Die schwarzen Perlen - Folge 25 - O. S. Winterfield - E-Book

Die schwarzen Perlen - Folge 25 E-Book

O. S. Winterfield

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Beschreibung

Als Stella an der Küste Cornwalls auf eine Flaschenpost stößt, in der Lord Killnoggin alle schönen Frauen auf sein Schloss einlädt, folgt sie dieser Einladung. Sie hofft, dass der Lord ihr bei der Suche nach ihrer Mutter helfen kann. Doch dann erfährt sie die grausame Wahrheit über das Schicksal der Frauen, die vor ihr der Einladung gefolgt sind ...

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Seitenzahl: 152

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Inhalt

Cover

Impressum

Das Geheimnis des Mausoleums

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock / Andre Helbig

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-1651-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Das Geheimnis des Mausoleums

von O. S. Winterfield

Eine geheimnisvolle Einladung in einer Flaschenpost führt Stella zu Lord Killnoggin auf Schloss Daffodil. Der Lord gibt sich liebenswürdig, aber seine Augen sind kalt und glänzen fanatisch, wenn er von den Frauen spricht, die der Einladung in sein Schloss gefolgt sind.

Stella ahnt Schreckliches, als sie zu dem unheimlichen Mausoleum auf den Klippen hoch über dem Meer blickt, denn Lord Killnoggin erzählt ihr immer wieder von den unsterblichen Körpern seiner Frauen. Er nennt sie seine Königinnen. Und sein »Meisterwerk«, die Schönste von allen, ist eine Königin mit schwarzem Haar und einer schwarzen Perlenkette – Lady Olivia Douglas!

Die vom Sturm gepeitschten Wellen des Atlantiks brachen sich an der Küste Cornwalls, am Himmel hingen regenschwere Wolken. Die Kutter konnten heute nicht zum Fischfang hinausfahren, deshalb saßen die Männer in der Kneipe und tranken Grog.

Nur Stella Douglas stand noch an der Küste und sah sich ratlos um. Seit zwei Wochen hielt sie sich in Cornwall auf. Immer auf der Suche nach jenem Lord Killnoggin, bei dem sie hoffte, eine Spur ihrer Mutter zu finden. Aber die Leute hatten auf die Frage nach einer Familie Killnoggin immer nur mit den Schultern gezuckt.

Stella stemmte sich jetzt gegen den Sturm und ging auf das nahe gelegene Fischerdorf zu, um ein schützendes Dach zu suchen, denn es begann langsam zu regnen.

Aus einem der ersten Häuser des Dorfs drangen laute Stimmen und verrieten, dass hier eine Kneipe war. Stella zögerte kurz, bevor sie eintrat, doch dann gab sie sich einen Ruck. Schließlich musste sie sich nach einer Übernachtungsmöglichkeit erkundigen.

Dicke Rauchschwaden schlugen ihr entgegen. Erst ganz allmählich konnte sie die Männer erkennen. Sie saßen an einem langen Tisch. Ihr Gespräch verstummte, und sie sahen Stella neugierig an.

Der Wirt kam hinter der Theke hervor. Er war sehr freundlich und führte die junge Frau an einen kleinen Tisch in der Nähe der Männer. Stella war durchnässt und fror. Deshalb bestellte auch sie sich einen Grog.

Die Männer vertieften sich wieder in ihr Gespräch und schenkten Stella jetzt kaum noch Beachtung. Einige lachten, andere wurden ziemlich hitzig und bekamen rote Gesichter. Stella meinte mehrere Male das Wort »Flaschenpost« zu hören, aber die Unterhaltung der Männer interessierte sie nicht, und so gab sie sich keine Mühe, mehr zu verstehen.

Sie versank wieder in ihre Grübelei. Wo sollte sie noch weiter nach Lord Killnoggin suchen? Irgendjemand hatte ihr gesagt, sie solle doch einmal an diesem Teil der Küste nach ihm fragen.

