Kalinichta - Klaus Rose - E-Book

Kalinichta E-Book

Klaus Rose

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Beschreibung

Die außergewöhnliche Episode einer großen Liebe ist verpackt in ein Reiseabenteuer des Jahres 1980 mit einem selbstgebauten Campingbus in das wunderschöne Griechenland. Und der Clou an der Geschichte ist das Aufgeben einer Altbauwohnung in München wegen einer Schwangerschaft. Als sich das zerstrittene Paar aus Verantwortung für das Kind arrangiert, ereignet sich in Griechenland eine unfassbare Tragödie, wodurch die Karten neu gemischt werden.

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Seitenzahl: 293

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KLAUS ROSE

KALINICHTA

ISBN

Paperback 978-3-347-32611-8

Hardcover 978-3-347-32612-5

e-Book 978-3-347-32613-2

Verlag und Druck: tredition GmbH

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Copyright 2020: Klaus Rose

Umschlag, Illustration: Klaus Rose

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Ohne Zustimmung des Autors und des Verlages ist eine Verwertung unzulässig. Dies gilt für die Verbreitung, für die Übersetzung und die öffentliche Zugänglichmachung.

KLAUS ROSE

Kalinichta

du wunderschönes Land der Griechen

Die Handlung beruht auf Tatsachen und die geschilderten Personen existieren, so auch die Übereinstimmungen mit vorhandenen Gegebenheiten. Ähnlichkeiten mit anderen noch lebenden oder auch toten Personen sind Zufall.

Das Buch:

Die außergewöhnliche Episode einer großen Liebe ist in ein dramatisches Reiseabenteuer verpackt, das im Frühjahr 1980 beginnt. Im Monat April gleichen Jahres begibt sich Richard mit der Freundin Karla auf einen über zwei Monate andauernden Trip aus München über den Balkan ins Land der Götter, und das ist Griechenland. Doch die Geschichte hat einen Clou: Karla ist schwanger.Richard ist in ein Jammertal geraten, denn er fühlt sich nicht reif für ein Kind. Noch dazu besteht Karla darauf, ihr gemeinsames Domizil in München aufzugeben. Ihr Kind soll nicht in der Großstadt aufwachsen. Und obwohl er protestiert, setzt Karla die Wohnungsauflösung durch, denn sie hat ihn mit der Vaterrolle mürbe gemacht. Also fügt sich Richard in sein Schicksal, doch er leidet unter dem Verzicht auf seine Lieblingsstadt. Dennoch vereinbaren sie einen Waffenstillstand und stellen den Hausstand in eine Garage, um damit nach der Rückkehr von den Griechen in das Dreiländereck umzuziehenMit Magengrummeln machen sich die Zerstrittenen mit einem ausrangierten Transporter, von dem handwerklich bewanderte Richard zum Wohnmobil umgebaut, dazu mit ihren zwei Katzen, auf den Weg, allerdings sind deftige Streitereien unvermeidbar, denn Richard musste die Tour gegen Karlas Bedenken durchsetzen.Schlussendlich arrangieren sie sich, denn die Reise erzeugt eine Schönwetterfront, obwohl berechtigte Zweifel an der Beziehung in Richard nagen. Als sich in Korinth eine unfassbare Tragödie abspielt, werden die Karten neu gemischt

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Der Autor:

Klaus Rose, Jahrgang 1946, kommt 1955 als Flüchtling nach Aachen. Nach dem Studium zieht es ihn nach München. Später kehrt nach Aachen zurück und engagiert sich in der Kommunalpolitik. Und nach dem Renteneintritt verbringt er die viele Freizeit mit dem Schreiben der Romane.

Dem Schicksal ist die Welt ein Schachbrett nur, und wir sind die Steine in des Schicksals Faust.

George Bernhard Shaw

1

Während der Pandemie ist mir der Lesestoff ausgegangen, also gehe ich zum Bücherregal und durchsuche es nach einem Krimi. Und wie ich so stöbere, sticht mir ein uraltes Tagebuch ins Auge. Das wühle ich hervor und blättere darin. Es ist ein Tagebuch aus dem Jahr 1980, in dem ich die Reise mit Karla nach Griechenland festgehalten habe, wodurch ich mein Erinnerungsvermögen in Spannung versetze. Wie war das damals noch gleich?

O ja, ich erinnere mich. Und schon befinde ich mich gedanklich im Winter 1980, denn an einem verschneiten Freitag im Januar beginnt mein Dilemma. An dem Tag überfällt mich meine Freundin Karla wie der Blitz aus heiterem Himmel mit der Schreckensnachricht: „Freu dich, Richard. Du wirst Vater.“

Das sagt sie so mir nichts dir nichts nach einem Besuch bei ihrer Frauenärztin, dabei huscht ihr eine vorsichtige Regung der Vorfreude über das Gesicht, als sie ergänzt: „Anfang September kommt das Kind.“

Die zu erwartende Vaterrolle hat mir die Sprache verschlagen. Vor Fassungslosigkeit ist mir das Herz in die Unterhose gerutscht und ich stehe kurz vor dem aus den Latschen kippen, was ungewöhnlich ist und selten bei mir vorkommt. Ohne den Versuch einer Vorwarnung hat Karla mir ihre Schwangerschaft untergejubelt, wodurch ich ratlos aus dem Fenster stiere und das Schneetreiben betrachte. Was geschieht da gerade mit mir? Hat mich ein Pferd getreten. Karla weiß wie ich ticke, wie kann sie mir ein Kind unterschieben? Derartige Überfälle verübt man einfach nicht, denn sie konnte wissen, dass ich noch keinen Nachwuchs will. Wenn überhaupt?

