Dr. Stefan Frank 2529 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2529 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Nichts zu verlieren Anina wagt noch einmal alles Eigentlich waren die Hebammenschülerin Anina und ihre ältere Schwester Elena immer ein Herz und eine Seele. Der frühe Tod ihrer Eltern hatte sie nur noch enger zusammengeschweißt. Doch eine Nacht vor über drei Jahren hat plötzlich alles verändert. Seit jener Nacht - in der Furchtbares geschehen ist, für das Elena ihrer Schwester die Schuld gibt - ist der Kontakt der beiden abrupt abgebrochen. Kein Wort haben sie seitdem miteinander gesprochen. Anina leidet sehr unter dieser Situation, aber all ihre Versuche, Elena zu einer Versöhnung zu bewegen, sind gescheitert. Die Ältere will nichts mehr von ihr wissen. Zu schwer wiegen die Geschehnisse von damals; offenbar werden diese für immer zwischen ihnen stehen. Doch dann wird Elena in die Münchner Waldner-Klinik eingeliefert, in der Anina ihre Ausbildung absolviert, und auf einmal überschlagen sich die Ereignisse. Ereignisse, welche die gesamte Klinik in Atem halten, und bei denen Anina plötzlich alles auf eine Karte setzen muss, um ihre Schwester zu retten - und womöglich sogar endlich wieder zurückzugewinnen ...

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Seitenzahl: 129

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Inhalt

Cover

Impressum

Nichts zu verlieren

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: wavebreakmedia / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-8959-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Nichts zu verlieren

Anina wagt noch einmal alles

Eigentlich waren die Hebammenschülerin Anina und ihre ältere Schwester Elena immer ein Herz und eine Seele. Der frühe Tod ihrer Eltern hatte sie nur noch enger zusammengeschweißt. Doch eine Nacht vor über drei Jahren hat plötzlich alles verändert. Seit jener Nacht – in der Furchtbares geschehen ist, für das Elena ihrer Schwester die Schuld gibt – ist der Kontakt der beiden abrupt abgebrochen. Kein Wort haben sie seitdem miteinander gesprochen.

Anina leidet sehr unter dieser Situation, aber all ihre Versuche, Elena zu einer Versöhnung zu bewegen, sind gescheitert. Die Ältere will nichts mehr von ihr wissen. Zu schwer wiegen die Geschehnisse von damals; offenbar werden diese für immer zwischen ihnen stehen.

Doch dann wird Elena in die Münchner Waldner-Klinik eingeliefert, in der Anina ihre Ausbildung absolviert, und auf einmal überschlagen sich die Ereignisse. Ereignisse, welche die gesamte Klinik in Atem halten und bei denen Anina plötzlich alles auf eine Karte setzen muss, um ihre Schwester zu retten – und womöglich sogar endlich wieder zurückzugewinnen …

Die Luft duftete nach Schnee.

Aaron Wiesner liebte es, wenn sich der Herbst allmählich dem Winter zuneigte. Jetzt war die Jahreszeit für Bratäpfel, Kaffee mit einem Hauch Vanille und lange Leseabende in dem alten Sessel, den sein Großvater ihm geschenkt hatte, als er sich an der Uni eingeschrieben hatte.

Das Leder war schon abgegriffen, aber so unendlich bequem, dass man stundenlang darin sitzen konnte, ohne Rückenbeschwerden zu bekommen.

Aaron konnte der Hitze des Sommers nicht viel abgewinnen. Dafür freute er sich auf die kühleren Jahreszeiten, wenn ihm der Schweiß nicht schon beim Denken ausbrach und wenn die ersten Flocken fielen und alles Düstere zudeckten.

Lange konnte es nicht mehr dauern: Der Himmel wölbte sich bereits in einem satten Eisgrau über München. Die schweren Wolken hingen voller Schnee. Nach den regnerischen Tagen der vergangenen Wochen sehnte sich Aaron nach dem Weiß des Winters.

Die Rollski an seinen Füßen glitten beinahe lautlos über den glatten Asphalt. Aaron beugte die Knie noch ein wenig mehr, neigte sich nach vorn und nahm Tempo auf. Mit weit ausholenden Schritten preschte er vorwärts. Die Stöcke hielt er nach hinten. Er brauchte sie nur, um sich abzustoßen.

