Die letzte Reise des Karl Marx - Hans Jürgen Krysmanski - E-Book

Die letzte Reise des Karl Marx E-Book

Hans Jürgen Krysmanski

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Beschreibung

Ein Muss (und Genuss) für alle, die sich für Karl Marx interessieren Zu Beginn des Jahres 1882 reist Karl Marx, um die Folgen diverser Krankheiten zu lindern, über Paris, Marseille und Algier nach Monte Carlo, wo er für einige Wochen in die Kasinobourgeoisie eintaucht und ihr Milieu studiert. Von Marx-Biographen bisher weitgehend unbeachtet, zeigt Hans Jürgen Krysmanski die Bedeutung dieser letzten Reise - nicht zuletzt auch für das Verständnis des Werks von Karl Marx.

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Seitenzahl: 98

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Hans Jürgen Krysmanski

DIE LETZTE REISE DES KARL MARX

eBook Edition

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www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-562-3

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2014

Foto Karl Marx: ullstein bild

Satz: Publikations Atelier, Dreieich

Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Printed in Germany

Karl Marx, Algier, 28. April, 1882 Aufnahme von E. Dutertre

Inhalt

Vorwort

Prolog

Kapitel IVon London ans Mittelmeer

Kapitel IIAlgier

Kapitel IIIMonte Carlo und der Kasinokapitalismus

Kapitel IVRückkehr nach London und Tod

Epilog

Anmerkungen

Literatur

Vorwort

Die letzten Monate im Leben von Karl Marx geben, so die Meinung fast aller Marx-Forscher und -Biographen, wenig her für das Verständnis seines Werks.

Dabei müssen von Marx in dieser kurzen Zeit Erfahrungen verarbeitet werden, die zum Teil völlig neu für ihn sind: Er verlässt zum ersten Mal Europa, muss die neuen Impressionen ohne große Bibliothek und intellektuelle Infrastruktur reflektieren, erfährt Kolonialismus real, verändert sein Aussehen (seine Ikonizität) radikal, taucht ein in die Kasinobourgeoisie Monte Carlos, erlebt das individuelle »wie viel Zeit bleibt mir noch?«, trinkt Milch mit Branntwein und verschlingt Groschenromane en gros.

Dieses Buch, das als Ideensammlung für einen Spielfilm begann, spielt mit den Elementen später Horizonterweiterung und bleibt zugleich – kleine Freiheiten ausgenommen – auf dem Boden der historischen Tatsachen. Nur Vera Stirner und das HISTOLABIUM (eine Sammlung geheimnisvoller Notizen) sind vollkommen fiktional. Und gerade deshalb vielleicht am dichtesten an der Realität.

Hamburg/Münster, im April 2014

Prolog

Algier, Kasbah, 28. April 1882. Ein basarähnlicher, tiefgestaffelter Laden, an dessen Außentür ein Schild verkündet: E. Dutertre, Barbier. Im hinteren Teil des Ladens schließt sich ein weiterer Raum an, erhellt durch ein Oberlicht. Über diesem Zugang steht: E. Dutertre, Photographe. Hier sitzt Karl Marx vor einem dunklen Vorhang, im Begriff, sich fotografieren zu lassen. Der Fotograf verschwindet unter dem schwarzen Tuch hinter seiner Studiokamera.

Marx: »Machen Sie ein möglichst gelassenes Fotogramm, Meister. Brustbild, Gesicht, je fais bonne mine à mauvais jeu!«

Er blickt ruhig und freundlich.

Dutertre – auf seiner Mattscheibe erscheint, auf dem Kopf stehend, Marxens letztes Bild –: »Halten Sie still! Alors! Wie viele Kopien, Monsieur?«

»Zehn Kopien, ich habe drei Töchter und einige Freunde.«

Abrupt erhebt sich Marx und setzt sich im vorderen Teil des Ladens in einen der Barbierstühle. Am Abend des gleichen Tages schreibt er an Engels: »Apropos; vor der Sonne habe ich den Prophetenbart und die Kopfperücke weggeräumt, aber (da meine Töchter dies besser haben) mich photographieren lassen vor dem Haaropfer auf Altar eines algierschen Barbiers.«1

Karl Marx ist an diesem späten Apriltag 1882 äußerlich ein Anderer geworden.

