Die Geschichte von dem heißen Typen, etwas Glühwein und total verheulten Augen - Sara-Maria Lukas - E-Book

Die Geschichte von dem heißen Typen, etwas Glühwein und total verheulten Augen E-Book

Sara-Maria Lukas

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Beschreibung

Eigentlich wollte Clara mit ihrem Freund Philipp einen romantischen Weihnachtsurlaub erleben, doch der betrügerische Mistkerl vergnügt sich lieber in einem anderen Bett. Bitter enttäuscht lässt sie ihre Wut am Wagen seiner Geliebten aus – bis sie ein Unbekannter überwältigt und zum Aufhören zwingt. Der Anblick des attraktiven Mannes schickt ihr Blitze ins Herz und von dort aus ins Höschen. Clara ist überzeugt, sich an dem augenscheinlichen Macho ein weiteres Mal die Finger zu verbrennen, und will schleunigst verschwinden. Doch ein Schneesturm zwingt sie, Weihnachten in seinem Haus zu verbringen. Winterlicher Liebesroman mit Witz, Herzschmerz und Happy End

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Sara-Maria Lukas

Die Geschichte von dem heißen Typen, etwas Glühwein und total verheulten Augen

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1

„Okay, das kann so bleiben.“ Zufrieden nickte ich beim Blick auf das lange Regal mit den Koffern. Herrenportemonaies mussten nachbestellt werden und diese neuen Rucksäcke taugten nichts. Seufzend betrachtete ich den offenen Karton in der Ecke des Abstellraums. „Hoffentlich denkt die Lutter daran, die Reklamationen abzuschicken.“

Ich atmete tief durch. Bald konnte es mir egal sein, woran die Lutter dachte oder auch nicht. Nächstes Jahr noch nicht, aber vielleicht übernächstes. „Yeah!“

„Wie bitte?“

Ups. Hatte ich mal wieder laut gedacht? „Nichts, Entschuldigung. Legst Du bitte der Lutter heute Abend noch einen Zettel auf den Schreibtisch, damit sie Montag an die Rücksendung der Reklamationen denkt. Bei den neuen Rucksäcken sind die Nähte unsauber und platzen auf. Die müssen alle zurück.“

Yvonne nickte, während ihre Finger routiniert die Kassenrolle wechselten. „Okay, kein Problem.“

„Gut. Dann mache ich jetzt Feierabend. Kommst Du den Rest des Tages allein zurecht?“

„Na klar, liebste Clara. Schönen Urlaub und erhol Dich gut! Du hast es Dir redlich verdient nach den tausend Überstunden in den letzten Monaten.“

„Danke. Wir sehen uns nächstes Jahr. Schöne Weihnachten mit deiner Familie!“

Yvonne strahlte. „Ich freu mich so, meine Brüder endlich wiederzusehen. Und du, genieß mit deinem Lover jede Minute in diesem Nobelhotel. So einen Hauptgewinn kriegst du nie wieder!“

„Zu Befehl, beste Kollegin.“ Ich zwang mich zu einem gequälten Lächeln. Meinetwegen bräuchten Philipp und ich nicht in dieses Hotel fahren. Wir hätten uns auszahlen lassen, oder die Reise auf EBay verkaufen können. Schließlich planten wir unser eigenes Studio und legten dafür seit zwei Jahren jeden Cent zurück. Da wäre das Geld ein dickes Plus auf dem Sparkonto geworden. War der Traum verwirklicht, konnten wir uns für den Rest unseres Lebens noch genug teure Ferien leisten. Aber Philipp hatte den Urlaub bei irgendeinem Preisausschreiben gewonnen und wollte diese Reise unbedingt, also hatte ich mich überreden lassen.