Schon wollte Stella den Wirt herbeiwinken, da erschrak sie. Ungläubig sah sie zu den Männern. Sie meinte, deutlich den Namen Olivia verstanden zu haben.

Sie rückte mit dem Stuhl etwas näher zu den Männern heran. Die bemerkten es, musterten sie kurz und sprachen dann weiter. Diesmal etwas leiser, als wollten sie keine Zuhörer haben.

Aber gerade das machte Stella noch aufmerksamer. Sie sah immer wieder verstohlen zu den Männern hinüber. Jetzt beugten sich alle über den Tisch. Dort lag eine dunkelgrüne schlanke Flasche.

Und nun wurde einer der Männer doch wieder laut. Er lehnte sich zurück, lachte etwas grimmig und sagte: »Immer dasselbe. Dass der alte Narr das nicht lassen kann. Wenn er so schwer arbeiten müsste wie wir, würde ihm dieser Unsinn vergehen. Aber wenn einer Geld wie Heu hat, kann er leicht spinnen. Werft die Flaschenpost weg, wie wir es immer getan haben.« Er stand auf.

»Ja, werfen wir sie weg«, sagte ein anderer Mann und nahm die dunkelgrüne Flasche in die Hand. »Ich fische bestimmt keines dieser Dinger mehr aus dem Meer. Ich lasse mich doch nicht jahrelang narren. Jedes Mal denkt man, eine wichtige Flaschenpost entdeckt zu haben, aber dem alten Killnoggin fällt nur immer dasselbe ein.«

Stella biss sich auf die Unterlippe, um einen Aufschrei zu unterdrücken, als sie den Namen Killnoggin hörte.

Jetzt hatte sich der Mann mit der umstrittenen grünen Flasche doch wieder gesetzt. Stella stand auf. Sie wollte mit den Männern reden. Aber im letzten Augenblick fehlte ihr der Mut dazu, sie ging nur an die Theke zum Wirt. Man sah ihr an, dass sie erregt war.

»Wovon sprechen die Männer?«, fragte sie. »Und wer ist der alte Killnoggin?«

Der Wirt sah Stella verdutzt an. Er zögerte einige Sekunden, dann machte er eine abwinkende Handbewegung.

»Ach, das ist ein alter Lord, bei dem es anscheinend im Oberstübchen nicht mehr ganz stimmt. Oder er ist liebestoll.« Jetzt lachte der Wirt. »Ja, so muss es sein.«

»Wie kommen Sie darauf? Bitte, erzählen Sie mir von diesem Lord Killnoggin.« Stella legte die Hand auf den Arm des Wirtes. »Es liegt mir viel daran.«

Der Wirt war noch immer unschlüssig. »Was haben Sie davon? Interessieren Sie solche Dinge?«

»Ja.« Stella zeigte zu dem Tisch, an dem sie gesessen hatte. »Bitte, setzen Sie sich mit mir ein Weilchen dorthin!«

Der Wirt begleitete sie. Als er an den Männern vorbeiging, zeigte er auf Stella. »Sie will etwas von dem alten John Killnoggin und seiner Flaschenpost wissen.« Er schlug einem Mann auf die Schulter. »Gib mir den Liebesbrief mal. Eine andere Sensation haben wir einer so jungen Miss aus der Stadt in unserem tristen Fischerdorf doch nicht zu bieten.«

Er griff schon nach der Flasche, die wieder auf dem Tisch lag. Und danach ließ er sich einen zusammengerollten Bogen Pergamentpapier geben.

Die Männer sahen ihm verdutzt nach, alle drehten ihre Stühle so, dass sie Stella beobachten konnten.

Stella bemerkte es nicht einmal. Vor Aufregung zitterte sie fast – sie hatte den Namen Olivia gehört, und es gab hier in der Nähe einen Lord Killnoggin.

