Tigor - Peter Stephan Jungk - E-Book

Tigor E-Book

Peter Stephan Jungk

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Beschreibung

Tigor ist Mathematiker an einer amerikanischen Universität. Während eines Kongresses in seiner Geburtsstadt Triest fühlt er sich aus seinem gewohnten Leben herausgerissen und auf die Suche nach einem unbekannten Ziel geschickt. Er nimmt Zuflucht in einem Pflanzenzimmer, im Himmel des ›Odeons‹ und schließlich am Fuße des Berges Ararat. Er wird von einem Terroristen auf den biblischen Berg geführt. Was er dort entdeckt, übertrifft seine Erwartungen und verwandelt ihn zugleich. Peter Stephan Jungk erzählt die Geschichte Tigors in einer Sprache, die den Leser wie von selbst mitzieht auf die Reise des Helden. Es ist ein abenteuerlicher Weg, der ihn nicht nur auf den Berg Ararat führt, sondern auch immer tiefer in das unzugänglichste Terrain: die menschliche Seele. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Peter Stephan Jungk

Tigor

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Tigor ist Mathematiker an einer amerikanischen Universität. Während eines Kongresses in seiner Geburtsstadt Triest fühlt er sich aus seinem gewohnten Leben herausgerissen und auf die Suche nach einem unbekannten Ziel geschickt. Er nimmt Zuflucht in einem Pflanzenzimmer, im Himmel des ›Odeons‹ und schließlich am Fuße des Berges Ararat. Er wird von einem Terroristen auf den biblischen Berg geführt. Was er dort entdeckt, übertrifft seine Erwartungen und verwandelt ihn zugleich.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei FISCHER Digital

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: buxdesign, München

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN 978-3-10-561773-1

 

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Inhalt

für Lillian

Auch die Schlafenden verrichten [...]

People used to think [...]

Pflanzenzimmer

Odéon

Jerewan

Ararat

für Lillian

Auch die Schlafenden verrichten Arbeit und

wirken mit an dem, was im Weltall geschieht.

 

Heraklit

People used to think that when a thing changes,

it must be in a state of change, and that when

a thing moves, it is in a state of motion.

This is now known to be a mistake.

 

Bertrand Russell

Pflanzenzimmer

Auf dem Hauptplatz von Belluno boten Marktfahrer ihre arme Ware an. Tigor fand im Rücken eines Scherenschleifers eine zertretene Holzkiste, darin lagen zwei aufgebrochene, überreife Wassermelonen. Er vergrub das Gesicht in der roten, sonnenwarmen Flüssigkeit, verschluckte sich, trank und fraß, zerbiß auch die Kerne. Die Kinder der Kirmeshändler standen um ihn herum, lachten ihn aus. Auf allen Vieren bewegte er sich fort von ihnen, sie folgten ihm nach. ›Wer weiß, was Dir wieder zustoßen wird, bist nie vorsichtig‹, hatte Viola gejammert, ›hast schon als Kind alles durcheinandergebracht und schief gemacht, gib mir Deine Hose, ich nähe ihr einen zweiten Boden.‹ Wie konnte ich das vergessen?, dachte er, strich über den Hosenstoff, spürte am rechten Bein die leichte Erhebung, auf die er seit dem Weggang aus Triest nicht mehr geachtet hatte. Strahlte die Kinder an, die ihn noch immer umtanzten, er fühlte Bargeld, fühlte die Ränder der goldfarbenen Plastikkarte, don’t leave home without it. Rief plötzlich »Home!«, das klang wie ein Tierschrei. »I miss my bed so much, my books, my bath, my kitchen!«

Die Kinder kreischten vor Vergnügen, tippten mit den Fingern gegen die Stirnen. »Ohmm!« rief der älteste Bub, er hatte zwei fette Narben unter der Nase, und der Chor seiner Freunde schrie »Ohmm!« immer nur die eine Silbe, und dann verstummten sie mit einem Mal. Zwei Carabinieri waren in ihrer Mitte aufgetaucht.

Durch ein Spalier Neugieriger führten die Gendarmen den Aufgegriffenen über den Marktplatz, sie brachten ihn, am Hotel ›Della Posta‹ vorbei, zur Polizeistation neben dem Dom. Die Amtsstube war holzgetäfelt. Ein Kohleofen sorgte, bei sommerlichem Wetter, für zusätzliche Hitze. Es hatte heftig zu regnen begonnen, ein Gewitter riß immer neue Wolkenbrüche auf, der Guß peitschte gegen die Fenster. Die Carabinieri nahmen unter der vergilbten Farbphotographie eines Jahrzehnte zuvor verstorbenen Papstes und dem Schwarzweißbild des vorletzten Staatspräsidenten Platz. Saßen Ellbogen an Ellbogen auf einer Holzbank und zwickten mit den Fingerspitzen die Nasenflügel zu, als stinke der Festgenommene ganz erbärmlich. Tigor hielt sich an einem Eisengeländer fest, kämpfte gegen den Schlaf. Dann schloß er doch die Augen, der Kopf fiel aus dem Gleichgewicht; erst nach links, dann nach rechts. Als er einschlief, sah das aus, als verbeuge er sich vor den beiden Männern, die ihn verhaftet hatten.

»Ausweis, Papiere!«

Tigor reagierte nicht.

»Reisepaß!«

Keine Antwort.

»Familienname?«

Er erwachte.

»Vorname?«

Blieb stumm.

»Familienname?«

Schwieg beharrlich.

Der jüngere Gendarm, müde und schmächtig, stand auf, wechselte zu einem Schreibtisch, wandte sich dort dem Telephon zu, während der Ältere, Kräftigere, das Verhör weiterzutreiben versuchte.

