Die Katze, die einen Kardinal kannte - Band 12 - Lilian Jackson Braun - E-Book

Die Katze, die einen Kardinal kannte - Band 12 E-Book

Lilian Jackson Braun

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2,99 €

Beschreibung

Tödlich ist das Landleben: „Die Katze, die einen Kardinal kannte“ von Bestsellerautorin Lilian Jackson Braun jetzt als eBook bei dotbooks. Jim Qwilleran zieht mit seinen Siamkatzen Koko und Yum Yum in eine ausgebaute Apfelscheune. Hier sucht der ehemalige Polizei-Reporter Ruhe und Einsamkeit – und findet eine Leiche im Obstgarten! Der Tote ist ein Mitglied des Theaterclubs, niedergestreckt durch eine Kugel in den Hinterkopf. Wer ist der Schütze, der eine solche Tat begehen konnte – in finstrer Nacht und unbemerkt? Fast unbemerkt: Aber wird es Kater Koko gelingen, Jim auf die Spur des Mörders zu lenken? „Lilian Jackson Braun ist eine Meisterin ihres Fachs: Sie weiß immer ganz genau, wann sie die Katze aus dem Sack lassen muss.“ New York Daily News Die Krimi-Serie mit Suchtpotenzial! Der zwölfte Fall für Reporter Jim und Siamkater Koko – jetzt als eBook kaufen und genießen: „Die Katze, die einen Kardinal kannte“ von Lilian Jackson Braun. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 336

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Über dieses Buch:

Jim Qwilleran zieht mit seinen Siamkatzen Koko und Yum Yum in eine ausgebaute Apfelscheune. Hier sucht der ehemalige Polizei-Reporter Ruhe und Einsamkeit – und findet eine Leiche im Obstgarten! Der Tote ist ein Mitglied des Theaterclubs, niedergestreckt durch eine Kugel in den Hinterkopf. Wer ist der Schütze, der eine solche Tat begehen konnte – in finstrer Nacht und unbemerkt? Fast unbemerkt: Aber wird es Kater Koko gelingen, Jim auf die Spur des Mörders zu lenken?

»Lilian Jackson Braun ist eine Meisterin ihres Fachs: Sie weiß immer ganz genau, wann sie die Katze aus dem Sack lassen muss.« New York Daily News

Über die Autorin:

Lilian Jackson Braun (1913–2011) wurde in Massachusetts geboren. Nach der Highschool arbeitete sie als Journalistin und in der Werbebranche, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Ihre Katzenkrimis wurden in 16 Sprachen übersetzt und standen regelmäßig auf der »New York Times«-Bestsellerliste.

Bei dotbooks erscheinen alle Bände der Erfolgsserie. Eine vollständige Übersicht finden Sie am Ende dieses eBooks.

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eBook-Neuausgabe September 2016

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1991 Lilian Jackson Braun

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1991 unter dem Titel »The Cat Who Knew A Cardinal«.

Copyright © der deutschen Ausgabe 1994 by Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Forewer (Katze), NorSob (Grabsteine)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-836-6

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Lilian Jackson Braun

Die Katze, die einen Kardinal kannte

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Christine Pavesicz

dotbooks.

Kapitel 1

Der September versprach in Moose County, jenem Sommerferien-Paradies vierhundert Meilen nördlich vom Rest der Welt, ein ruhiger Monat zu werden. Nach dem Labor Day kehrten die Touristen in das Großstadtchaos im Süden unten zurück, die Stechmückensaison war zu Ende, die Kinder gingen widerstrebend wieder zur Schule, und das tägliche Leben pendelte sich erneut auf das normale, verschlafene Tempo ein. Doch dieses Jahr war die Siesta nur von kurzer Dauer. Binnen einer Woche wurde die Allgemeinheit vom Zwischenfall im Obstgarten, wie ihn die lokale Zeitung betitelte, aufgeschreckt.

Vor dem Zwischenfall im Obstgarten gab es für die Klatschbörse von Pickax City, der Bezirksstadt (dreitausend Einwohner), nur ein Skandalthema: Jim Qwilleran, der zeitweise noch tätige Journalist im Ruhestand und Erbe des ungeheuren Klingenschoen-Vermögens, wohnte in einer Scheune! In einer Apfelscheune! Nun ja, räumten die Bewohner von Pickax achselzuckend und kopfschüttelnd ein, Mister Qwilleran hatte ein Recht auf ein paar exzentrische Marotten, schließlich war er der reichste Mann im Bezirk und ein hemmungsloser Philanthrop.

»’ne Apfelscheune ist besser als ’n Schweinestall«, kicherten sie in den Cafés über ihren Kaffeebechern. Nach vier Jahren hatten sie sich an den Anblick von Mister Qwillerans überdimensionalem Schnurrbart, der so melancholisch herabhing, gewöhnt. Sie stellten die ungewöhnliche Schreibweise von Qwillerans Namen – mit QW – nicht mehr in Frage. Und die meisten von ihnen akzeptierten mittlerweile die Tatsache, daß der geschiedene Junggeselle mittleren Alters es vorzog, alleine zu leben – mit zwei Katzen!

Tatsächlich war es so: Nachdem er fünfundzwanzig Jahre lang in den Großstädten der Vereinigten Staaten und Europas Jagd auf Neuigkeiten gemacht hatte, war Qwilleran den Reizen des Landlebens erlegen, und er war fasziniert von Scheunen, besonders von einem achteckigen Gebäude auf dem Klingenschoen-Anwesen. Das hundert Jahre alte Fundament aus Bruchstein war noch vollkommen in Ordnung, und die Schindeln an den Seitenwänden waren zu einer silbergrauen Farbe verwittert. Majestätisch erhob sich die Scheune, die die Höhe eines dreistöckigen Gebäudes erreichte, über einem Feld mit grotesken Skeletten – den verkrüppelten Überresten eines einst prachtvollen Obstgartens. Jetzt war er nur noch für Vögel interessant. Unter diesen gab es einen, der in fragendem Tonfall pfiff Huu-it? Huu-it? Huu-it?, was sich für einen englischsprechenden Zuhörer anhörte wie Wer ist’s?

