Die Reise über den Hudson - Peter Stephan Jungk - E-Book

Die Reise über den Hudson E-Book

Peter Stephan Jungk

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Beschreibung

Dieser Roman beschwört die Erinnerung an eine Jugend, an ein turbulentes jüdisches Familienleben in Los Angeles, New York, Wien und Berlin. Gustav, der diese Geschichte erzählt, der Historiker werden wollte und sich nun als Pelzhändler betätigt, erinnert sich vor allem an seinen Vater, Ludwig Rubin, der Naturwissenschaftler und rund um den Erdball gefragter Publizist war, ein Monstrum an Vitalität. Ein berühmter Mann und sein Sohn – kaum je ist diese schwierige Konstellation mit größerer Offenheit, Zuneigung und literarischer Sensibilität dargestellt worden. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Peter Stephan Jungk

Die Reise über den Hudson

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Dieser Roman beschwört die Erinnerung an eine Jugend, an ein turbulentes jüdisches Familienleben in Los Angeles, New York, Wien und Berlin. Gustav, der diese Geschichte erzählt, der Historiker werden wollte und sich nun als Pelzhändler betätigt, erinnert sich vor allem an seinen Vater, Ludwig Rubin, der Naturwissenschaftler und rund um den Erdball gefragter Publizist war, ein Monstrum an Vitalität.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei FISCHER Digital

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: buxdesign, München

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN 978-3-10-561770-0

 

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Inhalt

Like a bridge over [...]

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

Der Autor dankt dem [...]

Like a bridge over troubled water

I will lay me down.

 

Paul Simon

1.

MUTTER trieb die rot Uniformierte an: »Wir sind am Ende unserer Kräfte. Mein Sohn ist seit neunundzwanzig Stunden unterwegs. Er kann nicht mehr – sehen Sie das denn nicht? Das merkt man doch mit einem Blick. Wir stehen seit fünfzehn Minuten in der Warteschlange. Sie sind nur zu dritt, trotz des Ansturms an Kundschaft. Ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen. Nein, ich kann und will mich nicht beruhigen. Ich hab dir gesagt, wir sollten ein Taxi nehmen. Nein, er mußte nicht die gesamten neunundzwanzig Stunden im Flugzeug verbringen, Gott sei Dank, das nicht, stimmt’s, Gustav?«

Gustav nickte. Oder schüttelte er den Kopf?

»… aber er besitzt nicht dieselbe Ausdauer wie andere Männer in seinem Alter, er hat ein operiertes Herz und war als Kind oft nicht ganz gesund. Haben Sie’s endlich gefunden? Ein Pontiac? Gustav? Warum nicht. Welche Farbe? Das wissen Sie nicht? Rubin. Mit R, richtig. Nein, nicht mit B. Bubin, ich bitte Sie, wie würde das denn klingen? Das klingt doch lächerlich. Kein Wunder, daß Sie die Reservierung nicht finden konnten. Wie bitte?«

Die Mietwagenfirmenangestellte wiederholte ihre Frage, sehr laut, als hörten Mutter und Sohn schlecht.

»Ein Triebwerk ist über dem Atlantik ausgefallen«, antwortete Gustav leise, »es wurde über Nacht ausgewechselt.«

»Du mußt dich doch für deine Müdigkeit nicht entschuldigen. Man hat ihn im einzigen Flughafenhotel von Reykjavik untergebracht.«

»Man brachte uns im Flughafenhotel unter …«, sekundierte Gustav.

»Was heißt uns? Ich dachte, du bist allein geflogen? Mit wem warst du zusammen?«

»Ich meinte … die anderen Fluggäste … und mich …«

»Er hat sehr wenig geschlafen. Es wird dort ja die ganze Nacht nicht dunkel, und er hat seine Schlafmaske zu Hause liegengelassen«, erklärte Mutter der jungen Frau. »Die Airline schenkt zwar allen Passagieren Schlafmasken, aber wenn er seine eigene nicht bei sich hat, die wunderbar weich ist, von Hermès, ein Geschenk von mir zu seinem vierzigsten Geburtstag, dann ist das schrecklich für ihn. Er ist so gewöhnt an seine Sachen, er kann nicht mit einer funkelnagelneuen Schlafmaske schlafen, die noch dazu nach Fabrik stinkt.«

Das Fräulein von der Autovermietung rollte mit der Zeigefingerspitze einen Kugelschreiber auf der hohen Tischplatte hin und her. Der gewölbte lilafarbene Nagel kratzte auf dem Resopal.

»Bitte lassen Sie das«, sagte Mutter, »das macht mich schrecklich kribblig, das geht mir durch Mark und Bein. Das geht mir mitten ins Nervenzentrum hinein.«

 

Gustav fürchtete sich, als die Pilotin der Großraummaschine die Durchsage machte, sie müsse eines technischen Defekts wegen in Reykjavik landen. Auf halbem Weg zwischen den Küsten Irlands und Islands ziehe sie es vor, nicht umzukehren. Er litt schon seit Jahren an Flugangst, verfiel Tage vor jeder Abreise in akute Beklommenheit, dennoch ging er, in der Mitte der Sitzreihe Nummer 17, mit der Verlautbarung gelassener um als die Mehrzahl seiner Nachbarn. Einige wurden blaß, flatterig, sie hielten ihre Partner oder ihre Kinder fest umarmt. Alleinreisende sahen einander mit Schreckensmienen an, andere kamen miteinander ins Gespräch. Mehr als ein Mal hörte er die Bemerkung: Kein Wunder, Frau am Steuer! In der Business-Klasse fielen zwei korpulente Männer in Ohnmacht, er blickte durch den Vorhangspalt, sah sie auf dem Kabinenboden ausgestreckt, von einem Steward und drei Stewardessen umringt.

