Die Nächte von Paris - Rétif de la Bretonne - E-Book

Die Nächte von Paris E-Book

Rétif de la Bretonne

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Beschreibung

Nachts in der damals größten Stadt der Welt – und Augenzeuge, als die Revolution ausbricht.Ein Standardwerk der Paris-Literatur, der Großstadt- und der Revolutionsreportage.

Zwanzig Jahre lang hat der »Nächtliche Zuschauer« Rétif de la Bretonne damit zugebracht, nach Sonnenuntergang die damals größte Stadt der Welt zu erkunden: Paris. In einem an Tausendundeine Nacht erinnernden Rahmen präsentiert er die merkwürdigsten seiner Erlebnisse und Begegnungen den Lesern. Grabräuber – Bücherschmuggel in Gemüsegärten – Die bedrängte Frau – Der Geräderte – Fleißige Nichtstuer – Der Plakatabreißer – Das Geheimnis der Waschfrauen – Der nützliche Spion – Der Zeittotschläger – Die ersten Ballons – Tumult und Radau: Schon eine kleine Auswahl aus dem Inhaltsverzeichnis lässt erahnen, was für ein Schatz an Geschichten und Beobachtungen hier zusammengekommen ist.

Im Dezember 1788 erscheinen die ersten zwölf Bände dieses Riesenwerks, zwei weitere folgen im April 1789. Da spürt Rétif schon, wie sich in der Metropole neuer Stoff zu sammeln beginnt, Zündstoff für die Weltgeschichte. Er ist beim Ausbruch der Revolution selbst mit dabei. Von der Bastille kommt ihm eine Gruppe von Revolutionären mit den aufgespießten Köpfen des letzten Gouverneurs dieses Gefängnisses und des eben noch amtierenden Bürgermeisters von Paris entgegen. Er wird in den nächsten Jahren immer wieder Augenzeuge von Mord und Zerstörung, von Phasen des Glücks- und Freudentaumels, von Gräueltaten, Massakern, Hinrichtungen – und setzt sein Buch fort.

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Seitenzahl: 716

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Rétif de la Bretonne

Die Nächte von Paris

»Was gibt es nicht alles zu sehen, wenn aller Augen geschlossen sind!«Ausgewählt, aus dem Französischen übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Reinhard Kaiser

Kurzübersicht

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Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Über Rétif de la Bretonne

Über dieses Buch

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

Abbildung: Rétif de la Bretonne

Mit dem Nächtlichen Zuschauer unterwegs

Die Nächte von Paris

Erster Teil Die Nächte von Paris. Vor 1789

Vorbemerkung eines Buchhändlers

Der Plan (1. Nacht)

Die Schwermütige (2. Nacht)

Fortsetzung. Der Brief der Schwermütigen (3. Nacht)

Fortsetzung. Der Nachtmensch (4. Nacht)

Das trauernde Herz (5. Nacht)

Die beiden Mädchen (6. Nacht)

Der Geldbeutel der armen Leute (6. Nacht)

Woraus besteht Ihr Leben? (7. Nacht)

Das Loch in der Mauer (7. Nacht)

Das gerettete Mädchen (8. Nacht)

Epimenides – Sein Schlaf und sein Erwachen (9. Nacht)

Der Betrunkene (9. Nacht)

Die Verwunderung des Epimenides (10. Nacht)

Der Geräderte (10. Nacht)

Epimenides in Knossos (11. Nacht)

Die bedrängte Frau (11. Nacht)

Fortsetzung (13. Nacht)

Das Freudenmädchen (15. Nacht)

Das Geheimnis der Waschfrauen (18. Nacht)

Die Lumpensammlerin (19. Nacht)

Nachts in den Hallen (24. Nacht)

Die Rinnsteine (30. Nacht)

Leichenteile (31. Nacht)

Grabräuber (32. Nacht)

Närrisches Unwesen (33. Nacht)

Bezahltes Tanzvergnügen (33. Nacht)

Der Ermordete (57. Nacht)

Der Blinde im Licht (61. Nacht)

Verdorbene Vorräte (70. Nacht)

Das Feuerwerk an Sankt Johannis (72. Nacht)

Die Absteige (73. Nacht)

Nächtliches Gewitter (75. Nacht)

Der Brand (76. Nacht)

Gewürzhändler und Drogist in einer Person (77. Nacht)

Der Mann mit dem glatten Haar (81. Nacht)

Die Ärzte (88. Nacht)

Die Tuilerien (102. Nacht)

Die Katastrophe auf der Place Louis XV. (111. Nacht)

Der Jardin des Plantes (112. Nacht)

Die Schandtat (129. Nacht)

Die beiden Arbeiter (142. Nacht)

Der tobsüchtige Hund (145. Nacht)

Straßenlaternen (151. Nacht)

Fleißige Nichtstuer (154. Nacht)

Der Finder (155. Nacht)

Der Plakatabreißer (156. Nacht)

Die Laternenzerstörer (167. Nacht)

Dachrinnen und Fallrohre (171. Nacht)

Die Rückkehr der Soupers (171. Nacht)

Die lebende Tote (172. Nacht)

Knochen, Wasser, Asche (178. Nacht)

Verbotene Bücher (181. Nacht)

Der klebrige Teller (183. Nacht)

Man hält mich für einen Mönch (183. Nacht)

Die Bäder an den Seine-Ufern (186. Nacht)

Die Billard-Lokale (188. Nacht)

Hohe Absätze (189. Nacht)

Ein Mann sitzt Modell (192. Nacht)

Das weibliche Modell (194. Nacht)

Das Café (199. Nacht)

Menschenscheu (200. Nacht)

Tauwetter (200. Nacht)

Der nützliche Spion (207. Nacht)

Von der Nützlichkeit alter Frauen (210. Nacht)

Die Cafés. Fortsetzung (215. Nacht)

Das Café. Fortsetzung: Die Politiker (231. Nacht)

Das Café. Fortsetzung: Spione (233. Nacht)

Das Jahr 1888 (233. Nacht)

Die Zeittotschläger (234. Nacht)

Die Straßenecke bei den Großen Stufen (235. Nacht)

Das Jahr 1888. Fortsetzung (235. Nacht)

Veränderungen in Paris. Fortsetzung (236. Nacht)

Die Lotterie 7777 (239. Nacht)

Im Jahr 7777 (241. Nacht)

Im Jahr 7777. Fortsetzung (242. Nacht)

Die Bettlerin mit dem Kind (243. Nacht)

Zerschnittene Kleider (264. Nacht)

Der Brand der Oper (282. Nacht)

Die zänkische Fromme (282. Nacht)

Vom Zauber der Erinnerungen (283. Nacht)

Glückliche Begebenheit (283. Nacht)

Meine Daten auf der Île Saint-Louis (295. Nacht)

Nächtliches Treiben in den Tuilerien (301. Nacht)

Gelöschte Inschriften (307. Nacht)

Die ersten Ballons (344. Nacht)

Merciers »Tableau de Paris« (348. Nacht)

Ansprache an das Publikum (348. Nacht)

Zwischenfall auf einem Schleppkahn (359. Nacht)

Tumult und Radau (371. Nacht)

Unersetzlicher Verlust (377. Nacht)

Neues Unglück, neuer Trost (381. Nacht)

