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Cloister Witte hat eine dunkle Vergangenheit und einen niedlichen Hund. Über den Hund redet er immer gern, doch seine von einem verschwundenen Bruder, einem nichtsnutzigen Vater und einem kriminellen Stiefvater überschattete Kindheit lässt er lieber in Montana. Heute gehört er zur Hundestaffel des San Diego Sheriff's Department und entrichtet seinen Tribut an die Geister seiner Vergangenheit, indem er tut, was niemand für seinen Bruder tun konnte: Er findet die Vermissten und bringt sie heim. Er besitzt ein Talent dafür, schwierige Fälle zu lösen. Der Hund erst recht. Diesmal handelt es sich bei der vermissten Person um einen zehnjährigen Jungen, der mitten in der Nacht in den Wald ging und nicht zurückkehrte. Mit der feindselig angehauchten Hilfe des ablenkend gut aussehenden FBI-Agenten Javi Merlo findet er schnell heraus, dass Drew Hartley nicht einfach fortlief. Er wurde entführt und die Spuren deuten darauf hin, dass er nicht das erste Opfer ist. Als die Suche voranschreitet, werden alte Bitterkeit und Tragödien der Vergangenheit ans Licht gezerrt. Gleichzeitig scheint es mit jedem neuen Hinweis weniger wahrscheinlich, dass Drew lebend gefunden werden kann.
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Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Inhalt
Zusammenfassung
Widmung
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Epilogue
Biographie
Von TA Moore
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Copyright
Von TA Moore
Cloister Witte hat eine dunkle Vergangenheit und einen niedlichen Hund. Über den Hund redet er immer gern, doch seine von einem verschwundenen Bruder, einem nichtsnutzigen Vater und einem kriminellen Stiefvater überschattete Kindheit lässt er lieber in Montana. Heute gehört er zur Hundestaffel des San Diego Sheriff’s Department und entrichtet seinen Tribut an die Geister seiner Vergangenheit, indem er tut, was niemand für seinen Bruder tun konnte: Er findet die Vermissten und bringt sie heim.
Er besitzt ein Talent dafür, schwierige Fälle zu lösen. Der Hund erst recht.
Diesmal handelt es sich bei der vermissten Person um einen zehnjährigen Jungen, der mitten in der Nacht in den Wald ging und nicht zurückkehrte. Mit der feindselig angehauchten Hilfe des ablenkend gut aussehenden FBI-Agenten Javi Merlo findet er schnell heraus, dass Drew Hartley nicht einfach fortlief. Er wurde entführt und die Spuren deuten darauf hin, dass er nicht das erste Opfer ist. Als die Suche voranschreitet, werden alte Bitterkeit und Tragödien der Vergangenheit ans Licht gezerrt. Gleichzeitig scheint es mit jedem neuen Hinweis weniger wahrscheinlich, dass Drew lebend gefunden werden kann.
Mit Dank an meine Mutter, die meine größte Unterstützerin ist, und die Fünf, die meine Seltsamkeit akzeptieren. Und an Lady – meinen ersten Hund, meinen besten Hund und die Inspiration für Bourneville.
JEDER POLIZIST besaß seinen ganz persönlichen Aberglauben.
Der schielende Jimmy Daley von der Sitte schwor, dass seine Woche jedes Mal in einer Katastrophe endete, wenn er eine bestimmte rothaarige Nutte aufgriff. Obwohl Lieutenant Frome es niemals zugegeben hätte, brachte er grundsätzlich finstere Stimmung mit zur Arbeit, wenn er an der Kreuzung Mendes und Third eine rote Ampel erwischte. Als Deputy Kelly Tancredi im letzten Jahr schwanger gewesen war, hatte sie sich hauptsächlich darüber beklagt, nicht mehr gut in ihren Glücks-BH zu passen.
Cloister wusste, dass ihm eine schlimme Nacht bevorstand, als er die aus der Wüste heranrollenden Teufelswinde spürte. Hitze war in Südkalifornien normal, doch die Winde trockneten es zusätzlich aus und verwandelten Schweiß in Salz. Und wo man nicht salzig war, wurde man sandig.
Es war mehr als nur die größere Gereiztheit von Misshandlern und Schlägern. Die Winde trugen die Art von Grauen heran, das einem Albträume verursachte. Kleine Leichen, Schenkel mit Blutergüssen, für immer unbeantwortete Fragen.
Das Schlimmste war, dass man sich im Plenty Sheriff’s Department nicht einfach abergläubisch melden konnte. Obwohl man wusste, dass alles den Bach runtergehen würde, musste man zur Arbeit erscheinen und auf die Katastrophe warten.
Nach drei Stunden seiner Mitternachtsschicht wartete Cloister noch immer. Vielleicht irrte er sich, doch der zugedröhnte, barfüßige Junkie machte ihm keine allzu großen Sorgen.
Der von der Wüste ausgetrocknete Mann hatte die Anweisung, sich hinzulegen und seine Hände zu heben, ignoriert, um stattdessen hastig durch ein zerbrochenes Fenster zu klettern und über den Parkplatz zu fliehen. Er rannte wie ein in Rückstand geratener Olympionike, mit schwingenden Armen und zurückgeworfenem Kopf, sodass unter den verblassten blauen Tattoos an seinem Hals die Sehnen hervortraten. Er gab wirklich alles. Auch wenn es ihm nichts nützen würde.
„Warum müssen die immer gerade dann weglaufen, wenn es so verdammt heiß ist?“, fragte Cloister. Doch nichts rannte wie ein schlechtes Gewissen, egal bei welchem Wetter. Und seine Partnerin vertrödelte ohnehin nicht gern Zeit mit Plaudereien. Cloister bückte sich, um mit geübter Leichtigkeit ihr Halsband zu lösen. Sie wurde aufmerksam und die Schultermuskeln unter dem dichten Kragen aus schwarzem und braunem Fell spannten sich an, doch sie wartete, bis Cloisters Stimme mit der Schärfe eines Kommandos erklang. „Fass!“
Sie gehorchte.
Über die Jahre hatte Cloister mit vielen Hunden gearbeitet, von der Jagdhundemeute seines Stiefvaters bis zu einem Idiot savant von Spaniel im Irak – er fraß Steine, konnte jedoch noch nach fünf Tagen Sprengstoffrückstände erschnuppern –, doch keiner von ihnen hatte einen Jagdinstinkt wie Bourneville besessen. Der schwarze Schäferhund schoss los wie ein Windhund und ließ das Fenster mit einem einzigen großen Sprung hinter sich – wobei Cloister zusammenzuckte, als die noch am Rahmen verbliebenen Glasscherben das beige Fell unter ihrem Bauch streiften. Kaum war sie gelandet, lief sie bereits wieder.
Er zupfte an der Leine und wickelte das schwere Nylon um sein Handgelenk, bevor er sich ebenfalls dem Fenster zuwandte. Mit der kugelsicheren Weste war es nicht leicht, sich hinunterzubeugen, und der schwere Leinenstoff seiner Hose blieb am Glas hängen, als er seinen fast ein Meter neunzig großen Körper durch den morschen Holzrahmen zwängte.
Auf der anderen Seite des Parkplatzes kletterte der Junkie über einen Maschendrahtzaun, wobei sich sein T-Shirt im Stacheldraht am oberen Ende verfing und ihm vom Körper gerissen wurde, bis es als blutiger Stofffetzen im Wind flatterte. Dann rannte er weiter und verschwand hinter einer Häuserreihe.
Bourneville zögerte nicht, als sie auf die Motorhaube eines Pick-ups sprang, ohne erst die Entfernung abzuschätzen. Beim Landen stolperte sie über ihre eigenen Pfoten, knallte beinahe mit dem Kinn auf den Boden, doch dann lief sie schon wieder.
Der Zaun rasselte, als Cloister gegen ihn prallte, und schwankte, als er ihn erklomm. Seine Hand berührte dabei den Stacheldraht und ein Dorn bohrte sich schmerzhaft in seinen Daumen. Er verzog das Gesicht, ließ sich davon jedoch nicht aufhalten.