Qwilleran hatte die Scheune bei seinen Spaziergängen auf dem Klingenschoen-Anwesen entdeckt, das sich von der Hauptdurchfahrtsstraße von Pickax bis zur Trevelyan Road erstreckte, die fast eine halbe Meile entfernt war. Das Herrenhaus der berüchtigten Klingenschoens an der Main Street war zu einem Theater umgebaut worden; die weitläufigen Gärten dahinter hatte man asphaltiert und in Parkplätze umgewandelt. Den Abschluß bildete ein hoher, reichverzierter schmiedeeiserner Zaun. Dann kam ein dichtbewachsenes Stück Wald, hinter dem sich die Scheune und der Obstgarten verbargen. Dahinter die Straße, die zur Trevelyan Road führte, war kaum mehr als ein Schotterweg, der sich durch wild wucherndes Weideland schlängelte, vorbei an den Grundmauern alter Häuschen, die einst von den Pächtern bewohnt worden waren, die das Land bewirtschafteten. Wenn sich überhaupt jemand an diese Straße erinnerte, dann als einen Pfad, den Trevelyan Trail. Am Ende dieses Pfades stand am Straßenrand ein Pfosten mit einem überdimensionalen Briefkasten, der mit dem Buchstaben Q gekennzeichnet war.

Ursprünglich waren in der Scheune Äpfel gelagert, Apfelmost gepreßt und Apfelmus hergestellt worden. In den letzten Jahren jedoch war der riesige Raum leer geblieben, der sich wie eine Kathedrale zum achteckigen Dach erhob. Umfassende Renovierungsarbeiten waren erforderlich, um die Scheune bewohnbar zu machen, doch nachdem Mister Qwilleran eingezogen war, stellte er erfreut fest, daß es drinnen – an einem warmen, feuchten Tag – noch immer nach Winesap- und Jonathan-Äpfeln roch.

An solch einem warmen, feuchten Tag im September – am zehnten des Monats, genau gesagt – hoben Qwillerans Mitbewohner ständig ihre Nasen und schnüffelten; sie rochen etwas, das sie nicht identifizieren konnten. Es waren zwei Siamkatzen – reine Wohnungskatzen –, und die Scheune verdankte ihr jetziges Aussehen zum Teil ihnen. Rampen und Laufstege, die rund um die Innenwände spiralenförmig nach oben verliefen, freischwebende Galerien, die in drei Etagen in den Raum ragten, und ein System von massiven Holzbalken, die unter dem Dach strahlenförmig auseinanderliefen, gaben dem akrobatischen Paar Gelegenheit, wild herumzurasen, halsbrecherische Sprünge zu vollführen und zehn oder zwölf Meter über dem Boden gefährliche Ringkämpfe auszutragen. Für ihre ruhigen Stunden gab es Glaswände, durch die sie einen fliegenden Vogel beobachten konnten oder ein fallendes Blatt und das Wiegen des windgepeitschten Grases im Obstgarten.

Qwilleran selbst, der zwei Jahre lang in einer Wohnung über der Klingenschoen-Garage gewohnt hatte, war überwältigt von den riesigen Ausmaßen seines neuen Heims. Er war ein großer, kräftiger Mann Anfang Fünfzig, ein Alter, in dem man Behaglichkeit schätzt, mit breiten Schultern und langen Beinen, und von Natur aus nicht für beengte Wohnverhältnisse geschaffen. An jenem warmen, feuchten Samstagabend wanderte er in seinem Reich herum, strich zufrieden über seinen üppigen graumelierten Schnurrbart und genoß den riesigen Raum aus den verschiedenen Blickwinkeln. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen schräg durch hohe Fenster, deren dreieckige Form die Symmetrie der Balken und Streben erhalten sollte.

»Jetzt ist es richtig«, sagte er zu den Katzen, die elegant auf ihren langen, schlanken Beinen hinter ihm herstolzierten. »Hier gehören wir hin!« Die drei hatten schon in mehreren Wohnungen gelebt – manchmal unter glücklichen, manchmal unter katastrophalen Umständen. »Das ist das letzte Mal, daß wir umziehen; das wird euch freuen.«

»Yau!« antwortete der Kater in Moll; man konnte beinahe einen skeptischen Unterton heraushören.

Qwilleran hatte es sich zur Regel gemacht, sich mit den Katzen zu unterhalten, und der Kater reagierte, als verstünde er die menschliche Sprache. »Für all das müssen wir uns bei Dennis bedanken«, fuhr er fort. »Ich wünschte nur, Mrs. Cobb könnte es sehen.« Er lachte leise, als er an sie dachte, und meinte: »Sie würde vor Freude ganz rosig anlaufen, nicht wahr?«

»Yau«, antwortete Koko in einem sanften, bedauernden Tonfall, als erinnere er sich an Mrs. Cobbs unübertrefflichen Hackbraten.

Der Umbau war vom Sohn von Qwillerans früherer Haushälterin geplant und durchgeführt worden. Sein Name war Dennis Hough, Haff ausgesprochen. Er war aus St. Louis hierhergezogen, was aus drei Gründen Aufsehen erregt hatte: Schon der Umbau der Scheune selbst war eine Sensation, dann hatte der junge Bauunternehmer seiner Baufirma einen witzigen Namen gegeben, der die Einheimischen entzückte, und schließlich übte der Mann selbst auf die Frauen von Moose County eine unglaubliche Faszination aus. Qwilleran selbst hatte Dennis Hough geraten, sich hier niederzulassen, und ihm als ersten Auftrag den Umbau der Scheune anvertraut und dafür gesorgt, daß der Klingenschoen-Fonds sein neues Unternehmen förderte.

An diesem ruhigen Samstagabend standen die drei Scheunenbewohner auf einer Galerie hoch oben unter dem Dach, und Qwilleran genoß den Blick auf das behaglich eingerichtete Erdgeschoß aus der Vogelperspektive, als ein durchdringend lauter, fordernder Schrei von Yum Yum, dem Weibchen, ihn daran erinnerte, daß sie sich mehr für Essen als für Architektur interessierte.

»Entschuldige«, sagte er und warf einen Blick auf die Uhr. »Wir sind schon ein bißchen spät dran. Gehen wir hinunter und sehen wir nach, was wir im Tiefkühlschrank finden.«

Die Katzen drehten sich um und flitzten Schulter an Schulter die Rampe hinunter, bis sie die tiefer gelegenen Galerien erreichten. Von dort aus stürzten sie sich wie Flughörnchen ins Erdgeschoß hinunter, wo sie mit zwei gedämpften Plumpslauten auf einem dick gepolsterten Sessel landeten – eine Abkürzung, die sie rasch entdeckt hatten. Qwilleran nahm den konventionelleren Weg und ging über eine metallene Wendeltreppe hinunter in die Küche.

Obwohl er seit vielen Jahren Junggeselle war, hatte er nie gelernt, auch nur die einfachsten, lebensnotwendigsten Speisen zuzubereiten. Seine Kochkünste beschränkten sich aufs Auftauen und Kaffeekochen. Jetzt legte er zwei tiefgefrorene Scheren von Steinkrebsen aus Alaska in kochendes Wasser, löste sorgfältig das Fleisch aus der Schale, schnitt es auf einem Teller klein und stellte den Teller auf den Fußboden. Unschlüssig umkreisten die Katzen das Gericht, zuerst im Uhrzeigersinn und dann gegen den Uhrzeigersinn, bevor sie sich bequemten, daran zu knabbern.

