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Nils Jent (49) überlebte mit achtzehn Jahren einen Motorradunfall. Als er aus dem Koma erwachte, konnte er sich nicht bewegen, war blind geworden und hatte seine Sprechfähigkeit verloren. Schritt für Schritt kämpfte er sich ins Leben zurück. Trotz seiner Behinderung lernte er nicht nur weitgehend selbständig zu leben, sondern studierte an der Hochschule St. Gallen Betriebswirtschaft. In seiner Doktorarbeit erbrachte er den wissenschaftlichen Beweis, dass die Zusammenarbeit von Behinderten und Nichtbehinderten nicht nur soziale, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bringt. Heute gehört er dem Team des Center for Disability and Integration (CDI) der Universität St. Gallen an. Seinen größten Erfolg sieht er darin, dass er nie aufgegeben hat. Eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2011
Röbi Koller
Ein Leben am Limit
Nils Jent war achtzehn Jahre alt, als er schwer verunfallte und sein Herz während einer Notoperation zweimal stillstand. Seither ist er blind, weitgehend gelähmt und schwer sprechbehindert. Die Ärzte gaben ihm keine Chance, jemals ein auch nur annähernd normales Leben zu führen. Dem Autor Röbi Koller ist es gelungen, die beeindruckende und tief berührende Geschichte eines Menschen aufzuzeichnen, der in seinem Alltag permanent Grenzen sprengen muss. »Dr. Nils Jent – Ein Leben am Limit« ist eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht.
»Wo wäre ich heute, wenn ich damals stehen geblieben wäre – im sinnlosen Nachsinnen und der Frage nach dem Warum? Eine Frage, auf die es nie eine Antwort geben wird.«
Nils Jent
Trailer »Unter Wasser atmen«: www.woerterseh.ch
Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte von natürlichen und juristischen Personen wurden einige der Namen geändert.
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2011 Wörterseh, Gockhausen
Lektorat: Claudia Bislin, ZürichKorrektorat: Andrea Leuthold, ZürichUmschlaggestaltung: Thomas Jarzina, HolzkirchenFotos Buchcover: Marcel Studer, ZürichLayout, Satz und herstellerische Betreuung: Rolf Schöner, Buchherstellung, AarauDruck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Print ISBN: 978-3-03763-021-1E-Book ISBN: 978-3-03763-503-2
www.woerterseh.ch
1. Teil – Nils Jent
Jenseits vom Jenseits
Pfingsten 1980
Ein guter Chirurg braucht viel Fantasie
Testpilot
Dunkelheit
Schachmatt
Rita
Signalisieren, dass man keinen Knall hat
Zukunft?
Verlobung
Kassetten
Ungeschützt
Wir haben Nils nie klagen gehört
Absturz
Zurück im Leben
2. Teil – Diversity
Warum Diversity?
Worum geht es genau?
Viel bewegt – und doch nichts erreicht?
Integration ist wahnsinnig anstrengend
Ein Nachmittag kann Wunder bewirken
Nachtrag
Danke
Quellenangaben und Links
Center for Disability and Integration
Das ist die Geschichte eines Menschen, dessen Kraft man mit Worten eigentlich nicht beschreiben kann. Man müsste, um ihm gerecht zu werden, eine neue Kategorie von Superlativen erfinden. Es ist die Geschichte eines Totgeglaubten, der wieder und wieder beweisen musste, dass er nicht nur überlebt hat, sondern dass mit ihm zu rechnen ist.
Ich möchte in diesem Buch das Leben des Nils Jent, Doktor der Ökonomie an der Hochschule St. Gallen, der seit einem schweren Motorradunfall im Jahre 1980 gelähmt, blind und sprechbehindert ist, erzählen. Weil seine Biografie vor mehr als dreißig Jahren nicht nur eine schockierende Wendung nahm, sondern auch höchst erfreuliche, erstaunliche und verblüffende Folgen hatte. Dass dieser Mann aus dem Jenseits, in welchem er sich nach dem Unfall vorübergehend befand, zurückkommen konnte, hat mit etwas zu tun, was bis anhin jenseits meiner Vorstellungskraft lag. Ich spürte, als ich Nils Jent kennen lernte, sofort, dass ich mich auf ihn einlassen und dafür sorgen wollte, dass mehr Menschen von ihm erfahren. Länge, Breite und Höhe definieren die Plastizität eines Körpers. Die Räumlichkeit bedingt drei Dimensionen, an diesem physikalischen Gesetz habe ich mich orientiert und deshalb drei Blickwinkel gewählt, aus welchen diese Geschichte erzählt werden soll.
Ein erster Blickwinkel ist der seiner Mutter Hélène Jent. Sie hat nach dem Unfall anfänglich täglich, später in größeren Zeitabständen minutiös Protokoll geführt über die kleinen und kleinsten Schritte, die ihr Sohn auf dem Weg der Besserung machte. Meist waren es Fortschritte. Aber es ist auch von Rückschlägen die Rede, von Enttäuschungen, Wut, Trauer, Unverständnis und vom ständigen Kampf für ein lebenswertes Leben. Die Mutter hat in ihren Tagebüchern tausend Fragen gestellt, auf die sie zum Teil bis heute keine Antworten gefunden hat.