Nachdem er auf der anderen Seite gelandet war, folgte er der an einen Wolf erinnernden buschigen Rute seines Hundes an der Rückseite der Häuser entlang. Das Geschrei und der Lärm der Drogenrazzia verklangen hinter ihm. Um kein Risiko einzugehen, senkte er eine Hand zu seiner Waffe und legte die Finger um den vertrauten, aus Plastik gegossenen Griff.
The Heights war im Grunde kein schlechter Stadtteil. Nur ziemlich arm. Im Gegensatz zu einigen Kollegen war Cloister in einer Gegend aufgewachsen, in der es wichtig war, den Unterschied zu kennen. Doch auch die Armen zogen ihre Vorhänge zu und mischten sich nicht in fremde Angelegenheiten ein. Die Dankbarkeit eines Sheriffs konnte den Unmut der Banden nicht lange ausgleichen.
Man konnte es den Leuten nicht vorwerfen. Sie mussten dort leben und ihre Kinder großziehen. Natürlich wollten sie dabei Ärger vermeiden.
Also legte Cloister die Finger um seine Waffe, ließ sie jedoch an ihrem Platz an seiner Hüfte.
Am Ende der Gasse hatte der Mann eine Recyclingtonne gepackt und hinter sich geschleudert. Sie kippte um und verteilte Dosen und zusammengedrückte Plastikflaschen auf dem Boden. Das Hindernis verschaffte ihm wertvolle Sekunden, da Bourneville der über den Asphalt rutschenden Tonne ausweichen musste. Auch Cloister verlor Zeit, als er sie aus dem Weg stieß.
Kurz verlor er Bourneville aus den Augen, als sie sich bereits um die Ecke warf, während er selbst beinahe von einer fettigen Plastikverpackung unter seinem Fuß zu Boden geworfen wurde. Fluchend erhöhte er das Tempo und bog um die Ecke, nur um fast über Bourneville zu stolpern, die stehen geblieben war.
Mit schräg gelegtem Kopf betrachtete sie verwirrt den Junkie. Was Cloister gut verstehen konnte. Der schlanke Mann – seine Haut umspannte nichts als Knochen und Muskeln – hatte sich aus einem Garten das Fahrrad eines kleinen Mädchens geschnappt. Es war pink und hatte noch Stützräder, doch er wollte damit in die Freiheit fahren. Seine nackten Füße standen auf den Pedalen und sein dürres Hinterteil ragte in die Luft, während sich seine Knie hektisch hoben und senkten. Viel Erfolg hatte er dabei allerdings nicht. Trotz seines Einsatzes bewegte sich das schwankende Fahrrad kaum vorwärts.
„Oh, Mann“, brummte Cloister.
Er warf einen Blick auf Bourneville, die ihn mit fragend geneigtem Kopf erwiderte, wie sie es immer dann tat, wenn sie sich ihrer Aufgabe nicht mehr sicher war. Sie drehte den Kopf erst in die eine Richtung, dann in die andere, wobei ihre flauschigen schwarzen Ohren wackelten.
„Ja, ich bin ganz deiner Meinung, Mädchen. Das wird ein lustiger Bericht.“
Mit einem „Braves Mädchen“ kraulte er sie kurz hinter den Ohren. Sie hatte gute Arbeit geleistet. Dann näherte er sich dem in Zeitlupe Flüchtenden und zog ihn an einer verschwitzten Schulter vom Fahrrad.
„Dafür hast du mich so rennen lassen?“ Er warf dem wieder auf den Füßen stehenden Mann einen finsteren Blick zu. Normalerweise wirkte der sehr gut. Die Wittes tendierten zu groß, blond und einschüchternd, und Cloister war praktisch bereits kampfbereit auf die Welt gekommen, mit erhobenen Fäusten und gebrochener Nase. Kleine Kinder mochten ihn – warum auch immer –, doch alle anderen hielten für gewöhnlich Abstand. Allerdings schienen Drogen die Wirkung abzuschwächen.
„Ha’m Sie den Bär gesehen?“, fragte der Junkie. „Verdammter Bär war hinter mir her. Einfach so.“
„In einer Drogenküche?“, fragte Cloister. Der Junkie zuckte mit den Schultern und bemühte sich um einen trotzigen Blick. Er wirkte hauptsächlich dämlich. Unter den schlechten Tätowierungen und den Auswirkungen des jahrelangen Drogenkonsums war dennoch zu erkennen, dass er dem Alter für ein Kinderfahrrad noch nicht allzu lange entwachsen sein konnte – Anfang zwanzig oder vielleicht sogar noch ein Teenager, wenn man bedachte, wie früh sich so mancher Süchtiger den ersten Schuss setzte. Doch auch wenn er in seinem Alter noch die Chance gehabt hätte, sich körperlich zu erholen, falls er von seiner Sucht loskäme, war hinter den trüben blauen Augen außer Leere nicht mehr viel zu sehen. Cloister seufzte. „Okay. Mach deine Taschen leer.“
Er rechnete nicht damit, etwas zu finden. Jeder vernünftige Junkie wusste, was er auf der Flucht lieber loswurde. Tatsächlich befanden sich in den Taschen seiner weiten Jeans lediglich Fussel, etwas Sand und ein halb gelutschtes Pfefferminzbonbon.
„Okay, Freundchen, hiermit bist du festgenommen“, teilte Cloister ihm mit, während er den anstelle klassischer Handschellen verwendeten Kabelbinder aus Plastik fest um die rissige Haut der dürren Handgelenke schlang. „Sie haben das Recht zu …“
Sein Funkgerät knisterte.
„Deputy Witte“, sagte Mels Stimme. „Wie ist die Situation?“
In Mels Stimme schwang eine Anspannung mit, die in seinem Magen ein nervöses Kribbeln auslöste. Die dünne, eisenharte Frau war schon länger dabei als sie alle, noch aus der Zeit als Plenty anstelle der kleinen Polizeistation mit ihren Sheriffs ein eigenes Polizeipräsidium besessen hatte. Sie kannte die Stadt. Wenn sie unglücklich klang, nahm man es besser ernst.
„Ich habe einen 390 verfolgt“, erklärte er. „Ich wollte ihn gerade über seine Rechte informieren.“
„Das FBI hat Unterstützung aus der Hundestaffel angefordert“, sagte Mel.
Cloister verzog das Gesicht. „Und das kann niemand anders machen?“, fragte er. „Als ich das letzte Mal ausgeholfen habe, hat es mit Disziplinarmaßnahmen geendet, weil ich dem verantwortlichen Special Agent beinahe eine reingehauen hätte.“
„Tut mir leid“, sagte Mel, ohne besonders überzeugend zu klingen. „Alle anderen Teams sind unabkömmlich oder nicht in der Nähe.“ Dann folgte der Moment, auf den er seit dem ersten Heulen des Windes am Morgen gewartet hatte. „Es ist ein 920C draußen beim Retreat.“
Scheiße.
Cloister bestätigte, dass er verstanden hatte, woraufhin sie ihm den genauen Ort durchgab. Er schob den Mann wieder auf das Fahrrad, wobei sich der billige, pinkfarbene Sattel in das knochige Hinterteil bohrte.
„Du hast Glück, Freundchen“, sagte er. „Ich werde woanders gebraucht.“
Freundchen grinste benebelt. „So bin ich“, antwortete er. Der Blick eines Auges schien kurz abzudriften, losgelöst von seinem Gedankengang. „Ein Glückspilz.“
Er hob die Hände, wodurch das Ende des Kabelbinders wie ein Griff in die Höhe ragte, und sah Cloister erwartungsvoll an.
