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Keine andere Dynastie hat die europäische Geschichte so stark geprägt wie die der Habsburger. Friedrich Weissensteiner porträtiert die bedeutendsten Herrscher und liefert eine Geschichte des Hauses Habsburg in farbigen Biografien – vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Für diese Ausgabe wurde der Text aktualisiert und um die Porträts von Joseph II. und Leopold II. erweitert.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
In den Oktober- und frühen Novembertagen des Jahres 1918, als der Erste Weltkrieg seinem Ende entgegenging, war der Auflösungsprozeß der Österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie in vollem Gange. Der habsburgische Vielvölkerstaat, ein multinationales Großreich, das jahrhundertelang die Geschichte Europas entscheidend mitgestaltet und geprägt hatte, fiel, später von den Siegermächten in den Friedensschlüssen von St. Germain und Trianon sanktioniert, in seine (nationalen) Bestandteile auseinander. Karl I., der letzte Kaiser aus der Dynastie der Habsburger, die das vielgestaltige Staatsgebilde geschaffen, regiert und zuletzt mit erlahmender Kraft zusammengehalten hatten, sah sich unter dem Druck der Ereignisse zum Handeln gezwungen. Er dankte jedoch nicht ab, wie der Hohenzoller Kaiser Wilhelm II., er gab seinen Anspruch auf Thron und Würden nicht auf. Am 11. November 1918 verzichtete er lediglich »auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften«. Mit dieser juristischen Spitzfindigkeit nahm das Haus Habsburg-Lothringen, ohne es wahrhaben zu wollen, Abschied von der Weltgeschichte. Bereits am Tag danach wurde im historischen Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße die Republik Deutsch-Österreich aus der Taufe gehoben.
Die Habsburger, die im Spätmittelalter (1282) ihren herrscherlichen Schwerpunkt vom südwestdeutschen Raum an die Donau verlegten, waren in Österreich ein landfremdes Geschlecht. Sie wurden hier jedoch bald heimisch und identifizierten sich mit dem Land dann so sehr, daß sie als Dynastie zur »domus Austria«, zum Haus Österreich, wurden. Sie haben ihren Territorialbesitz durch Kriege, Erbschaften, Erbschaftsverträge und eine geschickte Heiratspolitik in alle Himmelsrichtungen mit dem Schwerpunkt auf Ostmittel- und Südosteuropa Schritt für Schritt erweitert und stiegen in den Türkenkriegen des 17. und 18. Jahrhunderts zur europäischen Großmacht auf.
Die Familie Habsburg spaltete sich bereits im Spätmittelalter durch Erbteilungen in verschiedene Zweige auf und teilte sich nach dem Tod Maximilians I. in eine spanische und eine österreichische Linie (siehe die Stammtafelübersichten im Anhang).
Die österreichische Linie wurde nach dem Aussterben des Mannesstammes durch die Heirat Maria Theresias mit Franz Stephan von Lothringen zum Haus Habsburg-Lothringen. So wenig in Kürze zur weit verästelten Genealogie des Hauses. Mit Titeln, Würden und Herrschaftssymbolen war das Geschlecht reich ausgestattet. Von 1438 bis 1806 hatten die Habsburger fast ununterbrochen die römisch-deutsche Kaiserwürde inne, ab 1804 waren sie österreichische Kaiser. Das Persönlichkeitsspektrum der Dynastie reicht vom weitblickenden, dynamischen Herrscher bis zum geistesschwachen, regierungsunfähigen Monarchen. Auch ist einigen in diesem Band porträtierten Herrschern historische Größe nicht zuzumessen. Aber jeder von ihnen hat der Größe des Hauses gedient und in der jeweiligen historischen Situation nach besten Kräften seine Aufgabe erfüllt.