Der Wirt stellte die grüne Flasche auf den Tisch, rollte den Pergamentbogen aus und sagte: »Wenn Sie nicht aus einer Gegend am Meer stammen, Miss, werden Sie vielleicht gar nicht wissen, was eine Flaschenpost ist.« Er machte jetzt ein sehr wichtiges Gesicht und tippte mit dem Finger auf die grüne Flasche. »Sehen Sie, wenn die gut verkorkt wird, kann man Nachrichten verschicken. Früher haben das oft Leute getan, die in Seenot geraten waren. Und deshalb fischen unsere Leute an der Küste immer noch jede Flasche aus dem Wasser, die sie entdecken. Der alte Killnoggin freilich ist mehr in Liebesnot. Da lesen Sie!« Der Wirt reichte Stella den Pergamentbogen.

Er zitterte in ihrer Hand, und das Zittern verstärkte sich, als sie gelesen hatte, was in verschnörkelten Buchstaben darauf stand: Schöne Frauen, kommt ins Schloss Daffodil. Hier erwarten euch unsagbares Glück und ewiges Leben. Hier werdet ihr Königinnen wie Esther, Olivia, Beatrice und Geraldine.

»Was heißt das?«, fragte Stella fassungslos, während sie doch nur den Namen Olivia behalten hatte.

Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Das weiß kein Mensch genau. Der alte Killnoggin ist ein Wirrkopf, er kommt aus seinem Wasserschloss nicht mehr heraus, er lebt seit Jahren vollkommen von der Welt abgeschieden. Hier kann sich kaum noch jemand genau daran erinnern, wie er aussieht. Die Leute sprechen auch nicht gern von ihm.« Der Wirt tippte sich an die Stirn. »Wenn es bei einem da oben nicht mehr ganz stimmt, ist es müßig, über seine Verrücktheiten nachzudenken.«

»Kennen Sie diese Frauen?«, fragte Stella und zeigte auf die Namen, die sie eben gelesen hatte.

»Diese Frauen leben doch nur in der Fantasie Lord Killnoggins.«

Die Männer an dem langen Tisch lachten jetzt laut und prosteten einander zu. Einer sagte: »Esther, Olivia, Beatrice und Geraldine! Der Alte möchte Vielweiberei betreiben.«

»Und diese Flaschenpost schickt Lord Killnoggin immer wieder aus?«, fragte Stella.

»Ja, immer wieder. Oft wird sie sicher gar nicht gefunden. Wer weiß, wie viele solcher Flaschen es schon hinaus aufs offene Meer getrieben hat. Heute hat der Sturm eben wieder einmal eine an die Küste geschwemmt.«

Stella sah blass und angegriffen aus. »Ich begreife das alles nicht. Kennen Sie eine Frau, die dieser Aufforderung gefolgt ist?«

Der Wirt lehnte sich zurück und lachte jetzt schallend. »Nein, ich kenne keine. Unsere Mädchen und Frauen hier locken das unsagbare Glück und ein ewiges Leben nicht. Ihnen wird schon unheimlich zumute, wenn sie hinüber zum Schloss Daffodil sehen.«

»Daffodil?«, fragte Stella verwundert. »Das bedeutet Narzisse. Wie kann man ein Schloss so nennen?«

»Das ist nicht so erstaunlich. Die Killnoggins haben die Narzisse in ihrem Wappen. Sie sind ein uraltes Geschlecht, das in England einmal einen berühmten Namen hatte. Aber das ist sehr lange her, heute sind sie längst vergessen. Nur wir hier werden durch den alten verrückten Lord noch manchmal an sie erinnert.« Der Wirt stand jetzt auf, er sah ungeduldig aus. »Ich glaube, jetzt haben wir genug über diese Dinge geredet. Sind Sie vielleicht Reporterin?«

Stella schüttelte den Kopf. »Nein. Trotzdem hat mich das alles sehr interessiert. Wo steht das Schloss Daffodil?«

»Auf einer Landzunge, nicht weit von unserem Dorf.« Der Wirt sah, dass Stella zahlen wollte und griff nach dem Geldschein, den sie auf den Tisch gelegt hatte.