Ich sah mich ein letztes Mal in meiner Abteilung um. Alles bestens. Die Regale ordentlich sortiert, die neue Werbung aufgehängt, das Lager bis unters Dach gefüllt. Ich wusste, wie ich meinen Job zu erledigen hatte. Nur würdigen tat das niemand in diesem scheiß Kaufhaus. Die Umsätze gingen zurück und wer bekam die Schuld? Natürlich wir Abteilungsleiter. Wir sollten unsere Mitarbeiter mehr motivieren, hieß es süffisant beim letzten Monatsmeeting in der Chefetage. Wie denn, bei den Gehältern? Ich war froh, so motivierte Kolleginnen wie meine Stellvertreterin Yvonne zu haben. Würde ich Druck machen, anstatt im Team miteinander zu arbeiten, wäre die Atmosphäre vergiftet und der Umsatz noch mieser. Wer strengt sich schon gerne an, wenn er nur kritisiert wird? Sollten die Chefs doch mal darüber nachdenken, warum die Internethändler so viel mehr verkauften, anstatt uns die Schuld zu geben!

Unwillig schüttelte ich den Kopf. Nein. Jetzt, in diesem Moment, begann mein Urlaub und den wollte ich mir nicht mit Gedanken an nervigen Firmenärger vermiesen.

Zum Glück bildete der Grundstock unserer gemeinsamen Sparsumme die fünfundzwanzigtausend Euro, die ich von meinen Großeltern geerbt hatte. Wenn wir konsequent jeden Cent zurücklegten, brauchten wir nur noch vierzehn, vielleicht achtzehn, Monate. Dann konnten wir genug Eigenkapital vorweisen, um den Rest mit Krediten zu finanzieren. Das hatten wir alles sorgfältig kalkuliert. Ich fieberte dem Tag entgegen, an dem die Bosse der Kaufhauskette mir den Buckel runterrutschen konnten. YES!

Der Tag, an dem wir unser Studio eröffneten, würde der schönste meines Lebens werden. Wir wollten es P&C Fitness nennen, nach unseren Vornamen Philipp und Clara. Ich sah das breite Schild, die gläserne Tür und den Eingangsbereich vor meinem inneren Auge. Wir wussten bereits ganz genau, wie wir es einrichten würden. Fast jeden Abend wälzten wir Kataloge und verglichen Preise. Endlich nicht mehr für Andere schuften, sondern nur noch für das eigene Portemonnaie.

„Nun geh!“, schimpfte Yvonne und machte eine imaginäre Schubsbewegung in meine Richtung. Ich winkte ab. „Bin schon weg.“

Als ich im Aufenthaltsraum meinen Mantel aus dem Spind zerrte, fiel mein Blick in den kleinen Türspiegel. Hätte ich diese Woche doch noch zum Friseur gehen sollen? Schließlich fuhren wir in ein Nobelhotel, zwar nicht nach Kitzbühel, sondern nur in den Harz, aber immerhin hatte der Schuppen fünf Sterne und die Bilder im Prospekt vermittelten einen entsprechend luxuriösen Eindruck. Da sollte Frau wohl eher nicht wie ein Waldschrat auftreten. Kritisch drehte ich den Kopf hin und her und verdrehte die Augen. Es war sowieso zu spät, noch darüber nachzudenken, denn am Samstagnachmittag würde ich keinen Friseurtermin mehr bekommen. Außerdem war ich hübsch genug. Nicht überkandidelt, aber seriös, ordentlich und zeitlos elegant, wie ich es als Leiterin der Lederwarenabteilung gewohnt war. Die Haare hatten genau die richtige Länge bis knapp auf die Schultern, um glatt herabzuhängen, ohne aufwendig frisiert zu werden. Das sparte morgens sehr viel Zeit. Zum Glück mochte Philipp mich, wie ich war. Hohlköpfige Modepüppchen laufen mir genug hinterher, sagte er immer, du bist nicht nur wunderschön, so wie du bist, sondern unsere Interessen passen auch zusammen. Das ist es doch, worauf es in einer Beziehung ankommt.

Ich schloss den Spind und schlüpfte in den Mantel.

Es regnete mal wieder Bindfäden, wie man so schön sagt, und ich fröstelte, obwohl es fünf Grad plus waren. Statt stilvoller weißer Schneeflocken, tropfte dreckiges Wasser von der Weihnachtsdeko in der sowieso ständig schmuddeligen Fußgängerzone von Gelsenkirchen. Mist, ich hatte keinen Schirm dabei. Mit gesenktem Kopf hetzte ich zur Bushaltestelle, um mich dort unterzustellen, bis meine Linie kam.

