, unter dem traurigen Blick des andern, fügte er lebhaft hinzu:
»Du, wenn dir das gelingt – das wird eine fabelhafte Sache werden!«
Monsieur Profitendieu hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Er fand, sein Kollege Molinier, der ihn den Boulevard Saint-Germain entlang begleitete, gehe recht langsam. Albéric Profitendieu hatte im Justizpalast einen besonders arbeitsreichen Tag gehabt. Nun spürte er auf der rechten Seite einen gewissen Druck, und das machte ihm Sorge: bei ihm schlug jede größere Anstrengung auf die Leber, die ziemlich empfindlich war. Er dachte an das Bad, das er nehmen wollte; durch nichts erholte er sich besser von den Sorgen des Tages als durch ein gutes Bad. In Voraussicht dessen hatte er heute nachmittag nichts zu sich genommen, weil die Klugheit gebietet, mit unbelastetem Magen ins, wenn auch nur lauwarme, Badewasser zu steigen. Vielleicht war das übrigens nur ein Vorurteil; aber Vorurteile sind ja die Grundpfähle der Zivilisation.
Oscar Molinier hatte Mühe, mitzukommen. Er beschleunigte seine Schritte, so sehr er konnte. Aber er war viel kleiner und weniger schenkelstark als Profitendieu; außerdem geriet er, mit seinem etwas verfetteten Herzen, leicht außer Atem. Profitendieu, noch frisch mit fünfundfünfzig Jahren, schlanken Wuchses, rüstigen Ganges, wäre am liebsten davongelaufen. Aber er wußte doch zu sehr, was schicklich ist: sein Kollege war älter als er und ihm in der Rangstufe voran, er schuldete ihm Respekt. Außerdem mußte er sich seine Wohlhabenheit verzeihen lassen, die, nach dem Tode der Eltern seiner Frau, beträchtlich war, während Monsieur Molinier über keine andern Mittel verfügte als sein Präsidentengehalt, eine lächerlich geringe Remunerierung der hohen Position, die er um so würdevoller ausfüllte, als seine Mittelmäßigkeit sich dahinter verbarg. Profitendieu ließ seine Ungeduld nicht merken, er wandte sich nach Molinier um, der sich gerade den Schweiß von der Stirn wischte. Übrigens interessierte ihn das, was Molinier sagte, in hohem Grade, nur war ihr Gesichtspunkt nicht der gleiche. Die Diskussion belebte sich.
»Lassen Sie das Haus überwachen«, sagte Molinier. »Nehmen Sie die Aussagen des Portiers und der angeblichen Aufwärterin zu Protokoll –… alles ganz vortrefflich! Nur bedenken Sie, daß, falls Sie die Untersuchung zu energisch betreiben, die Beherrschung des Falles Ihnen entgleiten wird … Ich will sagen, es besteht Gefahr, daß diese Affäre Sie weiter mitreißt, als Sie ursprünglich wohl gedacht haben.«
»Solche Bedenken dürfen aber doch den Gang der Justiz nicht beeinflussen!«
»Hm! Sehen Sie, mein Freund: wir wissen beide, was die Justiz sein sollte und was sie in Wirklichkeit ist. Selbstverständlich tun wir unser Bestes; aber mit aller guten Absicht erreichen wir doch immer nur Annäherndes. Der Fall, der Sie gerade beschäftigt, ist besonders heikler Natur: unter fünfzehn Beschuldigten (oder die es, auf ein Wort von Ihnen, morgen sein können) sind neun Minderjährige. Und etliche unter diesen Kindern sind, wie Sie wissen, Söhne höchst achtbarer Eltern. Deshalb würde ich, wie die Dinge liegen, jeden Haftbefehl für einen schweren Mißgriff halten. Die Parteiblätter würden sich der Sache bemächtigen, und Sie hätten das Tor geöffnet für Erpressung und Verleumdung jeder Art. Und wie Sie's auch anstellen: trotz aller Vorsicht könnten Sie nicht verhindern, daß gewisse Namen öffentlich genannt würden … Ich bin nicht befugt, Ihnen Ratschläge zu erteilen: Sie wissen, wieviel lieber ich selbst mir Rat holen möchte von Ihnen, dessen Pflichtgefühl, Scharfsinn und Unbeirrbarkeit ich stets bewundert habe … Aber an Ihrer Stelle würde ich so vorgehen: ich würde diesen peinlichen Skandal dadurch zu beenden suchen, daß ich die vier oder fünf Rädelsführer unschädlich machte … Oh, ich weiß, daß sie nicht leicht zu fassen sind, aber das ist schließlich unser Handwerk, nicht wahr? Ich ließe die Wohnung, den Schauplatz jener Orgien, schließen, und dann bedächte ich die Eltern der jungen Missetäter mit einer kleinen Mahnung, einem leisen, diskreten Wink –… nur zu dem Zweck, Rückfälle zu verhindern … Übrigens: die Frauen, die können Sie einsperren; dagegen habe ich gar nichts; es scheint sich da um ein paar abgründig verdorbene Geschöpfe zu handeln, von denen man die bürgerliche Gesellschaft befreien sollte. Aber, nochmals, schonen Sie die Kinder! Kleben Sie die Etikette ›Nichtvorhandensein der zur Erkenntnis der Strafbarkeit erforderlichen Einsicht‹ auf die Akten und lassen Sie die Kleinen möglichst lange im heilsamen Zweifel, ob sie wirklich mit dem Schrecken davongekommen sind. Bedenken Sie, drei von ihnen sind noch keine vierzehn Jahre alt, und ihre Eltern halten sie gewiß für Musterexemplare von Unschuld und Reinheit. Na, alles was wahr ist –… sagen Sie mal lieber Freund: haben wir in diesem Alter eigentlich schon an Mädchen gedacht?«
Er war stehengeblieben, mehr von seiner Beredsamkeit als vom Gehen erschöpft, und zwang Profitendieu, den er am Rockärmel festhielt, desgleichen zu tun.
»Oder, wenn wir daran dachten«, begann er wieder, »so war's auf eine ideale, mystische, gewissermaßen religiöse Art. Doch die Kinder von heute, sehen Sie, die haben keine Ideale mehr … Wie geht es übrigens Ihren eigenen Kindern? Selbstverständlich hab' ich das alles nicht für sie gesagt. Ich weiß ja, bei ihnen wären, dank Obhut und Erziehung, solche Verirrungen undenkbar.«
In der Tat, bis jetzt hatte sich Profitendieu seiner Söhne nur rühmen können. Doch über eines täuschte er sich nicht: die beste Erziehung konnte nicht aufkommen gegen böse Instinkte. Gott sei Dank hatten seine Kinder keinerlei böse Veranlagung, ebensowenig wie, offenbar, die Kinder von Molinier; und so würden sie sich aus eigenem Antrieb vor schlechtem Verkehr und schlechter Lektüre in acht nehmen. Denn warum sollte man verbieten, was man doch nicht hindern konnte? Die Bücher, die man einem Kinde verbietet, die verschafft es sich heimlich doch. Sein persönliches System war einfach: er warnte die Kinder nicht vor schlechten Büchern, aber er suchte alles so einzurichten, daß sie gar kein Verlangen danach hatten. Was die fragliche Affäre anlangte, so wollte er noch darüber nachdenken und versprach auf alle Fälle, nichts ohne Verständigung Moliniers zu unternehmen. Man würde die unauffällige Überwachung einfach fortsetzen, und da das Übel nun schon drei Monate währte, so mochte es schließlich noch ein paar Tage oder Wochen weiterhin dauern. Außerdem standen die Schulferien bevor, und mit ihnen würden sich die kleinen Bösewichte in alle Winde zerstreuen. Also auf Wiedersehen.
