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Das Buch schildert die Entwicklung eines jungen Mannes in der Hippiezeit. Wie er nach München geht, um des Abservieren seiner ersten großen Liebe zu verarbeiten. Er mischt die Mädel auf, um sich am Scheitern seiner ersten Beziehung zu rächen, dadurch pflastern gebrochene herzen haufenweise seinen Weg.Erst als er Anna in der Heimat kennenlernt und sie nach München entführt, ändert er sein Leben. Doch die wird schwanger und will wieder in die Heimat zurück, aber zuvor überedet er sie zu einer Reise nach Griechenland.
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2024
Klaus Rose
DIE SAU RAUSGELASSEN
Ein aufwühlendes Zeitdokument der Siebziger Jahre
Der Autor:
Klaus Rose, Jahrgang 1946, kommt 1954 als Flüchtlingskind über Berlin und Lübeck ins Dreiländereck. Nach dem Technikerstudium in Köln zieht es ihn nach München, wo er in den 68-ziger und 70-ziger Jahren seine aufwühlende Flower-Power Phase erlebt.
Später kehrt er in seine Wahlheimat Würselen zurück, wo er sich in der Kommunalpolitik engagiert. Er heiratet, wird zweifacher Vater, dann der Rückzug aus der Politik und die Scheidung.
Kurz vor dem Renteneintritt eine neue Beziehung. Und auch ein überraschender Herzinfarkt hindert ihn nicht an Rucksackreisen durch die halbe Welt. Seine heimliche Liebe gehört allerdings La Gomera und die Freizeitaktivitäten den Kindern und dem Schreiben seiner Romane.
ISBN
Softcover
978-3-384-14125-5
Hardcover
978-3-384-14126-2
e-Book
978-3-384-14127-9
Verlag und Druck: tredition GmbH
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Copyright 2020: Klaus Rose
Umschlag, Illustration: Klaus Rose
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Ohne Zustimmung des Autors und des Verlages ist eine Verwertung unzulässig. Dies gilt für die Verbreitung, für die Übersetzung und die öffentliche Zugänglichmachung.
Die Namen der Personen in der Handlung sind frei erfunden, doch die geschilderten Abläufe beruhen auf Tatsa-chen. So ist die Ähnlichkeit mit noch lebenden oder toten Personen kein Zufallsprodukt.
Worum geht es in diesem Buch:
Ende der sechziger Jahre sind in der Bundesrepublik die Nachwehen des 2. Weltkrieges größtenteils überwunden. Die Wirtschaft boomt und weite Kreise der Gesellschaft schicken sich an, am Reichtum zu schnuppern, was dazu führt, dass die geplagte Umwelt am Krückstock geht. Der saure Regen, das Waldsterben und die verseuchten Flüsse bestimmen die Tagesnachrichten. Das übt auf die Hippiekultur wenig Einfluss aus, denn die Revolution durch die Studentenunruhen und unwiderstehliche Rock-Songs ist längst in Gang gesetzt.
Sogar vor der Provinz macht die Entwicklung nicht halt, wodurch der achtzehnjährige Richard seine ersten Liebeserfahrungen in Tanzlokalen sammelt, die unterschied-licher nicht ausfallen können. Als er sich im Schlaraffenland sieht, folgt die böse Pleite. Nach der Eroberung der sechzehnjährigen Kleinstadtschönheit Johanna wähnt er sich im siebten Himmel, doch das ist ein bedauernswerter Trugschluss, denn die verliebt sich in einen Franzosen, was zu Richards rücksichtslosen Abservieren führt. Ganz dumm gelaufen, das sagt man dazu.
Sein Scheitern hat Wunden hinterlassen und sein Leben grundlegend verändert. Er will sich für die Abfuhr an der Mädchenwelt rächen. Dafür erscheint ihm München das geeignete Pflaster zu sein, denn mit seinen langen Haaren passt er wunderbar an den Nabel der Welt. Als er seine Technikerausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, folgt er dem Lockruf des Geldes. Er unterschreibt bei einem Münchner Ingenieurbüro einen gutdotierten Arbeitsvertrag und stürzt sich in das Abenteuer Großstadt. Um seine Rachegelüste auszuleben ist das fortschrittliche München der ideale Platz.
Seine erste Station ist der Campingplatz. Ab da bestimmen die Konzerte der verschiedensten Rockgrößen und das hübsche Geschlecht den Lebensrhythmus. Er pirscht sich auf Opfersuche durch die Amüsiermeile, sodass alsbald gebrochene Herzen seinen Weg pflastern. Auch eine spätere Bruchbude als Unterkunft verhindert nicht, dass sich sein Herz von der Schmach des Abservierens freischwimmt.
Bis er sich bei einem Heimatbesuch in Anna verliebt, die er nach deren Volljährigkeit nach München entführt, fordert er das Schicksal mit ihrer Schwangerschaft heraus, denn prompt bereut Anna ihre Anwesenheit in München und fordert von Richard die sofortige Rückkehr in die Heimat.
Richard liebt München, doch nach unvermeidbaren Reibereien willigt er schweren Herzens ein. Vorher ringt er Anna eine Reise im dafür hergerichteten Campingbus zu den Griechen ab, womit er den Wendepunkt in seinem Leben einleitet, denn trotz des ewig währenden Sonnenscheins überschlagen sich die negativen Ereignisse.
Mit der mitreißenden Geschichte hat der Autor ein überzeugendes Zeitdokument über die spannungsgeladenen sechziger und vor allem siebziger Jahre hinterlassen.
Dem Schicksal ist die Welt ein Schachbrett nur, und wir sind die Steine in des Schicksals Faust.
George Bernhard Shaw
Cover
Titelblatt
Der Autor:
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
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Vorweg ein paar erklärende Worte zu meiner schnodderigen Schreibweise und Wortwahl: Erwarten Sie keine hochtrabenden Satzgebilde von mir. Literarisch kostbare Lektüre gehört nicht zu meinen Stärken, daher schreibe ich, wie mir der Schnabel gewachsen ist. So, das wäre geklärt, jetzt kann’s losgehen.
Im Jahr 1954 kam ich achtjähriger Knirps mit der Mutter und der Schwester über das Zwischenlager Berlin nach Lübeck. Dort hatte der Vater auf uns gewartet. Der war vor der drohenden Verhaftung ein halbes Jahr zuvor aus dem Arbeiter und Bauernstaat DDR geflohen. Aus dem Grund der Familienzusammenführung hatte es die Mutter ihm gleichgetan und mich ahnungslosen Richard zum Flüchtlingskind gemacht.
Nach dem Fluchtspektakel zogen wir weiter ins Dreiländereck, so wuchs ich in der erzkatholischen und fremden-feindlichen Umgebung der Kleinstadt Würselen auf. Gegenüber den Urbewohner mussten wir Geflüchtete aller-hand Einsteckvermögen beweisen, denn die beschimpften uns als Polacken und triezten uns, wo sie die Macht dazu hatten.
Weshalb die neue Heimat ausgerechnet Würselen werden musste, das war dem fußballverrückten Vater geschuldet. Bei ihm hatte es beim Lesen des Namens Würselen in einem Aushang in Lübeck Klick gemacht und die Vernunft hatte ausgesetzt. Ohne mit seiner Frau und uns Kindern Rücksprache zu nehmen, zog es ihn ins Kohlerevier. Er war von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt. Nur die Mutter und wir Kinder hegten Zweifel, denn Würselen lag bekanntlich am Arsch der Welt.
Uns Flüchtlinge steckte man in ein menschenunwürdiges Auffanglager am Lindenplatz, neben der Spielstätte des damaligen Oberligisten, doch diese Unterbringung hatte der Vater beim besten Willen nicht vorausahnen können, aber durch den Fußballplatz störten ihn die unzumutbaren Zustände der in Parzellen unterteilten Lagerhalle kein bisschen. Er war ein glücklicher Mensch, obwohl es stellenweise kräftig reinregnete, und das lag an der Tuch-fühlung zu seinem Herzensverein.
Der Vater mischte sich so oft er wollte unbemerkt durch ein Loch im Zaun unter die Zuschauer und schaute den Spielen kostenlos zu. Bis in die alte Heimat Sachsen-Anhalt hatte sich der Vereinsname herumgesprochen, und die Berichterstattung über den kleinen Verein war sein Nonplusultra im langweiligen Dorfleben. Der Wunsch, dass sein Sohn eine Fußballkariere in seinem Verein anstreben könnte, der blieb ein Traum. Stattdessen trat ich in die Tischtennisabteilung ein und wurde Stadtmeister im Jugendbereich, doch das war ein schwacher Trost für den Vater. Das alles klingt verrückt, aber nun zurück zu den Anfängen.