»Geburtsort?«

»Ich bin … Triest …«

»Passaporto!«

Tigor hörte dem Telephonat des jungen Carabiniere zu. Der wünschte sich von einem Freund oder Verwandten, welcher nächste Woche nach Wien reiste, fünfhundert Gramm Earl Grey, aus einem Geschäft namens Schönbichler, aber bitte nur von dort, Schönbichler, in der Wollzeile Numero Vier. Durch das Wort »Quattro« strömte noch einmal der Befehlston des Älteren: »Passaporto!«

Erst in diesem Augenblick wußte er wieder, daß sein Reisepaß verloren war. Er hatte ihn ins Tal geworfen, zusammen mit dem großen, himmelblauen Rucksack. Eine Schlange, dachte Tigor, ich bin wie eine Schlange, die sich häutet.

»… Numero Quattro! Si: Quattro!« wiederholte der Jüngere, legte den Hörer auf, nahm wieder auf der Holzbank Platz.

»… keinen Ausweis bei sich«, bellte der Ältere.

»Nationalität?« fragte der Jüngere.

»Italienisch und Amerikanisch«, sagte Tigor.

Die Gendarmen stießen sich gegenseitig in die Rippen, verzogen die Lippen, damit man ihnen anmerke, sie mühten sich, das Lachen zu unterdrücken.

»Beruf?«

»Ich unterrichte.«

»Die Landstreicherei«, konstatierte der Ältere.

»Nein. Mathematik.«

»Ach ja?«

»Euklidische Geometrie.«

Die beiden konnten sich nicht mehr halten. Sie schlugen sich auf die Schenkel, dann sprang der Ältere auf, holte die Kollegen aus dem Nebenzimmer, erzählte ihnen vom namenlosen Vagabunden, der Mathematikprofessor in Amerika sei. Ein Fall für Padua, beschloß die Mehrheit, man wollte nach einem Krankenwagen rufen, da befahl der müde, milde Carabiniere, an diesem Jahrmarktsonntag Amtsstubenvorgesetzter: »… Moment. Halt. Stop. Wir lassen ihn laufen.«

Enttäuschte, verblüffte Gesichter rundherum. Stille, sekundenlang.

»Wir lassen ihn laufen«, wiederholte Franco Sopracroda.

Kaum hatte Tigor die Wachstube verlassen, als die Kameraden ihren Vorgesetzten mit Vorwürfen überhäuften. »… warum hast Du das getan?!« fragten sie. »Was soll das heißen?«

»Ich weiß es nicht«, gab Sopracroda zurück, ohne zu lügen. »… kann Euch den Grund nicht sagen.«

»… porca miseria!« schimpften die Kollegen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bevor sie sich beruhigt hatten.

 

Der Freigelassene nutzte die Dachvorsprünge, um sich vor dem Regen zu schützen. »Wennst ein Bett brauchst, heut’ nacht«, rief ihm der Lohndiener des Hotels ›Manin‹ zu, der ihn in die Stadt mitgenommen hatte und jetzt zufällig seinen Weg kreuzte, »dann kommst zu mir, in die Via Venezia 22!« Tigor dankte ihm, winkte Adieu. Unter einem barocken Torbogen riß er sich den Hosenboden auf, zählte das Geld wie ein Glücksspielsieger, stopfte sich damit die Taschen voll. Nahe dem Domplatz, in der schmalen Dolomitengasse, surrte die grünrote Lichtreklame einer Trattoria. Sie hieß ›Dal Pappagallo‹, zum Papagei, dort kehrte Tigor ein. Der Hunger war so groß geworden, daß er ihn kaum noch wahrnahm. Der müde Wirt wollte den Mann, den er für einen Bettler hielt, vor die Tür setzen, beruhigte sich erst, als er Geld in Tigors Hand erkannte. Zum Mittagessen sei es zu spät, zum Abendessen zu früh, die Küche arbeite erst wieder in einer Stunde, erklärte er dem ungebetenen Gast. Der aber ließ sich nicht abweisen, bestellte ein fettes Fleischgericht, Rotwein dazu, und wartete. Legte den Kopf, der stark schmerzte, auf die verschränkten Arme. Sah, aus dem Augenwinkel, eine Ameisenarmee über das rotweißrot gemusterte Tischtuch wandern. Sprang auf und bezahlte: der Geldschein zitterte über tausend winzigen Beinen.

In einem nahe gelegenen Lokal wurde Hochzeit gefeiert. Durch die Fenster waren junge Blasmusiker in ihrer Tracht zu sehen. Der Bräutigam, ein Feuerwehrmeister in hellbrauner Uniform, hielt schon die Posaune bereit. Tigor zog weiter, zurück zur breiten Piazza. Jeder Schritt kostete ihn mehr Kraft, als er besaß. Er war ganz durchnäßt.

Der Hauptplatz am frühen Abend menschenleer, die Marktfahrer waren schon abgereist. Tigor klopfte an die Küchentür des besten Restaurants am Ort, des ›Il Veneto‹, und zeigte dem Jungkoch, der ihm öffnete, zwanzigtausend Lire. Der Bursche fragte den Chefkoch, was zu tun sei. Der Chefkoch ließ Tigor eintreten. Er bat, sich die Hände waschen zu dürfen, nutzte diesen Toilettenbesuch, um minutenlang in den Spiegel zu sehen. Dann brachte er die Haare in Ordnung, wusch sich das Gesicht, so gut dies hier möglich war. ›Mein Prinz!‹, hatte Mutter oft zu ihm gesagt, ›ganz Petersburg liegt Dir zu Füßen …‹

