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›Stechpalmenwald‹ – zwölf Drehbuch-Szenen aus der brüchigen Wirklichkeit Hollywoods: der heimatlosen Jugendlichen und der alternden Schauspieler, der Emigranten und der neurotischen Kleinkinder. Und zugleich zwölf Impressionen von jemandem, der an seinem Geburtsort nur die durcheinandergeratenen Requisiten einer Wegwerfgesellschaft wiedererkennt. ›Stechpalmenwald‹ ist ein seismographisches Bild von Kunst und Leben und Überlebenskunst. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2017
Peter Stephan Jungk
›Stechpalmenwald‹ – zwölf Drehbuch-Szenen aus der brüchigen Wirklichkeit Hollywoods: der heimatlosen Jugendlichen und der alternden Schauspieler, der Emigranten und der neurotischen Kleinkinder. Und zugleich zwölf Impressionen von jemandem, der an seinem Geburtsort nur die durcheinandergeratenen Requisiten einer Wegwerfgesellschaft wiedererkennt. ›Stechpalmenwald‹ ist ein seismographisches Bild von Kunst und Leben und Überlebenskunst.
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Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei FISCHER Digital
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: buxdesign, München
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-561772-4
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COLLECTION S.FISCHER
»Wer wandelt nicht gern [...]
Herzwach
Stromnetz
Drehbühne
Liberté
Flüge
Sekunden
Fuorn
Ehrengäste im Lärm
Fernlenkung
Lebenslinie
Ein Anbruch
Fragment
COLLECTION S.FISCHER
Herausgegeben von Thomas Beckermann
»Wer wandelt nicht gern im Zwielichte,
wenn die Nacht am Lichte,
und das Licht an der Nacht
in höhere Schatten und Farben zerbricht …«
Novalis, »Heinrich von Ofterdingen«
Im Flugzeugkörper, nachts, heben sie sich auf, weiße Kräfte, die mich wie Falkenfieber von Gegenteil zu Gegenteil locken. Das Wachsen, Zerreißen weißer Nachtwolkenwände klebt in mir. Der Landeanflug – eine Zeitlupenexplosion; versilbertes Festland, dort unten, silberweißes Elektromeer in Küstennähe. Dornenrosenboulevards, wie Nähfäden, Zwirnwälder, fest verknüpft. Als ich das Garnende endlich finde, reißen schwere Landungsräder aus ihren Aluminiumkammern, senkt sich die Reisemaschine sacht, inmitten der Nacht, auf die flächengrößte Stadt der Erde, Angelesangeles, versilbertes Festland, senkt sich die schwere Luftmaschine, Zeitmaschine, herab auf weißes Warnlicht, immer dichter heran an Rollfeld, Festland, Landepiste.
Landelust, leichtes Frösteln: das Aufreißen breiter Bremsflügel an den Rückseiten der Schwermetallschwingen, sobald die Räder Pistenbeton berühren. Sofort Sehnsucht; schon jetzt Sehnsucht nach kühlem Nieselmorgen und nachtregennassem Alpenhauptkammwald; Falkenfieber, im Ausrollen der Maschine. Hammondorgeltöne einer Countryandwesternmelodie, Landungsuntermalung über Bordlautsprecher, unterbrochen von der Honigstimme einer südschweizer Stewardeß. Der großen, mehrstündigen Verspätung wegen, begleiche die Fluglinie die Kosten einer Hotelübernachtung, hier, in Los Angeles; nähere Auskünfte erteile das Bodenpersonal.
Am Boden. Im Monat März. Ein Neonmilchlicht, Gegenteillicht, um zwei Uhr morgens. World Way heißt eine tote Straße vom Flugfeld zum Century Boulevard. Im Autobus nach Hollywood tiefe enge Stille. Jeder Sitz, jeder Zwischenraum besetzt von übernächtigen, betäubten Weltreisenden, durch die Fenster starren sie hinaus auf nachtleere Rollbahnen, schwarzweiße Freewaypisten. »Sind wir jetzt in die Erde gefallen?«, fragt mit hoher Stimme ein dreijähriges Mädchen seinen Vater, aus der Lautlosigkeit heraus. Der Wagen, ein verrosteter orangener Dodge, schleppt sich über Ölfelder hin, vorbei an scheinwerferbeleuchteten Bohrtürmen. Hydraulische Schaufelstöße.