In Lübeck las der Vater den Namen Würselen auf einem Aushang, der Familien den Transport in eine arbeitsreiche Bergbauregion schmackhaft machte. Die Stadt wurde als zukunftsorientiert und mit Aufstiegschancen für jeden Arbeitswilligen hingestellt. In der Werbebroschüre versprach man quasi das Blaue vom Himmel, zum Beispiel eine bezugsfertige Wohnung, weshalb die Mutter dem Schritt in die ungewisse Zukunft nicht ablehnend gegenüberstand.
Der Vater machte Nägel mit Köpfen. Er wollte beweisen, was für ein toller Hecht er war, und sagte Würselen zu. Doch als wir in einem Bus ankamen und die Halle am Lindenplatz in Augenschein nahmen, fuhr uns ein gehöriger Schreck in die Glieder. In dieser Behausung sollten wir wohnen?
Für die Erwachsenen war‘s ein Schock. Nur wir Kinder hatten unseren Spaß an den zweimeterfünfzig hohen Abtrennvorrichtungen aus Presspappe. Wir konnten uns von den oberen Betten mit den Nachbarkindern Gefechte liefern, die ohne gesundheitliche Konsequenzen blieben. Dagegen war der Schulweg ein anderes Kaliber, denn auf dem wurden wir Kids von den einheimischen Kindern handgreiflich belästigt. Von den verbockten Eltern aufgehetzt, waren wir für die Alterskameraden das Polacken-Pack, das unerwünscht war, demnach eine Gattung, die abgelehnt gehörte. Das ging sogar so weit, dass sie uns Flüchtlinge nach Polen zurückwünschten, dabei waren wir Deutsche, genau wie sie.
Die schlimme Zeit dauerte zwei Jahre, doch die ging Gott sei Dank vorbei. Unser zermürbendes Lagerleben endete mit dem Einzug in eine annehmbare 3-Zimmerwohnung. Und die war das Signal für ein Arrangement zwischen uns Flüchtlingen und den Ureinwohnern, denn die Einheimischen überdachten ihre ablehnende Haltung gegen-über uns Zugezogenen und schlussendlich kam ihr Hass zum Erliegen.
Wir Kinder taten uns mit dem Einleben leichter, denn wir entwickelten die ersten Freundschaften, wovon wir später als Jugendliche profitierten. In der letzten gemeinsamen Tischtennissaison wurden wir sogar Vizemeister, doch wegen der Verlockung, die das hübsche Geschlecht auf mich ausübte, ging ich alsbald auf die Pirsch. Und das führte dazu, dass ich den Tischtennisschläger an den Nagel gehängt hatte.
Mit zunehmendem Alter war die Kraft des Vaters verbraucht. Als letzte Tat besorgte er mir die Lehrstelle zum Bauzeichner in einem Architekturbüro, dann starb er an einem Infarkt in einer Kurklinik. Er war länger arbeitsunfähig gewesen, trotzdem hatte er die Familie viel zu früh alleingelassen und mich zum Familienoberhaupt gemacht. Sein Tod wurde der Mutter per Telefon mitgeteilt, so gefühllos wurde mit Menschen in der guten alten Zeit umgesprungen. Männer, die nicht verwendbar waren, die gehörten unter die Erde. So schlimm war das damals. So hatte ich viel Mühe, die selbstmordgefährdete Mutter und die labile Schwester vom Suizid abzuhalten.
Ich durchlebte eine problematische Phase, doch die Zeit stillte die Wunde des Verlustes, vor allem blieb sie nicht stehen. Nach drei Jahren beendete ich meine Ausbildung zum Zeichner und der Lehrherr übernahm mich in ein ordentlich bezahltes Arbeitsverhältnis, denn ich gehörte zu den Besten der Berufssparte.
Der Berufsabschluss hatte mich aufs erfolgreiche Gleis gesetzt. Ich machte vom ersten Gehalt den Führerschein und kaufte einen Fiat 600, mit dem ich zahlreiche Unfälle verursachte, die glimpflich abliefen, nebenbei wurde ich ein bekennender Fan der Rolling Stones. Der brave Beatles Haarschopf war bei mir verpönt, denn ich hatte mich zum ersten Jungen mit verwegener Haarpracht im Kleinstadtmilieu gemausert. Allerdings drohte mir mancher Spießer eine Tracht Prügel an, was zum Spießrutenlauf ausartete. Doch durch meine Einmaligkeit auf der Tanzfläche verschaffte ich mir Selbstvertrauen, dabei sprang manches Mädel als Beute heraus.
Bald reichte mir der Lohn des Bauzeichners nicht mehr, daher begann ich das Studium zum Bautechniker in Köln. Ich mietete mir ein Zimmer mit Bad und ekliger Toilette auf dem Flur, dessen Sanitärbereich ich mir mit zwanzig Mitbewohnern teilte. Aus finanziellen Erwägungen fuhr ich an den Wochenenden zur Mutter, denn ich besaß nur das Geld aus staatlichen Fördermitteln.
Mit dem Studium im Rücken war meine Schüchternheit schnell abgestellt, so verstärkte sich die Phase des Herantastens an die Mädel. Und tatsächlich gelang mir die Eroberung meines Lebens.
Bei der fuhr ich mit dem Fiat durch die Hauptgeschäftsstraße der Kleinstadt, da stolzierte sie wie eine Gazelle auf dem Bürgersteig entlang. Es war die hübsche Johan-na, die ich vom Badkaffee seit längerem beobachtet und bewundert hatte. Ich hielt an und lud sie zu einer Spritztour in die Stadt Aachen ein, mit dem sich anschließen-dem Spaziergang durch den Aachener Wald. Und was sagte sie dazu?
Das Mädchen mit dem kirchlich angehauchten Namen sah mich mit samtweichen Augen abschätzend an. Auch ich war ihr längst aufgefallen, das war ihr anzumerken, also sagte sie ja.
Sie war ein Traum, daher hatte es schnell zwischen uns gefunkt, und ich war hin und weg. Sie verzauberte mich mit ihren unschuldigen Gesichtszügen und dem phantastischen Fahrgestell auf wunderschön geformten Beinen. Mit Johanna und mir befand sich etwas Außergewöhnliches in der Entstehung, etwas unbegreiflich Schönes, das schwante mir bei der ersten Umarmung.
Das wunderbare Wesen würde ganz allein mir gehören, so tölpelhaft vertraute ich auf die Kraft der Liebe. Problemlos gelang es mir, jedes unreife Jüngelchen chancen-los beiseite zu räumen. Wie selbstverständlich stach ich die Bewerberelite um die Gunst meiner Heißbegehrten aus, denn ich war der King in der Manege.
Ich hatte mich bis über beide Ohren in die vom Zauber der Schönheit eingerahmte Johanna verliebt. Das Mädel war ein Meisterwerk. Niemals würde sie einem anderem gehören, dermaßen naiv war ich gestrickt. In Halluzinationen spielte sich mein Leben auf einer saftigen Wiese ab, auf der ich mit leuchtend bunte Blumen um die Gunst dieser Ausnahmeerscheinung wetteiferte. An ihrer Ausstrahlung konnte ich mich nicht sattsehen. Sie war mein Augenstern, der mein Inneres zum Leuchten brachte.
Johannas Eltern standen die Haare zu Berge, als sie Johanna mit mir gesehen hatten, dabei war die Beurteilung düster ausgefallen. Ich war für sie ein brandgefährliches Subjekt, das sie ausschalten mussten. Ihre Tochter in den Händen eines dahergelaufenen Herumtreibers, denn der war ich für sie durch meine ungezügelte Erscheinung, das war kein akzeptabler Zustand. Für die stockkonservativen Kirchgänger war die Situation unbegreiflich.
Gegen den Einfluss des Gammlers mussten sie sich zur Wehr setzen. Den Absturz ihrer geliebten Tochter mitzuerleben, diese Zumutung mussten sie unterbinden. Mein langes Haar reichte ihnen, um mich zum Teufel zu wünschen. Sie machten sich nicht die Mühe, hinter meine Fassade zu blicken. Meine Äußerlichkeit reichte ihnen. Das Schreckgespenst, das sie in mir sahen, sagte alles über meinen Charakter aus.
