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Peter Stephan Jungk erzählt in seinem Roman ›Rundgang‹ von der Suche nach der Herkunft, nach einer Stadt, in der das Ich zu Hause sein kann. Es sind ruhelose Wanderungen durch das Jerusalem der Achtzigerjahre, das in die verschiedensten ethnischen und religiösen Gruppen zerfällt und in der das mosaische »Gesetz« wie ein Anker für die zeitgenössische Zerstreuung wirkt. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2017
Peter Stephan Jungk
Peter Stephan Jungk erzählt in seinem Roman ›Rundgang‹ die Suche nach der Herkunft, nach einer Stadt, in der das Ich zu Hause sein kann.
Es sind ruhelose Wanderungen durch das Jerusalem der Achtzigerjahre, das in die verschiedensten ethnischen und religiösen Gruppen zerfällt und in der das mosaische »Gesetz« wie ein Anker für die zeitgenössische Zerstreuung wirkt.
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Erschienen bei FISCHER Digital
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: buxdesign, München
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-561771-7
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COLLECTION S.FISCHER
I’m checking them out,
In mir ist die [...]
In der Torahschule brannte [...]
… Es kreist in [...]
Durch Dampf, der wie [...]
… Fremder Pfad, ich [...]
Schwarzgekleidete Männer und Frauen, [...]
… Hinter mir die [...]
Oft saß ich in [...]
… Im Laufschritt heraus [...]
COLLECTION S.FISCHER
Herausgegeben von Thomas Beckermann
I’m checking them out,
I got it figured out,
There’s good points,
And bad points,
Find a city,
Find myself a city to live in.
(TALKING HEADS)
Sage den Kindern Israel:
Haltet meinen Schabbat;
denn er ist ein Zeichen
zwischen mir und Euch von
Geschlecht zu Geschlecht …
(2. MOSE31/13)
In mir ist die Unruhe, ich gehe mit ihr durch das Leben. Die Unruhe, Geliebte, ist eine meiner Rippen. Ich sage zu ihr: Du bist so leise, daß ich Dich überall höre. In einem Zimmer mittlerer Größe, im fünften Stockwerk eines Miethauses, stehen auf dem Fußboden Koffer aufgeklappt, daneben Bücher, gebündelte Papiere, Photographien, und Hosen, Hemden, Jacken. Ich teile die Wohnung mit Daniel, einem großgewachsenen kräftigen Burschen, wir sind einander während einer Buchausstellung begegnet, ich bin auf der Suche nach einem Zuhause gewesen, Daniel bot mir an, zu ihm zu ziehen. Nach meinem Einzug sprachen wir selten, wenn wir aber sprachen, so stritten wir. Doch Daniel ist nicht Ursache meiner Abreise, ein anderes Zimmer hätte sich finden lassen, wollte ich mich in dieser Stadt wahrhaftig niederlassen. Ich will in dieser Stadt bleiben, mein Leben lang. Und bleibe nicht? Ich bin auf der Reise in die Angstwelt, seitdem ich herausgekommen bin aus dem Mutterleib, ohne Anker, ohne Ufer, ich bin das Wasser, muß meine Zelte in der Welle aufschlagen.
Daniels Vater mit Freundin Zippora und Zipporas Freundin Judith und die Mutter von Judith kommen zu uns, unangemeldet, bringen in großen Gläsern gefilten Fisch und Gemüsesuppe und Suppenhuhn, alle wollen zugleich in die winzige Küche, um das Essen warm zu machen, zu sechst sind wir in die Küche hineingeschachtelt, »um Gottes Willen!«, ruft Judith, weil niemand Zündhölzer bei sich hat, Daniel muß zu unseren Nachbarn hinübergehen, Judiths Mutter erzählt, sie habe als Kind, beim Zündeln, ein kleines Hotel auf der Margaretheninsel in Brand gesteckt, Daniel kommt mit einem elektrischen Anzünder zurück, sein Vater will ihn zum Dank auf den Mund küssen, »laß das!«, brüllt der Sohn, und ich renne die Treppen in das Erdgeschoß hinunter und renne hinaus, in die weiche Nachmittagsluft.