Auch in der vorliegenden erweiterten Neuauflage werden, mit Ausnahme Kaiser Karls V., der als einziger »Spanier« römischdeutscher Kaiser war, nur Monarchen der österreichischen Linie des Hauses vorgestellt. Mit Joseph II. und Leopold II. wurde das Spektrum der Dynastie allerdings um zwei bedeutende, profilierte Persönlichkeiten erweitert, die das konservative dynastische Herrschaftsprofil des Hauses, wenn auch nur kurzzeitig, unterbrachen. Beide Söhne Maria Theresias waren Aufklärer, die mit ihren tiefgreifenden Reformen auf allen möglichen Gebieten das Staatsgefüge grundlegend umgestalteten. Im neuen Band wurden da und dort auch Korrekturen vorgenommen, das Literaturverzeichnis wurde aktualisiert.
Die einzelnen Beiträge des Buches, knapp gefaßte historische Porträts, erschöpfen sich nicht im Biographischen. Sie beziehen das historische Umfeld, die politischen Zusammenhänge, Wirtschaft und Gesellschaft der Zeit in die Darstellung mit ein, so daß sich in ihrer Gesamtheit ein kaleidoskopartiges Bild der europäischen Geschichte vom Ende des 13. bis in das frühe 20. Jahrhundert ergibt.
In der ersten Septemberwoche des Jahres 1273 fällte das Kurfürstenkollegium, dem es oblag, den deutschen König zu wählen, eine wichtige Entscheidung. Es einigte sich nach wochenlangen Beratungen, hinhaltenden Überlegungen und taktischen Manövern, angeblich über Vorschlag des Burggrafen von Nürnberg, auf einen gemeinsamen Kandidaten.
Die Persönlichkeit, die dazu ausersehen war, die Geschicke des Reiches in die Hand zu nehmen, war ein nicht unbedeutender Graf namens Rudolf von Habsburg, der sich in der Reichspolitik bis dahin jedoch nicht sonderlich hervorgetan hatte.
Rudolf war bereits 55 Jahre alt, ein für die damalige Zeit hohes Alter, aber die Kurfürsten sahen darin eher einen Vor- als einen Nachteil. In den paar Lebensjahren, die der neue König voraussichtlich noch vor sich hatte, würde er nicht Zeit haben, seine Herrschaft zu konsolidieren und auszubauen. Es war eine Überlegung, die schwer wog. Die »kaiserlose, die schreckliche Zeit«, die seit 1250, seit dem Tod Friedrichs II., des letzten großen Staufers, den politischen Alltag in Deutschland geprägt hatte, sollte zwar ein Ende haben. Man wünschte sich ein ordnungsgebietendes Reichsoberhaupt, aber doch auch wieder keines, das einen zu langen und kräftigen Arm hatte. Das Eigeninteresse der Fürsten zählte mehr als der Wille, in einem gemeinsamen, von starker Hand regierten Staat zu leben.
Der Burggraf von Nürnberg wurde mit der Aufgabe betraut, Rudolf den kurfürstlichen Beschluß mitzuteilen. Er machte sich unverzüglich auf den Weg. Friedrich von Zollern stieß auf den kriegserprobten Haudegen im Feldlager vor Basel, wo er gerade damit beschäftigt war, die bischöfliche Stadt und das umliegende Territorium unter seine Herrschaft zu zwingen.
Rudolf mag über das ihm überbrachte überraschende Angebot nicht wenig erstaunt gewesen sein. Aber er zögerte keinen Augenblick, es anzunehmen. Wir wissen nicht, von welchen Motiven er sich bei seiner raschen, schwerwiegenden Entscheidung leiten ließ. Aber das tut auch gar nichts zur Sache.
Sogleich beendete der tatkräftige Habsburger seine Fehde mit dem Bischof von Basel, ließ die Gefangenen frei, die in seinen Burgverliesen schmachteten, und gab seine Zustimmung zur Verlobung seiner Töchter mit einflußreichen Territorialherren des Reiches – eine kurfürstliche Vorbedingung für seine Wahl. Die Würfel für einen staatlichen Neubeginn in Deutschland, genauer gesagt, im Heiligen Römischen Reich (Sacrum Romanum Imperium) waren gefallen.