Den Rest seines Weges konnte Profitendieu nun schnellen Schrittes zurücklegen.
Kaum zu Hause angelangt, lief er ins Badezimmer und drehte die Hähne auf. Antoine, der nach seinem Herrn ausgespäht hatte, kreuzte ihn, scheinbar unabsichtlich, im Korridor.
Dieser treue Diener war seit fünfzehn Jahren im Hause; er hatte die Kinder aufwachsen sehen. Sicherlich hatte er im Laufe der Zeit allerlei mit ansehen können, und manches andere argwöhnte er. Aber er tat so, als bemerke er nichts von dem, was man ihm zu verheimlichen wünschte. Bernard hatte immer eine gewisse Zuneigung zu Antoine gehegt, und er hatte nicht weggehen wollen, ohne ihm Adieu zu sagen. Vielleicht hatte es ihn auch gelockt, einen Bedienten ins Vertrauen zu ziehen bezüglich einer Sache, von der die Familie selbst noch nichts wußte. Doch muß zu Bernards Gunsten gesagt werden, daß um jene Stunde niemand von den Seinigen zu Hause war. Außerdem hätte er sich ja nicht von ihnen verabschieden können, ohne daß sie versucht hätten, ihn zurückzuhalten. Das aber wünschte er zu vermeiden. Zu Antoine hatte er einfach gesagt: »Ich gehe weg.« Aber bei diesen Worten hatte er ihm so feierlich die Hand gereicht, daß der alte Diener erstaunt gewesen war.
»Monsieur Bernard kommt zum Abendessen nicht zurück?«
»Auch nicht zum Schlafen, Antoine.« Und da der andere unschlüssig blieb und nicht recht wußte, wieviel er begreifen und ob er noch etwas fragen sollte, so wiederholte Bernard bedeutsam: »Ich gehe weg«, und fügte hinzu: »Ich hab' einen Brief auf …« –… er konnte sich nicht entschließen, zu sagen, »auf Papas Schreibtisch« –… »also ich hab' einen Brief auf den Schreibtisch gelegt. Adieu.«
Und indem er Antoine die Hand drückte, war es ihm, als nehme er Abschied von seiner ganzen Vergangenheit. Noch einmal sagte er: »Adieu«, dann stürzte er davon, um den Seufzer, der ihm in die Kehle stieg, nicht hören zu lassen.
Antoine überlegte, ob es nicht eine schwere Verantwortung sei, ihn so weggehen zu lassen –… aber wie hätte er ihn zurückhalten können?
Daß dieser Weggang Bernards für die ganze Familie eine ungeheuerliche Überraschung bedeute, dessen war sich Antoine nun durchaus bewußt, aber die Rolle des perfekten Dieners verbot jede Äußerung des Erstaunens. Er durfte nichts wissen von dem, was Monsieur Profitendieu noch nicht wußte. Natürlich hätte er einfach sagen können: »Weiß Monsieur, daß Monsieur Bernard weg ist?«, aber damit hätte er allen Vorsprung eingebüßt, und das war keineswegs nach seinem Geschmack. Wenn er so ungeduldig auf seinen Herrn wartete, so um sachlichen, ehrerbietigen Tones, als hätte er eine gewöhnliche Bestellung Bernards auszurichten, folgende, sorgsam vorbereitete Worte von sich zu geben:
»Monsieur Bernard hat, bevor er wegging, einen Brief für Monsieur auf dem Schreibtisch gelassen.«
Dieser Satz klang so unverfänglich, daß man ihn vielleicht gar nicht beachten würde; doch hatte er sich vergebens um eine gewichtigere, zugleich harmlos scheinende Formulierung bemüht.
Da Bernard sonst keinen Abend außerhalb des Hauses verbrachte, so vermochte Monsieur Profitendieu von Antoine verstohlen beobachtet –… eine gewisse Erregung nicht zu unterdrücken.
»Was? Bevor er …?«
Er faßte sich augenblicklich. Sollte er sich betroffen zeigen vor einem Subalternen? Seine Überlegenheit verließ ihn nicht, und so sagte er nur, mit meisterhafter Ruhe: »Es ist gut.«
Und, schon auf dem Wege ins Arbeitszimmer:
»Wo, sagst du, liegt dieser Brief?«
»Auf dem Schreibtisch von Monsieur.«
In der Tat bemerkte Profitendieu gleich bei seinem Eintreten etwas Weißes, das recht auffällig mitten auf den Tisch gelegt worden war. Doch Antoine gab sein Opfer nicht so rasch frei, und Monsieur Profitendieu hatte den Brief kaum geöffnet, als an die Tür geklopft wurde.
»Ich habe vergessen, Monsieur zu sagen, daß zwei Herren im kleinen Salon warten.«
»Was für Herren?«
»Das weiß ich nicht.«
»Gehören sie zusammen?«
»Es scheint nicht so.«
»Was wollen sie denn?«
»Ich weiß es nicht; sie möchten Monsieur sprechen.«
Profitendieu fühlte sich am Ende seiner Geduld.
»Wie oft habe ich dir schon gesagt, daß ich zu Hause nicht belästigt sein will –… zumal um diese Zeit! Ich habe meine Empfangsstunden im Palais … Warum hast du sie eintreten lassen?«
»Sie sagten, sie hätten Monsieur etwas Dringendes mitzuteilen.«
»Und sie sind schon lange da?«
»Seit einer Stunde ungefähr.«
Profitendieu fuhr sich mit der Hand an die Stirn. Die andere Hand hielt Bernards Brief. Antoine stand an der Tür, würdig, unbeweglich. Endlich erlebte er das beglückende Schauspiel, daß der Herr Untersuchungsrichter seine Selbstbeherrschung verlor, daß er –… zum allerersten Male –… mit dem Fuß auf die Erde stampfte und schrie:
»Man soll mich in Ruhe lassen! Ich wünsche in Ruhe gelassen zu werden! Sag ihnen, ich sei beschäftigt; sie sollen ein andermal wiederkommen.«
Antoine war kaum hinaus, als Profitendieu an die Tür stürzte und ihm nachrief:
»Antoine! Antoine! … Und dreh in der Badestube die Hähne zu.«
Hübsche Zeit jetzt, ein Bad zu nehmen! Er trat ans Fenster und las:
Eine gewisse Entdeckung, die ich heute nachmittag zufällig gemacht habe, hat mir gesagt, daß ich aufhören muß, Sie als meinen Vater anzusehen. Das ist mir eine unendliche Erleichterung. Ich habe mich, wegen der Geringfügigkeit meiner Liebe zu Ihnen, jahrelang für ein entartetes Kind gehalten: jetzt weiß ich, daß ich Ihr Kind überhaupt nicht bin, und das ist mir bei weitem lieber. Vielleicht meinen Sie, ich sei Ihnen Dank schuldig, weil Sie mich ebenso gehalten hätten wie Ihre eigenen Kinder? Aber ich habe in Ihrer Stellung zu meinen (halben) Geschwistern und zu mir immer einen Unterschied verspürt, und ferner kenne ich Sie gut genug, um zu wissen, daß Ihr Handeln einzig vom Schreckgespenst eines Skandals diktiert ist. Sie wünschten eine Sachlage, die Ihnen nicht gerade zur Ehre gereicht, zu verdecken, und das war schließlich ja auch das beste, was Sie tun konnten. Ich gehe von Hause weg, ohne meiner Mutter Adieu zu sagen, weil ich dabei vielleicht in Rührung verfiele und weil ich ihr eine peinliche Szene ersparen möchte. Ich glaube kaum, daß ihre Neigung zu mir besonders lebhaft ist; da ich meist in Pension war, hat sie eigentlich kaum Zeit gehabt, mich kennenzulernen; und da mein Anblick sie unablässig an eine Episode erinnerte, deren Spuren sie gern verwischen möchte, so wird sie mich wohl leichten, frohen Herzens von der Bildfläche verschwinden sehen. Sagen Sie ihr, falls Sie den Mut dazu haben, daß ich es ihr nicht verüble, mich zum Bastard gemacht zu haben, sondern daß mir das lieber ist, als mich von Ihnen erzeugt zu wissen. (Entschuldigen Sie diese Redeweise: meine Absicht ist nicht, Ihnen Beleidigungen zu sagen; aber meine Äußerungen werden Ihnen erlauben, mich zu verachten, und das wird Sie erleichtern.)