Also muss es eine Abtreibung richten, da gibt es kein Vertun, denn in Fragen zur Familienplanung bin ich konsequent. Ich kann mir ein Kind noch nicht vorstellen und Karla ist zu jung. Sie ist nicht mal 22 Jahre alt. Als junge Mutter verbaut sie sich eine erfolgreiche Zukunft, denke ich, die ihr wichtig sein sollte.

Doch ich habe ins Leere spekuliert, denn ein Schwangerschaftsabbruch steht für Karla außer Frage. Jedwede Diskussion darüber erstickt sie rigoros im Keim. Da hilft mir auch das Argument nicht aus der Patsche, dass es mir dreißigjährigen Chaoten an der notwendigen Reife für die Kindeserziehung fehlt. Es gibt Bessere, die sich in die Lage versetzen können, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, aber zu denen gehöre ich nicht. Derlei abstruse Gedanken schwirren mir durch mein Unterbewusstsein. Karla hat die Pille abgesetzt, und das ohne mein Wissen, worüber wir hätten reden müssen. Mit der Schwangerschaft hat sie mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Hat sie das aus Berechnung gemacht? Das wäre absurd. Und wenn doch, dann gehört dazu ein plausibler Grund. Setzt sie mit dem Alleingang auf den Irrweg, dass sie unsere angeschlagene Beziehung mit dem Kind rettet?

Zuzutrauen ist ihr dieser Rettungsversuch, denn zwischen Karla und mir kriselt es gewaltig. Wir stecken in einer Sackgasse und das Wiederbeleben der Verliebtheit ist so gut wie ausgeschlossen. Meines Wissens ist das bei keiner gescheiterten Bindung gelungen. Oder ist das bei uns anders? Darauf hoffe ich, denn ich liebe Karla. Sie ist mein Fels in der Brandung und gibt mir von Unsicherheit gepeinigtem Partner den notwendigen Rückhalt.

Doch Karla macht den Deckel auf ihren Kinderwunsch, als sei das Kinderkriegen das Normalste der Welt: „Im Spätsommer kommt das Kind. Richte dich darauf ein“, betont sie entschlossen, ohne auf meine Gefühle Rücksicht zu nehmen.

Mit ihrer Willensstärke und Bestimmtheit hat sie die Geburt unwiderruflich festgezurrt, und das an einem stinknormalen und nasskalten Wochentag, der durch und durch ungemütlich ausfällt, und an dem undurchsichtige Wintergewitterwolken den Himmel über München verdunkeln.

Also geschieht das, was in solchen Situationen meistens der Fall ist, ich lasse mich von Karla weichkochen. Zwar beschleichen mich die Züge eines wehrlosen Opferlammes, doch mit der kommenden Vaterschaft muss ich mehr oder weniger umgehen, doch anfreunden kann ich mich damit nicht Die Auswirkungen der Schwangerschaft nehme ich schweren Herzens hin, aber Karla lässt einen noch verheerenderen Hammerschlag vom Stapel, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ohne eine Miene zu verziehen, wirft sie die Ungeheuerlichkeit in den Raum: „Die Großstadt München ist eine schlechte Umgebung für unser Kind. Ich möchte nicht, dass es in dem kriminellen Milieu aufwächst.“

Rums. Ich liege wie ein schwer getroffener Boxer auf den Brettern. Wenn das ein Scherz sein sollte, dann ist er Karla gründlich misslungen. Außerdem macht man zu dem ernsten Thema keine Scherze. Sie weiß, wie abgöttisch ich mein München liebe.

Doch da Karla mein schönes München verlassen will, hat sie das absurde Urteil bewusst gefällt. Aber was sagt es aus? Es sagt nichts darüber aus, wo sie gedenkt, das Kind zur Welt zu bringen.

Wegen dieser Unklarheit frage ich Karla, aber ziemlich kleinlaut; „Was hast du vor? Wo ist deiner Meinung nach der richtige Ort für unser Kind?“

Mit der Frage hat Karla gerechnet, denn die antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Wir wären bei meiner Mutter in Aachen wunderbar aufgehoben.“

Sakrament, hat sie einen an der Waffel? Seit wann ist München kriminell? Und dann zur Mutter ziehen zu wollen. Aus deren Fängen hatte ich sie pünktlich beim Erreichen der Volljährigkeit nach München entführt, und sie quasi aus der Gefangenschaft der Eltern befreit. Hat sie die Tat vergessen? Zählt die nicht mehr? Und jetzt soll ich mein heißgeliebtes München aufgeben, um mit ihr nach Aachen zu gehen?

Diese Vorstellung ist ein Albtraum, und ich denke, dass Karla ihren Vorschlag nicht ernst meinen kann. Für mich grenzt das Leben mit ihrer Mutter an die Höchststrafe. Wenn ich behaupte, dass Karla hohl im Kopf ist, dann trifft das zu. Aber weil ich sie über alles liebe, will ich das nicht wahrhaben. Trotz allem ist mir ihre plötzliche Abneigung gegenüber München und unserer hervorragenden Wohnsituation suspekt. Ihre Vorwürfe an die Adresse München sind aus der Luft gegriffen, ja geradezu unberechtigt und entbehren jeder Grundlage, womit sie nicht fair sind. Sie weiß, dass ich die bayrische Landeshauptstadt anhimmele, auch wenn ich sie scherzhaft Weißwurstmetropole nenne. Die Weltstadt mit Herz ist die schönste Stadt Deutschlands und hat sich zu meiner Heimatstadt aufgeschwungen, obwohl ich aus SachsenAnhalt stamme und im Aachener Raum aufgewachsen bin. Im Dreiländereck wohnen meine Mutter und die Schwester, außerdem habe ich dort einen großen Freundeskreis, der mich mit Kusshand zurücknehmen würde. Aber muss man wegen der Familie und der Freunde in Aachen leben?

