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250 Tage Frost im Jahr. An 150 Tagen tobt der eisige Purga, der Schneesturm aus Nordost. Von Ende November bis bis Mitte Januar kein Sonnenstrahl. Unterernährung und Skorbut sind keine Seltenheit. Im Winter herrschen die Kälte, zeitweise auch Hunger und Wölfe, im Sommer oft das Sumpffieber. Das sibirische Dreieck Norilsk-Dudinka-Igarka. Auf der Suche nach Irina steht Peter vor einem Rätsel und einer Mauer des Schweigens. Zurück in der DDR, darf er das Land nicht mehr verlassen. Berufsverbot und Verfolgung. Doch dann erlebt er das Wunder der Deutschen Einheit, seine Rehabilitierung und neue berufliche Erfolge. Den Einladungen nach Virginia und Hawaii folgt er nicht. Verschollene Stasi-Akten, die Treuhand verkauft das Tafelsilber, die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen, Verse zum Innehalten und vieles mehr ...
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der Autor und sein letztes Schiff ...
Räumen von Weltkriegs-Minen, Blockade durch bruch auf dem Atlantik. Im Vorhof der Hölle bei plus 60 Grad, bei minus 45 im schweren Packeis. Er übersteht die Malaria, schwere Havarien, zwei Piratenüberfälle, ungezählte Stürme und etliche Orkane.
Weltweite Seefahrt auf Stückgut-, Massengut- und Holz frachtern, auf Container schiffen und Tankern. Zwei seiner Schiffe sinken, eines geht durch Feuer verloren. Es gibt Tote, ihm aber bleibt das Glück treu unter der Flagge der ostdeutschen Seereederei.
Nun wartet das nächste Abenteuer — die Antarktis. Das Schiff mit der erforderlichen Eisklasse gibt die DDR in der Sowjetunion in Auftrag. 17. 09. 1979 — der Autor (r.) mit seiner Crew beim Flaggenwechsel in der Abend sendung des sowjeti schen Fernsehens. Aus Moskau ist die Gattin des DDR-Botschafters als Taufpatin eingeflogen (l.). Außerhalb des Protokolls: Abschied von Vika, einer jungen Frau aus Leningrad (u.).
Während Italien und die UdSSR mit zwei baugleichen Schiffen in die Antarktis gehen, stellt die DDR-Regierung ihr analoges Vorhaben ein. Des Autors letzter »Dampfer« geht erst unter russischer Flagge auf Expeditionskurs. Von höchster Stelle feierlich verabschiedet, zu einem spektakulären Umwelt-Unternehmen in die Arktis.
Nach 35 Einsatzjahren das Ende. Das Schiff läuft mit hoher Fahrt und einem letzten Typhongruß auf den Strand einer türkischen Abwrackbucht. Letztes AIS: 10. Januar 2014 — 10 Uhr 46 ...
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» Nach uns die Sintflut «Im Dialog mit einer Leserin
Erster Teil Ausgerechnet Igarka
1. Es ist vorbeiMütterchen Russlands zweites Gesicht
2. Das HerbsttraumwalzerliedAuf einem Polarfrachter
3. BerufsverbotAbschied von Flaggen hoch im Wind
4. Rückkehr in eine andere WeltWieder im »normalen« Leben
5. Die Jahre danachTrenne dich nie von deinen Illusionen
Zweiter Teil Noch ist nicht alles erzählt
6. Der andere NordenRussland hat trotz alledem Glück
7. Deutsch-russische BeziehungskistenDie Deutschen über die Russen, die Russen über die Deutschen
8. Weites LandLängst vergangen bis postsowjetisch
Dritter Teil Noch einmal Seefahrt
9. Von singenden Seeleuten und ihren Liedern Über Rio und Schanghai, über Bali und Hawaii?
10. Im schwierigen Fahrwasser Von den Problemen, ein Buch zu schreiben
Die Company Christliche Seefahrt unter ostdeutscher Flagge
Zum Innehalten Gib Gott, dass Blinde nicht mehr blind
Auf der Reise in die Klimahölle ...? Von einer schwedischen Milchmädchen-Rechnung.
Um den nächsten Generationen einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen, soll die globale Erderwärmung nach dem Pariser Klimaabkommen bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 0C begrenzt werden.
Ein Wert, der nach aktuellen Berechnungen bereits im Jahr 2025 überschritten wird. Der gefürchtete Kipp-Punkt, nach dem die Klima-Katastrophe durch nichts mehr aufzuhalten wäre, ist somit in bedrohlicher Nähe gerückt.
Unter dessen warnen nicht nur Wissenschaftler und Klima-Aktivisten. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen und andere sprechen vom Weltuntergang, dem drohenden Ende der Menschheit und von einer allerletzten Chance, die es vielleicht noch geben könnte.
Schwedische Wissenschaftler haben nachgerechnet. Um die Welt zu retten, müsste der CO2-Ausstoß auf jährlich eine Tonne pro Person begrenzt werden. Derzeit emittiert jeder Deutsche das Zehnfache! Doch wen interessiert das eigentlich?
Man lebt, alle Warnungen ignorierend, auch weiterhin weit über die Verhältnisse. Deutschland verbraucht hochgerechnet jährlich die Ressourcen von drei, die USA die von fünf Erden.
Sollte die Welt so weiter machen wie bisher, heißt es in der Berichterstattung von der Klimakonferenz 2022, dann steuere man auf eine Erderwärmung von über 60 C zu. Mit verheerenden Folgen für die nächsten Generationen.
Im Dialog mit einer Leserin.
Es geht auch gleich richtig zur Sache. Wie wird es weitergehen mit der Menschheit? Die besorgte, junge Frau hat tausend Fragen und der ehemalige Seemann mit den ostdeutschen Wurzeln sucht nach Antworten. Klimawandel, Corona, die Flüchtlingskrisee, der gefährdete Arbeitsmarkt und nun auch noch die Ukraine. Steht Deutschland, steht die Welt am Abgrund?
Die Leserin sieht ihn fragend an.
Vorsichtig beginnt er mit dem Klimawandel und seinem eigenen CO2-Fußabdruck. Den habe er, vom Bundesumweltamt ermittelt, auf ein Drittel eines Durchschnitts-Deutschen reduzieren können. Und er wisse, da wäre noch mehr drin. Eine Orientierungshilfe für jeden, der etwas erfahren möchte, über seinen persönlichen Beitrag zur Klimarettung oder aber zur Klimakatastrophe.
Der Erdüberlastungs-Tag habe in diesem Jahr bereits Anfang Mai gelegen. Das Limit an Lebensmitteln, Energie, Bauland und anderen natürlichen Ressourcen sei verbraucht und die noch zulässigen CO2-Emissionen in die Luft geblasen. Alles was bis zum Jahresende gegessen, verheizt, verbaut, verfüttert, verfeuert werde und als Kohlendioxyd in die Atmosphäre gelange, nage an der Substanz des schwer geplünderten Planeten.
Ein System wäre erforderlich, so der Autor, das jedem Bürger ein kontrollierbares CO2-Limit zuteile. Bei Überschreitung sanktionieren, bei Unterschreitung belohnen. Erst wenn es ans eigene Geld gehe, sei etwas zu bewegen. Nur an das Bewusstsein zu appellieren, das habe schon in der DDR nicht funktioniert.
Ein dramatischer Zustand sei erreicht, verursacht von einer Wohlstandsgesellschaft, die auf nichts verzichten möchte. Er stehe daher auf der Seite all jener, die es ernst meinen mit einem radikalen Umdenken.
Reduziert eure Lebensführung auf das zur Klimarettung notwendige Maß. Schlachtet sie endlich, die Heiligen Kühe und beginnt mit dem Reise-Weltmeister Deutschland.
Mit dem Flieger schnell einmal nach Teneriffa und das gerade noch vertretbare Jahres-Limit an CO2-Emissionen ist verbraucht. Dennoch heben während der Saison täglich hunderttausende Passagiere von deutschen Flughäfen ab. Holt die Flieger vom Himmel, die Kreuzfahrtschiffe vom Meer, beendet den Massentourismus, macht den Auslandurlaub wieder zu einer Ausnahme und haltet endlich einmal die Füße still.
Schlemmen und Erlebnis-Schoppen?
Eine Welt im Konsum-Rausch, getrieben von einer Werbe-Industrie, die immer neue »Bedürfnisse« weckt. Jugendliche, für die eine angesagte Markenkleidung und das neue Smartphon zum sinn- und identitätsstiftenden Statussymbol geworden sind. Niemand braucht jährlich fünfhundert neue Kleidungsstücke, die der Durchschnittsdeutsche glaubt, sich leisten zu müssen. Stoppt die Wegwerfgesellschaft, die Jahr um Jahr Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll wirft. Nehmt Abschied von Träumen und Plänen, bis zum Verzicht auf das Eigenheim im Grünen, mit der damit verbundenen Flächen- und Materialverschwendung für jeweils nur wenige Personen.