Unser Studio wollten wir in einem der besseren Stadtteile von Köln eröffnen. Dort kosteten Immobilien zwar das Dreifache, aber wer will schon sein ganzes Leben in Gelsenkirchen verbringen? Vielleicht würden sogar Fernsehpromis bei uns Mitglied werden, schließlich hatten einige Sender ihre Aufnahmestudios und Büros in Köln.

Statt Lederwaren aus dem Lager zu schleppen und ins Regal zu stapeln, würde ich eigene Kurse geben, zum Beispiel Zumba, Yoga und Jazzdance. Fit genug war ich. Dafür trainierte ich jeden Morgen vor der Arbeit in dem Fitnessstudio, in dem Philipp zurzeit noch angestellt war. Hier hatten wir uns kennengelernt. Schon beim ersten Date erzählte er von seinem Traum, sich als Fitnesstrainer selbstständig zu machen. Nach wenigen Wochen bot ich ihm an, mich mit meinem Erbe zu beteiligen, und ruckzuck beschlossen wir, gemeinsam ein Studio zu eröffnen.

 

Nachdem ich die gewohnten drei Stationen mit dem Bus gefahren war, musste ich nur fünf Minuten laufen, um zum Studio zu gelangen. Mein alter schwarzer Golf stand auf dem Parkplatz. Da Philipp unregelmäßigere Arbeitszeiten hatte, als ich, ließ ich ihm meist das Auto und fuhr mit der Bahn in die City. Er nutzte es, um vor allem Banken, Ämter und Makler wegen unseres Businessplanes zu besuchen.

Ich ging hinein. Philipp stand neben der Empfangstheke und unterhielt sich mit einer Kundin. Er war zwar schon umgezogen, trug eine enge Jeans und ein schwarzes Hemd, schien aber noch im Arbeitsmodus zu kleben. Er erklärte ihr ganz offensichtlich die Lage der Muskeln im oberen Rückenbereich, denn er berührte erst ihre Oberarme und drückte anschließend ihre Schultern leicht zurück, während er redete. Sie nickte und lächelte mit glänzenden Augen zu ihm auf. PAH! Sie flirtete mit ihm! Keine Chance, Goldstück, der gehört mir.

Grinsend schlenderte ich näher. „Hi Schatz.“

Der attraktivste aller Männer drehte den Kopf, zwinkerte mir zu und beendete seine Anatomiedemonstrationen, um mir einen Begrüßungskuss zu geben. Mmh ... frisch nach dem Duschen duftete er herrlich nach diesem herben Männerparfüm, das er immer kaufte. Die kleinen Sprühflakons kosteten zwar ein Vermögen, waren aber definitiv jeden Cent davon wert. Sobald ich es schnupperte, vibrierte es tief in meinem Bauch.

„Hi, Sonnenschein, wie war dein Tag?“, fragte er mit dieser unnachahmlichen dunklen, weichen Stimme. Er sprach leise und dicht an meinem Ohr, sodass ich seinen Atem über meinen Hals wehen spürte. Ich liebte es, wenn er in der Öffentlichkeit auf diese Art eine intime, persönliche Atmosphäre schaffte. Ich sah zu ihm auf und kämmte mit den Fingern seine blonden Haare zurück, die ihm mal wieder halb über die Augen fielen. Philipp trug einen lässigen Kurzhaarschnitt. Das stand ihm gut. Es gab seinem ebenmäßigen Gesicht, mit dem leicht gebräunten Teint, dieses gewisse Etwas, auf das meine Libido seit unserer ersten Begegnung zuverlässig herrlich kribbelnd reagierte ...

Nicht nur meine, die Hälfte der weiblichen Mitglieder hier flirtete ganz offen mit ihm, obwohl es allgemein bekannt war, dass er zu mir gehörte.