Bisher musste ich annehmen, dass sich Karla pudelwohl in München fühlt, denn hier gibt es unseren Eishockeyclub, der auf der Schwelle zur ersten Bundesliga steht. Wir lieben die Mannschaft und haben jede Heimpartie und jedes mögliche Auswärtsspiel in der bayrischen Region besucht, was uns zu eingefleischte Fans des Vereins gemacht hat. Doch was bietet das langweilige Aachen? Dort weiß keine Sau, aus welchem Material ein Puck angefertigt wird.

Kurz und gut, ich lege mein Veto gegen ihren absurden Umzugsgedanken ein, und hätte dabei bleiben müssen, dann wäre alles anders gekommen. Karla hätte ihre absurde Idee verworfen und wir wären in München wohnen geblieben. Garantiert wären wir eine glückliche Familie geworden, denn es hätte uns an nichts gefehlt.

Aber nein, ich Idiot bin zu schwach. Mit Pauken und Trompeten pralle ich an Karlas Egoismus ab. Ich kann mich nicht durchsetzen und gebe nach. Wäre ich erfolgreich gewesen, wenn ich das Thema Heiraten ins Spiel gebracht hätte, um sie umzustimmen? Hätte sie sich nach der Hochzeit sicherer und somit wohler mit dem Kind in München gefühlt?

Wohl kaum, außerdem ist mir der Gedanke nicht im Traum eingefallen, denn das Heiraten lehne ich strikt ab. An diese rückständige, ja verkrustet Form der ehelichen Bindung verschwende ich keinen Gedanken, womit ich mit Karla übereinstimme. Zudem bin ich aus der Kirche ausgetreten, was meine Mutter dazu bewegt hatte, den Kirchenbeitrag für mich zu bezahlen. Als Mitglied der Frauenhilfe hatte sie sich geschämt, so durfte niemand in der Gemeinde von dem Austritt erfahren. So rückständig sind die Menschen in den 70-ziger Jahren gestrickt, und die Kirche profitiert als Institution mit den Kirchensteuereinnahmen davon.

Tja, was bringt also ein Trauschein? Ist der Orgasmus durch den intensiver? Liebt es sich als Verheirateter besser? Fühlt sich ein Kind in einer Ehe geborgener?

Das weiß nicht mal der liebe Gott. Allerdings wird die Wohnungssuche mit Trauschein leichter, denn für unverheiratete Paare mit Kind ist die Suche nach dem Platz zum Leben ein Spießrutenlauf. Die von der spießbürgerlichen Welt errichteten Hürden sind unüberwindbar. Die rückständige Gesellschaft behandelt Unverheiratete wie Verbrecher, und ähnlich sehen das die Vermieter. Denen gegenüber kommt man sich vor wie ein Betrüger, der zersetzende Vorhaben im Schilde führt, was wir später am Leib spüren werden. Somit können Sie meinen Äußerungen entnehmen, dass ich ein gottloser und rebellischer Geselle bin, und das bin ich durch und durch. Vor der Pforte zum Himmel darf ich keine mildernden Umstände erwarten.

Doch dazu später mehr, denn weiterhin befinden wir uns im München der 70-ziger Jahre, wo ich mit Karla in wilder Ehe zusammenlebe. Wie verwerflich das ist, das habe ich mit dem Spießrutenlauf erwähnt, denn das fortschrittliche Denken der Menschen hat Steinzeitniveau. Deren Handeln wird vom Wiederaufbau und dem Glauben an das Wirtschaftswunder geprägt. So ist es leider die Herrenrasse, die weiter über das Wohl und Wehe der einfachen Leute und der ehemaligen Soldaten bestimmt. Aber als was ist die Wehrmacht aus dem Krieg heimgekehrt?

Nicht als die versprochenen Helden, sondern als erniedrigte Verlierer, von den Siegermächten bestraft und von der Gehirnwäsche der Nazis versaut. Durch ihre Gehorsamkeit sind die Befehlsempfänger unnütze Lemminge, die der Ideologie der Nazis bis ans Lebensende hinterher laufen werden und ihr treu bleiben. Die Ideologie steckt tief in ihren Gehirnen, so als hätte sie ihnen der vom Größenwahn befallene Führer persönlich mit einer Spritze eingeimpft. Mit der absurden Einstellung, die Weltherrschaft gehört den Deutschen, sind die Soldaten für den Wahnsinnigen mit dem Namen Adolf Hitler zu einem Vernichtungsfeldzug aufgebrochen, der Tod und Verwüstung über Europa gebracht hatte. Die Wehrmacht hat ihrem schlechten Ruf zur Ehre gereicht. Sie hat für den Verrückten den Heldentod auf sich genommen, und hat sehenden Auges, ohne den Finger des Widerstandes zu krümmen, die Verbrechen an der Menschlichkeit auf dem Gewissen. Hinterher fühlte sich niemand dafür verantwortlich. Gerade die, die mit wehenden Fahnen in den Krieg gezogen waren, hatten angeblich nichts von den Vernichtungsgräueln gewusst.

Doch nichts war’s mit der Weltherrschaft, außerdem sind die vielen Kriegstoten Schall und Rauch, unter ihnen Zivilisten und Kinder, die im Bombenhagel umgekommen waren. Aber die Überlebenden lernen nichts daraus. Wie um Himmels Willen sollen sie eine neue Denkweise lernen, und die begreifen, wenn sich sogar die fortschrittlich Denkenden damit schwertun?