Fleiß, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein, Genügsamkeit und Sparsamkeit, Bescheidenheit und Disziplin. Tugenden, die von der Work-Generation der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland Ost und West gelebt wurden, haben ihren hohen Stellenwert anscheinend längst verloren.
Stattdessen etabliert sich eine Spaß- und Lifestyle-Gesellschaft, die vergnügungssüchtig immer gut drauf sein will. Mit Entertainment und Massen-Events, Open-Air-Veranstaltungen und Loveparaden, mit der Disko-, Bar- und Club-Szene, mit Fitness- und Tattoostudios. Systemrelevant sind sie alle nicht.
Je reicher der Bürger, um so größer sein persönlicher CO2-Fußabdruck. Das belegen Berechnungen, die unterdessen vorliegen. Danach emittiert ein einziger Milliardär mit seinem luxuriösen Lebensstil etwa so viel Treibhausgase wie eintausend Normalverbraucher. Eine weitere heilige Kuh, wie der Autor meint, bei der dringender Handlungsbedarf bestehe.
Den gibt es allerdings auch anderswo ...
Denn die deutsche Wirtschaft schlägt Alarm ...
Fehlende Arbeitskräfte. Fast zwei Millionen unbesetzte Stellen. In über siebzig Berufen wird Personal gesucht. 400.000 ausländische Zuwanderer wären erforderlich, um die Lücken zu schließen. Bei über zwei Millionen Arbeitslosen! Bringt diese Menschen wieder in Arbeit, fördert und fordert sie konsequent, qualifiziert sie ausreichend und bezahlt sie ordentlich.
Am dringendsten werden gut ausgebildete Fachkräfte gesucht. Hunderttausende fehlen. Jene, die bislang alles am laufen hielten, gehen aus Altersgründen in den Ruhestand. Wo bleibt der Nachwuchs, die jungen Frauen und Männer für das Handwerk und die Industrie?
Jugendliche, so heißt es, zeigen kaum Interesse an einer Tätigkeit im Blaumann. Sie möchten das Abitur machen, studieren und mehr Freizeit haben, um das Leben zu genießen. Die MINT-Fächer[1] sind daher weniger gefragt, Studienrichtungen, in denen kluge Reden gehalten werden, um so mehr.
Unternehmen klagen über Schulabgänger, die wegen fehlender Vor aussetzungen kaum in der Lage sind, eine Berufsausbildung aufzunehmen. Dazu Schul-, Ausbildungs-, Studium- und Berufs-Abbrecher. Zehntausende freie Lehrstellen und Jugendliche, die angeblich keine gefunden haben.
Wer trägt die Schuld an dieser fatalen Schieflage? Die lernunwilligen Schüler, Defizite im Bildungssystem oder das organisatorische Versagen der zuständigen Stellen?
Und der Bildungsweg sei zu lang! Absolventen von Hochschulen und Universitäten haben mitunter bereits das 30. Lebensjahr erreicht, wenn sie im Berufsleben ankommen. Wertvolle Jahre im besten Arbeitsalter sind verschenkt. Jahre, die am Ende des Arbeitslebens wieder anzuhängen sind, damit das Rentensystem nicht kollabiert. Beginnt also früher, um nicht mit »70« noch malochen zu müssen,
Die sogenannte Flüchtlingskrise ...
Wirtschaftsasylanten werden nicht hier, sondern in ihrer Heimat gebraucht. Schickt sie zurück, wie auch die Kriegsflüchtlinge, damit sie ihre zerstörten Länder wieder aufbauen können.
Erzählt ihnen von den Nachkriegsdeutschen, die nicht weggelaufen waren, sondern angepackt hatten. Jene aber, die wirklich Hilfe benötigen, sollten weder über das Mittelmeer noch andere gefährliche Routen in den Tod gelockt werden. Ihnen müsse man vor Ort helfen, ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Kriege und Umweltkatastrophen, Dürren, Überschwemmungen, Hungersnöte und Armut werden schon bald zu Flüchtlingsströmen nie gekannter Ausmaße führen. Auch aus Ländern, die ihre Bevölkerungsexplosionen nicht in den Griff bekommen.
Es gebe noch mehr Baustellen, meint der Autor.
Doch er höre sie schon, die empörten Reaktionen.
Unzumutbar, niemals machbar, der helle Wahnsinn!
Er würde sich freuen, wenn die Ahnungslosen Recht behielten. Doch welche Partei wird mit dem Blick auf die nächsten Wahlen zu den dringend notwendigen Maßnahmen bereit sein?
Das Gesundheits- und das Pflegesystem ...
Auch er, meint der Autor, wäre ein Betroffener. Zu völlig unnötigen, in der Abrechnung jedoch lukrativen Operationen gedrängt, habe er mit den dabei entstandenen, irreparablen Schäden nun bis zum Ende seiner Tage zu leben.
Arztpraxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen stehen unter ökonomischen Zwängen. Nicht selten sind sie bereits im Besitz von Finanz-Investoren, die bis zu 20 Prozent Rendite einfordern. Macht aus den Medizinern wieder Ärzte, die ihren Aufgaben nachgehen können, ohne ein Bilanzplus erwirtschaften zu müssen. Gesundheitswesen und Pflege dürfen nicht dem Regeln der Marktwirtschaft unterworfen werden, sie gehören im Interesse und zum Schutz der Betroffenen in staatliche Hand.
Kunst und Kultur ...
Deutschland, die erklärte Kulturnation, wird über die Medien mit Talk-Shows geflutet, mit Seifenopern, Schlager-, Comedy-, Koch- und Rate-Sendungen. Niemand kann die Krimis zählen, die Abend für Abend in die Wohnzimmer flimmern. Auf der Jagd nach Einschaltquoten mit Szenen, welche die dunkelsten Seiten der Zuschauer bedienen. Tagaus, tagein wird gemordet. Was hat das noch mit Kultur zu tun?
Dazu die cleveren Lebenskünstler, die ihre Hobbys zur Kunst erklären, Fördermittel einfordern und so als »Kulturschaffende« erfolgreich einer geregelten Tätigkeit aus dem Weg gehen.
Die junge Frau sieht den Autor empört an:
Wo aber bliebe dann die Freiheit, ein Grundrecht und somit ein hohes Gut? Oder wäre Freiheit lediglich die »Einsicht in die Notwendigkeit«, wie es einst in der DDR geheißen haben soll? In diesem Land, aus dem doch alle nur weg wollten?
Nun, stimmt der ehemalige Seemann seinem Gegenüber zu, wenn man sich die Berichterstattung von den Botschaftsbesetzungen in Prag und Warschau in Erinnerung rufe, oder die der Massenflucht über Ungarn, dann scheine es so gewesen zu sein.
Doch wollten wirklich alle weg?
Ende 1989 versuchten der SPIEGEL und das ZDF mit einer Umfrage in der Noch-DDR eine Antwort zu finden. Im Ergebnis hatten sich lediglich 27 Prozent der Ostdeutschen für den Anschluss an die Bundesrepublik ausgesprochen, 71 Prozent aber für eine souveräne DDR mit westlichem Wirtschaftskurs.
Unzufriedene, so der Autor weiter, die versuchten die Seiten zu wechseln, gab es allerdings mehr als genug. Über die Mauer oder minengesicherte Grenzzäune, durch gegrabene Tunnel oder über die Ostsee. Unter Einsatz des Lebens und das ihrer Familien. Um ins gelobte Land zu gelangen, das sie gut genug aus dessen Fernsehen zu kennen glaubten.
Sie fühlten sich eingesperrt, forderten Reise-, Rede- und weitere Freiheiten. Dabei liege die Vermutung nahe, dass es viele, die das Land verlassen wollten, doch eher zur D-Mark zog. Auch wenn sie das, früher wie heute, entrüstet und vehement zurückweisen. Nur wenige geben es offen zu.
Wie jener LPG-Bauer, dem mit der Familie auf einem Traktor der gewaltsame Grenzdurchbruch gelungen war. In Westberlin glücklich angekommen und von einem SFB-Reporter nach dem Gründen der Flucht befragt, gab er eine unerwartete Antwort:
Der West-Schwager sei zu Besuch gewesen und habe von seinen Neuanschaffungen erzählt. Auto, Farbfernseher und eine neue Waschmaschine. Das hätte er auch alles haben wollen.
Der Jahrestag des Mauerbaus ...! Feierstunden und Gedenken an die Mauer toten. Die Medien berichten ausführlich. Zeitzeugen erzählen Geschichten von Flucht und Fluchtversuchen. Er selbst, so erinnert sich der Autor, hätte am 13. August 1961 auf der Heimreise mit seinem Schiff im Nordostsee-Kanal festgemacht und die sonst nur wenig genutzte Besucher-Terrasse der Schleuse Brunsbüttel habe voller winkender Menschen gestanden. Sprechchöre hätten vor aufgebauten Kameras skandiert:
»Bleibt hier Jungs, fahrt nicht zurück hinters Stacheldraht! «
Und die Crew wäre vollzählig in Rostock angekommen. [2]
Auch er hätte die DDR verlassen können, jederzeit und völlig gefahrlos. Lukrative Angebote habe es immer wieder gegeben, offizielle wie inoffizielle. In Rotterdam, Hamburg, Bordeaux, im Nigerdelta und anderswo. Warum folgte er ihnen nicht?