Kapitel I

Von London ans Mittelmeer

London, 19. Januar 1882, Karl Marx in seinem Arbeitszimmer in der Maitland Park Road. Der lichtdurchflutete Raum, an dessen Seitenwänden sich Bücherschränke befinden, ist über und über mit Büchern gefüllt, und bis zur Decke stapeln sich Zeitungspakete und Manuskripte. Gegenüber einem Kamin und an einer Seite des Fensters stehen zwei Tische voll mit Papieren, Büchern und Zeitungen. In der Mitte des Raums, im günstigsten Licht, befinden sich ein einfacher kleiner Arbeitstisch und ein Lehnstuhl aus Holz. Vor einer anderen Wand steht ein Ledersofa, auf dem Kaminsims liegen ebenfalls Bücher, dazwischen Zigarren, Zündhölzer, Tabaksbehälter, Briefbeschwerer, viele Fotografien.1 Friedrich Engels und Lenchen Demuth (die Betreuerin des Hauses) treten ein.

Engels: »Los geht’s, Mohr.«

Lenchen: »Aber vergiss nicht den Grocer …«

Marx und Engels verlassen das Haus. In der Haustür steht Lenchen und ruft ihnen durch Kälte und Nässe noch etwas nach. Die beiden haben es eilig, denn im nahegelegenen Haus von Engels wartet Besuch. Marx blickt noch grimmiger als sonst. Kurz zuvor hatten Deutschlands Bourgeoisblätter verkündet, nach dem Tod seiner geliebten Frau Jenny liege nun auch er im Sterben. Marx trauert unendlich über den Verlust und ist nicht gesund, aber er hatte ausgerufen: »Sehr amüsant. So muss ich, der mit der Welt zerfahrene Mann, also den Gazetten zuliebe mich notwendig wieder aktionsfähig machen.«2

Engels, der in der Marx’schen Familie auf den englisch ausgesprochenen Spitznamen General (»Dschäneräll«) hört, rät dem lungenkranken Freund schon seit langem zu einer gründlichen Heilkur, denn Kurzaufenthalte am Meer, auf der Isle of Wight, haben wenig genützt.

Die beiden überqueren die nahe Eisenbahnbrücke. Aus Engels’ Manteltasche ragt ein Bündel Zeitungen. Marx deutet drauf mit seiner angerauchten Zigarre.

»Please, Fred! Fort mit diesem Geschreibe über meinen Tod.«

Er tut einen tiefen Zug.

»Eh ich’s vergess: Die vierzig Pfund, die du mir gabst für die Kur in Ventnor, sind aufgebraucht. Und Lenchen fehlt Haushaltsgeld.«

Er hustet, wirft die Zigarre weg.

Engels wickelt sich enger in seinen weiten Mantel: »Nächste Woche sind stärkere Summen flüssig.«

Das Zeitungsbündel droht, sich selbständig zu machen. Marx ergreift die Blätter, zerreißt sie und lässt die Schnipsel von der Brücke flattern.

Engels bleibt gelassen: »Mich freut, dass du dich stark genug fühlst für die Reise nach dem Süden!«

Marx grummelt: »Nach den preußischen Todeswünschen muss ich ja den verdammten Hunden zum Trotz erst recht lange leben!3 Aber warum partout Algier?«

»In Italien würdest du verhaftet. Und du hast keinen Pass.«

Marx denkt: »Wenn diese verfluchte Krankheit einem nur nicht das Gehirn angriffe.«4

Der wohlhabende Engels hat die finanziellen Voraussetzungen geschaffen für eine lange Erholungsreise seines Freundes in wärmere Breitengrade. Zunächst soll ein Aufenthalt in Algier Linderung der Beschwerden bringen, welche (wie Engels meint) die Arbeit an weiteren Bänden von Das Kapital beeinträchtigen. Die französische Kolonialbastion im Maurenland ist ein bevorzugter Kurort der englischen Oberschicht. Es wird eine teure Reise. Doch für Engels und Marx ist ihre finanzielle Symbiose eine Selbstverständlichkeit. Wo anders hinein als in Wissen, in Zukunftswissen, ist Geld besser investiert. Der allgemeine Forscherdrang des 19. Jahrhunderts zahlt sich aus an diesem konkreten Punkt des Universums. In ihrer Zwei-Personen-Denkfabrik ist in vierzig Jahren ein einzigartiger Wille zum Wissen herangewachsen.