»Euch ist wohl heute mehr nach Fasanenbrust«, sagte Qwilleran.

Wenn er sie verwöhnte, dann deshalb, weil sie eine wichtige Ergänzung in seinem Leben waren. Er hatte sonst keine Familie. Yum Yum war ein liebenswertes kleines Ding, das gerne auf seinem Schoß saß und staunend mit der Pfote an seinen Schnurrbart faßte; Koko war ein bemerkenswert intelligentes Tier, bei dem die natürlichen Instinkte einer Katze über das normale Maß hinaus ausgebildet waren. Yum Yum bemerkte es, wenn Qwilleran etwas Neues trug oder das Futter auf einem anderen Teller servierte, doch Koko konnte mit seiner zuckenden Nase und den gesträubten Schnurrhaaren Gefahren wittern und Dinge entdecken, die unter der Oberfläche verborgen waren. Yum Yum hatte eine diebisch veranlagte Pfote und klaute kleine Gegenstände, die von Bedeutung waren, doch Qwilleran war überzeugt, daß Koko sie erst listig auf die Idee brachte. Zusammen waren sie ein cleveres Team.

»Diese Teufel!« hatte er vor kurzem zu seiner Freundin Polly gesagt. »Ich glaube, sie haben die Mungojerry- Rumpleteazer-Lizenz für Moose County.«

Heute abend, während die Katzen ohne große Begeisterung das Krebsfleisch abschnüffelten, beobachtete Qwilleran die mißbilligende Körperhaltung der sandfarbenen Tiere, die kritisch schräg gestellten Ohren und die vorwurfsvolle Linie der braunen Schwänze. Allmählich lernte er ihre Körpersprache verstehen – besonders die ihrer Schwänze. Das Telefon läutete und unterbrach seine Beobachtungen, doch es meldete sich niemand. Er dachte sich nichts dabei und machte sich daran, für sich selbst einen Beutel Rindfleischeintopf aufzutauen.

Normalerweise hätte man ihn am Samstagabend in der Old Stone Mill angetroffen, beim Abendessen mit Polly Duncan, der Leiterin der Bücherei von Pickax und der wichtigsten Frau in seinem Leben. Sie war jedoch verreist, und er schlang den Eintopf hinunter, ohne etwas zu schmecken. Danach zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück, um einen Beitrag für ›Aus Qwills Feder‹ zu schreiben, seine Kolumne in der lokalen Zeitung. Sein optimistisches Thema war der Erfolg eines ungewöhnlichen Experiments in Pickax. Genau an diesem Abend führte der Theaterclub zum letzten Mal König Heinrich der Achte auf. Die Wahl des Stücks war sehr umstritten gewesen. Selbst glühende Shakespeare-Anhänger sagten voraus, daß auf der Bühne mehr Leute sein würden als im Zuschauerraum. Doch die Produktion hatte die längste Laufzeit in der Theatergeschichte von Pickax gehabt: zwölf Vorstellungen über einen Zeitraum von vier Wochenenden, und jede einzelne davon so gut wie ausverkauft.

Qwilleran hatte sich in Begleitung von Polly Duncan die Premiere angesehen – fünfte Reihe, Mittelgang – und danach eine zu Recht wohlwollende Kritik geschrieben. Jetzt, wo jeder wußte, wie erfolgreich das Stück gewesen war, schrieb er einen abschließenden Artikel, in dem er das gute Urteilsvermögen des Publikums lobte und den Kleinstadtschauspielern ein Kompliment für ihre glaubwürdige Darstellung englischer Adeliger des sechzehnten Jahrhunderts aussprach. Es war kein reiner Zufall, daß er den Regisseur erst im letzten Absatz erwähnte. Hilary VanBrook hatte Qwilleran in seiner Journalistenehre verletzt, indem er ihm nicht gestattete, in ›Qwills Feder‹ ein Kurzporträt über ihn zu bringen – ein Angebot, das der Rest von Pickax mit einem Sechser im Lotto gleichsetzte. Und jetzt hatte der Journalist sozusagen das letzte Wort, indem er den Regisseur in den letzten Absatz verbannte.

Zufrieden mit seinem Werk, braute er sich mit seiner vollautomatischen Kaffeemaschine eine Tasse Kaffee und taute einen Krapfen auf, um sich dann mit einem Buch, das er gebraucht gekauft hatte, zu entspannen. Qwilleran war von Natur aus sparsam und behielt trotz seiner geänderten finanziellen Verhältnisse viele seiner alten, bescheidenen Gewohnheiten bei. Er fuhr einen Gebrauchtwagen, tankte an Selbstbedienungstankstellen, zuckte zusammen, wenn er Preisschilder las, und hielt immer Ausschau nach guten gebrauchten Büchern zu Niedrigstpreisen.

Er zog sich den Pyjama und seinen bequemen, abgetragenen alten Karo-Morgenmantel an, hielt ein Streichholz an ein paar trockene Zweige und Apfelholzscheite im Kamin und wollte sich gerade auf einem überdimensionalen Lehnstuhl ausstrecken, als erneut das Telefon läutete. Wieder hörte er, daß am anderen Ende aufgelegt wurde, und danach das Freizeichen, und diesmal machte er sich Gedanken darüber. In den Städten im Süden unten, in denen er gelebt und gearbeitet hatte, würde so etwas bedeuten, daß in der nächsten Telefonzelle ein Einbrecher lauerte. In Moose County, wo Einbrüche eine Seltenheit waren, konnte er nur vermuten, daß es sich um Neugierige handelte. Es war soviel geklatscht worden über Qwillerans Apfelscheune (an deren Sparren sich in den Zwanzigerjahren ein Obstbauer erhängt hatte), daß die Stadtbewohner ständig auf dem Grundstück herumschlichen und zu den Fenstern hereinspähten.

Er schob den Gedanken an den Telefonanruf beiseite, machte es sich in seinem großen Sessel bequem und legte die Füße auf den Hocker. Sofort kamen die Katzen angelaufen; sie erwarteten eine Lesung. Er las ihnen oft laut vor. Sie schienen Gefallen am Klang seiner Stimme zu finden, ob er nun aus seinem antiquarischen Walt Whitman rezitierte oder ihnen die Ergebnisse der wichtigsten Baseballspiele aus den Zeitungen aus dem Süden unten vorlas. Seine Stimme hatte einen vollen Klang – der Erfolg seiner Sprechausbildung im College, als er sich als Schauspieler versuchte –, und die Akustik in der Scheune verstärkte die Wirkung noch.