Nur um die Familie, Freunde und die Heimat wiederzusehen?
Oder hatte er sich eingerichtet in diesem Land?
Überzeugt von der Sache, angepasst, notgedrungen oder warm auch immer? Vielleicht, meint der Autor, wäre er mit offenen Augen in der Welt unterwegs gewesen.
Die nächste Frage steht im Raum.
Wer durfte in der DDR eigentlich studieren und wer nicht?
Sie habe gehört, so die junge Frau, dass dieses Privileg nur jenen vorbehalten gewesen wäre, die sich zu Partei und Regierung bekannten oder aus einem »klassenbewussten« Elternhaus kamen. Andere Bewerber hätten kaum eine Chance gehabt.
Wenn das zuträfe, so der Gefragte, dann müssten etliche der heutigen DDR-Kritiker während ihrer Jahre in der kleineren deutschen Republik zu hundert Prozent systemkonform auf der Linie der Partei gewesen sein, da sie studieren durften.
Andere argumentieren allerdings auch, dass die DDR immer ein Land der Kriecher, Heuchler und Duckmäuser gewesen wäre. Sie meinen damit die Cleveren, die den Staat, in dem sie lebten, eigentlich strikt ablehnten, sich offiziell jedoch zu ihm bekannten. So angepasst durften sie ihr Abitur machen und studieren. Der Karriere wegen übten sie danach weiterhin den Kniefall vor dem Marxismus-Leninismus. Als das Land kippte, nahmen sie an den Runden Tischen Platz und riefen nach der kritischen Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit.
Nicht alle, aber auch nicht wenige. Er habe nicht dazu gezählt. Obgleich er die Grundschule mit Auszeichnungen beenden konnte, blieben ihm der Besuch der Oberschule, das Abitur und ein anschließendes Studium versagt. Stattdessen landete er mit dreizehn Jahren in einer Waggonfabrik. Bei Arbeiten, an denen Strafgefangene zerbrachen, wie offizielle Nachwende-Recherchen der einstigen DDR-Reichsbahn belegen.
Danach räumte er auf der Ostsee Weltkriegs-Minen.
Der Besuch einer Ingenieurschule gelang ihm erst spät. Für einen Achtklassen-Schüler kein Spaziergang und dennoch mit Erfolg. In der Abschluss-Beurteilung bekam er es schwarz auf weiß. Seine Leistungen und Charaktereigenschaften, so hieß es da, hätten ihn zum besten Studenten gemacht.
Es folgten die für ihn wichtigsten Jahre des Lebens.
Auf Schiffen aus Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, der Bundesrepublik, der Sowjetunion und der DDR. Im Fahrtgebiet Europa lernte er auf den Zweiwachenschiffen die reguläre 84-Stunden-Woche (!) kennen, in der Großen Fahrt die monatelange Trennung von der Familie. Er war noch keine »30«, als er in der Bordhierarchie ganz oben ankam.
Als Leitender Ingenieur auf einem Ostafrika-Schiff.
Mitglied der SED wurde er erst viele Jahre später.
Man stellte ihm ein Ultimatum. Entweder — oder!
Er habe an seine Mutter denken müssen. Ihr wäre es ähnlich ergangen. Als Tochter eines angeblichen Nazi -Aktivisten hatte ihr die Obrigkeit 1949 mit dem Verlust von Arbeitsstelle und Wohnung gedroht. Es sei denn, sie bitte um Aufnahme in die Partei der Arbeiterklasse. Alleinstehend mit zwei Halbwaisen akzeptierte sie und habe den Schritt nie bereut. Glaubte sie doch schon bald, auf der richtigen Seite zu stehen.
So trat auch er, wie von ihm verlangt, aus der Kirche aus und in die SED ein. Wie er sich erinnere, mit einem geflügelten Wort im Hinterkopf, das nicht nur in Parteikreisen zirkulierte.
»Der liebe Gott verlässt keinen aufrechten Kommunisten! «
Die Empörung der jungen Frau ist nicht zu überhören:
»In diesem Unrechtsstaat! «
Nun ja, meint er, auch ihm wären wiederholt Zweifel gekommen. Als die Großeltern enteignet wurden etwa, oder als man ihn mit einem Berufsverbot in die Enge trieb. Mitunter, so vermute er, machten Mitarbeiter der »zuständigen Organe« der DDR gelegentlich auch aus niederen Beweggründen aus Recht Unrecht. Doch das gebe es anderswo ebenfalls. Recht haben ist die eine Sache, Recht bekommen die andere.
Nun räume er das Leben auf und, blicke zurück auf Zeiten voller Höhen und Tiefen, ständigem Lernen und dem mehrfachen Neustart bei null. Wie etwa beim erwähnten Berufsverbot 1981. Dieses Mal nicht auf See, sondern an Land. Notgedrungen und mit halbiertem Gehalt! Doch bald ging es wieder aufwärts.
Für sichere Schifffahrt auf sauberen Meeren!
Auf einem Gebiet, das international schnell an Bedeutung gewann, übernahm er neue Aufgaben. Mit Freude und Engagement, nicht selten aber auch im Kampf mit den Schreibtischtätern der Ministerien, Behörden und Aufsichts-Organen.
Schließlich das Wunder der Deutschen Einheit.
Aus dem bisherigen Havarieinspektor wurde der bestellte Beauftragte des Unternehmens. Rehabilitierung und neue berufliche Erfolge. Neben seiner eigentlichen Tätigkeit sprach er, immer öfter eingeladen, auf Fachkonferenzen, Tagungen und Kolloquien, hielt an der Hochschule für Seefahrt Vorlesungen, betreute ausgesuchte Studenten, auch einige der Universität Rostock. Lukrative Lehraufträge von Bildungseinrichtungen aus den alten Bundesländern folgten und Verträge mit dem Direktor eines Wissenschaftlich-technischen Zentrums zur Programmierung von EDV-Anwendungen.
Einige Aktivitäten führte er im »unruhigen Ruhestand« weiter. Nun aber wäre die Zeit gekommen, in der er völlig entspannt nur noch dicke Bücher schreibe. Fachliteratur und anderes. Unter seinem Namen oder einem Pseudonym, um Lesungen in Buchhandlungen und ähnlichen »verkaufsfördernden« Maßnahmen aus dem Weg zu gehen..
Das Abitur, dem er einst hinterher getrauert hätte, habe er nie gebraucht. Ohnehin beobachte er unterdessen, dass die »Reifeprüfung« für etliche Jugendliche und deren Eltern immer häufiger zur Imagepflege werde, wie so mancher fragwürdige Doktortitel auch. Das wüssten unterdessen selbst jene, die aus ihrem Abiturwissen nie etwas machen konnten und längst mit völlig anderen Tätigkeiten in der Arbeitswelt unterwegs sind.
Er hatte es bereits geahnt ...
Wie stehe er, auf seine russischen Jahre zurückblickend, zum heutigen Russland, von dem abermals Gefahr ausgehe?
Auch darüber möchte die junge Frau Klarheit haben.
Es wäre ein langer Weg gewesen, meint der Autor.
Erziehung an einer NS-Musterschule. Hart wie Kruppstahl sollte er werden, zäh wie Leder und so weiter. Die großen Jungen von nebenan und gegenüber hohe HJ-Führer, sein bester Freund ein schneidiger Hitlerjunge. Der geliebte Großvater mit dem Parteiabzeichen am Sonntagsanzug. Im elterlichen Wohnzimmer das gerahmte Bild des »Führers« an der Wand. Daneben, ebenfalls unter Glas, das vergrößerte Pressefoto einer Leipziger Tageszeitung. Jubelnde Menschen, Fahnen und Girlanden, ein Blumenteppich unter den Hufen der Pferde und im Vordergrund der Vater, hoch zu Ross, an der Spitze seiner Einheit bei der Rückkehr aus dem besiegten Frankreich.
Im Radio mit der leuchtenden Skala, dem magischen Auge und französischen Stationen, die Ringsendungen des Großdeutschen Rundfunks. Grüße für die Soldaten an der fernen Front.
Vom Nordkap bis Afrika, vom Atlantik bis an die Wolga.
Im Kino die Deutsche Wochenschau, Führers Geburtstag und das Winterhilfswerk. In den Schulbüchern Hakenkreuzgeschichten und auf Plakaten an den Litfaßsäulen die Russen. Untermenschen mit asiatischen Schlitzaugen, heimtückisch und zähnefletschend, das bluttriefende Messer in der Hand.
Das wäre die Umgebung gewesen, die seine frühe Kindheit prägte. Doch dann wendete sich das Blatt. Die Wehrmacht auf dem Rückzug. Nächte im Luftschutzkeller, auch am 4. Dezember 1943, beim schwersten Luftangriff des Krieges auf die Reichsmessestadt Leipzig. Und eines Tages die schlimme Nachricht: Der Vater an der Ostfront vermisst.