Die Nachbarschaft entdecke ich zum ersten Mal, ich habe sie bis heute nur als Aussicht von den Wohnungsfenstern gekannt. Die Brotfabrik, ihre Größe und Breite, ihre fensterlose schwarze Front, ich sehe sie erstmals aus der Nähe – das Summen aus Maschinenräumen, immergleiches Summen, ich habe es auch beim Schlafen im Ohr. Die Fabriksgebäude nebenan geräuschlos, nichts regt sich heute dort, ich klettere über Kinderwagengerüste, Polstermöbelreste, der Abladeplatz ist voll von Schuhschachteln und Packpapier, darüber weiße Asche, alles ruhig, es weht kein Wind. Da ist ein silberner Zirkel im verdorrten Gras, einen sehr ähnlichen habe ich in der Schulzeit besessen, ich lasse sie liegen, diese Zeit. Ein Schotterweg führt in ein schmales Tal hinab, weißlicher, ausgebleichter Erdboden, ein Schlangenboden, verkrustet, knochenfarben das Gestein. Steinstadt, von steinernem Hügelland umstanden. Und fließt kein Fluß durch diese Stadt. Unter einem Wellblechdach stehen reglos kleine Pferde, niemand kommt, sie zu reiten. Ich wandere zwischen Felsen und Sträuchern hindurch, über mir Drähte einer vielfaserigen Überlandleitung, ich folge den hohen Trägern, die Drähte knistern leise, auch heute durchzieht elektrischer Strom das Land. Heute ist zweiter Tag des Festes Rosch HaSchanah, Erneuerung des kosmischen Kreislaufs, Beginn eines Neuen Jahres. Ich habe mir einen Wanderstab gefunden, einen verwitterten grauen Zaunstab, staubtrockenes leichtes Holz. Und ohne Übergang ist es wieder da, es sei endgültig abgelegt, habe ich mir eingebildet, doch jetzt kreist es wieder im Kopf und in der Brust und im Bauch: In mir innen drinnen zu stecken, aus mir wie aus Gebäudefenstern herausschauen zu müssen, daß ich Ich bin, nach außen hin so deutlich abgezirkelt, ich sitze und liege tief in mir, betaste dies Gewicht wie mit Insektenantennen, ich betaste es mit jedem Schritt noch ein Stück aufmerksamer. Neonlicht, denke ich, mit jedem Schritt aufmerksamer. Meine Fingerspitzen eiskalt. Neonlicht ist schädlich für Körper und Seele, das wird entdeckt werden, in naher Zeit. Ich friere im milden Sonnenlicht, ist dies ausgesandtes Zeichen, in zwei Tagen die Reisemaschine nicht zu besteigen? Die Ausstrahlungskraft der Wellen des Neonlichts, denke ich, ist ähnlich unbekannt, wie einst Existenz und Wirkung der Bazillen unerkannt blieben, bis sie unvermutet sichtbar wurden, unter tausendfach vergrößernden optischen Geräten. Der Nachmittagshimmel ohne Wolken, das Oktoberlicht aus dunklem Ocker …
In der Torahschule brannte immerfort Neonlicht, im Erdgeschoß und ersten Stockwerk, auch tagsüber, es gab keine Fenster, Atemluft wurde durch Ventilatoren in das kleine Gebäude geblasen. Ich wollte Torahschüler sein, mein schmerzliches Nichtwissen abstreifen, das unbekannte Verwandte verstehen lernen, ich wollte der groben Unordnung in meinem Kopf einen Rahmen finden. Rückkehr zu meinem Ursprung, zu Abraham, Isaak und Jakob, das hielt ich für den guten Pfad, meine Uferlosigkeit einzudämmen. Intensität durch Beschränkung, denn uferloses Land verwandle sich in Sumpfland, dachte ich, daher Bündelung meiner Kräfte, ich zwang mich zu einem Anderen Leben. Zettelte einen Putsch an gegen meine Gemütlichkeiten, eine Machtübernahme im eigenen Land, Umsturz der Gewohnheiten, Verhaftung der Wie-Ein-Blatt-Im-Wind-Tendenzen. Am Tag nach der Ankunft, sie liegt nunmehr zwölf Monate zurück, bezog ich eine Torahschule, teilte den Schlafsaal mit anderen jungen Männern. Manche von ihnen blieben wenige Tage nur, manche lebten und lernten schon seit mehreren Jahren hier, sie wollten Rabbiner werden.
