Die Unruhe der Stella Federspiel - Peter Stephan Jungk - E-Book

Die Unruhe der Stella Federspiel E-Book

Peter Stephan Jungk

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Beschreibung

Der bewegende Roman über die Lebenswende einer Frau, der sein Publikum unweigerlich in die Höhen und Tiefen, Katastrophen und Glücksmomente einer großen persönlichen Veränderung hineinzieht. Peter Stephan Jungk hat mit Stella Federspiel eine der fesselndsten und erotisch inspiriertesten Frauenfiguren der modernen Literatur geschaffen. Stella Federspiel entwirft Uhren für eine renommierte Schweizer Manufaktur. Nicht nur ihr berufliches Leben, auch ihr innerstes Wesen ist von der Suche nach einem Verständnis der Zeit geprägt. Mit 34 Jahren, als sie die biologische Uhr immer deutlicher spürt, nur wenige Jahre vor Anbruch des nächsten Jahrtausends, wird die Urenkelin eines berühmten russischen Anarchisten von ihrem Vater vehement aufgefordert, ihrer Kinderlosigkeit endlich ein Ende zu setzen. Auch ihr Jugendfreund, der Künstler Anthony Fensterheim, greift ungestüm in ihren Zeitplan, ihre Lebensbahn ein. Nun muß sich die schöne Stella mit den Eheschwierigkeiten ihrer Eltern, mit ihrem nähesuchenden Onkel und ihrem liebefordernden Cousin, auch mit ihren eigenen Liebeswünschen auseinandersetzen, einen »Putsch« in ihrem renommierten Uhrenunternehmen überstehen – und sehen, daß sie sich in den Turbulenzen dieses Jahres selbst treu bleibt. Denn hinter allem spürt sie die Frage, was sie mit ihrem Leben eigentlich will, mit all der Eigensinnigkeit, auf die sie so stolz ist, und den verlorenen Träumen vom Land ihrer Kindheit, das sie nun auch innerlich endgültig verlassen muß. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Peter Stephan Jungk

Die Unruhe der Stella Federspiel

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Der bewegende Roman über die Lebenswende einer Frau, der sein Publikum unweigerlich in die Höhen und Tiefen, Katastrophen und Glücksmomente einer großen persönlichen Veränderung hineinzieht. Peter Stephan Jungk hat mit Stella Federspiel eine der fesselndsten und erotisch inspiriertesten Frauenfiguren der modernen Literatur geschaffen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei FISCHER Digital

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: buxdesign, München

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN 978-3-10-561774-8

 

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Inhalt

Ein Blütenblatt fällt zu [...]

Tag

Woche

Monat

Jahr

I. Fontaines

II. St. Martin

III. Monsieur Estavayer

IV. Philipp

V. Chicago/Los Angeles

VI. Besucher

VII. Virilio

VIII. Fledermäuse

IX. Hotel Sacher

X. Putsch

XI. Spiegelkabinett

XII. C’est l’heure!

Herrn Ludwig Oechslin sei [...]

Ein Blütenblatt fällt zu Boden

Ein Augenblick

Ein Jahrhundert

 

Bashô

Tag

Das Stammhaus des Unternehmens ENTRE-DEUX-LACS liegt an der Avenue des Cadolles, hoch über der Stadt, nah am Waldrand. Von dem Eingangstor der Fabrik aus sieht man zum See hinab. Es tat mir wohl, das Wasser zu erblicken, die stille Fläche stärkte mich. Heute ließ das Wetter keine Fernsicht zu. An klaren Tagen reicht der Blick vom Fabrikszaun bis zur schneebedeckten Mönch-, Jungfrau-, Eigerkette.

ENTRE-DEUX-LACS zählt zu den letzten Uhrenmanufakturen der Welt, deren Zulieferungsabteilungen nahezu ausnahmslos unter einem Dach zusammengefaßt sind. Vom Zifferblatt bis zum kleinsten Zahnrad, von den Gesperren bis zu den Spiralfedern stellen wir alle Einzelteile selbst her und setzen sie im Stammhaus zusammen. Die Firmenleitung sowie die kleine Gruppe Verkaufsstrategen haben ihr Hauptquartier ebenfalls an der Avenue des Cadolles aufgeschlagen.

Das Etablissement wurde vor mehr als hundertfünfzig Jahren, in Cornaux, auf halbem Weg zwischen Lac de Neuchâtel und dem Bieler See, auf halbem Weg zwischen französischsprachiger und deutschsprachiger Schweiz gegründet. Vor zweiundsechzig Jahren, 1932, übersiedelte das Mutterhaus in die Stadt Neuchâtel.

Das Tageslicht fällt durch hohe Fenster und spitze, gläserne Kleindächer in die weite, ebenerdige Werkhalle. Hebt man den Kopf, sieht man in den Himmel. Mein Werktisch befand sich bis vor zwei Monaten, als der Umsturz stattfand, im Zentrum der Halle, hier fließen die Kräfte der Fabrik zusammen, hier schreitet jeder vorbei, der zur Arbeit geht oder von der Arbeit kommt. (Seit Mitte Mai stehen mein Schreibtisch und eine kleine Werkbank in der Direktionsetage.)

Auf zwei Bildschirmen, sechzig mal vierzig Zentimeter groß, betrachte ich meine Entwürfe, Erfindungen, dreidimensional erscheinende Zeichnungen, die sich drehen, wenden, kippen lassen und denen ich jede Farbe zu geben vermag. Ich ahme auf den Großmonitoren wirklichkeitsgetreu nach, wie die einzelnen Teile einer ausgedachten Uhr zusammenwirken sollen. Dringe in die innersten Teile eines Uhr-Entwurfs ein, stelle, in die Kapillargefäße entworfener Uhrenwerke versunken, kleinste Teilchen vielfach vergrößert dar.