Der zweite Blickwinkel ist der von Nils Jent. In den Spiegel schauen kann er nicht. Trotzdem hat er eine klare Sicht auf sein Leben und seine Leistungen. Wenn Jent über Jent spricht, nimmt er es sehr genau und leuchtet auch in die dunklen Winkel seiner Seele. Dass ihm die Rückkehr in die Welt der Lebendigen äußerst schwerfiel und dass er auf seinem Weg viele Hindernisse überwinden musste, davon erzählt dieses Buch. In zahlreichen Gesprächen hat mir Nils Jent über sein Leben Auskunft gegeben. Über jenes des Jugendlichen Nils, der in einer wohlbehüteten Umgebung im Aaretal aufwuchs, der viele Pläne hatte und gerade dabei war, sich seinen Platz in der Gesellschaft zu suchen. Über das Leben des fast toten Nils, der nach seinem schweren Unfall gelähmt, blind und unfähig war zu sprechen.
Die meisten Gespräche mit Nils Jent drehten sich um die Zeit nach Pfingsten 1980. Damals begann sein zweites Leben. Das Leben, das ihn bis heute dermaßen fordert, dass er täglich in unbekannte Welten vordringen muss und permanent am Limit läuft. Um dorthin zu gelangen, wo er heute ist, musste er gegen zahlreiche Widerstände ankämpfen. Er musste kreative Lösungen suchen, wo Barrieren unpassierbar erschienen, musste für sich reklamieren, was für andere selbstverständlich ist. Nur durch das wiederholte Sprengen von Grenzen kam Nils Jent seinem erklärten Ziel näher, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen und sich sowohl als Persönlichkeit als auch durch seine Arbeit Respekt zu verschaffen.
Die dritte Sicht auf Nils Jent ist meine eigene. Als die Idee, dieses Buch zu schreiben, an mich herangetragen wurde, dachte ich, die Aufgabe sei wie maßgeschneidert für mich, denn ich kenne mich mit Behinderten aus und habe keine Berührungsängste. In meiner Fernsehsendung »Quer« habe ich öfters Studiogäste interviewt, die physisch, psychisch oder sensorisch handicapiert waren. Auch habe ich Menschen mit Down-Syndrom oder Rollstuhlfahrer auf speziell für sie konzipierten Ferienreisen begleitet – nicht als journalistischer Beobachter, sondern als Betreuer. Ich hatte also mit gutem Grund das Gefühl, mich mit so einem Projekt auf sicherem Terrain zu bewegen und von selber Erlebtem profitieren zu können. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass die Begegnung mit Dr. Nils Jent für mich eine total neue Erfahrung werden würde. Schon bei meinem ersten Besuch im November 2009 merkte ich, dass ich noch nie einen Menschen von ähnlichem Kaliber kennen gelernt hatte. Der Dialog mit meinem Protagonisten war dann tatsächlich eine Herausforderung.
Zuerst musste ich lernen, Nils Jents Sprache zu verstehen. Menschen, die ihn zum ersten Mal reden hören, stufen ihn zuweilen als betrunken oder geistig behindert ein. Wegen der Lähmung seiner Zungen- und Gesichtsmuskeln hat er Mühe, Konsonanten deutlich zu artikulieren. So entstehen Wörter und Sätze, die für den ungeübten Zuhörer nur mit viel Fantasie einen Sinn ergeben. Die Gespräche, die ich mit Nils führte, waren anfänglich stockend und von vielen Rückfragen unterbrochen. Mit zunehmender Routine flossen die Dialoge aber problemloser. Viel wichtiger als die Kommunikation war aber, dass ich Nils’ Vertrauen gewinnen konnte. Denn er gab in unseren Gesprächen viel von sich preis, erzählte offen von Kämpfen und Rückschlägen, von Erfolgen und Niederlagen, Träumen, Visionen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Nicht alles, was wir besprochen haben, ist für die Öffentlichkeit bestimmt. Es galt, einen Weg zu finden, seine Privatsphäre zu respektieren.
Kurz nach unserem ersten Zusammentreffen habe ich Dr. Nils Jent zu einer außergewöhnlichen Veranstaltung der Universität St. Gallen begleitet: zur Eröffnungsfeier des Center for Disability and Integration (CDI), einer Forschungsstelle für die Integration von Behinderten, zu welcher der ehemalige US-Präsident Bill Clinton erwartet wurde. Eingefädelt hatte diesen prominenten Besuch Joachim Schoss, ein erfolgreicher deutscher Geschäftsmann, der sich seit einem schweren Unfall, bei dem er einen Arm und ein Bein verloren hat, emotional und finanziell für die Anliegen von Behinderten einsetzt. Schoss, dessen Stiftung MyHandicap das CDI mit einem namhaften Betrag sponsert, kennt Clinton seit längerem und hat es geschafft, ihn als Botschafter für seine Sache zu gewinnen.