»Ihre Kreditkarte und Ihren Führerschein«, bat die Mietwagenfirmenangestellte.

Er ließ sich den Kugelschreiber geben, füllte kleine Kästchen mit seiner Unterschrift, andere mit seinen Initialen GRR aus. Die junge Frau reichte der Mutter den Schlüssel, beschrieb ihnen den Weg zur achten Etage des Parkhauses, im übernächsten Terminal gelegen, leicht zu finden, wie sie betonte. Für jemanden, der den Weg vom Mietwagenbüro zum Parkhaus jeden Tag mehrere Male zurückzulegen hat, ist der achte Stock des Parkhauses des John F. Kennedy-Flughafens unzweifelhaft leicht zu finden. Gustav und Mutter hingegen verirrten sich, die zwei schweren, übergroßen Koffer hinter sich herziehend, mußten kehrtmachen, nochmals nachfragen, fanden dann, endlich im richtigen Terminal, den Aufzug nicht, der sie in den obersten Stock des Parkhauses bringen sollte.

Dann standen sie endlich vor dem Wagen, einem blutroten Pontiac Grand Am, der den Autos der Zuhälter ähnelte, wie sie in Wien alle drei-, vierhundert Meter geparkt stehen, nein, nicht geparkt, vielmehr mit dem rechten Vorder- und dem rechten Hinterreifen schief auf dem Trottoir abgestellt sind.

»Du, das geht nicht, das kann man ja nicht aushalten, so ein scheußliches Auto. Geh’s umtauschen«, verlangte Mutter.

Er hatte nicht die Kraft, zum Mietwagenbüro zurückzukehren und einen passenderen Wagen anzumieten, oder wenn schon einen Grand Am, dann wenigstens in einer anderen Farbe. Er wollte so rasch wie möglich nach Carmel, wo seine Familie seit dem Vortag voller Sorge auf ihn wartete. Mutter war zwei Mal vergebens zum Flughafen gekommen, wurde jeweils vertröstet, seine Maschine werde mit großer Verspätung landen. Hätte sie zu diesem Zeitpunkt die Wahrheit erfahren, sie wäre vermutlich zusammengebrochen. Sie bestand darauf, ihn abzuholen, statt in ihrer Wohnung am Central Park West auf ihn zu warten. »Wenn du so müde bist«, erklärte sie jetzt, »lasse ich dich doch nicht autofahren, das kommt überhaupt nicht in Frage.«

Zwei, im ungünstigsten Fall knappe zweieinhalb Stunden werde die Fahrt zum Seehaus dauern, rechnete er sich aus, an Freitagnachmittagen herrschte dichter Verkehr auf New Yorks Straßen, auf den Autobahn-Tangenten, die in die Hamptons, nach Upstate New York, nach Connecticut und Massachusetts führten. Nicht selten hatte er die Strecke vom Flughafen bis zum Ferienhaus am Lake Gilead in neunzig Minuten zurückgelegt, noch nie jedoch an einem Freitag. Der Flug war so gebucht, daß er am Donnerstagnachmittag hätte eintreffen sollen – prinzipiell unternahm er an Freitagen keine Überseereisen.

Er brachte das Gepäck mit Mühe im viel zu engen Kofferraum unter, setzte sich ans Steuer, kam sich wie ein Astronaut in einer Raumschiffkapsel vor. Mutter saß starr neben ihm. Sie tat ihm leid, so eingeklemmt, das Gesicht verzerrt, zu Recht entrüstet, daß er ihrem Wunsch, ein anderes Auto zu verlangen, nicht nachgegeben hatte.

Er fuhr in einer Abwärtsspirale die acht Stockwerke ins Erdgeschoß hinab. Genoß die Automatik des Getriebes. Und fand mit Leichtigkeit zur richtigen Ausfahrt aus dem Flughafengelände, drehte das Radio an, »where the newswatch never stops, give us twentytwo minutes, and we’ll give you the world«.

»Ich hab den ganzen Tag Nachrichten gehört, muß das sein?« bemerkte Mutter. »Du bist fast abgestürzt, das reicht mir als News für einen Tag.«

Er schaltete das Radio ab. Entdeckte einen CD-Spieler im Armaturenbrett. Ärgerte sich seit dem Abflug über seine Vergeßlichkeit. Als er im Flugzeug das Handgepäck geöffnet hatte, war ihm aufgefallen, daß er seine Musik zu Hause liegengelassen hatte. Er war verspätet und in Eile – das Taxi hupte schon – so vergaß Gustav sein Gebetbuch und die in durchsichtigen Plastikhüllen befindlichen CD’s auf der Kommode im Schlafzimmer.