»Jetzt erst recht«, hat Marx gesagt, als seine Krankheit schlimmer wurde.

Und Engels hat gemahnt: »Jetzt aber anders.«

Alles, was Marx von nun an denkt und schreibt, wird in sein Reisegepäck, in eine dicke Extramappe passen müssen oder in die Briefumschläge, die er an seine Töchter, an Engels und Freunde adressiert. Der in London Bleibende und der in den Süden Aufbrechende spüren, dass ihre große Kapitalanalyse und ihre eigensinnige Geschichtsauffassung noch eine erweiterte, eine andere Perspektive vertragen können. Das Milieu des Fin de Siècle und der Wille zur Macht, den einige der »neuen Denker« verkünden, fordern zwei alte Aufklärer heraus. Und sie denken längst nicht mehr nur an die Organisation der Arbeiterklasse, sondern sie wollen die neue Eigentümerklasse mitten ins Herz – das Herz aus Börsengold – treffen.

Das Wissen der Zeit, das Marx und Engels unablässig sammeln und ordnen, dient also nicht mehr einzig und allein der Beratung der neuen Arbeiterbewegungen in Europa und Nordamerika. Sie wollen mehr, vor allem wollen sie wissen, wie man die wuchernden Börsen zum archimedischen Punkt der Revolution machen kann.

Die Londoner Wohnungen von Engels und Marx sind private Forschungsinstitute, die einen ständigen Strom politischer Flüchtlinge, ratsuchender Revolutionäre und neugieriger Professoren bewältigen. An diesem 19. Januar 1882 warten im schönen Haus von Engels eine kleine sächsische Arbeiterdelegation und eine Gruppe russischer Revolutionäre. Unter ihnen ist Wera Iwanowna Sassulitsch5, eine ebenso hübsche wie entschlossen wirkende junge Frau. Diese Narodniki, die alle kaum englisch, aber sehr gut deutsch sprechen, stellen Fragen und wollen Antworten zur »revolutionären Situation der Zeit«. Die Sachsen hören brav zu. Engels’ Lebensgefährtin Lizzy serviert Tee und Gebäck.

Schon in einem früheren Brief an Marx hatte Wera Sassulitsch6 wissen wollen, ob Geschichte sich immer nach einem bestimmten Schema entwickelt. Bestand die historische Notwendigkeit, die in Russland weitverbreiteten, auf Gemeineigentum beruhenden Dorfgemeinschaften erst der Zerstörung durch den Kapitalismus zu überlassen, bevor aus all den Trümmern der Weltsozialismus aufgebaut werden könne? Hatten Marx und Engels nicht schon im Kommunistischen Manifest von 1848 (das von Wera Sassulitsch wunderbar ins Russische übersetzt worden war) und später im Kapital den ehernen Gang der Weltgeschichte genau so beschrieben? Galt das alles aber vielleicht nur für Westeuropa und dessen nordamerikanischen Abzweig? Konnte es in Russland nicht einen direkten Übergang von der Welt dörflicher Gemeinschaften in den Sozialismus geben? Ohne vorheriges Chaos?

Und nun fragt Wera Marx von Angesicht zu Angesicht. Ist der Weg der Verwandlung des feudalistischen Privateigentums in kapitalistisches Privateigentum und dann in sozialistisches Gemeineigentum nicht ein anderer als der mögliche russische Weg der Verwandlung von bäuerlichem Gemeineigentum in sozialistisches Gemeineigentum – auch wenn eine Übergangsperiode des Privatkapitalismus sich dazwischen schöbe? Bei diesen Fragen konnte einem schon schwindlig werden.