Wir müssen uns, ehe wir den Fortgang der Ereignisse schildern, ein wenig näher mit Rudolf befassen, mit seiner Herkunft, seinem bisherigen Leben, seinem Charakter, seiner Persönlichkeit. Der »arme Graf«, wie man Rudolf gelegentlich zu bezeichnen pflegte, entstammte einem Adelsgeschlecht, das im Elsaß, am Oberrhein und in der heutigen Nordschweiz begütert war. Das Stammschloß der Habsburger, die Habichtsburg, ist heute eine Ruine. Es steht im Schweizer Kanton Aargau, unweit der Stelle, wo Aare und Reuß zusammenfließen, auf dem 513 Meter hohen Wülpelsberg. Aber nicht dort oben, hinter den einst massiven, starken Mauern dieser wehrhaften Burg, wurde Rudolf geboren, sondern, wie man annimmt, auf Schloß Limburg bei Breisach am Rhein. Am 1. März, nach anderen Angaben am 1. Mai 1218, schenkte ihm dort Heilwig von Kyburg, die Gemahlin des Grafen Albrecht von Habsburg, das Leben.
Über die näheren Umstände der Geburt wissen wir natürlich nicht Bescheid. Das familiäre Ereignis wurde erst viel später in einer Chronik festgehalten. »Rex Rudolphus nascitur«, heißt es da kurz und bündig.
Eine Geburt war im Hochmittelalter etwas Alltägliches, die selbstverständlichste Sache der Welt, auch die Geburt eines Grafen. Später sollte sich das ändern. Wir wissen auch nicht, wo die Taufe des kleinen Rudolf stattfand. Und ob Kaiser Friedrich II., der Staufer, der Taufpate des Neugeborenen gewesen ist, wie manche Historiker annehmen, ist ebenfalls ungewiß. Die ersten zwanzig Lebensjahre jenes Mannes, der seinem Geschlecht das Tor zur Weltgeschichte aufgestoßen hat, liegen völlig im dunkeln. Es gibt darüber keine Berichte.
Erst als Rudolf um das Jahr 1240 nach dem Tod seines Vaters, der von einem Kreuzzug in das Heilige Land nicht mehr heimkehrte, die Herrschaft übernahm, werden die Quellen gesprächiger. Jetzt erfahren wir genug über sein abwechslungsreiches Leben, seine vielen Kriegszüge, seine Absichten, Pläne und gescheiterten Hoffnungen, um uns ein Bild von ihm machen zu können. Und auch über die Persönlichkeit und den Charakter des reifen Mannes liegen zeitgenössische Aufzeichnungen vor, die Rudolf von Habsburg beinahe plastisch vor unser geistiges Auge treten lassen. »Er war ein Mann von großer Gestalt«, weiß die Chronik der Dominikaner von Colmar zu berichten, »er maß sieben Fuß, war hager, hatte einen kleinen Kopf, ein blasses Gesicht mit einer langen Nase und schütteres Haar.«
Diese Beschreibung liest sich wie eine verbale Interpretation der reliefgeschmückten Grabplatte Rudolfs in der Krypta des Domes zu Speyer, deren Realismus den Beschauer noch heute beeindruckt. »Er war maßvoll in Speise und Trank und anderen Dingen«, erzählt der gelehrte Chronist weiter, »ein weiser und kluger Mann.« Und dann ist noch von seiner guten Gesundheit die Rede, von seiner Bescheidenheit und Frömmigkeit. Daß er gegen sich selbst hart war, genügsam, der Prunksucht abhold, sich schlicht und einfach kleidete, wird ebenfalls, zumindest in der Anekdote, überliefert. Dieses Charakterbild schaut ein wenig nach einseitiger, propagandistischer Berichterstattung aus und bedarf wohl der Ergänzung. Rudolf konnte auch hart gegen seine Gegner sein, unnachgiebig, rücksichtslos, ein unbarmherziger Kriegsmann, wenn es galt, seine eigenen, durchaus egoistischen Ziele und handfesten Interessen durchzusetzen. Von moralischen Skrupeln wurde er dabei nicht geplagt und auch des Gedankens Blässe quälte ihn nicht. Schwert und Lanze standen ihm besser zu Gesicht als Pergament und Federkiel.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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