Die Köche setzten ihn an einen der groben, hölzernen Arbeitstische der Großküche, servierten ihm Seeschollenfilets und frisches Gemüse und Reis, kredenzten ihm keinen Wein, nur Mineralwasser. Er sah nichts als seinen Teller, hörte das leise Summen eines Dampfabzugs, vernahm auch die Stimmen der Männer, ahnte aber nicht, daß sie an ihn gerichtet waren. Kopfschüttelnd zogen sich die Weißbehaubten zurück. Tigor aß und trank. Er kicherte. Ein Lachanfall schüttelte seinen Körper. Oder fror Tigor? Er begann zu weinen. Tränen liefen ihm die Wangen hinab. Aus der Nase rann Rotz, mischte sich mit Schweißströmen, das alles tropfte in den Teller, während die vergangenen Tage an Tigor vorbeiflossen, cinemabreiten Bildströmen gleich, in starkes Licht und in starke Farben getaucht: er sah sein Aufwachen wieder, im ersten Licht dieses Sonntags, hart gebettet zwischen Strauch und Gras, auf einem Boden, der von Heidelbeergestrüpp bedeckt war. Es war der siebente Tag seit seiner Ankunft in diesem rauhen Raum, den er das Pflanzenzimmer nannte. Die Erschöpfung war an diesem Morgen so bedrohlich geworden, daß Tigors Leben mit sanfter Schwere in die Erde hinabgesunken wäre, im Schlaf, im Halbschlaf, hätte er sich nicht verpuppt, hätte er sich nicht entpuppt, mit den letzten Zellkernen Kraft, die ihm geblieben waren. Er kam zur Welt zurück, ausgestattet mit zähen Neubeginnflügeln. Er hatte nicht Angst vor dem Tod. Er wußte, daß der Tod inmitten eines Traumes gekommen wäre, weich, behutsam, höflich. Ein Heer von Ameisen war über ihn hinweggeklettert, löwengroß, pantherstark. Die Lust auf Schlaf hatte zunächst sachte wieder Macht gewonnen. Tigor fühlte sich von der nahen Bergeskette gut bewacht, von ihren zerklüfteten Zacken. Sie ragten oberhalb der Baumgrenze nackt aus ihren Nadelwäldern, wie Schultern und Köpfe aus einem Pelzgewand. Er war, im Traum, im Raum ›Meeresfauna‹ des Triestinischen Museums für Naturgeschichte gestanden, an der Piazza Hortis Numero Vier, zwanzig männergroße Haifische und Schwertfische schossen entlang den Mauern auf ihn zu. Es war dieser Traum, der ihm das Leben gerettet hatte: er war vor Schreck wieder aufgewacht. Die Sonne hatte noch zehn Winkelgrade zurückgelegt, bevor Tigor wieder auf den Beinen stand. Er blieb lange bewegungslos, hielt sich an einem Baumstamm fest. Und ließ dann außer dem Spurenbuch und dem Brief des Vaters fast alles zurück. Schritt so langsam, daß er bis zur Quelle zwei Stunden benötigte. Trank so viel wie noch nie. Riß im Umkreis jede Glockenblume, jedes Kleeblatt aus dem Boden, verschlang die Blüten und Blätter mitsamt der Erde, die an den feinen Wurzeln hängengeblieben war, zerbiß kleine Käfer, ohne es zu bemerken. Die Beine trugen ihn, er nahm an ihrer Arbeit, ihrem Leben nicht teil. Schritt mit geschlossenen Augen. Schlug mit dem Kopf gegen Bäume. Blutete über der einen Braue, wußte nichts davon. Kam vor die abgeblätterte Mauer einer Kapelle. Erbrach sich dort so heftig, daß ihn der Eruptionsschmerz bis in den Schwanz stach. Tigor öffnete ein Eisengitter, legte sich auf den kalten Steinboden des Bethäuschens, zwischen zwei verwitterte Holzbänke. Er schlief nur Minuten lang. Sah wieder die Holzsplitter und das schmutzige Gletschereis, so weit sein Auge reichte. Und er erkannte den Traum, den er sehr oft träumte, nicht wieder. Seit Verlassen des Triestiner Kongreßgebäudes begleitete ihn das Gefühl, als ziehe ein Seil an ihm und gebe ihm die Richtung vor. Auch an diesem Sonntagmorgen war er marschiert, als seien Kabel um sein Becken gebunden, deren Enden an unbekanntem Ort festgemacht waren, die ihn aber, unerbittlich und milde zugleich, zu sich herankurbelten. Tigor wanderte langsam, wie ein ins Schlepptau Genommener. Erstmals seit einer Woche befand er sich wieder auf markierten Wegen. Ängstigte sich vor dem ersten Zusammentreffen mit einem Menschen. Kam sich wie ein aus Flußtiefen Zurückkehrender vor: sieben Tage waren im Wellenreich der Nixen, neunundvierzig Jahre aber auf der Erdoberfläche vergangen. Kam sich wie ein Astronaut vor, der sein Raumschiff in die Erdhülle zurücksteuert: wählte er den Anflugwinkel nur um wenige Grade unexakt, verglühte die Kapsel augenblicklich. Am Ufer des Flusses angekommen, den er aus der Ferne immer leise rauschen gehört hatte, versuchte er, den Schmutz und Schweiß der vergangenen Tage abzuwaschen. Betastete den Vollbart, der ihm gewachsen war, die Härchen stachen in jede Richtung. Sehnte sich nach einem Spiegel. Wäre der Spiegel auch noch so klein gewesen! Er umarmte seine Brust, strich sich über die Schultern, streichelte den Nacken, berührte die vollen Lippen. Ein großer, breiter Mund, der Mund eines Menschen, der gerne und viel sprach. Mutter hatte sich immer zum Vorwurf gemacht, der einzige Sohn sei ihr zu hübsch geraten. ›Mein russischer Prinz‹, sagte sie oft zu ihm, ›ganz Petersburg liegt Dir zu Füßen! Und lächle nicht immerzu, Du siehst dumm aus, wenn du lächelst!‹ Tigor hatte wenige Stunden später ein Dorf erreicht, das Noach hieß. Niemand war Sonntagmittag auf der Straße. Er versteckte sich hinter einem Nußbaum, beobachtete eine Familie, vier Erwachsene und vier Kinder saßen um den schmutzigen Küchentisch herum. Er erkannte, wie der Jüngste seiner Schwester den Kopf kraulte und so tat, als suchte er dort nach Läusen. Die beiden Buben halfen dann der Mutter, aus einem Steinbecken im Hof Forellen zu fischen, mit großen, grünen Netzen. Sie hämmerten den zuckenden Tieren mit Krockettschlägern auf die Köpfe. Sie beteten vor dem Essen, hatten schon nach Minuten alles verschlungen. Hinter dem Baumstamm versteckt, schwebte Tigor das Bild seines Vaters vor. Der hatte sich auch an Sonntagen die Zeit nicht genommen, mit der Familie an einem Tisch zu sitzen. An jedem Abend war Mutter im Theater, und Vater kam spät aus der Werft nach Hause, da lag Tigor meist schon im Bett, mit dem Radioapparat auf der Brust, von Kurzwellenfrequenz zu Kurzwellenfrequenz die Weltmeere bereisend. Auf der staubigen Landstraße, an der Ortsgrenze von Noach, war ein kleines, verrostetes Dreiradgefährt neben ihm stehengeblieben. Der Fahrer, der südtiroler Dialekt sprach, stellte sich als Lohndiener und Gepäckträger vor: »I bin in Bozen gebirtig, und in Belluno, bei die Italiker, bin i a Knecht. Un’ von wo bisch’ Du leicht?!« Er bot Tigor an, ihn mitzunehmen. Er hatte ein hageres, zugleich rosiges Bergbauerngesicht, stieß vier oder fünf Fragen zugleich aus, schien allerdings nicht auf Antwort zu warten. Er wies Tigor einen Platz im winzigen Transporter zu, auf überdachter, von der Fahrerkabine abgetrennter Ladefläche, in absoluter Finsternis, voll Lärm und Benzingestank. Während der Fahrt schrie der Lohndiener, er kenne hier jeden Stein, jede Weggabelung wie seine eigene Schürzentasche, »… alldieweil ich hier nämlich eine Braut habe, seit einem Jahr!« Er warne jeden vor der Gefährlichkeit der überaus steilen Schluchten, in denen selbst der Forstmeister der Gegend, Signor Bastanza, der Vater seiner Geliebten, sich nicht selten verirrt habe. Dort oben, hinter der hohen Kuppe, rief der Gepäckträger und zeigte wohl in die Richtung jenes Waldes, in dem das Pflanzenzimmer lag, finde man lange zu keinem Haus, zu keiner Kirche, zu keiner Hütte. Tigor hatte noch das Wort Schluchten gehört, und hörte noch das Wort Kuppe, dann schlief er ein, trotz des Motorenlärms. Die Dreiradreise durch das Tal dauerte mehr als zwei Stunden. Der Fahrgast erwachte erst wieder, als der Lohndiener in einer kleinen Straße des Städtchens Belluno stehenblieb, vor dem Dienstboteneinang des Hotels ›Manin‹. Wie im Traum, dieser Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, der Hunger trieb ihn auf den Marktplatz, dort hatte er, nach längerer Suche, der Ohnmacht nahe, die aufgebrochenen Wassermelonen gefunden.