Im Monat Tischri, zwei Wochen nach Rosch HaSchanah, ereignet sich Sukkoth, das Laubhüttenfest, neun Tage der Erinnerung an das Wohnen in der Wüste, ohne festen Wohnsitz, in Hütten, deren Dächer Sturm und Regen nicht abhalten konnten, die von einem Abend zum nächsten Morgen abgerissen werden mußten. Man baut sie sich immer noch, diese Laubhütten, ißt und trinkt und schläft in ihnen, neun Tage lang entfesselt von eigenem Haus und Besitz. In der Nacht nach dem siebenten Tag ist es Brauch, bis in den frühen Morgen Torah zu studieren – ich saß nahe einer Balustrade, im ersten Stock des Lehrhauses und beobachtete die Burschen beim Lesen, hörte zu, wie sie laut debattierten. Aus der Zerstreuung, der Galut, kamen sie hier zusammen, auf ähnlicher Suche wie ich selbst, wohnten hier und wurden verpflegt, ohne für ihren Aufenthalt bezahlen zu müssen. Der Leseraum mit Bücherregalen und breiten Tischen vollgeräumt, die Stuhllehnen abgebrochen, Risse und Löcher in den Sitzflächen. Viele von den Büchern zerrissen, aus ihren schwarzen Rücken hingen feine hellbraune Fäden. Auch auf den Treppen Stellagen, die bis zur Decke reichten. Auf jedem Tisch, in jeder Ecke Bücherreihen, Bücherstapel. Es herrschte ein ungeschriebenes, strenges Gesetz, wonach die Bücher nur in bestimmter Reihenfolge aufeinander liegen durften, eine Torahausgabe niemals unter einer Ausgabe des Talmuds, ein Talmud nicht unter dem Lebenslauf eines Schriftgelehrten, und so fort, in jedem Fall aber mußten Exemplare der Bibel immer an oberster Stelle liegen und hier wieder die fünf Bücher Mosche Rabeinus unbedingt über den Büchern der Könige, oder Richter, oder Propheten.
In meiner Nähe ein Streitgespräch, ohne den Inhalt eigentlich zu verstehen, nickte ich zustimmend, als wüßte ich gut, was der Jüngere dem Älteren zu erklären versuchte. Der Jüngere hieß Aron, wir hatten in den drei Wochen seit meiner Ankunft noch nicht miteinander gesprochen, mir gefielen seine ruhigen, aber durchdringenden Augen, sein sanfternstes Wesen, mir gefielen die braunrötlichen Haare, die ohne Ordnung auf dem Kopf lagen. Arons Gegenüber, zehn Jahre älter, auch er ein sehr großer Mensch, sah aus wie ein Schauspieler für Nebenrollen, Söldner nach Brückensprengung, etwas Verwittertes hatte er an sich, schief und schwitzend stand er vor Aron, stützte sich mit einer Hand an der Balustrade ab. Er trug eine Beinprothese, auf die er mich bei unserer ersten Begegnung gleich aufmerksam gemacht, seinen Namen aber verschwieg er, ich glaube, auch die anderen wußten ihn nicht. Ich ging dem Namenlosen aus dem Weg – sagte man ihm, man müsse zum Postamt, kam er hinkend mit, fuhr man mit dem Bus hinaus an den Stadtrand, saß er neben einem im Bus, wollte mit spazieren gehen. »… weil der freie Wille das kostbarste Geschenk ist, das uns gegeben ist«, sagte Aron, »wer aber das Gute wählt, sagen unsere Weisen, der wählt das Leben, und wer das Böse, der wählt den Tod.« »Wie konntest Du mir dann vor fünf Minuten erzählen, der Mensch bestimmt über nichts selbst«, entgegnete der Namenlose, »Du hast mir doch gesagt, alles ist vor uns festgelegt und nichts in unserer Hand?« – »Alles ist in Seiner Hand, außer unserer Furcht vor Ihm – aber siehst Du:«, sagte Aron, »ich spiele für Dich Rabbiner und bin selbst verwirrt wie Du. Hier – schau: Kapitel acht, Zeile siebzehn, was da geschrieben steht, lies mir die Stelle vor.