Ich machte mir deswegen keine Sorgen. Nach einer Reihe von Nieten hatte ich aus dem großen Lostopf des Lebens endlich einen Gewinn gezogen. Diesem Mann vertraute ich. Er würde mich niemals betrügen. Schließlich arbeiteten wir daran, uns eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Arm in Arm schlenderten wir zu meinem Wagen. Ich stockte, als mein Blick durch die Scheibe auf die Rückbank fiel. „Hast du eingekauft?“

Philipp zuckte mit den Schultern, während er um das Auto herumging, um auf der Fahrerseite einzusteigen. „Ich brauchte noch ein paar ordentliche Klamotten, schließlich fahren wir nicht in eine Billigabsteige. Wer weiß“, er zwinkerte mir über das Autodach hinweg zu, „vielleicht läuft uns in dem Nobelschuppen ein Investor über den Weg und unser Traum kann im Januar schon starten.“

Mit einem dumpfen Grummeln im Bauch ließ ich mich auf den Beifahrersitz fallen. Die Markennamen auf den Einkaufstüten verrieten, dass er viel Geld ausgegeben haben musste. War das notwendig? Waren meine Klamotten gut genug? Er hatte ja Recht, wir verbrachten vierzehn Tage in einem Domizil, bei dem die Suite, die zum Gewinn gehörte, achthundert Euro pro Nacht kostete. Andererseits hatten wir uns gegenseitig fest versprochen, jeden Cent zu sparen, den wir nicht zum Lebensunterhalt benötigten. Seufzend lehnte ich mich zurück. Was soll's. Morgen war Sonntag und Abreise. Ich würde mir nicht den ersten Urlaub seit fünf Jahren vermiesen, indem ich übers Geld nachdachte.

„Was ist, Sonnenschein?“ Lächelnd drehte Philipp mir kurz das Gesicht zu und legte seine Hand auf mein Bein. „Gab‘s mal wieder Ärger im Kaufhaus?“

Ich straffte mich und atmete tief durch. „Nein. Alles in Ordnung. Ich freue mich auf unseren Urlaub.“

 

*

 

Der Wecker klingelte um sechs Uhr. Und das am Sonntag. Zehn Minuten noch. Stöhnend drückte ich auf Schlummern, drehte mich zur anderen Seite und zog die Decke über den Kopf. Im Halbschlaf begann mein Gehirn zu arbeiten. Wieso hatte ich den Wecker aktiviert? Was lag an? Nach kurzer Orientierungslosigkeit fiel es mir wieder ein. Urlaub. Wir feierten Weihnachten in einem Luxushotel im Harz und heute, gegen elf Uhr, wollten wir losfahren. Vorher mussten die Koffer gepackt und die Wohnung saubergemacht werden.

Zeit zum Aufräumen und Staubsaugen plante ich vor einer Reise immer mit ein, denn ich hasste es, in eine schlampige Wohnung zurückzukehren.

Philipp war das ziemlich egal, er amüsierte sich sowieso regelmäßig über meinen Ordnungsfimmel. Aber okay, ich brauchte das, also rechnete ich die Zeit mit ein. Anschließend musste ich noch rüber zu Frau Böttjer, der Nachbarin, um ihr einen Schlüssel zu geben, damit sie die Blumen gießen konnte. Dafür sollte ich eine halbe Stunde einplanen, denn die alte Dame war zwar nett, aber auch sehr redselig.

Ich musste unbedingt dran denken, den Badeanzug einzupacken. Im Hotel gab es einen Wellnessbereich mit Swimmingpool und Sauna. Ich wollte jeden Tag schwimmen. Das würde herrlich werden. Mein größter Wunsch für diesen Urlaub war allerdings, dass es schneien sollte. An den Weihnachtstagen in den bewaldeten Hängen des Harzes durch knirschenden Schnee zu wandern, zu zweit und so sehr verliebt wie wir beide, das musste wundervoll sein. Zum Glück passten meine alten Wanderschuhe noch. Die hatte ich vor Jahren für einen Urlaub in Österreich gekauft und nun ganz hinten aus dem Schrank gekramt. Es waren nicht mehr die modernsten Modelle, aber zweckmäßig allemal. Philipp hatte gelacht, als er zusah, wie ich die Stiefel dick mit Lederfett einschmierte. „Bilde Dir bloß nicht ein, dass ich in meinem Urlaub anstrengende Bergtouren unternehme.“