»Home!« rief er aus, an dem Küchentisch des Restaurants ›Il Veneto‹, über die Seezungengerippe gebeugt, »I miss my home so much!« Nahm erst jetzt deutlich wahr, wo er sich befand, sah die Köche in seiner Nähe stehen. Wie sie lächelten und zugleich besorgte Miene machten! Er wandte sich an den Chefkoch und dessen Mitarbeiter, dankte ihnen für die hervorragende Mahlzeit. »Ich habe nämlich, müssen Sie wissen, seit Tagen nichts Anständiges mehr gegessen«, sagte er in gepflegtem Italienisch, das vielleicht etwas hochtrabend klang, aber so entsprach es seinem Charakter. »Sie müssen entschuldigen, ich habe … mein Experiment … leider abbrechen müssen.«

»Sie waren uns willkommen«, antwortete der Chefkoch, gab den jungen Männern Zeichen, den Tisch abzuräumen.

»Mein Experiment! Durch und durch zum Scheitern verurteilt, wie das meiste, was ich unternehme!«, hob da Tigor an, »ich hatte meinen Taschenrechner, die Armbanduhr, sogar das Radio, auch alle meine Anzüge in der dunklen Wohnung zurückgelassen, in der Viale XX Settembre Nummer 25 …«

»… nicht böse sein: wir müssen an die Arbeit«, betonte der Chefkoch.

»Machen Sie nur, machen Sie nur, lassen Sie sich durch mich nicht stören! Sie ist meine Lieblingsziffer, die Fünfundzwanzig, ich nenne sie Zauberziffer, jede Zahl, die mit Fünfundzwanzig endet, ist durch fünfundzwanzig spiegelglatt teilbar! Wußten Sie das? Ähnliche Zuneigung empfinde ich nur zur Vierundvierzig. Die Vierundvierzig ist die Schönheitskönigin unter den Zahlen. Sie ist mein Schutzengel, meine Wegweiserin … wie rasch ich spreche, ’s durchaus untypisch für mich, es quillt nur so aus mir heraus, merken Sie’s?« Er hatte die Arme zunächst auf die Knie gestützt, hielt die schönen Hände eng verschränkt. Als er dem Fluß der Sprache nachzugeben begann, bewegten sich die Hände schmetterlingshaft.

Zwei Kellner brachten die ersten Bestellungen in die Küche. Einmal Lammkotelettes Pompadour, einmal die Wachteln in Pinot-Grigio-Sauce.