Ich erwarte Nils vor der Einfahrt der Tiefgarage. Kurz vor neun Uhr kommt er mit dem Taxi an und steigt in den Rollstuhl um. Wir fahren mit dem Lift nach oben, wo Referenten, Journalisten und Gäste zur Pressekonferenz empfangen werden. Nils ist nervös. Er sagt, er wolle es nicht verbocken. Normalerweise sei er nur für sich selbst verantwortlich. Hier spüre er jetzt eine größere Last auf seinen Schultern. Er sitzt da und schweigt. Kaffee? Nein danke. Auch sonst nichts. Er wird verkabelt. Tonprobe.
Ich stelle mich den Leuten als Nils Jents Biografen vor, was ein bisschen voreilig ist, denn wir haben uns erst vor vier Tagen kennen gelernt und vereinbart, darüber nachzudenken, ob wir das Buchprojekt gemeinsam angehen wollen. Für Nils scheint das bereits entschieden zu sein. Er macht sich einzig lustig darüber, dass sein Biograf in der Öffentlichkeit bekannter sei als er.
Pressekonferenz mit dem Rektor der Universität, den beiden Direktoren des CDI sowie Joachim Schoss, Nils Jent und zwei Vertretern von Firmen, die Integration von Behinderten aktiv fördern. Schoss ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Durch seinen Motorradunfall, bei dem ihn ein Betrunkener in Südafrika von der Straße gefegt hat, sei er von einer Sekunde auf die andere in ein anderes Leben katapultiert worden, sagt er. Er habe lernen müssen, seine Defizite zu akzeptieren, in die Zukunft zu schauen und seine – nach wie vor zahlreichen – Chancen zu nutzen.
Nach der Pressekonferenz dislozieren wir in ein anderes Gebäude. Für Bill Clintons Auftritt wurden erhebliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Am Eingang werden die Gäste abgetastet und mit Metalldetektoren gecheckt. Es ist viel Prominenz zugegen. Ich erkenne einige, mit denen ich im Zusammenhang mit Themen rund um Behinderte schon einmal zu tun hatte: Rita Roos, die Direktorin von Pro Infirmis, die St. Galler Sicherheitsdirektorin Karin Keller-Sutter, der frühere Nationalrat Marc F. Suter, der seit einem Autounfall querschnittgelähmt ist, Nationalrätin Pascale Bruderer, heute in der Funktion als Vizepräsidentin der Bundesversammlung anwesend, Journalisten von Printmedien, vom Schweizer Fernsehen und von Radio DRS. Es gibt Häppchen, und wir müssen uns gedulden. Jene, die einen gelben Punkt auf dem Badge haben, dürfen später zu einer Fotosession und persönlichem Handschlag mit Bill Clinton.
Im Saal vor dem Rednerpult steht ein wunderschönes Blumenbouquet. Kurz vor Beginn der Veranstaltung wird es von Sicherheitsleuten entfernt. Mister Clinton habe eine Blütenstauballergie, heißt es. Der »Blick«-Fotograf schießt sein »Foto des Tages«: zwei Männer, die eine riesengroße Vase wegtragen.
Dann setzen sich die Gäste an runde Tische. Joachim Schoss tritt ans Rednerpult und begrüßt Bill Clinton, der sein Referat mit einer Anekdote eröffnet: Er bedanke sich bei der Vizepräsidentin des schweizerischen Parlaments für den freundlichen Empfang. Immer wenn er von offiziellen Politikern empfangen werde, denke er für kurze Zeit, er sei noch im Amt. »Aber es ist gut, dass ich es nicht mehr bin!«
Clinton spricht vierzig Minuten lang, ohne Manuskript. Konzentriert formt er seine Sätze, wie wenn sie ihm live einfallen würden. Rhetorik auf höchstem Niveau. Gar nicht typisch für einen Amerikaner seines Formats ist der ruhige Tonfall. Clinton zieht keine Show ab, sondern signalisiert, dass er wirklich meint, was er sagt. Ich beobachte das Publikum, wie es an Clintons Lippen hängt. Auch Nils Jent ist fasziniert von der Rede des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Aber er muss gleichzeitig weiterdenken. Ein Fernsehreporter will ihm hinterher ein paar Fragen stellen. Das treibt ihn um, denn er kann als Blinder schlecht einschätzen, wie er in Szene gesetzt wird, und muss Mitarbeiterinnen und Kollegen, denen er vertraut, um Unterstützung bitten.