Er hantierte mit dem Telefon, traute sich die notwendigen Handgriffe zu, ohne die Fahrt zu gefährden.

»Du kannst nicht beides auf einmal, das ist furchtbar gefährlich, laß das bitte«, fuhr Mutter ihn an.

»Wir sind schon im Auto, Madeleine. Schon ist gut, da hast du recht, mein Einundalles, ein Tag Verspätung, eine grauenhafte Reise, das kann man wohl sagen. Mutter geht’s gut, glaube ich, stimmt’s, Mom?« Sie reagierte nicht. »Nein, mein Engel, ich bin gar nicht besonders müde, keine Sorge. Es ist weit und breit keine Polizei zu sehen, Mad, ich bitte dich, ich telefoniere ja nur ganz kurz, mein Schatz. Ich weiß, wie hoch das Bußgeld ist, natürlich. Du hast recht: ich hätte dich aus dem Parkhaus anrufen sollen. Aber wer weiß, ob ich dort Empfang gehabt hätte. Also: Um vier, halb fünf bin ich spätestens bei euch. Wann beginnt der Schabbat? Wann? Und Lichtzünden? Drei nach acht? Alright. Drei nach acht. Warte, Mama will dich sprechen.« Er reichte ihr den Apparat.

»Ihr mit eurem Schabbat. Mein Sohn ein Orthodoxer, ich kann es noch immer nicht glauben. Wie bitte? Ich hab ihm auch gesagt, er soll nicht beim Fahren telefonieren. Wie? Schrecklich schaut er aus. Wie ausgespieen. Und er hat das grausigste Auto gemietet, das du dir vorstellen kannst. Ein Zuhälterauto. Nein, ich will nicht mit ihm streiten. Wie geht’s den Kindern? Amadée schwimmt? Paßt denn niemand auf ihn auf? Was macht die Julia? Ihr seid unten, am Steg? Umso besser.«

Sie sah ihren Sohn nach dem Ende des Gesprächs vorwurfsvoll von der Seite an. »Das Telefon bleibt ab jetzt bei mir. Du bist ja völlig überdreht! Und was soll das eigentlich heißen: Lichtzünden?«

»Das hast du schon bei uns miterlebt, Mom, das ist der Moment, in dem wir die Kerzen für den Schabbat anzünden, der Augenblick, der die vergangene Arbeitswoche vom Ruhetag trennt. Madeleine zündet die Kerzen an, dann breitet sie ihre Arme über den Kerzen aus, zieht ihre Arme in kreisenden Bewegungen dreimal nach innen, womit sie anzeigt, daß sie die Heiligkeit des Schabbat annimmt. Dann bedeckt sie die Augen mit ihren Händen und sagt den Segen, erinnerst du dich jetzt?«

»Mein Sohn ein Orthodoxer! Unfaßbar …«

 

Manhattan tauchte auf, die Skyline der Wolkenkratzer, von graugelben Dunstschleiern umhüllt. Sobald er in Sichtnähe der Stadt gelangte, breitete sich jedes Mal das Gefühl des Nachhausekommens in ihm aus und strömte in den Bauch, in die Beine hinab. Nirgendwo sonst geschah Vergleichbares mit ihm. Er durchquerte den Stadtteil Jamaica – vor fünfundvierzig Jahren und drei Monaten, am 11. Mai 1954, war er hier in der Nähe zur Welt gekommen, im Elmhurst Hospital Center von Queens. Er wuchs in Europa auf, seine Eltern, beide Emigranten, wollten nicht einen Fremden zum Sohn, einen, der in seinen Collegejahren zum Basketball- oder Baseballspieler werden würde, einen, der ihre Muttersprache nicht beherrschte, einen Amerikaner eben.

Sein Blick fiel erneut auf die Kühlerhaube des Grand Am. Auch Madeleine würde ihm Vorhaltungen machen: Du hast behauptet, du seist nicht müde, warum bist du dann nicht zur Autovermietung zurückgelaufen und hast nach einem anderen Wagen verlangt? Die zehn Minuten, die das dauern kann, nachdem du ohnehin einen Tag verspätet ankommst, ich bitte dich, die hätten doch keinen Unterschied mehr gemacht! Jetzt müssen wir einen Monat lang mit dieser Scheußlichkeit leben.

»Hast du überhaupt etwas gegessen? Bist du nicht hungrig?« wollte Mutter wissen. »Heute ist doch nicht Jom Kippur!«

»Es hat im Flugzeug mehr als genug zu essen gegeben.«

»Also, ich, ich hab ein bißl Hunger, muß ich zugeben. Vielleicht könnten wir irgendwo kurz stehenbleiben.«

»Mutter, bitte, ich will so schnell wie möglich zum Haus …«

»Sei nicht so weinerlich. Du bist eh zu dick, fast wie Babyspeck sieht das aus, stört das deine Frau nicht, daß du eher füllig ausschaust, zur Zeit?«

»Mutter, bitte … laß mich in Ruhe … ich bin nicht dick, wirklich nicht.«

Anstatt beharrlich auf dem Van Wyck Expressway zu verbleiben, der nach der Whitestone Bridge direkt in den Hutchinson River Parkway übergeht, die rascheste Verbindung in den Norden, bog Gustav auf den Grand Central Parkway ab.