Nachbemerkung

Ein Bilderbogen aus dem nächtlichen Paris

Zweiter Teil Die nächtliche Woche. Sieben Nächte in Paris. 1789

Vorrede

I. Nacht. Der 27. April 1789. Unruhe im Faubourg Saint-Antoine (381. Nacht)

II. Nacht. Der 12. Juli 1789. Säbelhiebe in den Tuilerien (382. Nacht)

III. Nacht. Der 13. Juli 1789. Der letzte Tag der Reichen ist gekommen (383. Nacht)

IV. Nacht. Der 14. Juli 1789. Die Bastille erobert … – Ich glaube das nicht (384. Nacht)

V. Nacht. Der 17. Juli 1789. Ludwig kommt nach Paris (385. Nacht)

VI. Nacht. Der 22. Juli 1789. Bertiers Unglück (386. Nacht)

VII. Nacht. Vom 5. auf den 6. Oktober 1789. Der Zug der Marktfrauen nach Versailles (387. Nacht)

Dritter Teil Zwanzig Nächte in Paris. 1790–1793

Vorbemerkung zu diesem 16. Band

I. Nacht. Vom 13. auf den 14. Juli 1790 (389. Nacht)

II. Nacht (390. Nacht)

III. Nacht. Vom 27. auf den 28. Februar 1791 (391. Nacht)

IV. Nacht. Vom 17. auf den 18. April 1791 (392. Nacht)

V. Nacht. Vom 20. auf den 21. Juni 1791 (393. Nacht)

VI. Nacht. Vom 23. auf den 24. Juni 1791 (394. Nacht)

VII. Nacht. Vom 16. auf den 17. Juli 1791 (395. Nacht)

VIII. Nacht. Vom 26. auf den 27. September 1791 (396. Nacht)

IX. Nacht. Vom 19. auf den 20. Juni 1792 (397. Nacht)

X. Nacht. Vom 9. auf den 10. August 1792 (398. Nacht)

XI. Nacht. Vom 28. auf den 29. August 1792 (399. Nacht)

XII. Nacht. Die Massaker vom 2. bis zum 5. September 1792 (400. Nacht)

XIII. Nacht. Vom 3. auf den 4. September. Die Salpêtrière (401. Nacht)

XIV. Nacht. Vom 5. auf den 6. Oktober 1792. Ludwig im Turm (402. Nacht)

XV. Nacht. Der 25. November 1792. Kriegsereignisse (403. Nacht)

XVI. Nacht. Vom 25. auf den 26. Dezember 1792. »Morgen soll er vor Gericht erscheinen.« (404. Nacht)

XVII. Nacht. Vom 15. auf den 16. Januar 1793. Im Palais Egalité (405. Nacht)

XVIII. Nacht. Vom 20. auf den 21. Januar 1793. Die Hinrichtung (406. Nacht)

XIX. Nacht. Vom 27. auf den 28. Januar 1793. Nächtliche Durchsuchung im Palais Egalité (407. Nacht)

XX. Nacht. Vom 26. auf den 27. Februar 1793. Die Lebensmittelhändler werden geplündert (408. Nacht)

XXI. Nacht. 28. Februar 1793. Verwüstungen (409. Nacht)

I. zusätzliche Nacht. 2., 3., 4. April 1793 (410. Nacht)

II. zusätzliche Nacht. 6. und 13. Mai 1793. Zwölftausend Freiwillige (411. Nacht)

III. zusätzliche Nacht. 31. Mai, 1., 2., 3., 4., 5. Juni 1793 (412. Nacht)

IV. zusätzliche Nacht. 13.–16. Juli 1793 (413. Nacht)

V. zusätzliche Nacht. 10. bis 28. August 1793 (414. Nacht)

Anhang

Zu dieser Ausgabe

Lebensdaten von Rétif de la Bretonne

Literaturhinweise

Danksagung

Verzeichnis der im Text erwähnten Straßen und Plätze

Die französische Währung vor der Revolution

Namenregister

Hinweis

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis

Mit dem Nächtlichen Zuschauer unterwegs

Von Reinhard Kaiser

Die erste ausführliche Schilderung der Person Rétifs, seines Lebens und seines Werkes stammt von Michel de Cubières-Palmézeaux (1752–1820), einem vielseitig interessierten Literaten, der sich in Frankreichs extrem wechselhaften politischen Verhältnissen sein Leben lang gut zurechtfand. Cubières begegnete dem achtzehn Jahre älteren Rétif (1734–1806) zum ersten Mal an einem der letzten Tage des Jahres 1786 – in der Buchhandlung der Witwe Duchesne an der Rue Saint-Jacques in Paris. Dort hatte man Rétif eine Kammer zur Verfügung gestellt, in der er kurz zuvor mit der Arbeit an den Nächten von Paris begonnen hatte. Cubières-Palmézeaux schildert die Szene.

 

Ich trete ein und sehe mitten im Laden einen Mann stehen – er trägt einen Hut mit breiter Krempe, die sein ganzes Gesicht überschattet, und einen weiten Mantel aus grobem, schwärzlichem Stoff. […] Der Mann zieht eine kleine Kerze aus der Tasche, entzündet sie an dem Leuchter auf der Theke, setzt sie in eine Laterne, die er schließt, und steigt dann die Treppe hinauf in seine Kammer, ohne ein Wort zu sagen, ohne sich umzusehen oder jemanden zu grüßen. Ich fragte, wer das sei. »Na, so was! Den kennen Sie nicht?«, erwiderte man. »Das ist Restif de la Bretonne.«[a]

 

Am nächsten Tag um die gleiche Stunde kommt Cubières noch einmal in den Laden. Diesmal hat er sich sogar ein paar Fragen zurechtgelegt, die dem verschlossenen Schriftsteller wohl geschmeichelt hätten, denn sie gelten seinen Werken. Rétif jedoch entzündet abermals wortlos seine Kerze am Leuchter auf der Ladentheke und geht ohne Gruß nach oben. Erst fünf oder sechs Jahre später begegnet Cubières ihm wieder – diesmal im Salon von Fanny de Beauharnais. Cubières fragt ihn, ob er sich an die Begegnung bei der Witwe Duchesne erinnere, und diesmal antwortet ihm Rétif sehr freundlich.

 

»Was blieb mir anderes übrig?«, sagte er. »Ich arbeitete damals an meinem ›Eulen-Zuschauer‹, und weil ich dabei nun einmal eine wirkliche Eule sein wollte, hatte ich mir geschworen, mit niemandem zu sprechen.« – »Eulen wie Sie«, erwiderte ich, »sind eigentlich Adler.« Die Bemerkung schien ihm zu gefallen, denn seither begegnete er mir stets freundschaftlich und mit Wohlwollen.[b]

 

Kombiniert man die sinnbildlichen Eigenschaften der beiden Vogeltiere, die Cubières hier herbeizitiert, so kommt einiges zusammen. Vom Adler die Tatkraft, die Spannweite, der Weit- und der Scharfblick, das furchtlose Streben. Von der Eule die kluge Verschwiegenheit, der Eifer für die Wissenschaft und die geistige Arbeit bei Nacht.[c]

*

Nicolas-Edme Rétif de la Bretonne kam am 23. Oktober 1734 zur Welt – in Sacy, einem auch heute noch winzigen Dorf in Niederburgund, etwa 25 Kilometer südöstlich von Auxerre. Sein zweiter Vorname »Edme«, eine Abwandlung von »Edmond«, ist in diesem Teil von Burgund ziemlich populär. Der heilige Edme, ein aus England stammender Geistlicher des 13. Jahrhunderts, liegt in der Nähe von Auxerre begraben. Den Beinamen »de la Bretonne« hat sich Nicolas später selbst zugelegt – kein Adelsprädikat und auch kein Indiz für eine Herkunft der Familie aus der Bretagne, sondern der Name des Hofguts »La Bretonne« in Sacy, den er später im Leben dankbar aufgreift und nutzt. Der Vater hat dieses Gut 1740 gekauft, und 1742 zieht die Familie mit dem Gesinde dorthin um – vom westlichen Ende des Dorfes an das östliche. Seinen eigentlichen Vaters- oder Familiennamen schreibt Nicolas mal »Rétif«, mal »Restif« und gelegentlich auch »Rectif«.

*

Rétif de la Bretonne hat sich mit der Zeit in der Bücherbranche von Paris einen Namen gemacht. Zwanzig Jahre bevor Cubières-Palmézeaux ihm bei der Witwe Duchesne begegnet, hat der gelernte Drucker und Setzer den Beruf gewechselt. Er ist Schriftsteller geworden und beginnt bald, eine ungeheure Aktivität zu entfalten. Seinen ersten Roman – Die tugendhafte Familie – in vier Bänden hat er noch während der freien Zeit geschrieben, die ihm seine Arbeit als Werkstattleiter in der Druckerei des Herrn Quillau ließ. Mit dem Sprung in die Selbstständigkeit wartet er, bis sein Buch im November 1767 in den Buchhandel gelangt. Viel Aufsehen scheint es zwar nicht erregt zu haben, denn im Jahre 1784 sind immer noch Exemplare der ersten Auflage lieferbar.[d] Aber entmutigen lässt sich Rétif von nun an nicht mehr. Bis in die Zeit der Revolution vergeht kaum noch ein Jahr, in dem er nicht zumindest ein neues Werk, oft auch mehrere herausbringt. Außerdem kommt es immer wieder zu Nachauflagen, die nicht selten mit einer Überarbeitung des Textes und allerlei Korrekturen verbunden sind. So ist Rétif ständig auf mehreren Baustellen gleichzeitig tätig.

Im zweiten Jahr seines Schriftstellerdaseins – 1768 – bringt er nur ein Buch heraus, einen kleinen Roman von etwa 200 Seiten – Lucile oder Der Fortschritt der Tugend. Dafür treten 1769 gleich vier Werke in Erscheinung, drei davon mehrbändig: Der Fuß der Fanchette in drei Bänden, Das nötige Vertrauen in zwei Bänden, Die natürliche Tochter ebenfalls in zwei Bänden und schließlich Le Pornographe – Der Pornograph oder Gedanken eines ehrenwerten Herrn über ein Projekt zur Regulierung der Prostitution.

Hierbei handelt es sich um den ersten Band einer Reihe von Versuchen unter dem Obertitel Idées singulières – Eigentümliche Ideen –, Vorschläge zu gesellschaftlichen Reformen, die Rétif für dringend geboten hält. Manche von ihnen sind bis zu den Frühsozialisten ins 19. Jahrhundert durchgedrungen. Die weiteren Bände befassen sich mit der Reform des Theaters, mit Ideen zur Verbesserung der Stellung der Frauen in ganz Europa und zu einer allgemeinen Reform der Sitten und damit des Glücks der Menschheit, und schließlich mit Überlegungen zu einer allgemeinen Reform der Gesetzgebung. Unvollendet bleiben allerdings Rétifs Vorschläge zur Reform der französischen Orthographie.

Daneben entstehen weitere literarische Werke – Ein Haushalt in Paris, Die Schule der Väter, Das Leben meines Vaters, Das letzte Abenteuer eines Mannes von 45 Jahren, Die untreue Frau und einige andere. Eine große Zahl von Frauengeschichten, Frauenporträts, Frauencharakteren hat Rétif in jeweils mehrbändigen Sammlungen zusammengefasst: Zeitgenossinnen – Französinnen – Pariserinnen.

Aber das zu seinen Lebzeiten am meisten beachtete und am häufigsten illegal nachgedruckte Werk Rétifs bleibt der 1775 in vier Bänden erschienene Briefroman Der verführte Landmann oder Die Gefahren der Stadt. Er handelt von einem Mann aus der tiefsten Provinz, Edmond, dem das Leben in der Stadt – zunächst in Auxerre, später in Paris – mit all seinen Abgründen ganz und gar nicht zum Glück gereicht, sondern zum Verhängnis wird.

*

Nach etlichen weiteren literarischen Werken wendet sich Rétif gegen Ende des Jahres 1783 einem neuen, umfangreichen Projekt zu. Er will sein eigenes Leben unverkleidet, in strenger Aufrichtigkeit schildern. Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz – diesen Titel wird das Werk eines Tages bekommen. Zu Beginn seiner Laufbahn als Schriftsteller hatte er diesen Plan schon einmal erwogen, dann jedoch wieder verworfen – aus Scheu und Befangenheit und weil er zögerte, die Frage mit Ja zu beantworten, ob er sich und sein Leben für so interessant und bedeutsam halte, dass die Welt davon erfahren sollte. Nun aber will er dieses Vorhaben in Angriff nehmen, ermutigt auch durch die Bekenntnisse von Jean-Jacques Rousseau, deren erster Band 1782, vier Jahre nach Rousseaus Tod[e], erschienen ist. Der Leserin und dem Leser seines Monsieur Nicolas verspricht Rétif:

 

Weder wirst du durch Flitter betrogen, noch über die Tatsachen getäuscht werden. Romane […] habe ich genug geschrieben. Nun dürstet es mich nach der reinen Wahrheit, und die werde ich dir vorlegen, denn nur durch sie kann dieses Werk von Nutzen sein.[f]

 

Bei den Bruchstücken frühester Erinnerungen beginnend, schildert Rétif hier seine Kindheit und sein Heranwachsen in einer Fülle lebhafter, merkwürdiger, bisweilen ans Unglaubliche grenzender Einzelheiten – eine gute Gelegenheit, an dieser Stelle noch einiges über seine jungen Jahre nachzutragen.