„So viel Glück nun auch wieder nicht“, teilte ihm Cloister mit. Er wich einen Schritt zurück, um den anderen an der Razzia beteiligten Deputy zu verständigen. „Witte hier“, sagte er in sein Funkgerät. „Ich habe einen 390, aber wurde zu einem 920 gerufen. Kann ihn jemand abholen? Nicht weit von der Rückseite.“
Schnell bekam er eine Zusage, und das ohne die üblichen Proteste. Cloister senkte das Funkgerät und warf dem Mann einen Blick zu. „Bleib, wo du bist. Wenn du dich versteckst, holen sie wieder die Bären.“
Dann schnippte er mit den Fingern, um Bourneville aufzufordern, ihm zu folgen. Den Mann ließ er auf seinem kleinen pinkfarbenen Fahrrad zurück. Sollte es ihm doch gelingen, sich zu befreien und zu fliehen, würde man ihn eben bei der nächsten Gelegenheit festnehmen. Cloisters Sohlen trafen geräuschvoll den Boden, als er mit zügigen, großen Schritten über den Asphalt joggte. Bourneville folgte ihm wie ein Schatten und hechelte glücklich, weil es sich für sie diesmal nur um entspanntes Laufen und nicht um eine Verfolgungsjagd handelte. Unterwegs kam ihm bereits Jim entgegen, um den skurrilen Drogendealer einzusammeln.
920C. Ein vermisstes Kind und das FBI. Warum konnte er bei seinen abergläubischen Vorahnungen nicht ein einziges Mal unrecht haben?
DER RETREAT war, was bei einem Zusammenstoß von Gentrifizierung und Hippies herauskam. Einst handelte es sich um eine stetig schrumpfende Hippiekommune in den Bergen. Sie verkaufte nicht sehr hochwertige Andenken auf Märkten und eine aus Oaxaca stammende Cannabiskreuzung, en gros oder in kleinen Tütchen. Dann, vor etwa zehn Jahren, schwappten mehr und mehr Menschen aus dem wachsenden San Diego herüber. Plötzlich wuchsen im um seine Existenz ringenden ländlichen Plenty Vororte wie vorher Salat und der letzte Hippie des Retreat erkannte seine Chance. Er kaufte das umliegende Land, entfernte die Pflanzen aus der Scheune und verpackte den abgeschiedenen Aussteigerlebensstil als „Glamping“.
All das war vor Cloisters Zeit gewesen. Als er nach Plenty gekommen war, hatte der Retreat bereits Fünf-Sterne-Jurten, Mondbäder und gelegentliche Anzeigen wegen sexueller Übergriffe gehabt.
Mit flackerndem Blaulicht raste Cloister am alten Tierfutterladen am Stadtrand vorbei, dessen Banner aggressiv im Wind flatterten, und bog nach links ab. Im hinteren Teil des Fahrzeugs lag Bourneville wie eine Sphinx, mit überkreuzten Pfoten und interessiert erhobenem Kopf. Sie wusste, dass die Lichter Arbeit bedeuteten. Sie musste lediglich warten, bis sie anhielten.
Beim Erreichen der Vorhügel wurde die Straße schmaler. Vom Wind zerzauste Kiefern warfen im Mondlicht ihre spindeldürren Schatten auf den Asphalt, doch die Oberfläche war glatt wie ein Band. Während die Straßen in den weniger schönen Stadtteilen häufig Schlaglöcher besaßen, die älter als Bourneville waren, wurde die Straße zum Retreat jedes Frühjahr neu befestigt. Niemand wollte riskieren, dass sich ein wohlhabender Besucher die Achse seines BMW brach.
Von Plenty bis zum Retreat waren es normalerweise vierzig Minuten. Cloister gelang es, das durchbrochene, verzierte Kupferschild in zwanzig Minuten zu erreichen. In der letzten Kurve schaltete er das Baulicht aus, woraufhin sich seine Augen erst an den plötzlichen Wechsel zum Monotonen gewöhnen mussten. Im Bemühen um Diskretion nahm er den Fuß vom Gas, doch das hätte er sich im Retreat vermutlich sparen können.
Jedes Zelt und jede Hütte waren bereits hell erleuchtet, während die Bewohner in nervösen Gruppen zusammenstanden. Hände umklammerten Kinderschultern. Schlafanzüge und Nachthemden flatterten im Wind.
Cloister parkte hinter dem schwarzen SUV, der vor einer Veranda mit Schaukelstühlen stand. Das FBI schien noch hier zu sein.
Nachdem er ausgestiegen war, öffnete er die Hintertür für Bourneville. Sie krabbelte heraus, schüttelte sich und wartete ungeduldig darauf, dass er ihr Geschirr überprüfte. Während er damit beschäftigt war, kam eine schlanke, sonnengebräunte junge Frau aus dem Büro. Sie trug die aus Jeans und einem smaragdgrünen T-Shirt bestehende Uniform des Retreat.
„Ähm, ich sollte Ihnen Marokko zeigen, wenn Sie ankommen.“ Nach einem verständnislosen Blick von Cloister errötete sie bis zum Haaransatz und fügte hinzu: „So heißt die Hütte. Die haben doch Namen. Und die Hartleys wohnen immer in Marokko.“
Offenbar wirkte er, als wäre er bereit, denn sie setzte sich eilig in Bewegung. Einige andere Deputies waren dabei, ängstliche Familien zu befragen. Irgendwo im Camp war ein Bellen zu hören, das nach dem typischen Kläffen eines kleinen Hundes klang.
Bei „Marokko“ handelte es sich um eine niedrige Hütte aus glattem bernsteinfarbenem Holz und einigen unbearbeiteten Ästen. Die Tür stand offen und ließ gekühlte Luft in die warme Nacht entkommen. Cloister bremste die junge Frau, bevor sie die Hütte betreten konnte.
Menschen in Stresssituationen waren wie Hunde in Stresssituationen. Sie neigten schon bei Kleinigkeiten dazu, bissig zu reagieren. Wenn wirklich ein Kind verschwunden war – nicht nur, um seine Eltern zu erschrecken, indem er bei Freunden schmollte, oder mitgenommen von ihrem Vater, der sich im Sorgerechtsstreit um sie befand –, dann wollte Cloister nicht mit Verärgerung beginnen.
Also klopfte er an die offene Tür.
Das leise Murmeln von Stimmen aus dem Inneren verstummte und ein großer, dunkelhaariger Mann mit teurem Haarschnitt und teurerem Anzug betrat den Flur. Die auf Anspannung hindeutenden Falten neben seinem Mund vertieften sich noch, als sein Blick auf Cloister fiel. Agent Javier Merlo schien ihre letzte Begegnung ebenfalls nicht vergessen zu haben.
„Deputy.“
Arschloch.
„Special Agent.“
Merlo wandte sich an die junge Frau. „Sie können gehen. Lassen Sie es mich wissen, wenn noch jemand ankommt.“
Nach kurzem Zögern nickte sie und eilte in die Dunkelheit hinaus. Merlos Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Cloister. Es war eine Schande, dass es sich bei ihm um das attraktivste Arschloch der Stadt handelte. Scharf geschnittene Gesichtszüge dieser Art sah man sonst nur in Modemagazinen oder bei griechischen Statuen.
„Ich habe drei Hundestaffel-Teams angefordert.“
„Im Augenblick steht außer mir niemand zur Verfügung“, antwortete Cloister. „Die anderen befinden sich im Einsatz. Sie kommen, sobald sie können. Was ist passiert?“
Merlos Mundwinkel senkte sich und er zupfte die Manschetten seines Hemdes zurecht. Soweit Cloister sich erinnern konnte, war es bisher der erste Hinweis auf Gefühle außer Ungeduld und Selbstzufriedenheit, den er vom ortsansässigen Special Agent gesehen hatte.
„Zwölfjähriger Junge“, sagte er angespannt, aber leise, damit der Wind seine Stimme nicht mit sich tragen konnte. „Drew Hartley. Er ist heute verschwunden, während seine Eltern bei einem Workshop waren. Sein Bruder William war bis drei Uhr bei ihm und hat dann einen Freund besucht. Seine Eltern hätten um diese Zeit zurückkommen sollen, haben sich aber etwas verspätet. Alle sind davon ausgegangen, Drew wäre bei jemand anderem.“
Cloister warf einen Blick auf seine Uhr. Es ging bereits auf ein Uhr morgens zu. Drew war möglicherweise seit über neun Stunden verschwunden. Es war für Bourneville nicht unmöglich, nach so langer Zeit noch eine Spur zu finden, allerdings auch nicht leicht – vor allem an einem heißen, trockenen Tag an einem Ort mit vielen Menschen.