»… ich habe seit Tagen fast nichts als Baumrinde, Gräser, Brennesselstauden gegessen«, fuhr Tigor fort, »sieht man von dem Falkenfleisch ab, das eine Mal, Sie können sich also denken, wie mir zumute ist, nach diesem Festessen, das Sie mir hier aufgetischt haben … nämlich im Wald gelebt, verstehen Sie?«

Die Jungköche begannen zu arbeiten, sie empfanden Tigors Sprachschwall als durchaus unterhaltsam, flüsterten ihrem Chef zu, er möge den Mann, den sie für den Patienten einer offenen Heilanstalt hielten, nicht fortschicken, er störe sie ja nicht.

»… die Innenschicht der Baumrinden schmeckt nach Minze, wußten Sie das? Auch ein bißchen nach Harz, versteht sich. Ich mochte den Geschmack recht gerne. Und Kleeblätter? Sie kennen den zitronenähnlichen Geschmack von Kleeblättern? Ist doch im Grunde wunderbar! Ich habe in einem Daunensack auf dem Waldboden geschlafen, auf einer kleinen Lichtung, die hoch, hoch über dem Tal lag. Mein Plan bestand darin, monatelang im Hochwald durchzuhalten! Sie fragen sich vielleicht: wozu? Was wollte er dort? Ich kann versuchen, Ihnen darauf Antwort zu geben … Vorausgesetzt, Sie möchten das … Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen den Ablauf meiner Tage, im Wald, sind Sie damit einverstanden? Ja? Mein Schlafplatz war eine kleine Lichtung, von einem Kreis Fichten umschlossen, tief im Wald, meilenweit von irgendeiner Behausung entfernt. Das hat mir übrigens der Lohndiener des Hotels ›Manin‹ zuvor bestätigt, daß ich da unendlich weit von aller Behausung … aber davon später … In der Mitte meines Pflanzenzimmers lag ein umgestürzter Kultstein, falls Sie wissen, was das ist. Ein mannshoher Stein, keilförmig, gegen dessen Seite habe ich in der Nacht immer den Kopf geneigt. Ich wollte ihn aufrichten, diesen Menhir, aber die Kraft, die dazu nötig gewesen wäre … wie dem auch sei, am ersten Morgen suchte ich mir natürlich eine Quelle. Kam an einer Höhle vorbei, wahrscheinlich ein aufgelassenes Bergwerk, es gab da schmale hölzerne Schienen auf dem Boden. Und vor der Höhle lagen große Steinquader. Ich hatte die Idee, aus diesen Steinen ein Haus zu bauen. Vollkommen abwegig, nicht wahr?, denn mein Ziel war ja das genaue Gegenteil: zu versuchen, ohne Dach über dem Kopf – und so lange wie nur irgend möglich – in der freien Natur zu leben und zu überleben. Aber der Trieb, ein Haus zu bauen, oder wenigstens eine Hütte, wenigstens einen Schuppen, scheint in uns Menschen offenbar unendlich stark zu sein … Nach einer halben Stunde war das unterste Quadrat schon fertig, ich nahm mir vor, an den folgenden Tagen weiterzubauen. (Ich habe nie dort weiter gebaut.) Dann kletterte ich entlang einer Schneise dichter Stauden, deren Blätter groß waren wie Elephantenohren. Dieselben Blätter habe ich übrigens immer als Toilettenpapierersatz verwendet, köstlich weich und angenehm, aber vielleicht sollte ich davon in der Küche … Zu einer Quelle fand ich jedenfalls überraschend mühelos, sie entsprang zwischen zwei glatten Steinen. Das Eiswasser formte, wo es austrat, eine kugelrunde Erhebung, dort kniete ich nieder, dort habe ich mir immer frisches Wasser geholt, mit meiner verbeulten Blechflasche. Ein Unkraut, das neben der Quelle wuchs, hieß Blauwetterkühl. Nun gab es aber, am ersten Tag, folgendes Problem: bei dem Gedanken an den himmelblauen Kunststoffrucksack, den ich bei der Schlafstelle zurückgelassen hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, der Packen sei eine Art Lebewesen, verstehen Sie, und dieses Lebewesen warte auf mich und erwarte Berichterstattung: ›wo warst Du?, was hast Du gesehn?‹, wie es mit der Quelle aussieht, und so weiter. Der Packen hoffe auf Ansprache, während unseres Zusammenlebens im Hochwald. Kaum war ich zurück bei meiner Schlafstätte, da habe ich das Pilzbestimmungsbuch, dieses Aufzeichnungsheft, das Sie hier sehen, und die Füllfeder aus dem Rucksack hervorgeholt, und den Rest in hohem Bogen über die Felsenkante geworfen. Zählte die Sekunden, die es dauerte, bis der Sack im schmalen Flußbett aufklatschte. Dadurch konnte ich berechnen, daß die Höhe des Pflanzenzimmers über der Talsohle recht genau fünfhundertundvierzig Meter betrug … Das Dumme war, daß da mein Paß, mein Reisepaß drinnen war, da kam ich erst viel später darauf, und jetzt brauche ich natürlich dringend ein Konsulat, wissen Sie, wo’s hier ein amerikanisches Konsulat gibt? Wer bin ich denn, ohne Paß? Bin nämlich amerikanischer Staatsbürger, komplizierte Geschichte das, die ich Ihnen aber gerne erzählen werde, wenn Sie möchten …«

Die Jungköche schmunzelten. Sie arbeiteten zwar, konzentrierten sich jedoch nicht genügend auf den Inhalt der Töpfe, Pfannen und Schüsseln. »… interessant, tatsächlich besonders aufschlußreich!« sagte der Chefkoch. »Wir danken Ihnen. Vielleicht können wir ein andermal, außerhalb der Betriebszeit, ein wenig mehr von Ihrem Aufenthalt im Wald erfahren?«