« Und der Namenlose las, ich wollte nicht fragen, aus welchem Buch, um nicht zeigen zu müssen, wie wenig ich wußte. Mein Großvater, ich habe ihn nicht gekannt, ist Buchhändler gewesen. Seine Söhne, Überlebende des Unaussprechlichen, sind Buchhändler geworden, in ihrem Antiquariat habe ich einen guten Teil meiner Kindheit verbracht, habe die Dichter und ihre Werke als Verbündete empfunden, Herzstücke sind mir die Bücher. Ein Buch in der Hand zu halten, darin zu blättern, das Leder, das Leinen, das Papier zu betasten, macht mich sehr glücklich. Doch so weit meine Erinnerung zurückreicht: gelesen habe ich kaum. Ich kenne die Weltliteratur nicht. Der Namenlose stand schief an der Balustrade, über den Lärm hinweg las er: »Und je mehr der Mensch sich müht zu suchen, desto weniger findet er. Und auch wenn der Weise meint: ›Ich weiß es‹, so kann er es doch nicht finden.« Er ließ eine Pause, dem Gelesenen nachzufühlen, fuhr fort: »Das soll mir erklären die Beziehung zwischen meinem freien Willen und Seiner Kontrolle über die Welt? Überhaupt nicht! Er will, daß wir uns gegenseitig die Augen ausstechen, die Zungen herausschneiden, bevor Er uns Meschiach sendet? Er wollte, daß unsere Großeltern verbrannt werden?« Aron blickte schweigend zu Boden. Nickte er?
Des langen Wachbleibens wegen spürte ich das Herz bis ins Trommelfell klopfen … Ein Bub ging zwischen den Lesetischen auf eine Tafel zu, nahm ein Stück Kreide zur Hand, zeichnete ein Unendlichkeitszeichen, sah es sich an, den Kopf zur Seite geneigt. Und löschte es gleich wieder … Ich wollte mein Herz nicht schlagen spüren. Nicht daran erinnert sein, daß ich nur deshalb lebte, weil es regelmäßig schlug. Konnte es denn länger als einige Stunden noch so weiterschlagen? Würde es sich nicht erschöpfen, bald, sehr bald? Und spürte ich es nicht, schien mir so selbstverständlich, daß es schlug! Ein Chirurg hat das stillgelegte Herz wie eine Frucht aufgeschnitten, darin ein großes Loch zugenäht, wie einen Riß in einem Kleidungsstück. Und das Herz in den Brustkorb zurückgelegt, seither schlägt und schlägt es wieder, wenigstens ein Mal in jeder Sekunde.
Die Luft im Leseraum dumpf und feucht, ähnlich wie in einem Turnsaal. Ich schwitzte, wie die anderen auch. Kleidung aus Kunstfasern sind dem Neonlicht ähnlich. Wir trugen weiße Hemden und schwarze Hosen, und eine kleine runde Kopfbedeckung, alle kleideten wir uns in dieser Weise, obwohl es nicht Vorschrift war. Die meisten von uns bärtig (ich rasierte mich regelmäßig), die Zusammengehörigkeitszeichen sind ganz an den Oberflächen sichtbar. Ich ging hinüber zu einem der Nebentische, dort saß ein junger Rabbiner, Besucher aus einer der zahlreichen anderen Torahschulen, er und seine vier Begleiter unsere Gäste in dieser Nacht. Sehr wach wippte der Rabbiner mit dem Oberkörper hin und her, hatte er einige Sätze vorgelesen, so unterbrach er, übersetzte den Text, diskutierte ihn mit seinen Schülern. »Ihr sollt in Seinen Geheimnissen nicht herumtrampeln«, sagte der junge Rabbiner und wippte hin und her, ich setzte mir seine Muttersprache bruchteilweise zusammen, »was uns als Gesetz gegeben ist, das müssen wir befolgen. Und was Ihm gefällt, das wird sein … Ab welchem Zeitpunkt dürfen wir in der Früh das Sch’ma Israel beten? Manche sagen: wenn das Licht zwischen fahlem Grün und weißlichem Lauchgrün ist. Andere sagen: wenn man zwischen Hund und Wolf, oder zwischen Esel und Maulesel unterscheiden kann. Und geeinigt haben wir uns, dem Ewigen sei Dank, das Sch’ma erst dann zu beten, wenn man aus zwei Schritten Entfernung einen Bekannten erkennt …« Ich hatte sacht mitzuwippen begonnen, stand rasch auf, je näher ich dem gesuchten Wissen kam, desto heftiger kämpfte ich dagegen an, darin einzutauchen.