»Burschi: Was machst du da? Warum fährst du hier?«

Zu seinem Unmut führte dieser Irrweg direkt nach Manhattan hinein.

»Das kostet uns doch nur Zeit«, schimpfte Mutter. »Du hast es ja so eilig, nicht ich.«

An Umkehr war im rasch vorwärtsfließenden Freewayverkehr nicht zu denken, und die nächste Ausfahrt, die ein Wenden ermöglicht hätte, lag meilenweit entfernt. (Auf den Autobahnen dieser Welt konnte er sich oft des Eindrucks nicht erwehren, alle anderen Autofahrer seien Verirrte wie er selbst.)

Er blieb an einer Tankstelle stehen, studierte die Straßenkarte.

»Hast du keine bessere? Nur die von der Mietwagenfirma? Hast du keine richtige Karte bei dir? Du behauptest doch immer, so ortssicher zu sein, und daß du wie im Schlaf zum Haus findest. Jetzt hast du dein Shangri-La seit acht Jahren, warst fünfzehn oder sechzehn Mal dort – und findest noch immer nicht hin? Ich glaub’, du machst das absichtlich. Um mich besonders nervös zu machen. Als hätte ich heute nicht schon genug mitgemacht. So wie du immer um den Block kurven mußt, in jeder Stadt, weil du dich dauernd verfährst. Aber das machst du, seit du den Führerschein hast: Immer um den Block, immer im Kreis. Eine Katastrophe.«

Als er meinte, den richtigen Weg auf der Straßenkarte wiedergefunden zu haben, stieg er aus.

»Wo gehst du bitte hin?«

Er warf den Wagenschlag zu.

Fand in einem Regal der Tankstelle eine der CD’s, die zu Hause liegengeblieben waren. Und kaufte Nüsse, Rosinen, Kekse, eine Dose Cola.

 

›You say that it’s over, baby … Please don’t you do it to me, babe …!‹, dröhnte, krächzte, kreischte es durch das Wageninnere. ›My friends all drive Porschees, I wanna make amends; O Lord, won’t you buy me a Mercedees Benz!‹

»Du, das macht mich zu nervös. Das mußt du dir anhören, wenn du allein unterwegs bist, nicht mit einer Einundachtzigjährigen im Schleudersitz eines Folterinstruments, das sich Auto nennt. Denn der Herr Sohn ist zu bequem, einen Wagen, der absolut inakzeptabel ist, umtauschen zu gehen.«

Sie riß zwei der Tüten auf, Rosinen und Nüsse auf die Gummimatte verstreuend. Warf sich den Inhalt der kleinen Tüten mit Schaufelbewegungen in den Mund.

»Und? Was ist jetzt mit dem Geschrei von der Frau? Drehst du’s ab?«

Er stellte die Musik leiser. Überquerte die Triborough Bridge, nachdem er an einer Tollbooth zwei Dollar fünfzig Stadteinfahrtsgebühr bezahlt hatte. Danach ging es crosstown weiter, in westlicher Richtung, zum Henry Hudson Parkway, dort kannte er sich aus, das war der Highway, den er manchmal nahm, um von Downtown Manhattan zum Haus am See zu gelangen.

»Hast du eigentlich ein Unterhemd an?«

»Es ist unerträglich heiß, Mutter.«

»Du wirst dich verkühlen, wenn du kein Unterhemd anhast. Ein Unterhemd saugt die Körpernässe auf und gleicht die Körpertemperatur aus.«

»Das sagst du mir, seit ich denken kann. Du hast recht. Aber ich fühle mich ohne Unterhemd wohler.«

»Der Papa hat immer Unterhemden angehabt. Und hat es geliebt, dieses wohlige Wärmegefühl.«

Mutter faßte mit der linken Hand zum Lautstärkeknopf des Radios hinüber, stellte es ab. »Du hast wirklich zugenommen, Burschi, seit dem Frühling. Du mußt aufpassen, daß dir das Fett nicht so hervorquillt. Wenn du dann auch noch eine deiner ewigen Schirmkappen trägst, schaust du aus wie ein Riesenbaby, verzeih, aber ich muß dir das sagen, außer mir sagt dir das wahrscheinlich niemand.«

»Madeleine findet mich schön, so wie ich bin.«

»Erstens, weil sie keinen Geschmack hat. Und zweitens, weil sie dich nicht verletzen will.«

»Du hingegen willst mich verletzen.«

»Im Gegenteil. Ich will nur, daß du dich wohl fühlst in deiner Haut. Deine Ohren sind nicht sehr hübsch, hab ich dir das je gesagt? Diese fehlenden Ohrläppchen – schrecklich. Der Nacken ist etwas feist, wenn ich ehrlich bin …«

»Hörst du jetzt bitte endlich auf?«

»Und diese dünnen, farblosen, eigentlich nebbichen Haare …« Sie kicherte.