Die Situation, der Nils Jent an jenem Novembermorgen ausgesetzt ist, spiegelt seinen Alltag. Das ist permanentes Multitasking. Mitten in einer Szene schon an die nächste denken. Antizipieren, evaluieren, organisieren: Nichts läuft von selbst. Dass Nils Jent als blinder, partiell gelähmter und sprechbehinderter junger Mann ein Gymnasium absolviert, die Matura gemacht und später doktoriert hat, dass er heute ein weitgehend selbständiges Leben führt und in seiner eigenen Wohnung lebt, hätte sich vor dreißig Jahren kaum jemand vorstellen können. Am wenigsten die Ärzte, die den jungen Mann nach seinem Unfall operierten. Aber auch nicht das Pflegepersonal, das ihn lediglich als Körper wahrnahm, dessen Herz zwar schlug, dessen Reaktionen auf die Umwelt aber anfänglich gleich null waren. Wenig Chancen gaben ihm auch die Physiotherapeutinnen, die ihm halfen, einen Teil seiner motorischen Fähigkeiten zurückzugewinnen. Die Invalidenversicherung, die Gelder für Nils Jent sprechen musste, war nur schwer von der Idee einer akademischen Ausbildung zu überzeugen. Die Berufsberater, die über seine Zukunft nachdachten, sahen für ihn, der mehrfach körperlich behindert war und blieb, paradoxerweise handwerkliche Arbeiten vor. Kaum jemand aus dem medizinischen, pflegerischen, therapeutischen, pädagogischen und administrativen Personal, der zuversichtlich genug gewesen wäre, Nils Jents Vision einer akademischen Laufbahn zu teilen. Gar nicht zu reden von jenen Menschen, die ihn aufgrund seiner undeutlichen Artikulation als geistig behindert einschätzten.
Nils Jent wurde vor allem von seinen Eltern unterstützt. Seine Mutter war die Erste, die merkte, dass er, der scheinbar reglos in seinem Bett lag, mit ihr kommunizieren wollte. Sie und ihr Mann Cuno waren es, die später geduldig nach einem Gymnasium suchten, das bereit war, ihren Sohn aufzunehmen. Hélène Jent nahm in der Folge die aufwendige Arbeit auf sich, die meisten Lehrmittel für Nils auf Kassetten zu sprechen, damit er über Kopfhörer den Schulstoff lernen konnte. Parallel dazu entwickelte Vater Cuno gemeinsam mit Nils eine spezielle Computertastatur, die sich mit dem Daumen der rechten Hand bedienen lässt. Eine Weiterentwicklung davon benutzt Dr. Nils Jent noch heute. Auch wenn ihn das Tippen viel Zeit kostet, lässt er es sich nicht nehmen, seine Mails sprachlich sorgfältig zu formulieren und sie nicht selten mit einer Prise Humor zu würzen. Niemand käme auf die Idee, ein mehrfach körperlich behinderter, blinder Mann hätte diese Zeilen geschrieben. Nachdem ich ihm Süßigkeiten mitgebracht habe, schreibt er: »Lieber Röbi – Die Schokonüsse waren lecker. Lieben Dank. Irgendwie fanden alle fix den Weg in meinen Mund. Das war übrigens eine ausgezeichnete Ergotherapieübung.« Oder, nach der mühsamen Suche nach einem Sitzungstermin: »Da wir wirklich vorwärtsmachen müssen, um den Schinken bis Ende Februar gekocht zu bekommen, ist Dienstag mit Zähneknirschen i. O.«
Im Dialog mit Dr. Nils Jent erlebte ich immer Überraschungen. Sowohl im Mailverkehr als auch in den Gesprächen. Das Denken ist seine Königsdisziplin. Analyse, Scharfsinn, Präzision, Tempo: Darin ist er Meister. Also gut, Nils. Ich werde versuchen, Schritt zu halten.
Seit ich Nils Jent kenne, sehe ich den Alltag nur noch als Ansammlung von Hindernissen: Treppen, Schwellen, einsteigen in Autos, aussteigen aus Bussen oder Zügen. Für jemanden wie Nils sind das Albträume. Die berührungsempfindlichen Bildschirme der Billettautomaten sind für ihn ebenso wertlos wie ein Handy, dessen Handhabung höchste feinmotorische Geschicklichkeit erfordert.
Ich fahre mit dem Zug von Zürich nach St. Gallen, um mit Nils zu arbeiten. Umsteigen im Flughafenbahnhof. Ich beobachte die Reisenden, denen Flüge in die ganze Welt bevorstehen. Ob sie sich auf ihre Ferien freuen oder geschäftlich unterwegs sind, kann ich nur erraten. Die meisten sind mobil, bewegen sich selbständig, benutzen Rolltreppen, orientieren sich an Anzeigetafeln und finden ihr Gate ohne fremde Hilfe.
Ich stehe vor Nils’ Haus, klingle und warte, wohlwissend, wie viel Anstrengung es für ihn bedeutet, um vom Büro zur Tür zu rollen und dort den Öffner zu drücken. Trotzdem werde ich ein bisschen ungeduldig und hoffe, dass ihm nichts passiert ist. Wie lange gebe ich ihm Zeit? Zwei Minuten? Drei Minuten? Was tue ich, wenn sich die Tür nicht öffnet?