Falls Sie wünschen, daß ich Schweigen bewahre über die geheimen Gründe, die mich aus Ihrem Hause treiben, so versuchen Sie mich in keiner Weise zur Rückkehr zu bewegen. Mein Entschluß, Ihren Herd zu verlassen, ist unwiderruflich. Wieviel Kosten mein bisheriger Unterhalt Ihnen verursacht hat, kann ich nicht abschätzen –… der Unwissende mochte sich von Ihnen ernähren lassen, aber in Zukunft will ich selbstverständlich keinen Sou mehr von Ihnen annehmen. Der Gedanke, dazu gezwungen zu sein, wäre mir unerträglich; ich glaube, daß ich lieber Hungers sterben als noch einmal von Ihrem Tische essen möchte. Zum Glück darf ich vermuten, daß meine Mutter, als sie Ihre Frau wurde, reicher war als Sie. Ich kann also annehmen, daß ich von dem Vermögen meiner Mutter gelebt habe. Ich danke ihr, halte alles übrige für beglichen und bitte sie, mich zu vergessen. Sie werden wohl ein Mittel finden, denen, die sich vielleicht darüber wundern, meinen Weggang zu erklären. Ich ermächtige Sie, mich zu belasten (was Sie übrigens sowieso tun würden).
Ich zeichne mit Ihrem lächerlichen Namen, den ich mit Schande bedecken und Ihnen vor die Füße werfen möchte,
Nachschrift. –… Ich lasse alle meine Sachen zurück. Caloub kann sie ja noch brauchen –… hoffentlich mit besserer Legitimation als ich!
Monsieur Profitendieu sank in einen Sessel. Er wollte nachdenken, aber es wirbelte ihm alles im Kopfe. Außerdem verspürte er auf der rechten Seite, da, unterhalb der Rippen, ein leises Stechen. Kein Zweifel möglich: das war die Leberkrise. War denn nicht wenigstens Mineralwasser im Hause? Wenn doch seine Frau zurück wäre! Wie sollte er ihr das Geschehene nur mitteilen? Ihr den Brief zeigen? Er war ungerecht, dieser Brief, abscheulich ungerecht! Mußte man nicht empört sein über soviel Bosheit? Profitendieu möchte seine Traurigkeit für Empörung nehmen. Er atmet heftig, und es entringen sich ihm schnelle kleine Seufzer: »O mein Gott!« Der seitliche Schmerz vermischt sich mit der Traurigkeit, beweist und lokalisiert sie. Ihm ist, als empfände er Seelenschmerz in der Leber. Er wirft sich in einen Stuhl und liest Bernards Brief noch einmal. Traurig zuckt er mit den Achseln. Gewiß, dieser Brief ist grausam gegen ihn; aber er spürt einen trotzig-selbstbewußten Wurf darin. Keines seiner anderen Kinder, seiner wahren Kinder, hätte einen solchen Brief schreiben können, und er selbst, ihr Vater, ebensowenig. Gewiß, das Fremdartige in Bernards Charakter, jenes Wilde, Ungezähmte –… das hat er stets tadeln zu müssen geglaubt; um so deutlicher fühlt er jetzt, daß er Bernard, gerade um dieser herben Züge willen, so geliebt hat, wie er die andern nie geliebt hat.
Seit einigen Augenblicken hört man Musik aus dem Nebenzimmer. Es ist Cécile, die, vom Konzert zurück, sich ans Klavier gesetzt hat und immer denselben Satz einer Barcarole hartnäckig wiederholt. Schließlich hält Albéric Profitendieu es nicht mehr aus. Er öffnet leise die Tür und sagt klagenden, beinahe flehenden Tones (denn die Leberkolik hatte sich verschlimmert, und er war immer etwas ängstlich damit gewesen):
»Meine kleine Cécile, möchtest du nicht einmal nachsehen, ob wir Eau de Vichy im Hause haben? Wenn nicht, so laß, bitte, welches holen. Und dann wäre es freundlich von dir, wenn du ein bißchen mit dem Spielen aufhören wolltest.«
»Es geht dir nicht gut, Papa?«
»Oh doch, ganz gut. Nur muß ich bis zum Abendessen etwas nachdenken, und dabei stört mich deine Musik.«
Und liebenswürdig, denn der Schmerz macht ihn milde, fügt er hinzu:
»Es war übrigens hübsch, was du gespielt hast. Was war es denn?«
Er zieht sich zurück, ohne auf Antwort zu warten. Übrigens beabsichtigt Cécile auch gar nicht zu antworten, da sie weiß, daß er nichts von Musik versteht und den Tannhäuser-Marsch mit »Komm, Karlinchen« verwechselt (wenigstens behauptet sie das). Doch er öffnet die Tür von neuem:
»Mama ist noch nicht zurück?«
»Nein, noch nicht.«
Das ist peinlich. Wahrscheinlich kommt sie so spät, daß vorm Essen keine Zeit mehr bleibt, mit ihr zu sprechen. Und was könnte er sich ausdenken, um Bernards Abwesenheit wenigstens vorläufig plausibel zu machen? Die Wahrheit konnte er doch nicht sagen! Er konnte doch den Kindern das Geheimnis von Mamas verjährtem Seitensprung nicht ausliefern! Ach, jene Sache war ja längst vergeben, vergessen, wiedergutgemacht! Die Geburt eines letzten Sohnes hatte die Versöhnung besiegelt. Und plötzlich taucht nun aus der Vergangenheit dieser rächende Schatten auf, dieses längst verschwunden geglaubte Gespenst …
Aber was gibt es da noch? Die Tür zu seinem Arbeitszimmer hat sich leise geöffnet. Rasch steckt er den Brief in seine innere Rocktasche. Jetzt hebt sich sachte der Vorhang: es ist der kleine Caloub.