›Titanverstärkte Miniaturbahnen möchte ich bauen, zum Erdmittelpunkt senden‹, geht es mir durch den Kopf; noch durchschüttelt mich Landungsfrösteln. Mit halbgeschlossenen Augen erkenne ich nächtliche Bezirke wieder. La Cienega. Jefferson Boulevard. La Brea. Es ist Wiedererkennen aus Träumen, Filmen, Erzählungen. Ein Autobus fährt mich in meine Fremde. Sieben Jahre nach Kriegsende, bin ich in Santa Monica, einem Stadtteil von Los Angeles, Diasporakalifornien, als einziger Sohn jüdischer Emigranten, in einem Katholischen Hospital geboren. Diese Nachtlandung ist seit dem vierten Lebensjahr erste Rückkehr an meinen Geburtsort. Nicht Vaterstadt, nicht Mutterstadt, kein Elternhaus, hier, in meiner Fremde.
Hollywood Boulevard. Endstation des zerbrechlichen, schlecht gefederten Gefährts. Roosevelt Hotel. Und ich blicke, glühend müde, auf die gegenüberliegende Straßenseite, Graumans Chinese Theatre liegt im kühlen Nachtwind, im Halbdunkel, orientalisch der Lichtspieltempel, Celluloidmonument, wo seit den Zenitjahren Silverscreenstars ihre Hände, ihre nackten Füße vor den Eingangstoren in den nassen Beton abgedrückt haben. Uniformiertes Bodenpersonal führt mich in die stahlhelle Hotelhalle. Ein kleiner Bub, fünfjährig, versteckt sich dort kreischend unter dem weiten Cape seiner hochschwangeren Mutter, schießt unter dem Lodenstoff wieder kurz hervor, verschwindet nochmals. Den schweren Schlüssel zu Zimmer 810 in Händen, tief schlafwandle ich durch staublose grelle Korridore, drücke dem Laufburschen für das Gepäcktragen einen Dollarschein in den Handteller, öffne die Koffer, ohne im Zimmer das Licht anzuschalten, lasse mich in voller Kleidung auf das weiche weite Doppelbett fallen und liege zwischen den Tageszeiten, im Dunkel ausgestreckt. ›Altösterreichisches; es ist wie ein Vorbeifliegen Alexander Lernet-Holenias, ich grüße auch alle Verbliebenen im Schattenstrich des Foliantenfahrers‹, strömt es mir durch den Sinn. Kein Schlaf. Tief im Kern der Gegenteilgegenwart. Liege ausgestreckt auf Kalifornien, weiches Festlandfloß, Hinterkopf auf Hollywood, Rücken auf den Wüstentälern, linke Hand im Ozean, Fußspitzen berühren die Nordgrenze. Zwischen dem Hin und Her, drei Uhr Früh. Zwölf Uhr Mittag am Alpenhauptkamm. Tiefwach, hellmüde. Hinter dünnen Tapeten stürzen Toilettenbäche aufheulend durch alte Rohre in die Tiefe. Schlaflose Nachbarn schalten Fernsehgeräte ein. Die neueste Lieferung: Ford Monarchs, herrliche Modelle. Und Büstenhalter. Als Fertiggericht: Crêpes Suzettes. Längst Verdecktes bricht auf. Wiener Gymnasium. Schubertbilder auf Streichholzschachteln. Beim Pedell: der Kakao. Abgepackt in kleinen Pappepyramiden. Reiße mich hoch, sitze hellwach am Bettrand. Im Verschwimmen der Erinnerung an eine dreiköpfige Familie aus dem nordindischen Staat Bhutan, die ich, auf der Fahrt in einer alten Wiener Straßenbahn, vor den infamen Beleidigungen eines ottakringer Tramwayschaffners in Schutz nehmen mußte, im Verschwimmen dieses inneren Tonfilmbildes, reiße ich mich hoch, drehe Licht und Fernsehapparat auf, wasche mir mit kaltem Wasser Hände und Gesicht. Die Endminuten aus John Hustons African Queen am Bildschirm, Kanal 4, das Verhör an Bord des britischen Kriegsschiffes. ›Oft gleichen geöffnete Koffer geöffneten Früchten‹, denke ich, beim Verschließen des Gepäcks.