Zurück zur Balustrade. »Freunde! Vier Uhr Früh!«, rief der Namenlose, so laut, daß alle ihn hören mußten, unverändert stand er da, schief und schwitzend, »einer von Euch zaubert jetzt etwas Eßbares hervor, und zwar raschestens!« »Der Bäcker beim Neutor hält die ganze Nacht geöffnet«, sagte jemand, doch ein anderer, hinten im Saal, tiefe Pockennarben im Gesicht, rief zurück: »Von dem die Begel?! Seid Ihr wahnsinnig geworden?« Warum denn nicht?, fragte ich leise; der Pockennarbige hatte mich gehört: »Was wissen wir, was der für Helfer hat? Wo die herkommen! Die sind doch nicht kaschér, von dem die Begel!« Dicke Teigringe, sie schmecken bretzelähnlich, sind aus nichts als Mehl und Hefe und Wasser und Salz gemacht – ich fragte nochmals, »warum denn nicht?« »Schmalz, Ignorant!«, rief der Pockennarbige, »wie wissen wir, daß seine Helfer kein Schmalz verwenden, ha? Oder Fett von irgendeinem Tier, das sie nicht nach Vorschrift geschlachtet haben?« Und die anderen nickten, wiederholten die Worte Schmalz und Fett, der Namenlose sagte: »Kann sein, weißt Du, daß die dort trefene Begel machen, die Möglichkeit ist da, das werden wir nicht riskieren.« »Das … das kann doch nicht … in Seinem Sinn sein, um Gottes Willen!«, – ich erschrak über die Lautstärke meiner Stimme. »Aber selbstverständlich!«, entgegnete der Namenlose. »Nein!«, rief ich zurück. »Doch!«, der Namenlose. Da schlug ich vor Wut mit geballter Faust auf den Lesetisch, schrie nochmals, Faustschlag und Schrei hallten nach in mir, und im Leseraum Stille. Ich erinnerte einen bildlosen Traum, diesem Augenblick sehr ähnlich, manchmal, bei großer Müdigkeit, erinnert sich der Körper an Geträumtes, ich hatte diesen Aufschrei vorausgeträumt. Die Stille im Raum – sie hielt, als gäbe es Zeitlupe auch bei bildlosen Abläufen. Nach Ende des Zeitraums, Minuten später, wie mir schien, kam einer, von dem ich wußte, er heiße Mordechai, sehr nah an mich heran. Er trug zu jeder Zeit ein großes Maschinengewehr geschultert. »Wie lautet Dein hebräischer Name?«, fragte Mordechai, und alle warteten gespannt auf meine Antwort. Ich sagte: »Das weiß ich nicht« – »Was heißt, das weißt Du nicht, das mußt Du wissen, bei Deiner Beschneidung, Du, ja?, da ist Deinen Eltern gesagt worden, wie Dein Name in Israel lauten soll. Oder nicht?« – Ich erklärte, errötend, bei mir sei die Beschneidung automatisch geschehen, am Tag nach der Geburt, und ohne Rabbiner. »Ich möchte Dich allein sprechen. Werde Dir erklären, warum es Sein Wille ist, daß wir nicht tref essen!« Und ich wußte: Mordechai hielt mich nicht für seinesgleichen. Mein helles Haar! Die blauen Augen … Der Namenlose betätigte an der Seite der Beinprothese einen Knopf, um die Maschinerie abzuwinkeln, er setzte sich neben mich, auf einen zerbrochenen Stuhl. Und starrte mich an. Ich hatte am Tag zuvor meine Bibel im Leseraum liegengelassen, war er daran jetzt erinnert? Eine Gruppe von Lernenden hatte festgestellt, daß das Buch nicht allein Torah, sondern auch das spätere, sogenannte neue Testament enthielt. Und sie beschlossen, dies »Mörderbuch«, wie sie es nannten (da es Grundlage geschaffen habe zu zwei Jahrtausenden Verfolgung und Blutvergießen), sofort zu verbrennen. Als sie im Vorhof das Feuer gerade entfachten, kam ihnen der Namenlose dazwischen, er wußte, wem die Bibelausgabe gehörte, rettete sie vor ihrem Zugriff.