Nils begrüßt mich mit einem Lachen. Wir erledigen zuerst ein paar Kleinigkeiten, für die er Hilfe benötigt. Zurzeit digitalisiert er seine CD-Sammlung, kann aber die Scheiben nicht selber in den Computer schieben. Ich helfe ihm dabei, und wir reden über unsere musikalischen Vorlieben. Die üppig-rockigen Siebzigerjahre haben es ihm besonders angetan. Musik aus unserer Jugend: Yes, Genesis oder Manfred Mann’s Earthband, deren Album »Solar Fire«, da sind wir uns einig, in die Top-100 der Rockgeschichte gehört.
Dann beginnt er, mir von jenem Wochenende im Mai 1980 zu erzählen, das sein Leben verändert hat.
Es ist sonnig und warm an jenem Pfingstsonntag, Nils und seine Freundin Dagmar gehen schwimmen und sind anschließend bei Dagmars Eltern zu einem Mittagessen im Garten eingeladen. Nils versucht, die freie Zeit zu genießen, denn er ist ziemlich ausgelaugt von der Vormatura, die er in den letzten Tagen und Wochen an der Juventus-Schule in Zürich absolvieren musste. Die Noten, die er soeben erhalten hat, sind alles andere als ermutigend. Trotzdem hat man ihm empfohlen, zur eidgenössischen Maturaprüfung anzutreten. Den Druck, der dadurch auf ihm lastet, spürt er auch an diesem freien Tag.
Wieder zu Hause, schließt sich Nils fünf Freunden an, die mit ihren Motorrädern einen Ausflug zum Pfingstlager der Pfadi planen. Man will den Jungs im Wald einen mitternächtlichen Überraschungsbesuch abstatten und ein paar Streiche spielen. Eine kleine, harmlose Tradition, ein bisschen kindsköpfig, wie sich Nils heute erinnert. Nils’ Kollegen sind zu jener Zeit ziemlich wild drauf. Bewegen sich auch mal am Rande der Legalität. Meist kommt man in einem leer stehenden Kellergewölbe zusammen, das man besetzt hält. Eine Bewilligung oder ein Einverständnis des Besitzers wurde nie eingeholt. Man hat sich da einfach breitgemacht und die Bude mit Brettern, die man auf dem Bau »gefunden« hat, ausgebaut. Nicht wirklich kriminell, aber auch nicht hundertprozentig sauber. Auch Nils Jent trifft man ab und zu in diesem Gewölbe an, er hält aber bewusst Abstand zum Kern der Gruppe. Was die Kollegen treiben, ist ihm nicht ganz geheuer, aber es interessiert ihn auch nicht sonderlich. Woher kommt dieser Flipperkasten? Das Bier? Er trinkt keines. Nicht wegen der zweifelhaften Herkunft des Alkohols, sondern aus Prinzip. Als passionierter Sportler ist Nils konsequent abstinent.
Die Gruppe fährt in den Wald und verbringt vergnügliche Stunden bei den Pfadfindern am Lagerfeuer. Man brät Würste und trinkt Cola. Gegen halb fünf Uhr morgens brechen die nächtlichen Besucher auf. Nils startet als Letzter, nachdem er noch erwähnt hat, dass seine 125er-Kawasaki kaum noch Benzin hat. Schon seit mehreren Kilometern fährt er auf Reserve.
Hélène und Cuno Jent, Nils’ Eltern, haben den Pfingstsonntag in den Bergen verbracht und sind am Montag nach Hause zurückgekommen. Wie sie den schicksalhaften Tag erleben, protokolliert die Mutter in ihrem Tagebuch:
»Wir waren in Flims. Es war so schön friedlich, wir waren am Caumasee. Am Montag fuhren wir rechtzeitig los und freuten uns auf einen Trunk bei schönstem Sonnenschein auf unserer Terrasse. Um 12.30 waren wir schon zu Hause.
Nanu, das Motorrad ist nicht da. Nils wird in die Badi gegangen sein bei diesem herrlichen Wetter, mutmaßten wir.
Dann in der Garderobe: Sporttasche am Boden. Er hat es eilig gehabt.
Im Zimmer: Merkwürdig, es scheint, als ob er nicht hier geschlafen hätte. Ich schiebe aufkeimende Sorgengedanken beiseite.
Ich nodere ein wenig im Garten, um mich abzulenken.
Telefon: Ich blicke auf. Cuno sitzt und spricht am Telefon …
Cuno steht am Fenster, erstarrt, kreidebleich, wie vernichtet – ich fliege zu ihm. Nils? Ja. Ein Unfall? Ja. Kantonsspital. Schlimm? Ja. – Nicht tot.«
Nicht tot. Eine treffende, wenn auch makabre Beschreibung von Nils Jents Zustand nach seinem Unfall. Nicht tot, aber auch nicht wirklich lebendig.