Die gibt es, aber ein Großteil der Kriegsgeneration ist gehirnamputiert, bitte entschuldigen Sie die leider zutreffende Umschreibung. Anstatt sich am Wahlslogan: „Nie wieder Krieg“, zu orientieren, rückt die verlorene Generation nicht von der eingetrichterten Erziehung ab. Die Naziherrschaft hat ihnen das eigenständige Denken ausgetrieben. Sie sind verwurzelt in die von Banausen wie dem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß eingebläuten Normen, denn die neue Elite ist leider die Alte. Und man will es nicht glauben, aber die Engstirnigen mit der fragwürdigen Vergangenheit bilden erneut die Spitze des Machtapparates. Sie sitzen auf den Parlamentsbänken und bekleiden einflussreiche Posten. Sie steuern mit ihrer Rückständigkeit den Staat. Da kann die junge Generation rebellieren, bis sie blau anläuft.

Und welche Mischpoke gehört zu den Rückständigen? Natürlich viele Hausbesitzer, und das Bittere ist deren halsstarrige Meinung: Unverheiratete Paare sind Parasiten, die keine Chance auf eine Wohnung verdienen, mit oder ohne Kind. Bei unserer Wohnungssuche, nach der Rückkehr aus Griechenland, hat man uns das mit aller Härte spüren lassen

So, jetzt habe ich Sie genug mit den unsäglichen Nachkriegsjahren gequält und ich habe ausreichend Dampf abgelassen. Sie kennen nun meine Grundeinstellung, zu der das wünschenswerte Verbleiben in der bayrischen Landeshauptstadt gehört. Wie wichtig das wäre, das belegt mein Job, denn ich arbeite bei einer berühmten Baufirma, bei der ich die Position des Verantwortlichen über die Zaunanlage bekleide, die den Riyad Airport in Saudi Arabien schützen soll. Diese Firma bezahlt mir ein stattliches Gehalt, doch meine Finanzkraft ist unerheblich für Karlas Wohnungsverzicht, denn sie ist es gewöhnt, dass unsere Finanzen stimmen. Dass ich für die neue Bleibe einen Batzen Geld hinblättern muss, und ich den durch meine Jobs beschaffe, das ist für sie ein selbstverständlicher Vorgang.

Aber ein noch wichtigerer Aspekt für den Verbleib ist unsere preiswerte Altbauwohnung, die wir mit Patrizia in bester Lage Neuhausens bewohnen. Um die beneidet uns halb München. Diese Wohnsituation passt hervorragend zum Leben mit einem Kind, zudem ist der Luxus der Zentrumsnähe Gold wert. Diesen Schatz will ich unter allen Umständen behalten.

Tja, die Wohnsituation und Lebensform bieten keinen Anlass zu meckern, geschweige denn, sie aufzugeben. Und nicht vergessen darf ich das kulturelle Angebot, denn die Zeit spielt verrückt. Zwar gibt es die Hitparade, in der Sänger wie Heino und Heintje ihre Erfolgsschnulzen trällern, ansonsten dominiert die Rockmusik. So zum Beispiel hat sich im Theater an der Breienner Straße das Musical Hair positioniert, und Rockgrößen wie Frank Zappa, Pink Floyd oder Deep Purple geben sich in den Kneipen und Konzertsälen die Klinke in die Hand. Ich habe deren Konzerte mit Enthusiasmus verfolgt, und ich will das weiterhin tun, solange sich die Stars der Szene in der Weltstadt ein Stelldichein geben.

O ja, meine Argumentationskette gegen das Verlassen Münchens ist einleuchtend und lückenlos. Dagegen kann sich Karla normalerweise nicht verschließen, bin ich mir sicher, deshalb entsetzt mich ihre Drohung: „Rutsch mir den Buckel runter. Du willst das Kind ja nicht“, wirft sie mir vor. „Dann gehe ich eben ohne dich nach Aachen zurück.“

Kladderadatsch, derart drastisch reagiert Karla auf meinen berechtigten Herzenswusch, so steht mein Anliegen wie eine unsichtbare Wand zwischen uns. Der Druck, den sie mit dem Kind erzeugt, ist unmenschlich, so ist ein wilder Streit unvermeidbar.

„Du bist nicht bei Trost“, beschimpfe ich Karla, dabei schüttele ich Karla mit dem Griff an ihre Oberarme. „Kein vernünftiger Mensch geht zur Mutter zurück.“

Und Karla kontert: „Ich will nicht vernünftig sein, sondern das Beste für mein Kind“, was in seiner Bedeutung schwer zu widerlegen ist.

Doch ich gebe nicht auf und will sie mit dem Mittel der Befreiung von der Mutter überzeugen.

„Hast du vergessen, dass ich dich durch die Entführung nach München von den Fesseln der Mutter befreit habe? Das war gar nicht so einfach.“

Doch das überzeugende Argument mit der Entfesselung von der Mutter führt nicht zu Karlas Meinungsänderung, denn die setzt auf fragwürdige Vermutungen: „Seit der Entführung hat sich viel geändert“, knurrt sie. „Da sich mein Vater vom Acker gemacht hat, komme ich blendend mit meiner Mutter aus.“

Karla verteidigt ihren Standpunkt, wie sich eine Bärenmutter vor ihr Junges stellt, denn ihr ist bewusst, dass ich ihrem Durchsetzungsvermögen nicht gewachsen bin. Geht es um ihr Leben mit dem Kind, dann vergisst sie alle Hemmungen und zerstört durch ihre Ablehnung den Baustein unserer Beziehung. Ist ihr das klar?

Offensichtlich nicht, oder es ist ihr egal. Dass wir von Münchens Ausstrahlung und der phantastischen Umgebung wie die Maden im Speck leben, will nicht in Karlas Kopf. Der Schaden ist unreparierbar, der durch den Wegzug entsteht, demnach nur mit Opfern in Grenzen zu halten. Leider ich bin derjenige, der zu großen Opfern bereit sein muss.