Jedoch nicht unmöglich.
Er deutete auf das Innere der Hütte. „Hier wurde er das letzte Mal gesehen?“
Merlo nickte. „Deputy Witte, ich habe einen Helikopter angefordert, der mit Wärmebildern arbeiten kann, doch bis dieser eintrifft, muss ich mich auf Sie verlassen. Egal, welche Probleme wir also bei der letzten Zusammenarbeit hatten …“
„Keine Probleme“, unterbrach ihn Cloister.
Das stimmte nicht ganz. Er mochte Merlo nicht – hauptsächlich weil dieser deutlich gemacht hatte, dass er die Hundestaffel für einen netten Anachronismus hielt, der seine gehorsamen Hunde mit guten Nasen lieber gegen moderne Technologie austauschen sollte, aber auch ein wenig deshalb, weil er Cloister ansah wie etwas Ekelhaftes, das er unter seiner Schuhsohle gefunden hatte. Kein angenehmer Weg, eine anfängliche Schwärmerei erstickt zu sehen.
Doch das spielte jetzt keine Rolle. Sie mussten ihre Arbeit machen.
„Können Sie uns der Familie vorstellen?“, fragte Cloister.
Obwohl er aus irgendeinem Grund unzufrieden wirkte, nickte Merlo und führte ihn hinein. Cloister war versucht, die Familie herablassend als ihre Kinder vernachlässigende Yuppie-Eltern zu betrachten, die nicht einmal bemerkt hatten, dass ihr Kind verschwunden war – in dieser Hinsicht war er vorbelastet. Doch die Hartleys wirkten kaum anders als jede andere Familie in dieser Situation. Vielleicht besser gekleidet und mit teureren Möbeln, doch der sauer-salzige Geruch der Angst und die gebeugte Haltung des dahinter wartenden Kummers waren identisch. Deputy Tancredi saß bei ihnen und beruhigte sie mit ihren besten ermutigenden, aber unverbindlichen Floskeln.
„Ken, Lara.“ Merlo senkte seine Stimme zu einem unbeholfen sanften Tonfall. Es schien nicht zu seinen Talenten zu gehören.
Die Eltern sahen mit verzweifelter Hoffnung zu ihm auf. Der Vater war klein und dunkelhaarig – seine unverkennbar slawischen Gesichtszüge passten nicht ganz zu ihrem gewöhnlichen Nachnamen. Seine Frau war schlank und knochig. Unter ihren tief in den Höhlen liegenden Augen befanden sich deutliche Ringe, doch ihre dunklen, wilden Locken schienen der Angst zu trotzen. Hinter ihnen auf der Fensterbank, als wäre er nicht ganz sicher, wo im Raum der richtige Platz für ihn war, hockte ihr Sohn wie eine unfertige Skizze von beiden.
William. Vermutlich Bill oder Billy für alle, die nicht auf Förmlichkeiten bestanden. Cloister verspürte nicht den Drang, dem unglücklich wirkenden Jungen Fragen zu stellen.
Merlo berührte Cloisters Schulter. „Das ist Deputy Witte, ein zu den Sheriffs gehörender Hundeführer.“ Dabei beließ er es.
Cloister ließ das Halsband los, um Bournevilles Seite zu tätscheln. „Und das ist meine Partnerin Bourneville“, erklärte er. „Sie ist einer unserer besten Spürhunde.“
Sie spitzte hechelnd die Ohren und ihr Maul öffnete sich zu einem Hundelächeln. Cloister spürte Merlos genervte Ungeduld, auch wenn er sie nicht ganz nachvollziehen konnte. Cloister war nicht derjenige, in den die Hartleys ihre Hoffnung setzen sollten. Stattdessen wollte er ihnen begreiflich machen, dass dieser Hund zu sehr viel mehr fähig war als alltägliche Haustiere.
Die Frau – Lara – rang mit hervorstehenden Fingerknöcheln die Hände. „Er ist ein guter Junge“, sagte sie. Ihre Stimme klang dünn und angespannt. Es gelang ihr kaum, ihre Panik zu unterdrücken. „Drew würde nicht einfach mit Freunden verschwinden, ohne einen Zettel zu hinterlassen. Er wüsste, dass wir uns Sorgen machen würden.“
„Das wissen sie, Mom“, sagte Billy.
Etwas Hässliches überfiel ihr Gesicht. Sie verzog es zu einer Grimasse, um es zu vertreiben, und rieb sich mit einer Hand über den Mund. Erst nachdem sie tief Luft geholt und ihre schmalen Schultern gestrafft hatte, konnte sie fortfahren.
„Nein, das wissen sie nicht“, antwortete sie. Billy zuckte zusammen und schob sich dichter an das Fenster. „Sie kommen rein, sehen uns an und denken, Drew wäre nur so ein vernachlässigter reicher Junge. Tja, das ist er nicht. Er ist ein guter Junge.“
Cloister neigte den Kopf, um ihr in die Augen zu sehen. „Er ist ein kleiner Junge“, sagte er. „Gut oder nicht, ein kleiner Junge muss gefunden werden.“
Kurz wurde ihr Gesicht von Verzweiflung erfasst und Tränen traten ihr in die Augen, um auf ihren dichten Wimpern zu zittern. Dann hob sie das Kinn, riss sich merklich zusammen und presste ihre Lippen in einer unnachgiebigen Linie aufeinander.
„Sie, ähm, brauchen sicher etwas von Drew? Ein Spielzeug oder Kleidung?“
Cloister nickte. „Am besten etwas, das er vor kurzem getragen hat. Ungewaschen“, bestätigte er.
Sie erhob sich nickend. Ihr Mann nahm ihre Hand in seine, doch ihre Finger entglitten ihm, als sie sich entfernte. Nachdem sie den Raum verlassen hatte, wandte er sich an Cloister.
„Wir sind spät zurückgekommen“, sagte er. „Wir hatten beim Workshop einen Unfall, bei dem sich jemand ziemlich schlimm geschnitten hat, und wir sind beide Ärzte. Wir dachten nicht, dass wir einen Grund zur Eile hätten. Dieser Ort ist wie ein Zuhause für uns. Wir kennen jeden.“
Er wollte hören, dass es nicht seine Schuld war. Selbst die Familien, bei denen es doch der Fall war, wollten das hören.
„Es ist nicht eure Schuld, Ken“, kam Merlo der unausgesprochenen Bitte nach. „Ich bin sicher, Drew geht es gut.“
Cloister entging nicht, dass er ihn wie ein Bekannter ansprach, nicht wie ein Polizist. Und er sagte seinen Namen ohne jede Überheblichkeit.
„Das letzte Mal wurde Drew also hier gesehen?“, fragte er noch einmal nach.
Ken nickte und wandte sich nach kurzem Zögern an seinen Sohn. „Bill? Ihr seid hiergeblieben, oder? Wie wir es euch gesagt haben?“
Billy zog unter seinem Star-Trek-Shirt die durch einen Wachstumsschub knochigen Schultern hoch. „Klar.“
Das stand also noch nicht fest. Wenn die Jungen die Hütte verlassen hatten, hätte Bill es bei einer solchen Suggestivfrage sicher nicht zugegeben.
Lara kam wieder ins Zimmer, wobei sie wie automatisch ein zerknittertes T-Shirt mit Captain-America-Aufdruck zu einem ordentlichen Rechteck faltete. Sie zögerte kurz, reichte es dann jedoch Cloister. „Dieses trägt er am liebsten“, erklärte sie.
„Ich bringe es zurück“, versprach Cloister.
Merlo folgte ihm aus der Hütte. Bevor Cloister sich an die Arbeit machen konnte, stoppte Merlo ihn, indem er eine Hand in Cloisters verschwitzte Armbeuge legte. Die Berührung ließ seinen Arm kribbeln, als wäre er elektrisch aufgeladen. Er bekam eine Gänsehaut und seine Muskeln spannten sich an, während er innerlich darüber fluchte, sich so leicht beeinflussen zu lassen. Ablenkungen konnte er im Augenblick nicht gebrauchen.