Nehme mir aus einer Seitentasche die verbliebene Hälfte eines Granatapfels, gekauft in Europa, kurz vor dem Abflug. Lasse die großen Koffer zurück, trage in einer Hand eine schmale schwarze Aktentasche mit wichtigsten Habseligkeiten, in der anderen die seltene rote Frucht. Im Erdgeschoß, in der grellen Schaumstoffhalle, sitzt das Hotelpersonal in einer Plastikpflanzenecke lautlos beisammen. In ihren Uniformen spielen sie Poker, mit ernsten Mienen; ein umgedrehter Schmutzwäschekorb dient als Kartentisch. Durch die Blätterwand hindurch, bitte ich fröstelnd eine jungendliche Receptionsdame, mein Gepäck zur Garderobe bringen zu lassen, ich werde im späteren Verlauf des Tages wiederkommen, es abholen. Und hinaus in ein nachtkühles Hollywood.
Schwarzweißer Boulevard, spärlich befahren. Kühler Wüstenwind. Ich beiße in seidene, saftgefüllte Granatapfelkerne und wandere regelmäßigen Schrittes, tiefwach, hellmüde, nach Nirgendwoüberall, hinein in ein engmaschiges, immer rechtwinkeliges Palmenstraßennetz. Im Seidentuchdunkel einstöckige hölzerne Pavillons (Farbe blättert ab); ägyptische, chinesische, spanische Landhäuser, schweizer Chalets, schottische Herrschaftsvillen. Rasengärten, Rosengärten, aus unsichtbaren Quellen leise zischend bewässert. Orangenblütenduft liegt unter der hohen Palmendecke. Bewege mich fort, von Farbgeruch zu Baumgeruch, taste mich vorwärts, auf der Suche, wurzellos, auf Wanderjahrespfad Richtung Westen, Geburtsort Santa Monica. Straßenschiffe, Kreuzer, Tanker rollen matt an mir vorbei, Schichtarbeiter, Schlaflose in ihren Stahlhüllen. Ich gleite einer scheinwerfererleuchteten Straßenkreuzung entgegen, das Helle brennt mir in den Augen, Sunset Boulevard liegt ausgerollt vor mir, breites orangenes Band, kerzengerade Schlagader, Vene im Stadtschaum. Aus einer ebenerdigen Lagerhalle dringt die Schokoladekeksluft einer Bäckerei, mischt sich mit dem Geruch nach Spiritus und verrostendem Werkzeug, der auf der leeren lichtübergossenen Tankstelle Ecke La Brea Avenue liegt. CRY, BABY, CRY! blitzt aus breiten Lettern die Reklametafel einer fabriksneuen Schallplatte herab. Ein braungebranntes Mädchen liegt halbnackt auf dem Großbuchstabenbett ausgestreckt, hoch über der Straße, hat den spitzen lackierten Nagel ihres linken langen Zeigefingers gegen die tiefrote Unterlippe ihres Schmollmundes gelegt. Und ich klammere mich an einem Kupfergeländer der Tankstelle fest, so, wie bei hohem Seegang an den Metallgriffen einer Ozeandampferkabine. Neben mir, an neongelber Mauer, ein hoher Spiegel, in Facetten zehngeteilt. Durch halboffene Lider erkenne ich dort mein zerbrochenes Abbild. Ganz in schwarz bin ich gekleidet. Ungeordnet die Haare, hellbraun; immerblasse Gesichtshaut. Großblaue Augen. Und an das Geländer festgeklammert, beobachte ich einen weißhaarigen älteren Mann, Ende sechzig etwa, der unweit von mir, auf der Kunststoffbank einer Bushaltestelle, unterhalb der blitzenden Letterntafel sitzt und die schmale Hand einer hochgewachsenen, vornehm gekleideten jungen Frau festhält. Sie steht seitlich vor ihm, ich sehe ihr Gesicht nicht, sie kehrt mir den Rücken zu. Ich höre den Alten erregt murmeln, wasserfallartig, nehme sein nüchternes, sehr gepflegtes Äußeres wahr, den gestutzten weißen Spitzbart, die kleinen runden Brillengläser. Seine breite behaarte Hand umschließt fest die zarten Finger der jungen Frau; seine tiefe Stimme ist mit einem Mal deutlich hörbar. »Aber man kennt mich doch, glauben Sie mir das doch bitte, im ganzen Disneyland, im ganzen Santa Ana kennt man mich, und jeder traut sich, sich hinzusetzen, sitzenzubleiben, nur Sie nicht, ich bin untröstlich –.