Während er ihn wechselte, rief einer der Männer spöttisch: »Miss, wollen Sie vielleicht die Erste sein, die dem Ruf unseres liebeshungrigen Lords folgt? Davon würde ich Ihnen aber sehr abraten.«

Stella gab keine Antwort, sie stand auf und verließ die Kneipe. Erleichtert sah sie, dass es aufgehört hatte, zu regnen. Auch der Sturm hatte sich etwas gelegt. Langsam ging sie durch das Fischerdorf, bis sie einen kleinen Gasthof fand, in dem sie übernachten konnte.

Auch dort brachte sie das Gespräch noch einmal auf Lord Killnoggin. Aber niemand wollte mit ihr über ihn sprechen. Es kam ihr so vor, als genierten sich die Leute, einer Fremden gegenüber von dem verrückten Lord zu reden.

Stella aber war fest dazu entschlossen, ihn zu besuchen.

***

Am nächsten Morgen stand Stella schon sehr früh auf. Zunächst war sie erleichtert darüber, dass der Sturm nachgelassen hatte. Zwar war das Wetter noch trüb, aber das machte ihr nichts aus.

Nach dem Frühstück ließ sie sich beschreiben, von welcher Stelle der Küste aus sie das Schloss Daffodil sehen konnte. Schon bei dieser Frage wurde sie wieder mit erstaunten Blicken gemustert.

Stella ließ das kleine Fischerdorf hinter sich und kam zu einer schmalen Landzunge, an deren Ende sie einen alten wuchtigen Bau sah. Sie fragte einen vorübergehenden Fischer, ob da drüben das Schloss Daffodil stehe.

Der Mann nickte. »Ja, das ist das Wasserschloss Daffodil. Der Bau auf der Landzunge. Dahinter auf dem Felsen ist ein Mausoleum. Man kann es in diesem trüben Licht nicht gut erkennen.«

»Wie kommt man zu dem Schloss?«, fragte Stella.

Dabei sah sie auf die überwucherte Landzunge. Dichtes, dorniges Gestrüpp machte es unmöglich, dort weiterzukommen.

»Nur über das Wasser.« Der Mann zeigte auf die Landzunge. »Hier war einmal ein sehr guter Weg, der auch von Autos befahren werden konnte. Dieser Weg führte bis zu dem großen Tor von Daffodil. Aber man hat alles überwuchern lassen. Dornröschens Schloss ist nichts gegen Daffodil. Angeblich wird das große Tor überhaupt nicht mehr benutzt.«

»Dann kommen die Bewohner von Daffodil auch nur über das Wasser hier herüber?«, fragte Stella.

»Ja. Sie haben angeblich noch zwei Ausgänge zum Wasser.« Der Mann zuckte mit den Schultern. »Aber was weiß man schon? Nur Dinge, über die gemunkelt wird. So sollen sich nur noch der alte Herr und sein Diener im Schloss aufhalten. Wieso wollen Sie da hinüber?«

»Das Schloss interessiert mich.« Mehr wollte Stella nicht verraten.

»Dann mieten Sie sich ein Boot. Vom Wasser aus können Sie Daffodil aus der Nähe beobachten.« Der Mann ging weiter.

Stella befolgte seinen Rat und ruderte mit einem Boot hinaus aufs Meer. Sie musste eine große Strecke zurücklegen, ehe sie in der Nähe des Schlosses war. Jetzt wurde ihr doch etwas unheimlich zumute. Der große Bau wirkte verlassen.

Ihr Blick wanderte über den Felsen hinauf, der sich am Ende der Landzunge erhob, und blieb auf dem hohen Gebäude oben haften. Der Mann an der Küste hatte gesagt, es sei ein Mausoleum.