*

Nicolas hat sieben ältere Geschwister, zwei Brüder und fünf Schwestern. Sie stammen aus der ersten Ehe des Vaters, der nach dem Tod seiner ersten Frau noch einmal heiratet. Nicolas ist das erste Kind aus dieser zweiten Ehe. Ihm folgen noch sechs weitere.

Einige der älteren Schwestern sind schon verheiratet und in die nähere oder fernere Umgebung von Sacy gezogen. So kommt Nicolas schon als Kind viel herum und wohnt, seit er das Schulalter erreicht hat, oft auch für längere Zeit in Nachbarorten und geht dort zur Schule – ein neugieriger und zugleich schüchterner Knabe, dem schon früh klar wird, wie viel lieber als die Männer ihm die Frauen und die Mädchen sind.[g]

Eine wichtige Rolle spielen in seiner Jugend die erwachsenen Halbbrüder aus der ersten Ehe des Vaters. Beide sind unverheiratet, und beide haben eine geistliche Laufbahn eingeschlagen. Der ältere versieht schon eine Stelle als Pfarrer in einem Nachbarort – Courgis. Der jüngere, der Abbé Thomas, arbeitet eine Zeitlang als Lehrer in der »Schule der Chorknaben« in Bicêtre bei Paris und kann auch Nicolas dort unterbringen. Dieses Bicêtre existiert als Hospital und Armenhaus seit der Mitte des 17. Jahrhunderts. Inzwischen sind eine »Correction« oder Erziehungsanstalt und ein Gefängnis hinzugekommen. In Rétifs Berichten über die Revolutionsnächte von Paris wird von Bicêtre noch die Rede sein.[h]

Der Vater begleitet seinen inzwischen zwölfjährigen Sohn auf dem Weg dorthin, und Nicolas schildert in seiner Lebensbeschreibung, wie ihm zumute ist, als er die riesige Stadt zum ersten Mal in der Ferne liegen sieht.

 

Hinter Villejuif erblickten wir eine ungeheure Masse von Häusern und darüber eine Wolke aus Rauchschwaden. Ich fragte meinen Vater, was das sei.

»Das ist Paris. Eine große Stadt! Man kann sie gar nicht ganz sehen, von hier aus.«

»Ah, wie groß Paris ist! Es ist bestimmt so groß wie das Gebiet von Vermenton bis Sacy und von Sacy bis Joux!«

»Ja, mindestens.«

»Und wie viele Leute es da geben muss!«

»Es sind so viele, dass sie sich untereinander gar nicht kennen, sogar in der Nachbarschaft nicht und nicht mal im eigenen Haus.«

Ich überlegte einen Augenblick und sagte dann: »O Vater! Da möchte ich wohnen, mein Leben lang.«[i]

 

Schon hier, so scheint es, kommt sich Rétif vor wie der geborene Großstädter. Sein erster Aufenthalt in der Nähe von Paris beginnt im Oktober 1746 und endet im Dezember des folgenden Jahres. Da wird die jansenistisch inspirierte Gemeinschaft[j] von Bicêtre auf Betreiben des neuen Erzbischofs von Paris, Christophe de Beaumont, aufgelöst. Nicolas und der Abbé Thomas kommen zunächst bei ihrem älteren Bruder im Pfarrhaus von Courgis unter. Nicolas geht dort in die Schule und lernt nun mit großem Eifer auch Latein.

Überall, wo er sich aufhält, knüpft er Verbindungen zu den jungen Mädchen und Frauen, denen er begegnet. Gerade die liebreizendsten unter ihnen verehrt er oft heimlich und aus der Ferne, lässt es sich aber auch gefallen, wenn andere – Beherztere – sich ein Vergnügen daraus machen, mit ihm zu tändeln, ihm zärtlich oder auch stürmisch so nahe zu kommen, wie es nur eben geht. Nicolas beginnt, in seiner Geheimsprache Latein Aufzeichnungen über seine Erlebnisse anzufertigen – über die Mädchen, die es ihm besonders angetan haben, etwa über eine Jeannette Rousseau, die er sein Leben lang verehrt, obwohl er, als es möglich gewesen wäre, nie auch nur ein Wort mit ihr gesprochen hat.

 

Diese Aufzeichnungen wurden für mich, solange ich sie aufhob, zu einer Art Talisman. Sie spornten meinen Mut an. Sobald er nachließ, versteckte ich mich, um sie zu öffnen, und Jeannettes Name gab mir neue Kraft zur Arbeit, zum Studieren und zu allen Tugenden.[k]

 

Seinen älteren Brüdern wird die Geheimniskrämerei, die Neugier und selbst der Lerneifer des Jüngeren mit der Zeit so verdächtig, dass sie ihn zum Vater nach Sacy zurückschicken. Der findet schließlich einen Beruf, gleichsam in der Mitte zwischen Handwerk und Gelehrsamkeit, auf den Nicolas sich einzulassen bereit ist – nicht die geistliche Laufbahn, für die auch er eigentlich bestimmt war, sondern eine Lehre in der Druckerei von François Fournier in Auxerre. Und wieder erlebt der inzwischen sechzehn Jahre alte Nicolas den Umzug in eine Stadt als großes Glück.

 

Plötzlich bin ich mein eigener Herr, was die Sitten und das Betragen angeht. Ich, der ich mich bisher so beengt gefühlt hatte – durch meine Brüder und auch bei meinen Eltern! Ich, der ich die Frauen nur mit Zittern ansehen konnte, bin plötzlich in einer Stadt, wo die Häuser nicht abgesondert voneinander stehen, wie das Pfarrhaus in Courgis oder das Hofgut La Bretonne. Sie stoßen aneinander, und sie sind voll hübscher Mädchen. Ich, der ich so leicht erregbar war, befand mich plötzlich inmitten von allem, was die Leidenschaften entflammen kann.[l]

 

Die Lehrzeit beginnt im Juli 1751. Die Gesellen wohnen zur Miete irgendwo in der Stadt. Der Lehrling bekommt eine Kammer im Haus des Druckereibesitzers zugewiesen. Wie sich Nicolas in der folgenden Zeit dessen Frau nähert, hat er in der Geschichte seines Lebens ausgiebig geschildert. Dort heißt diese hinreißende Person, die einige Jahre älter ist als er, Madame Parangon und bald auch Colette.[m]

Nicolas’ Lehrzeit endet im Mai 1755. Er geht nach Paris und findet dort Arbeit in verschiedenen Druckwerkstätten. Nun lebt er so frei und ungebunden, wie er es sich einst gewünscht hatte. Aber inmitten all der Verlockungen, auf die er sich in der großen Stadt einlässt, und der Abgründe, in die er gerät, ist von Glück kaum noch die Rede. Es beginnt die Periode, die er später seine »zwölf verlorenen Jahre« nennt.

Im Dezember 1757 stirbt die Frau des Druckers Fournier in Auxerre – für Nicolas, so scheint es, der schmerzlichste Verlust, den er je erleidet. Die Liebe zu Colette bleibt für ihn sein Leben lang lebendig.

Im Herbst 1759 geschieht es, dass er nach einigen Monaten, die er in Sacy und Dijon zubringt, in Paris trotz intensiver Suche keine Stelle mehr findet. Da bietet ihm sein früherer Lehrherr Fournier in Auxerre den Posten des Werkstattleiters in seinem Betrieb an. Nicolas willigt ein und lernt nun in Auxerre Agnès Lebègue kennen. Im April 1760 heiraten die beiden – eine unglückliche Ehe fast von Anfang an. In den fünf Jahren bis 1764 bringt Nicolas’ Frau vier Kinder zur Welt, lauter Mädchen, von denen nur das erste, Agnès, und das letzte, Marie-Anne oder Marion, das Erwachsenenalter erreichen. Die beiden anderen sterben früh – Marie mit nicht mal zwei, Elisabeth mit sieben Jahren.

*

Rétif hat seinen Monsieur Nicolas in zehn Epochen eingeteilt, wobei allerdings die zehnte Epoche – »Letzte Schmerzen und mein nahes Ende« – nur aus zwei knappen Seiten besteht. Die fünf Epochen, in denen er sein Erwachsenenleben schildert, sind überschrieben: »Meine Gesellenzeit« – »Dritter Aufenthalt in Paris. Heirat etc.« – »Ich werde Autor« – »Der Verführte Landmann und seine Folgen« und »Meine schwere Krankheit«.

Den größten Teil seiner Lebensbeschreibung bringt Rétif in der Zeit von November 1783 bis Januar 1785 zu Papier und gelangt dabei bis in die Gegenwart, in der er schreibt, und fast bis an das Ende seiner achten Epoche. Das Manuskript hat um diese Zeit 910 großformatige Seiten, aus denen im Duodez-Format später rund 3300 Druckseiten werden. Im April 1785 übergibt er es einem Zensor. Der Vicomte de Toustain-Richebourg ist Rétif wohlgesinnt, aber er nimmt sich Zeit für die Lektüre und lässt seinen Klienten lange warten – fast drei Jahre.

Während dieser Zeit bringt Rétif nun ein zweites nicht-fiktionales Riesenwerk auf den Weg – Les Nuits de Paris ou Le Spectateur nocturne – Die Nächte von Paris oder Der Nächtliche Zuschauer. Er beginnt damit allerdings nicht gleich nach der Übergabe des Monsieur Nicolas an den Zensor, sondern erst anderthalb Jahre später – nachdem ihm eine Idee gekommen ist, wie sich dieses neue Werk auf eine überzeugende, tragfähige Weise anordnen und gliedern lässt.

