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Seit 1990 hat Simon Kuper keine Fußball-Weltmeisterschaft ausgelassen, er war bei allen neun Turnieren vor Ort und hat seine Beobachtungen in 25 Notizbüchern festgehalten. Dabei legt er den Fokus nicht auf 1:0-Berichterstattung, sondern auf die vielen abseitigen Geschichten rund um das größte Fußballfest der Erde. So erfährt der Leser etwa, weshalb die deutsche Mannschaft ihren Bösewicht-Status als "Darth Vader" der WM verlor, wie ein Indigenen-Stamm mit dem 1:7-Desaster Brasiliens umging und auch, warum der Autor von der WM 1998 in Frankreich dermaßen begeistert war, dass er seinen topdotierten Job in London kündigte und spontan nach Paris umzog. - Das einzigartige Buch zur WM in den USA, Kanada und Mexiko vom vielfach ausgezeichneten Simon Kuper - Keine 08/15-Erlebnisse, sondern Hintergründiges, Abseitiges, Literarisches zum größten Fußballereignis der Welt - Insider-Wissen & große Erfahrung: Der Autor war seit 1990 bei jeder WM live dabei
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2025
Für Leo und Joey, obwohl sie zu Frankreich halten
1Die WM-Tagebücher
TEIL EINS: IN JULES RIMETS WELT
2Auf der Suche nach Jules Rimet
3„Wir sind wieder wer“: Deutschland und das „Wunder von Bern“ 1954
4Die Fernsehjahre: Meine ersten Weltmeisterschaften, 1978–1986
5Erste Turniererlebnisse, 1988–1996
6WM 1998: Frankreich entdeckt den Fußball und ich entdecke Frankreich
71999–2001: Champions und Ehebrecher
8WM 2002: Verloren in Japan
9WM 2006: Wie wir aufhörten, uns Sorgen zu machen, und lernten, die Deutschen zu lieben
TEIL ZWEI: NEUE WELTEN
10Mai 2004 – Mai 2010: Südafrika, das gelobte Land
11WM 2010: Hat Südafrika gewonnen?
12Auf der Suche nach der WM 2010: Rückkehr nach Südafrika 2024
13Katar, Russland, Sepp Blatter und was die Abstimmung über eine WM-Vergabe über die Welt verriet
14Intermezzi in Donezk, dem Vatikan und Soho
15WM 2014: Brasilien zeigt der Welt seinen Fußball
16Die Faszination der Coupe Jules Rimet: Auf der Jagd nach dem verschwundenen Pokal
17Der Absturz des Sepp Blatter
18WM 2018: Putins Polizisten und ich
19WM 2022: This way, metro!
20Fest der Nationen
Dank
Literatur
An einem Abend im Juni 1990 saß ich – ein 20-jähriger Student – in der Kneipe, als mein Freund Bryn reinspazierte und mir folgende Frage stellte: „Wenn du WM-Tickets hättest, würdest du hinfahren?“
Ich hielt das für keine besonders schwierige Frage.
„Ich kann an Karten rankommen“, erläuterte Bryn, „aber wenn ich mitten im Semester nach Italien abhaue, kriege ich Ärger.“
Ich sagte: „Wenn ich an Karten für die WM rankäme, würde ich auch welche für meine Freunde besorgen.“
„Kein Problem“, erwiderte Bryn. „Ich kann so viele Tickets bekommen, wie ich will.“
Das Ganze war Mars zu verdanken. Der Nahrungsmittelkonzern war Sponsor des Turniers und hatte deshalb Tausende von Tickets für Geschäftspartner zur Verfügung. Aber nur wenige Geschäftspartner zeigten Interesse daran. Den Amerikanern oder Asiaten war Fußball vermutlich egal. Und die Europäer wurden von der Vorstellung randalierender britischer Hooligans abgeschreckt. (Margaret Thatcher, die damalige Premierministerin, hatte die englische FA ermutigt, eine Turnierabsage „ernsthaft in Erwägung zu ziehen“.) Und so war der bei Mars arbeitende Vater des Freundes eines Bekannten plötzlich im Besitz von reichlich übrig gebliebenen Tickets.
Nur wenige Tage nach dieser Kneipenunterhaltung saßen ich, Bryn und unser gemeinsamer Kumpel Henry in Bryns abgewracktem Auto und waren unterwegs nach Dover. Wir überquerten den Ärmelkanal per Fähre und verbrachten 24 Stunden in einem mit der Zeit immer strenger riechenden Eisenbahnabteil, wo wir Themen diskutierten, über die aufgeblasene 20-jährige Studenten sich in der Prä-Playstation-Ära eben so unterhielten: Mädchen, Fußball und Politik („Also, nehmen wir an, dieses Abteil ist ein Staat und ich bin der Herrscher und ihr beiden seid Dissidenten …“).
Obwohl wir damals nur eine sehr vage Ahnung davon hatten, fing die Globalisierung gerade an, Fahrt aufzunehmen. Die Mauer war sieben Monate zuvor gefallen, China öffnete sich und billige Flüge verbanden die ganze Welt. Hochgeschwindigkeitszüge, Kabelfernsehen und, in Kürze, das Internet: Diese neue Ära mit ihren neuen Technologien würde die WM verändern, wie ich im Laufe der nächsten drei Jahrzehnte und neun Turniere erfahren sollte.
Wir drei lösten gerade die bulgarische Regierungskrise, als unser Zug Frankreich hinter sich ließ und an einem italienischen Grenzposten auf einem Hügel mitten im Nirgendwo zum Stehen kam. Wir hielten den zwei Grenzbeamten unsere blauen britischen Pässe entgegen. Sie studierten sie eingehend und entdeckten dann, dass Bryn in Liverpool geboren war – der Stadt, die man mit der Heysel-Katastrophe assoziierte, bei der fünf Jahre zuvor auch Dutzende von Italienern zu Tode gekommen waren. Die Beamten besprachen sich und teilten uns dann in gebrochenem Englisch mit: „Sie können nicht nach Italien einreisen.“
„Wie bitte?!“, sagten wir.
„Sie könnten Hooligans sein“, lautete die Erklärung.
Wir kramten sämtliche Ausweise hervor. Nichts konnte sie erweichen. Als letztes Mittel schwenkten wir unsere Bibliotheksausweise. „Studenti di Oxford Università!“, riefen wir.
Die Grenzbeamten steckten die Köpfe zusammen. Ihre Entscheidung fußte schließlich auf der soziologisch nicht ganz unanfechtbaren Annahme, dass Oxfordstudenten wahrscheinlich keine Hooligans seien – für uns war das eine frühe Lektion über die Vorteile des Hochschulen-Namedroppings. Sie winkten uns zurück in den Zug und hinein nach Italien. So professionell verliefen die Sicherheitschecks für die WM 1990.
Ich weiß, dass wir am Abend des 8. Juni in Mailand eintrafen, weil das Eröffnungsspiel zwischen Diego Maradonas Argentinien und Kamerun gerade im San Siro zu Ende gegangen war. Wir kannten das Ergebnis nicht, gingen aber davon aus, dass Argentinien gewonnen hatte. Auf dem Weg vom Bahnhof in die Innenstadt liefen wir hinter einem einsamen Kamerun-Fan her, der in die Flagge seines Landes eingewickelt war. Jedes vorbeifahrende Auto hupte ihn respektvoll an: Kamerun hatte den amtierenden Weltmeister besiegt.
Der Vater unseres Freundes lud uns zum Dinner in ein richtig gutes Mailänder Restaurant ein und trat anschließend eine Geschäftsreise an. Wir wohnten umsonst in seiner Wohnung und sahen ihn nie wieder. Wir hatten Tickets für Kolumbien gegen die Vereinigten Arabischen Emirate in Bologna, die Tschechoslowakei gegen die USA in Florenz und Schottlands urkomischer Niederlage gegen Costa Rica in Genua.
In den Stadien bemerkten wir, dass die Geschäftspartner von Mars nicht die einzigen waren, die die WM kaltließ. Wenn ich heute meine Fotoalben durchblättere, sehe ich spärlich besetzte Ränge. Bei meiner ersten WM herrschte eine Atmosphäre wie auf einem Dorffest.
Mein erstes WM-Spiel: Kolumbien – VAE, Bologna, 9. Juni 1990
Diese Amateur-Aura herrschte auch in einigen Mannschaften vor. Zum Beispiel waren mehrere der US-amerikanischen Spieler, die in Florenz mit 0:5 gegen die Tschechoslowakei untergingen, Studenten – genau wie ein Großteil ihrer Anhänger.
Kameruns 38-jähriger Stürmer Roger Milla, der auf der Insel Réunion bei einem Klub von Kellnern unter Vertrag stand, schoss bei Italia 90 vier Tore.
Auf dem Heimweg lagen unsere Nerven blank, und mein Freund Henry behauptet bis zum heutigen Tag, dass ich seine unberührte KFC-Mahlzeit in Dover in einen Mülleimer warf, was aber gar nicht stimmt.
Seitdem war ich bei jeder Männer-WM – bis 2022 insgesamt neun. Damit stehe ich ziemlich weit oben im Ranking. Sogar Jules Rimet, der Mann, der die WM erschuf, und gewissermaßen mein Spiritus Rector bei diesem Buch, war nur bei fünf Turnieren dabei. 2022 in Katar veranstalteten die FIFA und der internationale Sportpresseverband AIPS eine Zeremonie für die 70+-Sportreporter, die mindestens acht Weltmeisterschaften besucht hatten. Doyen dieser Truppe war der 88-jährige argentinische Radiokommentator Enrique Macaya Márquez, der seit der WM in Schweden 1958 über sage und schreibe 17 Turniere berichtet hatte. Ich bin kein Mitglied der AIPS und wurde dementsprechend auch nicht zu den Feierlichkeiten eingeladen. Später sah ich mir ein Video davon an, wie jedem Journalisten von Brasilien-Legende Ronaldo strahlend ein Mini-WM-Pokal überreicht wurde. Einer der Empfänger war der amerikanische Sportjournalist Grant Wahl. Keine 14 Tage später musste ich miterleben, wie Grant beim Spiel Argentinien – Niederlande auf der Tribüne an einem geplatzten Aneurysma starb.