Als er Audubons Birds of America öffnete – die sogenannte Volksausgabe des Bestsellers aus dem neunzehnten Jahrhundert –, kuschelten sich seine Zuhörer bequem, aber aufmerksam zurecht, Yum Yum auf seinem Schoß und Koko neben seinem Ellbogen auf der Armlehne des Sessels. Qwilleran interessierte sich eigentlich nicht für Ornithologie, doch Polly hatte ihm zum Geburtstag ein Fernglas geschenkt und versuchte ihn zum Vogelbeobachten zu bekehren. Außerdem war ein Buch mit zweihundert farbigen Abbildungen für einen Dollar ein unwiderstehliches Angebot.

»Es besteht vor allem aus Bildern«, erklärte er den aufmerksamen Tieren, während er das Buch durchblätterte. »Wer denkt sich all diese absurden Namen aus? Triele! Baßtölpel! Neuntöter! Findet ihr die nicht auch absurd?«

»Yau«, stimmte Koko zu.

»Das hier ist ein schöner Vogel! Es ist dein Freund, der Kardinal. Hier steht, daß er in Dickicht, Gestrüpp und Gärten lebt und auch sehr weit im Norden vorkommt, sogar in Kanada.«

Koko, ein erfahrener Taubenbeobachter aus dem Süden unten, saß jetzt täglich stundenlang an den Fenstern der verschiedenen Ebenen der Scheune und sah den Myriaden kleiner Vögel im verwilderten Obstgarten zu. Vor kurzem hatte er die Bekanntschaft eines Besuchers gemacht, der sich durch rotes Gefieder, eine königliche Krone und einen vornehmen Schnabel auszeichnete und ständig in fragendem Tonfall pfiff: Huu-it?

Als Qwilleran zur nächsten Seite mit dem Purpurgimpel umblätterte, fuhren beide Katzen plötzlich hoch und reckten die Hälse in Richtung Eingangstür. Qwilleran setzte sich ebenfalls auf und lauschte. Aus dem Obstgarten ertönte ein bedrohliches Grollen, das sich beängstigend nach Panzern anhörte, und er konnte Lichter sehen, die sich der Scheune näherten. Er sprang auf und schaltete die Lichter im Hof ein. Wenn er den Trevelyan Trail hinunterspähte, konnte er sie kommen sehen – eine ganze Kolonne von Scheinwerfern, die hin- und her- und auf- und abschwankten, während die Fahrzeuge über die Spurrillen der Schotterstraße manövriert wurden.

»Was zum Teufel ist denn das?« rief er und fuhr verdutzt mit seiner Hand über den Schnurrbart. »Eine Invasion?« Bei dem alarmierenden Klang seiner Stimme stürzten beide Katzen davon und verschwanden; sie hatten nicht den Wunsch, in die Schußlinie zu geraten.

Eines nach dem anderen bogen die Fahrzeuge von der Straße ab und parkten im hohen Gras zwischen den alten Apfelbäumen. Die Scheinwerfer verloschen, und dunkle Gestalten stiegen aus dunklen Autos und Lieferwagen und kamen auf die Scheune zu. Erst als sie den erleuchteten Teil des Hofes erreichten, erkannte sie Qwilleran: Es war die gesamte Truppe, die Heinrich. VIII. aufgeführt hatte. Sie trugen Sechserpackungen Bier, Kühltaschen, braune Papiertüten mit Getränken und Pizzakartons.

Sein erster Gedanke war: Verdammt! Sie haben mich im Pyjama und dem alten Morgenmantel überrascht! Dann dachte er: Sie sehen selbst aus wie Landstreicher. Es stimmte. Die Truppe trug ihre Probenkleidung: ramponierte Jeans, verblichene Sweatshirts, ausgewaschene karierte Hemden, schmuddelige Pullover und schmutzige Turnschuhe – ein drastischer Unterschied zu der höfischen Pracht von vor einer Stunde.

»Alles Gute zum Einzug in die Scheune!« riefen sie, als sie Qwilleran in der Tür stehen sahen. Er griff um den Türpfosten herum und knipste den Hauptschalter an, der die gesamte Beleuchtung des Innenraums einschaltete. Spots, die nach oben und nach unten strahlten, waren raffiniert in Holzbalken und Galerien verborgen. Dann trat er beiseite und ließ sie in die Scheune eintreten – alle vierzig!

Wenn sie Mund und Augen aufrissen, dann aus gutem Grund. Die Wände im Erdgeschoß waren noch die Original-Grundmauern aus Stein, willkürlich übereinandergestapelte Felsblöcke, die von unsichtbarem Mörtel zusammengehalten wurden – zerklüftet wie eine Grotte. Das Dach bestand aus massiven Kiefernholzbalken, einige davon mit einem Durchmesser von dreißig Zentimetern. Nach einer Sandstrahlbehandlung hatten sie wieder ihren ursprünglichen, honiggelben Farbton angenommen und bildeten einen warmen Kontrast zu den frisch isolierten, weiß gestrichenen Wänden. Und in der Mitte stand der moderne Kamin, ein riesiger weißer Würfel mit drei dicken zylindrischen Rauchabzügen, die zur Dachmitte hinauf verliefen.

Zum ersten Mal seit Menschengedenken waren die Mitglieder des Theaterclubs sprachlos. Wie in Trance spazierten sie im Erdgeschoß herum, sahen hinauf auf die miteinander verbundenen Streben und Balken und hinunter auf den mit Tonfliesen belegten Fußboden. Diesen bedeckten marokkanische Teppiche, auf denen Polstermöbel zu Sitzgruppen angeordnet standen. Dann faßten sie sich und redeten alle auf einmal.

»Und Sie wohnen tatsächlich hier, Qwill?«

»Ich fasse es einfach nicht!«

»Toll! Wirklich toll! Muß ’ne Stange Geld gekostet haben.«

»Hat das alles Dennis gemacht? Er ist ein Genie!«

»Mann, hier könnte man locker drei Konzertflügel und zwei Billiardtische unterbringen.«

»Schau dir mal diese riesigen Balken an! Solche Bäume gibt’s heutzutage gar nicht mehr.«

»Toller Platz zum Aufhängen.«

»Qwill, mein Lieber, es ist umwerfend! Hätten Sie nicht Interesse an Timesharing?«

Qwilleran hatte im Lauf der Zeit alle Mitglieder der Truppe kennengelernt; unter ihnen waren seine liebsten Bekannten in Pickax:

Zum Beispiel Larry Lanspeak, Besitzer des Kaufhauses von Pickax. Er hatte für die Rolle des Kardinal Wolsey vorgesprochen, wurde jedoch als König Heinrich eingesetzt. Schmächtig, wie er war, mußte er mit fünfzehn Pfund Kissen ausgepolstert werden, um den Umfang des wohlgenährten Monarchen zu erreichen.