„Hier ist irgendetwas passiert“, sagte Merlo. Wegen des Staubs in der Luft kniff er die Augen zusammen, als er Cloister mit gerunzelter Stirn ansah. „Ich kenne die Familie. Lara Hartleys Vater war FBI-Agent und ein Freund. Sie sind glücklich. Sie sind fürsorglich. Ich sehe keine Risikofaktoren. Ich möchte den Jungen finden.“
„Ich möchte sie immer finden“, teilte ihm Cloister mit. „Ich bin dafür zuständig, sie nach Hause zu bringen – nicht dafür, darüber zu urteilen, wie sie verschwinden konnten.“
Er entzog Merlo seinen Arm und hockte sich auf den Boden, um Bourneville die Handvoll Stoff hinzuhalten. Sie schnüffelte und schnaubte, während sie ihre Nase hineinschob, um zu den verschwitzten Nähten zu gelangen. Als sie sich des Geruchs sicher war, sah sie Cloister erwartungsvoll an.
„Such“, forderte er sie mit Nachdruck auf.
Sie senkte ihre Nase zum Boden und suchte. Nachdem sie kurz geniest hatte, weil ihr der trockene Sand in die Nase geraten war, steuerte sie geradewegs auf eine Rinne zu. Bei besserem, nasserem Wetter war diese vermutlich ein Bach. In der momentanen Trockenperiode war sie lediglich feucht. Bourneville zog an der Leine, um sich vom Retreat weg in Richtung Osten zu bewegen, und Cloister joggte los, um ihr zu folgen.
Während dem Hund das trübe Mondlicht ausreichte, löste Cloister eine Taschenlampe von seiner Weste, als die hellen Lichter des Retreat hinter ihnen verblassten. Er schaltete sie ein und richtete den Strahl auf den Boden vor Bourneville.
Eine überraschte Eidechse floh mit wild strampelnden Beinen aus dem unerwarteten Licht und huschte über die Felsen. Ihr locker wackelnder Körper erweckte dabei den Eindruck, als könnte der Wind sie einfach packen und forttragen.
Die Rinne wurde flacher, als ihre hohen Ränder sich in rasselndes, dorniges Gestrüpp senkten. Zwischen den Mesquiten war die Andeutung eines gewundenen Pfads zu sehen. Nachdem Bourneville ihm gewissenhaft einige Meter gefolgt war, drehte sie plötzlich zur Seite ab. Sie lief einige Schritte, hielt inne, versuchte es erneut. Endlich fand sie, was sie erschnuppert hatte. Leise knurrend blieb sie stehen und kratzte mit der Pfote über den Boden.
Cloister rief sie mit einem Pfiff zurück. Sie entfernte sich widerstrebend, einen Schritt nach dem anderen, um Cloister sehen zu lassen, was sie gefunden hatte. Zwischen den Wurzeln eines Baumes, in einer klebrig-schlammigen Pfütze, lag eine zusammengedrückte Flasche. Er nahm die Taschenlampe zwischen die Zähne, die sich dabei an den üblichen Stellen in die Gummiummantelung bohrten, und stupste die Flasche vorsichtig an. Im Innern befand sich ein Rest Flüssigkeit, der körnig wirkte.
Vielleicht handelte es sich nur um Sand.
Da er die Flasche dennoch nicht einfach zurücklassen wollte, fotografierte er sie hastig und schob sie in einen Plastikbeutel. Dann stand er auf und steckte sie in seine Westentasche, wo sie beim Atmen ablenkend knisterte.
Bourneville wartete, bis er sich aufgerichtet hatte, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Diesmal gab es keinen Weg, nur Wurzeln und Steine und den Drahtzaun an der Grundstücksgrenze des Retreat. Zwischen zwei Bäumen befand sich im Sand eine Vertiefung von der Breite eines Körpers, wo sich über die Jahre vermutlich so manches Kind für eine Weile vom Gelände entfernt hatte. Bourneville passte leicht hindurch, doch Cloister war kräftiger gebaut als der durchschnittliche Teenager. Der Draht zerrte an seinem Haar und seinem T-Shirt, als er sich hindurchschob, und zog an den Riemen seiner Weste.
Endlich auf der anderen Seite angekommen fand Cloister eine alte unbefestigte Straße vor. Die Radspuren darin waren knöcheltief und steinhart. Es sah aus, als wäre sie seit einiger Zeit nicht befahren worden. Cloister vermutete, dass es sich um die Zufahrt einer alten Farm handelte, auch wenn er nicht genau wusste, welche die nächste war. Nach fünf Jahren kannte er Plenty recht gut, jedoch nicht so gut wie jemand, der dort aufgewachsen war.
Bourneville kratzte wieder über den Boden und winselte heftig, um Cloister auf ihren Fund aufmerksam zu machen.
„Hör auf“, sagte Cloister. Während er über einen durch den Schweiß brennenden Kratzer in seinem Nacken rieb, kniete er sich neben sie. Das Gras neben der Straße war plattgedrückt und zerwühlt. Im Sand war eine frische Vertiefung zu sehen.
Die Flüssigkeit im Gras hatte diesmal nichts mit Getränken zu tun.
Cloister lehnte sich zurück auf seine Fersen, spürte das Ziehen seiner Oberschenkelmuskeln. Es hätte sich um einen harmlosen kleinen Sturz handeln können. Doch Bourneville hatte aufgehört zu suchen. Die Spur ging nicht weiter und auf dem Boden befand sich Blut.
Er nahm sich kurz Zeit, um Bourneville zu loben, ihr über den Rücken zu streicheln und ihr zu sagen, was für ein braver Hund sie sei. Dann nahm er sein Funkgerät und meldete seinen Fund. Etwas Kaltes breitete sich in seinem Magen aus.
Niemand benutzte das Wort Entführung. Noch nicht. Eine Panik auszulösen wäre nicht hilfreich gewesen und der Besitzer des Retreat war für einen ehemaligen Hippie sehr gut darin, Leute zu schmieren und schlechte Nachrichten verschwinden zu lassen. Außerdem war noch nichts bewiesen. Theoretisch könnte Drew in einer Stunde mit geschwollenem Knöchel in einem Graben gefunden werden oder im Krankenhaus auftauchen, weil ein hilfsbereiter Mensch am Straßenrand einen verletzten Jungen gefunden hatte.
Nur wusste Cloister, dass es nicht passieren würde. Der Junge hatte sich nicht verlaufen. Er war mitgenommen worden.
Cloister würde ihn trotzdem finden. Das war seine Aufgabe. Aber … Er unterbrach seinen Gedankengang. Nach dem Aber ließ die Hoffnung nach und so weit wollte Cloister noch nicht gehen. Bis ihm das Gegenteil bewiesen worden war, erwartete er einen glücklichen Ausgang.
Irgendwann musste es doch einen glücklichen Ausgang geben.
DER KAFFEE war typische Raststättenbrühe. Er hatte ihn in der Tankstelle gekauft, die außerdem frittierte Hähnchenmägen und schlaffe, runzlige Pommes frites anbot. Er schmeckte nach Fett und Benzin. Javi trank ihn trotzdem. Der Sonnenaufgang hatte soeben den zweiten Tag nach Drew Hartleys Verschwinden eingeleitet und Javi brauchte jedes bisschen klaren Verstand, auch wenn die Ränder etwas verschwammen.
„Du musst lernen, jede Gelegenheit zum Schlafen zu nutzen. In diesem Beruf ist jedes kleine Nickerchen besser als nichts.“ Es war Drews Großvater Saul Lee gewesen, der Javi diesen Rat gegeben hatte – allerdings ohne ihn selbst zu befolgen. Er war um drei Uhr morgens gestorben, und zwar noch im Büro an seinem Schreibtisch. Man hatte ihn mit dem Kopf auf einem Stapel Akten gefunden, neben ihm eine Tasse mit kaltem Kaffee.