Foto: Leila Kuper
Zum Teil habe ich dieses Buch geschrieben, um das Erlebnis, live bei einer Fußball-WM dabei zu sein, mit anderen zu teilen. (Es geht hier übrigens nur um die WM der Männer. Die Frauen-WM ist eine völlig andere Geschichte, die jemand anderes erzählen sollte.)
Das Turnier beschäftigt die Gedanken von Milliarden von Menschen und erzeugt Bilder, die diese Menschen ihr Leben lang im Gedächtnis behalten werden. Doch die meisten Fans haben nie die Gelegenheit, bei einer WM vor Ort im Stadion zu sein. Ein Großteil dieses Buchs besteht aus fragmentarischen Berichten rund um meine Reisen zu den Weltmeisterschaften seit 1990. Viele der besten Momente fanden abseits der Stadien statt, an exotischen Orten, die ich nie wieder sehen werde, vom Amazonas bis hin zu den Schlachtfeldern von Stalingrad. Um Nick Hornby zu paraphrasieren: Ich habe mein Leben in Weltmeisterschaften gemessen. Gelegentlich mache ich in diesem Buch auch einen Abstecher zu den Europameisterschaften, weil sich die Themen überschneiden.
In meinem Büro in Paris (der Stadt, in der ich – hauptsächlich wegen der WM 1998 – lebe) steht ein Bücherregal mit über 200 Notizbüchern, die fast meine ganze Karriere umspannen – DIN-A6-Hardcover, die man sich ins Jackett stecken und mit sich herumtragen kann.
Diese Notizbücher sind die Primärquelle für das vorliegende Buch. Manchmal habe ich darin ein Interview mitgeschrieben oder einen aufgeschnappten Eindruck notiert, in der Hoffnung, dass sich das später mal als nützlich erweisen würde. Außerdem habe ich die Artikel verwurstet, die ich während der WMs raushaute. Ich habe meine Erlebnisse rückblickend aufgeschrieben, wobei ich versuchte, das Gefühl von damals wieder heraufzubeschwören, aber auch mit dem Wissen von heute.
Wie fühlt es sich an, als Zuschauer bei einer WM live dabei zu sein? Und wie, als Aktiver an einer teilzunehmen? Letzteres fragte ich so einige Weltmeister von Maradona bis Kylian Mbappé (und auch einige Verlierer, die der vertanen Chance ihr Leben lang hinterhertrauern). Am Tag nachdem du das Ding gewonnen hast, so Didier Deschamps, der Kapitän der Équipe Tricolore von 1998, wachst du mit demselben Vornamen und demselben Nachnamen auf. Aber zu deinem Namen gehört nun ab sofort und für immer ein Zusatz: Weltmeister.
Und auch wenn du nicht Weltmeister wirst: Ein brillanter Augenblick oder ein schlimmer Lapsus während einer WM kann deinen Ruf bis an dein Lebensende bestimmen. Das Spiel, das du als 20-Jähriger machtest, könnte eines Tages Thema der ersten Zeilen deines Nachrufs sein. Ich habe versucht, bestimmte Momente auf dem Platz einzufangen, aber keine Spielberichte hinzugenommen. Nichts ist für einen Autor toter als ein längst vergangenes Spiel. Sorry, aber man muss einfach da gewesen sein.
Fußball ist niemals einfach nur Fußball, und das gilt ganz besonders für die WM. Tatsächlich lieben viele Menschen die WM trotz des Fußballs. Was macht die Faszination dieses Turniers aus? Was begeistert uns daran? Und was erzählt uns die WM über unsere sich wandelnde Welt?
Jede neue WM wird zum größten Medienevent aller Zeiten, gemessen an vor dem Fernseher verbrachten Stunden und Clicks. Das Turnier ist ein globaler Zirkus, der die Bedeutung von Glück hervorhebt, die Psychologie des Beißens beleuchtet, uns einen Einblick in die kollektive Seele Uruguays gewährt, geniale Momente in Szene setzt und eine weltweite Unterhaltung lostritt. Für das Gastgeberland ist die WM eine Selbstentdeckungsreise. Autokraten, von Mussolini bis Putin, wollen sie immer für sich vereinnahmen.
Seit Italia 90 hat sich die Geografie der WM verändert. Meine ersten fünf Weltmeisterschaften, von 1990 bis 2006, wurden in Industriestaaten ausgetragen, meist in Ländern, die dem Gründer Jules Rimet vertraut waren. Teil eins dieses Buchs behandelt die Zeit, in der etablierte Länder als Gastgeber fungierten. Zwei Gastgeberländer in dieser Zeit, Italien 1990 und Frankreich 1998, hatten bereits während Rimets Amtszeit als FIFA-Präsident von 1921 bis 1954 eine WM ausgerichtet. Ein weiterer Gastgeber, Deutschland, beschäftigte den Franzosen Rimet ganz besonders, seit er im Ersten Weltkrieg im Schützengraben gelegen hatte. Mit den USA, Gastgeber der WM 1994, schien neues Terrain betreten zu werden, doch schon bei der allerersten WM 1930 war ein US-Team mit von der Partie gewesen.
Die größte Abweichung von der historischen Norm während meiner ersten fünf Weltmeisterschaften war das Turnier von 2002 in Japan und Südkorea, doch diese Länder waren immerhin noch während Rimets Amtszeit der FIFA beigetreten.
Teil zwei, Neue Welten, beinhaltet den Aufbruch zu neuen Territorien von 2010 bis 2022. Die Entscheidung der FIFA für Russland und Katar als Gastgeber für 2018 und 2022 war eine Reaktion auf globale Machtverschiebungen jenseits des Fußballs, wie ich in Kapitel 13 erkläre. Jede WM seit 2010 hat bestimmte Narrative der modernen Welt aufgegriffen. Bei der WM in Südafrika 2010 und der in Brasilien 2014 ging es zum Beispiel um den Globalen Süden und sein Verhältnis zum multinationalen Kapitalismus.
Besonders eingehend beschäftige ich mich mit der WM in Südafrika, zu der ich aufgrund meiner Familiengeschichte den stärksten persönlichen Bezug habe. Tatsächlich beginnt mein Bericht über diese WM über ein Jahrhundert vor dem Anpfiff und endet im Jahr 2024. Die Geschichte jeder WM umfasst einen viel längeren Zeitraum als den einen Monat, in dem die Spiele ausgetragen werden, doch nur für Südafrika habe ich versucht, diese Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen.
Brasilien hoffte 2014, der Welt jogo bonito zu zeigen, jenen traditionsreichen Fußballstil, der versucht hatte, sich der Globalisierung zu widersetzen. In Russland 2018 war das vorherrschende Thema der Aufstieg von Autokraten. Katar 2022 rückte Migration und die Macht der Staaten mit erheblichen fossilen Energiequellen in den Fokus. Während ich das schreibe, besteht die Gefahr, dass die nächste WM (2026 in den USA, Kanada und Mexiko) zur PR-Plattform für Donald Trump wird. Fußballweltmeisterschaften verändern die Welt nicht, aber sie beleuchten neuralgische Punkte.
An einem wunderschönen Herbstmorgen fuhr ich von meiner Wohnung in Paris mit dem Rad raus zum städtischen Friedhof im Vorort Bagneux. Ich war auf der Suche nach dem Grab von Jules Rimet. Bagneux war ein erstaunlich unglamouröser Ort für seine letzte Ruhestätte, denn als er 1956 starb, hatte er 33 Jahre lang den Posten des FIFA-Präsidenten bekleidet und auch die WM-Trophäe war damals bereits nach ihm benannt.
Obwohl mit einem Friedhofsplan der Gräber berühmter Persönlichkeiten bewaffnet, brauchte ich eine halbe Stunde, um die Grabstätte der Rimet-Familie aufzuspüren. Sie wirkte verwahrlost, der flache Grabstein mit Steinkreuz war von Moos überwuchert.
Auf dem Grabstein lag ein kleiner Bund vertrockneter Blätter, die jemand Monate zuvor hier abgelegt haben musste. Eine Schnecke und ein Marienkäfer sonnten sich. Nur eine Inschrift war noch leserlich: „Simon Rimet, 1911–2002“. Vielleicht war die Familie ausgestorben.
Der einzige Hinweis auf den Mann, dessentwegen ich hergekommen war, bestand aus einer kleinen goldenen Plakette mit der Inschrift „JULES RIMET, 24/10/1873–15/10/1956“. Kein Wort darüber, was er geleistet hatte. Nur die goldene Farbe erinnerte an das Gold der Coupe Jules Rimet, des ursprünglichen WM-Pokals (auf den ich in Kapitel 16 näher eingehe), der heute sogar noch mehr in Vergessenheit geraten ist als sein Schöpfer.
Rimets Name taucht noch gelegentlich in den Annalen der Fußballgeschichte auf, doch an den Mann selbst erinnert sich fast niemand mehr. Wer war der weißhaarige Franzose mit dem gepflegten kleinen Schnurrbart, der in der Mitte jedes Gruppenfotos von Fußballfunktionären steht. Es wurde kaum etwas über ihn geschrieben, und wenn, dann fast ausschließlich auf Französisch. Doch auch in Frankreich ist er „so gut wie unbekannt“, schreibt der Historiker Renaud Leblond.
Dabei ist die Weltmeisterschaft, wie wir sie heute kennen, nach seiner Idee entstanden und sie trägt noch immer die Fingerabdrücke ihres Erfinders – eines Mannes, dessen Wunsch, ein Turnier ins Leben zu rufen, zum Teil aus seiner Erfahrung als Soldat herrührte, der im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft hatte. Rimet hatte Nationalismus in seiner widerwärtigsten Form erlebt und half dann, den internationalen Fußball trotz der Widrigkeiten und Wirren des Zweiten Weltkriegs zu führen, wobei er (halbherzig) mit dem nazifreundlichen Vichy-Regime kollaborierte. Er leitete jede WM von 1930 bis 1950. Wer also war Jules Rimet und wie hat er dieses Turnier zu dem gemacht, was es ist?