Marx macht nicht die beste Figur in dieser Diskussion. Die sächsischen Zuhörer staunen stumm. Die jungen Narodniki fragen: »Was sind die nächsten revolutionspraktischen Schritte?«

Marx müht sich um eine hochtheoretische Antwort. Man müsse die Welt als Ganzes sehen, man brauche ein Weltmodell, und im Zentrum stünde die weltweite Börsenspekulation. Die Theorie ist aber wohl noch nicht so weit, und deshalb übernimmt Engels wortreich das Explizieren, streut Anekdoten ein über die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands und über Wilhelm Liebknechts und August Bebels Abenteuer im Reichstag, ihre Gefängnisstrafen und Ausweisungen. Schließlich bedeutet er Lizzy, die Teeproduktion einzustellen, und holt mit Hilfe eines der jungen Sachsen Wein und Bier aus dem Keller.

Paris, Gare de Lyon, 16. Februar 1882, drei Uhr nachmittags. Drei junge Frauen, seine Töchter, eskortieren Karl Marx über den belebten Vorplatz des Gare de Lyon. Die jüngste von ihnen, Eleanor, genannt Tussy, eilt mit wehendem schwarzen Haar und blitzenden Augen voraus. Sie hat Marxens schweren Paletot, seinen »Rhinozerosüberrock«, über die Schulter geworfen. Die beiden anderen, Ende dreißig, eingehakt bei dazugehörigen Ehemännern, die unverkennbar der großstädtischen Intellektuellenszene entstammen, halten Schritt mit Marx. Die Gruppe wird umspielt von drei Knaben zwischen vier und sechs Jahren. Jenny, Mutter der Jungen und Marxens älteste Tochter, ist mit Charles Longuet verheiratet, einem Journalisten und bekannten sozialistischen Politiker, Veteran des Aufstands der Pariser Commune. Er trägt einen schweren schwarzen Koffer. Der Ehemann der mittleren Tochter Laura, Paul Lafargue, ist ebenfalls ein sozialistischer Schriftsteller. Er hat zu Hause ein unfertiges Buchmanuskript mit dem Titel Lob der Faulheit liegen und trägt das zweite Gepäckstück von Marx, eine große karogemusterte Reisetasche. Tussy hat sich gerade unter dem unerbittlichen Druck ihres Vaters von ihrem Verlobten, dem Journalisten Lissagaray, getrennt und wirkt wie auf der Flucht. So strebt Marx im Kreis seiner Familie der erhofften Heilung entgegen.

Die Wagen des »Chemin de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée« stehen abfahrbereit am Bahnsteig. Karl Marx schickt sich an, umringt von Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkeln, ein Abteil der ersten Klasse zu besteigen. Sein Gepäck wird durch Träger und Schaffner ins Abteil bugsiert. Jenny reicht ihm einen Beutel, Tussy den schweren Mantel. Die Jungen sind kaum zu bändigen.

Jenny: »Deine übrigen Medikamente!«

Tussy benutzt des Vaters Spitznamen: »Mohr, zieh ihn an, deinen Rhinozerosüberrock, es ist kalt.«

Die Jungen: »Zieh ihn an, zieh ihn an, Grandpa!«

Marx hängt sich das Ungetüm über, lacht, hustet heftig, fasst sich an die Brust, blickt traurig.

Er wendet sich zu Jenny und murmelt: »Wie werd ich das überstehen, Jennychen. Ich denke nur an Mama.«

Im Gewimmel hält Longuet ein Buch hoch, Gustave Flauberts La Tentation de Saint Antoine. Er drückt es Marx in die Hand: »Damit du auf andere Gedanken kommst, Schwiegerpapa!«

Soll Papa Marx sich etwa als heiliger Antonius empfinden, ankämpfend gegen die Versuchungen des Fin de Siècle? Tussy steht etwas abseits. Laura und Lafargue reichen eine Flasche Branntwein durchs herabgekurbelte Abteilfenster. Die Familie winkt im Gleichtakt, als die Waggons sich in Bewegung setzen.