Dr. Stefan Frank 2546 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2546 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

0,0
1,49 €

Beschreibung

Obwohl sie eine herzensgute Mami hat, fühlt sich die achtjährige Lina manchmal ein wenig einsam. Andere Kinder haben einen Papa und liebe Großeltern, aber sie und Mami haben nur einander. Vielleicht ist das etwas, was man sich vom Osterhasen wünschen kann? Einen richtigen Papa und Oma und Opa? Mit Feuereifer beginnt das Mädchen, einen bunten Wunschzettel für den Osterhasen zu malen. Linas Mama, die neunundzwanzigjährige Anja, streicht ihrem kleinen Mädchen traurig über den Kopf. Sie weiß, dass auch ein noch so schöner Brief nicht dafür sorgen kann, dass sich der Wunsch des Kindes erfüllt. Anjas Mann ist schon vor Linas Geburt tödlich verunglückt, und ihre Schwiegereltern geben ihr die Schuld daran. Sie verweigern jeden Kontakt zu ihrer Enkeltochter. Wer soll daran etwas ändern? Wie gut, dass es Dr. Frank gibt. Der Grünwalder Arzt ist fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass Linas sehnlichster Wunsch doch noch in Erfüllung geht ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 131




Inhalt

Cover

Impressum

Unverhofftes Osterglück

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: 4 PM production / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9570-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Unverhofftes Osterglück

Wie Dr. Frank einer Mutter und ihrer Tochter den größten Wunsch erfüllte

Obwohl sie eine herzensgute Mami hat, fühlt sich die achtjährige Lina manchmal ein wenig einsam. Andere Kinder haben einen Papa und liebe Großeltern, aber sie und Mami haben nur einander. Vielleicht ist das etwas, was man sich vom Osterhasen wünschen kann? Einen richtigen Papa und Oma und Opa? Mit Feuereifer beginnt das Mädchen, einen bunten Wunschzettel für den Osterhasen zu malen.

Linas Mama, die neunundzwanzigjährige Anja, streicht ihrem kleinen Mädchen traurig über den Kopf. Sie weiß, dass auch ein noch so schöner Brief nicht dafür sorgen kann, dass sich der Wunsch des Kindes erfüllt. Anjas Mann ist schon vor Linas Geburt tödlich verunglückt, und ihre Schwiegereltern geben ihr die Schuld daran. Sie verweigern jeden Kontakt zu ihrer Enkeltochter. Wer soll daran etwas ändern?

Wie gut, dass es Dr. Frank gibt. Der Grünwalder Arzt ist fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass Linas sehnlichster Wunsch doch noch in Erfüllung geht …

„Halte dich auf dem Schiff von der Reling fern, Lina, und pass auf, dass du dein Handy immer dabeihast.“ Anja Steindl umarmte ihre Tochter. „Wo ist deine Mütze?“

„Hier, Mami.“ Lina deutete über ihre Schulter auf ihren Rucksack. Dabei hüpfte sie von einem Fuß auf den anderen. Die Vorfreude auf ihre Reise strahlte ihr aus den Augen, und ihre roten Wangen leuchteten wie zwei blank polierte Äpfel.

Der Reisebus stand bereit zur Abfahrt vor dem Schulhof.

„Füttere Lucky und Luke für mich, ja?“

„Das werde ich nicht vergessen.“ Anja steckte ihrer Tochter ein Meerschweinchen aus Plüsch zu, damit sie ihre beiden Lieblinge unterwegs nicht so sehr vermisste. Auch eine Tüte Bonbons gab sie ihr mit.

Auf dem Hof der Gebrüder-Grimm-Grundschule herrschte lebhaftes Treiben. Die Schüler der Klasse 3a stiegen lachend und schwatzend in den Bus ein. So manches Kind flitzte noch einmal zurück, weil es etwas vergessen hatte. Ein Treiben wie in einem Hummelnest war das. Hier und da gab es auch Tränen, wenn der Abschied von einem Elternteil besonders schwerfiel. Die Kinder, die nicht mit auf Klassenfahrt gehen durften, spähten vom Hof aus neugierig herüber und winkten.

Die kleine Pauline stand verloren auf dem Hof und blickte dem Wagen ihres Vaters nach, dessen Rücklichter am Ende der Schulgasse kleiner und kleiner wurden.