»Papa, sag mir, bitte, was bedeutet dieser lateinische Satz? … Ich werde nicht klug daraus.«
»Ich habe dir doch gesagt, daß du nicht eintreten sollst, ohne anzuklopfen! Und du sollst mich auch nicht jeden Augenblick stören, verstanden? Dies ewige Fragen! Immer verläßt du dich auf andere, anstatt auf dich selbst! Gestern war es die geometrische Aufgabe, und heute ist es ein –… von welchem Autor ist er denn, dein lateinischer Satz?«
Caloub hält ihm das Heft hin:
»Das hat er uns nicht gesagt. Aber, sieh, hier: du erkennst es sicherlich gleich. Er hat's uns diktiert, aber vielleicht habe ich nicht genau nachgeschrieben. Ich möchte wenigstens wissen, ob es richtig ist …«
Monsieur Profitendieu nimmt das Heft –… doch er leidet zu sehr. Sanft macht er sich los von dem Kinde:
»Später. Jetzt ist Zeit zum Essen. Ist Charles schon da?«
»Er ist unten in seinem Bureau.« (Der Herr Rechtsanwalt empfing seine Klienten im Erdgeschoß.)
»Dann sage ihm, er möge zu mir 'raufkommen. Mach schnell!«
Die Klingel ertönt. Endlich kommt Madame Profitendieu nach Hause. Sie entschuldigt sich wegen der Verspätung: sie habe viele Besuche machen müssen. Sie ist betrübt, ihren Gemahl leidend zu finden. Was kann man für ihn tun? Er sieht wirklich recht elend aus. –… Nein, er habe keinen Appetit; man möge sich ohne ihn zu Tisch setzen; aber nach dem Essen möge sie, mit den Kindern, wieder zu ihm kommen. –… Bernard? –… »Ach ja, sein Freund … du weißt: der, mit dem er die mathematischen Nachhilfestunden hatte … der hat ihn zum Abendessen abgeholt.«
Profitendieu fühlte sich besser. Zuerst hatte er gefürchtet, die Schmerzen würden ihn hindern, zu sprechen. Aber es war doch so wichtig, eine Erklärung für Bernards Verschwinden zu geben! Jetzt wußte er, was er zu sagen hatte, so peinlich es sein mochte. Er fühlte sich stark und entschlossen. Nur davor hatte er Angst, daß seiner Frau schlecht werden könne, daß sie ihn unterbreche durch Tränen, durch einen Schrei …
Eine Stunde später tritt sie wieder ein, mit den drei Kindern. Sie kommt näher. Er fordert sie auf, dicht bei ihm Platz zu nehmen.
»Versuch ruhig zu bleiben«, sagt er leise und doch gebieterisch zu ihr, »und sprich kein Wort, hörst du? Nachher reden wir beide zusammen.«
Er hat ihre Hand genommen und hält sie lange.
»Also, setzt euch, Kinder. Ihr steht ja da wie die Examinanden vorm Professor! … Also, ich habe euch etwas sehr Trauriges mitzuteilen. Bernard hat uns verlassen und wir werden ihn … eine Zeitlang nicht wiedersehen. Ich muß euch heute etwas offenbaren, was ich euch, damit ihr Bernard wie einen Bruder lieben solltet, bisher verborgen habe; denn Mama und ich, wir liebten ihn wie unser eigenes Kind. Aber er war nicht unser Kind … und ein Onkel von ihm, ein Bruder seiner wirklichen Mutter, die ihn uns auf ihrem Sterbebette anvertraut hatte, ist heute abend gekommen und hat ihn mitgenommen.«
Ein bedrücktes Schweigen folgt diesen Worten. Man hört nur Caloub, der sich die Nase schneuzt. Alle warten, in der Meinung, der Vater werde mehr sagen. Doch er macht eine Bewegung:
»Geht jetzt, Kinder; Mama und ich möchten allein sein.«
Wie die Kinder hinaus sind, verbleibt Profitendieu lange stumm. Die Hand seiner Frau, die noch in der seinen ruht, ist wie tot. Mit der andern hält sie ihr Taschentuch an die Augen gepreßt. Sie sitzt gebeugt da und wendet ihr Gesicht ab, um zu weinen. Und durch das Schluchzen hindurch, das sie schüttelt, hört Profitendieu sie murmeln:
»Oh, wie grausam Sie sind! … Sie haben ihn weggejagt …«
Er war entschlossen gewesen, ihr Bernards Brief nicht zu zeigen; doch, angesichts einer so ungerechten Beschuldigung, holt er ihn hervor:
»Da: lies.«
»Ich kann nicht.«
»Du mußt lesen!«
Er denkt nicht mehr an sein Leiden. Er folgt ihr mit den Augen. Zeile für Zeile, während sie liest. Vorhin, als er sprach, hatte er seinen Tränen kaum gebieten können; jetzt verläßt ihn jede Erregung: er beobachtet seine Frau. Was denkt sie? Mit derselben anklagenden Stimme, durch dasselbe Schluchzen hindurch murmelt sie:
»Oh, warum hast du's ihm gesagt? … Das hättest du nicht tun dürfen.«
»Aber du siehst doch, daß ich ihm nichts gesagt habe … Lies doch genauer.«
»Ich hab' genau gelesen … Aber wie hat er's denn entdeckt? Wer hat's ihm gesagt?«
Also daran denkt sie! Das ist ihre Hauptsorge! … Dieser Schicksalsschlag hätte ein neues Einverständnis von Mann und Frau bewirken sollen; aber dunkel spürt Profitendieu, wie ihrer beider Gedanken in verschiedener Richtung gehen. Und während sie jammert, anklagt, zurückfordert, versucht er diesen widerspenstigen Sinn zu sanfteren Gefühlen hinzulenken:
»Es ist die Sühne«, sagt er.
Er hat sich erhoben, aus unbewußtem Herrschbedürfnis. Nun steht er hoch aufgerichtet, seines körperlichen Schmerzes nicht achtend, und legt gewichtig, zärtlich, bedeutsam seine Hand auf Marguerites Schulter. Er weiß sehr gut, daß sie ihre ›flüchtige Irrung‹ (als solche hat er den Fall rubriziert) stets nur höchst unvollkommen bereut hat. Nun möchte er ihr sagen, daß die jetzige Prüfung eine Art Buße sein könne –… doch vergebens sucht er diesen Gedanken in eine passende, nicht verletzende Form zu kleiden. Marguerites Schulter widersteht dem leichten Druck seiner Hand. Marguerite weiß leider genau, daß aus allen Vorkommnissen des Lebens, selbst den geringsten, in unerträglicher Weise irgendein moralischer Lehrsatz hervorgeht, ans Licht gezogen von ihrem Manne. Alles deutet er nach seinen Dogmen. Jetzt neigt er sich über sie. Folgendes möchte er ihr sagen:
»Meine arme Freundin, siehst du: aus der Sünde kann nichts Gutes erwachsen. Es war unnütz, deinen Fehler verdecken zu wollen. Ich habe für dieses Kind getan, was ich konnte; ich hab' es gehalten wie mein eigenes. Doch nun gibt Gott uns zu verstehen, daß es ein Irrtum war, sich anzumaßen …«
Aber schon beim ersten Satz hält er inne.
Und sicherlich begreift sie diese wenigen, sinnvollen Worte. Sicherlich sind sie ihr ins Herz gedrungen, denn sie beginnt von neuem zu schluchzen, heftiger als zuvor. Dann sinkt sie zusammen, fast als wolle sie vor ihm auf die Knie fallen. Doch er neigt sich zu ihr und hält sie … Was flüstert sie unter Tränen? Er nähert sein Ohr ihrem Munde und vernimmt:
»Da siehst du es … da siehst du es … Ach, warum hast du mir verziehen? … Oh, ich hätte nicht wiederkommen sollen!«
Fast muß er erraten, was sie sagt. Dann verstummt sie. Sie kann nicht besser ausdrücken, was sie empfindet. Wie hätte sie ihm auch klarmachen sollen, daß sie sich in der Tugend, die er von ihr verlangte, eingekerkert fühlte? daß sie darin erstickte? und daß sie heute weniger ihren Fehltritt bereut, als vielmehr die Tatsache, ihn bereut zu haben?