*

Als Rétif sich Ende Dezember 1786 an die Niederschrift seiner Nächte von Paris macht, stehen ihm Notizen zur Verfügung, die er seit 1767 gesammelt hat, dem Jahr, in dem er den Beruf des Druckers aufgab und Schriftsteller wurde. In einem von ihm selbst ausführlich kommentierten Katalog seines literarischen Schaffens, der später unter dem Titel Meine Werke zu einem Teil seines Monsieur Nicolas wird, schreibt er:

 

Die »Nächte von Paris« gehören zu jenen umfangreichen Hervorbringungen, jenen weitläufigen Werken, die die Sitten einer Nation darstellen sollen. So wird dieses Werk durch die Wahrheit seiner Tatsachen für die Nachwelt bedeutsam. Zwanzig Jahre lang habe ich sie gesammelt: habe jeden Morgen aufgeschrieben, was ich in der Nacht zuvor gesehen hatte …[n]

 

Jene Notizen, die den Ausgangspunkt und das Stoffreservoir für die Nächte von Paris bildeten, haben sich, wie es scheint, nicht erhalten. Beim Lesen der Nächte gewinnt man jedoch den Eindruck, dass sie umfangreich waren. Doch woher nahm Rétif in all diesen Jahren die Kraft, die Disziplin und die Zeit, seine nächtlichen Streifzüge nicht nur zu unternehmen, sondern obendrein auch schriftlich festzuhalten? Schließlich hat er in dieser Zeit auch sein übriges umfangreiches literarisches Werk geschaffen und dafür gesorgt, dass es gedruckt wurde und in den Buchhandel gelangte.

All dies wäre ihm vermutlich kaum gelungen, hätte er nicht zu den Menschen gehört, die mit sehr wenig Schlaf auskommen. Schon in seiner zweiten »Pariser Nacht« erklärt er der schwermütigen Marquise, mit der er soeben ins Gespräch gekommen ist, die Aufteilung und den Ablauf seiner Tage und seiner Nächte.

 

Ich liebe die Nacht. In ihr fühle ich mich freier als am Tag. Alles gehört mir während der Nacht. Bei Tagesanbruch lege ich mich hin und schlafe zwei Stunden. Gegen Mittag schlafe ich noch einmal, bis zwei Uhr. Vier Stunden Schlaf sind genug.[o]

 

Wenn das stimmt, hat Rétif an jedem Tag tatsächlich genug Zeit für zwei Leben, ein Tag- und ein Nachtleben. Aber woher nimmt er das Durchhaltevermögen für zwanzig Jahre?

*

Eine Erklärung hierfür lautet, er habe jahrelang, wenn nicht sogar die ganze Zeit über, als Spitzel oder Spion im Dienst der Polizei gestanden – gegen eine Entlohnung, die er dringend benötigte. Bis heute hat sich allerdings kein Dokument gefunden, mit dem eine solche Kollaboration schlüssig nachzuweisen wäre. Dennoch hat Daniel Baruch in seiner Rétif-Biographie[p] den Versuch unternommen, dessen, wie auch er einräumt, hypothetische Betätigung als Polizeispitzel in drei Phasen zu gliedern.

Die erste beginnt in Rétifs Zeit als Drucker. Etwa seit 1759, so vermutet Baruch, habe er begonnen, sich als »einfacher Spitzel«[q] in den Betrieben, für die er arbeitete, nach Informationen über klandestine, illegale Druckereien und ihre Erzeugnisse umzuhören.

Die zweite Phase beginnt 1767, als Rétif das Druckerhandwerk aufgibt. Er bemerkt bald, wie leicht ihm das Schreiben von der Hand geht. Zugleich beschleicht ihn jedoch die Befürchtung, dass er mit dem Bücherschreiben auf die Dauer möglicherweise weniger verdient als bisher mit dem Bücherdrucken.

Den Lebensunterhalt für seine Familie kann Rétif in dieser Zeit mit Literatur allein jedenfalls nicht bestreiten, und auch mit dem, was seine Frau als ambulante Stoffverkäuferin hinzuverdient, reicht es nicht. Deshalb wachsen sich Rétifs Spitzeldienste für die Polizei – nach Baruchs Vermutung – im Laufe der Zeit zu einer »Vollzeitbeschäftigung« aus.[r] Man findet für ihn eine neue Verwendung. Er liefert nun einem höheren Beamten regelmäßig Berichte über das, was er bei seinen nächtlichen Rundgängen durch Paris erlebt und erkundet.

Um das Jahr 1772 verändert sich Rétifs Tätigkeit als Beobachter dann noch einmal.[s] Er läuft nicht mehr so viel in den Straßen der Stadt herum, sondern besucht regelmäßig die verschiedenen Lokalitäten des Pariser Nachtlebens und berichtet darüber, wie es in den Cafés, den Billardsälen, den Glücksspiellokalen, den Theatern, den Bordellen und im Palais Royal zugeht.

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Gewiss, man kann sich diesen heimlichen Beobachter als einen Polizeispitzel vorstellen. Man kann ihn sich aber auch als einen Spaziergänger und Zuschauer denken, der die Großstadtnacht als sein Element für sich entdeckt hat und nun auf eigene Faust darin unterwegs ist – so, wie er es der Marquise zu Beginn ihrer Bekanntschaft erklärt.

Allerdings könnte auch ein solcher frei zirkulierender nächtlicher Beobachter leicht in den Verdacht geraten, ein Gehilfe der Polizei zu sein. Aber selbst wenn Rétif als Informant oder Spitzel im Dienst und im Sold der Polizei gestanden haben sollte, bleibt die Wahrscheinlichkeit immer noch sehr groß, dass es ihm dabei weniger um die Bezahlung als um die nächtlichen Abenteuer, Episoden und Erlebnisse zu tun war, um den Stoff und die Basis für seinen Erfolg – nicht als Spitzel und Denunziant, sondern als Bücherschreiber.

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Pierre Testud, der für das Jahr 2019 zum ersten Mal seit dem Erscheinen der Originalausgabe (1788–1794) eine vollständige Neuausgabe der Nuits de Paris vorbereitet, gibt in seinem Vorwort zu bedenken, dass die Beobachtungen, die der Nächtliche Zuschauer macht und seinen Lesern mitteilt, großenteils weniger für die Polizei als vielmehr für eine Stadtverwaltung interessant sind, der an einer Verbesserung der sozialen und hygienischen Verhältnisse, an der Regulierung des Straßenverkehrs in Paris und einem möglichst hohen Maß an Sicherheit auf den Straßen gelegen ist. Testud weist auch darauf hin, dass Rétif neben der Marquise de M**** einen weiteren Adressaten für seine Nächte von Paris ins Spiel bringt, den höchsten städtischen Würdenträger und Beamten der französischen Hauptstadt.

Seit jeher und bis zum Beginn der Revolution hat Paris keinen Bürgermeister, sondern einen Prévôt des Marchands, einen »Vorsteher der Kaufleute«. Louis Le Pelletier de Morfontaine ist der vorletzte, der dieses Amt bekleidet, von 1784 bis Ende April 1789.

Mit seinem eigenen Namen kommt dieser Mann nur an zwei Stellen in den Nächten von Paris vor.[t] Im wirklichen Leben tritt Le Pelletier de Morfontaine als Adressat von Rétifs Aufzeichnungen allerdings erst ziemlich spät in Erscheinung. Rétif lernt ihn bei einem Souper im April 1784 kennen und begegnet ihm nachher noch einige Male bis in das Jahr 1787. Zum imaginären oder wirklichen Anreger und Adressaten der Aufzeichnungen, die Rétif zwanzig Jahre lang angefertigt und gesammelt hatte, konnte er daher erst gegen Ende dieses Zeitraums werden. Aber für Rétif war dies, wie sich gezeigt hat, die wichtigste Phase seines Projekts, in der es um die Anordnung und Ausformung seines Materials ging.

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Bei dem Souper am 30. April 1784 ist Rétif wohl zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben auch der Marquise de Montalembert begegnet, die einen tiefen Eindruck bei ihm hinterließ. Knapp zweieinhalb Jahre später bringt ihn die Erinnerung an sie auf eine Idee für die Konstruktion seiner Nächte von Paris, die um diese Zeit noch den Titel Le Hibou – Die Eule tragen.

 

Dieses Werk machte mir schwer zu schaffen, nachdem ich mir zunächst einen ganz anderen Plan zurechtgelegt hatte. Doch eines Abends, als ich noch immer tief bewegt den Rückweg von meinem alljährlichen Pilgergang in die Rue de Saintonge antrat, wählte ich statt der schönen Rue Saint-Louis einige mir unbekannte Nebenstraßen und befand mich plötzlich – ich weiß nicht, wie – in der Rue Payenne, die auch am helllichten Tage einsam ist und nachts erst recht. Etwa auf halbem Wege in dieser Straße, bei den kleinen Balkonen, den einzigen, die man dort sieht, hörte ich über mir ein Seufzen. Ich hebe den Kopf und sehe eine Frau, die ich anzusprechen wage. Es war nicht die Marquise de Mntlmbrt; und doch verband sich hier der Gedanke an deren bezaubernde Erscheinung mit dem, was ich sah, und meine Phantasie geriet in Wallung. Plötzlich standen mir das Ziel und der Verlauf der Nächte vor Augen. Mir kam der Gedanke, sie aus all den Geschehnissen zusammenzusetzen, deren Zeuge ich im Laufe meines Lebens durch meine nächtlichen Spaziergänge geworden war. Kaum hatte mein neuer Plan Gestalt angenommen, da lachte mich mein Werk schon an und war zu drei Vierteln fertig.[u]

 

Was geschieht hier? Der »Pilgergang« in die Rue de Saintonge, den Rétif fast jedes Jahr unternimmt, ist der Erinnerung an eine höchst beglückende Liebesbegegnung mit einer gewissen Victoire Dorneval gewidmet, zu der es viele Jahre vorher, am 14. September 1769, in einem Haus in dieser Straße gekommen war.[v] Auch am 14. September 1786 – drei Monate bevor er mit der eigentlichen Arbeit an den Nuits de Paris beginnt – besucht Rétif seinem Tagebuch zufolge die Rue de Saintonge.[w] Möglich, dass es dieser 14. September gewesen ist, an dem er auf seinem Rückweg eher zufällig in die Rue Payenne gerät und dort von einem Balkon über sich das Seufzen einer Frau vernimmt. Diese Frau findet – zumindest im Buch und vielleicht sogar in der Wirklichkeit – rasch Gefallen an dem, was ihr der Nächtliche Zuschauer erzählt, und daran, wie er es tut. Sie muss ihn auch nicht lange bitten, von nun an in jeder Nacht wiederzukommen und ihr bis zum Anbruch der Morgenröte von seinen nächtlichen Begegnungen und Abenteuern zu erzählen.