Meine Mitarbeiter wundern sich, daß ich mich von Zeit zu Zeit selbst an die Monitore setze. Wohlmeinende Kollegen und Kolleginnen sind der Ansicht, es gehe nicht an, daß die Vizepräsidentin des Traditionsunternehmens ENTRE-DEUX-LACS höchstpersönlich skizzierte, änderte, experimentierte. Solche Verrichtungen sollte ich, meinen sie, ausschließlich meinen Zeichnern überlassen.

Neben meiner Werkbank schweben schautafelgroße Pläne, auf Kalkpapier gezeichnete Bauteile einer Uhr mit Rotationshemmung, die wir im übernächsten Jahr lancieren wollen. Der Entwurf, basierend auf meinen jahrelangen Vorarbeiten, kommt ohne Wiederaufzugssystem aus, da ich eine Hemmung erfunden habe, welche die force constante überflüssig macht. Ein beabsichtigter Schwerpunktfehler ist in die Uhr integriert. Er bremst einerseits, beschleunigt anderseits. Die Bremsung wird durch die Beschleunigung jeweils ausgeglichen und umgekehrt.

Als mein Vetter Sascha vor einigen Wochen die Fabrik besuchte, zum ersten Mal, seit ich hier tätig bin, überraschte ihn, wie sehr die Planzeichnungen meiner Rotationshemmungsuhr den Grundrissen für einen Erweiterungsbau des Atomforschungszentrums Cern in der Nähe von Genf ähnelten, welchen er, ältester Sohn des verstorbenen Bruders meiner Mutter, im vorvergangenen Jahr konzipiert hat.

Zwei meiner engsten Mitarbeiter, sechzigjährige Herren aus Biel, Martin Portalban und Theodor Leubringen, betreuen jeweils ein Dutzend Zeichner und Zeichnerinnen, welche mit Bleistift, Lineal und Zirkel präzise Aufsichten und Schnitte nach meinen Skizzen ausführen. Für jedes Rädchen, jedes auch nur halbmillimeterkleine Teilchen fertigen die Zeichner auf ihren schiefgestellten Arbeitsflächen exakte Abbilder an, in fünfzig-, siebzig-, hundertfacher Vergrößerung. Jeder Teil jeder Uhr wird so zum eigenen Bauwerk erhoben.

Abteilungsleiter Leubringen ist für das sogenannte »Dossier« zuständig, für jenes dicke Buch, in dem jedem Teil einer Uhr, vom größten bis zum allerkleinsten, eine eigene Seite gewidmet ist. Leubringen ist es auch, der, nach Absprache mit mir, an alle Zulieferabteilungen die jeweilig notwendigen Aufträge erteilt. Er erinnert mich an ein Gnu, langgestreckt die Kopfform, wildborstig der Vollbartwuchs, ungeschlacht erscheinen mir seine Bewegungen. Er wirkt scheu und ungestüm zugleich. Nach allen Richtungen schwenken seine kurzen Arme aus, wenn er zu sprechen anhebt.

Portalban hingegen, Hauptverantwortlicher für den endgültigen Zusammenbau aller Einzelteile, gleicht durchaus einem Storch; dünn, groß ist seine Gestalt, gemessen stolziert er durch die Hallen. Das erscheint mir vor allem deshalb bemerkenswert, da auch sein Vorgänger, Monsieur Estavayer, den ich vor zwei Monaten entlassen mußte, unbedingt storchenähnlich aussah. Als sei Portalban sein Zwillingsbruder, so sehr ähnelt er Estavayers Erscheinungsbild.

Monsieur Leubringen bemerkt zu meinen Ideen und Entwürfen beinahe regelmäßig: »Das, entschuldigen Sie, Mademoiselle Federspiel, aber gehen wird das nicht, so wahr mir Gott helfe!«

Ich gelte innerhalb der Schweizer Uhrenlandschaft als Ausnahmeerscheinung, es ist in der Geschichte der Uhrenherstellung sehr selten vorgekommen, daß Werk und Gehäuse von ein und demselben Uhrmacher entworfen wurden. Ich habe diesen Weg, nach Abschluß meiner Ausbildung an der Basler Uhrmacherschule, sehr bewußt gewählt. Ich wollte mir den Traum erfüllen, sowohl Atem und Herzschlag der Uhren als auch ihre Körperlichkeit, ihr äußeres Erscheinungsbild, auf den Weg zu bringen.

»Mademoiselle, excusez!« Monsieur Leubringen hat sich auf Zehenspitzen in mein Büro geschlichen, weist auf meine jüngste Skizze des Ankerrades für die Rotationshemmungsuhr hin. »Das wird so nicht möglich sein, Mademoiselle, weil eine Unruh einen definierten Anstoß braucht, um immer die gleiche Schwingungsweite zu erreichen. Wo wäre ein solcher Anstoß hier garantiert? Es hat so etwas wie Ihre Konstruktion noch nie gegeben. Ich erlaube mir, Sie zu bitten, Mademoiselle: Halten wir uns an Machbares, darf ich das so frei heraus sagen?« Er verbeugt sich, gnuähnlich.

»Sie dürfen das so frei heraus sagen, aber es bleibt dabei, cher Monsieur Leubringen, ich möchte das genau so haben, wie es hier vorgezeichnet ist. Sie verstehen, was ein dynamischer Anstoß ist? Um ein Gewicht, das an einer Feder hängt, in Schwingung zu versetzen, kann man dem Gewicht einen Stoß geben. Man kann sich aber auch ausdenken, was passiert, wenn der Aufhängepunkt bewegt wird. Begreifen Sie es jetzt? Auch während wir den Lupenwecker bauten, versuchten Sie und Estavayer mich konstant daran zu erinnern, wie abwegig meine Ideen seien. Oder spielt mir mein Gedächtnis da einen Streich?«

Er zieht sich zurück.