Profitendieu hat sich aufgerichtet. »Meine arme Freundin«, sagt er streng und würdig, »ich fürchte, du bist heute abend in etwas oppositioneller Laune. Es ist spät. Man sollte lieber schlafen gehen.«
Er hilft ihr, sich zu erheben. Dann begleitet er sie in ihr Zimmer, drückt seine Lippen auf ihre Stirn, kehrt in sein Arbeitszimmer zurück und wirft sich in einen Sessel. Seltsam: die Leberkrise ist vorüber. Aber er fühlt sich ganz gebrochen. So bleibt er lange sitzen, den Kopf in die Hände gestützt, zu traurig, um zu weinen. Er hört nicht, daß draußen geklopft wird, doch beim Geräusch der sich öffnenden Tür blickt er auf: es ist sein Sohn Charles.
»Ich wollte dir gute Nacht sagen.«
Charles tritt näher. Er hat alles begriffen. Er möchte seinem Vater das zu erkennen geben. Er möchte ihn seines Mitgefühls, seiner Liebe und Ergebenheit versichern. Doch (wer hätte das von einem Advokaten gedacht?) er äußert diese Empfindungen auf höchst ungeschickte Weise. (Vielleicht ist sein Benehmen aber gerade deswegen ungeschickt, weil seine Gefühle aufrichtig sind?) Er umarmt seinen Vater. Die Ausführlichkeit, mit der er den Kopf an dessen Schulter gelehnt hält, beweist diesem, daß der Sohn verstanden hat. Er hat so gut verstanden, daß er jetzt den Kopf ein wenig hebt und fragt (wiederum höchst linkisch; aber er ist so aufgeregt, daß er die Frage nicht unterdrücken kann):
»Und Caloub?«
Die Frage ist lächerlich, denn so sehr Bernard sich von den übrigen Kindern unterschied, so unverkennbar ist bei Caloub die Familienähnlichkeit. Profitendieu klopft Charles auf die Schulter:
»Nein, nein! Da kannst du ruhig sein. Nur Bernard!«
Darauf Charles, bedeutungsvoll:
»Es verjagt Gott den Eindringling, um …
Doch Profitendieu unterbricht ihn: dieser Ton berührt ihn nicht angenehm.
»Sei still.«
Olivier hatte sich zu Bett gelegt, um den Gutenachtkuß seiner Mutter in Empfang zu nehmen, die jeden Abend, bevor sie selbst zur Ruhe ging, ins Zimmer ihrer beiden jüngeren Kinder kam und nach dem Rechten sah. Er hätte sich dann, in Erwartung Bernards, wieder ankleiden können, aber er zweifelte noch an dessen Kommen und fürchtete auch, seinen Bruder Georges aufmerksam zu machen. Georges, der Jüngste, schlief meistens rasch ein und wachte spät wieder auf; vielleicht würde er gar nichts Ungewöhnliches bemerken.
Als an der Tür eine Art vorsichtigen Kratzens bemerkbar wurde, sprang Olivier aus dem Bett, schlüpfte hastig in seine Pantoffeln und öffnete. Licht brauchte man gar nicht zu machen: der Mond erhellte das Zimmer zur Genüge. Die beiden Freunde umarmten sich.
»Oh, wie ich auf dich gewartet habe!« sagte Olivier. »Ich glaubte kaum noch, daß du wirklich kämst. Wissen denn deine Eltern, daß du heute nacht nicht zu Hause schläfst?«
Bernard, in der halben Dunkelheit, zuckte mit den Achseln:
»Meinst wohl, ich hätte sie um Erlaubnis bitten sollen, was?«
Seine Stimme klang so spöttisch, daß Olivier sofort einsah, wie lächerlich seine Frage gewesen war. Es war ihm noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen, daß Bernard doch sicherlich ›aus guten Gründen‹ von Hause weggegangen war. Ihm waren die Motive seiner Flucht ganz unklar, und er dachte wohl, Bernard beabsichtige nur, diese eine Nacht wegzubleiben. Und er fragte: »Wann gehst du zurück?«
»Niemals!«
Da begriff Olivier die Tragweite der Angelegenheit und erwies sich nun eifrig bestrebt, der Situation gewachsen zu sein und sich durch nichts mehr überraschen zu lassen. Immerhin entrang sich ihm ein: »Es ist enorm, was du da tust!«
Es mißfiel Bernard durchaus nicht, seinem Freunde zu imponieren, und er war ungemein empfänglich für die Bewunderung, die in dessen Ausruf lag. Doch er zuckte nur abermals mit den Achseln.
Olivier ergriff seine Hand und fragte, voll innerer Angst:
»Aber … warum gehst du von Hause weg?«
»Mein lieber Olivier, das sind Familiengeschichten. Das kann ich dir nicht sagen.«
Und um nicht im geringsten feierlich zu erscheinen, spielte er mit seiner Stiefelspitze an Oliviers einem, auf den Zehen wippenden Pantoffel, denn die beiden Freunde hatten sich auf den Bettrand gesetzt.
»Und wo willst du leben?«
»Weiß nicht.«
»Und wovon?«
»Werd' sehn.«
»Hast du Geld?«
»Für den Kaffee morgen früh.«
»Und dann?«
»Dann such ich eben was. Werd' schon was finden. Ich erzähl's dir dann.«
Olivier bewundert seinen Freund maßlos. Er kennt sein entschlossenes Wesen. Trotzdem zweifelt er noch: wird die Not ihn nicht bald zurücktreiben? Bernard aber erklärt: »Lieber alles andere, als nach Hause zurück!« Und da er die Worte: »Lieber alles andere …« aufgeregt wiederholt, so packt den Freund ein Verdacht. Er möchte etwas fragen, wagt's aber nicht. Endlich, gesenkten Kopfes, stockend, bringt er heraus:
»Sag, Bernard, du willst doch nicht etwa …?«
Er hält inne. Bernard sieht auf und bemerkt seine Verwirrung:
»Was?« fragt er. »Was meinst du? Sprich doch! … Stehlen?«
Olivier schüttelt den Kopf. Nein, das ist es nicht. Plötzlich bricht er in Schluchzen aus und preßt Bernard an sich:
»Versprich, daß du nicht …«
Da versteht Bernard. Lachend macht er sich los:
»Ja, das versprech' ich dir: den Zuhälter werd' ich nicht mimen.« Und er fügt hinzu: »–… obgleich es im Grunde das einfachste wäre, nicht?«
Aber Olivier ist beruhigt; er fühlt, daß der Zynismus dieser Worte nicht ernst gemeint ist.
»Und dein Examen?«
»Ja, das ist 'ne dumme Sache. Ich möchte es immerhin machen. Gebüffelt hab ich genug. Es kommt ja eigentlich bloß darauf an, daß man an dem Schicksalstage einigermaßen in Form ist. Ich muß schnell in klare Verhältnisse kommen. Das Ganze ist ja vielleicht gewagt; aber … 's wird sich schon machen; du wirst sehen.«
Einen Augenblick schweigen sie. Oliviers Pantoffel ist vom Fuße gefallen. Bernard:
»Du wirst dich erkälten. Leg dich doch wieder hin.«
»O nein, das Bett ist für dich. Leg du dich doch hin.«
»Ach, was! hollah hopp!« … und er nötigt Olivier in sein Bett zurück.