»… das können Sie gerne, sehr gerne«, entgegnete Tigor, und seine buschigen Augenbrauen hoben sich auffallend hoch. In Bewegung waren sie im Grunde ununterbrochen, das verlieh nahezu jedem Wort, das er sprach, besondere Betonung. »Ich habe nämlich Buch geführt, im Wald, in jener mir selbst oft unleserlichen Schrift, mit der Füllfeder, die meine Mutter mir geschenkt hat, anläßlich meines einundzwanzigsten Geburtstages. Hier, sehen Sie sich diese Feder an: wunderbar, finden Sie nicht? Diese grünen und schwarzen Streifen! Vornehm, nein? Ich lese Ihnen – dadurch wird es für beide Seiten vielleicht müheloser – einfach vor, was ich da in mein Buch eingetragen habe, das ich das Spurenbuch nenne, muß nur manchmal nach den richtigen Worten suchen, denn obwohl ich in Triest geboren und aufgewachsen bin, lebe ich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr ausschließlich in den Staaten und schreibe daher in englischer Sprache. (Kann übrigens Deutsch und Französisch ebenfalls fließend …) Warten Sie: hier, ›First day, my terrible hunger – der Hunger trieb mich durch den Tag‹ – Sie sehen, schon am ersten Tag war der Hunger das entscheidende Thema … Hier, wieder: ›der Hunger hält mich davon ab zu begreifen, was mit mir geschieht, seit meiner Flucht aus dem Kongreßgebäude. Ich klettere zu einem Bach hinab, in der Hoffnung, mit bloßer Hand Forellen fangen zu können. Von den Fischen keine Spur. Breche die Suche aber erst nach einer Stunde ab. Mit eisnassen Händen und Unterarmen Himbeer-Ernte, drei nie gesehene Pilze gepflückt, gazeähnliches, auf dem Waldboden wucherndes, silbriggraues isländisches Moos gefunden. Habe Streichhölzer mitgenommen, in den Wald, zwinge mich aber, um für die Zeit nach ihrem Aufverbrauch gerüstet zu sein, Feuer mit Hilfe eines Schwefelsteins zu entfachen, schlage immer wieder gegen die Sägeklinge des Taschenmessers, zweihundertvierundachtzigmal, bis erste Funken auf die Späne fallen, und kleine Flämmchen auflodern. Das Moos zu einem farb- und geschmacklosen, kaum kräftigenden Tee verkocht, die Pilze im Bestimmungsbuch unter der Rubrik stark giftig wiedergefunden, die Beeren keineswegs als sättigend empfunden, erneut losgezogen, um Eßbares zu finden …‹ Sie sehen also: immerzu das Thema Speis und Trank. Später am selben Abend habe ich dann notiert: ›… hätte wenigstens zwei, drei Briefe der Erklärung absenden müssen, setze in Gedanken einen Brief auf, an Reuben Davis, Patterson Van Pelt Building, 25725 Baltimore Avenue, Dear Mister President, please forgive my sudden …‹ … Vielleicht ein bißchen zu ausführlich? Wenn ich Ihnen das so vorlese …? Vielleicht besser, ich beschränke mich darauf, die wichtigsten Details meiner Waldwoche einfach so nachzuerzählen, wie sie mir in den Sinn kommen. Möglicherweise erscheinen Ihnen all diese Einzelheiten gar nicht so besonders interessant, aber für einen Menschen wie mich, der sozusagen seit seiner Kindheit den Fuß kaum in die Natur gesetzt hat, und wenn er es tat, dann nur um seiner Wissenschaft willen, der immer an denselben Bergkamm in den Rocky Mountains reiste, jahraus, jahrein, seiner Schneeflockenstudien wegen, an die Nordflanke des Emigrant Peak, für den ist eine Woche, wie ich sie hinter mir habe … verstehen Sie? Am zweiten Tag jedenfalls …«

Giorgio Santini, der Chefkoch des ›Il Veneto‹, das Kind einer schlechten Ehe, ging schon als Bub jedem Streit aus dem Weg. Er hatte zunächst gehofft, der despotische Gast werde sich früher oder später zurückziehen. Als Tigor jedoch keinerlei Anstalten machte, die Großküche zu verlassen, nahm Santini die hohe Mütze ab, wischte den Schweiß von der Stirn, wandte sich seinen Mitarbeitern zu und seufzte: »… war wohl doch ein Fehler, hm? Anderseits ist nicht gar so viel los, heute. An Markttagen bleibt’s am Abend ja meist recht still. Wir werden’s schon durchstehen …«