Fran Brodie, Qwillerans Innenarchitektin und Tochter des Polizeichefs. Sie hatte sich um die Rolle der Königin Katharina beworben, bekam aber schließlich die der wunderschönen Anne Boleyn. Die perfekte Besetzung, dachte Qwilleran. Während der Krönungsszene hatte er seinen Blick nicht von ihr wenden können, und er hatte Angst gehabt, Polly könne seinen schweren Atem hören.

Carol Lanspeak, Leiterin des Theaterclubs und mit jedermann befreundet. Sie war eine weitere fähige Bewerberin für die Rolle der Königin Katharina und zutiefst enttäuscht, als sie Regisseur VanBrook als seine Assistentin und zweite Besetzung für die Königin einsetzte.

Susan Exbridge, Antiquitätenhändlerin und frisch geschieden. Sie sah jünger aus als vierzig und wollte unbedingt Anne Boleyn spielen. Als der Regisseur sie für die Rolle der alten Hofdame auswählte, war sie wütend, beruhigte sich aber rasch wieder, als sie erfuhr, daß die alte Hofdame ein paar schlüpfrige Sätze hatte, mit denen sie vielleicht den anderen die Show stehlen konnte.

Derek Cuttlebrink, Hilfskellner in der Old Stone Milk Er spielte fünf kleinere Rollen und überragte alle – nicht aufgrund seiner schauspielerischen Leistungen, sondern weil er die Figur einer langen Bohnenstange hatte. Derek war zwei Meter groß und wuchs noch immer. Jedesmal, wenn er in einer anderen Rolle die Bühne betrat, flüsterten die Zuschauer: »Da kommt er schon wieder.«

Dennis Hough, Bauunternehmer und neu in der Stadt. Er wollte ebenfalls den Kardinal Wolsey spielen, mußte sich jedoch mit einer minderen Rolle begnügen. Dessen ungeachtet hielt er als der zu Unrecht zum Tod verurteilte Herzog von Buckingham eine Abschiedsrede, die das Publikum Nacht für Nacht zu Tränen rührte.

Eddington Smith, Antiquar. Der schüchterne kleine alte Mann spielte den Kardinal Campejus, wenn auch kein Mensch ein Wort verstand, das er sagte. Doch das spielte kaum eine Rolle, denn Kardinal Wolsey hatte sowieso den besten Text.

Hixie Rice, Anzeigenleiterin bei der lokalen Zeitung. Sie hatte sich dem Theaterclub als Publicitymanagerin zur Verfügung gestellt und verkaufte so viele Anzeigen für das Programm, daß man mit den Einnahmen die Kosten für die prunkvollen höfischen Kostüme bestreiten konnte.

Wally Toddwhistle, ein begabter junger Tierpräparator. Er war für das Bühnenbild der Produktionen des Theaterclubs zuständig, und bei Heinrich VIII hatte er mit altem Bauholz, Farbe und Bettlaken wahre Wunder vollbracht.

Auch der Regisseur war da, Hilary VanBrook. Er spazierte allein herum und hatte wenig oder gar nichts zu sagen. Der Rest der Truppe war total überdreht nach dem berauschenden Erlebnis der Abschiedsvorstellung mit stehenden Ovationen, Blumen und der allgemeinen Erleichterung, daß das Ganze vorbei war. Jetzt machten sie sich lautstark Luft. Die Katzen beobachteten die Menschenmenge von einer Galerie aus und zuckten mit den Nasen, als sie der Duft von Käse, Wurst und Anchovis erreichte. Die Truppe schien dem Verhungern nahe zu sein. Heißhungrig verschlangen sie die Pizzas und spülten sie mit kalten Getränken und dem starken Gebräu, das Qwillerans Kaffeeautomat produzierte, hinunter. Und dabei redeten sie ununterbrochen:

»Er hat das Stichwort für das Licht überhört, und ich mußte meinen Text im Dunkeln sprechen! Ich hätte den Trottel von der Beleuchtung umbringen können!«

»Als Katharina heute abend ihre Vision hatte, ließen die Engel die Girlande auf ihren Kopf fallen. Ich konnte mir kaum das Lachen verbeißen.«

»Bei der letzten Vorstellung geht alles drunter und drüber, aber das Publikum merkt es gar nicht.«

»Bei der Prozession hätte ich ein goldenes Zepter tragen sollen, aber heute abend konnten wir das verdammte Ding einfach nicht finden!«

»Gott sei Dank ist mir heute wenigstens niemand auf die Schleppe getreten. Man freut sich ja schon über Kleinigkeiten.«

»Mitten in der Gerichtsverhandlung blieb er plötzlich stecken, und ich mußte improvisieren. In elisabethanischem Englisch zu improvisieren, ist nicht einfach.«

»Heute abend ist das Publikum wirklich mitgegangen, was? Die alte Hofdame hat sogar Leute am Balkon zum Lachen gebracht.«

»Warum auch nicht? Sie hat ja auch wirklich eine Komödie daraus gemacht.«

Qwilleran spazierte als liebenswürdiger Gastgeber zwischen den Menschen herum und klimperte mit den Eiswürfeln in seinem Glas Squunk-Wasser. (Es sah aus wie Wodka on the rocks, doch jedermann wußte, daß es Mineralwasser aus einer Quelle in Squunk Corners war.) Es überraschte ihn nicht, daß Dennis Hough von Frauen umringt war, unter ihnen Susan Exbridge, deren dunkles Haar noch immer glatt anlag, nachdem sie im Stück die Perücke der alten Hofdame getragen hatte… und Hixie Rice, die ihren asymmetrischen Pagenkopf zurückwarf, der diese Woche rotbraun war… und Fran Brodie, deren weiche, rotblonde Locken einen erstaunlichen Kontrast zu ihren stahlgrauen Augen bildeten.

Carol Lanspeak schubste Qwilleran verstohlen am Ellbogen. »Sehen Sie sich Dennis mit seinen Groupies an. Ein Jammer, daß ich glücklich mit Larry verheiratet bin; ich würde mich sonst der Meute anschließen.«

Qwilleran sagte: »Dennis sieht sehr gut aus.«

»Und er hat etwas Interessantes an sich«, sagte Carol. »Er ist männlich und doch sensibel. Er wirkt so ruhig, geht aber sehr leicht in die Luft. Während der Proben ist er ein paarmal explodiert.«

»Er ist impulsiv, aber während der Renovierung der Scheune habe ich über seine Stimmungsschwankungen hinweggesehen, weil er so hervorragende Arbeit leistete. Er hat Architektur studiert, bevor er ins Baugewerbe einstieg, wissen Sie. Sehen Sie, wie er die alten Heubodenleitern in die Gesamtkonstruktion eingebaut hat.« Auf halber Höhe einer dieser Leitern stand der schlaksige Hilfskellner und winkte den Untenstehenden mit einem Arm und einem Bein zu. »Die Laufstege sind zum Fensterputzen gedacht. Von den Geländern wollen wir Teppiche hängen.«

»Sie könnten Patchwork-Decken aufhängen«, sagte Carol, die eher zu ländlicher Gemütlichkeit tendierte.