Hätten sie sich an meine Mutter gewandt, und sich bei ihr nach meinen Werten erkundigt, dann hätte die mich verteidigt. „Mein Junge ist ein gutes und fleißiges Kind.“ Das hätte sie ihnen geantwortet. „Er ist ein hochanständiger Kerl. Ein Mädchen, das ihn zum Freund hat, das kann sich glücklich schätzen.“
Doch die rückständigen Eltern nahmen das Heft des Handelns in die Hand. „Deine Flausen treiben wir dir aus“, sagte der Vater zur Tochter, dann schickte er sie nach der mittleren Reife auf eine Arzthelferinnenschule nach Freiburg. „Die Stadt im Breisgau ist weit weg, da hast du den Nichtsnutz schnell vergessen.“
So engstirnig dachte er. Die vierhundert Kilometer Distanz würden genügen, um die Gefühle seiner Tochter für mich auf Kühlschranktemperatur abzukühlen und hoffentlich zum Erliegen zu bringen.
O ja, das Ehepaar fühlte sich clever, denn das hatte es fein gedeichselt. Und sie glaubten an die Wirksamkeit des miesen Husarenstücks. Dass ich ihr schändliches Vorhaben durchkreuzen könnte und an den Wochenenden nach Freiburg fahren würde, um mich mit Hanna zu treffen, diese Dreistigkeit war nicht einkalkuliert.
Und unsere Treffen liefen hervorragend, bis zu dem Tag, an dem dunkle Wolken am Liebeshimmel aufzogen. Als ich an der verabredeten Eisdiele in Freiburg eintraf und den Wagen abgestellt hatte, ging ich erwartungsfroh hinein. Drinnen blieb ich wie angewurzelt stehen.
Konnte das sein? Saß da meine Johanna Hand in Hand mit einem gutaussehenden Kerl am Tisch?
Mich traf ein Keulenschlag. Ich fuhr mir mit zittriger Hand durch das Gesicht und spürte den Schweiß, der mir durch den Haaransatz über die Stirn lief. Mein Herz raste in meiner Brust und ich bekam kaum Luft. Das konnte nicht wahr sein. Die lodernde Wut wich einer Taubheit, und die machte Platz für etwas, das fühlte sich an, als würden Horden an Bienen in meinen Organen umherschwirren, die bereit waren, rücksichtlos zuzustechen. Ich wartete auf den Schmerz, unter dem ich mich krümmen würde, denn das Mädel mit dem fremden Jüngling war meine heißgeliebte Hanna. Obwohl ich es drehen und wenden zu versuchte, lag keine dumme Verwechslung vor.
Als der Nebel des Zorns von mir gewichen war, da wurde mir umso mehr bewusst, dass das Schauspiel, das Hanna vor mir ablieferte, kein Hirngespinst war, sondern bitterer Ernst. Ich gewann sogar den Eindruck, dass sie über mein Erstaunen spöttelte, denn ihre Augen gehörten nur dem jungen Mann.
Johannas Ignorieren machte die Posse unerträglich. Als sie sich mir endlich zuwendete, wurde es richtig abscheulich, denn sie stellte mir den Jüngling als einen Studenten aus dem Nachbarland Frankreich vor und lachte dabei.
Ja wo war ich denn hier? Der Kriegszustand mit den Franzosen war längst abgehakt. Sah so die deutschfranzösische Freundschaft aus? Konnte mir der Lümmel das Mädel ungestraft wegnehmen? Es sah ganz so aus, denn rotzfrech hatte mir Hanna den Kerl an ihrer Seite verschwiegen, doch der war ihr neues Liebesintermezzo.
In mir brach eine Welt zusammen, so rigoros hatte mich Johanna auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Sie hatte mein Herz in tausend Stücke zerrissen und aus mir einen kampfunfähigen Panzers gemacht. Ihre Verliebtheit zu mir hatte sie mir nur vorgespielt. Ekelhafter konnte mein Misserfolg nicht eskalieren. Ich war das Opfer einer unmenschlichen Verarschung sondergleichen geworden, und über die hatte meine große Liebe auch noch gelacht.
Mein Kopf entwickelte abscheuliche Verschwörungstheorien. Wie konnte ich den Spieß umdrehen? Und vor allem, wie konnte ich mich für die Schmach rächen? Hätten meine Gedanken das Sprechen erlernt, dann wären mir zerstörerische Strafmaßnahmen über die Lippen gequollen. Hatten fehlgeleitete Gefühle meine Hanna blind und gefühlskalt gemacht?
Adrenalin ließ mein Blut sprudelnd durch meine Adern pulsieren. Ich hatte die Treffen mit Hanna minutiös geplant. Die sollten mit viel Liebe gespickt sein, doch wie so oft im Leben war es anders gekommen, denn aus dem warmen und sich liebevoll anschmiegenden Wesen war eine unausstehliche Gewitterziege geworden.
Ich riss mir den Freundschaftsring vom Ringfinger und warf ihn auf den Dielenboden, dann trampelte ich auf dem schönen Stück herum. Der Ring würde uns für immer verbinden, dafür war er gedacht. Er sollte unserer Beziehung Sicherheit verleihen, damit wir nie an unserer Liebe zweifeln würden. Ich hatte mich konsequent daran gehalten, aber leider nur ich Dummkopf.
„Wir gehören für immer zusammen“, sagte ich zu Hanna. „Das haben wir uns geschworen. Und was machst du?“
„Ach Gott, daran hast du geglaubt“, antwortete die Angesprochene. „Das war doch nicht ernst gemeint und in jugendlichem Leichtsinn daher geplappert.“
„So siehst du das also. Ich glaube immer noch daran“, echovierte ich mich, „aber das kann ich mir jetzt abschminken.“
„Das musst du“, erwidert Hanna. „Erst Jan Luc hat aus mir eine Frau gemacht. Er hat mir die Angst vor der Schwangerschaft genommen, so macht mir das Bumsen mit ihm viel Spaß.“
Wutschnaubend drehte ich mich um und stürmte mit strammen Schritten hinaus ins Freie, und eine Freundin Hannas schloss sich mir an. Vor der Eisdiele schauten wir uns ratlos an, dann vergrub ich mit den Händen mein Gesicht, um meine Tränen zu verbergen.
Passend zu dem Tag fing es an zu regnen. Trotzdem ging ich mit dieser Evi am Flüsschen Dreisam entlang, dabei lamentierte ich: „Na warte, du Biest“, beschimpfte ich Hanna nicht gerade leise. „Das zahle ich dir heim.“
Mit diesem Racheschwur verschaffte ich meinem Unmut Luft. „Bald sehnst du dich in meine Arme zurück“, setzte ich nach, „doch dann huste ich dir was.“
Meine Flut an Vorwürfen war boshaft, aber sie hatten meine gefühlsmäßige Betroffenheit radikal ausgedrückt, was Evi guthieß. Auch sie fand Hannas Verhalten ungerecht, daher verstand sie meinen Zorn, obwohl meine Verzweiflung in blinden Hass umgeschlagen war. Sie unterstützte jeden meiner Wutausbrüche, der von Herzen kam. Und ohne mich nach dem Einverständnis zu fragen, nahm sie mich an die Hand und ging mit mir zu meinem Wagen. Wir setzten uns hinein und sie geleitete uns in ihre Wohnung.
Da saßen wir nun und starrten uns wie zwei Fremde an. Es war die Ausweglosigkeit, weswegen wir nichts miteinander anfangen konnten, denn abermals schossen mir bitterschmeckende Tränen aus den Augen. Ich war weiterhin unsterblich in Hanna verliebt, so stand mir nicht der Sinn nach einer neuen Liebschaft. Mir war eher danach, den mir zugefügten Schmerz bis zur Besinnungslosigkeit auszuleben. Sollte ich mich im Alkohol ertränken?
O nein, bloß das nicht. Das könnte meiner Hanna so passen. Aber der Traum von der großen Liebe war vorbei. Der war ausgeträumt.
Ohne Alkoholrausch verbrachte ich die Nacht auf Evis Wohnzimmersofa, dann hatte ich ein Kissen mit meinen Tränen getränkt. Ich musste schleunigst aus der Stadt meines Waterloos verschwinden, denn die ansonsten anheimelnde Stadt hatte sich mir von der unerfreulichen Seite offenbart.