Thüringen im April 1945. Bomben und schweres Artilleriefeuer. Der Volkssturm, alte Männer, Hitlerjungen und die 16-jährigen Schüler einer Luftwaffen-Musikschule verteidigten die zur Festung erklärte kleine Stadt. Am nächsten Tag rollten die Panzer mit dem weißen Stern durch die engen Straßen. Im örtlichen Krankenhaus übergab der Lazarettchef mit ordnungsgemäßem Hitlergruß vierhundert Verwundete an die Amerikaner. Der Krieg war vorbei.
Im Juni wechselte die Besatzungsmacht.
Die Amis gingen und die Russkis kamen.
Es folgten Jahre in einem, vom gehassten »Iwan« besetzten, in Trümmern liegenden und von hohen Reparationsforderungen gebeuteltem Land, das ohne Marshallplan-Hilfe und Care-Pakete versuchen musste, wieder auf die Beine zu kommen[3].
1948 die Enteignung unter Berufung auf den Befehl Nr. 124 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militär-Ad ministration. Der tägliche Hunger, als Lebensmittelkarte die »Friedhofskarte. Zum leben zu wenig, zum sterben zu viel. Fünf Jahre später die Tage um den 17. Juni: Die Belegschaft im Streik, das Werk von sowjetischen Panzern umstellt und er mitten drin.
Die Vorbehalte gegen die Russen hielten sich lange. Auch noch, als er bei der Seefahrt das »Land Lenins« direkt kennenlernte. Doch dann lenkte das Schicksal das Leben in neue Bahnen. Es begannen seine »russischen Jahre« ...
Und wie blicke er auf die Vereinigten Staaten?
Auch das möchte die junge Frau noch wissen.
Die war, ist und bleibe ebenfalls ambivalent, meint der Gefragte nachdenklich. Anfangs wäre es der Hass auf die Bomberpiloten gewesen, die Tag für Tag und Nacht für Nacht Feuer, Zerstörung und den Tod brachten. Dann aber hätte ihn ein gewisser Karl May aus dem sächsischen Radebeul in die Weiten der nordamerikanischen Prärie entführt.
Schließlich wurden die USA auch für ihn zu »einem Land, das ferne leuchtete«. Der »american Way of Life«. Jerry Cotten, Elvis Presley und die vielen anderen Idole der Nachkriegs-Deutschen. Auch er blieb nicht frei vom bedenklichen Trend und trug, wie die Mehrzahl seiner seefahrenden Kollegen, anstatt der Uniform der eigenen Reederei, das vom Schiffshändler Van Hulle in Antwerpen beschaffte Khaki- Päckchen CAPTAIN. Und das unterschied sich kaum von einer US-amerikanischen GI-Uniform.
Die schrittweise Ernüchterung begann mit der Cuba-Krise, die er als Erster Ingenieur auf einem Zehntausentonnen-Frachter während der US-Blockade am Rande des Dritten Weltkrieges hautnah miterlebte.
Dennoch habe er sich die Hoffnung auf das »andere« Amerika bewahrt. Auf die Bürgerrechts- und Friedensbewegung mit ihren populären Sängern. Vielleicht auch wegen Präsidentschaftskandidaten wie Al Gore und Bernie Sanders. Oder aber, wenn man so will, mit viel Sympathie für die vielen Doug und Carrie Heffernans in diesem tief gespaltenen Land.
Dann herrscht Schweigen.
Gehen seiner Gesprächspartnerin etwa die Fragen aus?
Wohl kaum. Leise hört er sie sagen:
»Langsam beginne ich, Dich zu verstehen. Du musst mir noch viel erklären. «
Und nach einer kleinen Pause fügt sie ebenso leise hinzu: »Ich danke Dir, dass ich Dich kennenlernen durfte ...! «
Der jungen Frau wird dem Leser noch einmal begegnen. Im Nachwort mit einem verblüffenden Urteil über den Autor und seine Bücher.
Genug der Vorrede.
Wenden wir uns nun noch einmal der eigentlichen Erzählung zu. Für Leser, die neu sind, zunächst eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Geschehens ...
Die Russischen Jahre
Ein Totgesagter ist zurück
Zum Inhalt des Ersten Buches — 1960 bis 1969
Dunkelheit liegt über der nordrussischen Taiga. Ein Zehntausendtonnen-Schiff nähert sich seinem Bestimmungshafen. Zwischen treibenden Eisfeldern dampft es auf der Nördlichen Dwina langsam stromaufwärts. Die wenigen Männer an Deck blicken verdrossen in die Nacht. Das, so meinen sie, wäre das Ende der Welt. Finsternis liegt auch über den armseligen, im Schnee versinkenden Holzhäusern, in deren Nähe das Schiff festmacht. Wer wird hier schon an Land gehen wollen?
Letztendlich ist es jedoch die Langeweile, die ein paar Seeleute in den örtlichen Seemanns-Club treibt. Mit wenig Hoffnung und ohne große Erwartungen. Man wird sich abermals mit Wodka abfüllen und am nächsten Morgen wieder die Tage zählen, die bis zur Rückkehr in die Zivilisation noch vergehen werden. Doch es gibt Ausnahmen.
Peter, ein Ingenieur des Schiffes, begegnet im Club der Studentin Irina. Einer russischen Schönheit, wie er spottet, mit der man ein paar vergnügliche Stunden verbringen könnte, um sie dann bald wieder zu vergessen. Dass er in Rostock verheiratet ist, erklärt er seinen Freunden, brauche sie ja nicht unbedingt zu erfahren. Aus dem kleinen Flirt wird jedoch mehr. Oder ist es die große Liebe, die mit der beginnenden Polarnacht wie ein Naturereignis über sie hereinbricht? Die Tage vergehen immer schneller. Der letzte Abend, die erste Nacht und das Versprechen:
»Ich komme wieder ...!«
Doch wann und wie? Sein Schiff ist weltweit unterwegs und als Tourist in eine ab geschirmte Region der Sowjetunion einreisen zu wollen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Wozu auch, denkt Peter enttäuscht, denn eine Antwort auf seine Briefe hat er von Irina nie erhalten. Unterdessen geschieden hat er Eva kennengelernt, eine junge Berlinerin, die ihm ohnehin kaum Zeit lässt, dem russischen Norden nachzutrauern. Träumt sie doch von einer gemeinsamen Zukunft mit ihrem Seemann. Mit den besten Aussichten, wie es scheint.
Doch dann geschieht das Unerwartete. Es gibt ein Wiedersehen am Weißen Meer und Peter steht erschüttert vor einer sichtlich gezeichneten jungen Frau. Irina ist aus einem der gefürchteten Arbeitslager zurückgekehrt, in das sie nach seiner Ab reise gebracht worden war — wegen verbotener »Ausländerfreundschaft«, wegen ihrer Liebe zu ihm.
Ein einflussreicher Freund der Familie, so ihre Schwester Larissa zu Peter, habe Irina heiraten wollen und damit vor alledem bewahrt. Doch sie hätte abgelehnt. Lara ist immer noch fassungslos: »Sie hatte versprochen auf Dich zu warten und ist dafür durch die Hölle gegangen. Wir haben es nicht glauben können. Warten auf einen Deutschen, der sich kaum noch einmal blicken lassen würde ...! «
Nun aber, nach dem Wiedersehen, wollen beide einen neuen Anfang versuchen. Und der beginnt für Peter mit einem Doppelleben zwischen zwei Frauen, zwischen Ostsee und Weißem Meer. Sein Schiff nimmt in den folgenden Jahren ungezählte Male Kurs auf die Nördliche Dwina. Grenzenlose Weite und unberührte Natur, Polarlicht und Weiße Nächte, Theater- und Konzertbesuche, die Märchen-Insel Kishi. Peter lernt den Hohen Norden lieben, gleichzeitig aber auch den schweren Alltag kennen, der das Leben der Menschen am Polarkreis bestimmt. Irgendwann erfährt er vom Archipel Solowezki, dem nahen GULAG. Sieht er nun endlich auch die andere, die dunkle Seite des Landes?
Seine eigenen Probleme, meint er, wären groß genug. Sind doch alle Bemühungen, sich von Eva zu trennen, bisher gescheitert. Die Kollegen sehen eher das Positive an der Situation. Für einen Seemann sei eine solche Konstellation geradezu optimal. Peter weiß es zwar besser, führt aber weiterhin ein Doppelleben und lässt sich lieber vom schlechten Gewissen plagen. Der Trost, dass beide Frauen voneinander wüssten, er also mit offenen Karten spiele, ändert daran wenig.
An Bord seines Schiffes pflegt man unterdessen mit Hingabe den geliebten Kleinkrieg zwischen dem Decks- und dem Maschinenpersonal. Harte Arbeit und tolle Bordfeste wechseln in schöner Regelmäßigkeit und Peter lächelt über Evas düstere Prophezeiungen, sein Schiff würde am Nordkap untergehen, falls er sie in Archangelsk betrügen sollte. Niemand ahnt, dass die SEEBURG eines Tages tatsächlich in Seenot geraten, kentern und sinken wird.