Rétif selbst erklärt ausdrücklich, es sei nicht die Marquise de Montalembert gewesen, mit der er hier ins Gespräch kommt. Aber irgendetwas erinnert ihn an die Marquise, der er zweieinhalb Jahre zuvor einmal begegnet ist und dann nie wieder. In Gedanken verknüpft oder verschmelzt er die Frau auf dem Balkon mit der Marquise, und plötzlich kommt ihm der zündende Einfall, der die Arbeit an dem Projekt, das ihm bisher so schwer zu schaffen machte, nun tatsächlich in Gang bringt.

Ihm wird klar, wie gut sich die Architektur der Erzählungen aus »Tausendundeiner Nacht« auch für seine Nachtgeschichten eignet. Er kehrt die in den morgenländischen Geschichten bestehenden Erzählverhältnisse um. Der männliche Teil wird zum Erzähler und übernimmt die Aufgabe, Nacht für Nacht Geschichten und Berichte zu liefern, die die schwermütige Dame in der Rue Payenne auf andere Gedanken bringen sollen. So erschafft sich Rétif in Gestalt der Marquise de M**** eine Muse, die ihm die Kraft und den Schwung verleiht, dem Stoff, den er zwanzig Jahre lang gesammelt hat, einen Rahmen und eine Richtung zu geben.

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Rétif de la Bretonne ist 52 Jahre alt, als er beginnt, das nächtliche Paris zu schildern. In dem Journal, das er seit 1785 Tag für Tag in oft schwer lesbaren Kürzeln und Stichwörtern und seiner mitunter kaum zu entziffernden Handschrift führt, kann man beides verfolgen – wie sich der Titel seines neuen Projekts zu Beginn der Arbeit immer wieder verändert und mit welcher Geschwindigkeit das Werk Gestalt annimmt und wächst.

 

22. Dezember [1786] … den Eulen-Zuschauer um 7 Uhr abends angefangen.

23. Dezember. Früh aufgestanden. Die Schwermütige angefangen. [Gemeint ist die 2. Nacht]

24. Dezember. Weiter in der Schwermütigen: Den Titel gefunden, Tausendundeine französische Nacht. […]

25. Dezember. […] bis zur 8. [Nacht].

26. Dezember. Nachts den Titel geändert in Tausendundeine Morgenröten. Morgens das bisher Geschriebene durchgelesen außerdem Epimenides in Athen, abends Epimenides in Theben, 9. und 10. Morgenröte. […]

27. Dezember. […] 10., 11., 12. Morgenröte.

28. Dezember. 13. Morgenröte.

[…]

25. Januar [1787]. Morgens über meine Nächte von Paris oder Der Eulen-Zuschauer nachgedacht. Den Titel von Morgenröten in Nächte geändert.[x]

 

Schon am fünften Tag über dem Manuskript gelangt Rétif also bis zur 9. und 10. Morgenröte. Später, im gedruckten Buch, beginnt die 10. Nacht auf der Seite 82, wobei jede dieser Seiten im Duodez-Format immerhin rund 1000 Zeichen zählt. Am 25. Januar 1787, als er den künftigen Titel findet, ist er über die 77. Nacht – »Gewürzhändler und Drogist in einer Person«[y] – schon hinaus. Man ahnt, was für ein schneller Schreiber und Schriftsteller Rétif gewesen sein muss.

Die Niederschrift, die er am 22. Dezember 1786 begonnen hat, beendet er vorläufig 13 Monate später – am 20. Januar 1788. Während dieser 395 Tage bringt Rétif 367 Nächte zu Papier, die im Druck 3142 Seiten füllen. So bringt er im Durchschnitt pro Tag eine Textmenge hervor, die später ziemlich genau acht Buchseiten ergibt.

Der Druck der Nächte beginnt im März 1788 und endet am 9. November des gleichen Jahres. Im Dezember kommen die ersten zwölf der vierzehn geplanten Bände in den Handel, die beiden letzten werden im April 1789 nachgeliefert. Den 14. Band hat Rétif da inzwischen um vierzehn weitere Stücke auf 381 Nächte erweitert und obendrein noch einige Anhänge hinzugefügt.

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Schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis dieses ersten Teils der Nächte von Paris zeigt es: Rétif ergreift und bewegt hier eine Vielfalt von Themen, aber um eine erkennbare Ordnung bemüht er sich nicht. Überraschung, Verwandlung und Variation bestimmen die Abfolge der Episoden – kein durchdachter oder gar systematischer Aufbau. Das Programm, das der Nächtliche Zuschauer für die Marquise in der Rue Payenne entwickelt, zielt vor allem auf Unterhaltung und Ermunterung und nicht so sehr auf Belehrung und methodisches Vorgehen. Umso wichtiger ist die Solidität des morgenländischen Erzählrahmens.

Die Marquise ist nicht wählerisch bei dem, was ihr der Nächtliche Zuschauer bietet. Aber sie besteht darauf, dass er sein Versprechen hält und in jeder Nacht zu ihr kommt, um Bericht zu erstatten. Im Übrigen nimmt sie so gut wie alles mit Wohlgefallen oder zumindest geduldig auf. Missfallen scheint sie nicht zu empfinden, und auch Langeweile kommt bei den nächtlichen Zusammenkünften nie auf. Liebe allerdings auch nicht.

Die Marquise lebt zwar getrennt von ihrem Mann, dem Marquis, aber stets wahrt sie ihre und ihres Gemahls Würde und den Anstand. Ihr Haus darf der nächtliche Erzähler erst betreten, nachdem sie einen Raum hat herrichten lassen, der – wie im Kloster – nur durch eine kleine, vergitterte Öffnung in der Wand mit dem Zimmer verbunden ist, in dem sie während seiner Besuche Platz nimmt.[z] Für eine Rahmenhandlung bleibt unter solchen Bedingungen wenig Spielraum. Die Marquise selbst tritt nur selten in Aktion – sie hört vor allem zu. Und gelegentlich lässt sie ihrem Besucher einen Imbiss vorsetzen. Einmal kommt es zu einer Begegnung zwischen den beiden auf einem Markt in der Stadt, wo die Marquise zwei armen alten Leuten großzügig deren verloren gegangene Geldbörse ersetzt. [aa] Später kümmert sie sich voller Eifer um junge Mädchen, die ihr der Nächtliche Zuschauer aus den düsteren Winkeln der großen Stadt zuführt. Aber Einzelheiten über die wohltätigen Bemühungen der Marquise gibt Rétif kaum preis.

Ihre freundliche Geduld lässt dem »Eulen-Zuschauer« alle Freiheit, und es gelingt ihm über weite Strecken vorzüglich, seine Zuhörerin mit Berichten von nächtlichen Abenteuern, Beobachtungen und Begegnungen zu unterhalten. Auch die zahlreich eingeflochtenen Kurzerzählungen aus dem Privatleben der Großstadtbewohner sind ihr und Rétifs zeitgenössischem Publikum offenbar hochwillkommen, während sie uns Heutigen nicht selten fahl oder gar fad erscheinen – zumal in unmittelbarer Nachbarschaft der lebhaften Schilderungen und Berichte aus dem wirklichen Leben im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts – diesem Paris, das dabei ist, sich und ganz Frankreich in die Revolution zu verwickeln. Die Marquise de M**** indessen hat gegen solche Geschichten und selbst gegen vollständig wiedergegebene Theaterstücke aus Rétifs Feder oder auch gegen Abschweifungen in weit zurückliegende oder zukünftige Zeitalter und entlegene Welten nichts einzuwenden.

Bei diesen Sprüngen aus der Gegenwart in die Zukunft oder in die Vergangenheit lohnt es sich allerdings auch für heutige Leser bisweilen, dem Nächtlichen Zuschauer und der Marquise zu folgen – etwa, wenn Rétif in die Zeit um 500 vor Christus zu Epimenides auf Kreta hinabsteigt. Diesem Epimenides geschieht es, dass er sich in einer Felsenhöhle schlafen legt und fünfundsiebzig Jahre lang nicht wieder aufwacht. Nachher fällt es ihm schwer, die Großstadt Knossos, in der er sich früher immer gut zurechtfand, noch wiederzuerkennen[ab] – eine verstörende Erfahrung, die auch Rétif im Paris seiner Zeit macht.[ac] Merkwürdig und erhellend sind auch einige Ausflüge in die Zukunft, bei denen Rétif versucht, mit den Menschen der Jahre 1888, 1992 und 7777 ins Gespräch zu kommen.[ad]

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Im Mittelpunkt jedoch steht das Paris, in dem Rétif unterwegs ist – vor allem zur Nachtzeit, bisweilen aber auch am Tage. Sehenswürdigkeiten interessieren ihn nicht, das Unansehnliche, Dubiose oder Schändliche hingegen sehr. Er betrachtet sich nicht als Fremdenführer und schreibt auch nicht so. Ihm geht es vor allem darum, seinen Mitbürgern und Landsleuten auf unterhaltsame Weise die Augen zu öffnen. Und tatsächlich vermag er dem Gewöhnlichen, dem Alltäglichen, dem Unauffälligen nicht selten etwas abzugewinnen, das sich erst als bemerkenswert oder wundersam erweist, wenn er es aufgreift und vorzeigt.