»Mutter!«

»Was ist denn? Soll ich lügen?«

 

Auf der Höhe der 125. Straße, an der Ecke Park Avenue, fiel ihnen ein breites Reklameschild auf, Hinweis auf eines der Stadtbüros der Autovermietungskette. »Da bleibst du jetzt stehen und schaust, ob wir ein anderes Auto bekommen.«

Vor der Glasfassade der Niederlassung stand ein breiter, schneeweißer Wagen, der im fahlen Sonnenlicht glänzte – das Auto war gerade gewaschen worden, letzte Tropfen glitten auf den Asphalt herab. Gustav blieb in der zweiten Spur stehen, besah sich das Auto aus unmittelbarer Nähe, einen Cadillac DeVille neuester Bauart, der ihn auf der Stelle bezauberte. Er betrat das leere Büro. »Hello?! Anybody? Hello!« Ein älterer Mann, weißhaarig, die Uniform frisch gebügelt, kam aus der Toilette, entschuldigte sich, während er den obersten Knopf seines Hosenschlitzes schloß. Gustav zeigte auf den in zweiter Spur abgestellten Grand Am, Mutter winkte ihnen zu. Er erklärte, das Auto vor einer Stunde am Flughafen angemietet zu haben, mit der Farbe jedoch äußerst unglücklich zu sein – ob es möglich wäre, fragte er, in der Annahme, sein Anliegen sei unerfüllbar, den roten Pontiac gegen den weißen Cadillac umzutauschen? Und wieviel mehr würde denn der Cadillac pro Monat kosten als der Pontiac, sollte ein solcher Tausch möglich sein?

»I don’t particularily like my color either«, gluckste der Alte, schüttelte den Kopf. Wies darauf hin, ihm persönlich gefalle der rote Wagen dennoch weit besser als der weiße. Er blätterte in einem dicken Heft. »Hundred and thirtythree.« Pro Tag? Pro Woche? »Per month, dear.« Für einen Monat kostete der lilienweiße Cadillac einhundertdreiunddreißig Dollar mehr als der nelkenrote Pontiac. Gustav unterzeichnete einen neuen Vertrag, legte wieder die Kreditkarte vor, dankte dem Angestellten so herzlich, als habe er das Zauberwort für den Zutritt in eine Schatzhöhle erfahren. Er wuchtete die beiden Gepäckstücke in den großen Kofferraum des Cadillacs, half Mutter beim Umsteigen, parkte den Grand Am an einer Stelle, auf die der vor die Filialentür getretene rot Uniformierte mit heftigen Bewegungen zeigte. Stieg um und fuhr los – wie auf Wolken.

»Sehr nett sah der aus, dieser Auto-Neger«, stellte Mutter fest. »Das wäre jetzt der Moment gewesen, dir das Unterhemd anzuziehen.«

Die Schwere der Glieder, das schwammige Weichsein um die Knie, der Nebel um die Schläfen fielen von Gustav ab – Nebenerscheinungen der Zeitverschiebung, die das interkontinentale Reisen am Ende des zwanzigsten, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts noch prägen. Selten hatte er in den letzten Monaten einen Augenblick ähnlicher Zufriedenheit gekannt wie an diesem Freitagnachmittag, dem 6. August 1999, dem vierundfünfzigsten Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima.

Auf dem Wiener Eislaufplatz, zwischen der unendlich tiefen Baustelle des späteren Hotels Intercontinental und dem Musikvereinssaal, vis à vis von seinem Gymnasium, dem Akademischen am Beethovenplatz, hatte er vergleichbare Hochgefühle verspürt, fünfunddreißig Jahre zuvor: da glitt er über das Eis, rasant und vornehm, geschickt und schnell wie die Kunstläufer, die in einem mit Seilen abgetrennten Areal ihre Sprünge vollführten. Wie Danzer kam er sich vor, der Weltmeister, dem er beim Trainieren seiner doppelten Rittberger zusah, vorexerziert zu den Echoklängen eines Walzers von Johann Strauß. Und dann kam das Schönste: im Auslaufen, nach vollbrachtem Sprung, zog sich Danzer die schwarzen, hauchdünnen Lederhandschuhe aus, langsam, ganz sachte. Nachdem der linke Handschuh ausgezogen war, zog er sich behutsam den rechten aus. Das hat Gustav ihm nachgemacht, dieses gelinde Handschuheausziehen, während des Auslaufens, Ausgleitens auf dem Eis. Dieses Gefühl durchströmte ihn am Steuer des schneeweißen Cadillac DeVille, Baujahr 1999.

»Gott, war das ein schreckliches Auto, das andere«, klagte Mutter.

»Aber jetzt sprechen wir nicht mehr darüber. Und man soll den Ewigen nicht für solche Geringfügigkeiten in den Mund nehmen.«

»Das nennst du Geringfügigkeiten? Und was heißt in den Mund nehmen? Ist doch kein Stück Wurst, oder Toast, das Wort Gott? Gib wenigstens zu, daß es ein scheußliches Auto war.«

2.