Doch zunächst drohen Gefahren von anderer Seite. Seine Beziehung zu Irina wird an der Dwina längst wieder mit Argwohn beobachtet. Im Bereich der Landesverteidigung, in dem ihre Mutter Verantwortung trägt, gilt das Verhältnis der Tochter zu einem Ausländer als ein zu hohes Sicherheitsrisiko. Auf diesem Gebiet, so heißt es, verstehe man im »Lande Lenins« keinen Spaß. Als gezielte Intrigen erfolglos bleiben, wird amtlicherseits eingegriffen und die Eheschließung des deutsch- sowjetischen Paares in letzter Minute verhindert.
Sind damit alle Hoffnungen gestorben?
Bei Peter offenbar schon. Er sieht keinen Ausweg mehr und resigniert. Nach Rostock zurückgekehrt, gibt er dem massiven Drängen Evas nach und heiratet sie. Exakt so, wie es ihm eine alte Zigeunerin vorausgesagt hatte.
Damals, in jener traumhaft schönen, taghellen Sommernacht am Ufer der langsam dahin treibenden Dwina ...
Die Russischen Jahre Der blauen Sterne Flug Zum Inhalt des Zweiten Buches — 1970 bis 1978
Riga im Frühjahr 1970.
Die Stunde der Trennung ist gekommen.
Verzweifelt versuchen Irina und Peter, einen Schluss strich zu ziehen. Vergeblich, wie sie schließlich begreifen. Zumal für sein Schiff in der Sowjetunion eine mehrmonatige Reparaturzeit beginnt und sie noch einmal auf einen gemeinsamen Sommer hoffen können.
Auf Betreiben einer Dolmetscherin wird Irina der Aufenthalt in der Werftstadt jedoch untersagt und so fliehen beide nach Jurmala zu Irinas Tante Sorja. Auf deren abgelegener Datsche sind sie anfangs allein und es erscheint ihnen wie im Paradies. Dann aber beginnen wilde Wodka-Nächte mit Onkel Anatoli und die Nichte ergreift mit ihrem überforder ten Seemann noch einmal die Flucht.
Und die führt sie weit.
Zunächst zu ihrer Freundin Nadja in die Berge des Urals, dann zur Wolga und schließlich nach Moskau. Als Peter auf sein Schiff zurückkehrt, kann er gerade noch eine Katastrophe verhindern. Er gerät darüber mit der Werft-Leitung in Konflikt, sodass diese in Berlin und Rostock seine Ablösung betreibt. Erst ein Unglück bringt die Rettung. Die von ihm vorausgesagte, schwere Havarie auf einem anderen Reparaturschiff rehabilitiert den deutschen Chief.
Das alte Petersburg, Russlands Glanz und Gloria.
Immer öfter treffen sie sich nun in Leningrad. In Anbetracht des überwältigenden Musik- und Theaterangebotes beendet Peter sein »kulturloses Leben«, das nach Meinung Irinas bislang vor allem aus Schiffen und Maschinen bestanden habe.
Er trifft in dieser Stadt aber auch Überlebende der deutschen Blockade; erfährt, was Gastfreundschaft hierzulande bedeutet und begegnet der rätselhaften Vika, einer Studentin, die mit ihm und dem Feuer spielt.
Alye Parusa — das purpurrote Segel ...!
Gemeinsam mit ausgelassenen Schulabgängern und den Absolventen der Leningrader Hochschulen und Universitäten feiern sie am Newa-Ufer die Weißen Nächte. Auch den Jahreswechsel begehen beide noch voller Hoffnungen.
Doch die Zukunft bleibt ungewiss.
Das Damoklesschwert der Repressalien schwebt weiter über ihnen. In diesem Land, gegen das sein Vater während des Krieges erbittert gekämpft hatte und auf dessen Spuren er wiederholt stößt, ohne es auch nur zu ahnen.
Es bleiben die Wochen in einer einsamen Waldsiedlung, weitab vom Trubel der großen Städte. Hier erleben sie noch einmal ein sommerliches Taigamärchen und, wenige Monate später, eines im Schnee versunkenen. Sie können nicht wissen, dass es ihre letzten Tage sind.
Dann ist alles zu Ende.
Hat man Irina abermals in ein Lager gebracht? Peter steht vor einem Rätsel und einer Mauer des Schweigens ... [4]
[1] Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik
[2] Ein Erklärungsversuch siehe Seite 266
[3] Während die Westalliierten in ihren Zonen bald auf Reparationen verzichteten, mussten SBZ und DDR für die gesamten Reparationsforderungen der UdSSR allein aufkommen. Das eigentliche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit dürfte also nicht im Weste sondern im Osten Deutschlands stattgefunden haben. Die Stalin-Note von 1948 zur Einheit eines neutralen Deutschlands lehnte Bundeskanzler Adenauer strikt ab: »Lieber ein halbes Deutschland ganz, als ein ganzes Deutschland halb ... «
[4] Weitere, detaillierte Angaben zum Inhalt der vorausgegangenen Bände 1 und 2 findet der Leser ab Seite 281
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1. Es ist vorbei Mütterchen Russlands zweites Gesicht
2. Das Herbsttraumwalzer-Lied Auf einem Polarfrachter
3. Berufsverbot Abschied von Flaggen hoch im Wind
4. Rückkehr in eine andere Welt Wieder im »normalen« Leben
5. Die Jahre danach Trenne Dich nie von Deinen Illusionen
Vor dem Hintergrund wahrer Begebenheiten wird abermals eine fiktive Geschichte erzählt. Die Namen der Personen, der Straßen und Schiffe sind geändert oder aber erfunden, wie anderes auch. Zum Schutz der Privatsphäre der einst Dabeigewesenen.
Voreilige Schlüsse sollten dennoch nicht gezogen werden. Gerade die Episoden, von denen der Leser zu glauben meint, dass sie aufgrund ihrer offenkundigen Fragwürdigkeit erfunden sein müssten, sind jene die das wirkliche Leben geschrieben hat.
Mütterchen Russlands zweites Gesicht
Frauen im Straßenbau, Männer am Bierkiosk Mit schlechter Laune und »Rubelharfe« Schlangestehen — ein Drittel des Lebens Die Privilegien der Helden Beschaffungskanäle — ein russisches Rätsel Kulturschock Stolowaja »Wypit na troich« — saufen zu dritt Überall können Spione lauern, das weiß doch jedes Kind ...
Auf Dauer, so hatte Irina es Peter einmal zu erklären versucht, wäre für ihn ein Leben in der UdSSR vermutlich unmöglich. Damals hatte er nicht begriffen, oder nicht begreifen wollen, was sie damit meinte. Erst jetzt, Jahre später, beginnt er langsam zu verstehen. Dieses Land, er hatte es in all den Jahren viel zu oft mit unkritischem, manchmal sogar verklärtem Blick wahrgenommen. Wer wollte es ihm verdenken, fragt er sich nun, mit einer jungen Frau wie Irina an seiner Seite?
Die Kollegen sahen es offenbar realistischer, wenn sie meinten: Landgang in Russland, muss das sein? Warum sollten sie hier das Schiff verlassen? Um in dieser tristen Einöde herumzuirren? Man wäre schließlich an glitzernde Einkaufsparadiese und die bunte Vielfalt westlicher Hafenstädte gewöhnt.
Hier aber, bei den Russen?
Landgang in der Taiga — nein danke!
Nun sieht er es nicht viel anders. Jene Seeleute, die versuchen, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen, trotz alledem an Land gehen und in die Stadt fahren wollen, haben Mühe ihren Chief zu überreden, endlich wieder einmal mitzukommen. Eventuell könnte es doch ganz lustig werden. Zunächst würde man einen kleinen Bummel machen und sich dann, wie üblich, einen Drink im Internationalen Seemannsclub genehmigen.
Oder dort sogar ein Tänzchen wagen?
So ist das auch heute gewesen. Das Schiff hat nach langer Zeit wieder einmal in einem sowjetischen Hafen festgemacht und Peter sich beschwatzen lassen. Nun ist er mit seinen Kameraden unterwegs. Mehr notgedrungen, wie er meint.
Mit skeptischen Blicken betrachtet er die Gegend. Vernachlässigung und Dreck, wohin man blickt. Dass ihm das früher nie so aufgefallen war!? Nun bereut er schon, dass er sich zu diesem Landgang hat überreden lassen.
Die ersten Schritte führen die Seeleute durch die hafennahen Vorortsiedlungen. Deren »Straßen« tragen Namen wie Sowjetskaja und Proletarskaja und lassen keine Freude aufkommen. Reste von schadhaften Zäunen, krumme Strommasten, sich zur Seite neigende Holzhäuser und baufällige Schuppen.
Alles ist schief, alles grau, alles total deprimierend in den Augen der Deutschen. Man ist unterwegs auf unbefestigten Fahrbahnen und Fußwegen, die aus Brettern, Balkenresten und abgrundtiefen Löchern bestehen. Niemand kümmert es, keine Hand rührt sich. Abfallhaufen vor den teilweise verfallenen, manchmal schon modernden Häusern. Es ist ein trauriges Bild, das die Seeleute entsprechend kommentieren.