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Die meisten schnurrbärtigen Europäer, die die großen internationalen Sportwettbewerbe ins Leben riefen, stammten aus der Oberschicht oder der Aristokratie. Nicht so Rimet.
Er wurde 1873 als Bauernjunge im ostfranzösischen Dorf Theuley geboren, drei Jahre vor der demütigenden Niederlage seines Vaterlandes im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Preußen hatte sich das Elsass und Lothringen einverleibt und ein vereinigtes Deutsches Reich geschaffen. Die französisch-deutsche Grenze hatte sich nach Westen verschoben und war bis auf 100 Kilometer an Rimets Dorf herangerückt. Die französische Wirtschaft lag darnieder. Rimets Vater musste seinen Hof verkaufen und wurde Lebensmittelhändler.
Die Rimets lebten schon mindestens seit dem 17. Jahrhundert in Theuley, doch als Jules noch ein Kind war, zogen seine Eltern nach Paris. Ihren ältesten Sohn Jules und dessen vier Geschwister ließen sie beim Großvater zurück, schreibt Rimets Biograf Laurent Lasne.
Jules, der ein ausgezeichneter Schüler und sehr begabter Chorknabe war, erlebte mit etwa elf, dass sein Großvater aus Geldnot seine Windmühle verkaufen musste. Nachdem er zur Kommunion gegangen war, zog der junge Jules zu seinen Eltern in die Pariser Rue Cler, nur wenige Straßen vom Eiffelturm entfernt, in ein Viertel, in dem die untere Mittelschicht lebte. In ihrer Straße betrieben sie ein Lebensmittelgeschäft.
Wie damals ist die Rue Cler auch heute noch eine lebhafte Einkaufsstraße, auf der einige haussmannsche Gebäude stehen. Die Fassade einer Pferdemetzgerei, die wahrscheinlich aus Rimets Zeit stammt, ist noch zu sehen, allerdings verbirgt sich dahinter heute ein schickes Fischrestaurant. Die Lebensmittelhändler preisen in vier Sprachen „Bio“-Obst an, um Touristen und einheimische Kunden aus der Bourgeoisie anzulocken.
Der modernste Sport in Rimets Dorf war damals Conkers, ein Geschicklichkeitsspiel mit Kastanien. Fußball entdeckte Jules vermutlich in Paris für sich, in den Straßen rund um die Rue Cler. Ein anderer französischer Biograf, Jean-Yves Guillain, will wissen, dass der Junge auf der nahe gelegenen Esplanade des Invalides einen Ball durch die Gegend kickte (und zudem den mittelalterlichen Kampfsport „barres“ betrieb).
Spiel und Spaß hatten in Rimets Leben allerdings keine Priorität. Er war das, was Pariser etwas abschätzig „un ambitieux“ nennen, ein frommer Streber aus der Provinz. Er half im Lebensmittelladen der Familie, las aber daneben auch die Klassiker, belegte Abendkurse und studierte an der Universität Jura. Später arbeitete er als Schuldeneintreiber, hatte also sicherlich auch engen Kontakt zu den Ärmsten der Stadt. Doch er selbst hatte es geschafft: Ein Foto zeigt den jungen Mann und zwei Freunde mit Zylinderhüten.
In den 1890er-Jahren schossen in Paris Fußballvereine wie Pilze aus dem Boden. 1897 trafen sich der 24-jährige Rimet und ein paar Freunde in einem Bistro, um ebenfalls einen Verein zu gründen. Sie nannten ihn Red Star – den Namen schlug Miss Jenny vor, die britische Gouvernante der Rimet-Familie. Bei Red Star gab es auch Abteilungen für Fechten, Radsport, Laufen und Literatur (Rimet war ein miserabler Dichter).
Bis 1910 diente er als Präsident von Red Star und fungierte danach weiter als Vizepräsident des Comité français interfédéral (CFI), des katholisch angehauchten Vorgängers des heutigen französischen Fußballverbands Fédération Française de Football (FFF). Seine Reden strotzten nur so vor abstrakten Ideen („Freiheit“, „Jugend“, „Moral“ und „physische Weiterentwicklung“), aber er war auch ein gewiefter Diplomat und ein echter Bürohengst. Kurz: Er war der geborene Fußballfunktionär.
Vom Spiel an sich schien er nicht übermäßig begeistert gewesen zu sein, da er nur für Red Star auflief, wenn dem Team ein Mann fehlte. Als frommer Katholik mit einem sozialen Gewissen sah er in dem Sport einen Weg für die Armen, sich aus ihrem Elend zu befreien – genau wie er selbst sich daraus befreit hatte. Fußball würde den Arbeitern Würde verleihen und ihnen ein Gefühl von Solidarität vermitteln. Einmal hatte Rimet beobachtet, wie Spieler leidenschaftlich gegeneinander kämpften und nach dem Match mit ihren Gegnern in die Kneipe gingen. Das hatte ihn inspiriert. Im Sport arbeiteten alle zusammen, die Schiedsrichter wurden respektiert und unfaires Verhalten wurde geahndet. Wenn nur die Welt auch so funktionieren würde, pflegte er oft zu sagen. Der Sport war seine Version von dem, was die Briten des viktorianischen Zeitalters „muskulöses Christentum“ nannten.
Der Krämersohn begriff: Wenn arme Männer sich diesem Sport in Vollzeit widmen sollten, mussten sie dafür bezahlt werden. Das machte ihn zu einem klaren Befürworter des damals viel diskutierten Profifußballs, der sich in Großbritannien bereits etabliert hatte. Hinzu kam, dass im Paris der 1890er-Jahre ein etwas älterer Franzose, Baron Pierre de Coubertin, gerade dabei war, die antiken Olympischen Spiele wiederzubeleben. Wie Rimet glaubte auch Coubertin, dass Sport auf die Massen einen positiven moralischen Effekt haben könne. Doch im Gegensatz zu Rimet setzte der Baron auf den Amateursport, er hielt es nicht für nötig, die Athleten zu bezahlen. Wenn es nach ihm ging, sollte Fußball ein elitärer Nischensport bleiben.
Der provinzielle Streber Rimet legte sich mit dem Baron an und schrieb: „Das olympische Ideal ist ein edler Grundgedanke. Es ist die ideale Ethik, um Männer zur Perfektion zu führen, doch ist Perfektion von dieser Welt?“ In einer unvollendeten Streitschrift, die Rimet zu einem späteren Zeitpunkt verfasste, warf er dem Amateurismus vor, dieser würde „der willkürlichen Herrschaft einer privilegierten Oligarchie“ den Weg bereiten. In den 1910ern verpflichtete Red Star internationale Fußballspieler aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland und bezahlte sie auf Umwegen – per sogenannter „Spesen“ oder mittels Pseudojobs.
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Die Briten des viktorianischen Zeitalters erfanden die meisten modernen Sportarten, sahen aber keinen Sinn darin, sich in diesen mit Ausländern zu messen. Also blieb es an ihren ewigen Rivalen, den Parisern, internationale Sportwettbewerbe zu kreieren. Und das taten sie um die Jahrhundertwende in einem großen Aufwasch. (Diese Geschichte habe ich in meinem Buch Impossible City über Paris erzählt.) 1896 veranstaltete Coubertin die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit. Die Sportzeitung L’Auto erfand die Tour de France, die 1903 erstmals an den Start ging. Ein Jahr später wurden zwei internationale Sportverbände nur wenige Gehminuten voneinander entfernt im Zentrum von Paris gegründet: Die Fédération Internationale de l’Automobile, die Regeln für Autorennen ausarbeitete, und im Mai 1904 erschufen im Innenhof von Haus Nr. 229 in der Rue Saint Honoré die Gesandten von sieben europäischen Nationen die Fédération Internationale de Football Association, kurz FIFA.
Heute verbirgt sich hinter der Schaufensterfront von Nr. 229 ein Shop von Gucci Valigeria, in dem man Luxusreisegepäck erstehen kann. Die Plakette an der Fassade erinnert allerdings nicht an die folgenreiche Geburtsstunde der FIFA, sondern erinnert an eine Klosterkirche der Zisterzienser aus dem 17. Jahrhundert, die hier einst stand. Im Innenhof des Hauses gibt es, wie wahrscheinlich auch im Jahr 1904, einige kleine Betriebe. Im Erdgeschoss, wo sich die FIFA-Gründer womöglich zusammengesetzt haben, praktiziert nun ein Orthopäde – die Fußtradition lebt also fort.
Schon 1905 wurde in den offiziellen Bulletins der FIFA die Idee eines Meisterschaftsturniers für Nationalmannschaften aufgeworfen, was damals allerdings noch ein reines Hirngespinst war. Das einzige existierende internationale Fußballturnier war die Olympiade. Am 27. und 28. Juni 1914 wurde auf einem FIFA-Kongress in Norwegen der Antrag gestellt, „das olympische Fußballturnier als eine Amateur-WM anzuerkennen, wenn dieses gemäß der FIFA-Regularien ausgerichtet würde“. Der anwesende Rimet brachte leise seinen Unmut über den Amateurstatus zum Ausdruck – „Wir sind weit entfernt von einer echten Weltmeisterschaft!“ –, ließ die Sache aber auf sich beruhen, da er wusste, dass diejenigen, die seine Sicht der Dinge teilten, in der Minderheit waren. Als am zweiten Morgen des Kongresses in Sarajevo Erzherzog Franz Ferdinand erschossen wurde, änderte das erst mal alles: Anstatt einer WM würde es nun einen Weltkrieg geben.
Rimet war damals bereits 41, er hatte eine Frau und drei kleine Kinder, doch er scheint sich freiwillig zur Front gemeldet zu haben. Am 4. August 1914 trat er in die französische Armee ein (einen Tag nach Frankreichs Kriegseintritt) und im Herbst 1918 lag er immer noch im Schützengraben. Somit grenzt es schon an ein kleines Wunder, dass er auf dem Pariser Friedhof in Bagneux in einem zivilen Grab liegt und nicht auf einem der großen Felder mit den unzähligen Soldatengräbern für die im Ersten Weltkrieg getöteten französischen und britischen Soldaten, wo Einheitsgrabsteine in Reih und Glied stehen.