« Hilfesuchend blickt die junge Frau um sich, in alle Richtungen, ich erkenne keinen Gesichtszug in der Sekundenkürze, und die Ängstliche sieht mich nicht, ich eile ihr nicht zu Hilfe, ihre kleine Hand steckt weiter im Griff des Weißhaarigen. »So komm doch, komm, setz Dich auf meine Knie, Kind, es tut ja sonst auch jeder, mach schon, komm, ich tue Dir ja nichts! –« Mit heftigem Ruck und gurrendem Laut, gelingt es der Frau, sich plötzlich von ihm loszureißen, sie läuft, wie verwundet, in meine Richtung (das Gesicht ist halb Pferd, halb Habicht, will mir scheinen), der knielange Schottenrock flattert im Laufschritt, zersplittert im Spiegelfächer, als die Unbekannte hautnah an mir vorbeiflieht. Ich blicke dem Alten, der unverändert auf der Haltestellenbank sitzt, schlaftrunken zwischen die Augen. (Meine Hände, festgeklammert, sind so weiß wie die Wangen. Ich bin nicht bei Kräften; durchsichtig, kalt die Fingerspitzen.) »Sie dort!« ruft mir der Mann zu, »Sie Blasser, Großer! Mit den angewachsenen Ohrläppchen! Setzen Sie sich hierher! Sie mit der großen Nase, mit den vollen Lippen! Also los! Auf meinen Schoß, bloß keine Schüchternheiten, harmlos, harmlos –.« Ich reiße mich von der Spiegelwand, renne wankend weiter, nahe an dem Mann vorbei, »Hey! Buster Keaton!«, singt er mir nach, mit tiefdröhnender Stimme, »I’ve eaten Cecil Beaton!« Er hat seine schweren Beine übereinandergefaltet und brüllt Hey! Buster Keaton! in die feste klebrige Schokoladenluft hinaus, I’ve eaten Cecil Beaton!, immer wieder die gleiche Strophe, und nochmals, und Hey! Buster Keaton! I’ve eaten …
»Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten.« Zwischen Flachbauten, Tankstellen, Poinsettabüschen, Mimosensträuchern weiter auf orangenem pfeilgeradem Breitband Sunset Boulevard, Dornensavanne, eine Kette Zentralsterne aus dem Inneren schwerer Meeresquallen. Ersatzteillager, Reparaturwerkstätten, russische Restaurants, österreichische Gemüsehandlungen. Fluglinienreklame über den Dächern: Reiseziel Mitteleuropa. Lichtspieltheater, Zitronenbäume im Dunkel. Eine fadengerade Querstraße heißt Formosa Avenue, in beide Richtungen Rasengärten, Rosengärten, vielfach doppelgespiegelt, ich rolle weiter, auf der Landepiste, dem Pazifischen Ozean entgegen.
Sperrgitter. Ecke Fairfax Avenue liegt ein ebenerdiger Bungalow aufgerissen, wie nach einem Bombenangriff. Rotes Warnlicht. Abriegelung des Schauplatzes. Fünf Uhr Früh. Zerschmettert steht ein Straßenschiff in unmittelbarer Nähe. Das Automobil, mit großer Geschwindigkeit von der Fahrbahn abgekommen, hat die eine Wand des Hauses geschoßartig durchbohrt, wie eine Düsenjägerattacke; als seien wirkliche Häuser nichts als papierene Kulissen, zerriß es den Wohnraum in tausend Splitter und raste Sekundenteile später an der gegenüberliegenden Gebäudeseite zurück auf die Straße, gegen einen Neonlampenpfosten. Am Trottoir, hinter der Absperrung, sind Buchtitelfragmente zu entziffern. My Favouri-, Nights in Manh-, Between Yesterday and T-, hundert Splittersätze, Titel, Texte. Das Schwarze im Klavier, immer noch getrennt vom Weißen. Zerrissene Tastatur. Metallsaiten wie Mädchenhaar gekräuselt. Die Überreste meiner Granatapfelhälfte werfe ich in hohem Bogen über das Gitter. Polsterinneres liegt da, Gänsefederflaum, leicht aufgeweht von kühlem Vordämmerungsluftzug. ›Meine Gesichtsausdrücke trage ich tief in den Augen‹, denke ich, im Weiterschreiten. Und gleichzeitig: ›Gefühle sind mein ganzes Kapital‹. Und für Momente überfärbt dies Gedachte, diese Sichtbare Prosa, eine nächtliche Straßenwirklichkeit, überdeckt das Außenbild Schwab’s Drugstore, und Kreuzung Laurel Canyon, und siebenstöckiges, schloßartiges, verfallenes Hotel Château Marmont, verwandelt das Schrittemachen in einen körperautomatischen Reflex. Ich schließe die Augen, überwach ein Halbschlaf, marschiere am Hügelsaum sacht bergan, im Blindflug auf schmelzendem Schienenstrang, entgleise im eigenen Neonschatten, auf schiefer Ebene. Irische Torfwüste flimmert über dem Schwarz meiner geschlossenen Lider, mischt sich mit hellen Bildern einer Eisenbahnfahrt durch fruchtbares Japan. Und reiße die Augen wieder auf, versilbertes Festland liegt zu meiner Linken, neben mir, unter mir, soweit das Auge reicht, wie bei einem Landeanflug. Ein Straßenschiff gleitet rasch an mir vorbei, taucht mich in scharfes Metallicht, das doppelte Scheinwerferabbild brennt noch hundert Schritte später auf meiner Netzhaut, überblendet für halbe Minuten die Fernsicht auf weißes nächtliches Elektroland.