Vielleicht ist es ein Fehler, die gelegentlichen Untergrabungen meiner Position weiterhin zu dulden, sie haben im Grunde zu den Ereignissen des vergangenen Mai geführt. Anderseits liegt es mir fern, nun auch noch Leubringen wegen Insubordination zu entlassen.

Ich habe genügend verläßliche Mitarbeiter, die mir ausgesprochen wohlgesinnt sind, allen voran Ludwig Linoches, der junge Leiter der Verkaufsabteilung, gleichsam Außenminister des Hauses ENTRE-DEUX-LACS, den die Besitzerfamilie Bréguet-Blanc vor knapp vier Jahren in einem seltenen Anflug kluger Firmenpolitik engagiert hatte. Linoches, auf den ersten Blick priesterähnlich, ist ein äußerst loyaler, in Fachfragen hervorragend bewanderter Mann. Er gibt mir Halt. Er schenkt mir Zuversicht. Der Zwicker, den er in perfekter Balance auf der Nase trägt, ist ein Sinnbild der Ruhe und Ausgeglichenheit, die er auf mich zu übertragen imstande ist.

Nachmittags unternehme ich jeweils meinen Rundgang, von den Mitarbeitern als Visite bezeichnet. Wandere an den Ultraschallbädern vorbei, welche die einzelnen Bauteile von kleinsten Schmutzpartikeln befreien. Sehe den Männern an den Fräsmaschinen, den Richt- und Koordinatenbohrmaschinen zu; sie tragen blaue Mäntel, wie die Schuldiener in meiner Kindheit. In ihren Brusttaschen stecken Kugelschreiber und grüne, rote, schwarze Filz- und Zeichenstifte. Sie stellen die Rohteile unserer Uhren her, Platinen und Räder. Mehr als hundert Arbeitsgänge sind notwendig, um die verschiedenen Bauteilchen der Platinen auszuhöhlen, abzuschrägen, zu bohren, zu fräsen, sie mit Stiften, Rädchen und Brücken zu versehen.

»Keine noch so hoch entwickelte Maschine wird je die menschliche Hand ersetzen können«, flüstert mir Portalban zu, als sei ihm diese Erkenntnis heute zum ersten Mal widerfahren. »Nur die Hand verbindet Glück, Kunst und Erfahrung in vollendeter Weise. Nur die Hand kann vollendet zusammensetzen, aussägen, schleifen, polieren.«

Ich begutachte die Arbeit jener Frauen, welche die Rädchen, Stifte und Schrauben, die in unseren Werken für Kreislauf und Atmung sorgen, behutsam durch die Finger gleiten lassen. Blutrot ist das Öl, in welches die fertigen Teilchen sekundenlang getaucht werden. Halbfingernagelgroß das größte Stück, nicht reiskorngroß die kleineren.

Dominique, aus meinem Wohnort Fenin, stanzt Lücken in ein Plättchen, das in meinen Lupenwecker eingebaut werden wird. Um sich gegen den Windstoß zu schützen, der aus der Maschine strömt, hat sie sich einen Pappendeckelschutz gebaut, daran ist die Fotografie ihres neugeborenen Sohnes festgemacht: »Siegfried, am 1. Mai, 4 Kilo und 19 Gramm«.

Rund um mich herum ist das spitze Zischen der Luftpinsel, ein Geräusch, das mich beruhigt. In einer hohen Fensterscheibe spiegelt sich mein Abbild. Ich gehe nah an die Spiegelung heran. Sehe meinen hochgewachsenschlanken Leib, die guten, langen Beine, die makellos weißen Zähne, die großen hellblauen Augen, das dichte, kräftige, schulterlang-kastanienbraune Haar. Selbst meine Sommersprossen gefallen mir. Und meine Hände, wunderbar, die ausgewogene Länge meiner Finger, die ideal-ovale Form meiner unlackierten Nägel. Ich erkenne kleine Fältchen um die Augen, an diesem vierzehnten Juli, Jour de la Bastille, Lieblingstag, Feiertag meines Urgroßvaters. Wie uneingeschränkt graziös erschien mir mein Abbild vor elf und vor zwölf Monaten noch, wie ebenmäßig mein Angesicht. Beginnt heute mein Sterben? Beginnt heute mein Leben?

Ich setze den Rundgang fort. Scheue mich, jenen Raum zu betreten, in dem unsere Uhrwerke manuell zusammengesetzt werden. Ein Dutzend Männer und Frauen sitzen hier beisammen, Lupen an ihre Augen geklemmt und an Kopfbändern befestigt, Walkmanhörer in den Ohrmuscheln (so oft ich die Belegschaft auch darum bitte, dies zu unterlassen, sie setzen die vermaledeiten Hörer doch gleich wieder auf, legen sie den ganzen Arbeitstag lang nicht wieder ab). Die Gruppe kehrt jedermann den Rücken, verbreitet die feindseligste Stimmung, die sich denken läßt. Einmal in der Woche suche ich den kleinen Saal der Mißmutigen auf, verbleibe hier drei, höchstens vier Minuten. Schiebt einer das Vergrößerungsglas an dem Kopfband hoch, ragt ein drittes Auge aus der Mitte seiner Stirn.

Leiden die Mißgestimmten noch heftiger an den Berufskrankheiten der Uhrmacher, als alle anderen dreihundertundfünfzig Mitarbeiter des Betriebs ENTRE-DEUX-LACS? Verdauungsstörungen, Schwäche der Lungen, Katarrhe, Auszehrung und Neurose, Trubel im Kopf und in den Augen sowie nervöse Apathien sind die durchaus charakteristischen Krankheiten unseres Standes. Im Raum der Übelgelaunten gewinnt man den Eindruck, alle genannten Schwächen seien hier vereint.