Mit einer ehrlichen Umarmung bedankte ich mich bei der Trostspenderin, die ich unter sorgenfreien Bedingungen gern intensiver beschnuppert hätte, und setze mich in den R4. Den hatte ich mir nach dem Verschrotten der vorherigen Kiste extra für das Freiburgabenteuer angeschafft. Dann düste ich schnurstracks nach Köln zurück, dabei war ich gedanklich bei der treulosen Johanna. Ich grämte mich und dachte darüber nach, wie sie die nächsten Tage ohne mich verbringen würde. Könnte es sein, dass sie vergnügliche Stunden mit ihrem Franzosen in einem Liebesnest verbringt?
Derart quälende Vorstellungen beschäftigen mich, denn das Kapitel in der Eisdiele hatte folgenschwere Verletzungen hinterlassen. Wie und womit könnte mich davon befreien? Wie konnte ich das Erlebte in positive Energie umwandeln? Bei allem was mir heilig war schwor ich, dass ich mich an wildfremden Gören rächen würde, die Johanna halbwegs ähnelten, denn die war der Inbegriff eines treulosen Luders geworden, und damit die Schuldige an meinem Dilemma.
Doch vorher musste ich mich von dem Drama ablenken, und dafür musste ich neue Wege zur Normalität einläuten. Nur nicht in Trübsal verfallen und an der Einsamkeit ersticken, denn das wäre der Schritt in die Hölle gewesen. Also galt es folgende Schritte zu unternehmen. Als ersten Schritt in die Zukunft musste ich das Abschlusszeugnis der Technikerausbildung abholen, dafür hieß es in Köln zur Abschlussfeier anzutanzen.
Und das tat ich, doch die Vergabeveranstaltung geriet zum Flop, denn der leitende Architekt für das Fach Hochbau war ein wandelndes Lexikon zum Thema Vorurteile gegenüber Hippies, und seine Ablehnung lebte er an mir aus, wobei er in Rage geriet: „Mit deiner Aufmachung lasse ich dich nicht rein.“
Er trat eine Schimpfkanonade los, die lächerlich klang. „Dir ist anscheinend nicht bewusst, dass deine schäbigen Klamotten den feierlichen Rahmen stören.“
Das war das letzte Mal, dass ein armseliger Dozent seine Macht ausspielen konnte, auch das schwor ich mit zum Himmel gereckten Händen. Sich über meine Haarpracht und die zu mir passende Kleidung zu echovieren, das war ich von ihm gewohnt, trotzdem war es eine Frechheit. Wo käme ich hin, wenn das jeder machen könnte und ich es zulassen würde? Die in meinen Kreisen übliche Streifenhose und der bestickte Lammfellmantel gehörten zu mir wie eine zweite Haut.
Immerhin empfahlt er mir: „Warte am Eingang. Dein Abschlusszeugnis händigt dir ein befreundeter Kommilitone aus.“
Damit war das Thema Technikerausbildung abgeschlossen, daher kündigte ich als zweiten Schritt das hässliche Zimmer, in dem ich gehaust und vor dem ich mich geekelt hatte. Und als dritten Schritt wollte ich einen Plan schmieden, mit dem ich meine Rache für die mir zugefügte Pein in die Tat umsetzen könnte. Jawohl, ich brauchte diese Rache. Zu verletzend war die Beziehung zu Hanna auseinandergegangen.
Aber wo war das Verwirklichen meiner Racheabsichten möglich? Meine heimatliche Kleinstadt war ungeeignet. Wäre die bayrische Metropole München die ideale Stadt, um meine Rachegelüste auszuleben? Und da speziell Schwabing mit seinen Kneipen und Diskos, deren Ruf geradezu nach meiner Anwesenheit schrie.
Ich hörte die Weltstadt rufen, denn in München meine berufliche Laufbahn zu beginnen, das war seit neustem mein unwiderstehlicher Wunsch. Doch um den Schritt umzusetzen brauchte ich die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung mit der Annoncensparte, in der ich die Stellenanzeigen verschlingen wollte.
Und die gekauft, stach mir beim Durchstöbern das Inserat eines Ingenieurbüros ins Auge. Das passte mit seinem Aufgabenvolumen ideal zu meinem angereicherten Wissen. Ich hatte mich beruflich durch das Bautechnikerstudium zur Fachkraft gemausert. So überlegte ich nicht lange, und reagierte ich auf das Stellenangebot mit einem Telefonat, das zu einem Treffen in einem Zweigbüro des Unternehmens in Wiesbaden führte. Bei dem einigte ich mich mit dem extra angereisten Chef auf eine fruchtbare Zusammenarbeit in der Wasserbauabteilung des Hauptbüros in München.
Ich war glücklich, denn ich hatte mein Ziel erreicht, und ich konnte endlich ans Geldverdienen denken, in dem ich alsbald zu schwimmen gedachte. Aber München war ein herber Schlag für die Mutter, denn ich würde hunderte Kilometer von ihr entfernt wohnen, was schwerverdauliche Kost für sie war. Aber ich dachte nicht an einen Rückzieher, so musste sie sich mit dem Tiefschlag abfinden. Mein Entschluss stand unumstößlich fest. Viel zu lange hatte ich mit mir gerungen, ob ich die vertraute Umgebung verlassen sollte, doch dann hatte ich mir einen Ruck gegeben, denn im grundspießigen Würselen wollte ich partout nicht versauern.
O nein, in Würselen konnte ich nicht bleiben. Mir fiel schon bei dem Gedanken an die Eintönigkeit die Decke auf den Kopf. Würselen war die Höchststrafe für einen das Abenteuer Suchenden wie mich. Auch Aachen stand außerhalb der Diskussion. Die Kaiserstadt kam genauso wenig in Frage, trotz der Szenekneipe Charlton, die ich liebte, denn das schwach vorhandene Mädchenangebot an der Technischen Hochschule bot keine verheißungsvolle Perspektive.
Nach der Abfuhr durch Hanna brauchte ich einen Neuanfang, und wo konnte der besser gelingen, als in München. Dort konnte ich endlich eine Menge Geld scheffeln. Auf jeden Pfennig achten zu müssen, wie ich es gewohnt war, das war ich leid. Der lukrative Vertragsabschluss mit dem Münchner Büro verschaffte mir das dreifache Gehalt gegenüber Aachener Büros, denn in München suchte man händeringend nach Technikern, um die Infrastruktur für die bevorstehenden olympischen Spiele zu verbessern. Außerdem war ich dem Flair Bayerns durch das Studium aufwändiger Reiseberichte bis in die Herzkammern erlegen.
Meine Entscheidung pro München war gefallen. Und um die Vorzüge, oder eventuelle Nachteile der Weißwurstmetropole zu inhalieren, fuhr ich aus Kostengründen mit dem Freund Ernst per Anhalter in die Großstadt, wo wir auf dem städtischen Zeltplatz an der Isar Quartier bezogen. Ich hatte klare Vorstellungen von dem, was ich in der Stadt erleben wollte. Mir ging es vor allem darum, mit irgendwelchem Schweinskram auf Hannas Kränkung zu reagieren. Das Verarschen der Mädel durch mein Abschieben verstand sich von selbst. Außerdem wollte ich in naher Zukunft ein vollwertiges Mitglied der Hippieszene werden, denn ich war das Paradebeispiel des gut-aussehenden Langhaarigen. In der Funktion wollte ich das unerschöpfliche Angebot an Biergärten und sonstigen Anlagen in mich aufnehmen. Der Englische Garten würde nicht sicher vor mir sein. Und besonders reizten mich die Rocklegenden von Rang und Namen, die sich die Klinke in die Hand gaben. Diese Gabe Gottes wollte ich gebührend feiern. Und wenn es das Schicksal gut meinte, dann war ich bei der Vergabe der Zuckerschnecken dabei.
Doch eins durfte nicht passieren: Nie wieder würde ich mich von einer dahergelaufenen Schnepfe erniedrigen lassen. Stattdessen brauchte ich meine Rache wegen Hannas Niederträchtigkeit, und die sollte möglichst brutal ausfallen, was ich für mich als zuckersüß empfinden würde.
Leider hatten die Münchner die gesellschaftlich relevante Schicht der Spießer nicht ausgerottet. Die stellten weiter das Kontingent an Hausbesitzern. Die Erkenntnis drückte die Vermietungssparte der Tageszeitungen aus und stand mir bei der Zimmersuche bevor. Das war ein Pferdefuß, der sich auswirken würde. Wie sehr? Das müsste man sehen. Als Neuankömmling würde ich mit den Tücken zu tun bekommen.