Von den Hollywood Hills weht verdorrter Geruch nach Sonnenblumen, Pfefferminzbüschen zu mir herab. Das Hügelland tritt nahe heran, wölbt sich auf wie eine Wolkenwand; aus fernem Hintergrund strahlt grellblond ein Reklamelicht, blitzt regelmäßig; Drehkugel, Leuchtturm entlang dem Wanderjahrespfad, große Fenster eines Coffeeshops, schiefes Tahitidach, ich stolpere auf das Licht zu, die Augenlider krampfhaft aufgerissen. (Um das Schreiben, das Konstruieren von Drehbüchern zu erfassen, zu erforschen, bin ich an meinen Geburtsort zurückgekehrt.) Immeroffen das Lokal Ben Franks, WE NEVER CLOSE, geöffnet vierundzwanzig Stunden jeden Tages; Schichtarbeit. Vor dem Eingang, soldatenähnlich, in Reih und Glied, zwanzig Zeitungskästen, Verkaufsautomaten. (Zwischen dem Hin und Her; ich möchte in dieser Silberstadt eine Studienzeit verbringen.) Meine Bestellung von Chicken Salad on Toast sowie Kaffee und gebackenem Apfel, nimmt ein rosauniformiertes Servierfräulein entgegen, Doppelgängerin des Crybabycrymädchens, ausgestreckt auf der Letterntafel, baumhoch über der Tankstelle. Ich sitze an einem Ecktisch, in einer Nische, beobachte an der Theke vier kräftige Männer in ihren blauen Overalls, sie sippen müde, mit verklebten Augen, ihren Kaffee, beißen in gebutterten Zimttoast mit Quittengelee. Von Scheinwerfern ist in ihrem ersten Wortwechsel die Rede, von einer Karbonlampe, gestern endgültig zusammengebrochen, von wassergekühlten Projektoren, niemals repariert. Drehtag. Und Suzy, die Geile. Und Jacqueline! Statistinnen? Dreharbeit. Stative, neue Lieferung. Und die Kellnerin stellt mir ein Glas Eiswasser vor die kalten Finger, ich nippe daran; in der Nische nebenan, eine dunkeläugige junge Frau, mit ihrem Baby auf dem Schoß. Sie trägt das lange rote Haar in breiten Locken, die Augen sind kräftig umschminkt, die Bluse glitzert hellblau, metallen. Ihr hellwaches Kind, vielleicht neun Monate alt, ist ganz in Blütenweiß gekleidet, hat blaue Kristallaugen und noch kaum Kopfhaar. Die Mutter flüstert ihrem Sohn immer wieder sanft die Worte my bread, my milk, my honey zu, » My bread! My milk! My honey!« Begleitet von Pfiffen und Applaus der stufenweise erwachenden Filmtechniker, gesellt sich das Serviermädchen, Crybabycrymädchen, hüfteschwingend zu der Rothaarigen und ihrem Kind, streichelt dem Baby (mit ihren langen lackierten Fingernägeln) liebevoll über seine spuckenassen Hände. Auf dem Tisch steht ein hohes Glas Essiggurken aus dem Supermarkt. Daneben ein Cellophansack paprikagewürzte Karotffelchips. Kellnerin und junge Mutter, Freundinnen offenbar, sind in ein Flüstergespräch vertieft, während das Kleinkind an einer dicken Salzgurke knabbert und Gurkenbissen nach Gurkenbissen verschlingt. Und dazu gibt ihm die Mutter zerbrochene Chips, wischt ihm mehrmals, wie mechanisch, mit einem Papiertaschentuch die nassen Lippen ab, flüstert wieder my milk, my bread, my honey. Ein Hustenreiz, ein Kutzkrampf des