Auch der Gehäusemacher des Unternehmens, Herr Gottfried Keller, ist ein konstant mürrischer Mensch. »Das ist doch auch nicht so sehr unterschiedlich, wie’s bei der Automobilherstellung gehandhabt wird.« Er scheut sich nicht, längst Formuliertes unbeirrbar zu wiederholen, und seine beiden Feinzeichner, Jacques und James, heben die Köpfe, signalisieren durch ihr Schmunzeln, die Ansicht ihres Meisters zu teilen.

»Zuerst muß man den Motor bauen, Mademoiselle, danach baut man die Karosserie. Man geht doch nicht umgekehrt vor, wie Sie es sich immer wieder wünschen. Die Mouvement-Form entscheidet, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, über alles Weitere. Man kann nicht alles können, in unserem Metier, chère Mademoiselle. Auch Ihre geschätzten Vorfahren, Bewohner der Ghettos, mußten sich spezialisieren. Nein? Auch bei einer Automobilfabrik gibt es schlußendlich diejenigen Designerpersönlichkeiten, die das äußere Erscheinungsbild erschaffen, und diejenigen Designerpersönlichkeiten, die sich ausschließlich um den Motor kümmern, sei es ein LKW-Motor, sei es ein PKW-Motor. Ihr bizarrer Unwille, mir in der Vergangenheit breitere Autonomie zuzugestehen, hat Jahr um Jahr zum Streit geführt. Sie müssen lernen, verehrte Stella Federspiel, mehr und besser zu delegieren. Hätten Sie rechtzeitig gewußt, wie man als Chefpersönlichkeit Aufgaben auf andere überträgt, wie man Zuständigkeiten klarstellt, dann wäre Ihnen die böse Erfahrung des Monats Mai erspart geblieben. Wir verstehen uns doch?«

Daß Herr Keller im kommenden Jahr zur Konkurrenz überzuwechseln plant, schmerzt mich. Er gilt in der Branche als hervorragender Boîte-Stylist, nicht wenige seiner Entwürfe haben im In- und Ausland Aufsehen erregt. Sein Damen-Armbanduhren-Modell Tulipe aus dem Jahre 1987 erhielt den Großen Preis der Stadt Genf. Ich hoffe, ihn im Verlauf der nächsten Monate doch noch umstimmen zu können.

Gehäuse-Prototypen, Postiches genannt, bestehen aus der Metallhülle, dem Zifferblatt, den Zeigern, der Krone und dem Deckglas. Die Zeiger eines Gehäuse-Rohbaus stehen auf neun, höchstens elf Minuten nach zehn Uhr, ein ungeschriebenes, von jedem Uhrenhersteller der Welt eingehaltenes Gesetz: sowohl photographische oder handgezeichnete Abbildungen einer Uhr, als auch die dreidimensionalen, noch uhrwerklosen Prototypen sind auf die ideale Zeigerposition eingestellt, der Zeitpunkt zehn nach zehn gilt als perfektes Uhren-Equilibrium.

Herr Keller zeigt mir das neueste von ihm hergestellte Muster unserer Herren-Mondphasenuhr, welche wir vor drei Jahren erstmals in den Handel brachten. Das Besondere an der Theseus ist ihr ewiger Kalender, der nicht mehr von Hebeln, sondern ausschließlich von sich drehenden Teilen aus bewegt wird.[1] Das Werk der Theseus bleibt unverändert, ihr Gehäuse jedoch wird laufend variiert: Zunächst verkauften wir sie zu einem sehr hohen Preis, in ein Platingewand gehüllt, ein Jahr später kam sie in Weißgold auf den Markt, und vor einem Jahr, bereits etwas billiger, in Gelbgold. Die erschwinglichste Version wird in diesem Herbst lanciert: das Stahlgehäuse-Modell.

Das schneeweiße Zifferblatt des neuen Mondphasen-Musters glänzt meiner Ansicht nach noch allzu stark, die Krone erscheint mir, im Verhältnis zum übrigen Gehäusekörper, zu groß. Nach Worten tastend, die Herrn Kellers Eigenständigkeit und kreative Unabhängigkeit nicht in Frage stellen sollen, ersuche ich den Habillage-Meister, auf dessen Glatze sich die nackte Neonröhre seines Büros widerspiegelt, eventuell doch noch eine weitere Postiche, diesmal aus anderen Legierungen und Materialien herzustellen. Er nickt still – und überraschend friedfertig.

Der Rundgang führt regelmäßig in jenen holzgetäfelten Raum, in dem die fertiggestellten Werke endgültig in die Uhrenkörper eingesetzt werden, letzte Station der Manufaktur, bevor unsere wochenlang anhaltenden Temperatur-, Schock-, Wasserdichte-, Gangreserve- und Ganguntersuchungen beginnen. Bis heute fasziniert mich, wie Hunderte feingearbeiteter Einzelteile ineinander übergehen und für den präzisen Mechanismus, den Antrieb der Uhrwerke sorgen; wie Hemmungsrad, Anker und Unruh die regelmäßige Schwingung im Herzen unserer Schöpfungen in höchster Regelmäßigkeit freigeben und anhalten, freigeben und anhalten.

Ich sehe gerne dabei zu, wie der allerletzte Eingriff an den Uhrwerken vorgenommen wird: Mit der Spitze einer haardünnen Nadel entnehmen Arbeiterinnen einem Napf winzige Ölperlen, bringen diese sorgfältig in den Räderwerken an. Und schließen dann, mit einem spitzen Klickgeräusch, die Gehäuseböden.

Nahebei, in einer Mauernische, steht der Comparateur, einem Bauernmöbel aus dem vergangenen Jahrhundert nicht unähnlich. Im Inneren des Holzschranks verbreitet eine kinderkopfgroße Glühbirne konstante Körpertemperatur. Acht Tage lang werden die Armbanduhr-Modelle in dieser Vorrichtung abgelegt, kontrollieren wir, ob sie bei 36,8° normal funktionieren.