Javi schuldete ihm etwas. Es war Sauls Eingreifen zu verdanken, dass Javi nach Phoenix hierher versetzt worden war, anstatt an einem ruhigen, unauffälligen Ort zu versauern. Bei Plenty handelte es sich nicht gerade um eine Touristenhochburg, doch es war eine solide Stufe auf der Karriereleiter. Auch wenn die Zustimmung seiner Vorgesetzten zu einem großen Teil darauf beruht hatte, dass es einen guten Eindruck machte, einen Mexiko-Amerikaner als Agenten in San Diego einzusetzen.
Allerdings würde sich das wahrscheinlich schnell ändern, wenn sein Name mit dem ungelösten Fall des verschwundenen Enkels eines hochrangigen FBI-Beamten in Verbindung gebracht wurde.
Sein eigener essigsaurer Zynismus ließ ihn schuldbewusst zusammenzucken, weil er eigentlich nicht so dachte. Zumindest hatte er sich bisher jedes Mal rechtzeitig gebremst.
„Am Ende zählen Ergebnisse, nicht gute Absichten.“ Auch das hatte ihm Saul gesagt.
MIT EINER Hand am Lenkrad leerte Javi seinen Kaffeebecher bis zum unappetitlichen Bodensatz, während er über die Hauptstraße von Plenty fuhr. Plenty war malerisch auf eine Weise, die Städte selten auf natürlichem Weg entwickelten. Die Geschäfte besaßen Bleiglasfenster und die Gehwege waren frei von Schmutz. Neben Joghurt-Grünkohl-Smoothies und Designerschuhen konnte man von Ureinwohnern hergestellten Schmuck erwerben, für das Dreifache der Summe, die dem Künstler für die Herstellung bezahlt wurde. Antiquitätenläden verkauften aufgearbeitete Möbel und Überbleibsel der aufgegebenen Farmen und Häuser.
Die hässlichere Seite von Plenty – die Drogenkartelle und der illegale Handel, die der Grund für eine FBI-Zweigstelle in der Stadt waren – wurde möglichst gut versteckt. Aus den Augen, aus dem Sinn, wenn man es sich leisten konnte.
Am Busbahnhof bog er links ab und lenkte sein Auto auf den hufeisenförmigen Parkplatz der Polizeistation. Einst war das Gebäude eine Fabrik gewesen – eiserne Maschinen, zerkratzte Holzböden und rote Backsteinmauern. Heute beherbergte es außer der Polizei das Stadtarchiv, die Leichenhalle und im oberen Stockwerk, in der ehemaligen Chefetage, das FBI. Glücklicherweise mussten sich nicht alle einen Eingang teilen.
Streifenwagen warteten in ordentlichen Reihen auf die Morgenschicht. An der Wand lehnte eine müde wirkende Frau in Jogginghose und einem T-Shirt mit „Auch Batman muss mal schlafen“-Aufdruck. Sie rauchte mit einer Verbissenheit, die auf mehr als das Bedürfnis nach Nikotin hindeutete. Ihr Haar, das einen matten, selbst gefärbten Kupferton aufwies, war zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden und unter ihren geröteten Augen waren dunkle Ringe zu sehen.
Als Javi aus dem Auto stieg, drückte sie die Zigarette an der Mauer aus. Sie hinterließ ein Komma aus Asche auf den Steinen.
„Scheiße“, sagte sie tonlos.
Bei ihrer ausdruckslosen Stimme war es schwer zu beurteilen, ob sie damit Javi über ihre momentane Gefühlslage aufklären oder einfach nur den Rest der Welt verfluchen wollte. Sie ging wieder hinein und ließ den mitgenommenen Zigarettenstummel auf dem Boden zurück.
Die Frau an der Rezeption hob den Kopf, als er eintrat.
„Special Agent Merlo“, begrüßte sie ihn. Sie legte eine Hand über die Sprechmuschel des Telefons, um ihre Stimme zu dämpfen. „Der Lieutenant erwartet Sie.“
DER KAFFEE einer Polizeistation schmeckte nicht besser als der einer Tankstelle. Allerdings wurde er einem so heiß serviert, dass die Geschmacksknospen nach kurzer Zeit zu betäubt waren, um es zu registrieren. Javi nippte an einer Tasse davon, während er die an der Wand befestigte Karte betrachtete. Rote Stecknadeln markierten den Aufenthaltsort von in der Nähe befindlichen Sexual- und Gewaltstraftätern wie ein Sternbild.
Draußen in den Hügeln hatte die Angst und Panik wegen des verschwundenen kleinen Jungen wie der Einschnitt in eine Idylle gewirkt. An einem solchen Ort passierten diese Dinge nicht. Nur taten sie es offensichtlich doch.
„Ich habe Deputies losgeschickt, um alle registrierten Perversen zu überprüfen“, sagte Lieutenant Frome hinter seinem Schreibtisch. Er leckte sich über den Daumen und rieb damit über einen Kaffeefleck an seinem Hemdsärmel. „Allerdings sind das nur die, die wir erwischt haben und die sich nach Vorschrift regelmäßig melden.“ Er unterstrich die Aussage, indem er müde mit den Schultern zuckte. Javi kannte die Probleme des Systems.
„Ich möchte Mr. Reed zu einer Befragung herbestellen“, sagte Javi. So hieß das freundlich auftretende, Fair-Trade-Kleidung tragende Reptil, dem der Retreat gehörte.
Frome runzelte die Stirn. „Sie glauben, er hat etwas damit zu tun?“ Er schüttelte zweifelnd den Kopf. „Wir hatten nie große Probleme mit ihm. Selbst als er mit Gras gehandelt hat, war es auf ruhige und höfliche Weise. Als wir raufgefahren sind, hat er uns das eine oder andere ‚Schwein‘ oder ‚Bulle‘ an den Kopf geworfen, aber da ging es wohl eher darum, den Schein zu wahren.“
„Seit der Retreat eröffnet wurde, gab es zwölf Beschwerden wegen sexueller Übergriffe und Belästigung.“
Frome zuckte mit den Schultern. „Ein paar Mädchen aus der Stadt, die auf eine Entschädigung von einem reichen Gast gehofft haben. Oder Teenager, die ein bisschen zu wild waren. Es war nichts Ernstes und niemand hat je angedeutet, dass Reed etwas damit zu tun hatte.“
Es kostete Javi Mühe, seinen neutralen Gesichtsausdruck beizubehalten. Frome war im Grunde kein schlechter Polizist, doch einige seiner Ansichten sorgten dafür, dass er manchmal hässliche Dinge sagte. Allerdings wusste Javi, dass es nicht helfen würde, ihn dafür zu kritisieren.
„Trotzdem“, antwortete er. „Er ist da oben der König. Ich würde gern an einem Ort mit ihm reden, an dem er sich nicht so wohlfühlt.“
Frome nickte und machte sich mit kratzendem Kugelschreiber eine Notiz. „Ich werde ihn bitten, herzukommen. Am besten sage ich, wir wollen uns über das Gelände unterhalten.“
„Und ein Officer sollte oben bei der Familie bleiben“, fügte Javi hinzu. „Wenn möglich zwei. Berufen Sie sich auf mich. Ich möchte jede Kleinigkeit wissen, die dort vor sich geht, wenn sie zusammen und wenn sie allein sind.“
„Ganz sicher?“, fragte Frome skeptisch. „Wir kennen sie alle. Sie sind gute Menschen. Lara arbeitet seit Jahren in der Notaufnahme. Sie hat Menschenleben gerettet. Das Leben von Deputies.“
„Bis wir mehr wissen, möchte ich möglichst keinen Druck auf die Familie ausüben“, antwortete er, „aber die Eltern und der Bruder haben den Jungen als Letzte gesehen. Es wäre fahrlässig, sie nicht im Auge zu behalten.“
Auch wenn es sich um eine unschöne Tatsache handelte, sah die Wahrheit etwas anders aus, als man bei den vielen Krimis mit verzweifelten, von rücksichtslosen Polizisten schikanierten Eltern vermutet hätte. Meistens – in vielleicht sieben von zehn Fällen – war der Täter nicht der unheimliche Nachbar oder der verdächtig wirkende Typ aus dem Laden. Stattdessen war es jemand aus der Familie, der ungehinderten Zugang zu einem Kind hatte und es beeinflussen konnte.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lara so etwas tun würde. Nicht bei ihrem eigenen Kind.“
In Javis Kopf tauchte das Bild der erschöpft wirkenden Frau auf, die vor der Polizeistation rauchte, als hätte sie sich eine Zigarettenpause genommen.