SIE fuhren in nördlicher Richtung. Er drehte das Radio wieder an, Ten-Ten-Wins-News, where the newswatch never stops: Eine Kurzreportage aus der Wohnung von Mariah McWilliams, in Yonkers, ehemalige Köchin und Hausangestellte, die an diesem Tag ihren hundertundvierten Geburtstag feierte – »I just kept on living«, läßt sie die Schar der Glückwunschüberbringer wissen. Sie habe nie geheiratet und nie Kinder bekommen: »… ’cause that kills you!« Auf der Fußgängerüberquerung der Brooklyn Bridge hatte sich eine Stunde zuvor ein dreiunddreißigjähriger mexikanischer Einwanderer vor den Augen entsetzter Passanten erschossen. Der Notarzt brachte ihn zum NYU Downtown Hospital, doch er war bereits tot. »Er hat sich wie ein Indianer so seltsam niedergekniet«, berichtete ein Augenzeuge, »dann holte er eine Pistole aus dem Hosenbund und peng, in die Schläfe.«

»Stellst du’s bitte wieder ab? Ich hab dich doch vorhin schon darum gebeten: kein Radio. Keine Musik …«

Es gab in diesem Wagen keinen CD-Spieler, nur einen Kassettenrecorder. Ihm fiel ein, daß er die Janis-Joplin-Platte im Pontiac zurückgelassen hatte – er ärgerte sich.

»Warum grunzt du so komisch, Gustav?«

»Nichts. Es ist nichts.«

»Hast du was vergessen? Im andern Auto?«

»Nicht so wichtig …«

An Umkehr war nicht zu denken. Ein neuer Beweis für die kleinen Gedankenlosigkeiten, die sein Leben seit Vaters Tod mit ihrem Ungenauigkeitsmuster durchzogen.

Er drückte erneut auf die Radiotaste, bemerkte nicht, daß der Henry Hudson Parkway breiter wurde, hielt sich rechts, weit rechts, da befand er sich bereits versehentlich auf der Zufahrt zur George Washington Bridge. Zügig floß der Verkehr auf das Oberdeck zu und dann in beiden Richtungen über die acht Fahrbahnen der kilometerlangen Hängebrücke.

»Ich versteh nicht, wie man so unkonzentriert sein kann. Schau, wo wir jetzt sind! Wenn das Radio nicht an wäre, wäre dir das nie passiert. Hättest du nicht besser aufpassen können?«

Über dem Wasser schwebend, zwischen hochhaushohen Stützpfeilern, genoß er das rhythmische Schattenspiel der Stahlverstrebungen, der Seile und Kabel, die seine Fahrt von beiden Flanken her und von oben herab begleiteten. Er warf Seitenblicke auf den glitzernden Hudson River, tief unter ihnen, an dieser Stelle halb Meeresarm, halb Flußdelta. Wenige Meilen weiter südlich, wo die Freiheitsstatue in den Himmel ragt, floß der Hudson in den Atlantischen Ozean. In seinem Ohr ein Sausen und Sirren, der Klang der tausend Reifen auf dem Metallboden der mächtigen Brücke. Unter dem zweiten Turm hinweggerollt – es tat ihm leid, die George Washington schon verlassen zu müssen. Kaum eine Minute hatte die Brückenüberfahrt gedauert.

»Jetzt sind wir aber auf dem falschen Ufer«, klagte Mutter, »im Bundesstaat New Jersey, dem Schlafland der Einkommensschwachen, bitte, Burschi, dreh um.«

Er kehrte nicht um.

Sie kamen rasch voran, in Richtung Norden, auf dem Palisades Interstate Highway. Wie grün es auf der Westseite des Hudson war – viel schöner als auf der Ostseite, ein Wechselspiel kleiner Wiesen und Wälder. Eine Parklandschaft, Aussichtspunkt-Parkplätze immer wieder, weite Blicke auf den Fluß.

 

Gustav rechnete sich aus, daß er die Familie in einer Stunde umarmen konnte. Seine fünf Monate alte Tochter, den neunjährigen Sohn, seine Frau, die er innig liebte. Liebte er sie innig?

»Aber nicht wie in den ersten Jahren«, bemerkte Mutter. Ihr Gehör war zwar fabelhaft, aber er hatte kein Wort vernehmen lassen, »weil es das nicht gibt. Das kommt nicht vor. Das hat es nur bei deinen Eltern gegeben. Du kannst sie nicht nach zehn Jahren so lieb haben wie am Anfang. Zwei Jahre warst du glücklich mit ihr, dann ist sie dir fad geworden, hab ich recht?«

»Mutter? Wovon sprichst du?«

»Von deiner Frau. Du hast gerade über euch beide nachgedacht. Oder nicht? Wir haben uns wirklich sehr lieb gehabt, der Papa und ich, und nicht nur wie Bruder und Schwester sich lieben, wie es das so oft gibt, bei älteren Paaren, nein, wirklich geliebt, bis ganz zum Schluß. Der Papa hat es genossen, mit mir zu schmusen, zu schlafen, alles haben wir gemacht miteinander, alles, wie ganz am Anfang. Das wird es zwischen dir und deiner Emm« – sie nannte Madeleine immer nur Emm – »nicht geben. Der Ludwig hat’s mit mir so gut gehabt, weil ich ihn unterhalten, weil ich ihn zum Lachen gebracht hab, weil es ihm mit mir nie langweilig war in all den Jahren. Und betrogen hat er mich sowieso nicht, denn er war mit mir besonders glücklich. Er hat nichts anderes gebraucht als mich.«