Rétif beobachtet, wie zwei Männer Speisevorräte aus der Küche eines reichen Hauses neben dem neuen Boulevard wegschütten, und fragt nach. Diese Esskastanien und die Weißen Rüben seien verdorben, erklärt ihm einer der beiden Domestiken. Immer wieder lasse die Herrschaft dreimal so viel horten, wie eigentlich gebraucht wird – mit der Folge, dass vieles verdirbt und oft nicht genug für die ärmeren Leute übrig bleibt: »Mit dieser Manie, Vorräte anzulegen, hungert man die Stadt aus.«[ae] Es dauert nicht mehr allzu lange, da wird das Horten von Lebensmitteln in Paris mit dem Tod auf der Guillotine bestraft.

Gewitter, Wolkenbrüche oder Tauwetter verwandeln die bergab führenden Straßen auf der rechten Seite der Seine immer wieder in Sturzbäche, die für die Fußgänger unpassierbar werden. Eine Kanalisation, die diesen Namen verdient, gibt es im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts nicht. Häuser und Kirchen haben keine funktionierenden Dachrinnen und Fallrohre, und die dramatische Schilderung eines Platzregens in dem Augenblick, als die Messe in seiner Pfarrkirche Saint-Séverin zu Ende geht und die Menschen nach draußen strömen, löst bei Rétif eine brodelnde Flut von Klagen aus, die in die unterschiedlichsten Richtungen zielen.

 

Ich werde nicht aufhören, zu fordern, dass man mehr solcher Leitungen anlegt – und außerdem auch unterirdische Kanäle für die Straßenabwässer. Und dass man den Müll nicht in den Fluss kippt, sondern ihn aufs Land hinausschafft. Und dass man kein Stroh mehr verbrennt. Und dass die Straßen sauberer gehalten werden. Und dass die Stadt Straßenfeger einstellt. Und dass man nicht in sämtlichen Gemüsegärten rund um die Hauptstadt sinnlose Neubauten errichtet. […] Und dass man die Anzahl der Mietkarossen, aber auch der Privatkarossen verringert. Und dass man das Galoppieren zu Pferd in den Straßen von Paris verbietet. […] Und dass man eine Steuer auf nutzlose, nur aus Liebhaberei gehaltene Hunde erhebt, aber auch auf solche, die man als Bewacher von Geschäften für nützlich hält. […] Und dass man den Skandal der öffentlichen Dirnen beseitigt. Und dass man das Theaterwesen so reguliert, dass es in jeder Woche Tage gibt, an denen die Mitteilung ausgehängt werden kann: »Ehrbare Damen können ihre Töchter mitbringen.«[af]

 

Rétif interessiert sich für die Geschäftsgeheimnisse der Lumpensammler, der Waschfrauen, der Bettler. Er entdeckt eine ganze Gilde von »fleißigen Nichtstuern« und stellt fest, dass in den Straßen der Stadt auch einige Plakatabreißer unterwegs sind, die sich um ihren Lebensunterhalt ebenso wenig Sorgen machen müssen wie die Plakatankleber.

Er schildert Unfälle und Katastrophen, die er selbst miterlebt oder von vertrauenswürdigen Zeugen erzählt bekommen hat. Dazu gehören der Brand der Pariser Oper im Juni 1781 ebenso wie die Katastrophe auf der Place Louis XV. im Mai 1770 bei einem Feuerwerk aus Anlass der Vermählung des späteren Ludwig XVI. mit Marie-Antoinette, oder auch ein blutiges Gemetzel, das ein Algerier an Bord eines Schleppkahns auf der Fahrt von Auxerre nach Paris unter den Passagieren anrichtet, nachdem sich ein paar junge Maulhelden über den Propheten Mohammed lustig gemacht haben.[ag]

Mehrmals begegnet man in den Nächten von Paris Gruppen von Medizinstudenten, die auf der Suche nach Leichen sind, an denen sie sich im Sezieren üben und ihre anatomischen Kenntnisse erweitern können. Bisweilen stoßen sie dabei allerdings auch auf Scheintote, die sie mit aller ihnen zu Gebote stehenden Umsicht ins Leben zurückzuholen wissen.[ah]

Die Prostitution ist für Rétif und seinen Nächtlichen Zuschauer natürlich ebenfalls ein großes Thema. Ein Freudenmädchen, das sich ihm freundlich nähert, wird zur Furie, als er es, statt mit »nach oben zu kommen«, vor den Gefahren warnen will, denen es sich aussetzt. Einmal ist ihm eine solche Rettung schon gelungen. Im Palais Royal trifft er auf ein Mädchen, das dort seinen allzu niedrigen Wochenlohn aufzubessern versucht. Er geleitet es in die Rue Payenne, wo die Marquise es empfängt »wie einen Schatz, der ihr anvertraut wurde«.[ai] Bei einer anderen Gelegenheit besucht er eine Absteige, in der er sich anhand einer Preisliste fast alles bestellt, was dort geboten wird – wobei er sich in diesem Fall aber nur umsehen und mit den beiden Mädchen, die er bei sich behält, nur reden will.[aj]

Auch lernt er durch seinen Begleiter du Hameauneuf die Schändlichkeiten kennen, die ganze Gruppen junger Männer bei Volksfesten im dichten Gedränge den jungen Frauen anzutun versuchen, und berichtet darüber bei mehreren Gelegenheiten. Aber eines Abends gelangt selbst der Nächtliche Zuschauer an einen Punkt, wo er nichts mehr sehen und hören will – nachdem ihn im Palais Royal eine betagte Zuhälterin über die Einzelheiten der Kinderprostitution ins Bild gesetzt hat.

 

Ich ertrug es nicht. Ich fühlte mich elend und war ganz wacklig auf den Beinen. Ich ging hinaus, und als die Frau die Hand aufhielt, gab ich ihr – erst auf der Treppe – einen Drei-Livres-Schein. Krank und erschüttert wankte ich davon.[ak]

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Als im April 1789 die beiden vorläufig letzten Bände 13 und 14 der Nächte von Paris mit vier Monaten Verzögerung in den Buchhandel kommen, ahnt Rétif wohl schon, dass sich in den Straßen und auf den Plätzen der Hauptstadt neuer Stoff für etliche weitere Nächte anzuhäufen beginnt – Zündstoff für die Weltgeschichte und Zündstoff für seine Berichte aus dem Inneren einer Umwälzung, die noch keinen Namen hat. Allenthalben breitet sich Unruhe aus. Die hat Rétif schon im September 1787 in der 142. Nacht, »Die beiden Arbeiter«, zu beschreiben versucht.

 

Unter all unseren Literaten bin ich vielleicht der Einzige, der das Volk kennt, denn ich mische mich ständig unter die Leute. Ich will das Volk schildern, ich will der Posten sein, der über die geordneten Verhältnisse wacht. […] Nehmt euch in Acht, ihr Philosophen. […] Eine verhängnisvolle Umwälung braut sich usammen! Der Geist des Aufruhrs greift um sich und gewinnt an Kraft! Vor allem in der untersten Klasse gärt er klammheimlich![al]

 

Im Frühjahr 1789 jedoch hat sich Rétif nicht diese drohende Umwälzung vorgenommen, sondern ein anderes Thema, das in den bisher erschienenen Nächten von Paris ebenfalls schon viele Male aufgetaucht ist und auch in den späteren Nächten immer wieder vorkommt. Er will das Palais Royal, das Zentrum der Ausschweifung und des Glücksspiels und bald auch ein Schauplatz politischer Debatten, noch gründlicher erkunden als bisher. So spaziert er nun dort umher und stellt seine Beobachtungen an – seit dem Juni 1789 und weit über den 14. Juli hinaus. Ende September beginnt er mit der Niederschrift von Le Palais-Royal. Anfang November unterbricht er diese Arbeit und bringt sie erst zwischen dem Ende des Jahres 1789 und dem 20. Januar 1790 zum Abschluss. Der Druck des gesamten Werkes dauert bis in den März 1790. Ende April gelangt es in den Handel – drei solide Bände mit insgesamt mehr als achthundert Seiten.

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Die Unterbrechung der Arbeit an Le Palais-Royal im November und Dezember 1789 kommt nun wiederum dem Fortgang der Arbeit an den Nächten von Paris zugute. Deren 15. Band erhält den Titel Die nächtliche Woche. Sieben Nächte in Paris. Die historisch-politischen Abschnitte entstehen in der zweiten Hälfte des Novembers 1789, die erzählerischen Teile in der ersten Hälfte des Februars 1790. Dem Untertitel zum Trotz liefert Rétif in diesem Band nicht sieben, sondern acht Nächte, und diese im Titel nicht mitgezählte achte Nacht ist sogar die umfangreichste von allen. Sie ist allerdings anders beschaffen als die übrigen Nächte dieses Bandes. Rétif hält es für sinnvoll, private Angelegenheiten hier öffentlich zu machen – den erbitterten Zwist mit seinem Schwiegersohn Augé, dem Ehemann seiner Tochter Agnès. Manche Teile dieses Abschnitts sind biographisch durchaus interessant, aber für die vorliegende Auswahl eignen sie sich nicht wirklich.

Als Rétif im November 1789 darangeht, diesen 15. Band zu konzipieren, setzt er nicht etwa den 14. Juli, sondern schon den 27. April 1789 als ersten Tag oder erste Nacht der Revolution an. An diesem Tag stürmt das Volk die Tapetenmanufaktur von Jean-Baptiste Réveillon im Faubourg Saint-Antoine. Rétif berichtet in aller Ausführlichkeit darüber und über zwei weitere Tage des Aufruhrs, den 12. und den 13. Juli, bevor er schildert, wie er den Tag des Sturms auf die Bastille erlebt hat. Und schließlich wählt er noch einmal drei Tage und Nächte aus, mit denen er den Fortgang der Revolution veranschaulicht.

Am 17. Juli kommt der König nach Paris – ein Tag der Freude, der Rétif zu dem merkwürdigen Ausruf bewegt: »Gott segne dich, guter Ludwig XVI.! Immer wird die Nachwelt von dir sprechen, und du bist unsterblicher als zehn andere Könige zusammen.« Und doch geht auch dieser Festtag nicht ohne Blutvergießen zu Ende. – Am 22. Juli wird der Intendant von Paris, Bertier de Sauvigny, in Compiègne verhaftet, nach Paris geschafft und dort zusammen mit seinem Schwiegervater, Joseph François Foullon, auf offener Straße misshandelt und umgebracht. – Am 5. Oktober schließlich machen sich die Pariser Marktfrauen auf den Weg, um den König aus Versailles in ihre und nun auch wieder seine Hauptstadt zu holen.