»Keine Patchwork-Decken!« sagte Qwilleran bestimmt. »Fran hat ein paar moderne Wandteppiche bestellt. Sie sollten demnächst geliefert werden.«

»Alle Leute in der Stadt brennen darauf, die Scheune zu sehen, Qwill.«

»Deshalb veranstalten wir auch einen Tag der offenen Tür. Die Eintrittsgebühr zugunsten der Bücherei war Pollys Idee.«

»Bieten Sie Erfrischungen an, und die Bücherei sahnt ab wie nie zuvor. Wir haben eine sehr hungrige Bevölkerung.« Dann fragte sie beiläufig, jedoch mit der hemmungslosen Neugier eines Bewohners von Pickax: »Wo ist Polly heute abend?«

Jedermann wußte, daß der Klingenschoen-Erbe und die Leiterin der Bücherei ihre Wochenenden miteinander verbrachten. Bei den Männerrunden im Dimsdale Diner fragte gewöhnlich einer der Männer: »Glaubt ihr, er wird sie je heiraten?« Und die Frauen kamen bei ihren Kaffeekränzchen in Lois’ Imbißstube stets auf ein Thema zu sprechen: »Warum heiratet sie ihn denn bloß nicht?«

Auf Carols Frage antwortete Qwilleran: »Polly ist in Lockmaster, bei einer Hochzeit. Der Sohn der Leiterin der Bücherei von Lockmaster wagt den Sprung ins kalte Wasser.«

»Und wer kümmert sich um Bootsie?« Eine weitere wohlbekannte Tatsache in Pickax war, mit welcher Besessenheit die Leiterin der Bücherei an ihrer kleinen Katze hing.

»Ich habe ihn heute abend gefüttert, und morgen früh gehe ich wieder hin und bewahre den kleinen Nimmersatt vor dem Verhungern und kontrolliere sein Kistchen. Ich habe noch nie eine Katze gesehen, die soviel frißt!«

»Er wächst noch«, sagte Carol.

»Polly kommt am späten Nachmittag zurück und wird mir erzählen, was die Braut getragen hat und wer den Brautstrauß aufgefangen hat und den ganzen Mumpitz.

Ich weiß nicht, warum ihr Frauen so verrückt nach Hochzeiten seid.«

»Sie reden wie ein griesgrämiger alter Junggeselle, Qwill.«

»Ich würde mir lieber ein Baseballspiel ansehen. Ist Ihnen klar, daß ich seit vier Jahren kein Meisterschaftsspiel mehr gesehen habe? Und dabei war ich in Chicago praktisch von Geburt an ein Fan der Clubs.«

»Das ist Ihre eigene Schuld, Qwill. Sie wissen ganz genau, daß Larry gerne mit Ihnen nach Chicago oder Minneapolis hinunterfliegen würde. Er hat eine neue viersitzige Maschine gekauft. Polly und ich könnten auf einen Einkaufsbummel mitkommen. Oder vielleicht möchte sie sich auch gerne das Spiel ansehen.«

»Polly – interessiert – sich – nicht – für – Baseball !« sagte Qwilleran mit Nachdruck. Und fürs Einkäufen auch nicht, sagte er sich im stillen und dachte an ihre spärliche Garderobe, die sie während diverser Ausverkäufe im Kaufhaus Lanspeak wahllos zusammengekauft hatte.

Carols Ehemann gesellte sich zu ihnen. »Habe ich richtig gehört, daß meine Dienste offeriert wurden?«

Auf den ersten Blick waren die Lanspeaks ein unscheinbares Paar mittleren Alters, doch sie besaßen eine jugendliche Energie, die sie zu führenden Gemeindemitgliedern und anregenden Gesellschaftern wie auch zu hervorragenden Schauspielern machte. Qwilleran fragte sich oft, was sie zum Frühstück aßen. »Larry, Sie waren großartig! Der königlichste Heinrich, den ich je gesehen habe!«

»Danke, mein Freund. Eines kann ich Ihnen sagen – es tut wohl, wieder dünn zu sein. Nicht nur, daß ich Heinrichs Wanst auf der Bühne herumschleppen mußte, ich mußte auch noch wie ein Dickwanst denken! Das ist eine ziemliche Umstellung! Und dann dieser verdammte Bart, der ständig juckte! Ich habe ihn gleich nach dem letzten Vorhang abrasiert.«

Carol fragte: »Wie hat Polly das Stück gefallen?«

»Sie war begeistert, und wir fanden beide, daß die Massenszenen unglaublich effektvoll waren. Wie sind Sie mit den vielen Kindern fertig geworden?«

»Es war nicht einfach – sie in ihre Kostüme zu bekommen, dafür zu sorgen, daß sie sich hinter der Bühne ruhig verhielten, sie bei ihrem Stichwort auf die Bühne zu schubsen. Sie haben sich in der Schule umgezogen, wissen Sie, und dann haben wir sie mit Schulbussen hingekarrt. Ich darf gar nicht daran denken! Zum Glück hat Hilary das Stück schon vorher aufgeführt und wußte, wie man es anpackt. Als seine Assistentin habe ich eine Menge gelernt, das kann ich nicht leugnen.« Sie drehte den anderen Gästen den Rücken zu und senkte die Stimme. »Aber als Leiterin des Theaterclubs und als Frau des Leiters der Schulbehörde möchte ich zu Protokoll geben, daß ich den Mann nicht ausstehen kann!«

Ein Großteil der Einwohner von Pickax hegte eine ausgeprägte Aversion gegen Hilary VanBrook, den High- School-Direktor. Das lag daran, daß er eine sehr barsche Art hatte und unerträglich eingebildet war. Man stieß sich sogar an den Rollkragenpullovern, die er in der Schule trug. In Moose County galt ein Verwaltungsbeamter, der statt dem traditionellen weißen Hemd mit unauffälliger Krawatte schwarze Rollkragenpullover trug, als subversiv. Doch was die Leute am meisten ärgerte, war die Tatsache, daß alles, was er vorschlug, stets ein unglaublicher Erfolg wurde, egal, wie absurd es den Eltern, Lehrern, dem Schulrat und den Mitgliedern der Schulbehörde vorkam.