Nun gut, es riecht noch Trennung, doch da ich Karla liebe und ich ihr quasi hörig bin, suche ich nach einem erfreulichen Ausweg aus dem Drama, nur wie kann der aussehen? Mir ist trotz waghalsiger Gehirnverrenkungen kein Erfolgserlebnis beschieden. München bleibt Karlas Negativfaktor, also bedarf es eines Geistesblitzes. Warum ich auf die Hippiebewegung gekommen bin, das weiß ich nicht, wahrscheinlich weil ich mir über deren Werdegang gerade den Kopf zerbreche. Jedenfalls werde ich erleuchtet, und das durch die Reise ins göttliche Griechenland.

Mich fasziniert Ende der Siebziger das Aussteigerleben, deshalb trage ich mein langes Haar mit Stolz. Durch diese Aufmachung fühle ich mich zu den Gesellschaftsrebellen hingezogen. Musikalisch und literarisch verehre ich das Wilde der Rolling Stones und die geistigen Ergüsse eines Jack Kerouac.

Dessen Roman „Unterwegs“ gilt als Manifest der Beatniks und treibt mich an. Er ist einer der wichtigsten Texte der sogenannten Beat Generation. Bewundernswert finde ich den Künstler Joseph Beuys und den Schriftstellers Heinrich Böll, die zu Ikonen der Friedensbewegung werden. Und diese Ikonen gehen mit der Studentenbewegung gegen den Vietnamkrieg auf die Straße. Aber insbesondere möchte ich mich der Friedfertigkeit der Hippies in Griechenland annähern. Auf einer Insel lebt eine autarke Kommune, die eine magische Anziehungskraft auf mich ausübt. Über die Aussteiger-Philosophie habe ich eine Menge Literatur gewälzt. Jetzt will ich mir deren Lebensumstände und Griechenland überhaupt aus nächster Nähe ansehen.

Um den Trip zu den Griechen zu verwirklichen, setze ich Karla unter Druck: „Wenn ich nicht in München bleiben kann, dann lass uns vor der Geburt zu den Griechen reisen.“

Was mache ich da? Wird das ein Bestechungsversuch?

Nun ja, wohl eher ein schlechtes Tauschangebot. Ich tausche die Wohnung gegen Griechenland ein, das ist immerhin etwas. Wenn ich schon aus München weggehen muss, dann soll es wenigstens der Abstecher zu den Griechen werden.

Der Wunsch habe ich in einem vertretbaren Vorschlag gesteckt, und Gott sei Dank verfüge ich über die Wunderwaffe Überzeugungskraft, denn ich brauche Karlas Einverständnis für das Gelingen des Reiseabenteuers. Es wäre gut, wenn sie mit der Stimme ihres Herzens zu der Entscheidung steht, deshalb ergänze ich: „Bitte, Karla. Schlag mir die Reise nicht ab.“

Erstaunt zieht Karla ihre Augenbrauen hoch, denn es ist nicht so einfach, sich die Griechenlandreise vorzustellen. Also muss sie, bevor sie zusagen kann, intensiv über den Vorschlag nachdenken. Dazu gilt es zu erwähnen, dass wir im Vorfeld bereits Spanien und Portugal mit einem VW-Bus bereist hatten, den ich Blümchenbus getauft hatte. Mit an Bord waren unsere Katzen Luci und Fritz. Bei der Reise artete jeder Aufenthaltsort zum Abenteuer aus. Es hieß warten, waren die Katzen unterwegs, und es ging erst weiter, sobald sie zurückgekehrt waren.

Der Blümchenbus ist verkauft, aber auf ähnliche Zustände wie in Spanien und Portugal läuft es in Griechenland hinaus. Das wird Karla denken. Was spricht also für und was gegen die Reise? Und womit und wann soll sie losgehen?

Ich besitze hellseherische Gaben, dadurch durchkreuze ich Karlas Gedankenfluss, in dem ich auf den fahrbaren Untersatz eingehe: „Der Hermesversand bietet picobello Transporter mit hohem Dachaufbau zum Kauf an, übrigens gar nicht teuer. Ich beschaffe uns solch ein Teil und baue es zum Campingbus um. Was sagst du dazu.“

Karla lacht.

„Mensch Richard, du bist verrückt“, antwortet sie. „Ich habe noch nicht zugesagt, schon planst du den nächsten Schritt.“

„Dann sag ja“, nagele ich Karla fest. „Du willst es doch auch. In den Holzboden säge ich ein Loch und mache daraus eine Katzenluke.“

Der mögliche Aufenthalt in Griechenland hat ein Feuer der Begeisterung in mir entfacht. Ich brenne lichterloh. Liebend gern wäre ich sofort losgesaust und hätte den Transporter gekauft, doch Karlas Äußerung, „ich muss mir das mit der Reise in Ruhe überlegen“, holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Schon hat sich die Trauer um den Verlust meiner heißgeliebten Umgebung in meinen Gedankengang gemischt. Wozu braucht sie die Bedenkzeit?

Auf unseren Reisen haben wir uns prächtig verstanden. Wir waren beide in unserem Element. Egal, durch welches Land wir gereist waren, oder wo wir länger Station bezogen hatten, da hat es uns gefallen, jedenfalls habe ich es so empfunden. Oder gehe ich nur von meiner Wahrnehmung aus?