Nils selber erinnert sich nicht an den Unfall. Der genaue Verlauf ist aus seinem Gedächtnis gelöscht. Retrograde Amnesie, nennen das die Ärzte. Wenn Nils heute erzählt, stützt er sich auf vage Vermutungen. Er macht sich nach dem nächtlichen Ausflug auf der kurvenreichen Straße auf den Heimweg. Akkumulierte Müdigkeit? Ist er beim Fahren eingeschlafen? Hat ihn ein Tier erschreckt? Ist er sonst wie abgelenkt worden? Jedenfalls fährt er in einer unspektakulären Rechtskurve, bevor die Nebenstraße in die Hauptstraße einmündet, geradeaus und kracht direkt in eine Fußgängerunterführung hinunter. So muss es wohl gewesen sein, sagt er. Übersetzte Geschwindigkeit wird nachträglich ausgeschlossen, das Motorrad war mit 50 km/h unterwegs, wo 60 km/h erlaubt waren, das beweist der Tacho, der nach dem Unfall stehen geblieben ist. Für ein Fremdverschulden gibt es keinerlei Hinweise, das werden die Ermittlungen später ergeben. Alkohol war nicht im Spiel.
Augenzeugen gibt es keine, zu Hilfe kommt vorerst niemand. Nils liegt schwer verletzt in der Unterführung und kämpft ums Überleben. Er hat sich beim Aufprall heftige Quetschungen, mehrfache innere Verletzungen und unzählige Brüche zugezogen. Immer wieder fällt er in Ohnmacht. Er befindet sich in einem Zustand zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit. Sein Arm ist gebrochen, trotzdem schafft er es irgendwie, den Helm auszuziehen und das Motorrad, das auf ihm liegt, wegzuschieben. Minuten, Stunden vergehen. Nils wird immer schwächer. Vermutlich ist ihm bewusst, dass um diese Tageszeit kaum Hilfe zu erwarten ist.
Nach dem nächtlichen Ausflug kommen die Freunde mit den Motorrädern zu Hause an und stellen fest, dass Nils fehlt. Er wird wohl einen anderen Weg gewählt haben, diskutieren sie, obwohl das angesichts seines knappen Benzinvorrats eher unwahrscheinlich ist. Sie warten eine Zeit lang und beschließen dann, den Weg noch einmal zurückzufahren und nach ihrem Freund zu suchen. Sie finden weder ihn noch das Motorrad. Wieder zurück, warten sie abermals und werden zunehmend unruhig. Jetzt wollen sie noch einmal gründlich nachsehen, ob Nils nicht doch in einer Kurve oder einer unübersichtlichen Stelle einen Unfall gebaut hat und neben der Straße liegt. Sie fahren die Strecke ein zweites Mal ab und machen mehrmals Halt. Aber auch diese Suche bleibt erfolglos. Keine Spur von Nils.
Später wird ihnen bewusst werden, dass sie, ohne es zu wissen, viermal die Stelle passiert haben, wo ihr Freund in der Unterführung im Sterben lag. Weil man schließlich Nils auch nach der zweiten Suche nicht findet, hofft man darauf, dass er aus einem ganz anderen Grund den Anschluss zur Gruppe verloren hat. Vermutlich ist er seinen eigenen Weg gegangen, wie schon öfters vorher. Zudem hatte er doch irgendwo noch eine Freundin. Also: Kein Grund zur Sorge. Die Freunde trennen sich im Morgengrauen, ohne dem Vorfall weitere Beachtung zu schenken.
Nils Jent wird am Montag des 26. Mai, morgens gegen acht Uhr von zwei Buben entdeckt. Sie hören schwache Hilferufe aus der Fußgängerunterführung, gehen hin und finden einen jungen Mann, der halb bewusstlos neben seinem Motorrad liegt. Die Buben rennen nach Hause, ihre Eltern rufen die Polizei an. Kurze Zeit später ist die Ambulanz am Unfallort. Die Sanitäter finden Nils Jent bei Bewusstsein. Der Arzt rät ihm, nicht zu sprechen, das sei nicht gut in seinem schwachen Zustand.
Im Bericht der Ambulanzsanitäter liest sich Nils Jents Zustand am frühen Morgen des 26. Mai 1980 so:
Notfallstatus: Ansprechbar, zeitlich ordentlich, autopsychisch bestens orientiert, örtlich nicht orientiert. Retrograde und anterograde Amnesie. Kein Foetor äthylicus [Alkoholfahne – Anm. des Autors] ex ore [aus dem Mund].
Pupillen mit diskreter Anisocorie, seitengleich und prompt auf Licht reagierend. Leicht somnolent [schläfrig].
BD P, Herztöne nach re lateralisiert, keine pathologischen Geräusche.
Lungen perkutorisch hypersonor li, VA bds.