»Aber du? Wo willst du schlafen?«
»Irgendwo. Auf dem Fußboden. In einer Ecke. Muß mich dran gewöhnen.«
»Nein! Hör zu: ich möchte dir was erzählen, kann's aber nur, wenn ich dich nah bei mir fühle. Komm zu mir ins Bett.«
Und als Bernard, der sich im Nu ausgezogen hat, neben ihm liegt:
»Du erinnerst dich, wovon ich neulich sprach? … Es ist soweit. Ich bin dagewesen.«
Bernard weiß sofort, wovon die Rede ist. Er drückt seinen Freund an sich. Olivier fährt fort:
»Oh, mein Lieber, das ist aber ekelhaft! Ganz widerwärtig! … Hinterher hätte ich ausspucken mögen, mich übergeben, mir die Haut vom Leibe reißen, mich niederschießen!«
»Du übertreibst …«
»Oder sie niederknallen, die …«
»Wer war es denn? Du bist doch wenigstens nicht unvorsichtig gewesen?«
»Nein, es war eine Donna aus Dhurmers Bekanntschaft, er hatte mich ihr vorgestellt. Besonders ihr Geschwätz ekelte mich an. Sie hörte gar nicht auf zu plappern. Und von einer Stupidität! Ich verstehe nicht, daß man nicht wenigstens in diesen Momenten das Maul hält! Ich hätte ihr einen Knebel in den Mund stecken, sie erwürgen mögen …«
»Mein armer Junge! Aber du hättest dir doch denken können, daß Dhurmer dir nur eine Idiotin andrehen würde … War sie denn wenigstens hübsch?«
»Wenn du glaubst, ich hätte sie angesehen!«
»Na, du bist ja ein netter Idiot, ein entzückender Dummkopf! … Also, schlaf gut … Hast du denn mindestens ordentlich …?«
»Das war ja gerade das Widerlichste –… ganz, als ob ich in sie verliebt gewesen wäre.«
»Alle Wetter, das ist fabelhaft!«
»So hör doch auf! Wenn das die Liebe sein soll, dann hab' ich für ein paar Jahre genug davon!«
»Ach, du bist ein lächerliches Kind!«
»Ich hätte dich mal dabei sehn mögen.«
»Oh, ich laufe da nicht hinterher! Ich warte auf das Abenteuer, das mir entgegenkommt. Einfach so, sachlich –… das ist nichts für mich. Das heißt, wenn ich …«
»Wenn du …«
»Wenn sie … Ach! nichts! Gute Nacht.«
Und er legt sich auf die andere Seite und rückt ein wenig ab von diesem Körper, dessen Wärme ihm peinlich ist. Doch Olivier, einen Augenblick später:
»Sag mal … Glaubst du, daß Barrès bei der Wahl durchkommt?«
»Wenn du keine andern Sorgen hast …«
»Ach, ich pfeif ja drauf! Sag … Hör doch 'n bißchen zu …« Und als Bernard sich ihm wieder zugewandt hat:
»Mein Bruder hat eine Mätresse.«
»Georges?«
Der Kleine, der die ganze Zeit so getan hat, als schliefe er, aber gespannten Ohres sich in der Dunkelheit kein Wort hat entgehen lassen, hält, als er seinen Namen hört, den Atem an.
»Ach, du bist verrückt! Ich spreche natürlich von Vincent.« (Dieser, älter als Olivier, hatte gerade sein medizinisches Studium beendet.)
»Hat er's dir selbst erzählt?«
»Nein. Ich hab's erfahren, ohne daß er eine Ahnung davon hat. Meine Eltern wissen nichts davon.«
»Was täten sie, wenn sie's erführen?«
»Ich weiß nicht. Mama wäre verzweifelt. Papa würde ihm vermutlich die Wahl stellen: Bruch oder Heirat.«
»Hm, diese ehrsamen Bürger begreifen natürlich nicht, daß man auch auf andere Weise anständig sein kann als sie. Wie hast du's denn rausgekriegt?«
»Hör zu. Seit einiger Zeit geht Vincent jeden Abend aus, wenn meine Eltern eingeschlafen sind. Beim Hinuntergehen macht er so wenig Lärm wie möglich, aber ich erkenne seinen Schritt auf der Straße. Vorige Woche, am Dienstag glaub ich, war es nachts so heiß, daß ich nicht im Bett bleiben konnte. Ich ging also ans Fenster, um Luft zu schöpfen. Da hörte ich, wie unten die Haustür aufging und wieder geschlossen wurde. Ich lehnte mich hinaus, und beim Schein der Laterne erkannte ich Vincent. Es war nach Mitternacht. Das war das erste Mal. Ich meine: das erstemal, daß ich ihn bemerkt habe. Aber seitdem ich darauf gekommen bin, achte ich darauf –… oh, eigentlich ohne Absicht, und höre ihn fast jede Nacht weggehen. Er hat seinen eigenen Schlüssel, und meine Eltern haben ihm das Zimmer, das früher Georges und mir gehörte, als Sprechzimmer eingerichtet, für die Zeit, wenn er erst Patienten hat. Das Zimmer liegt ja links vom Korridor, und die übrige Wohnung rechts. Er kann gehen und kommen, wann er will, ohne daß jemand etwas merkt. Gewöhnlich höre ich ihn nicht nach Hause kommen; aber vorgestern, Montag Abend, da weiß ich nicht, was ich hatte, ich dachte an die Zeitschrift, die Dhurmer gründen will, und konnte nicht einschlafen. Ich hörte Stimmen auf der Treppe und vermutete gleich, daß es Vincent sei.«
»Wie spät war es da?« fragte Bernard, nicht so sehr aus Interesse, als um seine Aufmerksamkeit zu bezeigen.
»Drei Uhr morgens, glaub ich. Ich stand auf und legte mein Ohr an die Tür. Vincent sprach mit einer Frau, oder vielmehr die Frau allein war's, die redete.«
»Woher wußtest du denn, daß es wirklich Vincent war? Es kommen doch alle, die im Hause wohnen, an deiner Tür vorbei.«
»Allerdings, und das ist oft ganz unerträglich; je später es ist, desto mehr Lärm machen sie beim Hinaufgehen, ohne jede Rücksicht darauf, daß andere Leute schlafen wollen! … Aber es konnte nur Vincent sein; ich hörte die Frau mehrmals seinen Namen aussprechen. Sie sagte zu ihm –… oh, ich kann es nicht wiederholen …«
»Na, so sag's doch.«
»Sie sagte zu ihm: ›Vincent, mein einziger Schatz, mein Geliebter, verlassen Sie mich nicht!‹«
»Sie sagte ›Sie‹ zu ihm?«
»Ja. Nicht wahr, das ist merkwürdig.«
»Erzähl weiter.«
»›Jetzt haben Sie nicht mehr das Recht, mich zu verlassen! Was soll aus mir werden? Wohin soll ich gehen? Sprechen Sie doch zu mir! Sagen Sie doch ein Wort!‹ –… Und sie nannte ihn wieder beim Namen und beschwor ihn: ›Mein Geliebter, mein Geliebter!‹, aber mit immer traurigerer und leiserer Stimme. Und dann hörte ich ein Geräusch (die beiden standen wohl auf der Treppe), ein Geräusch, wie wenn etwas hinfällt. Ich glaube, da hat sie sich vor ihm auf die Knie geworfen.«
»Und er –… er sagte kein einziges Wort?«
»Nein. Er ging, denke ich, die letzten Stufen hinauf. Ich hörte, wie die Wohnungstür aufgemacht und wieder geschlossen wurde. Die Frau ist dann noch lange dageblieben, hier ganz nah an meinem Zimmer, unmittelbar vor dieser Tür. Ich hörte sie stöhnen.«
»Du hättest ihr aufmachen sollen.«
»Das hab ich nicht gewagt. Vincent wäre wütend, wenn er erführe, daß ich über seine Geschichten Bescheid weiß. Und dann dachte ich auch, es würde ihr unangenehm sein, wenn sie so im Weinen überrascht würde. Ich weiß auch gar nicht, was ich zu ihr hätte sagen sollen.«
Bernard wandte sich seinem Freunde zu:
»Ich an deiner Stelle, ich hätte aufgemacht.«
»Ja, du, du riskierst ja immer alles. Alles, was dir einfällt, das tust du.«
»Soll das ein Vorwurf sein?«
»Oh nein, ich beneide dich darum.«
»Hast du eine Vermutung, wer diese Frau war?«
»Wie soll ich das wissen? … Gute Nacht.«
»Sag mal: bist du sicher, daß Georges uns nicht gehört hat?« flüstert Bernard seinem Freund ins Ohr. Sie lauschen einen Augenblick.