Vom Kummer gebeugt, lasse ich Karla stehen und gehe in das Zimmer unserer Mitbewohnerin. Sie ist die Hauptbetroffene von den Auflösungsplänen. Und die nimmt mich in ihre trostspendenden Arme, was sie mit erweitertem Weitblick tut. „Überstürze nichts“, sagt sie mit ihrer weichen Stimme. „Karla liebt dich und reist mit dir nach Griechenland. Aber das gemeinsame Wohnen müssen wir aufgeben, denn geht es um das Kind, dann bleibt Karla hart.“

„Mein Gott, ist das schade“, gehe ich auf sie ein. „Das Leben mit dir hat mir gut gefallen, denn wir hatten eine wunderbare Zeit miteinander.“

„O ja, es war wunderbar“, sülzt Patrizia. „Doch jede Zeit geht einmal zu Ende.“

„Ja, so ist es“, sülze auch ich. „Aber ich bin sicher, dass du adäquaten Ersatz für unser Zusammenleben findest. Und das wünsche ich dir mit Herz und Seele.“

Wir passen gut zueinander, sodass aus der Zuneigung hätte mehr werden können, würde Karla nicht zwischen uns stehen. Patrizia wäre bei einer Trennung eine Option. Das sind Vorstellungen, die mir in den Sinn kommen. Warum gehe ich der Sache nicht auf den Grund? Zu Zeiten der freien Liebe ist ein Tausch der Partner normal.

Das tue ich nicht, und ich habe nicht mit Patrizia geschlafen, obwohl auf sie als attraktive Hippiefrau jeder Mann mehrere Augen wirft. Mit ihren flippigen Grundzügen punktet sie bei mir, und ich gefalle ihr anscheinend auch. Kommen Karla und ich nicht klar, dann ist Patrizia die enge Wahl. Doch diesen unangebrachten Gedanken verbiete ich mir, denn spreche ich ihn aus, dann gieße ich Öl ins Feuer.

In den Jahren meiner Abwesenheit von München unterhalte ich mich mit Patrizia stundenlang am Telefon, ja sie besucht mich sogar, obwohl es Karla nicht recht ist. Die sieht in Patrizia eine Konkurrentin, nur aussprechen tut sie das nie. Hat Patrizia tatsächlich gehofft, dass meine Beziehung zu Karla zerbricht? Das ist nicht auszuschließen, obwohl meine Zuneigung zu ihr rein platonisch ist, die höchstens Spekulationen zulässt.

2

Die Wogen im Beziehungsgefecht haben sich Gott sei Dank schnell geglättet. In mir ist das Gefühl zurückgekehrt, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, demnach ist alles paletti. Dass unsere Liebe jeden Zwist übersteht, darüber herrscht Einigkeit, daher wollen wir es weiterhin miteinander versuchen. Inzwischen bin ich sogar so weit, dass ich mich tierisch auf unser Kind freuen kann.

In dieser Festtagsstimmung erbeute ich von der unsicheren Karla das Zugeständnis für unsere Griechenlandfahrt. „Okay, ich mache das Spektakel mit“, würgt sie hervor. „Aber unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Wir nehmen die Katzen mit. Und als Gegenleistung leitest du die Voraussetzungen für die Auflösung unserer Wohnung ein.“

„Natürlich kommen die Katzen mit, dafür ist die Katzenluke gedacht.“ Ich bin begeistert von dem Vorschlag. „Ich wüsste nicht, wo wir sie lassen könnten. Und die Kröte der Wohnungsauflösung muss ich anscheinend schlucken.“

„Also gut, mein Schatz.“ Karla knufft mich. „Dann leite alle Formalitäten für das baldige Auflösen der Wohnung in die Wege.“

Karla hat ihr Ziel erreicht, doch mit der Geschwindigkeit der Auflösung ist sie unzufrieden. Ihr geht meine Vorgehensweise nicht schnell genug. Nach ihrer Einschätzung ziehe ich die Schritte unnötig in die Länge, also nur halbherzig durch, was nicht stimmt. Aber so ist sie. Karla hat eigene Vorstellungen vom Tempo, mit der man das Abwickeln durchzieht, dabei ist ihre Eile unbegründet. Was soll also das aufgebauschte Larifari?

Sie hat ihren Willen bekommen und sollte Ruhe geben, denke ich. Also Schluss mit der peinlichen Vorstellung. Ich will keinen Ärger wegen meiner angeblich ungenügenden Handlungsbereitschaft, deshalb demonstriere ich meine Entschlossenheit, die ich ihr mit den passenden Gesten unter die Nase reibe, worüber Karla schmunzelt. Hätte sie gelacht, dann wäre es des Guten zu viel gewesen. Ja, so muss es sein. Das mit dem Kopf durch die Wand erzeugt verletzte Gefühle, und die vermeide ich, indem ich die Problemlage locker angehe

Patrizias Auszugsvorhaben gelingt hervorragend, denn sie hat Dusel. Die ihr aufgezwungene Suche nach der neuen Bleibe endet erfolgreich. Die findet sie im Handumdrehen ein paar Straßenzüge weiter. Es ist ein kleines Appartement, also kein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, trotzdem spürt man ihre Erleichterung. Auch Karla, die mit ihrem Gewissen kämpft, ist zufrieden. So in etwa hatte sie sich die Chose ausgemalt, wahrscheinlich auch erhofft.

Auch eine Garage für den unverzichtbaren Hausrat, den wir auslagern wollen, um ihn später mit nach Aachen zu nehmen, ist schnell gefunden. Die Garage ist Bestandteil eines Hinterhofes unseres jetzigen Wohnhauses. Somit sind die Voraussetzungen für den Kauf des Transporters geschaffen, den der Hermes Versand zum Kauf anbietet und für den ich einen vernünftigen Preis aushandele.

Von da an verbringe ich jede freie Minute mit dem Umwandeln der Kiste in ein alternatives Campinggefährt. Dafür säge ich eine Öffnung in das über zwei Meter hohe Dach, das uns beim Kochen Stehhöhe garantiert. Darin baue ich ein durch eine Kurbel verstellbares Dachfenster ein. Das dient der Entlüftung. Zu guter Letzt säge ich das Loch für die Katzenluke in den durchgehenden Holzboden und versehe den Innenraum mit einem poppigen Schrank.