Die drei Bände über das Palais Royal kommen Ende April 1790 in den Handel. Wenig später – etwa im Mai oder Juni 1790 – folgt der 15. Band der Nächte von Paris. Auf den ersten Blick wirkt er wie eine Fortsetzung von Le Palais-Royal. Denn die Vorrede beginnt ziemlich abrupt mit einer Erinnerung an die wichtigsten Themen, um die es dort geht, und sogar auf der Titelseite liest man unter anderem: »Ein Werk, das für die Geschichte des Gartens im Palais Royal hilfreich ist.«

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Bis zum Erscheinen des 16. und letzten Bandes der Nächte von Paris jedoch lässt Rétif de la Bretonne viel Zeit vergehen. Ein langes Zögern und ein langsames Verzagen, so könnte man vermuten, aus dem er vielleicht erst durch den Prozess gegen den König und dessen Hinrichtung am 21. Januar 1793 herausgerissen wird. Es scheint jedenfalls kein Zufall gewesen zu sein, dass Rétif an ebendiesem 21. Januar mit dem Buchhändler Merigot über den 16. Band der Nächte spricht.[am] Möglich, dass Rétif an diesem Tag oder in den Tagen zuvor erkannt hat: Wenn er seine Betätigung als Nächtlicher Zuschauer weiter fortsetzen will – dann jetzt oder nie!

Er beginnt zwar nicht sofort, denn er ist immerzu auch mit anderen seiner Werke beschäftigt. Doch als er sich dann zwei Monate später an die Arbeit macht, schreibt er binnen acht Tagen, vom 29. März bis zum 5. April 1793, das Manuskript für die zwanzig Nächte, die er in diesem 16. Band unterbringen will.

Die Ereignisse, von denen im 15. Band die Rede gewesen war, hatten sich allesamt noch im Jahre 1789 zugetragen. In seinem neuen Band spannt Rétif nun den Bogen vom 14. Juli 1790, dem »Fest der Föderation« am ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille, über die 18. Nacht, den Tag der Hinrichtung Ludwigs XVI., hinaus – fast bis in seine Gegenwart. Die 19. Nacht handelt von einer aufwendigen Polizeikontrolle im »Palais Egalité«, wie das Palais Royal nun genannt wird, und außerdem von einem anregenden Gespräch, das Rétif dort mit einigen seiner Leserinnen führt. Im Beisein ihrer halbwüchsigen Töchter stellen ihm diese Damen Fragen zu seiner Moral als Schriftsteller, und Rétif weiß ihnen klug zu antworten.[an]

Zu den wichtigen Ereignissen der vergangenen zweieinhalb Jahre, die Rétif in seinem neuen Band schildert, gehören auch die Flucht der königlichen Familie nach Varennes im Juni 1791, der Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792, die Massaker in den Pariser Gefängnissen während der ersten Septembertage des Jahres 1792 und die Überführung Ludwigs XVI. in den Temple, wo er bis zu seiner Hinrichtung gefangen gehalten wird. Die 20. und die 21. Nacht sind den letzten Tagen des Februars 1793 gewidmet, an denen es zu Plünderungen bei den Lebensmittelhändlern und zur Zerstörung zweier Zeitungsdruckereien kommt – Vorfälle, die Rétif heftig empören, auch wenn er im Fall der Druckereien andeutet, sie hätten zuvor ihren Patriotismus aufgegeben und seien in »verdächtige Hände« geraten.[ao]

Nach diesen Tagen des Schreibens glaubt Rétif zunächst, der neue Band der Nächte sei hiermit abgeschlossen.[ap] Am 7. April beginnt er mit dem Druck, der bis in die ersten Novembertage des Jahres 1793 dauern wird. Aber die Revolution ist mit dem Tod des Königs nicht beendet. Die allgemeine Unruhe wächst in der Zeit nach der Niederschrift der einundzwanzig Nächte sogar noch weiter an. Der Konflikt zwischen den gemäßigten Girondisten und den immer radikaler auftretenden Montagnards spitzt sich zu. Rétif berichtet hierüber in »Zusätzlichen Nächten«. Bisher hat er mit den Girondisten sympathisiert. Nun muss er feststellen, wie sie gegenüber den Montagnards, den Anhängern der Bergpartei, mehr und mehr an Boden verlieren.

Ein Prozess gegen Marat, angestrengt von der Gironde, führt am 24. April 1793 nicht zur Verurteilung des Angeklagten, sondern zu dessen triumphalem Sieg über seine Richter und seine politischen Gegner. Rétif allerdings nimmt hiervon zunächst keine Notiz. Am 2. Juni 1793 jedoch holen die Montagnards zum Gegenschlag aus. An diesem Tag werden 29 girondistische Konventsabgeordnete unter Hausarrest gestellt. In den folgenden Tagen protestieren weitere 73 Girondisten gegen die Festsetzung ihrer Parteifreunde und geraten dabei selbst auf eine Liste von Verdächtigen. Die Niederlage der Girondisten ist damit besiegelt.

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Für Rétif, so scheint es, wird dieser 2. Juni zum Wendepunkt. Von einem gemäßigten Anhänger der Girondisten verwandelt er sich für die Zeit bis nach dem Thermidor des Jahres 1794 und dem Sturz Robespierres in einen Parteigänger der Montagnards. Aber in welchem Sinne? In vollem Ernst? Oder nur dem Anschein und der Rhetorik nach?

Während die frühzeitig verfassten Teile des 16. Bandes der Nächte von Paris schon gedruckt werden, schreibt Rétif im hinteren Teil weiter und fügt dem 16. Band der Nächte nach und nach noch vier »zusätzliche Nächte« und weitere Anhänge bei. Am 24. April oder in den Tagen danach ist er gar nicht auf die Idee gekommen, über den Prozess gegen Marat zu berichten. Nach Marats Ermordung durch Charlotte Corday am 13. Juli 1793 sieht die politische Lage jedoch sehr anders aus. Nun hält es Rétif für angebracht, sogar zwei Texte über Marat in die Abfolge seiner Nächte von Paris aufzunehmen – eine Lobeshymne mit dem Titel »Marats Triumph« über den Prozess am 24. April 1793, die Rétif nachträglich an ihren Platz hinter die »Erste zusätzliche Nacht« rückt[aq], und außerdem eine »Vierte zusätzliche Nacht« (13.–16. Juli 1793), in der es ihm auf eine seltsame Weise gelingt, die Attentäterin ebenso zu würdigen wie ihr Opfer.

Aber während die Satz- und Druckarbeiten langsam weitergehen, kommen Rétif Zweifel an manchen jener Nächte, die er früher aus einer noch eher gemäßigten Perspektive geschrieben hat. Nicht die ersten Nächte dieses 16. Bandes bereiten ihm Kopfzerbrechen. Die Ereignisse, die dort zur Sprache kommen, liegen so weit zurück, dass deren Schilderung keine Kontroversen mehr auszulösen vermag. Aber etwa ab der 7. Nacht, in der von Ereignissen im Juli 1791 die Rede ist, ändert sich das. Rétifs Bedenken gegenüber dem, was er seit jener Zeit geschrieben hat, nehmen zu, und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem er sich entschließt, Veränderungen auch in Textabschnitten vorzunehmen, die schon gedruckt sind.

Dazu muss er den Druck unterbrechen und nimmt nun zahlreiche Änderungen an den Druckformen im Duodez-Format vor, die die Bleilettern von jeweils zweimal zwölf Seiten pro Druckbogen in ihrer Ordnung halten. Keine ganz einfache Operation, denn jede Korrektur muss im Gefüge des Schriftsatzes genauso lang oder kurz sein wie das, was ursprünglich dort gestanden hatte. Aber als gelernter Drucker und Setzer wird Rétif mit diesen Umstellungen keine allzu großen Schwierigkeiten gehabt haben.

Dennoch ist der Aufwand erheblich. Vor allem das Papier ist knapp und kostspielig. Und obwohl ihm seine Korrekturen dringend notwendig erscheinen, kann sich Rétif offenbar nicht entschließen, die schon gedruckten Bögen in der Fassung, die ihm nicht mehr geheuer ist, zu vernichten. Möglich, dass er sie beiseitelegt oder versteckt und später, nachdem sich die politische Lage entspannt hat, wieder hervorholt und sie doch noch verwendet. Denn so merkwürdig es klingt – es gibt den 16. Band der Nächte von Paris tatsächlich in zwei Druckfassungen! Hierzu einige Beispiele.

Erste Fassung

Überarbeitete Fassung

Zu der Frage, wer die »September-Morde« im Herbst 1792 angeordnet hat (S. 373)

Habe ich etwas vergessen, das über diese verhängnisvolle Nacht und den folgenden Tag noch zu sagen wäre? Ich weiß es nicht. Und es ist mir zu schmerzlich, meine Erinnerung noch einmal über diese Greuel zu befragen, die ja doch irgendjemand angeordnet haben muss – kaltblütig, ohne Wissen des Bürgermeisters Petion und des Ministers Roland! Wer also hat sie angeordnet? Ach, die Feiglinge haben sich versteckt. Sie wagen es nicht, sich zu zeigen.