Aber erst einmal lockerte ich die Zügel bezüglich des Nachtlebens und genoss die Vorzüge, die die verrauchten Spelunken Schwabings boten. Nach der Misshandlung durch Hanna schnaufte ich kräftig durch, wozu auch die Atmosphäre des Campingplatzes einen schätzenswerten Beitrag leistete, nebenher auch das Vielvölkergemisch zur Erweiterung des Bewusstseins. Dessen wohltuende Wirkung hatte ich mir in den kühnsten Träumen ausgemalt.
Doch bevor ich mit dem Freund die Heimreise antrat, lernte ich Frank aus Berlin kennen, der sich auf Wohnungssuche befand. Mit ihm hatte ich die zukünftige Anlaufstation gefunden. Frank würde mir bei der Rückkehr weiterhelfen, denn wir verstanden uns blendend. Beim Aufsuchen der Sehenswürdigkeiten hatte sich unsere sich ähnelnde Denkstruktur herausgeschält, zum Beispiel war Frank nicht die Großschnauze, für die Berliner berühmt waren. In seiner Person hatte mir die Stadt München eine menschliche Bereicherung serviert. Mit ihm konnte man Pferde stehlen, und das tat mir gut. Er war zuverlässig und ausgeglichen, damit besaß er genau das, was ich in einen Freund suchte. Mit den Eigenschaften war er abseits der Heimat eine Bank, der ich blind vertrauen konnte.
Nach den Schilderungen über meine bewegende Lebensgeschichte konnte so abenteuerlich weitergehen, vor allem in meinem Liebesleben, denn nach der Frontalniederlage durch Hanna war mein Erfolg in der Liebe über-schaubar geblieben. Ich gehörte zwar zu der aufstrebenden Generation, doch es fehlte mir am Facettenreichtum. Irgendwelche Arschlöcher waren jederzeit in der Lage, mir manches Schnippchen zu schlagen.
Die Kriegsverlierer behinderten zwar den Fortschritt, doch mit der Revolution der Musikwelt hatte die Welt Schwung aufgenommen, und jetzt, Ende der sechziger Jahre, stand der Umbruch der Gesellschaft an einem verheißungsvollen Anfang. So langsam sagte sich das gewohnte Zusammenleben vom überholten Familienbild los, denn es hatten sich moderne Wohnformen gegründet, beispielsweise Kommunen und Wohngemeinschaften, die meine Begeisterung hervorriefen. Doch bisher war es nur eine auserlesene Szene, die davon profitieren konnte.
Doch immer wieder hämmerte mir der Schwachsinn mit dem Zusammenziehen mit Johanna durch den Schädel, bei dem ich mir zwei Kinder ausgemalt hatte. Immerhin hatte ich eingesehen, dass der Kladderadatsch bedeutungslos geworden war, und nicht mehr zählte. Anstatt meine Gedanken an Hanna zu verschwenden, wollte ich mich in meiner Rache suhlen. Doch das musste warten. Und da ich Frank in ein paar Tagen wiedersehen würde, beendete ich meine aufschlussreiche Stippvisite in München und machte mich mit Ernst per Anhalter auf den Heimweg, der uns in einem Lkw bis zu seinem Firmensitz in Würselen brachte. Wir landeten praktisch vor der Haustür. Damit war der gemeinsame Weg beendet. Ernst hatte als neuen Aufenthaltsort das durch die Mauer geteilte Berlin auserkoren, ich dagegen wollte von Berlin wegen der Zonengrenze nichts wissen. Die war Gift für Flüchtlinge. Für mich zählte das bayrische Flair, denn die bierselige Großstadt hielt mich gefangen. Mit Leib und Seele war ich der Stadt mit Herz verfallen.
Mit Tränen in den Augen stopfte ich mein Hab und Gut in einen Reisekoffer, den ich im R4 verfrachtete. Das Zelt, die Luftmatratze und einem wärmenden Schlafsack hatte ich bei Frank zurückgelassen. Von den Freunden hatte ich mich per Umtrunk in der Stammkneipe verabschiedet, nun folgte das schwierigere Kapitel, denn der tränenreiche Abschied von der Mutter und der Schwester stand auf dem Programm.
Okay, deren Wehklagen war verständlich. Welche Mutter hängt nicht an ihrem Sohn? Aber ihre Tränen waren vergeblich, denn auf mich wartete ein Büro von Rang und Namen, mit dem mich einen lukrativer Arbeitsvertrag verband. Nach kargen Ausbildungsjahren war das ehrlich verdiente Geld ausschlaggebend gewesen.
Und da ich aus dörflichen Verhältnissen stammte, lechzte ich nach den Vergnügungen, die mir das Nachtleben Schwabings in Aussicht stellte. In den Lokalitäten wollte ich mich einnisten. Ein Teil der Kneipenszene wollte ich werden, und die geplante Rache in Angriff nehmen. Und der Schweinskram sollte verletzend ausfallen.
Von meiner musste ich mich lösen, da sie sich an mich geklammert hatte. Ich bat sie vielmals um Verzeihung, aber ich konnte nicht anders. Meine Zukunft war in München beheimatet, so schüttelte ich mein Mitleid ab, und damit war auch das spießige Würselen keine Lebensoption mehr für mich. Ich hatte mich für die fortschrittliche Welt entschieden. Für ein Leben in Saus und Braus. An den Verzicht meiner Pläne verschwendete ich keinen Gedanken.
Voller Zuversicht schwang ich mich in meinen R4 und verzichtete mit großen Erwartungen auf den Kleinstadtmief. Ich schaltete ich das Autoradio ein, dann fuhr ich mit dem Song „Angie“ der Rolling Stones auf die Autobahn gen Süden.
2
Es war eine Woche vor Arbeitsbeginn, als ich den Campingplatz am Isarufer erreichte. Es blieb mir genügend Zeit, mich vor Arbeitsbeginn einzugewöhnen. Die Mädel sollten sich warm anziehen, daran hatte ich bei der Ankunft gedacht, denn bei meinen Bemühungen um ihre Gunst würde ich eine forsche Vorgehensweise an den Tag legen. Mich hinter eventuellen Konkurrenten anzustellen, das kam nicht in die Tüte. Zurückhalten wollte ich mich nicht, stattdessen würde ich manches Mädchen gefügig machen. Meine verletzten Gefühle verboten mir den sanften Umgang mit ihnen, und dafür war ich mit München am richtigen Ort.
Es war ein warmer Augusttag im Jahr 1968. Ein stabiles Hoch mit viel Sonnenschein hatte das Regiment in Bayern übernommen und sich verlässlich eingenistet, das waren paradiesische Voraussetzungen für den Aufenthalt auf dem Zeltplatz, flugs machte ich mich auf die Suche nach Frank, um mein Zelt bei ihm abzuholen.
Und ihn gefunden, und das Zelt in Empfang genommen, steckte ich die Stangen für den Zeltaufbau zusammen und schob die Zeltplane darüber. Als ich die mit Heringen im Boden befestigt hatte, füllte ich Luft in die Luftmatratze und rollte den Schlafsack darauf aus.
Somit fühlte ich mich geerdet, und die Nacht war angerichtet, doch zum Schlafen war es zu früh, denn die Son-ne war gerade erst untergegangen. Die Tagestemperatur betrug fünfundzwanzig Grad, was angenehm war und so bleiben konnte. Auch nachts würden die Werte nicht unter fünfzehn Grad sinken.
Beseelt von der Unbeschwertheit des Campinglebens erfüllte ich in der Telefonzelle neben der Anmeldung die Pflicht, meine Mutter anzurufen. Der teilte ich mit: „Es ist alles paletti.“ Dann vertröstete ich sie auf die Weihnachtstage, denn dann wollte ich zu ihr nach Würselen eilen.
Das reichte für den Anfang, und ich begab mich in die überdachte Biertischzone, wo ich mir eine Semmel mit einer leckeren Bulette und Senf kaufte. Und die Semmel einverleibt, machte ich einen Spaziergang über den Campingplatz, dabei landete ich bei Frank.
Er saß vor seinem Zelt, stand umgehend auf und umarmte mich. Es war wie vor wenigen Tagen, als sei ich nicht weg gewesen. Frank erzählte mir, dass er in München bleiben würde, denn er hatte mit viel Dusel eine bezahlbare Wohnung gefunden, in die er in zwei Tagen ein-ziehen wollte, wozu ich ihm meine Hilfe anbot. Aus Wiedersehensfreude machten wir uns mit mehreren Flasche Bier einen feuchten Abend, dann gingen auf dem Platz die Lichter aus und ich legte mich in mein Zelt, wodurch mich sofort der überfällige Schlaf übermannte.