„Hab dich lieb, Mami!“ Lina schlang noch einmal die Arme um Anja. Dann flitzte sie zu Pauline hinüber, wobei der Rucksack auf ihrem Rücken auf und nieder wippte, und hakte sich bei Pauline unter. „Sei nicht traurig. In drei Tagen sind wir wieder daheim. Was glaubst du, was du deinem Papa dann alles Tolles erzählen kannst!“

„Meinst du?“ Eine Träne kullerte über Paulines Wange.

„Das wird aufregend. Komm, du kannst neben mir sitzen. Ich hab Bonbons!“ Lina winkte. Dann stieg sie mit ihrer Schulfreundin in den Bus ein.

Der Fahrer war noch dabei, das Gepäck der Kinder und der mitreisenden Lehrer im Bauch des Busses zu verstauen.

Anja beobachtete, wie ihr kleiner Wirbelwind Plätze hinter dem Fahrersitz aussuchte und sich niederließ. Lina schälte sich aus ihrem Anorak und vertiefte sich in eine angeregte Unterhaltung mit ihrer Platznachbarin.

„Hast du nicht etwas vergessen, Anton?“ In der Nähe stemmte eine andere Mutter eine Hand in ihr Kreuz. Sie drückte ihren Babybauch vor und sah ihren Sohn mahnend an.

„Zum Umarmen bin ich viel zu groß“, brummte er.

„Deine Jacke!“ Sie reichte ihm das Kleidungsstück.

„Ups!“ Anton kam zurück, schnappte sich seine Jacke und schlang die Arme um seine Mutter. Lächelnd drückte sie ihn an sich, was angesichts ihres enormen Bauches schwierig war.

„Ich wünsche dir eine großartige Zeit. In drei Tagen hole ich dich ab. Und vergiss nicht, was du mir versprochen hast.“

„Keinen Ärger machen. Geht klar, Mami.“ Anton nickte und trollte sich in den Bus. Seine Mutter blickte ihm nach. Dann sah sie Anja lächelnd an.

„Was ich zu ihm sage, geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Manchmal frage ich mich, ob Anton an einer Art temporärer Taubheit leidet.“

„Spätestens in der Pubertät befällt dieses Leiden wohl jedes Kind.“

„Wohl wahr.“ Nina schmunzelte.

Anja blickte zu ihrer Tochter hinüber, die fröhlich mit ihrer Freundin schwatzte. „Sie ist noch nicht mal abgereist, und ich vermisse sie schon jetzt.“

„Ich weiß. Ist das zu glauben? Eben waren sie nur ein Klecks auf einem Ultraschallbild, und jetzt gehen sie schon auf Klassenfahrt. Bald werden sie sich heimlich nachts rausschleichen, um sich mit Jungs und Mädchen zu treffen.“

„Sag doch so was nicht. Sie sind doch erst acht.“

„Und die Zeit verfliegt im Handumdrehen. Du, sag mal, wir haben uns kürzlich beim Elternabend gesehen, aber da kamst du mir noch nicht so dünn vor wie heute. Hast du abgenommen?“

„Ich glaube nicht.“ Anja blickte an sich hinunter. Die Jeans saß tatsächlich ein wenig locker, wenn sie es recht bedachte. „Vielleicht ein bisschen.“

„Wie machst du das bloß? Ich nehme schon zu, wenn ich nur an einer Bäckerei vorbeilaufe. Du musst mir dein Rezept verraten. Wenn der Knirps erst mal da ist, möchte ich unbedingt ein paar Schwangerschaftspfunde loswerden.“

„Ich mache eigentlich gar nichts. Keine Diät und auch keinen Sport. Dafür fehlt mir momentan total die Zeit.“

„Also nimmst du grundlos ab?“ Nina sah sie alarmiert an. „Normal ist das aber nicht. Hast du dich untersuchen lassen?“

„Seit der Schwangerschaft nicht mehr, aber mir fehlt nichts.“

„Sag das nicht. Meiner Nachbarin ging es ganz ähnlich. Sie hat innerhalb weniger Wochen zwölf Pfund abgenommen. Erst war sie überglücklich, bis ihr Arzt einen Tumor in ihrem Darm gefunden hat. Jetzt macht sie schon ihren vierten Chemozyklus durch und ist nur noch Haut und Knochen …“ Nina stockte. „Entschuldige. Ich wollte dich nicht ängstigen. Ich denke nur, es wäre gut, wenn du dich einem Arzt anvertrauen würdest.“