Es musste beschwerlich sein, die Toten dort hinaufzutragen, hier vom Meer aus konnte man nicht einmal einen Steig erkennen. Aber sie wollte ja nicht in das Mausoleum, sondern in das Schloss. Doch von ihrem Platz aus konnte sie weder einen Ausgang zum Meer, noch eine Anlegestelle sehen.

Stella blieb noch lange Zeit unschlüssig im Boot sitzen. Sie blickte zur Küste zurück, als ziehe es sie wieder dorthin. Im Hintergrund sah sie einen Leuchtturm. Anscheinend war in der Nähe ein Hafen.

Vielleicht sollte sie sich bei der Polizei nach Lord Killnoggin erkundigen, ehe sie es wagte, näher an das Schloss heran zu rudern. Aber das würde nur verlorene Zeit bedeuten. Und was hatte sie schon zu befürchten? Selbst wenn dieser Lord Killnoggin ein Sonderling war, konnte er doch die Frage nach ihrer Mutter beantworten.

Nun entschloss sich Stella doch, sofort zu handeln. Sie ruderte um das Ende der Landzunge, unterhalb des Felsens entlang, auf dem das Mausoleum stand, und wieder zurück. Erst auf dem Rückweg erkannte sie eine Tür, die aus einem Turm führte. Und vor dieser Tür schien eine kleine Anlegestelle zu sein, jedenfalls war ein Plateau zu sehen.

Stella ruderte darauf zu. Sie fand kein Boot. Aus der Tür des Turms schien man also nicht den Wasserweg zu benutzen. Aber sie konnte versuchen, ob sie an dieser Tür eingelassen wurde.

Stella fand einen Haken, an dem sie ihr Boot befestigen konnte, und zog sich auf das Plateau hinauf. Mehrere, in den Felsen eingehauene Stufen führten zu der Tür im Turm.

Eine Glocke war nirgends zu sehen, die Tür gab nicht nach. So klopfte Stella an die schwere Eisentür. Plötzlich hatte sie Angst. Sie sah zu ihrem Boot zurück. Es schaukelte auf dem Wasser. Schon wollte sie die Stufen zu dem Plateau hinunterlaufen, da wurde die Tür geöffnet.

Vor Stella stand ein großer dunkelhäutiger Mann. Erschrocken starrte sie ihn an, unfähig, ein Wort zu sagen oder doch noch zu ihrem Boot zu flüchten.

»Was wünschen Sie?«, fragte der junge Mann sehr freundlich. Er streckte die Hand aus, als wolle er Stella sofort in das Innere des Turmes ziehen.

Sie wich einen Schritt zurück. »Ich möchte Lord Killnoggin sprechen.« Noch immer wollte ihr die Zunge kaum gehorchen.

»Bitte treten Sie ein, ich werde Sie zu Lord Killnoggin führen. Ich bin Suaro, sein Diener.« Er machte eine gravitätische Verbeugung.

Stella betrat den Turm. Als der Diener die Tür hinter sich zuzog, war es so dunkel, dass sie nichts sehen konnte.

Er ergriff ihre Hand. »Gestatten Sie, dass ich Sie führe? Es wird gleich etwas heller werden.«

Stella musste es dulden, dass der Mann ihre Hand festhielt. Aber das dauerte nicht lange, dann kamen sie in eine große Halle. Auch sie war düster, aber man konnte alles erkennen. Der Steinboden war ausgetreten und gewölbt, das Geländer einer breiten Treppe sah brüchig aus, und die wenigen Möbel waren schwarz und glänzend, als seien sie eben gestrichen worden.

»Bitte, folgen Sie mir«, sagte der Diener und führte Stella durch mehrere Seitengänge, bis er vor einer hölzernen Tür stehen blieb. »Wir sind am Ziel«, erklärte er in sehr feierlichem Ton und öffnete die Tür.

Stella betrat ein großes hohes Zimmer. Es hatte schmale, beinahe bis zur Decke reichende Fenster aus vielerlei buntem, in Blei gefasstem Glas. Stella kam sich wie in einer Kirche vor. Von draußen drang nur wenig Helligkeit in diesen Raum, aber es brannte ein großer Kristalllüster. Er hing tief von der Decke herunter.