»Darf ich dich daran erinnern, daß du mir noch vor fünf Jahren gesagt hast, du hältst ihn nicht mehr aus? Du willst dich unbedingt von ihm scheiden lassen? Das hast du vergessen.«

»Du phantasierst. Ich würde gerne verstehen, warum du derartige Legenden in die Welt zu setzen versuchst? Was hast du davon? Was bringt dir das? Weil du mit deiner Frau nicht so glücklich bist, wie ich mit dem Papa war, willst du mir unser Glück nachträglich mies machen?« Mutter hatte die Angewohnheit, mehrere Worte in jedem Satz zu betonen, dadurch wurde Nebensächlichkeiten allergrößte Wichtigkeit beigemessen. In jeder ihrer Aussagen schwang etwas Dramatisches, Endgültiges, Unbedingtes mit, und mochte es auf zweiten Blick noch so unwesentlich sein.

 

Er bat Mutter, im Ferienhaus anzurufen. Sie drückte die Wahlwiederholungstaste.

»Der Anrufbeantworter schaltet sich ein …«

»This is the Rubin summer residence …«, die hohe, ernste Stimme seines Sohnes, er sprach einwandfreies Englisch, »sorry, we’re not in right now … please leave us a message after the beep …«

»Ich bin’s, eure Großmutter«, sprach Mutter auf das Tonband. »Wir sind schon auf halbem Weg. Der Gustav hat sich natürlich wieder einmal verfahren, wie immer. See you soon, Kinder!«

Nicht Sprachen mischen!, hatte Vater immer gewarnt, sonst wirst du als Erwachsener nur noch Kauderwelsch von dir geben. Sprich entweder Englisch oder Deutsch, aber nicht dieses Emigrantengemisch. Ludwig David Rubin vertrug nicht, daß so viele der nach Kriegsende nach Deutschland und Österreich eingewanderten Flüchtlinge, Völkermordüberlebende wie er selbst, es nach Jahrzehnten noch nicht geschafft hatten, die deutsche Sprache fehlerfrei zu beherrschen. Er zögerte nicht, seinen Schicksalsgenossen ein zorniges LernenSieDeutsch! zuzurufen, sobald er sich ihren Mauschelattacken, wie er ihre osteuropäisch gefärbten Akzentkaskaden nannte, ausgesetzt sah.

 

Sie befanden sich unweit der Ortschaft Nyack. Große Schilder wiesen auf eine Brücke hin, die er nur dem Namen nach kannte – Governor Malcolm Wilson Tappan Zee Bridge stand da in großen weißen Lettern auf grünem Grund. Die erste Möglichkeit seit der George Washington Bridge, den Fluß zu überqueren und die Fahrt nach Carmel auf der Ostseite fortzusetzen. Er fädelte den schneeweißen Wagen in die rechte Spur ein, um zur richtigen Abzweigung zu gelangen.

Serpentinen führten zum Hudson hinab, bei Nyack breit wie ein See, die Straße erinnerte Gustav an das sachte Herabgleiten bei Triest, wenn man sich der Stadt aus dem Hügelland nähert, auch als Autofahrer gleichsam wie im Segelflugzeug-Sinkflug herabschwebt, aus dem Karstgebirge kommend. Auf halber Bergeshöhe tauchen da die Außenbezirke auf, und man sieht auf das Meer, den Hafen, auf das rechtwinklige Straßengeflecht hinab, kommt der Innenstadt Kurve um Kurve näher. Triest – Stadt am Alpenrand, Stadt am Meeresufer, Zauberort, ein Menschheits-Knotenpunkt, den Gustav liebte wie keine andere Stadt Europas, Geburtsort seiner Großeltern mütterlicherseits, die er niemals kennengelernt hat und deren Gräber er nicht besuchen konnte – ihre Asche verwehte über einer polnischen Provinzstadt.

 

Tappan Zee – er ahnte nicht, wie groß sie war: doppelt so lang wie die George Washington Bridge. Bald würde er die Auffahrt erreichen, die auf dutzenden Betonpfeilern lag und in weitem, ansteigendem Kurvenschwung auf das hohe Mittelstück aus Stahlverstrebungen zulief. In breiter Kehre schwebte die Auslegerbrücke danach sacht absteigend auf das gegenüberliegende Ufer des Hudson zu. Einer riesigen Schlange gleich lag sie im Wasser, die Tappan Zee, in ihrer Mitte ragte ein mächtiges Stahlfachwerk in den Himmel, zwei spitz zulaufende, spiegelgleiche Teile, die kleinen Bergspitzen ähnelten – oder wie die Rückenflossen eines Drachen aussahen? Ein S-förmiges Lindwurmskelett, aus dessen Rücken sich zwei hohe knöcherne Zacken hervorhoben. Aus der Entfernung ließ es Gustav an die ›Matador‹-Bauten denken, die er als Bub auf dem Parkett seines Kinderzimmers errichtet hatte, aus durchlöcherten Holzbausteinen, mithilfe schmaler Stifte zusammengesteckt.