»Ihr fragt Euch vielleicht (sind wir jetzt eigentlich per Du oder per Sie miteinander?), wer Reuben Davis ist«, fuhr Tigor fort, »das ist der Präsident der Universität, der ich den Rücken gekehrt habe: ein kleiner, äußerst kräftiger Mensch, der trotz oder gerade wegen seiner Invalidität, ihm fehlt nämlich der rechte Arm, vor Vitalität nur so strotzt! Das mit meinem Fortgang von der University of Pennsylvania in Philadelphia muß ich Euch genauer erklären, Ihr versteht ja sonst nicht, wie es je so weit kommen konnte … Das Fatale ist, ich bitte Euch, auch das in Erwägung zu ziehen, daß man mir immer, immer gesagt hat, was ich zu tun und was ich zu lassen hätte. Nicht nur meine Mutter hat das getan! Ihr müßt verstehen: keiner meiner Schritte im Leben geschah bisher aus unverfälscht eigenem Antrieb. Umso erstaunlicher, was mit mir vorgeht, seit dem Triestiner Kongreß! Aber laßt mich erst berichten, wie meine weiteren Tage verliefen … ich begann, den Bau kleiner Fallen zu planen, hier, seht Ihr die Zeichnungen? Einfache Holz- und Seilkonstruktionen, in denen ich Hasen, Murmeltiere, Marder fangen wollte. Meine Sorge allerdings: wie würde ich den Schlachtstich tun, ohne mich zu erbrechen? Euch gelingt das vielleicht ohne weiteres, es gehört ja zu Eurem Beruf … aber ich? Man muß die Tiere ja köpfen und häuten und ausbluten lassen. Wie Ihr vielleicht wißt, ist jedes Tier eßbar, auch Raupen und Termiten, auch Ameisen und Hirschkäfer. Ich hätte Nacktschnecken, Eidechsen, Kröten, Schlangen überm Feuer zubereiten können. Ich hab’s einfach nicht geschafft. Bis auf die eine Ausnahme, die ich Euch erzählen muß: am vierten Tag meines Aufenthalts im Pflanzenzimmer kam ein scheußliches Gewitter auf. Und nach dem Wolkenbruch, der mich bis auf die Knochen durchnäßt hat, sah ich nahe meiner Quelle, hoch auf einer Tanne, einen großen Vogel sitzen. Glaubte, ihn taumeln zu sehen, aufflattern, dann landete er einen Ast tiefer. Taumelte, hockte wiederum tiefer. Dies Schauspiel wiederholte sich mehrere Male, ich nehme an, es war ein Falke, er hatte braun und schwarz gepunktete Federn. Immer schwächer, taumelnder die Bewegungen des Raubvogels, er landete auf dem Boden, schwankend ungewiß. Ich stürzte mich auf das sterbende Tier. Erschrak, wie menschenähnlich böse der Blick des Vogels war. Wie der Blick einer greisen, sterbenden Frau! Ich köpfte den Falken, warf den Kopf weit von mir, das war mir so grauenhaft!, ich bekomme jetzt noch Gänsehaut davon! Kochte das zähe Fleisch eine Stunde lang, um die Parasiten abzutöten. Und genoß dann diesen salzigen Geschmack! Saugte die Knochen aus! Trug die Federn zu meiner Schlafstätte, polsterte damit den Boden unter der Decke aus, die noch naß war, nach dem Regen … Verstehen Sie: ich wollte ganz einfach beweisen, daß man überleben kann, auch über eine lange Zeit hinweg. Ich wollte in den Wäldern Vorarbeit leisten für ein künftiges Leben jenseits der Zivilisation. Nach geglücktem, mehrjährigem Experiment hätte ich in Büchern, in Schriften erzählt, was mir als Einsiedler, im Hochwald, widerfahren ist. Ich hätte mir einen Namen gemacht! Einen Namen! Wißt Ihr, was mir das bedeutet hätte? Und endlich, endlich etwas Eigenes! Ermüde ich Euch mit meinen Erzählungen? Nein? Ich hatte bei jedem Schritt durch das Dickicht Angst vor Schlangen, wie eine Jungfrau kam ich mir vor, rief mir immer ›in gamba!‹ zu, nur die Aufmerksamkeit keinen Augenblick schwinden lassen. Von Paolo, dem ersten Mann meiner Tante Viola gelernt, dies ›in gamba!‹, beim Wandern im Karst. Sehnte mich, seit ich den Falken erwischt hatte, nach Fisch und Fleisch und Knochenmark, und knabberte stattdessen an Blättern. Mir fehlen übrigens (das soll kein à propos sein, es kam mir nur eben in den Sinn) mir fehlen alle vier Weisheitszähne, ist doch seltsam, nein? Mein Zahnarzt sagt mir, damit befände ich mich der Evolution gegenüber im Vorsprung, in einigen Jahrhunderten oder Jahrtausenden werden allen Menschen die Weisheitszähne fehlen! Ich war also von Mücken ganz zerstochen, auch Wespen hatten mich attackiert, das Mitleid mit mir selbst wurde immer umfassender. Ich kam mir schon wie jener Schwerverbrecher vor, den man auf einer kleinen Insel ausgesetzt hat, vor hundertundfünfundzwanzig Jahren, am Ende der Welt. Von Stechfliegen zerbissen, von Geiern angefallen, war er zum Skelett abgemagert, hatte in letzter Verzweiflung das Blut einer Riesenschildkröte mit Teeblättern und dem eigenen Urin zusammengerührt, sich nur noch von diesem Gemisch ernährt, in seinen letzten Tagen …«

»Ich bitte Sie herzlich«, sagte da Santini, und man sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, dies auszusprechen, »uns jetzt zu verlassen. Uns jetzt in Ruhe weiterarbeiten zu lassen!«

Tigor legte zwanzigtausend Lire auf die Tischplatte. Santini nahm das Geld nicht an. Tigor bestand darauf, zahlen zu dürfen, schob die Scheine in Richtung Tischkante. »… kommt absolut nicht in Frage!« sagte der Chefkoch.