Die öffentlichen Verkehrsmittel sind vorsintflutlich und überfüllt. Dass sie überhaupt noch rollen, grenzt an Wunder. Busse und Bahnen, die meisten Fahrzeuge, die auf Straße und Schiene unterwegs sind, zeigen überdeutliche Spuren von Verschleiß und Karambolagen. Die Technik ist, man kann es sehen und hören, schrottreif. Allerorts wird auf primitive Weise improvisiert.
Wie kommen die »Freunde« bei solchen Zuständen nur im Weltraum klar? Das fragen sich die Seeleute nicht zum ersten Mal und drängen in die überfüllte Tram. Ohne massiven, körperlichen Einsatz, das wissen sie aus leidvoller Erfahrung, haben sie keine Chance mitzukommen.
Auch in der sowjetischen Provinz fährt man seit einiger Zeit »Net Konduktor«, also schaffnerlos. Lästernd beobachten die Landgänger, wie die Fahrschein-Box zu bedienen ist. Der »Avtomat« besteht aus einer schlichten Holzkiste. Die Seeleute sind es gewohnt und machen auch an diesem Tag ihre Witze darüber:
Einem bekannten Helden der Arbeit, dem Verdienten Schlosser des Volkes Iwan Iwanowitsch Lokomofeilow, soll es gelungen sein, aus einem großen Stück Eisen eine Lokomotive zu feilen! Die Deutschen lachen, die Russen in der überfüllten Bahn sehen, wie immer, mürrisch drein. Was auch sonst. Die Seeleute lösen ihre Bilety, denn Kontrollen finden häufig statt. Obgleich es kaum Schwarzfahrer geben soll. Wozu auch? Der Fahrpreis ist mit drei Kopeken extrem niedrig. Jechat saizem — als Hase fahren, wie das schwarz fahren hier heißt, lohnt also kaum.
Draußen ziehen unterdessen trostlose Neubauviertel vorüber. Eintönig graue, fantasielose und unverputzte Wohnblöcke, denen man schon aus der Entfernung alle Arten von Mängeln ansieht. Dazwischen liegen Freiflächen, die Müllhalden oder verwildertem Ödland gleichen. Ein ähnliches Bild bietet sich den Seeleuten auch im Zentrum der Stadt. Massive, gewaltige Gebäude zwar hier und da, doch der Putz bröckelt von den Fassaden. Die Höfe und Durchgänge haben das Aussehen von dunklen Schluchten. Auch die meist gardinenlosen Fenster machen keinen einladenden Eindruck und die Hauseingänge gleichen finsteren Höhlen. Hier möchte man nicht begraben sein.
Unmittelbar, nachdem die Landgänger die Tramway verlassen haben, passieren sie eine Baustelle. Vermummte Gestalten versuchen mit primitiven Werkzeugen und großem Aufwand Straßenschäden zu reparieren. Es sind, wie man sieht, körperlich schwere Arbeiten, daher ist auch kein Mann zu sehen. Hier schuften ausschließlich Frauen mit Schaufel, Spitzhacke und Brechstange, und zwar an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.
Die Seeleute gehen vorüber, die Situation ist keineswegs neu für sie. Seinen Augen hatte Peter unlängst nicht trauen wollen, als er mit ansehen musste, wie mehrere alte Mütterchen mit gebeugtem Rücken schwere Eisenbahn-Schwellen schleppten, weil die dazu eingeteilten Männer, stockbesoffen, dazu nicht mehr in der Lage waren. Frauen in diesem Land, so stellt er wieder einmal fest, kann man überall dort antreffen, wo besonders schwere und dreckige Arbeiten zu verrichten sind.
Die Männer sind davon wenig beeindruckt, sie kippen Bier, Wein und Wodka in sich hinein. Und das in russischen Dimensionen. So auch hier. Unweit der Straßenbaustelle steht ein desolater Kiosk. Am Ausschank lungern bezechte und lärmende Trinker. Ohne Ausnahme sind es kräftige Gestalten im besten, arbeitsfähigen Alter, die auch an diesem Getränkestand davon überzeugt sind, dass Bier ohne Wodka sinnlos hinausgeworfenes Geld ist. Hinter der Bretterbude ist das Ergebnis zu besichtigen. Da liegen die Männer, denen Jorsch, so heißt das mit Wodka angereicherte Bier, bereits die Beine weggehauen hat.
Peter denkt an eine Erklärung, die er gehört hatte, als er mit einem russischen Bekannten am Fuße eines jener Denkmäler stand, die in diesem Land zu Abertausenden an den Staatsgründer erinnern. Meist steht der Große Lenin auf einem hohen Sockel und weist mit kühnem, visionären Blick und ausgestrecktem Arm in die Ferne. Doch Wladimir Iljitsch soll, dem Deutschen war es lachend erläutert worden, mit dieser eindrucksvollen Pose nicht etwa die Richtung zur leuchtenden, kommunistischen Zukunft des Sowjetlandes weisen, sondern den Weg zum nächsten Bierkiosk. So ist das eben. Langeweile wird prinzipiell mit Alkohol bekämpft. Geht es darum, die Zeit totzuschlagen, gilt eine oft gehörte Floskel:
What can I do? — wodku naidu!
Was kann ich tun? — Wodka werde ich finden!
Ein volltrunkener Recke stolpert die Straße entlang. Peter und seine Kollegen beobachten mit Interesse die verzweifelten Bemühungen des Mannes, senkrecht zu bleiben. Die Seeleute sind gewiss keine Antialkoholiker, doch was sie hier sehen, beeindruckt sie schon. Die Versuche des angeschlagenen Russen, die Balance zu halten, sind indessen aussichtslos. Noch ein paar torkelnde Schritte, dann kommt der längst fällige, von allen erwartete Sturz. Und zwar in voller Länge, frontal auf die Straße. Der Bezechte versucht erst gar nicht, den freien Fall mit den Armen abzufangen. Er sieht offenbar keine Veranlassung, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, und so knallt sein Gesicht mit voller Wucht auf den Beton der Straße. Die Funken der glimmenden Papyros stieben nach allen Seiten. Ein letztes Aufbäumen, ein schwer verständlicher Fluch, dann ist Ruhe. Ein Betrunkener mehr liegt auf dem belebten Gehsteig.
Alles ist normalny. Schnapsleichen gehören auch am Vormittag zum sowjetischen Straßenbild. Man schlägt einen Bogen um sie. Nur bei gut gekleideten Personen, die sich in der Gosse wälzen, wird eventuell eine Ausnahme gemacht und Hilfe geleistet. Das ist hier nicht der Fall, denn der gefällte Recke trägt ölverschmierte Arbeitskleidung, und so eilen die Passanten unbeteiligt weiter. Unter dem Kopf des Mannes sickert dunkelrotes Blut hervor ...
An der nächsten Kreuzung tobt das Chaos. Es ist »tschasy pik«, Hauptverkehrszeit. Personen- und Lastkraftwagen rasen über die katastrophale Fahrbahn. Mit atemberaubendem Tempo geht es über frei liegende, scharfkantige Straßenbahnschienen, vorbei an tiefen, ungesicherten Schlaglöchern, kaum abgedeckten Gullys und Kanaldeckeln, die bis zu einem halben Meter aus der Straßendecke ragen. Verkehrsregeln werden grundsätzlich nicht beachtet. Etwas anderes haben die Deutschen auch kaum erwartet und sind dennoch irritiert, als sie am Straßenrand stehend, einen heran rasenden LKW vorbei lassen wollen. Sie sehen den wütenden Blick des Fahrers, hören seinen martialischen Fluch und lernen. Mit gegenseitiger Rücksichtnahme erntet man nicht etwa Dankbarkeit, sondern schlimme Worte.
Sie störten, so wird es ihnen später erklärt, mit einem solchen Verhalten den normalen Betrieb. Und der wird durch das Recht des Stärkeren bestimmt. Man fährt, bei Ampel-Rot und unbeleuchtet, in die falsche Richtung oder direkt auf die Fußgänger zu. Die verhalten sich jedoch ebenso entgegen aller Vernunft. Von den Milizionären der Verkehrspolizei GAI ist keiner zu sehen. Wozu auch, sie werden ohnehin nicht respektiert.
Die Seeleute sind ratlos, denn sie wissen, die Russen haben zu den Regeln des Straßenverkehrs eher ein lockeres Verhältnis. Zebrastreifen wären, wie der Name schon sagt, nur für Zebras da. Bei innerorts erlaubten 60 Stundenkilometern werden 80 gefahren, 100 ist keine Seltenheit. Moskau, so hört Peter, sei die einzige Stadt der Welt, in der man, bei zulässigen 80, mit Tempo 180 auf der Gegenfahrbahn fahrend, noch von hinten gerammt werden könne. Wie sollen sie unbeschadet über diese Kreuzung kommen? Dann schließen sich die Seeleute einer größeren Menschenmenge an, die bei Rot die Straße überquert. Exakt nach dem ungeschriebenen Gesetz, das landesweit im Straßenverkehr gilt: Lieber in der Gruppe bei Rot, als allein bei Grün.