„Jeder abartige Perverse im Gefängnis hatte Menschen in seinem Leben, die es nicht für möglich gehalten hätten“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass sie ihrem Sohn etwas angetan haben. Das hoffe ich wirklich. Aber wenn es doch der Fall sein sollte, möchte ich sie nicht davonkommen lassen.“
Fromes Stuhl quietschte, als er sich darauf zurücklehnte. Sein Uniformhemd spannte sich etwas über dem in dieser Position sichtbaren Bauch. Er tippte so kräftig mit dem Kugelschreiber auf seinen Notizblock, dass er kleine Dellen hinterließ.
„Sie sollten mit Witte reden.“
Obwohl er sich nicht sehen konnte, spürte er, wie sich sein Gesicht zu einem geringschätzigen Ausdruck verzog. Er konnte es nicht verhindern. Deputy Witte hatte einfach diesen Effekt auf ihn.
„Worüber?“, fragte er. „Hunde und Countrymusik?“
Frome antwortete ihm mit einem amüsierten, jedoch nicht unbedingt zustimmenden Lächeln. „Unterschätzen Sie ihn nicht“, sagte er. „Auf seinem Gebiet leistet er sehr gute Arbeit.“
„Dabei, Hunden hinterherzulaufen?“
„Dabei, Menschen zu finden“, antwortete Frome. „Er arbeitet als freiwilliger Helfer beim Bergrettungsdienst von San Diego und ist außerdem für den Such- und Rettungsdienst bei Gebäudeeinstürzen ausgebildet. Im Augenblick befindet er sich nur deshalb nicht auf diesem Berg, weil ich ihn zurückgerufen habe, damit sein Hund etwas schlafen kann. Er hat mit mehr Vermisstenfällen zu tun gehabt, als wir beide zusammen es jemals werden. Und er war der erste Deputy da oben. Vielleicht ist ihm etwas aufgefallen. Wenn jemand helfen kann, dann er. Reden Sie mit Witte.“
Er zupfte das obere Blatt von seinem Schreibblock und streckte es Javi entgegen. Er nahm es und betrachtete die hingekritzelten Zahlen und Buchstaben. Eine Telefonnummer und eine Adresse. Javi zog eine Augenbraue hoch. Nicht der übliche Weg, auf dem er die Nummer eines Mannes bekam, aber na ja …
„Ich rede mit ihm.“ Er steckte den Zettel in die Tasche. „Lassen Sie mich wissen, wann Reed für eine Befragung zur Verfügung steht.“
Draußen sah er wieder die Frau im Batman-Schlafshirt. Diesmal saß sie weinend im Auto, einem mitgenommenen Ford, auf dessen Rückbank Taschen mit Kleidern und ein Schlafsack lagen. Obdachlos. Ein anwachsender Teil der Bevölkerung von Plenty, wo es Arbeit gab, aber keinen Ort zum Wohnen, wenn man sich kein zweistöckiges Haus mit Pool und Solaranlage leisten konnte.
Hätte sie ein vermisstes Kind gemeldet, wäre sie nicht mit Samthandschuhen angefasst worden, da war Javi sicher. Das Leben war nicht fair. Doch das wusste sie vermutlich schon.
JAVI MACHTE sich auf den Weg zum Stadtrand. Unterwegs bemerkte er, dass der Süßigkeitenladen geschlossen hatte und das Ladenlokal wie durch einen Einsiedlerkrebs von einem Starbucks in Besitz genommen worden war. Javi ließ seine Zungenspitze über die Rückseite seiner Zähne gleiten, wo er noch verbrannten Kaffee und den pelzigen Rückstand billiger Kondensmilch schmeckte. Endlich gab es in der Stadt einen Laden mit besserem Kaffee.
Vielleicht würde er sich später einen Becher besorgen. Erst einmal folgte er jedoch den Schildern zu Plentys reizloser Küstenlinie – mehr Schiefergestein als Sand – und der Wohnwagensiedlung, in der Witte das Klischee lebte.
Und da hatte Javi gedacht, er wäre beleidigend gewesen, als er den großen blonden Deputy bei ihrer letzten Auseinandersetzung als niveaulosen Hinterwäldler bezeichnet hatte.
Der Sunnyside Trailer Park beherbergte im Sommer Touristen. Obwohl es in Plenty nicht viel zu sehen gab – die malerische Hauptstraße, ein Weingut, das Rundgänge durch die Hügel nicht weit vom Retreat organisierte, und ein Höhlensystem am Strand, das hauptsächlich unter Wasser lag und in dem sich niemals Seehunde sehen ließen –, befand es sich dicht genug bei ernsthafteren Touristenzielen, um als Zwischenstopp genutzt zu werden.
Um diese Jahreszeit gab es viele freie Plätze. Die anderen wurden durch dauerhafte Gäste besetzt, deren Wohnwagen von niedrigen Zäunen und sonnengebleichten Gartenmöbeln umgeben waren. Bei den meisten handelte es sich um Saisonarbeiter, die von den Farmen als Erntehelfer beschäftigt wurden oder auf einer der Baustellen in der Umgebung tätig waren. Auch der eine oder andere Vagabund befand sich darunter, um sich hier mit Gelegenheitsarbeit und Kleinkriminalität zu beschäftigen, bis es ihn an einen anderen Ort zog.
Javi fuhr unter dem Holzschild mit abblätternder Schrift hindurch und stellte sein Auto auf dem halbmondförmigen Parkplatz neben einem nach altem Fruchtfleisch riechenden Pick-up ab. Einige Kinder spielten zwischen den Wohnwagen fangen. Sie trugen Badekleidung und besaßen die Sonnenbräune, die für das ganze Jahr an einem Strand lebende Menschen typisch war. Dünne Hunde mit kurzgestutztem Fell liefen ihnen bellend um die Beine.
Als Javi ausstieg, unterbrachen die Kinder ihr Spiel. Nach einigen misstrauischen Blicken auf seinen Anzug liefen sie davon, bevor er ihnen eine Frage stellen konnte.
Sehr hilfreich. Er schob seine Sonnenbrille etwas nach vorn, um die von Frome aufgeschriebene Adresse zu lesen.
Stellplatz 275. Alter silberner Airstream. Nicht zu übersehen.
Das stimmte. Als Javi den Kopf hob, fiel sein Blick auf die große, silberne Patronenform am anderen Ende des Parks, wo er zum Strand abfiel. Die Vorderseite war mit Dellen übersät und ein weißer Plastikzaun umschloss einen rechteckigen, spärlich bewachsenen Garten. Javi überquerte den unebenen Parkplatz, während er sich bemühte, den über seinen Nacken rinnenden Schweiß und den über seine Haut kratzenden Wind zu ignorieren.
Aus der Nähe wirkte der Wohnwagen makellos sauber. Als Javi die genoppten Stahlstufen erklomm, um an die Tür zu klopfen, hallte ein metallischer Klang durch die Luft. Niemand öffnete. Selbst der Hund war nicht zu hören. Javi ging wieder hinab, wobei er beinahe stürzte, als er mit der Ferse an einer der schmalen Stufen hängen blieb. Er hätte erst anrufen sollen. Auch wenn es ihm leichter vorgekommen war, es nicht zu tun.
Und vielleicht wollte er Witte wiedersehen, wie eine listige Stimme in seinem Kopf ganz spitz bemerkte. Natürlich nur, um sich daran zu erinnern, wie sehr Witte ihn nervte. Die Stimme klang wirklich sehr nach der, die er für herablassende Bemerkungen bei einem Verhör benutzte. Kein Wunder, dass Menschen darauf so gereizt reagierten.