Wunderbar, bisher hat alles geklappt. Und als vorletzten Arbeitsschritt installiere ich die Kochvorrichtung auf ein Regal, die ich an eine Propangasflasche anschließe. Mit dem Gaskocher werden wir klarkommen, denn er garantiert uns heißes Wasser für den Kaffee und die Eier, und das eine oder andere Fertiggericht.

Nach meinem Geschmack sieht das Ambiente phantastisch aus, zumindest originell, was mir Karla bestätigt. Nachdem mir auch das Bett durch die mit Jeansstoff bezogenen Schaumstoffstücke gelungen ist, das zu einer Sitzbank umfunktioniert werden kann, verkleide ich die nackten Innenwände mit einem weichen hellgrauen Velourteppichboden, dann gebe ich mein Meisterwerk zur Begutachtung frei.

Die Resonanz bei den Bekannten ist erfreulich. Somit ist unser Zwischenzuhause in trockenen Tüchern, und wir machen zu Testzwecken einen kleinen Ausflug mit unseren zwei Katzen in die nähere Umgebung. Als auch die vor Begeisterung schnurren, hätten wir uns für die Abreise fertigmachen können, doch ein Gerichtstermin macht uns einen Strich durch die Rechnung, denn ich hatte im Herbst wegen dem Einbau neuer Wohnungsfenster mit Doppelverglasung vor Gericht eine Schadensersatzklage angestrengt.

Die Verwicklungen durch die Schweinerei, die uns eine schlampige Firma hinterlassen hatte, sind schnell erzählt. Dass ein Vermieter den Einbau neuer Fenster zur Mietpreisanhebung veranlasst, das ist an sich okay, doch der Ablauf war nicht in Ordnung, denn unter den Fenstern hatten die Arbeiter ekelhafte Schuttberge zurückgelassen. Sie hatten nur die Altfenster ins Fahrzeug verladen, aber sie hatten sich nicht bequemt, ihre Ein- und Ausbau Hinterlassenschaften vorschriftsmäßig zu entsorgen, das wäre das Mitnehmen gewesen. Ich bin über die Farce aus allen Wolken gefallen, dennoch haben wir den Dreck unter der schweißtreibenden Mithilfe Patrizias in einen der Öffentlichkeit zugänglichen Container gebracht.

Und wie ist die Klage abgelaufen und was habe ich daraus gelernt?

Ohne Anwalt einen Gerichtsvergleich anzustreben, das ist ein unsinniges Anliegen, sozusagen für die Katz. Der arrogante Richter hat mich wie einen dummen Jungen abgekanzelt, was ich mir hätte ersparen sollen. Doch zur Krönung geriet, dass er die Gerichtkosten auf mich abgewälzt hat, womit er mich Kläger auf die Palme getrieben hatte. Was für eine Frechheit. Hat man solch eine Peinlichkeit schon mal erlebt?

Ich betone es noch einmal, weil es so unglaublich klingt. Mich als Geschädigten hat er dazu verdonnert, für die Kosten des Verfahrens aufzukommen. Und das ist ein grottenschlechter Witz.

So gut, so schlecht.

Große Hoffnungen auf einen angemessenen Geldsegen habe ich mir eh nicht gemacht. Und die Kosten des Verfahrens kann sich der Richter in seinen Allerwertesten stecken. Ich werde einen Brief aus Griechenland an die Gerichtskasse schicken, in dem ich meinen Verbleib auf einer Ägäis-Insel ankündigte. Sollen die Geldeintreiber sehen, wie sie damit umgehen. Für mich ist das Thema erledigt. Dazu muss ich nachtragen, dass an mich im Laufe der Jahre keine Zahlungsanforderung herangetragen wurde, weder per Post, noch in anderer Form. Wahrscheinlich bin ich durch das Raster der gerichtlichen Verfolgung gefallen.

Nun aber zurück zu den Beziehungsschwierigkeiten, denn mein Schmerz über den Verlust meiner Traumstadt, ist nicht verkraftet, denn das geschieht langsam. Und weil das so ist, kommt es andauern zu Streitereien. „Hör dir wenigstens meine Argumente an, warum ich aus München wegwill“, fordert mich Karla auf, ihr zuzuhören. „Hier fehlen mir die Freundinnen. Ja wen habe ich denn in München?“

„Du hast die Brigitte und die Patrizia“, zähle ich auf. „Sind dir zwei Freundinnen nicht genug?“

Karla holt tief Luft, dann reagiert sie: „Okay, mit Brigitte verstehe ich mich sehr gut, aber Patrizia ist mir nicht geheuer. Böse Zungen behaupten, dass sie dich angebaggert hat.“

„Den Quatsch glaubst du?“ Ich schüttele widerstrebend den Kopf. „Mein Gott, da ist nicht ein Fünkchen Wahrheit dran.“

„Das mag sein“. lenkt Karla ein, „aber all meine Schulfreundinnen wohnen in Aachen. Zwei davon haben sogar ein Kind bekommen.“

Ich bin sprachlos, denn was kann ich gegen das dämliche Argument ausrichten? Die erwähnten Freundinnen haben sie nicht ein einziges Mal besucht, und plötzlich sind sie wichtig? Wie soll man sich gegen solche Halsstarrigkeit aufbäumen?

Vorerst tue ich es mit dem Spontaneinfall: „Wenn du so an deinen Schulfreundinnen hängst, warum bist du dann mit mir nach München gegangen?“

Tja, der Einfall war nicht schlecht, aber nicht gut genug, denn Karla setzt ihren Umzugswunsch durch. Alle Gegenargumente sind chancenlos. Mir hilft nur ein kräftiger Ruck, um mir den Abschied von München zu erleichtern. Allerdings muss ich für das Abschiednehmen viel Weitsicht aktivieren, durch die ich mich mit der Vaterrolle arrangiere, was dem Beziehungstief positiv entgegen wirkt. So wird das Streitthema vom Gefühl der Vorfreude auf die Reise und auf das Kind abgelöst.