»Ich danke Ihnen. Sie haben mich sehr glücklich gemacht«, entgegnete der Gast, steckte das Geld wieder ein und erhob sich nicht vom Stuhl. »Sie müssen wissen, ich entschied mich schon in der zweiten Nacht, das beängstigende Unternehmen Pflanzenzimmer abzubrechen … Ich will Sie jetzt natürlich nicht weiter damit aufhalten, aber ich hatte eingesehen, daß mir die Kraft fehlte, und daß der Hunger zu groß wurde, und daß ich dem Wald nicht wirklich nahekam, so eng ich mich auch anschmiegte, versteht Ihr? Ich liebe die Natur ja nicht. Sie ist mir ganz abstrakt geblieben … Tag Drei war dann wohl einer der schwersten Tage in meinem bisherigen Leben. Ich schämte mich vor mir selbst, das Experiment so bald schon abzubrechen! Packte früh morgens zunächst die wenigen Habseligkeiten zusammen, stieg entlang einem Bachbett bergab. Steil, wild, extrem. Setzte ungeschickt die Schritte, stürzte, verletzte mich am Knöchel, ich kann euch die Wunde zeigen, wenn Ihr möchtet. Kam an einen Felsvorsprung, an dem kein Weg weiter führte, ich konnte weder vor noch zurück. Hohes Herzklopfen! Ich bin sehr erschrocken, jungfräuliches Terrain durch meine Gegenwart gleichsam geschändet zu haben … Das Herzklopfen wurde immer wilder. Umzukehren gelang mir erst, nachdem ich mich etwas beruhigt hatte. Ich schwebte dort wahrlich zwischen Himmel und Abgrund. Ein Wunder, daß ich nicht abgestürzt bin. Nach Hilfe zu rufen, genierte ich mich zu sehr, nämlich vor mir selbst, falls Sie das verstehen können … Stieß auf den weißgewaschenen Schädel eines Rehs, er fühlte sich weich und sauber wie Kreide an. Bereute, ihn berührt zu haben, warf ihn in weitem Bogen von mir … Kein kräftiges Herz, mein Herz, müssen Sie wissen, man hätte es operieren müssen, der Spezialist bestand darauf, als ich zwölf Jahre alt war, aber meine Mutter widersprach: wir können dem Kind, sagte sie, das nicht antun, mein einziger Sohn ist gesund geboren, da wird nicht herumgesäbelt, aufgetrennt und zugenäht! … Kurz: ich bin das Bachbett wieder hinaufgeklettert, jeder Schritt Kampf, zählte unentwegt den Puls, der wie Maschinengewehrsalven hämmerte. Viele Stunden habe ich für dieses ganz kurze Wegstück benötigt. Die Rückkehr ins Pflanzenzimmer empfand ich dann wie ein Nachhausekommen: kennt Ihr das, wenn man in der warmen Badewanne sitzt und es läutet, und man muß aus der Wanne heraus? Aber dann war’s jemand, der sich in der Tür geirrt hat, und man kann zurück in’s Badewasser! Dieses Wohlgefühl …! So war das, das Zurückkommen ins Pflanzenzimmer. Ich rollte die Daunendecke aus, entlang dem keilförmigen Stein. Sah mich in Triest aus dem Kongreßbau fortlaufen, inmitten der Vormittagsdiskussionen. Und zum Hafen hinunterrennen, zum überdachten Fischmarkt, dort bin ich untergetaucht, um nachzudenken. Faßte im Augenmeer der toten Tiere den Entschluß, Viola aufzusuchen, trotz aller Familienzwistigkeiten. Im Gräten- und Fischdarmgeruch zufällig Paolo, den mächtigen Glatzkopf, Violas ersten Mann wiedererkannt, den hatte ich seit der Kindheit nicht gesehen, seit den Sonntag-Mittag-Gelagen im Garten, am Rand des Revoltella-Parks, aber vielleicht führt das jetzt zu weit, ich komme auch schon zum Schluß … Ich habe mich auf alle Fälle Paolo nicht gezeigt, sah nur, daß er nach Jahrzehnten dieselben Nackenfalten hatte, unverändert seine winzigen Augen, sein buschiger Schnauzbart …«

»Wovor mußten Sie denn weglaufen?« wollte Fulvio, der jüngste der Köche, wissen.

»Kümmer’ Dich doch nicht um ihn!« zischte Santini.

Da schossen die beiden Kellner im gleichen Moment durch die Schwingtür der Küche, überbrachten die Beschwerden der Gäste, die, nachdem sie ihre Hors d’Œuvres vor mehr als fünfzehn Minuten aufgegessen, nun schon zum zweiten Mal nachgefragt hätten, wo ihre Hauptspeisen denn geblieben seien? »Kein Wunder«, schimpfte Signor Pepe, der ältere der Kellner, »Ihr habt hier Euren Clown sitzen, und wir müssen’s ausbaden, da draußen!« Und sie gaben drei neue Bestellungen bekannt, ein Heilbuttgericht à la Genova und zwei Mal Ente.

»Wovor ich weggelaufen bin, wolltest Du wissen?« setzte Tigor seine Rede fort, Fulvio zugewandt, »das will ich Dir gerne sagen. Meine Wissenschaft ist eine Kinderwissenschaft. Wer mit fünfundzwanzig, wer mit dreißig Jahren noch keine mathematische Entdeckung vorzuweisen hat, wer bis dahin in der ›Tropenlandschaft der Mathematik‹, wie ich sie nenne, noch keine Spur hinterlassen hat, der wird keine mathematische Entdeckung mehr vollbringen. Dies ungeschriebene Gesetz ist kaum jemals gebrochen worden. Ich aber werde in zwei Wochen vierzig Jahre alt sein, Du könntest mein Sohn sein – wie ist Dein Name? Fulvio? Fulvio: mir war der Ruhm wichtig und nichts anderes. Ich wußte aber vor acht Jahren schon, daß mein Modell einer Schneeflockenkonstante mit großer Wahrscheinlichkeit auf unrichtigen Annahmen beruhte. Je mehr Beweise für die Folgewidrigkeit meiner Theorie mir aber unterkamen, desto entschlossener klammerte ich mich an ihr fest, denn sie war nach fünfzehn Jahren Forschungsarbeit mein einziger Halt, begreifst du das …?«

Fulvio hatte zu arbeiten aufgehört, mit offenem Mund stand er vor dem Fremden. Tigor bildete sich ein, dem Lehrjungen seien Tränen in die Augen gestiegen. Das mochte aber auch vom Zwiebelschneiden herrühren. Auch Sergio, jener Jungkoch, der ihm die Tür geöffnet hatte, schien kaum noch dem Herd, sondern nahezu ausnahmslos dem Sprecher zugewandt.