Habe ich etwas vergessen, das über diese verhängnisvolle Nacht zu sagen wäre – die das Werk der Petions und der Brissots und ihrer Clique war – trotz ihres scheinheiligen Leugnens. Ich weiß es nicht. Und es ist mir zu schmerzlich, meine Erinnerung noch einmal über diese Greuel zu befragen. Ach, die Feiglinge, die sie anordneten, haben sich versteckt. Sie wagen es nicht, sich zu zeigen. (Bd. 16 der frz. Erstausgabe, 12. Nacht, S. 384)

Ludwig XVI. auf dem Weg u seinem Proess. 26.121792 (S. 388)

Schließlich sahen wir Ludwig vorbeikommen. […] Nachher ging ich auf meine Insel und überließ mich dort meinen Gedanken. »Was für ein Schauspiel habe ich da heute gesehen! Ein Monarch, vor Kurzem noch gefürchtet, sogar von den ausländischen Mächten, ist als Verbrecher vor den Vertretern seines Volkes erschienen […] Niemand teilte meine tiefe Verwunderung. Alle anderen Zuschauer hielten das, was sich da ereignete, für eine ganz gewöhnliche Angelegenheit. Keinerlei Gefühlsregung! Ich allein war aufgewühlt, und wenn es anderen ähnlich erging, dann zeigten sie es jedenfalls nicht.

Schließlich sahen wir Ludwig vorbeikommen. […] Nachher ging ich auf meine Insel und überließ mich dort meinen Gedanken. »Was für ein Schauspiel habe ich da heute gesehen! Ein Tyrann, vor Kurzem noch gefürchtet, sogar von den ausländischen Mächten, ist als Verbrecher vor den Vertretern seines Volkes erschienen … Meine tiefe Verwunderung erwuchs nicht aus meiner Ehrfurcht vor Königen, sondern aus dem Gang der Ereignisse, die überraschenderweise binnen drei Jahren etwas herbeiführten, das man allenfalls in drei Jahrhunderten erwartet hätte.So wirkt die Natur manchmal Wunder. (Bd. 16, 16. Nacht, S. 413/414)

Zu der Frage, ob Ludwig XVI. ein Verbrecher war. 15.1.1793 (S. 395)

O, Ludwig, Sie waren verblendet, aber kein Verbrecher.

O, Ludwig, Sie waren verblendet, und ein blinder König ist hundertmal schlimmer als ein Verbrecher. (Bd. 16, 17. Nacht S. 422)

Der Nächtliche Zuschauer im Gespräch mit den Menschen im Jahr 1992. (S. 395)

Ich sah die Menschen von 1992, wie sie unsere Geschichte lasen. Ich bemühte mich, sie auch zu hören, und ich hörte sie. Die Strenge ihres Urteils erschreckte mich. Mir schien, dass die einen uns vorwarfen, wir hätten es an Menschlichkeit fehlen lassen, während die Extremisten, genau wie heutzutage, unser Handeln billigten.

Ich sah die Menschen von 1992, wie sie unsere Geschichte lasen. Ich bemühte mich, sie auch zu hören, und ich hörte sie. Die Strenge ihres Urteils gegen Ludwig erstaunte mich. Mir schien, dass ihm die einen ungeheuerliche Übeltaten vorwarfen; während andere – noch schlimmer – ihm dafür dankten, dass er als Werkzeug für die Zerstörung des Königtums gedient hatte. (Bd. 16, 17. Nacht, S. 424)

Die zahlreichen Veränderungen an seinem Text hat Rétif vermutlich selbst vorgenommen – zum Teil vielleicht auch auf Drängen von Buchhändlern, mit denen er in Verbindung stand. Es ist jedenfalls leicht zu erkennen, in welche Richtung diese Abwandlungen tendieren. Rétif versucht, sich radikaler zu machen, als er bisher war und eigentlich sein will. Er sorgt sich um seine Freiheit und fürchtet vielleicht sogar um sein Leben. Ab der 19. Nacht allerdings fallen nachträgliche Korrekturen im Text nicht mehr an. Denn die nach dem 2. Juni 1793 entstehenden Teile des letzten Bandes seiner Nächte von Paris schreibt Rétif aus der Haltung eines Anhängers der Bergpartei oder versucht es zumindest. Im Schlussteil des 16. Bandes der Nächte von Paris unterscheiden sich die beiden Druckfassungen nicht mehr voneinander.

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Wie gefährlich die Schrecken der Revolution inzwischen geworden waren, erfuhr Rétif am 3. Oktober 1793. Da war er von einem wohlhabenden Gönner, Arthaud de Bellevue, der ihm einen großen Betrag für den Druck seines Monsieur Nicolas gestiftet hatte, zu einem Essen eingeladen, an dem auch Louis-Sébastien Mercier, der Verfasser des Tableau de Paris, und ein weiterer Gast teilnahmen. Mercier war seit Langem mit Rétif befreundet, und er gehörte zu jenen »Dreiundsiebzig«, die im Juni dieses Jahres ein Protestschreiben gegen die Verhaftung der 29 Girondisten unterzeichnet hatten. Nun soll den 22 führenden Girondisten, die sich nach wie vor in der Gewalt der Montagnards befinden, der Prozess gemacht werden, was denn auch zur Verhaftung ihrer damaligen Unterstützer führt. In seinem Monsieur Nicolas schreibt Rétif:

 

Ich aß bei ihm [Arthaud] mit dem Bürger Mercier an dem Tag, als der Haftbefehl gegen diesen Letzteren erging. Es war der Bürger d’Arlande, der ihm sein Unglück ankündigte. »Ah! Ich bin verloren!«, rief Mercier. Er hatte recht. Der Tod der 73 war beschlossene Sache. Nur durch sehr speielle Umstände sind sie gerettet worden.[ar]

 

Dass Mercier und seine 72 Genossen wieder freikommen würden, hätte zu diesem Zeitpunkt wohl niemand für möglich gehalten. Es geschah dies auch erst im Oktober 1794, vier Monate nach der Hinrichtung Robespierres.

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Früh schon hatte Rétif den Lesern seiner Nächte von Paris versichert,

 

dass ich die Ereignisse hier unmittelbar, nachdem sie sich zugetragen haben, aus dem jeweiligen Blickwinkel der Zeit und der jeweils vorherrschenden Meinung aufgezeichnet habe. Ich hielt es für angebracht, dieses Kolorit zu bewahren, weil es genauso historisch ist wie die Schilderung selbst.[as]

 

Für weite Strecken des 16. Bandes trifft dies allerdings nicht zu. An dessen Anfang steht ein Ereignis, das sich am ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille zugetragen hat – also mehr als zweieinhalb Jahre vor den Tagen Ende März und Anfang April 1793, in denen Rétif den Hauptteil seiner neuen Nächte zu Papier bringt. Inzwischen hat er sich zwar in seiner Berichterstattung dem wirklichen Geschehen, das er beschreiben will, zeitlich immer weiter genähert. Aber in die Gegenwart gelangt er damit erst auf den allerletzten Seiten dieses letzten Bandes der Nächte von Paris, und das »Kolorit«, das sich dem Leser hier mitteilt, legt den Schluss nahe, dass Rétif in eine heftige und immer noch zunehmende Nervosität, eine schlotternde Unruhe geraten ist – in eine unbezähmbare Angst davor, nur ja keinen Fehler zu machen, nichts zu übersehen und lieber zu viel als zu wenig an Mitteilungen auf den letzten ihm verbleibenden Seiten zusammenzupressen. So beginnt er, inmitten der neuesten Aktualitäten auch die neuen Namen für die Monate des neuen Kalenders und die neuen Namen für die Tage der Dekade, der zehntägigen Woche, aufzuzählen, und lässt es sich auch nicht nehmen, jene anderen Monatsnamen zu nennen, die er selbst für seinen eigenen Entwurf eines neuen Kalenders erfunden hat.

Die letzte Meldung, die er auf der letzten Seite noch unterbringt, betrifft die 22 »verräterischen Abgeordneten« der Gironde. Sie »… wurden am gestrigen Nonodi gegen halb elf Uhr abends (30. Oktober alten Stils) zum Tode verurteilt und heute gegen Mittag hingerichtet«.

So laufen das historische Geschehen, der Bericht über diese Geschehnisse, der Schriftsatz und der Druck von dem, was Rétif geschrieben hat, in einem Punkt zusammen. Der Prozess gegen die Girondisten und Rétifs Arbeit am Manuskript seiner Nächte von Paris enden am gleichen Tag, dem 31. Oktober 1793. Drei Tage später endet auch der Druck des 16. Bandes dieser Nächte. Und wenn der Eintrag zum 11. November in Rétifs Journal nicht trügt, werden an diesem Tag die ersten 52 broschierten Exemplare des neuen Buches in der zweiten, überarbeiteten Fassung an die Buchhandlung der Witwe Duchesne in der Rue Saint-Jacques ausgeliefert.[at]

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Rétif, so scheint es, fühlt sich inzwischen von allem bedroht, was um ihn herum geschieht. Vor allem die Verhaftung seines Freundes Mercier scheint ein furchtbarer Schock für ihn gewesen sein. Am 3. November notiert er nicht nur, dass an diesem Tag der Druck der Nächte von Paris endet. Noch davor kritzelt er in den anderthalbzeiligen Eintrag unter diesem Datum: »/inq. crud.[elis]/« – inquiétude cruelle, grausame Unruhe.[au]

Die sich überstürzenden Ereignisse, die Entscheidungen und die Urteile, die bedenkenlos und in rasender Eile gefällt werden, sind in diesen Tagen und Monaten so unvorhersehbar, so irregulär, dass kaum einer, der über seine Haltung zu den revolutionären Geschehnissen nachzudenken wagt, sich sicher sein kann, dass nicht auch er es verdient hat, den Kopf zu verlieren. Rétif durchlebt ein solches Erschrecken einige Wochen später noch einmal, und diesmal geht es tatsächlich um ihn selbst. Am frühen Morgen des 26. November 1793 erscheint ein Friedensrichter, ein gewisser Huë, an der Tür des Hauses in der Rue de la Bûcherie, wo Rétif wohnt. In seinem Monsieur Nicolas hat er die Szene geschildert:

 

»Man will dich sprechen.« Ich trat vor das Haus. […] »Jetzt bin ich an der Reihe«, dachte ich. Und meine hitzige Phantasie, die mich Nacht für Nacht so unglücklich macht […] diese ausschweifende Phantasie stellte mir das Bild einer Sitzung des Revolutionstribunals vor Augen – Dumas oder Coffinhal und ihre blutgierigen Geschworenen; die Tribüne, die Gendarmen mit den aufgepflanzten Bajonetten; das vernichtende Du hast nicht mehr das Wort!