Das ich wirres Zeug träumte war normal, denn es war immer so, wenn ich mich von daheim entfernt hatte? Von den 68-ziger Unruhen der Studentenbewegung schwappten keine Gesänge oder Antikriegsparolen zu mir auf den Campingplatz rüber, dafür lag er zu weit außerhalb des Geschehens, doch auch mich hatte die Protestwelle erfasst. Ich würde Kontakt zu studentischen Verbindungen aufnehmen, um mich an den Protestzügen gegen den Vietnamkrieg zu beteiligen. Das empfand ich als selbst-verständlich. Und schon bei dem Gedanken an mein Mitmischen fühlte ich die Verantwortung, die auf meinen Schultern lastete.
Zu dem Thema passte eine Neuerung, denn das Musical Hair war im Theater in der Brienner Straße vor wenigen Tagen angelaufen. Dem Leckerbissen mit viel Klamauk wollten Frank und ich unbedingt beiwohnen. Frank hatte Zeit und konnte Karten für eine der nächsten Aufführungen besorgen. Für seine Einladung schuldete ich ihm ein herzliches Dankeschön, denn ich freute mich auf das Spektakel des Jahres.
Den nächsten Abend verbrachte ich allein und streifte ohne Frank durch die Kneipenwelt Schwabings, dabei traf ich im Drugstore eine Bedienung, die ich aus Aachen kannte. Das Mädel wohnte mit der jüngeren Schwester und den Eltern weit draußen in der Neubausiedlung Neuperlach. Und das Erstaunliche war, sie hatte mich sofort erkannt.
Mit ihr verabredete ich mich zu einen Tanzabend am nächsten Abend in der Crazy Alm, obwohl mir der Name des Lokals ziemlich albern erschien. Aber was sollte es. Sie würde ihre Schwester mitbringen, und wenn die halb so hübsch war wie die Bekannte, dann stand mir ein aufregender Abend bevor.
Als ich Frank von der Verabredung erzählte, warnte der mich: „Denke an den Abgang deiner Hanna“, sagte er emotional. „Die Nachwirkungen hast du bis heute nicht verdaut.“
Doch ich ignorierte seine Warnung. An die Niederlage in Freiburg wollte ich nicht zurückdenken. Ich fühlte mich von dem Schicksalsschlag geheilt, daher antwortete ich vollmundig: „Hanna kann mich mal. Das Biest hat seinen Schrecken verloren. Von daher droht mir keine Rückfallgefahr.“
Aber hatte ich wirklich aus dem Fehler des bedenkenlosen Verliebens gelernt? Durch intensives in mich gehen hatte ich an meiner Widerstandsfähigkeit gearbeitet und die Unsicherheit beseitigt. Ein weiteres Dilemma war so Gott will auszuschließen.
So sagte ich zu Frank: „Ein ähnlich niederschmetterndes Erlebnis wiederfährt mir nur einmal im Leben. Wie ein dummer Junge rutsche ich kein zweites Mal in eine Schmach hinein.“
Konsequent würde ich den Strudel Liebe umschiffen. Ein neues Abenteuer wollte ich vorsichtig angehen, aber zu der Materie fehlten mir die Erfahrungswerte. Anderseits musste ich Schwung in meine Racheabsichten bringen. Und den versprach ich mir von der hübschen Schwester der Aachenbekanntschaft.
Na wer sagt‘s denn. Der neue Schwung hatte einen bezaubernden Namen, und das Prachtstück hieß Cornelia. Sie war genau die Richtige. Ich tanzte engumschlungen mit ihr bei ins Ohr gehenden Schmusesongs, wobei mein kleiner Mann in der Hose mächtig Rabatz machte. Doch sein Stehauf Gehabe war mir nicht peinlich. Mit dem Hintergedanken, dass ich Cornelia leicht herumkriegen würde, redete ich mit ihr über eine wunderbare Bindung, in dem Fall war es die ewige Treue. Daraufhin presste sie ihren Körper fest an mein Genital, so war ich mir ihrer Bereitwilligkeit absolut sicher.
Sie war sechzehn Jahre alt, eigentlich zu jung, um in einem Auto vernascht zu werden, aber meine aufkeimende Gier nach Rache vernebelte mir das Gehirn. Ich hatte keine Erfahrung mit dem Geschlechtsverkehr im Auto, aber ich wollte es unbedingt mit Cornelia im R4 treiben. Dass ich sogar Heiratswünsche geäußert hatte, das gehörte in dem Moment zur miesen Strategie.
Jedenfalls warf ich jeden sittsamen Vorsatz über Bord und verließ mit Cornelia den Tanzschuppen. Wir gingen eng umschlungen zum R4, dann fuhren wir in die Richtung der Trabentenstadt, wo ich sie vor der elterlichen Wohnung absetzen sollte.
Doch bevor es dazu kommen konnte, stoppte ich den Wagen hinter einem wildwuchernden Gebüsch. Die finstere Stelle war von der Straße nicht einsehbar, und dadurch für ein Schäferstündchen wie gemacht. Also stellte ich den Motor ab und fragte nicht lange nach ihrem Einverständnis. In meiner Gier war ich unaufhaltsam, als ich den Versuch startete, mich rücksichtslos über Cornelia zu schieben. War sie zum Beischlaf bereit, dann würde sie ihr Unterhöschen ausziehen und mir die Hose öffnen, damit ich sie mir abstreifen konnte, um mit dem Schwanz in sie einzudringen.
Tja, so sah meine Wunschvorstellung aus. Aber ich hatte aufs falsche Pferd gesetzt, denn es kam anders, als von mir geplant. Cornelia riss sich los, und ehe ich mich versah, saß ich allein im Fahrzeug. Sie hatte die Beifahrertür aufgerissen und den R4 fluchtartig verlassen. Wie von der Tarantel gestochen war sie weggerannt, und das hatte sie berechtigterweise getan, denn ich Dummerchen hatte mich zu plump angestellt. Ich war gefühllos, gar hemmungslos vorgegangen. Auch mein Hinterherrufen durch die Dunkelheit nutzte nichts mehr, so war das erhoffte Abenteuer kläglich ins Wasser gefallen.
Verdammt nochmal, wo hatte ich meinen Verstand gelassen? Warum hatte der ausgesetzt? So primitiv stellt sich kein Mann an, der seine sieben Sinne beieinander hat. Solchen Schwachsinn würde höchstens ein Pennäler der Oberstufe praktizieren.
Meine Instinkte hatten jämmerlich versagt, denn mein Racheauftritt war misslungen. Den hatte ich mir anders vorgestellt, deshalb leckte ich meine Wunde, die ich mir durch Unerfahrenheit und Übereifer zugefügt hatte.
Aber war der Scherbenhaufen reparierbar? Konnte ich als aussichtsreicher Verehrer bei Cornelia im Spiel bleiben? Oder war ich die Figur beim Mensch ärgere dich nicht Spiel, die kurz vor dem sicheren Häuschen rausgeschmissen wurde, worauf der Spieler vor Wut hingeschmissen hatte?
Ich machte mir die Denksportaufgabe nicht leicht. Aber wo konnte ich Cornelia treffen? Wie konnte ich sie um Verzeihung bitten? Ein zufälliges Wiedersehen wäre schön gewesen, aber derartige Zufälle gab es nur in Schundromanen. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem riesigen Neuperlacher Wohnblock, aber in welchem? Außerdem war es nicht ratsam in die Familienidylle hineinzuplatzen. Die Eltern würden mir den Kopf abreißen, also musste ich die Schwester kontaktieren. Bei ihr würde ich mich für mein Verhalten entschuldigen und mit Reue guten Wind machen, wodurch meine Chance Cornelia wiederzusehen wachsen könnte. Sollte ich diesen Schritt wagen und ihn durchziehen?
Gesagt, getan, reagierte die Schwester sauer: „Du mieses Schwein hast es vermasselt“, schimpfte sie. „Cornelia will nichts mehr mit dir zu tun haben. Lass zukünftig die Finger von meiner Schwester.“
Recht hatte sie, denn der Schuss war nach hinten losgegangen. Was das junge Mädel betraf, da wäre die zurück-haltende Annäherung geboten gewesen, anstatt mit der Tür ins Haus zu fallen und sie mit dem Beischlaf zu überraschen. Nichts war’s mit dem Ausleben der Rache, denn ich hatte mich trottelig angestellt.