Er fischte sein Handy und den Zettel aus der Tasche und rief die Messenger-App auf, um Cloister eine Nachricht zu schreiben. Gerade hatte er Melden Sie sich beim Büro getippt, als er von einer rauen, aus einiger Entfernung kommenden Stimme unterbrochen wurde.
„Jetzt mischen Sie sich schon unters gemeine Volk, Special Agent?“
Als Javi sich umdrehte, sah er Witte, der sich aus der Richtung des Strandes näherte.
Ein Paar Shorts aus weichem Stoff saß tief auf seinen Hüften und er hatte sich ein ausgewrungenes T-Shirt um den Hals gehängt. Aus seinem mit honigfarbenen Strähnen durchzogenen Haar tropfte Wasser auf seine whiskeygoldene Haut, die über den Rippen mit Tattoos verziert war. Das Muster wurde von blassem Narbengewebe durchbrochen.
Javi bekam einen trockenen Mund. So sieht also eine leibhaftige schlechte Entscheidung aus. „Gibt es etwas Neues über den Jungen?“, fragte Witte, als er auf der obersten Stufe stehen blieb, um sich mit dem T-Shirt über das Gesicht zu wischen. Der Hund schob sich zwischen seinen Beinen hindurch und setzte sich hechelnd auf Cloisters Füße, wobei seine Zunge über scharfen, weißen Zähnen aus seinem Maul hing.
„Bisher nicht“, antwortete Javi. Er hob eine Hand und kniff die Augen zusammen, um sie vor der Sonne zu schützen. „Können wir drinnen reden?“
Nachdem er ihn eine Sekunde lang prüfend gemustert hatte, zuckte Witte mit den Schultern und deutete einladend auf den Wohnwagen. „Klar. Gehen Sie rein. Die Tür ist nicht abgeschlossen.“
Javi schob die Tür auf und trat mit gesenktem Kopf ein, um sich nicht am Türrahmen zu stoßen. Im Innern roch es besser als erwartet und sämtliche Oberflächen waren peinlich sauber und aufgeräumt. Auch wenn er es sich selbst nicht als Wohnort ausgesucht hätte, musste er zugeben, dass man es schlechter treffen konnte.
„Wir waren letzte Nacht die Ersten“, begann Javi. Er sah sich um, als er sich von der Tür entfernte, damit Cloister eintreten konnte. Auf dem Küchentisch befand sich ein abgenutztes MacBook. Unter dem Fenster waren Bücher aufgereiht. In einer Ecke der Arbeitsplatte neben der Mikrowelle stand ein leerer Blumentopf. Für Polizisten häufig ein Hinweis auf illegalen Anbau. Als er sich wieder der Tür zuwandte, duckte Witte sich gerade hindurch. „Bisher haben wir nichts, also dachte ich, es könnte vielleicht helfen, noch einmal die erste Suche durchzugehen.“
„Von mir aus“, sagte Witte, während er sich an der Schulter kratzte. „Lassen Sie mich kurz das Salz abwaschen. Bon Bon, bleib.“
Der nachdrückliche Befehlston schien Javis Hoden zu umklammern und zuzudrücken. Gereizt biss er sich auf die Innenseite seiner Wange. Witte war nicht sein Typ. Er neigte zu klug, belesen und gebildet – mit eleganten Händen und leicht zu beeinflussen. Nicht zu großen, blonden, auf aggressive Weise heterosexuellen Proleten aus Kalifornien, die sich vermutlich selbst die Haare schnitten.
Witte war nicht hübsch. Nicht einmal gut aussehend. Mit seiner Adlernase und den kärglich groben germanischen Gesichtszügen konnte er sich noch ganz knapp an markant festklammern.
Was auch immer ihn also an Witte anzog, hatte nichts mit Attraktivität zu tun.
Womit er wirklich Glück hatte, denn Witte betrat die kleine Kabine, die das Badezimmer des Wohnwagens darstellte, und schien es nicht für nötig zu halten, die Tür ganz zu schließen. Der Spalt war gerade groß genug, um Bewegungen zu erkennen, den Umriss einer nackten Hüfte, das Klatschen eines nassen Waschlappens. Aber das war nicht das Wichtigste. Ein Voyeur beobachtete nicht, um nackte Menschen zu sehen. Stattdessen ging es um die Illusion von Intimität …
Und Intimität, ermahnte Javi sich, als er den Blick abwandte, war das Einzige, was er noch weniger wollte als einen Deputy aus einer Wohnwagensiedlung. Er setzte sich an den in einer Nische angebrachten Küchentisch und bemerkte, dass der Hund ihn beobachtet hatte, während er nicht Witte beobachtet hatte. Er saß mit um die Pfoten gelegtem Schwanz auf dem Boden und starrte ihn an.
Als Javi sich abwandte – er war sicher, einmal gelesen zu haben, dass man Blickkontakt bei Hunden vermeiden sollte –, fühlte er sich erneut von diesem ablenkenden Türspalt angezogen.
„Ist Ihnen im Retreat irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte er. Schuldbewusst erinnerte er sich daran, warum er eigentlich hier war. Ein Kind wurde vermisst, die Familie eines Freundes stand unter Verdacht und er ließ sich von Muskeln und einem knackigen Hintern ablenken. Gereiztheit machte seine Stimme schärfer. „Etwas, das Ihnen nicht wichtig vorkam oder das Sie nicht in Ihrem Bericht erwähnt haben?“
Witte stieß mit dem Ellbogen die Badezimmertür auf und kam heraus. Eine Hand hielt an seiner Hüfte ein Handtuch fest. Den Schweiß hatte er größtenteils abgewaschen, doch an seinen Schultern und Knien klebte noch etwas Sand. Seine Mundwinkel waren leicht gesenkt, seine Augen zusammengekniffen.
„Tauschen wir uns aus oder muss ich meine Arbeit verteidigen?“
„Haben Sie etwas zu verbergen?“, fragte Javi.
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, bereute er sie, doch das war wie üblich zu spät. Er fühlte sich in Wittes Gegenwart nicht ganz wohl und sein Gehirn wurde von einem unzufriedenen kleinen Gremlin gesteuert, der keine Ruhe zu geben schien, bis er dafür gesorgt hatte, dass sich Witte ebenfalls unwohl fühlte.
Glücklicherweise verfehlten die Worte diesmal ihr Ziel. Witte zuckte lediglich mit den Schultern.
„Sicher“, sagte er. „Deshalb gibt es Gewerkschaftsvertreter. Brauche ich meinen?“
„Nein“, antwortete Javi. „Sie brauchen eine Hose, aber nicht die Gewerkschaft. Tut mir leid. Ich bin müde. Mich schickt niemand nach Hause.“
Kurz fürchtete er, die Entschuldigung wäre nicht genug. Dann zuckte Witte erneut mit den Schultern und verschwand in einem anderen Raum. Die Tür schloss er auch jetzt nicht.
„Ich kümmere mich um Hunde, nicht um Ermittlungen“, sagte Witte. „Ich bin nicht sicher, was Sie von mir wollen.“
Dich ficken. Die Antwort tauchte mit einer solchen Deutlichkeit in Javis Kopf auf, dass er kurz fürchtete, sie laut ausgesprochen zu haben. Erst die fehlende Reaktion von Witte überzeugte ihn davon, dass er es nicht getan hatte. Der Gedanke blieb in seinem Kopf, nur weniger als Wort und mehr als die Vorstellung bestimmter Gefühle – Hitze, Hände, enge Wärme um seinen Schwanz.
Dass Witte nicht sein Typ war, schien nichts daran zu ändern. Er wollte ihn trotzdem, doch dazu würde es nie kommen. Selbst wenn er sich irrte, was seinen Eindruck von Witte als Musterbeispiel für den heterosexuellen Macho anging, hatte Javi grundsätzlich keinen Sex, wo er wohnte. Das führte nur zu Komplikationen. Also fasste er das ganze Durcheinander lustvoller Gedanken zusammen und schob es in seinen Hinterkopf aus seinem Blickfeld und aus dem Weg.