„Ich fühle mich aber nicht krank. Hin und wieder habe ich Bauchweh, aber zeig mir eine Frau, der es nicht so geht.“

„Hast du denn einen guten Hausarzt?“

„Den allerbesten. Ich gehe zu Dr. Frank. Allerding war ich schon länger nicht mehr bei ihm. Wenn ich Schnupfen hatte, habe ich mir immer mit Hausmitteln geholfen.“ Anja stockte, weil es plötzlich in ihrem Nacken unangenehm kribbelte. Als würde jemand sie heimlich beobachten!

Unwillkürlich schaute sie sich um, aber niemand starrte zu ihr herüber. Die Kinder waren viel zu aufgeregt vor ihrer Reise und die Eltern zu beschäftigt damit, ihnen Ratschläge und Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.

Da ist nichts, ermahnte sie sich selbst. Allerdings verfolgte das ungute Gefühl sie schon seit Tagen. Sie konnte es sich selbst nicht erklären. Hier vor der Schule herrschte reger Betrieb. Wer sollte sie hierher verfolgen?

Der Klassenlehrer der 3a rief gerade die letzten Kinder herbei, die sich nur schwer von ihren Eltern lösen konnten. Lukas Praxl war bei seinen Schülern beliebt. Mit seinen breiten Schultern und der sportlichen Statur wirkte er inmitten der bunt herumwieselnden Schülerschar wie ein Fels in der Brandung.

Anja schaute nachdenklich zu ihm hinüber und spürte ein warmes Vibrieren in ihrem Inneren.

„Tu‘s lieber nicht“, warnte Nina sie.

„Was denn?“

„Verlier nicht dein Herz an den Schneekönig. Diesen Fehler haben schon andere gemacht und sind bitter enttäuscht worden.“

„Schneekönig?“

„So nennen manche Mütter ihn.“

„Der Name passt aber nicht. Er hat ein großes, warmes Herz.“

„Für die Kinder ja, aber nicht für die allein erziehenden Frauen, die nach jedem Elternabend einen Vorwand suchen, um mit ihm allein zu bleiben.“ Nina verdrehte die Augen. „Wie haben Sie das vorhin gemeint?“, äffte sie mit verstellter Stimme nach. „Können Sie mir das ausführlicher erklären, bevor wir gleich hier zwischen den Schulbänken übereinander herfallen?“

Anja verzog das Gesicht.

„So etwas würde ich nie sagen.“

„Du nicht.“ Nina grinste. „Schmachte ihn ruhig an, aber mach dir besser keine Hoffnungen.“

„Ich habe ihn nicht angeschmachtet. Oder etwa doch?“

„Keine Bange, das ist uns allen schon passiert. Er ist aber auch ein Hingucker.“

Anja konnte nicht verhindern, dass ihr Blick zu dem Lehrer schweifte, der soeben als Letzter in den Bus einstieg. Mit den dunklen Haaren, der durchtrainierten Statur und den braunen, stets ein wenig nachdenklichen Augen war er ein Mann, nach dem sich die Frauen umdrehten. Allerdings war er auch der Lehrer ihrer Tochter – und damit tabu.

In diesem Augenblick setzte sich der Bus in Bewegung und schaukelte gemächlich die Schulgasse hinunter.

Anja winkte, bis das Fahrzeug ihren Blicken entschwand.

Zum ersten Mal würden Lina und sie länger als einige Stunden voneinander getrennt sein. Sicher, Lina hatte schon bei einer Freundin übernachtet, aber das war doch etwas anderes als eine Klassenfahrt. Ihr war mulmig zumute. Dabei würde die Reise für die Kinder sicherlich schön werden.

Das Ziel der 3a war der Chiemsee. Genauer gesagt, eine Jugendherberge in Prien am Chiemsee. Wenn das Wetter mitspielte, wollte die Klasse mit dem Schiff zur Herreninsel übersetzen und Schloss Herrenchiemsee besichtigen.