„Hake sie ab“, sagte Frank. „Andere Mütter haben auch schöne Töchter.“
„Nun gut“, pflichtete ich ihm bei. „Wenn du das sagst, dann wird’s wohl so sein.“
Doch das war leichter gesagt als getan, denn die junge Göre hatte meine Seelenwände angekratzt. Anstatt den Vorsatz nach Rache zu verwirklichen, hatte ich mich in sie verliebt, und mich dadurch in ein riesengroßes Waterloo gestürzt.
Aber ich war einsichtig und ordnete Cornelia als zweite Niederlage in mein Liebesprogramm ein. Ich wollte es sowieso vermeiden, mich neu zu verlieben, und schon gar nicht in ein solch junges Ding. Das galt es zukünftig zu beherzigen. Wir kannten uns gerade mal ein paar Stunden, da war die große Liebe nicht für uns vorgesehen. Die Chance stand eins zu hundert, dass wir ein Traumpaar geworden wären.
Anstatt aus Enttäuschung in den Boden zu versinken, blickte ich in meine Technikerzukunft. Ich wendete mich meinem Arbeitsbeginn im Ingenieurbüro zu. Wie sahen die Aufgaben aus, die auf mich am neuen Arbeitsplatz warteten? Wie würde man mich aufnehmen? Waren die Kollegen okay? Das war wichtig für den weiteren Verlauf des Arbeitsverhältnisses.
Kurz vor Arbeitsantritt war ich nervös, deshalb spielte ich den mir bevorstehende Einstand gedanklich durch: Ich war ein sehr guter Bautechniker mit hervorragendem Grundwissen und handwerklichen Fähigkeiten. Ich hatte eine perfekte Ausbildung genossen, wodurch ich wusste, worauf es im Job ankam. Ich konnte ein Projekt selbstständig abwickeln, was nur wenige in meinem Alter von sich sagen konnten. Die Voraussetzungen für den gelungenen Arbeitsbeginn waren hervorragend, daher brauchte ich mir Versagensängste nicht einreden.
Ich hatte unruhig geschlafen. So stand ich früh auf und machte mich im gegenüberliegenden Waschhaus frisch, dann fuhr ich bei wolkenlosem Himmel und herrlichem Temperaturen mit der Einstellung: Hoppla, jetzt komme ich, zu meiner Arbeitsstätte. Dort führte mich eine Sekretärin zu dem Chef, der mich damals in Wiesbaden ein-gestellt hatte. Und der wies mich nach den üblichen Begrüßungsfloskeln in die Gegebenheiten des Büroallerleis ein, so zum Beispiel in das Verhalten an der Stechuhr. Mein langes Haar störte ihn nicht. Danach gingen wir uns freundlich unterhaltend zu meinem Betätigungsfeld, und das war die Wasserbauabteilung.
„Für ein Projekt bei Biel in der Schweiz wird ein versierter Techniker gebraucht“, machte er mir die Wichtigkeit meiner Aufgabe schmackhaft. „In den schweizerischen Bergen ist das Verlegen einer Druckrohrleitung in offener Bauweise unmöglich, das funktioniert dort nur im Vorpressverfahrenen“, konkretisierte er den fortgeschrittenen Planungsstand. „Ich traue Ihnen die Aufgabe zu. Übrigens beträgt der Durchmesser der Leitung zwei Meter fünfzig.“
„O ha“, erkannte ich den Reiz des Verfahrens. „Das ist ein gewaltiges Kaliber. Das Umzusetzen wird für mich als Berufsneuling eine Herausforderung und die verlangt mir einiges ab.“
Ich dachte an eine ähnliche Aufgabe, an der ich vor der Technikerausbildung mitgewirkt hatte. Das erklärte ich dem Chef: „Ich erinnere mich an ein Bauvorhaben in der Eifel, deshalb ist es nicht neu für mich“, gab ich mich selbstbewusst, „allerdings ist die in Biel einige Nummern größer.“
Die Erklärung genügte dem Chef. Er stellte mir die erweiterte Abteilung vor: „Projektleiter ist Herr Dworschak aus Kärnten. Der hat zwei Schreibkräfte mitgebracht. Des Weiteren ist der Kollege Gruber Ihr Ansprechpartner. Der stellt Ihnen die Ingenieure und Zeichner vor, mit denen Sie zusammenarbeiten.“
Als ich die gesamte Crew kennengelernt hatte, die okay zu sein schien, denn das Kollegium machte einen motivierten Eindruck, ging‘s frisch ans Werk. Ich bildete mit dem aufgeschlossenen Gruber eine Arbeitsgruppe, wobei mich allerdings störte, dass er ein unverständliches Bayrisch schwätzte. Sein Kauderwelsch klang schrecklich, so konnte ich ihn beim besten Willen nicht verstehen. Ich hörte nur heraus, dass er Alfred heißt, ich aber Fredi zu ihm sagen soll.
Als er meine Hilflosigkeit bemerkt hatte, machte er mich darauf aufmerksam, dass er ein passables Hochdeutsch beherrscht und er es anwenden würde, sobald ich es wünschte. Schon war der Bann gebrochen, denn von da an verstanden wir uns blendend.
Wir von der Technikergilde waren uns sympathisch, und schneller, als ich das erwarten konnte, mündete die Sympathie in eine Freundschaft. Die Existenz einer festen Freundin hatte Fredi für sich behalten, daher war ich einverstanden damit, dass wir uns mit den jungen Land-pomeranzen aus der Steiermark zu einem privaten Treffen verabredeten. Es war nicht zu übersehen gewesen, dass die es faustdick hinter den Ohren hatten und gegen ein Abenteuer keine Abneigung hegten. So waren die Zuckerschnecken für Fredi und mich ein gefundenes Fressen.
Und das endete nach einem alkoholgetränkten Kneipenbummel im gemieteten Haus des Projektleiters, wo wir in den Betten seiner Schutzbefohlenen landeten.
Nach dem Alkohol ein strammer Fick, so war es von den Kärntnerinnen gewünscht.
Kladderadatsch, plötzlich stand Dworschak im Zimmer meiner Auserkorenen. Er hatte uns auf frischer Tat ertappt und schaute entgeistert aus der Wäsche. Und obwohl er keinen Skandal heraufbeschwor, blieb die turbulente Nacht eine unvollendete Bettgeschichte, also ohne den gewollten Höhepunkt. Die Trennung von den Salzburger Nockerlen folgte auf dem Fuß. Dworschak sorgte mit seinem Veto dafür, dass die Nacht eine Eintagsfliege blieb, aber mein Liebesleben war ins Rollen gekommen. Das Mädel aus Kärnten war das, was Männer gern einen Appetithappen nennen, als Racheabenteuer taugte die alpenländische Nacht allerdings nicht.
Da passte die nächste Sahneschnitte schon eher zu meinem Aufwärtstrend. Es war die Bauzeichnerin Gerda aus meiner Arbeitsgruppe, die ich zu verspeisen gedachte. An der Hübschen waren mir während der Vorstellungsrunde ihre schmachtenden Blicke aufgefallen, die sie mir zugeworfen hatte. Dass es den eifersüchtigen Freund gab, davon hatte sie mir nichts erzählt, also nahm ich sie mit zu mir in mein Zelt auf den Campingplatz.
Für mich unerfahrenen war die Liebesnacht mit ihr okay, denn mehr hatte ich nicht gewollt. Leider machte Gerda ein Liebesdrama aus dem für sie feurigen Erlebnis. Ich solle zu meinen Liebesschwüren beim Sex stehen. Das erwartete sie von mir. Trotz ihres Freundes wollte sie, dass ich eine enge Bindung zu ihr eingehe und mich der Liebe zu ihr bekenne.
Bloß das nicht, dachte ich. Mir wurde das Techtelmechtel mit der Aufdringlichen zu heiß. Doch anstatt über ihren Wunsch nach der Bindung zu lachen, verkniff ich mir das aus Anständigkeit. Erst als ihr hintergangener Freund auf der Bildfläche erschien und mir gewalttätige Vorhaltungen wegen des Hintergehens machte, da fing ich an mich zu wehren. Mir erschien der Vorgang wie ein Vortrag aus dem Lehrbuch, wie man eine falsche Liebschaft samt Beischlaf vermeidet, denn die Voraussetzungen waren unstimmig und damit zum Scheitern verurteilt. Glücklicherweise hatte Gerda die Aussichtslosigkeit schnell begriffen und setzte auf das Mittel der fristlosen Kündigung.