Seine Trainingsstrecke folgte dem Isarufer. Auf dem Geh- und Radweg war so spät abends kaum noch jemand unterwegs, deshalb konnte Aaron seine Geschwindigkeit erhöhen. Sein Herz pumpte kraftvoll in seiner Brust. Er schwitzte, aber die Anstrengung spornte ihn an, weiter und weiter zu laufen.

Die feuchte Luft verschluckte das Licht der Straßenlaternen beinahe, aber er hätte die Strecke notfalls auch mit verbundenen Augen gefunden, so oft war er sie schon gefahren.

Sein Sport war der Biathlon: Langlauf auf Skiern und Schießen. Das hatte sein Vater, ein ehemaliger Athlet, von klein auf mit ihm trainiert. Aaron hatte schon früh eine Begabung für den Wintersport gezeigt, und sein Vater hatte ihn gefördert, wo er nur konnte. Nach seinem Tod war Aaron drangeblieben. Er hatte weitergemacht, damit sein Vater stolz auf ihn sein konnte, wo auch immer er nun war.

Mit eiserner Disziplin trainierte er jeden Morgen und jeden Abend. Es war eine Versuchung, das Training ausfallen zu lassen, wenn seine Kommilitonen feiern oder ins Kino gingen, aber dann erinnerte er sich daran, wie dankbar er für die Chancen sein musste, die sich ihm boten, und machte weiter.

Der Sport hatte ihm Türen geöffnet, von denen er früher nicht einmal etwas geahnt hatte. Er studierte mit Hilfe eines Stipendiums und hatte Aussichten, sich bei der nächsten Olympiade mit den weltbesten Biathleten zu messen.

Vor ihm führte der Weg nun bergan, wurde steiler und anstrengender. Aaron wusste, was er seinem Körper abverlangen konnte. Er stemmte sich kraftvoll gegen den Anstieg.

Seine Rollski waren genauso schmal wie seine Winterski, allerdings wesentlich kürzer. An beiden Enden waren sie mit jeweils einer leicht laufenden Rolle ausgestattet, die es ihm erlaubte, über beinahe jeden Untergrund zu fahren. Das hier, das war sein Leben. Sein Sport. Hier lebte er auf. Nein, dafür lebte er.

Ein Privatleben hatte er kaum, bis auf seine Bücher natürlich, aber wenn er sich einsam fühlte, sagte er sich, dass er für seine Ziele Opfer bringen musste. Und das scheute er nicht.

Der Wind frischte auf und zerrte an Aarons braunen Haaren. Laub wirbelte ihm entgegen wie ein lebhafter Vogelschwarm. Ein Paar schlenderte ihm Arm in Arm entgegen, und sekundenlang empfand er einen Stich in der Brust.

Neben der Uni und seinem Sport blieb ihm keine Zeit für ein Privatleben. Er war schon froh, wenn er es alle paar Wochen schaffte, mit seiner Familie zu telefonieren oder zu chatten, ein Besuch war nur selten drin. Ein Haustier? Undenkbar. Wann sollte er sich darum kümmern? Seine Garderobe behandelte er sorgsam, weil ihm schlicht die Zeit fehlte, sie zu ersetzen.

Aaron glitt schwungvoll weiter. Die Bewegungen auf den Rollskiern waren ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen. Sie glichen denen auf Winterskiern, deshalb waren sie optimal für sein Training in der schneefreien Zeit. Er legte an Tempo zu, holte kraftvoll aus – und bemerkte plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung.

Da rannte jemand in seine Richtung! Nein, nicht jemand: ein Hund! Genauer gesagt, ein Dalmatiner! Er stürmte mit langen Sätzen über die Wiese, wirbelte Laub auf und hielt geradewegs auf Aaron zu!

Der Vierbeiner war nicht angeleint und sein Besitzer nirgendwo zu entdecken. Aaron hatte allerdings auch keine Gelegenheit, sich nach seinem Menschen umzuschauen, denn ein Zusammenstoß schien unvermeidlich!

Gedankenschnell beugte Aaron die Knie, riss die Fersen nach vorn und wollte abbremsen, aber die Zeit reichte nicht aus.