„Wir sehen uns in drei Tagen!“ Nina winkte ihr zum Abschied.

Anja wollte gerade zu ihrem Auto zurückgehen, als ihr Handy piepte: Lina hatte ihr ein rotes Herz geschickt!

Anja schickte ein Herz zurück. Dann warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und zuckte zusammen. So spät war es schon? Sie musste doch zu ihrer Weiterbildung!

Schwungvoll wirbelte sie herum und stieg in ihr Auto.

Als sie den Schlüssel drehte, gab der Motor nur ein dumpfes Grollen von sich.

„Oh, komm schon, bitte, lass mich nicht im Stich, Großer.“ Sie drehte den Schlüssel erneut, und diesmal sprang der Wagen an. Hustend und prustend, aber immerhin.

Anja atmete auf. Sie musste in einer halben Stunde in der Innenstadt sein. Es würde knapp werden, aber wenn die Ampeln auf ihrer Seite waren, könnte es noch reichen.

Eilig reihte sie sich in den Verkehr ein und konzentrierte sich auf den Verkehr. Dadurch entging ihr die Gestalt, die auf der anderen Straßenseite hinter einem Buswartehäuschen verborgen stand und ihr mit brennenden Augen nachschaute …

***

„Herr Doktor? Kommen Sie schnell, bitte!“

Der Ruf gellte durch die Gartenstraße.

Dr. Frank stand gerade am Zeitschriftenkiosk vor dem Drehständer mit Rätselheften. Seine Freundin tüftelte gern, deshalb wollte er ihr eine Ausgabe mitnehmen. Er konnte sich nur nicht entscheiden, welche er nehmen sollte. Sudokus? Ein Quiz? Oder lieber Schwedenrätsel?

Er unterbrach seine Suche und drehte sich um. Am Ende der Straße beugte sich ein Mann über eine Frau, die neben einem Fahrrad auf dem Asphalt lag. War sie etwa verunglückt?

Stefan Frank überlegte nicht lange, sondern eilte mit langen Schritten den Fußweg hinunter. Im Näherkommen erkannte er den Mann: Es war Valentin, der Postbote. Er schien seinen Dienst für diesen Tag bereits beendet zu haben, denn anstelle seiner Uniform war er in Jeans und eine gelbe Windjacke gekleidet.

Die Verunglückte kannte Stefan Frank ebenfalls: Fanny Steindl zählte zu seinen Patientinnen. Sie war Mitte fünfzig und bewirtschaftete mit ihrem Mann einen Hof am Rand von Grünwald. In ihrem Hofladen verkaufte sie Honig, Bienenwachskerzen und allerlei Produkte aus Schafwolle.

„Frau Steindl? Können Sie mich hören?“ Dr. Frank beugte sich über die Gestürzte.

Sie blinzelte zu ihm hoch, nickte und versuchte, sich aufzusetzen. Er fasste ihr unter die Arme und half ihr von der Straße herunter. Dann führte er sie zu einer Bank, die unter einer üppigen Birke stand, und setzte sich zu ihr. Valentin hob derweil das Fahrrad auf und lehnte es an einen Baum.

Fanny Steindl nahm ihren Helm ab. Ihre Handflächen waren allerdings aufgeschrammt, und ihre Hose war über dem rechten Knie zerrissen und blutig.

„Was ist denn passiert, Frau Steindl?“

„Mir war mit einem Mal so schwindlig. Und furchtbar übel. Ich bin gefallen, weil ich mich nicht mehr halten konnte.“

„Waren Sie auch bewusstlos?“

„Nein, ich denke, nicht.“

„Hatten Sie Schmerzen? In der Brust vielleicht?“

„Das nicht. Jetzt geht es mir auch besser. Ich …“ Sie fasste sich an den Hals. „Ich muss mich entschuldigen. Für die Umstände. Mir ist das furchtbar peinlich.“

„Das muss es nicht. Ich würde Sie gern untersuchen. Meine Praxis ist dort vorn. Glauben Sie, Sie schaffen es dorthin?“

„Freilich.“ Sie lächelte matt.