Daher war es eine Lieblingsbeschäftigung der hiesigen Bevölkerung, über den Schuldirektor herzuziehen. Er sah nicht gut aus, und hinter seinem Rücken wurde er Pferdegesicht genannt. Dennoch hatte jedermann Respekt vor seinen Fähigkeiten und seinem Selbstbewußtsein. Aufgrund seiner Erfolge als Schuldirektor und seines Rufs als hochintelligenter Mensch hatte ihm der Theaterclub gestattet, auf einer Bühne, die zu klein war, ein Stück aufzuführen, das als zu langweilig galt und zu viele Rollen hatte. Und jetzt ging Heinrich VIII als ein weiterer Triumph des Pferdegesichts in die Annalen ein.

»Ja«, sagte Larry widerwillig mit gesenkter Stimme, »dieser niederträchtige Schurke hat es wieder mal geschafft! Der Kartenverkauf war so gut, daß wir sogar einen Gewinn gemacht haben. Weil so viele Kinder in dem Stück mitspielten, saßen alle ihre Verwandten, Freunde und Schulkameraden im Zuschauerraum.« Er sah sich nach links und rechts um, um sich zu vergewissern, wo der Schuldirektor war, und fuhr im Flüsterton fort: »Er hat zwei Dinge gemacht, die sehr unklug waren. Er hätte auf keinen Fall selbst den Kardinal Wolsey spielen sollen, und er hätte als Königin Katharina auf keinen Fall jemanden aus einem anderen Bezirk nehmen sollen. Wir haben genug Talente hier in Moose County.«

Qwilleran blickte suchend auf die in Gruppen herumstehenden Gäste. »Was ist mit der Königin? Ich habe sie heute abend hier nicht gesehen.«

Carol sagte: »Sie ist gleich nach dem letzten Vorhang verschwunden. Hat sich schnell abgeschminkt und sich nicht mal von den anderen verabschiedet.«

»Nun, ich fürchte, wir waren ihr gegenüber nicht besonders herzlich«, gestand Larry, »obwohl wir ihr sagten, daß wir nachher feiern würden und wie sie hierher käme. Sie hat es sich auch aufgeschrieben, und ich dachte, sie würde herkommen. Allerdings wohnt sie ja auch in Lockmaster, und das sind immerhin sechzig Meilen, also müssen wir ihr wahrscheinlich verzeihen.«

Carol drückte den Arm ihres Mannes. »Wie gefällt dir die Scheune, Liebling?«

»Phantastisch! In welchem Zustand war sie denn, Qwill, bevor Sie anfingen, sie umzubauen?«

»Solide, aber dreckig! Sie hat jahrelang Vögel, Katzen, Fledermäuse und sogar Stinktiere beherbergt. Fran hat diese deutschen Drucke als Entschuldigung an die Fledermäuse aufgehängt, die wir vertrieben haben.« Er deutete auf ein Ensemble von vier eingerahmten Drucken, die die fliegenden Säugetiere zeigten und mit 1824 datiert waren.

»Sie sollten die Scheune für eine Zeitschrift fotografieren lassen, Qwill.«

»Ja, ich würde gerne Bilder davon veröffentlichen lassen – Dennis zuliebe. Und Fran hat mit der Einrichtung hervorragende Arbeit geleistet, wenn man bedenkt, daß ich nicht gerade der umgänglichste Kunde bin. John Bushland kommt von Lockmaster herauf und macht ein paar Aufnahmen für die Versicherung. Ich bin schon neugierig, wie das alles auf Fotos aussieht.«

»Haben wir denn hier keinen guten Fotografen?« fragte Larry scharf. Seit einem Jahrhundert oder vielleicht noch länger bestand zwischen Pickax und Lockmaster eine eifersüchtig ausgefochtene Rivalität.

»Keinen, der Bushys Talent, Erfahrung und Ausrüstung hat.«

»Sie haben recht. Er ist gut«, gab Larry zu.

Irgend jemand rief: »Wer will noch Pizza? Letzte Gelegenheit!«, und die Menge strömte zur Küchenecke – alle, außer Hilary VanBrook. Während die anderen lose Gruppen gebildet und sich unterhalten hatten, war der Schuldirektor immer für sich geblieben. In seiner flaschengrünen Kordjacke und dem roten Rollkragenpullover war er eindeutig die bestgekleidete Person in der ganzen Gesellschaft mit ihren bunt zusammengewürfelten alten Klamotten. Die Schultern hochgezogen, die Hände in den Taschen, einen finsteren Ausdruck auf seinem hageren, wenig ansprechenden Gesicht, schien er – recht kritisch – die handgehauenen und mit Holzstiften verbundenen Balken zu studieren, die Konstruktion des Kamins, die Tierdrucke und den Setzkasten, der zur Hälfte mit gravierten Metallplättchen auf kleinen hölzernen Druckstöcken gefüllt war.

Jetzt stand er vor einem über zwei Meter hohen Kiefernholzschrank. Qwilleran ging zu ihm hin und sagte: »Das ist ein altdeutscher Schrank aus Pennsylvania, zirka 1850 oder früher.«

»Wohl eher österreichisch«, korrigierte ihn der Schuldirektor. »Man sieht, daß der Schrank ursprünglich dekorativ bemalt war. Er ist abgebeizt und hergerichtet worden, was seinen Wert mindert, wie Sie vermutlich wissen.«

Qwilleran wünschte sehnlichst, Dennis’ Mutter wäre hier, um die Erklärung des Mannes zu widerlegen. VanBrook gab sie ab, ohne sein Gegenüber anzusehen. Er hatte die irritierende Angewohnheit, den Blick im Raum herumwandern zu lassen, während er mit einem sprach. Mit bewundernswerter Zurückhaltung antwortete Qwilleran: »Wie dem auch sein mag, ich möchte Ihnen zum Erfolg des Stücks gratulieren.«

Der Schuldirektor warf einen Blick auf die abgewetzten Aufschläge von Qwillerans altem Karo-Morgenmantel. »Der Erfolg überrascht mich nicht. Als ich vorschlug, das Stück aufzuführen, kam der Widerstand von Leuten, die kaum Theatererfahrung haben oder nichts von Shakespeare verstehen. Ein langweiliges Stück, so nannten sie es. Bei einem guten Regisseur gibt es keine langweiligen Stücke. Außerdem ist die Thematik von Heinrich VIII. in unserer heutigen Gesellschaft brandaktuell. Ich bestehe darauf, daß unsere älteren Schüler Heinrich VIII. lesen.«