»Nein, er schläft«, erklärt Olivier mit seiner gewöhnlichen Stimme. »Außerdem hätte er nichts begriffen. Weißt du, wonach er Papa neulich gefragt hat? Warum die …«
Jetzt hält Georges sich nicht länger; er richtet sich in seinem Bett auf und fällt seinem Bruder ins Wort:
»Du Schafskopf!« schreit er ihn an. »Du hast also nicht gemerkt, daß ich es nur gesagt habe, um Papa reinzulegen!? … Übrigens hab' ich natürlich jedes Wort gehört, das ihr gesprochen habt! Was euch aber keineswegs zu erschüttern braucht, denn die Sache mit Vincent wußte ich längst. Aber nun redet ein bißchen leiser, Kinder, ich möchte schlafen. Oder haltet den Mund.«
Olivier dreht sich nach der Wand um. Bernard kann nicht einschlafen und betrachtet das Zimmer. Das Mondlicht läßt es größer erscheinen, als es ist. Diesen Raum kennt er ja eigentlich noch gar nicht. Während der Tagesstunden pflegt Olivier sich in der oberen Wohnung aufzuhalten, und dort hat ihn Bernard bei seinen nicht häufigen Besuchen angetroffen. Nun streift der Mondschein den Fuß des Bettes, in dem Georges endlich Schlaf gefunden hat; er hat fast alles gehört, was die beiden sich erzählt haben –… er hat was zum Träumen. Oberhalb von Georges' Bett hängt ein kleines, zweireihiges Bücherregal mit Schulbüchern. Auf dem Tisch neben Oliviers Bett liegt ein Buch größeren Formats. Bernard streckt den Arm aus und nimmt es, um nach dem Titel zu sehen –…: es ist von Alexis de Tocqueville. Als er's wieder hinlegen will, läßt er's fallen, und das Geräusch weckt Olivier.
»Du liest jetzt Tocqueville?«
»Dubac hat mir das Buch geliehen.«
»Und es gefällt dir?«
»Ach, es ist ziemlich öde. Aber es stehen auch gute Sachen drin.«
»Hör zu, was tust du morgen?«
Morgen, Donnerstag, haben die Gymnasiasten frei. Bernard überlegt, ob er seinen Freund vielleicht irgendwo treffen könne. Ins Gymnasium will er nicht mehr kommen, er hofft, sein Examen machen zu können, auch ohne an den letzten Kursen teilzunehmen.
»Morgen«, antwortet Olivier, »geh ich um halb zwölf auf die Gare Saint-Lazare, zum Diepper Zug, um meinen Onkel Edouard zu begrüßen, der aus England zurückkommt. Nachmittags um drei treffe ich Dhurmer im Louvre. Die andre Zeit muß ich arbeiten.«
»Deinen Onkel Edouard?«
»Ja, einen Halbbruder von Mama. Er ist seit sechs Monaten im Ausland, und ich kenne ihn eigentlich nur flüchtig; aber ich mag ihn sehr gern. Er weiß nicht, daß ich auf die Bahn komme, und ich hab Angst, ihn nicht wiederzuerkennen. Er hat gar keine Ähnlichkeit mit meiner übrigen Familie; er ist ein famoser Kerl.«
»Was tut er?«
»Er schreibt. Ich hab fast alle seine Bücher gelesen; aber er hat schon lange nichts mehr veröffentlicht.«
»Romane?«
»Ja, so eine Art Romane.«
»Warum hast du mir nie etwas davon erzählt?«
»Weil du sie dann hättest lesen wollen, und wenn sie dir nicht gefallen hätten …«
»Na, was dann?«
»Das hätte mich traurig gemacht. Nun weißt du's.«
»... Warum nennst du ihn einen famosen Kerl?«
»Ja, das weiß ich selbst nicht recht. Ich sagte dir ja schon, daß ich ihn eigentlich kaum kenne. Das ist mehr so ein Vorgefühl. Ich hab die Empfindung, daß er sich für vieles interessiert, wofür meine Eltern sich nicht interessieren, und daß man mit ihm über alles sprechen kann. Kurz vor seiner Abreise war er mal bei uns zu Tisch. Während er sich mit meinem Vater unterhielt, merkte ich, daß er mich beständig ansah. Das begann mich zu genieren. Ich wollte hinausgehen –… wir waren im Eßzimmer und saßen noch beim Kaffee zusammen. Aber da fing er an, meinen Vater über mich auszufragen, und das genierte mich noch viel mehr. Plötzlich stand Papa auf, um ein Gedicht von mir zu holen, das ich gerade gemacht und ihm dummerweise zu lesen gegeben hatte.«
»Ein Gedicht von dir?«
»Ja doch. Du kennst es übrigens, dies Ding in Versen, von dem du fandest, es erinnere an Baudelaires › Balcon‹. Ich wußte, daß es nichts oder doch so gut wie nichts taugte, und war wütend darüber, daß Papa es aufs Tapet brachte. Nun, während Papa es holte, blieben Onkel Edouard und ich einen Augenblick allein im Zimmer. Ich fühlte, wie ich rot wurde. Ich wußte absolut nicht, was ich zu ihm sagen sollte, und sah anderswohin –… er übrigens auch. Er fing an, sich eine Zigarette zu drehen. Dann erhob er sich (wahrscheinlich, um mir die Situation zu erleichtern, denn ganz bestimmt hatte er mein Erröten bemerkt), ging ans Fenster und pfiff vor sich hin. Plötzlich sagte er zu mir: ›Ich bin noch viel verlegener als du.‹ Aber ich glaube, daß er das nur aus Höflichkeit gesagt hat. Endlich kam Papa zurück. Er gab Onkel Edouard mein Poem, und der machte sich daran, es zu lesen. Ich war entsetzlich nervös. Hätte er mir Komplimente gemacht, ich glaube, ich hätte mit Beleidigungen geantwortet. Papa erwartete offenbar Lobeshymnen. Da der Onkel kein Wort vernehmen ließ, fragte er: ›Nun, was hältst du davon?‹ Der Onkel antwortete lachend: ›Es geniert mich, in deiner Gegenwart mit ihm darüber zu sprechen.‹ Da mußte Papa auch lachen und ging wieder hinaus. Als wir von neuem allein waren, sagte Onkel Edouard zu mir, er finde mein Gedicht sehr schlecht. Komischerweise machte es mir Freude, ihn das sagen zu hören. Was mir aber noch weit mehr Freude machte, war, daß er plötzlich mit dem Finger auf zwei Zeilen wies, die beiden einzigen im ganzen Gedicht, die mir gefielen. Er sah mich lächelnd an und sagte: ›Die Stelle da, die ist gut.‹ War das nicht fein von ihm? Und wenn du wüßtest, in welchem Ton er das sagte! Ich hätte ihn umarmen mögen dafür! Darauf sagte er mir, mein Irrtum bestehe darin, daß ich von einer Idee ausginge und mich nicht genügend vom Gang der Worte führen ließe. Zunächst verstand ich ihn nicht ganz; aber jetzt fühle ich, was er damit gemeint hat und daß er recht hat. Ich erklär' dir das ein andermal.«