Abdomen relativ hart, keine Dolenzen, kein Loslassschmerz, keine Klopfdolenz. Leberrand am Rb, Milz nicht palpabel. Nierenlogen leicht indolent.
Kein Stauchungsschmerz von Thorax und Rücken.
Re Oberschenkel fast 90 Grad abduziert und aussenrotiert, im Kniegelenk auch ca. 90 Grad. Trochanter maior re nicht auffindbar, federnde Hemmung bei Adduktionsversuch.
Li. Oberarm stark geschwollen im Schultergelenksbereich. Functio laesa mit Crepitation bei Bewegung im Schultergelenk. Periphere Sensibilität, Motilität und Vaskularisation des Armes li. wie des Beines re völlig intakt. Occlusion der Zähne intakt.
Vorsichtig hieven die Sanitäter den verrenkten Körper mit dem abstehenden rechten Bein auf die Bahre, leiten lebensrettende Sofortmaßnahmen ein und transportieren den Schwerverletzten mit Blaulicht ins Kantonsspital Baden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn obwohl Nils Jent in akuter Lebensgefahr schwebt, ist an eine Operation vorerst nicht zu denken. Zu instabil ist sein Zustand, als dass sein Körper die Strapazen eines mehrstündigen Eingriffs aushalten würde. Der leitende Arzt der Notfallstation entscheidet: Es wird erst operiert, wenn der Patient stabilisiert ist.
Nach der Stabilisierung des Kreislaufes und der Atmung wird Nils Jent einem komplizierten mehrstündigen chirurgischen Eingriff unterzogen. Eigentlich sind es mehrere Eingriffe gleichzeitig, die unter der Leitung des Oberarztes der Chirurgie vorgenommen werden.
Der Operationsbericht beginnt mit der Zusammenfassung der Diagnose:
- Traumatische Milzruptur
- Leberruptur
- Nierenruptur links
- Dünndarmläsion
- Commotio cerebri [Hirnerschütterung]
- Hüftgelenksluxation re.
- subcapitale Schulterluxationsfraktur li.
- Hämatopneumathorax links bei Rippenserienfrakturen links
- intraop. Herzstillstand
Dann eine Übersicht über die verschiedenen Eingriffe:
- unblutige Frakturreposition an der rechten Hüfte und li. Schulter
- Splenektomie [Entfernung der Milz]
- Lebertamponade
- Dünndarmnaht
- Bülaudrainage links
- offene Herzmassage
- Drainage von Herzbeutel, Mediastinum, Leber und Milzloge
Schließlich der ausführliche Bericht über die Operation, die gesamthaft drei Stunden dauert:
Der 18jährige Patient kommt nach einem Töff-Selbstunfall in schockierendem Zustand zu uns. Er ist ansprechbar, hat jedoch eine retrograde Amnesie für den Unfall.
Die notfallmässig durchgeführten radiologischen Aufnahmen lassen keine Schädelfraktur erkennen, jedoch eine Schulterluxation mit Fraktur sowie eine Hüftgelenksluxation und Rippenserienfrakturen. Daneben erkennt man auf dem Thoraxbild einen ausgedehnten Hämatopneumathorax mit Verschiebung des gesamten Mediastinums auf die rechte Seite.
Der Patient wird sofort intubiert und eine Bülaudrainage eingelegt, aus der reichlich Blut fliesst. Reposition der Schulter wie auch der rechten Hüfte, anschliessend Laparotomie.
Nach Eröffnen des Peritoneums erkennen wir eine ausgedehnte Blutung auf beiden Seiten der Därme. Es fällt eine stark geborstene Milz auf, die notfallmässig entfernt werden muss. Auch in der Leber palpieren wir auf der Dorsalseite caudal einen ca. 3–4 cm langen Riss. Da operativ der Zugang zu diesem Riss nicht möglich ist, wird er mit Tabotamp und Spongostan tamponiert. Sowohl im Retroperitoneum auf der rechten Seite wie auch links findet sich ein Hämatom, wobei das linksseitige deutlich grösser ist und als Nierenriss links gewertet werden muss, was auch mit der Hämaturie vereinbar ist.
Die Revision des Darmes lässt im mittleren Dünndarmbereich einen mit Blut gefüllten Darm erkennen sowie eine Dünndarmläsion. Dabei ist an dieser Stelle der Darm auf ca. 1 cm gerissen bis auf die Serosa. Die eingerissene Stelle wird übernäht. Ansonst zeigt weder der proximale Dünndarm noch der disterale eine Läsion, auch enthalten sie kein Blut wie der mittlere, blaugefärbte Abschnitt.
A.P. für Verletzungen anderer Organe, z.B. des Pankreas, finden sich keine. Wir legen nach sorgfältiger Blutstillung im Abdomen ein Drain in die Milzloge sowie eines in die Leberloge ein.