„Gut, dann bringe ich Sie jetzt dorthin und schaue einmal, was ich für Sie tun kann.“

„Das ist nicht nötig. Es geht mir wieder gut. Ich muss mich nur umziehen und etwas Jod auf mein Knie geben.“

„Mit einer heftigen Schwindelattacke ist nicht zu spaßen. Es ist besser, wir gehen der Sache auf den Grund.“

„Aber es ist spät. Sie haben bestimmt längst Feierabend.“

„Für Sie schließe ich meine Praxis gern noch einmal auf.“

„Meinen Sie denn wirklich, dass das notwendig ist?“

„Das meine ich. Wenn ich nichts finde, umso besser.“

„Nun ja …“ Ihre blassen Wangen bekamen wieder etwas Farbe.

Der Postbote nickte. „Bei Dr. Frank sind Sie in den allerbesten Händen. Ihr Fahrrad bringe ich nach und stelle es im Garten vor der Praxis ab. Gute Besserung wünsche ich.“

„Danke schön.“ Die Landwirtin stemmte sich von der Bank hoch und ließ sich von Dr. Frank zur Praxis helfen.

Seine Villa stand nur einen Steinwurf entfernt. Umgeben von einem großen Garten, in dem die ersten Krokusse ihre leuchtend gelben und violetten Köpfe aus der Erde steckten. Schneereste hier und da verrieten, dass der Winter gerade erst wich.

Stefan Frank schaltete das Licht ein. Seine Sprechstunde war seit einer halben Stunde vorüber, deshalb waren seine beiden Helferinnen bereits nach Hause gegangen.

Sie schafften es gerade in den Behandlungsraum, da trübte sich der Blick seiner Patientin plötzlich. Sie murmelte etwas, was nicht zu verstehen war, und ihre Beine knickten unter ihr ein! Geistesgegenwärtig fing er sie auf und legte sie vorsichtig auf die Untersuchungsliege.

„Frau Steindl?“

Sie öffnete die Augen.

„So … schwindlig“, keuchte sie.

Er legte ihr eine Blutdruckmanschette an. Ihre Pulsfrequenz war stark verlangsamt! Das Gerät zählte nur achtundzwanzig Schläge in der Minute! Und der Blutdruck betrug hundertzwölf zu sechzig. Das war viel zu niedrig!

Dr. Frank legte ein EKG an und druckte einen Rhythmusstreifen aus. Aufmerksam studierte er den Ausdruck.

Die Frequenz der QRS-Komplexe war viel zu niedrig. Das hieß, dass zu wenig Blut zum Gehirn gepumpt wurde. Außerdem verrieten ihm die Kurven, dass der AV-Knoten ihres Herzens teilweise blockierte. Nicht gut! Ganz und gar nicht gut!

Dr. Frank legte einen venösen Zugang und führte seiner Patientin eine Infusionslösung zu, um den Blutdruck anzuheben. Außerdem bekam sie ein Milligramm Atropin. Zudem stellte er einen transthorakalen Schrittmacher bereit. Er klebte die Pads des EKGs so auf, dass mit ihrer Hilfe das Herz für kurze Zeit von außen stimuliert werden konnte. Falls das Atropin nicht ausreichte, würde er ihr Herz elektrisch stimulieren.

Frau Steindl erholte sich zusehends. Ihr Puls kletterte auf achtundfünfzig Schläge pro Minute, und sie wurde sichtlich wacher.

Dr. Frank rief in der Rettungsleitstelle an und bat um einen Rettungswagen und einen Platz auf der Intensivstation der Waldner-Klinik.

„Ins Krankenhaus?“, flüsterte Frau Steindl, als er auflegte. „Muss das sein? Ich fühle mich schon besser. Wirklich.“

„Leider besteht die Gefahr eines Rückfalls. Ihr Herz arbeitet nicht richtig, und wir müssen herausfinden, warum das so ist.“

„Aber mein Mann braucht mich auf dem Hof.“

„Er will ganz sicher, dass Sie sich behandeln lassen und bald wieder gesund sind. In der Klinik können Sie gründlich untersucht werden.“

„Was glauben Sie denn, was mir fehlt, Herr Doktor?“

„Dem EKG nach, funktioniert die Reizweiterleitung Ihres Herzens nicht mehr richtig. Es ist möglich, dass ein oder mehrere Gefäße verengt sind.“

„Oh! Und ist das …“ Sie stockte und legte die Hände zusammen. „Ist das behandelbar?“