Das Gute an dem unnötigen Säbelrasseln war, dass die Hintergründe geheim blieben, so blieb der Kelch der Abmahnung durch die betriebsinterne Störung aus. Ich kam unbeschadet aus der saudummen Komödie heraus. Die Freude an dem Sex-Abenteuer war dementsprechend bescheiden ausgefallen und ich konnte nach wenigen Tagen befreit aufatmen. Mit Fredi konnte ich über die Eskapade sogar herzhaft lachen.
„Du bist der perfekte Hallodri“, sagte er zu mir. „Stell dir vor. ich habe von dem Schweinskram mit Gerda nicht das Geringste mitbekommen.“
Immerhin hatte ich durch die Kärntnerin und Gerda einen ansprechenden Start ins Sexualleben hingelegt. Ich hatte einiges hinzugelernt und war in Schwung gekommen. Nur lief meine Aufenthaltszeit auf dem Campingplatz aus, denn der schloss in den Wintermonaten seine Pforten. Demnach war ich in Zeitnot geraten und musste handeln. Als Lösung suchte ich nach einem möblierten Zimmer. Das war zwar nicht der Wunsch von mir als Zugereisten gewesen, aber wie in jeder Großstadt war ein WG-Zimmer war ein Traumgebilde und damit Augenwischerei.
Bei der Suche nach der neuen Bleibe gab mir das Sekretariat Hilfestellung. Die händigte mir die Adresse eines scheußlichen Altbaus in Giesing aus, nicht weit vom Arbeitsplatz entfernt. In der Kaschemme wurden voll ein-gerichtete Zimmer angeboten, von denen ich eins bekommen konnte.
O Gott, das ist die Steinzeit, dachte ich, als ich einer alten Schachtel als Vermieterin gegenüberstand. Ich merkte sofort, dass ich mit meinen langen Haaren ein Graus für die Spinatwachtel war, aber meine Festanstellung in einem Büro war entscheidend. Zähneknirschend gab sie mir ihre Bude, allerdings erklärte sie mir schnippisch die Verhaltensregeln in ihrem Haus.
Pfui Teufel, denn die hatten es in sich. Die unterbanden jeglichen Damenbesuch auf dem Zimmer, dazu den Verzicht auf andere Übernachtungsgäste. O Gott, o Gott, konnte das gutgehen?
Jedenfalls war es das Hinterletzte. Doch nicht nur die Vermieterin, auch die Zimmerausstattung war grauenhaft. Die erinnerte mich an das Drecksloch während der Technikerausbildung in Köln, denn das Mobiliar war ein Witz. Das Sofa als Klappbett stammte aus dem dreißigjährigen Krieg, und als Krönung hing ein röhrender Hirsch über der Schlafgelegenheit, den ich sofort abgehängt hatte. Das einzig Gute an der Bude war die Gas-heizung und ein Waschbecken in einer Zimmerecke, dazu ein Elektrokocher mit zwei Platten, auf dem ich mir zumindest eine Portion Bratkartoffeln brutzeln konnte. Dagegen waren das Klo und das bescheidene Bad meilenweit entfernt, denn die Sanitäranlage befand sich unter der Treppe zum Obergeschoss.
Die Bruchbude, die ich beschrieben hatte, wurde mein Zuhause, doch im Jahr 1968 waren möblierte Zimmer nicht mit Neubauappartements vergleichbar. Bessere Unterkünfte waren zur damaligen Zeit nicht zu bekommen. In den Metropolen herrschte ein Zuwachs an Studierenden und dadurch absolute Zimmerknappheit.
Mir wäre ein WG-Zimmer lieber gewesen, doch das war eine absolute Rarität.
Nun gut, ich konnte nicht wählerisch sein und mietete das Zimmer, das ich als Loch beschrieben hatte. Von dem knatterte ich zum liebgewonnenen Campingplatz, baute mein Zelt ab und verließ den Ort. Nachtrauern brachte nichts. Ich richtete mich provisorisch in der Bruchbude ein, dann machte ich mich frisch und fuhr zu Frank, mit dem ich das Musical Hair besuchen wollte.
Der Hair-Besuch war Franks verspätetes Abschiedsgeschenk. Der hatte seine Abreise aufgeschoben und wollte erst in wenigen Tagen zur Beerdigung seiner Mutter nach Berlin zurückkehren, um das Erbe anzutreten. Doch vorher ließen wir uns von einem herausragenden Musical unterhalten, das mich von den erbärmlichen Zuständen in meiner Bude ablenkte, und es war ein Musikevent, das in einem eigens dafür hergerichteten Theater stattfand.
Tja, wie sollte ich das Musical Hair beschreiben? Es war ein Schmaus für die Ohren und die Augen. Songs wie “Let The Sunshine in“ versetzen mich in Trancezustand. Besonders die Lieder gegen den Vietnamkrieg berührten mein Herz.
Durch die Aufführung verstand ich die Studenten, die protestierend durch die Straßen Münchens skandierten. Es war das unsinnige Sterben unzähliger Vietnamesen und amerikanischer Soldaten, das die Seele der Protestbewegung in Rage versetzte. Der Massenmord musste beendet werden. Das Anliegen gehörte in der ganzen Welt unterstützt, dann würde mehr als die überschaubare Zahl an Studenten protestierend durch Münchens Straßen ziehen.
Der Theaterbesuch wirkte nach. Er hatte meine Denkweise über den Krieg und die Einflüsse der Waffenlobby nachhaltig beeinflusst. Einer Friedensbewegung gehörte Gehör verschafft. Sie könnte Menschen für den Frieden in der Welt mobilisieren. Dafür wollte ich mich mit den mir möglichen Mitteln einsetzen.
Leider erwies mir Frank vor seinem Abschied einen Bärendienst, denn er hatte mich zu einem Bekannten eingeladen, der sich als Arschloch herausstellte. Der war ein rechtsradikales Schwein mit völlig versautem Weltbild, also eine Zumutung für Linksgerichtete. Wieso hatte sich Frank in die Gesinnung des Arschlochs vertan? Wie war er an den Scheißkerl geraten? Der war das komplette Gegenteil zu uns Nazihassern und damit eine unerträgliche Missgeburt.
Mich hatte der Kerl schrecklich aufgeregt, daher war die unliebsame Bekanntschaft mit zu viel Alkohol in Kombination mit dem Rauchen nicht ausgeblieben, was zur Folge hatte, dass es zu Verirrungen auf meiner verkorksten Heimfahrt kam. Nach der hatte ich mehrere Fahr-karten der Tram in der Hosentasche. Warum? Fragen sie mich was Leichteres. Jedenfalls hatte ich am nächsten Morgen die erste Schachtel HB meines Lebens an einem Zigarettenautomaten gezogen.
Bisher hatte ich mich dem Rauchen hartnäckig verweigert, doch nun war es passiert. Ohne Gegenwehr hatte ich mich in die Gattung der Raucher eingereiht, was damals allerdings normal war, denn es wurde gequalmt, was das Zeug hielt. Das Rauchen gehörte zum guten Ton bei Familienfesten und anderen Veranstaltungen. Und sehr viel geraucht wurde auch in Filmen und Talkrunden, zum Beispiel bei Werner Höfers politischen Frühschoppen. Bei dem waren die Teilnehmer in den Rauchschwaden kaum zu erkennen. Auch bei anderen Anlässen hatte irgendjemand eine Zigarette in der Hand.
Anderseits hatte mir Frank eine Telefonnummer zugesteckt, über die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit bestes Marihuana kaufen konnte, in jeder Menge. Rechtzeitig hatte Frank meinen Kontakt in die Drogenszene hergestellt. Dass die Telefonnummer vorausschauend war, das sollte sich bald herausstellen, denn mit dem Rauchen begann auch mein Konsum an Drogen. Ich bevorzugte Marihuana, denn das stufte ich als harmlos ein. Außerdem erfüllte ich die Aufgabe als Haschisch-Beschaffer zur Bereicherung mancher Büro-Fete hervorragend. Das Beschaffen wurde ein neues Standbein, demnach ein weiterer Zuständigkeitsbereich.
Tja, der Drogenkonsum hatte den Zugang in die Büros und zu weiten Gesellschaftsschichten der Weltstadt mit Herz gefunden.
Frank war mit seiner Ausgeglichenheit unersetzbar, dementsprechend emotional fiel der Abschied von dem für mich wichtigen Eckpfeiler für das Zurechtfinden in München aus. Der Freund verabschiedete sich ohne großes Brimborium nach Berlin. Gefühlsduseleien waren nicht unser Ding, denn wir würden uns wiedersehen. Jedenfalls versprachen wir uns das.