Im Direktionsbüro stehen schwere Folianten in den Schränken, Uralt-Bücher, in denen alle Uhren erwähnt sind, die je unser Etablissement verlassen haben. Jeder Käufer ist darin namentlich vermerkt, unabhängig davon, wo auf Erden er die Uhr gekauft haben mag; es sei denn, er wünschte, ungenannt zu bleiben, dann hat man ihm am Kaufort ein Pseudonym verpaßt. Registriert wird in den Archivbüchern auch, welche ENTRE-DEUX-LACS-Uhren als gestohlen gemeldet wurden, im Lauf der Zeit. Queen Victoria, Marie Curie, Albert Einstein hat man wertvolle ENTRE-DEUX-LACS-Taschenuhren entwendet. Einsteins Modell aus dem Jahr 1913 beinhaltet ein Läutwerk, welches nach Betätigung eines kleinen Knopfes Stunden und Viertelstunden erklingen läßt. Dieses Wunderwerk tauchte erst in der Mitte der achtziger Jahre wieder auf, wie die Werkbücher vermerken, im Safe eines Nobelhotels von Santa Margherita Ligure, unweit von Genua.

Die verbleibenden Nachmittagsstunden vergehen fluchtartig, wie rasender Stillstand. Nach einer Sitzung mit Ludwig Linoches, der mir in knappen, bildreichen Erzählblöcken von seiner jüngsten Singapur-Reise berichtet, nehme ich an meinem Werktisch Platz. Versinke in den Monitorwelten: Rädchenzähne der Uhr mit Rotationshemmung stoßen da, ideengezeichnet, aneinander, ineinander, schaukeln wie die Schaufelräder der Mississippidampfer, ich rolle die Abbilder von rechts nach links, und von unten nach oben, will jedem Teilchen wie einer erdabgewandten Seite des Mondes in den Rücken blicken.

 

Der Autobus hält wenige Minuten nach achtzehn Uhr vor dem Fabrikgebäude an. Ich bin äußerst müde, heute nachmittag. Falle in Schlaf, kaum hat die Fahrt begonnen. Erwache wenige Minuten später, erlebe den abrupten Übergang des Stadtgebietes in Ackerlandschaft, sehe Wälder, Felder, Wiesen. Jedesmal erscheint mir diese Verwandlung wie Wunder: als liege Neuchâtel, nach Augenblicken Fahrt, bereits stundenweit entfernt. (Nicht mehr als sieben Kilometer sind vergangen, seit ich den Postbus bestieg.)

Das Feldstück Gegenwart, auf dem Vergangenheit und Zukunft zusammenstoßen, zieht langsam, konstant, an meinem Blickwinkel vorbei. Ich greife nach Zukunft, nach luftig-Fremdartigem, einem vor mir sich kräuselnden, in spürbarer Nähe mich umhüllenden Lebewesen, lasse meine Hände nach unsichtbaren Kraftfeldern fassen, erobere Unendlichkeitsterrain, reise ein in das Herz des Kommenden.

Ich beobachte die Heuernte, alte Weiber, deren Bewegungen mir zeitlupenträg erscheinen. Der Bus gleitet an ihnen vorbei. Kinder stehen erwartungsvoll an den Wiesenrändern. Ich winke nicht zurück.

Aus dem Bus gestiegen, weiche ich im letzten Moment einer Getöse-Armada von Dutzenden Motorradfahrern aus, die durch Fenin donnern wie Vorausboten einer schlechteren Welt. Sie sind ausnahmslos in schwarzes Leder gewandet, tragen die Helme wie Ritterrüstungen. Ihre Augen, ihre Gesichtszüge: verdeckt, keiner der Straßenkrieger ist zu erkennen.

Fünfzig Schritte von der Straße entfernt, hügelan, in Richtung Waldrand, liegt mein Haus. Der Giebel ist steil, spitz das Holzdach. Der erste Stock wirkt schmal, der zweite mansardenähnlich. Man sieht die äußere Holzverkleidung nicht: Mein Haus ist rundherum in Efeu eingehüllt und so dicht umwachsen, daß die Fenster kaum mehr auszumachen sind. Das Geblätter wirkt wie Tierfell, wie dunkelgrüner Pelz, der mein Anwesen schützt und mich behütet. Bei Luftzug bewegen sich die festen Blätter, ihr Rauschen-Rasseln klingt, als besäße mein Haus Stimmen. In meinem Garten wachsen Birnbäume, Apfelbäume, eine Kirsche und gut drei Dutzend mannshohe Sonnenblumen. Ein Walnußbaum, sein Stamm zwillingshaft gespalten, steht in der Mitte der Wiese.

Quichotte bedrängt mich ungestüm, auf der großen Weide jenseits des Hauses. Ich küsse seinen schwarzen Kopf, streiche ihm über die Nüstern und über die Härchen rund um das Maul, ich atme den Duft seines Atems ein. (Den Weg von Fenin bis nah an das ENTRE-DEUX-LACS-Gebäude heran, rund neun Kilometer, lege ich normalerweise, außer bei hohem Schnee oder dichtem Eis, auf meinem Hengst zurück.)