„Dann gehe ich eben mit einem jungen, attraktiven Wanderführer“, hatte ich schnippisch geantwortet, woraufhin ich von hinten in seine Arme gezogen und sanft ins Ohrläppchen gebissen worden war. „Ich werde dich Tag und Nacht so ausgiebig in unserem luxuriösen Hotelbett vögeln, dass du keine Ambitionen mehr hast, dich außerhalb unseres Zimmers nach jungen Wanderführern umzusehen, Sonnenschein.“

Kichernd hatte ich mich in seinen Armen gedreht und auf ihn gestürzt, woraufhin wir in einem Kuss versunken und im Bett gelandet waren.

Der Wecker surrte schon wieder los. Ich schob die Decke zur Seite und setzte mich auf. Morgen im Hotel würde ich bis elf Uhr schlafen. YES!

Philipp brummte nur, als ich aus dem Bett kletterte. Der Glückliche hörte den Wecker nie. Wenn ich ihn nicht jeden Morgen aus den Federn zwänge, käme er ständig zu spät. Oft, wenn ich vor dem Frühstück das dritte oder vierte Mal an seiner Schulter rüttelte, fragte ich mich kopfschüttelnd, wie er bloß klargekommen ist, bevor er mich kannte.

„Aufstehen, mein Schatz, wir fahren in den Urlaub“, säuselte ich an seinem Ohr.

„Mmh ... gleich“, knurrte er und grinste mit geschlossenen Augen, als ich seinen Hals zärtlich küsste. „Komm, wir machen Sex“, murmelte er verführerisch träge.

Glucksend wehrte ich mich gegen seinen Arm, der mich zurück ins Bett befördern wollte. „Keine Chance, mein Schatz, es gibt noch zu viel zu tun, bevor wir loskönnen. Geh unter die Dusche, ich mache schon mal Frühstück.“

„Wir duschen zusammen“, nuschelte er ins Kissen.

„Du gehst jetzt ins Bad und ich dusche, nachdem ich saubergemacht habe.“

„Spielverderberin.“

 

Zwei Stunden später packte ich Koffer. Philipp benötigte dafür nur einen Bruchteil der Zeit, deshalb saß er mit seinem Laptop im Wohnzimmer, während ich konzentriert aus dem Kleiderschrank fischte, was ich in den nächsten vierzehn Tagen brauchen würde. Mein Weihnachtsgeschenk für ihn versteckte ich zwischen meiner Wäsche. Er sollte die goldene Armbanduhr meines Großvaters bekommen. Die war schon seit drei Generationen in Familienbesitz. Mein Vater trug nur moderne Digitaluhren, deshalb hatte er sie mir gegeben, als wir die Wohnung der Großeltern auflösten. Seitdem lag sie in meinem Nachtschrank. Nun hatte ich die Uhr Anfang Dezember zum Durchchecken und Reinigen beim Uhrmacher abgegeben und gestern in der Mittagspause wieder geholt.

Bevor ich das Kästchen im Koffer verstaute, öffnete ich es und betrachtete das gute Stück. Die Uhr war das einzige Wertvolle, was ich besaß und der Mann, den ich liebte, würde sie in Zukunft tragen. Plötzlich drückte ein Kloß in meiner Kehle und mein Blick verschwamm. Da meine Eltern während meiner Kindheit immer beide ganztags berufstätig gewesen waren, hatte ich zu den Großeltern ein sehr inniges Verhältnis gehabt. Nun waren Oma und Opa schon einige Jahre tot. Bevor ich richtig sentimental wurde, atmete ich tief durch, packte die Uhr wieder ein und verstaute sie im Koffer.