Ich werde das arme Tier überfahren, schoss es ihm im selben Augenblick durch den Kopf, in dem er bereits handelte: Er ließ sich in vollem Tempo nach rechts fallen!

Es war das Einzige, was er tun konnte, wenn er den Dalmatiner nicht verletzen wollte. Es war jedoch auch eine fatale Entscheidung aus diesem Tempo heraus, denn er stürzte hart auf den Boden.

Sein rechtes Knie wurde verdreht. In der nächsten Sekunde explodierte ein scharfer Schmerz in seinem Bein. Es fühlte sich an, als würde ihm das Bein am Knie abgerissen!

Rötliche Sterne flammten vor seinen Augen auf und zerstoben in blutroten Schlieren. Ihm wurde speiübel vor Schmerz. Er hörte einen Schrei und realisierte nicht, dass er aus seiner eigenen Kehle kam.

Just in der Sekunde, in der er sich auf dem Erdboden wiederfand, drehte sich ihm der Magen um, und er erbrach sein spärliches Abendessen geradewegs auf den Asphalt. Der Dalmatiner machte derweil kehrt, huschte davon wie ein Schatten und verschwand in den Büschen.

Mühsam versuchte Aaron, sich aufzusetzen. Er sank jedoch sogleich wieder auf den Boden, als etwas in seinem Knie unangenehm knirschte. Er wurde fast ohnmächtig vor Schmerz. Sein rechtes Bein ließ sich weder strecken noch beugen.

Nein, flehte er und umklammerte sein rechtes Bein. Nein, bitte. Alles, nur das nicht!

***

„Es soll aufhören. Bitte. Ich halte das nicht mehr aus!“ Tränen rollten der jungen Mutter über die Wangen. Sie verschränkte die Arme vor ihrem Oberkörper und schaukelte auf ihrer Matratze vor und zurück.

Neben ihr weinte ihr Baby in seinem Bettchen. Es ruderte mit den winzigen Fäustchen durch die Luft, als würde es gegen einen unsichtbaren Gegner kämpfen. Sein Vater stand daneben und zog hilflos die Schultern hoch.

Ruhe bewahren und Ruhe ausstrahlen, rief sich Anina die erste Lektion ihrer Hebammenausbildung ins Gedächtnis. Und bloß nichts fallen lassen, hatte ihre Lehrhebamme hinzugefügt und mahnend von einer Schülerin zur anderen geblickt.

„Nehmen Sie Ihren Sohn, und laufen Sie ein bisschen mit ihm herum, Herr Wieland“, schlug sie vor. Sie hob den Säugling hoch und legte ihn seinem Vater in den Arm.

Der Mann starrte das Baby so unsicher an, als hätte sie ihm soeben eine Handgranate überreicht. Dann begann er jedoch, vor dem Fenster auf und ab zu laufen.

Herr Wieland arbeitete auf dem Bau und war ein Hüne von Mann. Das winzige Bündel verschwand beinahe vor seiner breiten Brust. Er wiegte es sacht. Seine Nähe verfehlte ihre Wirkung nicht: Das Weinen ließ nach, und bald schlummerte das Baby ein.

Die junge Mutter zitterte.

„Warum bekomme ich das bloß nicht hin?“, wisperte sie. „Ich kann Immobilien verkaufen und Geschäfte abschließen, bei denen es um sechsstellige Summen geht, aber ich schaffe es nicht, meinen Sohn zu stillen. Es tut so weh!“

„Darf ich einmal nachschauen?“ Anina deutete auf die Brust der Mutter. Pia Wieland hatte vor fünf Tagen entbunden. Bei der Geburt hatte es Komplikationen gegeben, deshalb durfte sie noch nicht nach Hause gehen. Als Anina sie nun untersuchte, zuckte sie bei der kleinsten Berührung vor Schmerz zusammen.

Ein Wunder war das nicht. Ihre Warzenhöfe waren dunkel, was ganz normal war. In der Schwangerschaft waren sie stärker pigmentiert. Ein Trick der Natur, weil Babys anfangs nur hell und dunkel unterscheiden konnten und so leichter den Weg zur Nahrungsquelle fanden. Der Rest der Brüste war prall angefüllt und von Venen gezeichnet. Statt Milch tropfte jedoch Blut aus den Brustwarzen!