»Und ich versteh jetzt, warum du an die Bahn gehen und ihn sehen willst.«
»Oh, was ich dir erzählt habe, ist noch gar nichts, und ich weiß nicht, warum ich dir gerade das erzählt habe. Wir haben noch viel anderes zusammen gesprochen.«
»Um halb zwölf, sagst du? Woher weißt du denn, daß er mit diesem Zuge ankommt?«
»Er hat es Mama geschrieben, auf einer Postkarte, und ich hab' dann im Fahrplan nachgesehen, ob die Ankunftszeit stimmt.«
»Werdet ihr zusammen essen?«
»O nein, ich muß zum Mittagessen wieder zu Haus sein. Ich hab nur gerade Zeit, ihm die Hand zu drücken. Aber das genügt mir auch … Doch nun sag mir, bevor wir einschlafen: wann sehen wir uns wieder?«
»Nicht vor einigen Tagen. Nicht, bevor ich aus dem Schlimmsten raus bin.«
»Aber sag … vielleicht kann ich dir doch irgendwie helfen?«
Allerdings verließ Vincent Molinier die elterliche Wohnung jeden Abend, aber er ging nicht zu seiner Mätresse. Folgen wir seinen Schritten, obgleich er es eilig zu haben scheint. Von der Höhe der Rue Notre-Dame-des-Champs, in der er wohnt, gelangt Vincent zur Rue Saint-Placide, in ihre Verlängerung bildet, dann in die Rue du Bac, in der noch einige verspätete Bürger zu sehen sind. In der Rue de Babylone bleibt er vor einem Haustor stehen, das sich öffnet. Es ist das Haus des Grafen Passavant. Käme Vincent nicht oft hierher, er würde nicht so sicheren Schrittes in dieses prunkvolle Hotel eintreten. Der Lakai, der ihn empfängt, weiß sehr wohl, wieviel Schüchternheit sich hinter seinem gespielten Selbstvertrauen verbirgt. Vincent übergibt ihm seinen Hut nicht, sondern wirft ihn nachlässig auf einen Sessel. Immerhin besucht er dieses Haus noch nicht lange. Robert de Passavant, der sich jetzt seinen Freund nennt, ist der Freund von allerhand Leuten. Ich weiß eigentlich nicht, wie Vincent und er bekannt geworden sind. Wahrscheinlich schon auf dem Gymnasium, obgleich Robert de Passavant merklich älter ist als Vincent. Sie hatten sich ein paar Jahre lang aus den Augen verloren und sich dann neulich, ganz zufällig, im Foyer eines Theaters wiedergetroffen, im Beisein von Olivier, der ausnahmsweise mit ins Theater gegangen war. Passavant hatte während der Pause den Brüdern Erfrischungen angeboten. An diesem Abend hatte er auch erfahren, daß Vincent sein medizinisches Externat eben beendet hatte und noch nicht recht entschlossen war, ob er sich als Assistenzarzt an einem Krankenhause melden solle; im Grunde interessierte er sich nämlich mehr für Naturwissenschaften als für Medizin; aber der Zwang, Geld zu verdienen … Kurz, Vincent hatte den einträglichen Vorschlag, den Robert de Passavant ihm bald darauf machte, bereitwillig angenommen. Er kam nun jeden Abend zu Robert und sah nach dem alten Grafen, Roberts Vater, den eine ziemlich schwere Operation erschöpft zurückgelassen hatte. Es handelte sich um Verbände, die erneuert werden mußten, um Sondierungen, Einspritzungen und derlei Manipulationen, die erfahrene Hände erforderten. Aber darüber hinaus bewogen den Vicomte geheime Gründe, sich Vincent zu nähern. Und diesen wieder bestimmten andere, Roberts Vorschlag anzunehmen. Roberts geheime Gründe werden wir späterhin zu erforschen trachten. Vincents Motive entsprangen einem dringenden Geldbedürfnis. Wenn man das Herz auf dem rechten Fleck hat, und wenn einem außerdem ein gewisses Verantwortungsgefühl anerzogen worden ist, so macht man einer Frau kein Kind, ohne sich ihr gegenüber einigermaßen verpflichtet zu fühlen, zumal wenn diese Frau ihren Mann verlassen hat, um einem zu folgen. Vincent hatte bis dahin ein leidlich tugendhaftes Leben geführt. Sein Abenteuer mit Laura erschien ihm, je nach der Tageszeit, ungeheuerlich oder ganz natürlich. Es ist ja häufig so, daß das Zusammenkommen einer Anzahl kleiner Tatsachen, deren jede einzelne ganz einfach und harmlos ist, genügt, um eine monströse Summe zu ergeben. Diesen Gedanken wiederholte er sich des öfteren; aber dadurch kam er nicht aus den Schwierigkeiten seiner Lage heraus. Gewiß hatte er nie daran gedacht, sich dauernd mit der Sorge für diese Frau zu belasten, sie etwa, nach erfolgter Scheidung, zu heiraten oder sonstwie mit ihr zu leben. Er gestand sich ein, daß seine Neigung zu ihr keineswegs überschwänglich war; aber er wußte sie in Paris ohne Hilfsquellen. Er war die Veranlassung zu ihrem Elend, er schuldete ihr zum allermindesten eine einmalige Unterstützung für die erste, schlimmste Zeit. Doch nicht einmal diese Unterstützung vermochte er ihr jetzt noch zu gewähren. Vor ein paar Tagen wäre es noch möglich gewesen, denn vorige Woche besaß er noch die fünftausend Franken, die seine Mutter so geduldig und mühselig für ihn auf die Seite gelegt hatte, um den Anfang seiner Laufbahn zu erleichtern. Diese fünftausend Franken hätten sicherlich für die Niederkunft seiner Freundin, für ihre Unterbringung in einer Klinik und für die erste Pflege des Kindes genügt. Doch welchen Dämons Einflüsterungen hatten ihn da betört? Diese Summe, längst für seine Geliebte zurückgelegt und in Gedanken durchaus für sie bestimmt, diese Summe, von der auch nur einen Sou wegzunehmen er für Sünde gehalten hätte –… welcher Dämon hatte ihn eines Abends überredet, sie werde vermutlich unzureichend sein? Nein, Robert de Passavant war es nicht gewesen. Robert hatte niemals etwas Derartiges geäußert. Aber sein Anerbieten, Vincent in den Spielsaal mitzunehmen, war gerade auf jenen Abend gefallen. Und Vincent hatte angenommen.