Das Telefon klingelte dreimal. Da es dann still wurde, ging ich davon aus, dass Philipp rangegangen war. Tatsächlich, eine Minute später, schlenderte er ins Zimmer und hielt mir den Hörer hin. „Dein Vater.“

Ich verdrehte die Augen und nahm das Gespräch an. Philipp und meine Eltern verstanden sich nicht. Sie hielten ihn für einen unzuverlässigen, oberflächlichen Schönling. Okay, für Leute, wie meine Erzeuger, die sich für ihre Firma Tag und Nacht aufrieben, war ein lebenslustiger Typ wie Philipp nicht akzeptabel und unseren Traum vom gemeinsamen Fitnessstudio hielten sie für Spinnerei. Mutter und Vater arbeiteten beide für eine große Handelsgesellschaft. Sie hatten sich während der Ausbildung in dieser Firma kennengelernt, schnell verliebt und geheiratet. Inzwischen werkelten sie seit fast dreißig Jahren Tür an Tür im gleichen Büro. Okay, sie verdienten genug und es waren sichere Jobs. Aber ich wollte mehr. Ich wollte nicht mein Leben lang dafür arbeiten, dass andere reich wurden, sondern so viel Geld in meine eigene Tasche erwirtschaften, dass ich mir etwas Luxus leisten konnte. Ich wollte Reisen machen, vielleicht mal eine Kreuzfahrt und unbedingt Australien kennenlernen.

Bis zur Rente im Kaufhaus? Auf keinen Fall. Never! Aber das verstanden meine Eltern nicht und so war unser Verhältnis kühl, seitdem Philipp bei mir lebte. Egal. Ich war schließlich neunundzwanzig Jahre alt, da sollten meine Eltern meinen Lebensstil akzeptieren, anstatt mir in mein Leben fuschen zu wollen.

Genervt hielt ich das Telefon ans Ohr. „Hi, Papa.“

„Hallo Clara. Wir wollten dir schöne Weihnachten und einen guten Rutsch wünschen, bevor du wegfährst.“

„Mir oder uns?“

„Ach Schatz, euch natürlich. Aber vor allem dir, denn du bist unsere Tochter.“

Seufzend setzte ich mich auf den Bettrand. „Okay. Ich wünsche euch auch schöne Weihnachten.“

„Seid ihr mit euren Berufsplänen inzwischen weiter?“, fragte er zögernd.

„Noch nicht, aber unser Finanzplan steht.“

„Ihr wollt einen Kredit aufnehmen?“

„Ganz ohne wird es nicht gehen, aber mach dir keine Sorgen, wir haben alles gut durchgerechnet.“

„Versprich mir, dass du dich kompetent beraten lässt.“

Ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. „Natürlich und jetzt will ich nichts mehr davon hören. In zwei Stunden fahren wir los und wollen unseren Urlaub genießen.“

 

*

 

Als die ersten sanften Erhebungen des Mittelgebirges am Horizont zu erkennen waren, hörte es auf, zu regnen. Was für ein netter Willkommensgruß. Philipp setzte den Blinker, um die Autobahn zu verlassen, und warf einen Blick auf das Navy. „Um Fünfzehn Uhr können wir die Suite beziehen, so wie es aussieht, passt unser Timing.“

In meinem Bauch begann es zu flirren. Lampenfieber. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einem Fünf-Sterne-Hotel gewesen. Hoffentlich blamierte ich mich nicht. Während meiner Kindheit hatten die Eltern Ferienwohnungen gemietet, wenn wir verreisten. Darin konnte man ungezwungen sein und sich wie Zuhause fühlen.

In diesem Hotel gab es sicher keine Bratwurst mit Pommes und Ketchup, sondern nur drei Menus mit zwanzig Gängen und es bestand die Gefahr, dass ich das Besteck durcheinanderbringen oder den falschen Wein bestellen könnte.

Ich warf Philipp einen Seitenblick zu. Er summte die Radiomusik mit und ließ seine Finger im Takt auf dem Lenkrad tanzen. Der Glückliche machte sich hundertprozentig keine Sorgen über angemessenes Benehmen und Tischregeln. Das entsprach nicht seinem Charakter. Er bewegte sich überall und zu jeder Zeit ungezwungen passend. Für diese Fähigkeit bewunderte und beneidete ich ihn.