Es gibt ein bemerkenswertes Foto von Rimet im Krieg aus dem Jahr 1916: Er hockt im Schützengraben mit seinem Offiziers-Képi, umringt von sieben schwarzen Infanteristen. Das müssen einige der tirailleurs sénégalais (wörtlich „senegalesische Schützen“, obwohl sie in ganz Französisch-Westafrika rekrutiert wurden) gewesen sein, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Die Deutschen sahen das als die skandalöse Einführung von „Barbarei“ in einen „zivilisierten Krieg“. Den Franzosen selbst war es peinlich, auf die schwarzen Männer angewiesen zu sein. Sie erwähnten diese später selten und speisten die afrikanischen Veteranen mit winzigen Renten ab. Der Krieg war möglicherweise Rimets einzige Begegnung mit Menschen aus Afrika.
Auch bei Eiseskälte in einem Schützengraben bibbernd, blieb Rimet im Herzen ein Fußballfunktionär. Sein Vorkriegskollege in Paris, Henri Delaunay, ein schlaksiger, bebrillter junger Nerd, verbrachte einen Großteil des Krieges damit, eine französische Version des englischen FA-Cups zu planen. Er sollte Coupe Charles-Simon heißen, nach Delaunays ehemaligem Chef im CFI, der 1915 von einem deutschen Schrapnell getötet worden war. Am 16. April 1917 schrieb Rimet direkt von oder nahe der Front an Delaunay:
Ich bitte vielmals um Entschuldigung; als Ihr erster Brief mich erreichte, war ich gerade an der Front und sehr beschäftigt … Ich möchte die Angelegenheit nicht weiter verzögern und sende Ihnen hiermit meine vertrauensvolle Zustimmung. Gestern sah ich Reichel [ein weiterer Fußballfunktionär im Kriegseinsatz], der sich die Mühe machte, 15 km auf dem Rücken eines Pferdes zurückzulegen, um mir unerfreuliche Dinge über den Stand der Verhandlungen im Hinblick auf unseren Wettbewerb mitzuteilen […]
Er lieferte mir keinen guten Grund, nicht zuzustimmen, und seine Intervention ändert nichts an meiner ursprünglichen Haltung. Ich zittere vor Kälte, während ich dies schreibe, entschuldigen Sie also bitte mein Gekritzel.
Rimet schrieb das in einem ziemlich dramatischen Moment des Kriegsverlaufs. Nur Tage später meuterten französische Soldaten gegen ihre militärischen Vorgesetzten. Nachdem bereits über eine Million Kameraden gefallen waren, widersetzten sie sich dem Befehl zum Angriff. Aber der französische Pokalwettbewerb war beschlossene Sache. (Delaunay würde schließlich ein noch größeres Fußballturnier ins Leben rufen. Er propagierte jahrzehntelang eine europäische Meisterschaft für Nationalmannschaften. Diese wurde erstmals 1958 ausgetragen, drei Jahre nach seinem Tod.)
Rimet erlebte einen „guten Krieg“. Wie im Zivilleben stieg er auch hier auf, wurde „vom Gefreiten zum Feldwebel und Leutnant und schließlich zum Major befördert“, schreiben die Historiker Philippe Vonnard und Grégory Quin. Darüber hinaus erfand er einen preiswerten Entfernungsmesser, der es (wie er im Begleitheft erklärte) „allen, vom einfachen Soldaten bis zum höchsten Chef, ermöglichen würde, eine Entfernung mit geringstmöglicher Fehlerquote einzuschätzen“. In einer militärischen Depesche erfuhr er eine besondere Erwähnung: „In schwieriger Lage zeigte dieser Offizier am Maschinengewehr kluge Initiative, unermüdlichen Einsatz und viel Kaltblütigkeit bei verschiedenen feindlichen Bombardements.“ In einer weiteren Depesche, die kurz vor dem Waffenstillstand geschrieben wurde, hieß es:
Monsieur Rimet, Leutnant, seit drei Jahren an der Front, wurde am 20. Oktober 1918 damit beauftragt, die Elemente eines indirekten Maschinengewehrangriffs zu identifizieren. Obwohl er in heftiges feindliches Feuer geriet, verließ er seinen Posten nicht, bis er seine Mission erfüllt hatte.
Dreimal wurde ihm das croix de guerre verliehen.
1,3 Millionen französische Soldaten fielen im Ersten Weltkrieg, darunter mehrere Spieler von Red Star, und eine weitere Million war kriegsversehrt. Doch fast unmittelbar nach dem Waffenstillstand im Winter 1918/19 nahm Rimet seine Tätigkeit als Fußballfunktionär wieder auf. Im April 1919 wurde er Präsident des neuen französischen Fußballverbands, der die verschiedenen, in der Vorkriegszeit untereinander zerstrittenen Verbände vereinte. Delaunay war sein Generalsekretär; beide Männer behielten ihre Ämter bis nach dem Zweiten Weltkrieg. 1921 wurde Rimet auch zum Präsidenten der FIFA gewählt. Obwohl er sich so stark für den Profifußball einsetzte, achtete er in seiner Rolle als Präsident streng auf seinen Status als unbezahlter Amateur, dem nur die Reisekosten erstattet wurden (obwohl diese angesichts seiner zahlreichen Reisen wohl nicht unerheblich waren).
Er steckte all seine Energie in diese Ämter. Zu Hause lebte er zurückgezogen, las Voltaire und Platon und betätigte sich in seinem Häuschen auf dem Land nördlich von Paris als Hobbyhandwerker und Gärtner.
Fast nie erwähnte er nach 1918 den Ersten Weltkrieg, doch das Erlebte scheint seine Weltsicht dauerhaft geprägt zu haben. Wie viele französische Kriegsteilnehmer war Rimet nach Kriegsende geradezu besessen von dem Ideal einer friedlichen Welt. Für ihn stellte die FIFA das fußballerische Gegenstück zu dem neu gegründeten Völkerbund dar.
„Fußball und die Versöhnung der Nationen“, so der Titel eines Pamphlets, das er im Alter von 80 Jahren verfasste, wurde zu Rimets Lebensaufgabe. Er glaubte fest daran, dass der Sport „Vorurteile und Rivalitäten, die auch heute noch Menschen unterschiedlicher Nationen gegeneinander aufbringen“, ausmerzen könne. Baron Coubertin glaubte so ziemlich dasselbe, doch Rimet bemängelte, dass der olympische Amateurismus einer universellen Bruderschaft entgegenstand, weil sich dadurch nur Männer mit „goldener Tatze“ es leisten konnten, Spitzensportler zu werden.
Rimets Mission in den 1920er-Jahren bestand darin, den ursprünglichen Traum der FIFA umzusetzen und eine Weltmeisterschaft auszurichten. Endlich, im Mai 1928, stimmte die FIFA auf einem Kongress in Amsterdam dafür, einen Wettbewerb ins Leben zu rufen, an dem alle Fußballnationen teilnehmen konnten. Mit „alle“ waren nur Europa, Nord- und Südamerika gemeint. Nichtweiße Menschen aus den Kolonien wie die „senegalesischen Schützen“ zählten nicht dazu.
Rimets WM würde weiß sein und professionell – im Gegensatz zum olympischen Fußballturnier, von dem viele der weltweit besten Spieler ausgeschlossen waren, weil sie mit ihrem Sport Geld verdienten. Rimet stibitzte die Fußballweltmeisterschaft von seinen hochnäsigen Amateurrivalen beim IOC. Die WM der FIFA würde niemals wie bei den Olympischen Spielen, im Rugby, im Tennis und im US-amerikanischen Collegesport gelähmt werden von snobistischen und heuchlerischen Diskussionen darüber, ob man bezahlte Spieler zulassen wolle. Unter Rimets Ägide wurde der internationale Fußball als offen kommerzieller Sport geboren, der vorwiegend von Arbeitern gespielt und besucht wurde. Das war bei Weitem nicht selbstverständlich, denn als die WM konzipiert wurde, war der Profifußball in Frankreich noch nicht einmal offiziell erlaubt.
Nachdem die Entscheidung für das Turnier gefallen war, blieb noch ein kleines Hindernis: Geld. „Die FIFA besaß damals keinen Sou“, erinnerte sich Rimets Enkel Jahrzehnte später. Der Verband der 1920er war winzig und hatte noch nicht mal ein eigenes Bankkonto, schreiben Vonnard und Quin. Sein Hauptsitz war das Amsterdamer Domizil des Geschäftsführers und Schatzmeisters Carl Hirschmann, eines Börsenmaklers, der die Finanzen der FIFA verwaltete. Seine Mitstreiter gingen wohl davon aus, dass er das Verbandsvermögen sicher in einer Bank verwahrte, doch tatsächlich investierte Hirschmann das Geld an der Börse. Dann kam der große Börsenkrach von 1929, und er ging pleite. Schließlich musste er zugeben, dass er die 400.000 Francs, die die FIFA ihm anvertraut hatte, fast völlig in den Sand gesetzt hatte. Das war die erste Episode von vielen in der illustren Geschichte der FIFA-Finanzskandale. „Es gibt Schlimmeres, als Geld zu verlieren“, versuchte Rimet zu beruhigen. Immerhin veranlasste Hirschmanns Debakel die FIFA dazu, ihren Hauptsitz von Amsterdam nach Zürich zu verlegen, wo sie bis heute ansässig ist.
Doch auch mit einem verantwortungsbewussteren Schatzmeister konnte die FIFA die erste WM nicht aus eigener Tasche finanzieren. Sie musste ein Gastgeberland finden, das bereit war, das Ganze finanziell zu stemmen. Zum Glück bot sich Uruguay an, damals eines der reichsten Länder der Welt, das 1930 das 100-jährige Jubiläum seiner Verfassung feiern wollte. „Der Gastgeber zahlt“ ist auch heute noch das organisatorische Prinzip des Turniers.