Unterdessen haben die Seeleute Kurs auf das Magazin Nr. 43 genommen. Durch eine stark ramponierte, offensichtlich bereits mehrfach aufgebrochene Tür, die zudem beängstigend schief in den Angeln hängt, betreten sie die Verkaufseinrichtung. Hier möchte man für den an Bord schon lange geplanten Russischen Abend etwas einkaufen. Möglichst landestypisch soll es sein. Nicht einfach, wie man weiß, denn etliche Nahrungsmittel sind, selbst Jahrzehnte nach Kriegsende, im Siegerland immer noch rationiert und werden nur gegen Talony abgegeben, über die man als Ausländer nicht verfügt. Es gilt also, Alternativen zu finden. Die Luft ist zum Schneiden bei den vielen Menschen, die sich im niedrigen Verkaufsraum drängeln. Hinter schmierigen Glasscheiben sieht Peter die dicke Staubschicht und den Fliegendreck auf dem Warenangebot.
Ein fetter Kater bewegt sich auf dem Ladentisch zwischen unappetitlichen Fleisch- und Wurstwaren, Fisch, Molkereiprodukten und weiteren Nahrungsmitteln. Niemand nimmt Anstoß daran und auch Peter sieht es gelassen: Es ist ja nur eine Katze, die hier die Wurst inspiziert. Da hatte er schon andere Tierchen im Magazin gesehen. Unmittelbar neben dem Wurstaufschnitt liegt Seife, und die »duftet« penetrant, wie alle Seifen hierzulande, nach brutalen Desinfektionsmitteln. Kein Zweifel, die Wurst daneben wird nicht anders schmecken.
Mehrere Verkäuferinnen gähnen trotz Publikumandrang tatenlos und gelangweilt über ihren Rechenbrettern. Dieses, in sowjetischen Handelseinrichtungen unverzichtbare Requisit, wird von den Russen Schtschoty oder Abakus genannt. Rubelharfe heißt es im Sprachgebrauch der Seeleute, die nun überlegen, wie sie vorgehen sollen. Aus Erfahrung ist ihnen bekannt, dass der Käufer gegenüber dem pampigen Verkaufspersonal einen denkbar ungünstigen Stand hat, mitunter auch kaum beachtet wird. Fragen hat er ohnehin nicht zu stellen. Der Kunde muss schließlich wissen, was er will. Er soll sich entscheiden und das möglichst schnell.
Auch im Magazin Nr. 43 lassen sich die wohlgenährten Tonjas und Olgas hinter dem Ladentisch nur ungern beim Schwätzchen stören. Peter reiht sich ein, in die obligatorische Schlange. Angesichts der vielen Menschen vor ihm wird es dauern, bis er an der Reihe ist. Ruhe bewahren, denkt er, und Studien treiben. Käuferschlangen sind in diesem Land, wie er weiß, eine einzigartige Möglichkeit der Kommunikation oder des Wir-Gefühls. In der Schlange stehen — nichts ist dem Bürger vertrauter. Ein Drittel seines Lebens, so heißt es, verbringt er auf diese Weise.
Hier wird geflucht, getrunken, gelesen und gerangelt.
Schdatj — warten, schieben, drücken und stehen! Jeder Russe kennt und verflucht die Schlange. Sie ist mehr als alles andere zum Symbol des Lebens geworden. Mit und ohne Nummerierung, denn nicht selten wird den Wartenden eine Nummer auf die Handfläche gemalt, als Legitimation für den erkämpften Platz in der Reihe. Oft steht man hier, ohne zu wissen wonach. Nur auf Verdacht, immer in der Hoffnung auf irgendetwas, was vielleicht geliefert wurde und nach dem Ermessen des Personals doch noch auf den Ladentisch kommt:
»Sieh dort, eine Schlange ...! «
»Was wird es geben? «
»Stell dich hin, das sehen wir später. «
»Wie viel soll man wohl nehmen? «
»Nimm so viel du kriegen kannst. «
Das Freihalten des Platzes durch den Hintermann ermöglicht die Anwesenheit in gleich mehreren Schlangen und alte Mütterchen verkaufen ihren stundenlang erstandenen Platz an Eilige und Ungeduldige um die kärgliche Rente aufzubessern. Daneben gibt es Privilegierte, die mit einem roten Ausweis, an der Schlange vorbei, nach vorne gehen. Auch im Magazin Nr. 43 hängt ein Schild:
Helden der Sowjetunion und Invaliden des Großen Vaterländischen Krieges brauchen nicht anzustehen!
Das geht wohl in Ordnung, meint Peter. Wer, wenn nicht die Veteranen verdienen ein paar kleine Privilegien? Man trifft sie überall mit ihren Orden und Medaillen, die sie anscheinend auch nicht für einen Tag ablegen wollen. Ermöglichen diese doch die kostenlose Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln; ersparen, wie man sieht, das Schlangestehen oder beschleunigen unter Umständen eine Wohnungszuweisung.
Peter steht in der Schlange und denkt an die Kriegsinvaliden, die ihm gelegentlich begegnen. Wenn sie auf den Straßen mit ihren unmöglichen Krücken, primitiven Prothesen oder in jenen unsäglichen Fahrzeugen daher kommen, die ihnen das Vaterland spendiert hat. Er weiß, mit solchen Bürgern geht man rücksichtsvoll um. Anders jedenfalls, als mit den »normalen« Behinderten. Denn die werden als störend empfunden. Hilfsbereitschaft ihnen gegenüber gibt es kaum. Sie werden in Heimen untergebracht, um sie vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Wie es in solchen »Aufbewahrungsanstalten« zugeht, wagt sich Peter lieber nicht vorzustellen.
Inzwischen ist er in der Schlange vorangekommen. Es wird Zeit, sich den geheiligten Methoden des sowjetischen Einzelhandels zuzuwenden. Erst das Geld und dann die Ware. So heißt hier die Devise. Dann ist er an der Reihe: »Skolka stoit? «
Nach einigem Hin und Her ist der Preis erkundet. Mit einem Bon in der Hand, den die Verkäuferin aus unerfindlichen Gründen sorgfältig eingerissen hat, geht es in die gegenüberliegende Ecke des überfüllten Verkaufsraumes. Dort befindet sich, auf einem Holzpodest und gut gesichert, die Kasse und davor die nächste Schlange. Abermals wird gestoßen und geschoben. Peter muss sich auch hier mit Gewalt behaupten und es dauert. Dann gilt es, der mürrischen Kassiererin den Bon zu übergeben und deren knurrende Fragen zügig zu beantworten. Unter gleichzeitigem Einsatz von Rubelharfe und Registrierkasse waltet die unwahrscheinlich dicke, weißbemützte Respektsperson ihres Amtes. Die Kugeln auf dem Rechenbrett fliegen im atemberaubenden Tempo eine Weile hin und her. Was da, auf welche Weise wie berechnet wird, entzieht sich dem deutschen Seemann völlig. Endlich darf er bezahlen und mit einem neuen Zettel in den Händen geht es zurück zum Verkaufstresen. Und damit noch einmal in die Schlange. Nahkampf mit Ellenbogen, Füßen und anderen Körperteilen. Dann die Übergabe des Bons an die Verkäuferin. Lautstarke Diskussion, nochmalige Überprüfung mit Hilfe der Rubelharfe und, wenn alles klar geht, Empfang der heiß ersehnten Ware. Das schmutzig-braune Stück Packpapier hat, wie man sieht, schon mehr als einmal seinen Zweck erfüllt. Mit dem darin eingewickelten, unförmigen Käsebrocken verlassen die Seeleute entnervt das Magazin. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal schwören sie: »Nie wieder! «
Langjährige Russlandfahrer wissen allerdings auch, dass kaufen und beschaffen zweierlei Dinge sind. Die überall geltende Regel lautet: »Gefällt es dir nicht, dann brauchst du es nicht. Brauchst du etwas, dann beschaffe es. Kaufen ist eine Sache, beschaffen die andere. « Das aber bedeutet organisieren, eine defizitnyje towary gegen eine andere Defizitware tauschen.
Als Äquivalent im Tauschgeschäft gelten die unterschiedlichsten Dinge. Neben westlicher Valjuta zählt auch flüssige Währung dazu, jene mit den Prozenten. Der viel gehörte Satz, »Ohne einen halben Liter bekommt man nichts geregelt«, kann ohne Weiteres als russisches Sprichwort gelten. Die zur Beschaffung erforderlichen Beziehungen heißen hier Kanäle und man braucht derer etliche, um leben, um überleben zu können. Sie existieren in vielerlei Formen und sind von einem Fremden kaum auszumachen oder gar zu überblicken. Peter hat Jahre gebraucht, um System und Methoden auch nur zu erahnen. Im Wesentlichen aber dürften auch für ihn die Beschaffungskanäle ein ungelöstes, russisches Geheimnis bleiben. Nur eines hat er begriffen. Meist funktioniert dieses Organisieren nach dem Prinzip: Irgendjemand kennt jemand, der jemanden kennt.