Erst als sich Stella an den Anblick dieses Raumes gewöhnt hatte, sah sie vor einem der bunten Fenster einen Mann. Er saß in einem hohen mit Leder bezogenen Lehnstuhl.

»Mylord«, erklang die Stimme des Dieners, »heute ist endlich eine junge Lady gekommen.« Das hörte sich an, als sei Suaro sehr glücklich, seinem Herrn diese Botschaft überbringen zu können.

»Ich sehe es, Suaro.« Der Mann stand auf.

Er war groß, auffallend hager, hatte dichtes graues Haar und einen grauen Knebelbart. Und er trug einen violetten Samtanzug, hochgeschlossen, mit engen Bundhosen, weißen Strümpfen und schwarzen Schnabelschuhen.

Stella musste an die Kleidung des Mittelalters denken. Noch nie hatte sie einen Mann in dieser Aufmachung gesehen. Stockend fragte sie: »Sind Sie Lord Killnoggin?«

Der Mann neigte ein wenig den, Kopf. »Ja, ich bin Lord John Killnoggin, der Herr auf Schloss Daffodil, schöne junge Lady.«

Langsam kam er auf Stella zu. Jetzt erst merkte sie, dass er schwarze Augen hatte. Schwarze Augen mit einem stechenden Blick. Stellas Angst wurde so groß, dass sie zur Tür zurückwich.

Aber dort stand noch immer Suaro, der Diener. Er versperrte Stella den Weg.

»Sie sind freiwillig zu Lord Killnoggin gekommen«, sagte er mit drohender Stimme. »Sie haben seine Flaschenpost gefunden.«

»Nein, ich bin nicht wegen der Flaschenpost gekommen«, wehrte sich Stella. Mit großen bangen Augen blickte sie Lord Killnoggin entgegen. Er blieb zwei Schritte vor ihr stehen. »Ich suche meine Mutter«, stieß Stella hervor.

»Ihre Mutter? Bei mir? Wer sind Sie?«, fragte Lord Killnoggin mit monotoner Stimme.

»Ich bin Stella Douglas – Lady Olivias Tochter.«

Lord Killnoggins Gesicht rötete sich. »Lady Olivias Tochter?«, fragte er fassungslos. Doch sogleich war er bei Stella und umarmte sie. Er hielt sie so fest, dass sie sich dagegen nicht wehren konnte. »Lady Olivias Tochter. Und Sir Henrys Tochter.«

Stella beugte sich zurück. Ihre Angst war verflogen. »Sie kennen meine Eltern?«

»Aber natürlich.« Lord Killnoggin ließ die Arme sinken und griff nach Stellas Hand. »Kommen Sie, setzen wir uns. Wir haben viel zu besprechen.«

Er führte Stella zu einem Diwan und wartete, bis sie sich gesetzt hatte. Dann zog er sich einen Sessel nahe zu ihr heran.

Seine schwarzen Augen leuchteten. »Solch ein Glück, nein, solch ein großes Glück. Jetzt, da mein alter Freund Henry gestorben ist, kommt mich seine Tochter besuchen. Wer hat Sie zu mir geschickt, schöne junge Lady?«

»Niemand. Ich suche meine Mutter. Eine Spur führte zu Ihnen, Lord Killnoggin.«

»Bitte nennen Sie mich Mylord, das ist mir lieber. Ich empfinde das als vertrauter. Niemand steht mir näher als Sie, die Tochter meiner Königin Olivia.« Lord Killnoggins Augen nahmen einen fanatischen Glanz an. Ja, meiner Königin.«

»Wieso nennen Sie meine Mutter eine Königin?«, fragte Stella. Ihr wurde schon wieder unheimlich zumute. Erst recht, als sie sah, dass der Diener nicht von der Tür des Zimmers wich.