Dreizehn Länder nahmen an der ersten Weltmeisterschaft teil. Die meisten europäischen Teams überquerten den Atlantik auf demselben Schiff, der Conte Verde; für die Kosten der Überfahrt kam Uruguay auf. In seiner 1954 erschienenen Autobiografie L’histoire merveilleuse de la Coupe de Monde („Die großartige Geschichte der WM“), die er für seinen Enkel Yves schrieb, berichtet Rimet über alle seine Weltmeisterschaften.
Das Buch ist inzwischen so vollständig vergriffen, dass ich es nur über die Bibliothèque nationale de France bekommen konnte. Der Ton des Werks ist locker und humorvoll. Rimet verschwendet keine Zeit mit politischen oder anderen tiefsinnigen Gedanken, er schreibt auch nicht rückblickend aus der Perspektive eines alten Mannes, der zwei Weltkriege erlebt hat. Seinem Optimismus, so scheint es, hat das alles keinen Abbruch getan. Die Erinnerungen lesen sich wie der fröhliche Bericht des Vorsitzenden eines Sportvereins über die spaßigen Auslandsreisen seiner Jungs. Immerhin enthalten sie einige amüsante Details.
Seitenlang erinnert sich Rimet an das Vergnügen dieser ersten Überfahrt nach Uruguay – wie er in einem Schaukelstuhl saß, auf den sonnenbeschienenen Atlantik hinausblickte und dort Delfine und Haie entdeckte – ohne nervtötende Telefonanrufe oder unerwartete Besucher. Mit im Gepäck hatte er „eine kleine Statue, 30 cm hoch und 4 kg schwer“ – den neuen WM-Pokal. Er hatte mit der Herstellung der Trophäe einen Freund beauftragt, den Pariser Bildhauer Abel Lafleur, „den man zwar nicht als Sportsfreund bezeichnen kann, der sich aber genug Sinn für Sport angeeignet hat, um diesen kreativ auszudrücken.“
Mit an Bord der Conte Verde war auch der große russische Opernsänger Schaljapin. Der Kapitän bat ihn, auf der Party zu singen, die traditionell beim Überqueren des Äquators stattfand. Laut Rimet weigerte sich Schaljapin mit den Worten: „Wenn ich Schuster wäre, würden Sie mich dann bitten, Ihnen beim Überqueren der Linie ein kostenloses Paar Schuhe zu machen?“ Schaljapin war ein Vollprofi, genau wie Rimets Fußballer. Der Kapitän musste sich mit einem Kostümball begnügen.
Als sie fünf Stunden in Montevideo einliefen, wurden sie „von einer jubelnden Menge empfangen“, so Rimet. Uruguays Präsident Juan Campisteguy lud Rimet gleich zu einem asado, einer traditionellen Grillmahlzeit ein – nicht so sehr, weil Rimet Präsident der FIFA, sondern weil er Franzose war. Campisteguy, stolzer Nachfahre eines französischen Emigranten, betrachtete Rimet als „Quasilandsmann“. Beim asado schnitt Campisteguy ein besonders saftiges Fleischstück aus dem Kopf der Kuh und legte es dem Gast zeremoniell auf den Teller.
Die angereisten Mannschaften wohnten alle nahe beieinander am Strand und freundeten sich laut Rimets Bericht sofort an – es herrschte eine Atmosphäre wie bei einer „Familienfeier“. Fußball erzeugte Brüderlichkeit. Währenddessen wurde noch Tag und Nacht am Estadio Centenario gebaut. Es sollte erst Tage nach dem Beginn der WM vollendet werden.
Im ersten WM-Finale schlug Uruguay Argentinien mit 4:2. Nach Abpfiff rannten die Uruguayer über den Platz und schwenkten ihre eigene Trophäe – möglicherweise einen Pokal, den sie in irgendeinem anderen Wettbewerb gewonnen hatten. Rimet wirkte etwas verloren auf dem Rasen mit all den jubelnden Fans um sich herum. Irgendwann muss er dann einfach Lafleurs Trophäe an Raúl Jude, den mit Fliege ausstaffierten Präsidenten des uruguayischen Fußballverbands, übergeben haben. Die erste Weltmeisterschaft galt als voller Erfolg.
Doch schon kurze Zeit später wurde Rimets Glaube an die Brüderlichkeit unter allen Menschen durch das Aufkommen des Faschismus auf eine schwere Prüfung gestellt. Im März 1933, nur Wochen nachdem in Deutschland die Nazis an die Macht gekommen waren, begleitete er die französische Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach München. Die deutschen Zuschauer verhielten sich beim Abspielen der französischen Nationalhymne ruhig, und ein beeindruckter Rimet versprach seinen Gastgebern, dass er sich nach seiner Rückkehr in Frankreich bemühen werde, die dort herrschenden Vorurteile gegenüber dem neuen Reich zu korrigieren.
Ein Jahr später war Benito Mussolinis faschistisches Italien Schauplatz der zweiten WM. Das Turnier, schreibt Rimet, umfasse inzwischen „die ganze Welt“ (was allerdings wieder nur Europa sowie Nord- und Südamerika bedeutete).
Rimet versuchte, mit den faschistischen Gastgebern auszukommen, auch wenn das nicht immer leicht war. Er schreibt, er habe „während der WM oft den Eindruck gehabt, dass der wahre Präsident des internationalen Fußballverbands Mussolini“ sei. Während der Spiele in Rom, bei denen die beiden Männer nebeneinandersaßen, konzentrierte sich der Diktator voll auf das Spiel und zeigte keinerlei Interesse an den Konversationsversuchen des Franzosen. Mussolini hatte eine riesige Siegestrophäe aus Bronze in Auftrag gegeben, die den eigentlichen Pokal winzig erscheinen ließ. Zum Glück, so schreibt Rimet, schlugen die Italiener im Finale die Tschechoslowakei und konnten das Ding behalten, „da wir nicht gewusst hätten, wie wir es transportieren sollten“.
Am Abend nach dem Finale kümmerten sich die euphorischen italienischen Funktionäre nicht weiter um die FIFA-Delegation. Rimet und seine Kollegen fühlten sich etwas fehl am Platz, bis General Vaccaro, der Chef des italienischen Fußballverbands, sie zu einem Dinner im Küstenort Ostia einlud. Der General chauffierte sie selbst dorthin. Die Fahrt auf der sich windenden Küstenstraße war furchterregend, das Menü aber hervorragend. Rimet war sich beim Schreiben seiner Memoiren bewusst, dass Vaccaro, der zeitweilig das Kommando über faschistische Truppen an der Ostfront hatte, für einige Leser eine moralisch zwiespältige Figur war. Es sei nicht notwendig, „ihn als Politiker anzuerkennen“, so Rimet, doch Vaccaro sei ein „angesehener Präsident“ des italienischen Fußballs und ein netter Kerl gewesen. Die Bereitschaft, auch mit brutalen Regimes gemeinsame Sache zu machen – von der Militärjunta in Argentinien in den 1970er-Jahren bis hin zu Wladimir Putin und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman – gehörte schon von Anfang an zur Politik der FIFA. Das war alles Teil des Konzepts „Frieden durch Sport“.
Auf einem Foto von den Olympischen Spielen in Berlin 1936 sieht man Rimet, der mit der FIFA-Delegation durch die mit Hakenkreuzfahnen dekorierten Straßen von Hitlers Hauptstadt läuft. Die französische Föderation hatte sich dagegen ausgesprochen, eine Pressekampagne zu unterstützen, die zum Boykott der Nazispiele aufrief. In Berlin entschieden die FIFA-Funktionäre per Abstimmung, einen weiteren von Rimets Träumen wahr werden zu lassen: Frankreich wurde zum Gastgeber der WM 1938 gekürt.
Bei der Auslosung der Gruppen spielte Rimets sechsjähriger Enkel Yves die Glücksfee; er stand in kurzen Hosen auf einem Tisch zwischen den anzugtragenden Funktionären und zog Namen aus einer Glasschale, die von seinem strahlenden Opa hochgehalten wurden. Kurz nach der Auslosung wurde durch Hitlers „Anschluss“ eine der teilnehmenden Nationen von Nazideutschland geschluckt: Österreich. Das war natürlich lästig, da an dem Turnier nun nur noch 15 Mannschaften teilnahmen. Die FIFA musste die Partie Österreich – Schweden streichen.
Gastgeber Frankreich traf im Viertelfinale auf den amtierenden Weltmeister Italien. Die ganz in Schwarz spielenden Italiener zeigten vor Anpfiff den faschistischen Gruß, woraufhin die französischen Fans sie mit Steinen bewarfen. Italien gewann die Partie. Nachdem die Italiener die Ungarn im Endspiel in Colombes besiegt hatten und die italienische Flagge gehisst wurde, konnte Rimet zufrieden beobachten, dass die französischen Zuschauer trotz der „ernsthaften politischen Meinungsverschiedenheiten“ zwischen den beiden Ländern applaudierten. Sein Fazit: „Ich wüsste kaum etwas außer Sport, was in der Lage wäre, solche spontanen Beruhigungen zu erzeugen.“
Beim FIFA-Kongress in Paris vor der WM hatten sowohl Deutschland als auch Brasilien sich als Ausrichter der WM 1942 beworben. Doch die FIFA-Funktionäre ahnten bereits, dass „Politik“ ein Hindernis sein könnte, und verzögerten die Entscheidung.
***
In Rimets Memoiren wird der Zweite Weltkrieg mit keinem Wort erwähnt. Und auch in seinem Leben versuchte er zunächst, ihn zu ignorieren. Nachdem er bereits in einem schrecklichen Krieg gegen die Deutschen gekämpft hatte, hielt er zu Beginn des zweiten an seinem Glauben fest, dass Fußball zwischen Nationen Frieden stiften könne – auch wenn es sich bei einer der Nationen um Nazideutschland handelte. Frankreich erklärte Hitler am 3. September 1939 den Krieg. 48 Tage später, am Samstag, den 21. Oktober, reiste Rimet zu einem dringenden FIFA-Treffen in Bern, an dem zwei prominente Deutsche teilnahmen: der FIFA-Generalsekretär Ivo Schricker und Peco Bauwens, ein altgedienter Mitarbeiter des im Nationalsozialismus auf Linie gebrachten Deutschen Fußballbunds.