Po blatu — das heißt über die erwähnten Kanäle zu verfügen und ist weit wichtiger, als eine Tasche voller Rubel. Mit po blatu kommt man an Dinge, die für Geld nur schwer oder gar nicht zu erhalten sind. An gutes Fleisch zum Beispiel, an eine Fahrkarte für den längst ausverkauften Zug, an frische Bettwäsche im Krankenhaus, an eine Zulassung außer der Reihe für das Hochschulstudium oder gar an die Erlaubnis zu einer Reise in den Westen. Blat, das heißt Netz. Eine Hand wäscht die andere.
Inzwischen gehen die Seeleute getrennte Wege. Die Interessen sind unterschiedlich und somit auch die Ziele. Später will man sich im INTERCLUB treffen. Bis dahin ist noch Zeit und die wollen Peter und Wilfried, sein Zweiter Technischer Offizier, zunächst für einen kleinen Imbiss nutzen, denn langsam machen sich Hungergefühle bemerkbar. Sie könnten ein Restaurant aufsuchen, denn Geld spielt für sie auch heute keine Rolle. Mit Rubelscheinen ist man immer gut bestückt. Dennoch wollen sie dieses Mal »alternativ« essen.
Schon lange planen sie den Besuch einer Stolowaja. Dort stillt, wie sie wissen, der Durchschnitts-Russe seinen Hunger. Warum sollte man nicht einmal in einer solchen Stadtteil-Kantine einen Versuch wagen? Beide nehmen also mutig Kurs auf die nächste Imbissstube. Man wird sich durch nichts abschrecken lassen.
Nachdem sie die mit eindrucksvollen Schlössern bestückte Eingangstür passiert haben, stehen sie in einem niedrigen, verräucherten Raum und sind erst einmal geschockt. Peters Blick fällt auf eine Reihe schmieriger, mit Speiseresten bedeckter Tische, auf wacklige Stühle und eine kleine Luke, aus der dampfende Schüsseln und Pfannen herausgereicht werden.
O Gott — wie mag es da erst in der Kombüse aussehen?
Die Kittel der Frauen, die mit dem Abräumen des Geschirrs beschäftigt sind, ersetzen sozusagen die Speisekarte der letzten Wochen. In der Luft schwebt eine säuerliche Wolke, die selbst den kräftigen Knoblauchduft penetrant überlagert. Die tausend Gerüche des russischen Alltags sind abermals eine echte Zumutung für eine empfindliche deutsche Nase. Auch hier, im gut besuchten Lokal mit Selbstbedienung, steht eine Schlange.
Doch was soll man essen?
In einer Anrichte warten lädierte Kunststoff-Schüsseln mit suppenartigem oder breiigem Inhalt auf Kundschaft. Die Namen auf den Preisschildern sind Standard: Bortsch, Stschi, Kapusta, Kascha. Daneben stehen in Reihen dickwandige Gläser mit Kwas, dem russischen Bier aus gegorenem Schwarzbrot. Vielleicht soll man einen Tee nehmen oder ein Glas Buttermilch?
Peter denkt wehmütig an frühere Restaurantbesuche. Was hatte er mit Irina da in gepflegter Umgebung alles probiert: Piroggen mit Pilzen, gefüllte Pasteten, süße Quarkkuchen, Teigwaren mit Kohl, Fleisch oder Fisch.
Heute haben sie es jedoch nicht anders gewollt. Er entscheidet sich für Spiegeleier. Damit kann man auch in dieser Stolowaja kaum etwas verkehrt machen. Zumindest wäre das zu hoffen. Doch er wird schnell eines Besseren belehrt. Aus der Luke werden ihm in einer verrußten, henkellosen Pfanne die Eier herausgereicht. Die sind, seiner deutschen Meinung nach, ungenießbar. Das ist schon dem Geruch zu entnehmen. Er lässt die Eier unberührt und greift zum Brot. Das schmeckt auch hier. Und davon stehen ganze Stapel, frisch geschnitten, auf den verdreckten Tischen.
Ihm gegenüber sitzt Wilfried und der blickt entsetzt auf den Inhalt der schmierigen Plasteschüssel. Mit grimmigem Gesicht rührt er in der trüben Brühe, die nach vergammeltem Fisch riecht. Wie Peter grinsend registriert, würgt es im Hals seines Zweiten, der schließlich die Soljanka zur Seite schiebt und ebenfalls zum Brot greift.
An der Eingangstür kommt Getöse auf. Neue Gäste drängen ins Lokal und steuern auf den Tisch der Deutschen zu. Drei Russen, unrasiert, ungewaschen und lärmend, lassen sich in ihren verdreckten, öligen Steppjacken auf die noch freien Stühle fallen. Sie knallen zwei Flaschen Wodka der Marke KRISTALL auf den Tisch. Alle drei sind bereits schwer angeschlagen und Peter erkennt es sofort.
Das ist ein typischer Fall von »wypit na troich«, des Saufens zu dritt. Hier haben sich abermals Gleichgesinnte zusammengetan. Man kennt das Bild vom Kiosk, vom Bahnhof und von der Straßenbahn. Oder auch vom Gemeinschaftstrinken in Treppenhäusern, Hauseingängen und Parks. Mehrere Männer, die sich mitunter vorher noch nie gesehen haben, legen Rubel und Kopeken zusammen. Die Flaschen werden auf diese Weise gemeinschaftlich finanziert und natürlich umgehend ihrer Bestimmung zugeführt. So muss das auch hier gelaufen sein.
Die drei finsteren Helden krakeelen, fluchen und schimpfen, was das Zeug hält. Zuerst auf einen gewissen Nikitin, dann auf irgendwelche Zustände. Hier sei sowieso alles otschen blocho, sehr schlecht. Es wäre Zeit, sich in ein anderes Rayon abzusetzen. Immer getreu dem Sprichwort nach:
Es ist überall dort gut, wo wir gerade nicht sind.
Peter hört aufmerksam zu und ist auch dieses Mal beeindruckt. Fluchen hierzulande, das weiß er, ist eine beliebte Methode sich zu äußern. Damit wird Zusammengehörigkeit demonstriert oder, wie im vorliegenden Fall, versucht Kontakt auf zunehmen. Die Trunkenbolde wenden sich jedenfalls den deutschen Tischnachbarn zu. Suchen sie ein Gespräch?
Nein, sie wollen Streit! Das erkennt Wilfried sofort.
Er kramt in seinem russischen Wortschatz und knurrt:
»Idji won, Schlusch — hau ab, Russe! «
Einem Ausländer, der russisch spricht, misstrauen die Russen normalerweise, und sie begegnen ihm meist mit Zurückhaltung. Nicht so an diesem Tag und in dieser Stolowaja. Die drei Recken sind auf Krawall aus und wollen, wie man sieht, auch nicht vor einer Auseinandersetzung mit den Deutschen zurückschrecken. Wilfrieds Worte sind für sie das berühmte Öl, das ins Feuer gegossen wird, sie sind der Auslöser für offene Aggressivität.
Peter sieht sich von neuen Unannehmlichkeiten bedroht. Von schlimmen Schlägereien in solchen Imbiss-Stuben hat er wiederholt gehört. Nicht ohne Grund gibt es hier keine Metallbestecke und Messer schon gar nicht. Wie ein Streit mit Unbekannten abläuft, ist ihm bekannt. Zuerst ein kurzer, heftiger Wortwechsel, dann folgen ohne weitere Verzögerungen Handgreiflichkeiten mit ungewissem Ausgang und schließlich das Einsitzen in einer Miliz-Zelle. Unkostenbeitrag für Bettwäsche und Verpflegung pro Nacht: 15 Rubel, also etwa 50 Mark. Mehrmals haben er und seine Begleiter diese Prozedur als Unschuldige, mitunter auch als völlig Unbeteiligte, über sich ergehen lassen müssen. Immer nach der bewährten Miliz-Regel: Erst einmal einsperren, einen passenden Paragrafen finden wir später! In eine solche Zelle zieht es Peter nicht und so suchen sie nach einem Ausweg.
Ihre Gegenüber haben inzwischen ein Thema gefunden, mit dem sie nun die beiden Seeleute attackieren. Wie alle gestandenen Säufer im Land rühmen sie sich lautstark ihrer Trinkfestigkeit. Natürlich verachten sie die Enthaltsamen und in diesem Fall sind das die nüchternen Deutschen am Tisch. Eigentlich sollte man, wie Peter weiß, als Ausländer unerkannt bleiben. Dazu ist es hier zu spät. Da bleibt nur noch so zu tun, als ob man die Sprache nur wenig beherrsche. Es dauert, doch da die Deutschen absolut nicht verstehen wollen, lassen die Russen schließlich von ihnen ab und fangen, ein paar Tische weiter, einen neuen Streit an.