Qwilleran sagte: »Ich habe gehört, daß in Pickax kein Shakespeare unterrichtet wurde, bevor Sie ans Ruder kamen.«

»Bedauerlich, aber wahr. Jetzt lernen unsere Anfänger Romeo und Julia kennen, im zweiten Jahr lesen sie Macbeth, und im vorletzten Jahr befassen sie sich mit Julius Caesar. Sie lesen die Stücke nicht nur durch; ich lasse sie laut mit verteilten Rollen lesen. Shakespeare muß gesprochen werden.«

Während Qwilleran VanBrooks theatralischer Stimme lauschte, sah er über seine Schulter auf die Rampe, die vom Balkon ins Erdgeschoß führte. Koko marschierte gerade mit zielstrebigen Schritten herunter, um alles zu inspizieren. Sein Blick war fest auf den Schuldirektor gerichtet. Mühelos und lautlos sprang der Kater auf den Schrank, setzte sich über dem Kopf des Mannes hin und starrte mit einem merkwürdigen Ausdruck auf ihn hinunter. Qwilleran hoffte, daß Koko nichts vorhatte, was Peinlichkeiten zur Folge haben würde. Er warf dem Kater einen strengen Blick zu, räusperte sich betont und fragte VanBrook dann: »Was sagen Sie dazu, was Dennis aus dieser riesigen Scheune gemacht hat?«

»Nicht sonderlich authentisch«, gab VanBrook hochmütig mit seinen Kenntnissen über die Architektur von Scheunen an.

»Laut Dennis kommen Rampen sehr wohl in Scheunen vor. Jede Ähnlichkeit mit dem Guggenheim- Museum ist rein zufällig. Diese Leitern«, fuhr Qwilleran fort, »führten ursprünglich auf den Heuboden; die Sprossen sind mit Lederriemen an den seitlichen Stangen festgebunden.«

Offenbar konnte der Schuldirektor Kokos Blick auf seinem Kopf spüren, und er strich sich mit der Hand über sein Toupet. (Dieses Toupet war ein beliebtes Gesprächsthema in Pickax, wo man erwartete, daß Männer entweder echte Haare hatten oder gar keine). Dann drehte sich VanBrook plötzlich um und blickte auf den Schrank hinauf.

Qwilleran beeilte sich zu sagen: »Das ist unser Siamkater, Kao K’o Kung, nach einem chinesischen Künstler aus dem dreizehnten Jahrhundert.«

»Yau!« machte Koko, der seinen Namen erkannte, wenn er ausgesprochen wurde.

»Yuan-Dynastie«, sagte der Schuldirektor mit einem herablassenden Nicken. »Er war auch ein berühmter Dichter, wenn das auch bei den Abendländern nicht allgemein bekannt ist. Sein Name bedeutet sinngemäß etwa ›der Achtung wert‹. Eine genaue Übersetzung ist schwierig.« Er drehte dem altdeutschen Schrank aus Pennsylvania, der plötzlich ein österreichischer Schrank geworden war, den Rücken zu, und Qwilleran war froh, daß die Katze, die auf das Toupet starrte, Koko war und nicht seine Gefährtin. Yum Yum ›das Pfötchen‹ würde es blitzschnell schnappen, die Rampe hinauf und ins Schlafzimmer tragen, wo sie es unter dem Bett verstecken oder, noch schlimmer, in die Toilette werfen würde.

VanBrook sagte: »Was ich in den hiesigen Lehrplan eingeführt habe, ist die Wertschätzung aller Künste; das habe ich auch als Direktor der High-School in Lockmaster getan. Ich bin der Meinung, ein Schulabgänger, der selbst eher schlecht als recht ein Instrument spielt oder ein Stilleben zeichnen kann, trägt nicht das geringste zum kulturellen Klima der Gemeinschaft bei. Echte Bildung zeichnet sich dagegen durch die Wertschätzung von Kunst, Musik, Literatur und Architektur aus.« Er blickte sich prüfend in der Scheune um. »Ich möchte in den nächsten Wochen mit den Kindern der neunten bis zwölften Klasse eine Exkursion hierher machen, jeweils nur mit einer Klasse.«

Qwilleran war fassungslos angesichts der Dreistigkeit des Mannes, doch bevor er sich eine Antwort überlegen konnte, ertönte auf dem Schrank Gemaunze, das Tapsen von Pfoten, und ein pelziger Körper stürzte sich über dem Kopf des Schuldirektors hinunter und landete drei Meter entfernt auf einem Teppich. Dann begann Koko laut und gebieterisch zu maunzen.

Larry Lanspeak hörte ihn und übersetzte die Botschaft. »Kommt, Leute«, rief er. »Trinkt aus! Qwills Katzen brauchen etwas Schlaf.«

Widerstrebend begannen die Gäste Papierteller, Servietten und leere Flaschen einzusammeln und die Stühle zurückzustellen. Herumalbernd und Kriegsschreie ausstoßend, gingen sie langsam hinaus in die Nacht.

Fran gab Qwilleran einen theatralischen Gute-Nacht- Kuß, und er sagte: »War diese Party Ihre Idee? Haben Sie mich ein paarmal angerufen und aufgelegt?«

»Wir mußten uns ja vergewissern, daß Sie hier sind, Qwill. Wir dachten, Sie wären vielleicht mit Polly aus. Wo ist Polly heute?«

»In Lockmaster, bei einer Hochzeit.«

»Ach, wirklich? Warum sind Sie nicht mitgefahren?« fragte sie schelmisch. »Haben Sie Angst, Sie könnten den Brautstrauß fangen?«

»Keine Frechheiten, junge Dame«, warnte er sie. »Ich habe Ihre Rechnung noch nicht bezahlt.« Er sah ihr nach, als sie ging – eine gute Innenarchitektin, die man sofort gern haben mußte, halb so alt wie er und erfrischend dreist, und die selbst in abgetragenen alten Klamotten umwerfend aussah. Dennis ging zusammen mit Susan aus der Scheune; sie lachten über irgendeinen Witz. Eddington Smith trottete neben den Lanspeaks her, die ihn nach Hause brachten.

VanBrook blieb noch zurück und sagte: »Meine Assistentin wird sich bezüglich der Exkursionen mit Ihnen in Verbindung setzen.«

Diesmal hatte Qwilleran eine Antwort parat. »Eine ausgezeichnete Idee«, sagte er, »aber ich stelle eine Bedingung. Ich bestehe darauf, daß Dennis die Schüler durch die Scheune führt und ihnen die Konstruktion und die Bauweise erklärt. Wenn Sie das in die Wege leiten und ihn dafür gewinnen können, bin ich gerne einverstanden.« Er wußte, daß sich der Schuldirektor und der Baumeister bei den Proben nicht miteinander vertragen hatten.