Nach diesen komplexen Eingriffen an verschiedenen Organen scheint man Nils Jents Gesundheitszustand einigermaßen im Griff zu haben. Die Chirurgen bereiten das Vernähen der Wunde vor und beginnen sich zu entspannen. Die Operation dauerte mehrere Stunden und war aufwendig, aber sie hat sich gelohnt. Dem Patienten wird es bald wieder besser gehen, denken sie. Dann aber passiert etwas, womit niemand gerechnet hat. Nils Jents Herz steht plötzlich still. Sein Kreislauf kollabiert.
Während des Verschliessens des Peritoneums macht der Patient einen Herzstillstand, so dass wir die Operation unterbrechen und den Patienten mit äusserer Herzmassage und mit Adrenalin zu reanimieren versuchen. Nachdem das nach 1½ Minuten nicht gelingt, entschliessen wir uns zur offenen Herzmassage, indem wir das Sternum distal spalten und das Zwerchfell einschneiden. Auf diese Weise gelangen wir von unten her in den Herzbeutel zum Herzen, das nun manuell massiert wird. Nach ca. 2 Minuten gelingt es, ein Kammerflattern zu erzielen, das wir mit Elektrokonversion in einen Sinusrhythmus umpolen wollen. Das Herz steht jedoch erneut still, so dass wieder von Hand massiert werden muss. Nach weiteren 3 Minuten offener Herzmassage übernimmt plötzlich das Herz wieder den Rhythmus mit einem Sinusrhythmus und einer Frequenz von ca. 60, die dann langsam zunimmt bis 120.
Verschluss des Zwerchfells mit einer fortlaufenden 3-Chromcatgutnaht sowie mit Vicryl-EKN. Nach ventral wird der Herzbeutel nicht ganz verschlossen, da es noch leicht blutet und eine Herztamponade vermieden werden soll. Ein zweites Redon wird ventral des Herzbeutels eingelegt.
Anschliessend wird das Sternum wieder adaptiert mit Vicryl-EKN und das Abdomen schichtweise verschlossen.
Für Nils Jent wird später klar, dass es kein Zufall gewesen sein kann, dass er überlebt hat. Vielmehr muss es sich hier um die Manifestation der Energie handeln, die weit über das hinausgeht, was wir als Menschen erfassen können. Im Christentum nennen wir es Gott, in anderen Religionen gibt es andere Namen dafür, aber es geht immer um das Gleiche, sagt er: etwas, was übermächtig ist, groß und erhaben. Er ist überzeugt, dass wir Menschen, wenn wir meinen, alles im Griff zu haben, in Wirklichkeit nur einen kleinen Ausschnitt eines Größeren sehen und kontrollieren. Es muss einen Grund geben, warum sein Herz nach sechs bis acht Minuten Pause wieder zu schlagen begonnen hat. Nils Jent glaubt nicht an Zufälle.
Gespräch mit Dr. Hans Kyburz
Dr. Hans Kyburz leitete 1980 die Notfalloperation am Unfallpatienten Nils Jent. Auf meine telefonische Anfrage hin reagiert der Chirurg sofort: Er erinnere sich an Nils Jent, so wie er sich an viele Patienten – vor allem an jene, deren Operationen kompliziert waren – erinnere. Wir treffen uns in seiner Praxis. Ich habe ihm den damaligen OP-Bericht mitgebracht, den Nils’ Eltern mir zur Verfügung gestellt haben. Die Aufzeichnungen wecken seine Erinnerungen, die präzise sind, wenn auch genaue Zeitangaben über die Dauer der Operation heute nicht mehr möglich sind.
Dr. Kyburz, erinnern Sie sich daran, was Sie gedacht haben, als Nils Jent bei Ihnen eingeliefert wurde?
Dr. Kyburz: Ich war schockiert. Der junge Mann war in absolut besorgniserregendem Zustand, fast ausgeblutet und nicht richtig bei Bewusstsein. Wir fragten uns als Erstes, was passiert war. Wir wussten nicht, ob Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen waren oder ob es lediglich ein Unfall war. Es ging um Leben und Tod.
Wie lief die Einlieferung ab?
Er wurde kaum ansprechbar, blass und mit kaltem Schweiß auf die Notfallstation gebracht. Alles deutete auf einen Schock hin. Wir prüften zuerst alle lebenswichtigen Funktionen: Schlägt das Herz? Atmet er? Reagieren seine Augen? Kann er Finger und Füße bewegen? Was für Schmerzen hat er? Das Problem war, dass er wenige Reaktionen zeigte. Aus Erfahrung wissen wir, dass die Patienten, die nicht schreien, sondern apathisch wirken, in einem gefährlichen Zustand sein können.
War er bewusstlos?
Nicht ganz. Aber auch nicht ganz wach. Ich konnte ihm keine Fragen stellen. Haben Sie Drogen genommen? Haben Sie Alkohol getrunken? Meine Fragen waren für ihn nicht mehr wichtig. Das war merkwürdig.
Wo beginnt man in so einer Situation als Chirurg mit der Arbeit?