Ich spürte eine Hand auf der Schulter, sah mich um, Aron hinter mir. »Du, hast Du Lust, mit mir einen Rundgang zu machen, jetzt gleich?«, fragte er. Der Namenlose erschrak, noch bevor ich Antwort geben konnte, wußte er, wir würden ihn nicht auffordern, mit uns mitzukommen, würden ihn im Stich lassen. Ich stand auf, im selben Augenblick kam Aron und mir in den Sinn, einander die Hände schütteln zu müssen, und schon stiegen wir in das Erdgeschoß hinab, verließen die Torahschule, ohne von dem Namenlosen auch nur Abschied genommen zu haben. Die Nachtdunkelheit von kühlem Mondlicht durchbrochen, kein Stern zu sehen, wir wanderten durch Altstadtgassen und über breite Treppen hinab zum Dung Gate. Und weiter, außerhalb der Altstadtmauer, unterhalb des Tempelbezirks, an zerrissenen Überresten der Stadt König Davids entlang. »Meine Eltern, meine vier Geschwister, ganz streng sind sie den Gesetzen treu«, begann Aron zu erzählen, »so bin ich aufgewachsen, nichts anderes gewußt, gewollt … Am Schabbes Feuer zu machen, Licht anzuzünden, so unvorstellbar, wie hinausspringen aus einem Hochhausfenster. Oder etwas essen, was nicht vollkommen dem Gesetz entspricht – undenkbar … Kann das schon verstehen, vorhin, die Aufregung, sicher: wenn zu uns gesprochen worden ist, am Berg Sinai und wir ausgesucht sind, ein Heiliges Volk zu sein, ein Volk von Priestern, ha!, ja … und uns ist gesagt worden, welche Tiere wir essen dürfen, welche Tiere wir nicht essen dürfen, dann kann ich das verstehen, diese Aufregung bei jemandem, der das Gesetz halten will, Wort für Wort.« Wir schritten Schulter an Schulter durch die Halbdunkelheit, ein Stück hinab in das Kidrontal und hinüber zum Garten Gethsemane. Ich fühlte mich körperlich wohl, so neben Aron zu marschieren. »Nicht leicht einzusehen, ein Hase, ein Hummer, Austern, sie sind unrein«, fuhr er fort, »aber Heuschrecken essen darf ich dafür, Du, ich bin weggelaufen vom Gesetz, weit weg, ich bin herumgeirrt in den Weltstädten, neue Babeltürme, ich bin ohne Form, ohne Rahmen gewesen, Treibholz im Meer, dann ist Reichtum dazugekommen, und Frauen, alles Schicksen natürlich, Du, kein Fest ist gefeiert worden ohne mich. Und dann die Sucht. Meine Freunde weggestorben, zehn Freunde in einem einzigen Jahr, und die Schallplatten, die ich produziert habe, sind berühmter und berühmter geworden. Und vor einem Monat, finde ich die Susan im Koma, ich will – nein, vergiß es. Jedenfalls: Überdosis. Rettung, Krankenhaus. Dann kommt sie nach Hause zurück, und … wie zur Strafe für das, was sie gemacht hat, habe ich ihr in’s – ja, einfach in’s Gesicht gepißt. Ich weiß nicht mehr, wie ich’s zum Flughafen – bin im Airport-Bus gesessen ohne hinter mich zu schauen, nach Sodom und Gomorra, nach New So-Go – zum Flughafen gerettet, damit ich nicht umkomme. Und wie ich im Flugzeug sitze, weiß ich: es wird abstürzen. Wenn wenigstens meine Eltern schon tot wären, habe ich gedacht, das Voraussterben der Nächsten, das Zeugen von eigenen Kindern – unbedingt