Ist Rain nicht zu Hause? Er ist es gewohnt, für Haus und Tier allein zu sorgen. Mein Helfer lebt seit zwei Jahren bei mir, er ist ein treuer Mensch. Er kann nicht lesen und nicht schreiben. Ich spreche Englisch mit Rain, obwohl er kaum ein Wort versteht. Wir lernten einander nahe Chiang Rai im Norden Thailands kennen, nachdem eine der Elephantendamen, die Rain Uttos Obhut unterstanden, sich aus meiner Jacke eine Uhr und zwei Kreditkarten geschnappt und diese anschließend verspeist hatte. Rain, damals in der Landwirtschaft tätig, hatte einen Traum: einmal im Leben Europa zu sehen. Als ich ihn fragte, welches Land ihn denn am meisten interessiere, zögerte er, der damals nicht wissen konnte, woher ich kam, keinen Augenblick: »Swissland!«

Der Jeep steht nicht auf dem Feldweg. Fuhr Rain in die Stadt, mich abzuholen? Wie laut die Vögel kreichen, rund um den Garten und in ihren Nischen, unter dem Dach. Sie flattern wild umher. Liegt es an der diesigen Hitze des heutigen Tages? Erst als ich ihnen zurede, zurufe, läßt ihr Zirpen, Rufen, Lachen, Jammern ein wenig nach. (In den Sommermonaten beginnt das Gemurmel der Gimpel, Buchfinken, Rotkehlchen, Zwergdrosseln, die meinen Garten bevölkern, jeden Morgen zur selben Minute: um fünf Uhr siebzehn. Ich könnte die Uhren nach ihnen stellen.)

Wo ist Birdo? Ich klettere bis unter das Dach, finde ihn nicht.

»Birdo!«

Das Telephon läutet.

Ich laufe ins Erdgeschoß hinab. Niemand ist in der Leitung.

Erst jetzt sehe ich ihn: im Käfig?

»Birdo! Birdo mio!« schreit Birdo, als ich ihn befreie.

»Wo ist Rain, Birdo?«

»Rain! Rain!« kreischt mein kleiner Papagei, reißt sich mit dem orangefarbenen Schnabel eine purpurrote Feder aus dem Leib. Dann flattert er auf meine Schulter, ich neige ihm die Stirne zu, er ordnet meine Augenbrauen und Wimpern, führt Härchen nach Härchen durch den Schnabel.

»Birdo. Birdo Mio! Rain! Rain!« ruft der Papagei, fliegt von der Schulter fort, pickt mit seiner dicken schwarzen Zunge Keks- und Kuchensplitter vom Boden auf.

 

Eine alljährliche, am Jour de la Bastille wiederkehrende Arbeit erwartet mich, ich muß sie abschließen, bevor der 14. Juli zu Ende geht. Ich setze mich, um neunzehn Uhr, an den großen Werktisch im ersten Stock, neben der Drehbank. Dutzende Werkzeuge bewahre ich hier in zahlreichen Schubladen auf, und auf den Pulten liegen Hand-Drehstühle, Fräs- und Kleinbohrmaschinen, ein Punzenkasten und eine Pointeuse, um die Platinen für meine eigenen Prototypen auszukehlen und zu feilen. Ich hole die Vogelzungenfeilen hervor, die Flach-, Zwick-, Schiebezangen, und lege acht Schraubenzieher, aufgereiht wie Orgelpfeifen, vor mich hin. Blicke auf die abblätternde Mauer neben dem Fensterrahmen, da hängt eine vergilbte Photographie von Groucho Marx, aus der Zeit seiner letzten Fernsehaufzeichnungen. Am unteren Rand des Bildes der Satz: »Time Wounds All Heels.«

Während der Reparaturarbeit werde ich mir die vergangenen zwölf Monate nachzuerzählen versuchen, Woche für Woche, Schritt für Schritt, Augenblick für Augenblick, wie an jedem Bastille-Tag seit meinem sechzehnten Lebensjahr.

In einer Schatulle ist die Taschenuhr meines Urgroßvaters, des Fürsten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, aufbewahrt. Den Bastille-Tag zum höchsten Feiertag der Menschheit zu deklarieren, schwebte ihm vor, sollten seine Ideale je an die Macht gelangen. Tag der Erneuerung plante er das Datum zu nennen, in seiner Welt sollte der 14. Juli zum Neujahrstag erhoben werden. »Denn das ist der Tag der Wachrüttelung und der Opferfreude«, heißt es in einer unveröffentlichten Notiz Kropotkins, »das ist der Tag, an welchem der Revolution Hand und Fuß, Kopf und Herz erwachsen sind. 14. Juli 1789, Sturm auf die Bastille, stolzeste Stunden der Menschheitsgeschichte!«

Urgroßvater hinterließ die silberne, handtellergroße Taschenuhr seiner Tochter Maria. Großmutter schenkte sie mir zu meinem zehnten Geburtstag, drei Monate bevor sie starb. »Funktioniert hat das Ding schon nicht, seit er tot ist!« sagte sie, den immerwährenden Raucherhusten unterdrückend. »Nämlich seit dem achten Februar neunzehneinundzwanzig. Wer weiß, du, mein Liebes, wirst seine Taschenuhr womöglich eines Tages wieder zum Leben erwecken? Eigenartig, in den Endwochen seines Lebens konnte er die Zeit nicht mehr ablesen, sah genau, wo die Zeiger standen und verstand trotzdem nicht, wie spät es war. Fragte mich wohl hundertmal am Tag: ›Wie spät ist es denn, mein Täubchen?‹«

Ein Uhrmacher aus St. Imier, bei Neuchâtel, gravierte seinen Namenszug, den Herstellungsort und den Fertigstellungsmonat, Juli 1872, in den Gehäuseboden des ziselierten Objekts ein. Adhémar Schwitzguébel hieß der Uhrmacher, den Kropotkin gut kannte, er hat ihn gerne gemocht und des öfteren in seiner Werkstätte besucht. Zum neunzehnten Mal unternehme ich nunmehr den Versuch, Schwitzguébels Wunderwerk in Gang zu setzen.

Ich öffne die Uhr mit Hilfe eines kupfernen, an einer Seite stark abgeplätteten Franz-Josephs-Talers. Beginne, das subtile Räderwerk auseinanderzuheben. Kein Makel ist den ersten Gangrädern, die ich betupfe, anzusehen. Die Spiralfeder der Unruh, Seele der Uhr, die ich in der Pinzette halte, ist gut elastisch. Der Sperrhaken weicht seitlich ein klein wenig aus der Ebene des Sperrades aus, darauf hatte ich in den vergangenen Jahren, will mir scheinen, nicht unbedingt geachtet. (Doch dies allein kann der Grund des Versagens nicht sein.)