»Diese ganze Landschaft hier kann mir gestohlen bleiben, ich mag sie nicht«, bemerkte Mutter, »es ist mir unbegreiflich, daß ihr hier jedes Jahr eure Ferien verbringt. Für mich natürlich gut, denn ich bekomme dich zu sehen, aber wie man es hier schön finden kann? Wenn ich das vergleiche mit der österreichischen Landschaft. Ohne diese österreichische Schönheit bin ich nicht wirklich ich. Wie fantastisch es im Salzkammergut ist, an den Seen, oder die Wälder, die Berge, alles, ich hab manchmal so große Sehnsucht danach. Die Berge rosa vom Sonnenuntergang, die Luft süß und frisch und lau. Aber für den Papa war’s wichtig, oft hier zu sein, wegen seiner Arbeit, wegen seiner Lehraufträge, schade. Die Menschen, die gehen mir nicht ab, diese Österreicher. Die nicht! Gott: Ein mieses Volk.«

»Ich lebe dort, Mutter, vielleicht sollte ich dich hin und wieder daran erinnern.«

»Du lebst dort. Zum Geldverdienen, ja, ich weiß. Schade, daß du dort bist, du Armer. Wahrscheinlich, weil die Emm das so will.«

»Mom, Madeleine würde am liebsten hier leben, in Amerika …«

»Hmm«, machte Mutter, »no ja.«

 

Er freute sich auf die Brückenüberfahrt, wie ein Flugkörper würde er die Tappan Zee überschweben, übersegeln, wie die Falken, die über dem Fluß kreisten. Auf den Brückenspitzen hatten sie ihre Nester, von der New York State Thruway Authority dort angesiedelt, um die Tauben abzuschrecken, die die Stahlverstrebungen verschmutzten, wenn sie nicht verjagt wurden.

Er öffnete das Fenster. Klimaanlagen enervierten ihn. Es ärgerte ihn, daß der Motor für die Kaltluftzufuhr Benzin verbrauchte.

»Darf ich … das Fenster?« fragte er Mutter.

Sie schlief, war nach dem letzten Wortwechsel eingenickt. Jetzt hörte er das leise Knacken, genau!, das Geräusch, das sie so oft im Schlaf machte! Wenn er auf Reisen mit den Eltern das Hotelzimmer teilte und als Bub nahe ihrem Bettende auf einem wackeligen Klappbett oder auf einer schmalen Couch lag und wach wurde, während sie noch schliefen, dann lauschte er Vaters Schnarchen und Mutters leisem Schnalzen, Knacken, zwischen Gaumen und Zungenspitze, ein regelmäßiger Ton, der dem Brechen kleiner trockener Äste ähnelte.

Es kam selten vor, daß er in einem eigenen Zimmer schlafen mußte, im Hotel; dann aber litt er so sehr unter der nur stundenlangen Trennung von den Eltern, daß Vater sich etwas einfallen lassen mußte, um dem Kind das nächtliche Alleinsein ein wenig zu erleichtern. Er erfand das Spagat-Telefon: Verlegte eine Paketschnur vom Elternbett zum Spalt unter der Tür des Doppelzimmers, ließ sie quer über den Flur laufen, holte sie fünf Türen weiter, auf der gegenüberliegenden Korridorseite, unter dem Türspalt des Einzelzimmers wieder hervor und band sie am Fuß des Nachtkästchens fest. Er sagte dem Zehnjährigen gute Nacht und kehrte in sein Zimmer zurück. Wenn er dann an seinem Schnurende zog, ruckelte bei Gustav der Nachttisch ein paar Zentimeter über dem Parkettboden. Und der Sohn gab Antwort, zog an seinem Schnurende, und das wiederum hatte kleine Auswirkungen im Zimmer der Eltern, und immer so fort, bis Gustavs Angst vor der Finsternis und vor dem Alleinsein langsam nachließ, Ruck für Ruck, Zug um Zug.

 

Die Spuren der Gegenfahrbahn waren, so sah es beim Näherkommen aus, wegen Bauarbeiten gesperrt. Ein paar dottergelbe Bulldozer stießen da vor und zurück. Bohrmaschinen verursachten dumpfe, in weitem Umkreis vernehmbare Schläge. Nach Osten hin floß der Verkehr langsam, aber stetig. Es war kurz vor drei Uhr Nachmittag.

Auf Mutters Schoß klingelte das Telefon, er griff rasch danach. Es war Madeleine.

»Wir haben euch vorhin nicht gehört. Wo seid ihr jetzt genau? Wir können’s kaum erwarten. Bist du noch weit? Amadée will wissen, ob du ein Geschenk für ihn mitgebracht hast. Er schwimmt so grandios, du wirst deinen Augen nicht trauen. Hast du dich wirklich verfahren, oder übertreibt sie wieder einmal?«

»In einer knappen Stunde sind wir bei euch.«

»So lange noch?«

»Hier ist schon Wochenendverkehr, mein Engel.«

»Ich bin nicht dein Engel. Ich bin deine Frau.«

 

Er tippte auf die Sender-Suchtaste. Auf 93.8FM