Und das führt dazu, dass mich das kleine Würmchen in Karlas Bauch anfängt zu fesseln. Was wird es werden? Wird es ein Junge, dann soll er Julian heißen. Den Namen wünsche ich mir, aber ich will Karla nicht vorgreifen, denn eine Endscheidung soll sie treffen. Dass mir die Baufirma eine stattliche Gehaltsaufbesserung anbietet, als ich den Job aufkündige, verstärkt meine innere Zerrissenheit, mit der ich meiner Traumstadt den Rücken zukehre, aber als eine persönliche Anerkennung empfinde ich das Angebot allemal. Doch ich bin Freiberufler. Ich kann tun und lassen, was ich will. Die Entscheidungsgewalt liegt in meiner Hand. Trotzdem fühle ich mich der Firma zu Dank verpflichtet, denn der Job hat mir eine Menge Geld auf die hohe Kante beschert.

An was muss ich für die Reise denken? Welche Formalitäten sind vor der Abreise in die Wege zu leiten? Was gibt es vor einer Auslandreise zu erledigen?

Beim Zahnarzt war ich und den internationalen Führerschein besitze ich, dazu einen gültigen Reisepass, mehr an formellem Kram wird nicht nötig sein. Auch Karla ist mit einem Reisepass gesegnet. Und von meinem Stammlokal verabschiede ich mich nicht mit einer Lokalrunde. Der Wirt hat genug Geld an mir verdient.

Karlas abschließender Besuch bei der Frauenärztin verläuft erfreulich. Bei ihr und dem Kind sind keinerlei Komplikationen zu befürchten. Zwar kann ich dem miserablen Ultraschallbild nicht viel abgewinnen, trotz allem sorgt es für einen Zustand der Sorglosigkeit. Warum um Himmels Willen soll sich Karlas Zustand durch die Autofahrerei verschlechtern? Sie ist robust. Ihr können die Erschütterungen auf dem knochenharten und unbequemen Beifahrersitz nichts anhaben. So in etwa denke ich. Trotzdem besorge ich ein weiches und dämpfendes Kissen. Das genügt an Verbesserungsmaßnahmen, um dem Kind in ihrem Bauch nicht zu schaden. Und damit ist für mich das Thema Sitzkomfort erledigt

Dennoch steht weiterhin der leidige Umzug ins Dreiländereck wie ein Gespenst im Raum, doch mit dem gebotenen Herzschmerz schließe ich den Aufenthalt in der Weltstadt für mich ab, aber über den Berg fühle ich mich nicht. Ich bin immer noch der Meinung, dass Karla ihre Entscheidung über den Weggang aus München eines Tages bereut.

In den 68-ziger Jahren war mir die zweihundertfünfzigtausend Menschen zählende Grenzstadt zum Königreich Belgien und zu den Niederlanden zu langweilig geworden. Nichts hatte sich bewegte in dem Kaff, deshalb war ich nach München geflüchtet. Und in die Stadt der Langeweile will Karla tatsächlich ziehen?

Auch jetzt, Monate vor der Geburt des Babys, gibt es keine Konzerthalle und kein sportliches Spitzenangebot. Der weit über Aachen hinaus bekannte Fußballclub dümpelt in der Bedeutungslosigkeit herum, und Eishockey ist nur ein Science Fiction Begriff. Herausragend sind allerdings die Szenekneipen Carlton, und der unverwüstliche Leierkasten mit dem legendären Charly als Wirt. Im Leierkasten habe ich viele Nächte bis in den frühen Morgen verbracht. Aber was will Karla an einem Ort, wo sich der Fuchs und der Igel gute Nacht sagen?

Das Argument mit den Freundinnen, die ein Kind bekommen haben oder erwarten, das ist Quatsch. Versteht sich Karla mit den Frauen überhaupt? Den Kindern beim Wachsen zuzusehen, das reicht nicht zur ausgefüllten Lebensführung. Eine tragfähige Freundschaft braucht Ausdauer und Engagement.

Und dann die Väter. Will sie mich in die Kindererziehung einbeziehen, dann sollten diese Pappnasen zu mir passen und keine gottverdammten Spießer sein. Alles andere wäre Zeitvergeudung, denn mit geschniegelt und gebügelten Lackaffen bin ich nie klargekommen.

Auch das Verhältnis zu Karlas Mutter ist unklar. Wie kann sie sich sicher sein, dass es ihr bei der Mutter gefällt und unser Kind dort geborgen aufwächst? Vielleicht treten vergessene Gräben wieder auf, die sie als verschüttet angesehen hatte, und die Unruhe stiften?

Über all den Zinnober hätten wir reden müssen, anstatt sich davor zu drücken. Aber jetzt ist es zu spät. Patrizia ist in ihr Appartement umgezogen und die Wohnung ist gekündigt. Es steht nur noch der Ausräumvorgang an. Das ist der erschütternde Sachstand. Ich fühlte mich wie ein vogelfreier Freigeist, dem man die Flügel gestutzt hat, dem aber trotz allem die Welt mit seiner prallen Schönheit zu Füßen liegt.

Das Ausräumen der Wohnung wird von den Katzen argwöhnisch begleitet. Die gute Luci verhält sich bei dem Manöver apathisch. Die Katze ist durch den Wind. Sie läuft uns maunzend zwischen meinen Beinen umher, als hätte ich ihren Lieblingsfressnapf versteckt. Der ängstlichere Fritz vollzieht sogar ein regelrechtes Kunststück, denn der verkriecht sich hinter die Badewanne. Es kostete uns viel Mühe, den Verstörten herauszuziehen und in den Campingbus zu verfrachten.