Das Auseinandernehmen des Uhrwerks – wie Operation an offenem, stillgelegtem Herzen.

Zeit steht still.

Woche

In der ersten Juliwoche des vergangenen Jahres reiste ich nach Los Angeles, um meinem Vater und seinem Bruder, meinem Onkel William, bei der Auflösung von LIBRIS zur Seite zu stehen. Das Antiquariat beherbergte das größte Lager deutschsprachiger Bücher an der Westküste der Vereinigten Staaten. Da meine Schwester mit der Buchhandlung nie befaßt sein wollte, hatte mein Vater sie nicht aufgefordert, uns während der letzten Lebenstage des Geschäfts beizustehen. Und mit ihrer um viele Jahre jüngeren Schwester, meiner Tante Clara, die in Wien lebt, pflegen weder mein Vater noch sein Bruder Kontakt. Sie leugnen mitunter, eine Schwester zu haben.

LIBRIS war seit 1952 in demselben Gebäude untergebracht, einem für Hollywood untypischen, dem viktorianischen Stil nachempfundenen Bau, den sich ein Verleger mit Wohnsitz London Ende der dreißiger Jahre hatte bauen lassen. Der in Prag geborene, in England geadelte Bonvivant, Erbe einer serbischen Silbermine, ließ das zweistöckige Haus an der schon damals unansehnlichen Ecke Melrose Avenue und Lillian Way, in unmittelbarer Nähe der Paramount Studios, errichten, um dort mit Starlets und Filmschauspielerinnen seine jährlich dreimal wiederkehrenden, jeweils einen Monat andauernden außerehelichen Eskapaden auszuleben. Er empfand den Standort des unauffälligen Gebäudes als originell, fernab der Prunkgärten und Palmenhaine von Beverly Hills, meilenweit von der abwechslungsreichen Hügellandschaft Nordhollywoods entfernt, inmitten der badlands des flachen Stadtbezirks angesiedelt. Mit dem Niedergang der Studios und der gleichzeitig nachlassenden Manneskraft des Lords verlor das Lusthaus nach und nach an Bedeutung, schon nach zehn Jahren war es dunkel und baufällig geworden.

Im Herbst 1948 legte mein Vater dem Verleger – in der Halle des Wiener Hotels Sacher – seine frühesten schriftstellerischen Versuche zur Publikation vor. Lord T. brachte im darauffolgenden Jahr einen schmalen, von meinem Vater allerdings ausschließlich aus Eigenmitteln finanzierten Band mit Kurzgeschichten heraus. Das Büchlein, »Ehrengäste im Lärm«, war in einer Auflage von vierhundert Stück gedruckt worden, von denen das Verlagshaus einhundertunddreißig Exemplare absetzen konnte.

Im Dezember 1951 unterbreitete Vater, während eines Mittagessens in der Polo Lounge des Beverly-Hills-Hotels, Lord T. den Vorschlag, ihm das zweistöckige Haus an der Melrose Avenue auf Lebenszeit zur Miete zu überlassen, da er den Entschluß gefaßt habe, Buchhändler statt Schriftsteller zu werden, und dringend ein Geschäftslokal benötigte. Der Verleger lehnte das Ansinnen meines Vaters ab. Er denke nicht daran, sein Budenzauberhäuschen aufzugeben.

Im Verlauf der darauffolgenden Woche jedoch akzeptierte er den Vorschlag per Telegramm, veranschlagte eine erstaunlich niedrige Monatsmiete und zog sich schon wenige Tage später endgültig aus dem Gebäude zurück. Seine einzige Tochter Diana war im Zuge einer längeren Südamerikareise von zwei seltenen Infektionskrankheiten befallen worden, die sie, wie sich damals definitiv herausstellte, zeitlebens unfruchtbar machen würden. Lord T. legte das Schicksal der Tochter als Strafe für sein eigenes Lotterleben aus, mochte an sein früheres Treiben durch nichts mehr erinnert werden.

Nachdem Himmelbetten, Spiegelschränke, Schminktischchen, Bidets, Badewannen und Ledersofas von einem Speditionslastwagen abgeholt worden waren, übernahmen die Gebrüder Federspiel den unattraktiven Bau und unterzogen ihn zuallererst einer gründlichen Renovierung. Mein Onkel bekam mit seiner Frau Esther (die beiden waren kinderlos geblieben) das Obergeschoß als Wohnung zugewiesen; die verbleibenden sieben Räume, fünf Korridore, vier Treppenelemente und der sagenhaft große Keller wurden mit Bücherregalen vollgeräumt.

Das Geschäft florierte. Vater und Onkel verkauften frühe Wiegendrucke und pergamentene Folianten, seltene Autographen und Briefe, antiquarische Einzelbände und Gesamtausgaben deutscher Klassiker, Lyrik, Philosophie und Geschichte, seit Jahrzehnten nicht mehr in Druck, Übersetzungen der Weltliteratur in die deutsche Sprache sowie deutschsprachiges anarchistisches Propagandamaterial aus zwei Jahrhunderten.

Ihre Klientel setzte sich aus europäischen Schauspielern, Regisseuren und Schriftstellern zusammen, die während des Krieges nach Amerika emigriert waren. Und es kamen Studenten, Professoren, Sammler, Bibliothekare, Mitarbeiter der schweizerischen, der deutschen, der österreichischen Konsulate und Handelsvertretungen. Sie alle verhielten sich in Los Angeles wie nach Gleichgesinnten Ausschau haltende Schiffbrüchige. Im Hause LIBRIS trafen sie zwar unfreiwillig, aber nicht ungerne zusammen. Suchten, in der Unendlichkeit des Buchlagers, nach jenem seltenen oder weltweit vergriffenen Exemplar, das es nur hier, in der Zauberhandlung Federspiel, zu geben schien.