Anina krümmte sich innerlich, ließ sich jedoch nichts anmerken.

„Wundheilsalbe und ein Schmerzmittel werden Ihre Beschwerden lindern“, sagte sie sanft. „Aber vielleicht überlegen Sie sich, die Ernährung Ihres Sohnes auf Fläschchen umzustellen?“

„Auf keinen Fall!“ Noch mehr Tränen kullerten der Wöchnerin über die Wangen. „Ich möchte Linus unbedingt stillen. Er soll später nicht dieselben Schwierigkeiten haben wie ich. Ich habe so viele Allergien und Unverträglichkeiten, dass ich ständig aufpassen muss, was ich esse. Das Stillen schützt Babys angeblich vor Allergien. Linus soll diesen Schutz mitbekommen.“

„Das verstehe ich.“ Anina nickte.

„Bitte, ich will das schaffen.“

„Dann sollten Sie sich erst einmal stärken.“ Anina holte eine Tafel Schokolade aus ihrer Kitteltasche. Sie war im zweiten Jahr ihrer Ausbildung und hatte gelernt, dass Reden und Zuwendung oft genauso wichtig wie Medikamente waren. „Die ist frei von fast allen Zusatzstoffen, auch von Geschmack, fürchte ich, aber vielleicht hilft sie trotzdem.“

„Sie haben mir Schokolade besorgt?“

„Nuss- und lactosefrei, wie Sie es am besten vertragen.“

„Das ist so lieb von Ihnen.“ Die Wöchnerin riss die Packung auf, biss in die Schokolade und verdrehte die Augen. „Die ist großartig. Dankeschön, Anina. Vielen, vielen Dank.“

„Was als Nächstes kommt, werden Sie nicht mögen, fürchte ich.“ Anina rieb die Brustwarzen ihrer Patientin mit Heilsalbe ein. Frau Wieland krampfte die Fingernägel ins Laken. Vermutlich fühlte sich die Prozedur auf ihren wunden Brustwarzen an, als würde Anina Feuer darübergießen. Aber es musste leider sein, wenn sie weiterhin stillen wollte.

Ihr Mann stapfte derweil nervös hin und her.

Anina gab Frau Wieland ein Schmerzmittel und trug es gewissenhaft in die Akte ein.

Nach einer Weile rührte sich das Baby wieder und quäkte leise.

„Wollen wir es noch einmal probieren?“, fragte Anina.

Pia Wieland nickte entschlossen.

Anina brachte ihr das Stillkissen, half ihr, Linus anzulegen, und tüftelte eine Weile mit ihr an der richtigen Anlegeposition herum. Schließlich begann das Baby schmatzend zu saugen.

„Es klappt!“ Pia Wieland lachte erleichtert. „Sehen Sie nur!“ Ihr Baby blickte sie aus großen Augen an und patschte auf ihrer Brust herum. Es wirkte rundherum zufrieden.

„Wunderbar. Dann lasse ich Sie jetzt erst einmal allein. Ich schaue nachher wieder nach Ihnen.“ Anina merkte sich vor, die Salbenbehandlung später zu wiederholen, und verließ das Zimmer.

Die Entbindungsstation befand sich in der ersten Etage der Waldner-Klinik. Vor den Fenstern des Krankenhauses war der Herbst vorangeschritten. Die Bäume im Englischen Garten reckten ihre kahlen Äste in den Himmel, als wollten sie jeden noch so kleinen Sonnenstrahl erhaschen. Der Wind spielte mit dem Laub auf den Parkwegen wie mit bunten Schmetterlingen.

Anina gestattete sich einen verträumten Blick nach draußen.

War sie wirklich schon seit zwei Jahren hier zur Hebammenausbildung? Es kam ihr so vor, als wäre sie gestern zum ersten Mal durch die verglaste Eingangstür getreten, mit wildem Herzklopfen und butterweichen Wackelknien. Eine angehende Hebamme von insgesamt achtzehn Neulingen.