Wieder zurück in Frankreich, bekam Rimet Ärger. Warum hatte er mit den Deutschen verhandelt? Am Morgen des 27. Oktober wurde er zu einer Befragung ins Büro von Amédée Bussière geladen, dem Generaldirektor der französischen Polizei Sûreté nationale. Eine Zusammenfassung von Rimets Selbstrechtfertigungsversuchen, heruntergetippt von einem von Bussières Untergebenen, liest sich wie folgt:
Angesichts der sehr wichtigen Interessen, die er innerhalb der mindestens 50 Nationen repräsentierenden Fédération Internationale vertritt, hatte er geglaubt, in Bern an dem dringenden Treffen teilnehmen zu können. Und vor allem hatte er nicht damit gerechnet, dort die deutschen Vertreter anzutreffen […]
M. Rimet hat einen Sohn an der Front und ist zutiefst betrübt […] mit Tränen in den Augen bat er mich um Nachsicht.
Noch am selben Tag schrieb Rimet Bussière von seiner Wohnung in der Pariser Rue Rocher mit lila Tinte einen dreiseitigen Brief mit weiteren Erklärungen. Er gab an, dass die Polizeipräfektur ihm ein Visum für die Schweiz ausgestellt hatte. Er wusste, dass er dort Schricker treffen würde, der zugegebenermaßen Deutscher war, aber der Mann lebte in Zürich und hatte Rimet versichert, „dass er die Schweizer Staatsbürgerschaft annehmen“ würde.
Schricker hatte Rimet am 21. Oktober um 9:15 Uhr am Bahnhof abgeholt und den „erstaunten“ Franzosen dann darüber informiert, dass Bauwens, der dem mit dem Regelwerk befassten FIFA-Komitee vorstand, ebenfalls bei dem Treffen anwesend sein würde. Bauwens war von Giovanni Mauro, dem italienischen Vizepräsidenten der FIFA, herbeizitiert worden, angeblich, um „bestimmte Abweichungen in den Übersetzungen der Spielregeln in verschiedenen Sprachen“ zu diskutieren und um seine Ansichten zur Regulierung des olympischen Fußballs darzulegen. Rimet äußert sich nicht dazu, doch zweifellos wollten die Achsenmächte beim erste FIFA-Treffen in Kriegszeiten genug eigene Leute vor Ort haben.
Rimet schrieb Bussière, er habe sich, sobald er von Bauwens’ Anwesenheit erfuhr, direkt zum französischen Konsulat aufgemacht, um zu fragen, wie er sich verhalten solle. Das Konsulat gab ihm die Erlaubnis fortzufahren, unter der Voraussetzung, dass Bauwens sich nur zu Fußballregularien äußerte und er und Rimet nicht miteinander sprachen. Rimets Fazit: „Meine Begegnung mit Dr. Bauwens war vollkommen zufällig und ungewollt.“
Er teilte Bussière weiterhin mit, dass er der FIFA seit 20 Jahren vorstehe und mehrmals einstimmig zum Präsidenten gewählt worden sei. „Mein Bestreben war es stets, mich des Vertrauens in meine Person durch mein Handeln zum Wohle Frankreichs würdig zu erweisen. Viele unserer Diplomaten im Ausland können dies bestätigen.“ Er bot an zurückzutreten, wenn das der Wunsch der französischen Regierung sei, oder sein Amt für die Dauer des Kriegs einem der Vizepräsidenten – dem Italiener Mauro oder dem Belgier Rodolphe Seeldrayers – zu überlassen. Wenn Frankreich es ihm erlaube, FIFA-Präsident zu bleiben, „würde ich mich glücklich schätzen, die Anweisungen zu erhalten, die es mir ermöglichen, meinem Land auf dieser Position so zu dienen, wie ich es immer getan habe.“ Den Bittbrief unterschrieb er mit
Jules RimetDreifacher Träger des croix de guerre
Die Sûreté nationale erlaubte ihm, seinen Posten zu behalten. Schließlich stellte die FIFA-Präsidentschaft für Frankreich eine Möglichkeit der Einflussnahme dar.
Im Juni 1940 kapitulierte Frankreich vor Hitler, und Marschall Pétain stand fortan an der Spitze das mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes. Rimet sah seine Aufgabe als Chef des französischen Fußballverbands nun darin, seinen Sport am Laufen zu halten, doch schon bald geriet er in Konflikt mit der Regierung in Vichy. Damit, dass die jetzige französische Regierung faschistisch war, konnte er offensichtlich leben, nicht akzeptabel war für ihn hingegen, dass sie ein entschiedener Fürsprecher seines alten Schreckgespensts war, des Amateursports. Für die Vichyisten – wie für die Nazis – stellte der Profisport nichts anderes als eine moralische Bankrotterklärung dar. Aus diesem Grund wollten sie die Fußballfunktionäre des Landes auch selbst ernennen. Im März 1942 trat Rimet nach 23 Jahren als Präsident der Fédération Française zurück, blieb allerdings ihr Ehrenpräsident.
Gleichzeitig planten die Achsenmächte im Hinblick auf die FIFA einen Coup. Die Gelegenheit dazu erhielten sie, so der deutsche Politikwissenschaftler und Sporthistoriker Arthur Heinrich, im Januar 1941 bei einem Treffen des Exekutivkomitees im Hauptsitz des Verbands in Zürich. Die aus dem besetzten Europa in die Schweiz reisenden Funktionäre benötigten deutsche oder italienische Visa. Die Achsenmächte wandten einen Trick an: Erst genehmigten sie die Visa, damit das Treffen anberaumt wurde, doch dann zogen sie die Genehmigungen kurzfristig zurück.
Wenn die Funktionäre aus den besetzten Ländern nicht anreisen konnten, so ihr Kalkül, würden die Deutschen und Italiener bei der Sitzung die Mehrheit stellen und die Faschisten könnten die FIFA übernehmen. Schricker, der deutsche Generalsekretär, war sicherlich eingeweiht. Doch der perfide Plan scheiterte, und zwar wohl vor allem, weil die Föderation in der neutralen Schweiz ansässig war. Die Schweizer schätzten politische Einmischungen in in ihrem Land ansässige Organisationen nicht besonders.
Während des Kriegs bemühten sich Rimet und die anderen leitenden FIFA-Funktionäre in ihren jeweiligen sich bekämpfenden Ländern, weiterhin einige freundliche Botschaften auszutauschen. Schricker half in Zürich dabei, den Briefverkehr in Fluss zu halten. Rimet gelang es in den Kriegsjahren zweimal, die Stadt zu besuchen, schreiben Vonnard und Quin. Für die Fußballgemeinschaft stellte die globale Katastrophe lediglich eine lästige Unterbrechung dar.
Fast unmittelbar nachdem Paris im August 1944 von der deutschen Besatzung befreit wurde, kehrte Rimet auf seinen Posten als Präsident des französischen Verbands zurück. Niemand scheint ihm seine zweijährige Kollaboration mit dem Vichy-Regime übel genommen zu haben. Die Menschen begriffen wohl, dass der Fußballsport für ihn viel realer war als Faschismus oder Antifaschismus. Und schon bald nach der Kapitulation von Nazideutschland leitete Rimet als FIFA-Präsident erneut Treffen, an denen auch der deutsche FIFA-Veteran Bauwens teilnahm.
Bauwens’ Verhältnis zum Nationalsozialismus war nicht ganz eindeutig. Er hatte bereits im Mai 1933 die Mitgliedschaft in der NSDAP beantragt und eine Karteikarte mit seinem Namen war bei der Gelegenheit schon angelegt worden. Doch die Partei, so schreibt Heinrich, lehnte den Antrag letztlich ab, weil Bauwens’ Frau Elise Jüdin war.
Bauwens und seine Frau führten keine glückliche Ehe. Er sperrte sie im Schlafzimmer ein, während er seine Geliebten empfing. Elise fing an zu trinken und nahm sich 1940 das Leben – so schien es zumindest. Ihr gemeinsamer Sohn beschuldigte Bauwens später, sie entweder in den Suizid getrieben zu haben oder ihr die tödliche Dosis Schlaftabletten sogar selbst verabreicht zu haben.
Während des Kriegs betrieb das Bauunternehmen der Familie Bauwens sein eigenes Zwangsarbeiterlager; es taucht nach dem Krieg in der offiziellen, 2500 Betriebe umfassenden Liste der „Sklavenhalter im NS-Lagersystem“ auf. Doch nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs schrieb Bauwens Rimet einen Brief, in dem er sich als Nazigegner darstellte: „Wäre ich nicht der schlechteste Mensch der Welt, wenn ich auch nur die kleinsten Handlangerdienste für diejenigen erbracht hätte, die meine Frau auf dem Gewissen haben?“
Andere FIFA-Funktionäre verabscheuten Bauwens aufgrund seiner „braunen“ Vergangenheit, doch nicht so Rimet. Für ihn bedeutete Frieden durch Sport angesichts seiner Lebensgeschichte vor allem Frieden zwischen Deutschland und Frankreich. Er und Bauwens waren Fußballbrüder.
Nun, da der Krieg vorbei war, konnte sich Rimet endlich auf das Wesentliche konzentrieren: die Weltmeisterschaft. Auf dem FIFA-Kongress in Luxemburg 1946 wurde der Pokal in Coupe Jules Rimet umbenannt – „zu meiner großen Verwirrung“, wie er bescheiden schreibt.