Meine ersten Erinnerungen sind vom Duft eines Zitronenbaums umhüllt, der in einem breiten Topf inmitten des Schaufensters wuchs. Wenn die Sonne auf die Blätter schien und dazu eine leichte Brise wehte, war das ganze Geschäft von Zitronenhauch erfüllt. Die Katze Spiegel lag die meiste Zeit neben dem Zitronenbaum, auf vier oder fünf Büchern ausgestreckt. Die ersten Worte, die ich lesen konnte, waren Buchtitel. Ein Titel, den ich vor mir sehe, er stand im Schaufenster, lautete: »Was koche ich heute?« Der Buchstabe o war mit dem runden Schaufelteil eines gezeichneten Kochlöffels dargestellt. Das Fragezeichen faszinierte mich, es wurde mir zum Lieblingszeichen der geschriebenen Sprache. Neben dem Kochbuch waren die Lebenserinnerungen meines Urgroßvaters prominent plaziert. Den Umschlag zierte eine Photographie seines imposanten Kopfes mit dem halbmeterlangen, hellgrau gekräuselten Vollbart.

Als ich sieben war, nahmen Unrast und Ruheunfähigkeit meines Vaters katastrophale Ausmaße an. Er gedachte allen Ernstes, den Wohnsitz nach Europa zurückzuverlegen. Meine an Kummer gewohnte Mutter und meine damals, Ende 1967, vierzehnjährige Schwester flehten Vater an, er möge zur Besinnung kommen. Er blieb dabei: Zurück nach Europa! »Mir fehlt hier der Mittelwald, ich brauche kein Meer und keinen Niederwald und keinen Hochwald, den Mittelwald benötige ich, um glücklich zu sein, den Mittelwald, wie es ihn im Schwarzwald gibt, wie es ihn in den Vogesen oder im Jura gibt, ich muß wieder wandern können, ich muß Auslauf haben. In Hollywood werde ich von der Polizei aufgehalten, sobald ich zwei Häuserblocks zu Fuß zurücklege … Ich brauche den Mittelwald, den Mittelwald brauche ich, das müßt ihr doch verstehen?!«

Seinem Bruder versprach er, jeden zweiten Monat eine Woche lang zurückzukehren, um LIBRIS mit ihm gemeinsam weiterzuführen. Uns Kindern hielt er Philippiken, wir dürften unter keinen Umständen zu Bürgerinnen einer Nation heranwachsen, die einst das Land seiner Jugendträume gewesen war. Er erkor die USA1945 zu seiner Heimat, nach den Kriegsjahren, die er in einer Vertiefung im Ackerboden durchlebt hatte, in einem Erdloch, das kaum größer war als ein Sarg. Bauern hatten ihn gegen gute Bezahlung in der Nähe seiner Geburtsstadt Lódz versteckt gehalten. Nun aber attackierte er, der 1950 amerikanischer Staatsbürger geworden war, eine Nation, die lediglich Krieg zu führen wisse (der Vietnamkrieg tobte), einen Schwachsinnigen zum Heiligen erhebe (Walt Disney war im Dezember 1966 gestorben) und Kaugummi zu produzieren wisse (die Firma Wrigley hatte 1965 nahe der Buchhandlung eine Zweigniederlassung eröffnet; der süßschwere Duft aus den Zuckertöpfen der Fabrik benebelte seither unsere Sinne).

Meine Schwester, die sich immer schon als Fremde unter Fremden gefühlt hatte, übersiedelte zunächst zu einem Onkel mütterlicherseits nach Illinois und besuchte am Stadtrand von Chicago ein Technik-Internat. Meine Eltern und ich aber setzten (Mutter litt unter entsetzlicher Flugangst) mit dem Ozeandampfer FRANCE, einem der edelsten Reiseschiffe, die je gebaut wurden, nach Le Havre über. Vater kehrte danach tatsächlich vier- bis fünfmal pro Jahr nach Los Angeles zurück, transportierte jedesmal kistenweise Bücher nach Amerika. Im Verlauf seines vierzigsten Lebensjahres wurde sein Haar grau, im fünfzigsten schneeweiß. Er führte das Geschäft von Genf und Wien und Basel aus, per Brief-, Telephon- und Telegrammverkehr, nahm Bestellungen an, versandte seitenlange Angebotslisten, suchte seine europäischen Kunden persönlich auf und übermittelte deren Bestellungen nach Hollywood, an den Bruder.

William, der die Folgen seiner Internierungszeit nie ausgeheilt und überwunden hatte, führte LIBRIS, so gut er es eben vermochte. Trotz unerträglicher Kriegserlebnisse und zahlreicher Elektroschockbehandlungen war mein Onkel ein heiterer Mensch geblieben. Nach dem Fortgang meines Vaters bewies er, vor allem bei der Auswahl seiner Mitarbeiter, zunächst eine glückliche Hand. Es gelang ihm, zwei äußerst buchkundige Männer, Peter und Wolfgang Suschitzky, Brüder auch sie, zu engagieren, die eine gute Buchhandlung alten Stils zu führen verstanden. Beide Herren, alte Emigranten, zogen sich jedoch nach wenigen Jahren zurück, da sie den Anforderungen und Anstrengungen des Geschäfts auf Dauer nicht gewachsen waren und ihre Ehefrauen ihnen jede weitere Zusammenarbeit mit den »Chaosbrüdern Federspiel«, wie sie sie nannten, strikt untersagten. LIBRIS verwandelte sich (etwa ab dem Sommer 1977) notwendigerweise in ein Verlustunternehmen. Schon die monatlichen Porto- und Telephonspesen verschlangen nicht selten mehr, als in einem Monat eingenommen werden konnte.