Lehrhebamme Maria Hofer hatte sie eine nach der anderen heruntergeputzt: Zu spät … runter mit dem Nagellack … machen Sie die Haare zusammen … rieche ich da etwa Parfum? Das geht gar nicht. Babys haben feine Nasen … Ein dezentes Deo ist aber ein Muss, wehe, Sie stinken meinen Kreissaal voll … So war es weitergegangen.

Bei Anina hatte sie kurz die Augenbrauen zusammengekniffen und nichts gesagt, aber ihr Blick hatte verraten, dass sie sie im Auge behalten würde. Maria hatte ihnen prophezeit, dass nicht einmal die Hälfte von ihnen das dritte Ausbildungsjahr erreichen würden. Und so war es auch gekommen. Von ehemals achtzehn Schülerinnen waren nur noch acht übrig.

„Hey, Anni!“ Felix, einer der wenigen angehenden männlichen Geburtshelfer, bog straffen Schrittes um die Ecke. „Nanu? So nachdenklich? Alles okay bei dir?“

„Ja, ich habe nur gerade darüber nachgedacht, wie schnell die Zeit vergeht.“

„Und manchmal hat man das Gefühl, es würde immer schneller gehen, nicht wahr? So geht es mir auch oft. Ist ja auch klar. Die Chefin lässt uns kaum Zeit zum Atemholen. Sag mal: Wollen wir vielleicht nachher noch irgendwo etwas trinken gehen?“

„Daraus wird nichts, Felix. Tut mir leid.“

„Schade. Bist du heute schon verabredet?“

„Nein, aber ich muss wahnsinnig viel lernen. Da bleibt keine Zeit zum Ausgehen.“

„Überleg es dir. Es wären nur ein paar Stunden. Die werden deinen Einserdurchschnitt bestimmt nicht verderben. Gib dir einen Ruck.“

„Tut mir leid. Ich kann wirklich nicht. Ich muss heute Abend für die Hygiene-Klausur morgen lernen.“

„Die schaffst du doch mit links.“

„Nur, weil ich so viel lerne. Leicht fällt es mir nicht, aber die Ausbildung geht vor.“

„Die dauert noch ein ganzes Jahr. Willst du etwa noch so lange Single bleiben?“

Anina nickte. Das war der Plan, und an den würde sie sich halten. Keine Männer. Keine Partys. Bis sie ihren Abschluss hatte. Das hatte sie sich vorgenommen. Danach … würde man weitersehen.

An ihre leere Wohnung daheim dachte sie lieber nicht. Manchmal war es so einsam, dass ihr von der Stille die Ohren dröhnten. Aber was sie Felix gesagt hatte, stimmte: Sie schrieb nur deshalb so gute Noten, weil sie sich Nacht um Nacht über den Büchern um die Ohren schlug.

„Sag mir Bescheid, wenn du es dir anders überlegst, ja? Meine Einladung bleibt bestehen.“ Felix zwinkerte ihr zu.

„Das wird nicht passieren.“

„Vielleicht änderst du deine Meinung noch.“ Felix war unerschütterlich in seinem Optimismus. Das war einer der Gründe dafür, dass er bei allen auf der Station beliebt war. Der andere war die Gitarre, der er die wunderbarsten Melodien entlocken konnte. Melodien, die geradewegs ins Herz und in die Füße gingen. „Herrje, ich soll ja noch die Proben ins Labor bringen. Sorry, ich muss los.“ Er nickte ihr zu, ehe er mit wehendem Kittel davoneilte.

Anina steuerte den Pausenraum an. Sie hatte seit Stunden keine Pause gehabt und sehnte sich nach einem Becher Kaffee.

Vor dem offenen Fenster stand Judith und zog an einer Zigarette. Es war streng untersagt, auf der Station zu rauchen. Das schien Judith allerdings nicht zu stören. Sie hatte die Ausbildung ein Jahr vor Anina angefangen, aber zwischendurch pausiert, um ein Jahr durch die Vereinigten Staaten zu reisen, weshalb sie nun im selben Ausbildungsjahr waren.

„Du solltest hier nicht rauchen“, mahnte Anina.

„Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten“, zischte Judith und verengte die Augen.

„Es ist meine eigene Angelegenheit, wenn ich nachher nach Rauch stinke und von Frau Hofer zurechtgewiesen werde.“