Anlässlich des ersten Turniers nach dem Krieg, das 1950 in Brasilien stattfand, trat Rimet erneut eine Überseereise an, wie 20 Jahre zuvor, als er die Schiffspassage zur allerersten WM auf sich genommen hatte. Er wollte das Komitee der präfaschistischen Ära wiederherstellen. Die Achsenmächte Deutschland und Japan waren 1946 aus der FIFA ausgeschlossen worden, doch Rimet arbeitete daran, sie wieder zurückzuholen. 1950 wurde Bauwens DFB-Präsident. Auf dem FIFA-Kongress in Rio de Janeiro, der unmittelbar vor der WM stattfand, wurde beschlossen, dass „Politik nicht in den Sport Einzug halten“ dürfe.
Rimet reiste während des Wettbewerbs durch Brasilien und stellte fest, dass das ganze Land „nur für den Fußball und den WM-Pokal zu leben scheint“. Die Coupe Rimet selbst wurde in einem Geschäft in Rio ausgestellt. Die Menschenmenge, die herbeiströmte, um sie zu bewundern, war so groß, dass eigens eine Sicherheitsfirma engagiert werden musste. Rimet schreibt: „Dank des seltsamen Phänomens einer kollektiven Psychose feierte die ganze Stadt den Sieg, bevor er errungen wurde.“
FIFA-Funktionäre waren nicht zur Eröffnungszeremonie im Maracanã-Stadion eingeladen. In seiner Autobiografie erklärt Rimet, dass die WM für die Stadt „eine rein brasilianische Angelegenheit“ war. Das neue Stadion mit seinem Fassungsvermögen von 200 000 Zuschauern war so vollgepackt, dass sogar VIPs sich mühsam den Weg zu ihren Sitzen bahnen mussten. Rimet wurde berichtet, dass der Erzbischof von Rio „in einer Menschenmenge eingeklemmt war und sich nur durch das grobe Beiseitestoßen der neben ihm Stehenden befreien konnte“.
Bei der WM 1950 gab es kein offizielles Endspiel, nur eine zweite Gruppenrunde. Doch kann man die Partie Brasilien gegen Uruguay im Maracanã durchaus als De-facto-Finale bezeichnen. Ein Unentschieden reichte den Brasilianern zum Titelgewinn. Sie hatten eine grandiose Siegesfeier geplant: Beim Abspielen der Nationalhymne sollte die Mannschaft an einer Ehrengarde vorbei zur Platzmitte defilieren, um die Coupe Rimet zu empfangen. Als es wenige Minuten vor Abpfiff 1:1 stand, machte sich Rimet mit dem Pokal durch die Katakomben des Stadions auf zum Anstoßpunkt, bereit, die siegreichen Gastgeber zu beglückwünschen und ihnen die Trophäe zu überreichen. Doch als er aus dem Tunnel herauskam, herrschte auf den Rängen eisiges Schweigen. Uruguay hatte den Siegtreffer erzielt.
„Es gab keine Ehrengarde mehr, keine Nationalhymne, keine Rede und kein feierliches Überreichen des Pokals“, schreibt Rimet. Stattdessen fand er sich plötzlich eingequetscht inmitten eines Mobs aus Menschen, die den Platz gestürmt hatten, die Trophäe fest an sich gedrückt, und wusste nicht, was er mit dem Pokal machen sollte. Es wiederholte sich die überstürzte Pokalübergabe von 1930: „Schließlich entdeckte ich den Mannschaftskapitän der Uruguayer und reichte ihm fast heimlich den Pokal, während ich seine Hand schüttelte, ohne ein Wort mit ihm wechseln zu können.“
Es war Rimets letzte offizielle Amtshandlung bei einer WM. Der 76-Jährige wurde allmählich ins Abseits gedrängt. Beim FIFA-Kongress in Bern am Vorabend der WM 1954 wurde ein neuer Präsident gewählt: der Belgier Rodolphe Seeldrayers (der im darauffolgenden Jahr starb).
Der Bauernjunge aus Theuley war maßgeblich daran beteiligt gewesen, die Fußballweltmeisterschaft zu einem Event zu machen, das die weiße Welt bewegte. Während seiner 33-jährigen Präsidentschaft war die Mitgliederzahl der Föderation von 29 auf 85 gestiegen. Seine Mitstreiter bei der FIFA schlugen ihn für den Nobelpreis vor. 1956, während sie das dafür nötige Material zusammenstellten, starb Rimet im Alter von 82 Jahren. Und obwohl er heute fast vergessen in seinem Grab im Pariser Vorort Bagneux liegt, bestimmen seine Obsessionen noch immer die WM.
BRD – Ungarn, WM-Finale, Wankdorfstadion, Bern, 4. Juli 1954:
Rimets letzte Weltmeisterschaft war Schauplatz eines der ersten europäischen Ausbrüche von Fußballnationalismus. Das „Wunder von Bern“, wie das Finale später genannt wurde, war der Moment, in dem die Bundesrepublik Deutschland von einem Staat zu einer Nation wurde. Er bescherte den Westdeutschen die ersten gemeinsamen schönen Erinnerungen, die man ins neue nationale Fotoalbum einkleben konnte.
Die westdeutsche Mannschaft verkörperte in vielerlei Hinsicht noch das alte Deutschland. Peco Bauwens, Rimets alter Weggefährte aus Kriegszeiten, war immer noch Präsident des DFB. Und Bundestrainer Sepp Herberger war unter Hitler „Reichstrainer“ gewesen. Im Rahmen des obligatorischen Entnazifizierungsverfahrens war er als Mitläufer eingestuft worden. Er entfernte das Hakenkreuz von seinem Trainingsanzug und hängte in seinem Haus ein Porträt des christdemokratischen Finanzministers Ludwig Erhard auf.
Der Star in Herbergers Elf im Jahr 1954 war Fritz Walter, den der Trainer bereits 1938, als 18-Jährigen, entdeckt hatte. Walter war im Krieg Wehrmachtssoldat und kurz in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Nur seine fußballerischen Fähigkeiten hatten ihn vor der Deportation nach Sibirien bewahrt.
Bei der WM trafen Herbergers Männer schließlich auf die großen Ungarn, von denen sie gerade zwei Wochen zuvor in einem Gruppenspiel mit 8:3 vernichtend geschlagen worden waren. Vor dem Finale gab eine Reihe von Zufällen den Deutschen dennoch etwas Hoffnung. Der geniale ungarische Linksfuß Ferenc Puskás hatte sich verletzt, eine Schweizer Blaskapelle störte den Mittagsschlaf der Ungarn vor dem Endspiel und ein Gewitter verwandelte den Rasen in ein Schlammloch.
Und die Deutschen halfen der Laune des Schicksals auch ein kleines bisschen nach. Herbergers Assistent Albert Sing erzählte mir 2001 Folgendes: „Vor dem Finale baten die Ungarn den Platzwart darum, Umkleidekabine zwei benutzen zu dürfen, da sie diese auch vor der WM bei einem Freundschaftsspiel gegen die Schweiz benutzt und die Partie gewonnen hatten. Fußballer sind abergläubisch. Der Platzwart erzählte mir davon und ich gab die Info wiederum an Herberger weiter. Der sagte: ‚Wir werden sie ein bisschen ärgern.‘ Ich bat dann den Platzwart, ein Schild mit der Aufschrift ‚Deutschland‘ an die Tür von Kabine zwei zu hängen.“
Das Finale selbst entwickelte sich zu einem echten Krimi. Die Ungarn führten nach nur acht Minuten bereits mit 2:0, doch Herbergers Männer kämpften sich zurück. Adi Dassler, der Gründer von Adidas, hatte sie mit neuen leichten Schuhen ausgestattet, deren Stollen für mehr Griffigkeit verlängert werden konnten. Die Deutschen rannten leichtfüßig über den matschigen Rasen. Sechs Minuten vor Spielende erzielte Helmut Rahn das dritte und entscheidende Tor. (Rahn verbrachte einen Großteil seines weiteren Lebens damit, die Szene für Trinkgenossen in seiner Stammkneipe mit Bierdeckeln und Aschenbechern nachzustellen.) Das WM-Finale war Ungarns einzige Niederlage zwischen 1950 und dem Aufstand des Landes gegen die kommunistische Regierung und die sowjetische Besatzungsmacht 1956.
Das „Wunder von Bern“ ließ in den Deutschen den Glauben aufkeimen, dass das Land durch harte Arbeit aus den Trümmern wiederauferstehen würde. So ziemlich jeder Deutsche, der 1954 am Leben war, hat seine eigenen Erinnerungen an das Spiel. 50 Jahre danach antwortete der westdeutsche Nationalspieler Bernd Hölzenbein auf meine Frage, ob der Gewinn der WM 1974 der Höhepunkt seines Lebens gewesen sei, dass diese noch nicht mal seine Lieblings-WM sei. „Genau wie alle anderen guckte ich als kleiner Junge das Finale von 54, auf dem einzigen Fernseher in einem Umkreis von etwa zehn Kilometern. Diese Spieler waren meine Idole. Ich verschlang die Bücher von Fritz Walter. 1954 war ein Symbol für Deutschlands Wiederauferstehung. 1974 war bei Weitem nicht so wichtig.“
Viele Deutsche scharten sich um die wenigen in der Nachbarschaft vorhandenen Fernseher, um das Spiel zu sehen. Doch wesentlich mehr Menschen verfolgten die Partie vorm Radio. Beim Abpfiff jubelte Kommentator Herbert Zimmermann: „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ Und wie um die Hybris abzumildern, fügte er hinzu: „Wir wollen auch in diesem Augenblick nicht vergessen, dass es ein Spiel ist – ein Spiel, aber das populärste Spiel, das die Welt kennt.“
Es handelt sich um eines der bekanntesten Tondokumente Nachkriegsdeutschlands. Rainer Werner Fassbinder, linke Filmemacherlegende und leidenschaftlicher Fußballfan, verwendete es in der Schlussszene seines Films Die Ehe der Maria Braun. Maria, die nach dem Zweiten Weltkrieg erst Bardame und dann Geschäftsfrau wird, stirbt bei einer Explosion, die sie selbst auslöst, indem sie sich am Gasherd eine Zigarette anzündet. Währenddessen ertönt aus dem Radio hinter ihr Zimmermanns frenetischer Jubel „Aus! Aus! Aus! …“ Für Fassbinder konnte eine deutsche Wiederauferstehung nur düster sein.