Babies, es spuckt Halbzerkautes vor sich hin, die Mutter klopft ihm auf den Rücken, und die vier an der Theke drehen sich alle um und beginnen zu lachen, schütteln sich vor Lachen, während das Kleine krampfartig hustet und sein Kopf rot anläuft. Und jetzt lacht auch die Mutter, mit den Studioarbeitern zugleich, und die Serviererin, rosabeschürzt, steht nebenan und kichert vor sich hin. Und während die Rothaarige, weiter rückenklopfend, sich selbst die letzten zwei Gurken mit großen Bissen in den Mund schiebt, wie Brot, wie Keks, da beruhigt sich das Kleinkind im blütenweißen Anzug, und allseits ebbt das Lachen seewellenartig ab. Mit dem Kind am Arm, verläßt die Mutter auf Tanzschritten das Lokal, flüstert dem Sohn my honey, my honey, my honey ins Ohr, und zurück bleibt ein leeres Gurkenglas mit hellgrünem durchsichtigem Essigsaft, und zerbrochene Potatochips daneben, während am Sunsetsonnenuntergangsboulevard die ersten Lichtstrahlen dieses Märztages gerade aufbrechen, zerstäuben, alles Starre in ein Hellgrau heben und die Metallplättchen auf der Bluse der Mutter, die fern im Hintergrund, am weiten Parkplatz, in ihr Cabriolet steigt, ganz leicht, kaum sichtbar, widerspiegeln lassen.
Hellblau, Weißblau hängt am Himmel, vor Sonnenaufgang. Mildes Engadiner Licht. Alpenwanderung, bei minus fünfzehn Grad Celsius, am Piz Pisoc erste Sonnenflüssigkeit, ein Zungenschlag am Gipfel. Um mich dem Halbschlaf zu entreißen, singe ich, ohne Pause, immer wieder Hey! Buster Keaton! I’ve eaten Cecil Beaton! Hey! Buster Keaton! – und das setzt den Rhythmus meiner Schwebeschritte. Viel zu schwer die Tasche in meiner Hand, wie in Schulzeiten, schwarzer Klumpen. Herzstück Sunset Strip, menschenleer, kein Automobil, lautlos ein Reklametafelmeer über Nachtlokalen, Jazzkellern, Tankstellen. Bildtafeln wie mächtige Kastanienbäume links und rechts, Allee in schmaler Halblichtluft.
Rote Whiskysieben, mit goldener Krone, hoch über mir. (Im Oldsmobile meiner Eltern, im weichen Rücksitzleder versunken, sehe ich als Dreijähriger diese Horizontsieben an gleicher Stelle über die Windschutzscheibe hinwegschweben, erste Erinnerung. Heute bin ich zurückgekommen, zu Fuß, schlaftrunken, durch die Nacht, durch den Tag.) Dort: ein Burgruinenturm? Lippenstiftwerbung, baumhoch, zungennaß. Und drei junge Leoparden auf ihren Hinterpfoten: Quarzuhren aus Japan, garantiert raubtiersicher. Phantom of the Paradise heißt ein neuer Film. Aufgerissen Mädchenaugen, ängstlich, lastwagengroß: Beruhigungsmittel, keine Nebenwirkung. Nasenbilder, Ohrenphotos. Zahncrème. Feuerlöscher. Schallplatte: ein junger Bursche, gefesselt, geknebelt (die Kleidung zerrissen) getreten von den spitzen schwarzen Stiefeln einer Rockband, die gleichzeitig, mit flammenden Fingern, die Saiten ihrer Gitarren schlagen. Am Erdboden, tief darunter, ein Restaurant Old World, Zur Alten Welt, Ecke Holloway Drive. Und weiter, auf schiefer Ebene, Richtung Westen.