Wir fuhren durch herrliche Natur. Nachdem sich die Wolken verzogen hatten und die Sonne schien, wirkten die von riesigen Waldflächen umringten Äcker wild und urwüchsig. Raubvögel kreisten majestätisch gelassen am Himmel, als gehörte das Land ihnen und von Zeit zu Zeit sah man eine Gruppe Rehe am Waldrand stehen. Leider glänzten auch überall große Pfützen, also war es nicht weihnachtlich romantisch. Jedoch definitiv romantischer als Gelsenkirchen. Mit Schnee wäre es natürlich perfekt. Vielleicht hatten wir Glück, der Wetterbericht im Internet hielt einen Wintereinbruch zu den Feiertagen für möglich. Ich lehnte den Kopf an die Nackenstütze und stellte mir vor, wie ich Heiligabend mit meinem Schatz verbringen wollte. Erst schwimmen, dann frühstücken. Zimmerservice müsste es natürlich sein. Vielleicht bestellte ich irgendwas Verrücktes, was man sonst nie bestellen würde. Zum Beispiel Glühweineis. Innerlich kicherte ich. Glühweineis zum Frühstück. YES, THAT‘S IT!

Ich liebte Glühweineis und ein so nobles Hotel besaß bestimmt ganz besondere Rezepte dafür. Anschießend natürlich eine Runde Sex und noch mal einschlafen. Mittags ein zweites Frühstück im Bett mit Kaffee, warmen Brötchen und Erdbeermarmelade. Oder Croissants. Ja, frische Croissants mit Erdbeermarmelade. Lecker ... Anschließend ein ausgiebiger Spaziergang durch den Wald im Schnee und ein heißes Bad in der riesigen Wanne unserer Nobelsuite. Und schließlich ein unvergesslicher Heiliger Abend mit Kerzenschein und einem leckeren Essen bei romantischer Hintergrundmusik. Vor meinem inneren Auge sah ich uns in der luxuriösen Suite sitzen. Ich schenkte Philipp die Uhr und er schenkte mir etwas. Dann blickten wir uns tief in die Augen, sagten uns, dass wir uns liebten und küssten uns.

Ja, so wünschte ich mir dieses Weihnachtsfest.

Philipp berührte meine Hand. „Woran denkst du, Sonnenschein? Dein Seufzen gerade klang sehr sehnsüchtig.“

Ich konnte mir ein Glucksen nicht verkneifen. „Magst du eigentlich Glühweineis zum Frühstück?“

„Äh ... keine Ahnung, ich hoffte“, er drehte den Kopf und grinste verschmitzt, „deine Gedanken beschäftigten sich mit dem breiten Bett in unserer Suite, dass wir heute Nachmittag stilvoll in Besitz nehmen könnten.“

Lachend schüttelte ich den Kopf. „Du denkst auch immer nur an das eine!“

„So sind Männer eben.“

„Ich will Romantik.“

Er zwinkerte. „Die sollst du haben, mein Schatz. Also Glühweineis zum Frühstück, ja? Bestellung ist abgespeichert.“

 

*

 

Ein unübersehbares, mit goldener, verschnörkelter Schrift bemaltes Schild wies uns den Weg. Philipp bog von der Hauptstraße des urigen Harzdorfes mit kleinen Läden, Pensionen und Gaststätten ab. Die schmale Zufahrt zum Hotel zog sich mindestens einen Kilometer lang kurvenreich bergauf. Der rechts und links wachsende dichte Tannenwald wirkte fast bedrohlich. Das Tageslicht gelangte kaum bis auf den Boden. Einmal passierten wir eine Lichtung, von der aus man einen herrlichen Blick auf ein Tal und die Berglandschaft hatte. Häuser waren verstreut in den gegenüberliegenden Hang gebaut worden. Durch die Entfernung wirkten sie wie Miniatur - Spielzeugbauten. Es musste herrlich sein, so einsam zu wohnen. Aufkommende Nebelschwaden sorgten für eine fast mystische Stimmung. In dieser Atmosphäre konnte ich nachvollziehen, warum sich so viele Legenden der Harztradition um Geschichten von Hexen und Zauberei ranken.