Auch ein elfjähriger Pfarrerssohn namens Friedrich Christian Delius hing an diesem Tag an Zimmermanns Lippen. Später schrieb er einen Roman mit dem Titel Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde. „Ich habe immer noch ein persönliches, sprachloses Siegesgefühl“, erklärt Delius in einem Essay, „und darin bin ich nicht allein. Für uns Kinder war es eine Befreiung, vielleicht weil unsere Väter, die den Krieg überlebt hatten, es sich endlich gestatten konnten, entspannter und glücklicher zu wirken.“ Am Tag des Endspiels, so Delius, sah er seinen Vater zum ersten Mal lächeln.
Das „Wunder von Bern“ wurde zum Gründungsmythos der noch jungen Bundesrepublik. Der Zug, der die frischgebackenen Weltmeister zurück in die Heimat brachte, wurde bei jedem Halt umlagert. Zweifellos nahm die Bedeutung von Bern mit jeder Nacherzählung noch etwas zu, doch an diesem Tag geschah etwas wirklich Bedeutsames. Es herrschte ein Gefühl vor, das sich in Worte fassen ließ: „Wir sind wieder wer.“
Die Nachkriegsdeutschen hatten endlich wieder etwas, auf das sie stolz sein konnten. (Der deutsche „Markennationalismus“, der Stolz auf hochwertige Konsumgüter, hergestellt von deutschen Firmen wie BMW und Adidas, kam erst später.) Die Deutschen hatten all ihre Nationalsymbole verschrotten müssen: die Fahne, den Militarismus, die ersten zwei Strophen ihrer Nationalhymne und die meisten ihrer kurz vorher noch verehrten Helden. Westdeutschland war der erste Staat, der ohne öffentlich zur Schau gestellten Nationalismus auskam – bis zu jenem Sonntag in Bern. Der Historiker und Hitler-Biograf Joachim C. Fest sagte später: „Es gibt drei Gründungsväter der Bundesrepublik: Politisch ist es Adenauer, wirtschaftlich ist es Erhard und mental ist es Fritz Walter.“
Einige Deutsche verfielen beim Feiern des WM-Siegs zurück in die nationalistische Sprache, die sie sich nach 1945 abgewöhnt hatten. Auf den Tribünen in Bern und in ganz Deutschland ertönte die verbotene Zeile der Nationalhymne, „Deutschland, Deutschland über alles“.
Zwei Tage nach dem Finale, bei einer Feier im angemessenen Ambiente des Münchner Löwenbräukellers, verkündete ein nicht ganz nüchterner Peco Bauwens den 7000 Gästen, dass der WM-Sieg die „Schlacken“ der Deutschen fortgespült habe. Die Spieler hätten „wirklich gezeigt, was ein gesunder Deutscher, der treu zu seinem Land steht, zu leisten vermag“. Im weiteren Verlauf der Rede pries er unter anderem das „Führerprinzip im guten Sinne des Wortes“. Nach wenigen Minuten dieses rednerischen Totalausfalls beendete der Bayerische Rundfunk seine Liveübertragung abrupt.
Doch Bauwens hatte – auf die ihm eigene Art – eine Wahrheit ausgesprochen: Nach 1945 hatte in Europa Fußball den Krieg als Quelle des Nationalstolzes ersetzt. Ab 1954 identifizierten sich die Deutschen, in einer vorwiegend zurückhaltenden Art und Weise, mit ihrer Fußballnationalmannschaft. Die WM war gewissermaßen das Fundament der Bundesrepublik. Andere Länder folgten später diesem Beispiel.
Als wir im Oktober 1976 von London in die Niederlande umzogen, war ich sieben Jahre alt und hatte noch nie von diesem Land gehört. Erst später begriff ich, dass ich mitten in einem Goldenen Zeitalter angekommen war. Mein Vater hatte eine Stelle in der kleinen Universitätsstadt Leiden angenommen. In London hatte ich kaum einmal mit einem Ball herumgespielt, aber in Holland bolzten mein Bruder und ich jeden Abend vor dem Schlafengehen in unserer Straße.
Schon bald wurde uns klar, dass die Hälfte aller Jungs im Land Mitglied eines Fußballvereins war. (Der niederländische Fußballverband ließ, wie die meisten anderen Verbände führender Fußballnationen, Frauenfußball erst seit 1971 zu, und in meiner Kindheit kam es mir gar nicht in den Sinn, dass Mädchen auch spielen könnten.)
In und um Leiden, das damals gerade mal 100 000 Einwohner zählte, gab es Dutzende von Fußballklubs. Manche hatten 20 Erwachsenenmannschaften, sieben Ü8-Teams usw. Die Identität und das Sozialleben vieler Jungs und Männer basierte darauf, dass sie Innenverteidiger oder Stürmer des zwölften Teams waren. Nicht Fußball zu spielen, bedeutete, nicht zu existieren. Mein Bruder und ich gingen zu Ajax Sportman Combinatie, einem 1892 gegründeten Verein, der einst zu den besten in den Niederlanden gehört hatte. Er hatte zwar immer noch einen guten Ruf, war aber sportlich nicht mehr auf der Höhe.
Jeden Samstag rannte ich gleich nach dem Aufstehen zum Vereinsgelände. Das Tor war um diese Uhrzeit noch zu, aber meine Mitspieler und ich rüttelten so lange daran, bis gegen acht der verärgerte Hausmeister kam und aufschloss. Dann kickten wir zwischen den Pfützen des Schotterplatzes des ASC herum, bis unser Match anfing. Danach kauften wir in der Kantine Kaugummi und hingen stundenlang auf dem Gelände ab, in der Hoffnung, dass einem anderen Team ein Mann fehlte und wir noch ein Match bestreiten konnten. Und danach gingen wir zu einem von uns nach Hause und schossen Bälle aufs Garagentor.
So sah damals eine stinknormale Kindheit für holländische Jungs aus. Von den 14 Millionen Niederländern, die es 1970 gab, spielte eine Million für Vereine wie den ASC. Kein anderes Land hatte einen so hohen Anteil an in Vereinen spielenden Fußballern. Franz Beckenbauer erklärte einmal, endlich verstanden zu haben, warum die Oranjespieler so gut waren, nachdem er in einem Hubschrauber über die Niederlande geflogen war und gesehen hatte, dass sie vorwiegend aus Fußballfeldern bestanden.
Kein Wunder, dass wir alle spielten. Meine Eltern zahlten dem ASC etwa 200 Gulden (umgerechnet ca. 75 Euro) pro Jahr, und dafür durften mein Bruder und ich praktisch im Verein leben. Zweimal pro Woche wurden wir von Trainern angeleitet, die lange Kurse absolviert hatten, um die obligatorischen Diplome zu bekommen. Der einzige Platz vom ASC wurde von der Gemeinde penibelst gewässert und gemäht. Der niederländische Fußball ist ein Produkt der niederländischen Sozialdemokratie.
Und er war Weltspitze. 1974, nur zwei Jahre vor unserer Ankunft, hatte die in Orange spielende holländische Nationalmannschaft, Oranje genannt, an ihrer ersten WM seit 1938 teilgenommen und dabei auf eine Art und Weise Fußball gespielt, dass sich bis heute Abermillionen Menschen begeistert daran erinnern. Im 20. Jahrhundert hatte jedes Land noch seinen eigenen Stil. Eine Nationalmannschaft war die fleischgewordene Nation: Diese elf Männer in Synthetiktrikots verkörperten das Land mit all seinen Stärken und Schwächen. Man konnte den deutschen Stil nicht mit dem englischen oder dem brasilianischen verwechseln. Bei jedem internationalen Match prallten zwei verschiedene Kulturen aufeinander. Und man hielt den Stil der anderen Nationen für unmoralisch oder sogar schlicht teuflisch.
Ausgerechnet das kleine Holland war in den 1970ern unter allen rivalisierenden Fußballzivilisationen die fortschrittlichste. Im angelsächsischen Raum wurde von „total football“ gesprochen, im spanischen wegen der orangefarbenen Trikots von „la naranja mecánica“ (der spanische Titel des Kubrik-Films Uhrwerk Orange). Die Holländer selbst hatten keinen Namen dafür.
Diesem Stil lag zugrunde, dass Fußball als eine Art Geometrie verstanden wurde. Fast jeder Spieler im Land lernte, sich zu positionieren, in den Raum zu passen und diesen nach einem Ballverlust dicht zu machen. Das brachten uns nicht nur unsere Trainer bei, es lag förmlich in der Luft: Alle um uns herum – die Spieler im holländischen Fernsehen am Sonntagabend, die Jungs, die auf der Straße herumbolzten – verstanden das Prinzip und hatten es verinnerlicht.
Um es mit den Worten von Johan Cruyff zu sagen, des Mannes, der den niederländischen Fußballstil im Wesentlichen erfunden hat: „Fußball ist ein Sport, den man mit dem Kopf spielt.“ Die Sportzeitungen des Landes waren voll von komplexen und nicht selten abwegigen Taktikdiskussionen. Cruyff verwandelte den holländischen Fußball in eine Art intellektuellen Debattierklub. Er gab ausufernde Interviews, in denen er seine fußballerischen Weisheiten zum Besten gab. Eine davon war: den Ball immer einen halben Meter vor den Mitspieler passen, denn dieser ist dann gezwungen zu rennen und mit der ersten Ballberührung zu passen, was das Spieltempo beschleunigt. Das klingt banal, aber als ich später zurück nach England zog, wurde mir klar, dass sogar so mancher englische Fußballprofi diese Strategie nicht kannte.
Wenn sich in England zwei Fußballfans begegnen, lautet die erste Frage immer: „Zu wem hältst du?“ In den Niederlanden lautet sie: „Für wen spielst du?“ Die Holländer sind in erster Linie Fußballer und erst in zweiter Linie Fans.
