Dr. Stefan Frank 2551 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2551 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

0,0
1,49 €

Beschreibung

Julia und Jannes sind frisch verlobt und erwarten ein Kind, sie könnten nicht glücklicher sein. Doch ihr Glück erhält einen mächtigen Dämpfer, als Jannes bei einem Rodelausflug schwer verunglückt und ins Koma fällt. Sein Zustand stürzt Julia in tiefste Verzweiflung. Niemand kann ihr sagen, ob er wieder aufwachen wird und wenn doch, könnte er für immer ein Pflegefall bleiben. Julia wacht Tag und Nacht bei ihm, aber ihr Flehen scheint vergebens. Ist ihr Glück vorbei, noch ehe es richtig angefangen hat? Die Wochen ziehen ins Land, Jannes՚ Zustand ist unverändert und Julias Schwangerschaft schreitet voran. Da erhält sie die nächste Hiobsbotschaft: Bei einer Untersuchung wird eine Geschwulst in ihrer Gebärmutter entdeckt. Tests ergeben, dass diese gutartig ist, aber sie könnte im Lauf der Zeit das Wachstum des Fötus beeinträchtigen. Und sollte es zu inneren Blutungen kommen, könnten Julia und ihr Kind sterben. Ihre Frauenärztin legt ihr nahe, die Schwangerschaft zu beenden. Julia ist am Ende ihrer Kräfte und muss eine weitreichende Entscheidung treffen ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 127




Inhalt

Cover

Impressum

Wohin du mich auch führst

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Pavlo Melnyk / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9575-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Wohin du mich auch führst

Arztroman um eine junge Braut und ihr schweres Schicksal

Julia und Jannes sind frisch verlobt und erwarten ein Kind, sie könnten nicht glücklicher sein. Doch ihr Glück erhält einen mächtigen Dämpfer, als Jannes bei einem Rodelausflug schwer verunglückt und ins Koma fällt. Sein Zustand stürzt Julia in tiefste Verzweiflung. Niemand kann ihr sagen, ob er wieder aufwachen wird und wenn doch, könnte er für immer ein Pflegefall bleiben. Julia wacht Tag und Nacht bei ihm, aber ihr Flehen scheint vergebens. Ist ihr Glück vorbei, noch ehe es richtig angefangen hat?

Die Wochen ziehen ins Land, Jannes’ Zustand ist unverändert und Julias Schwangerschaft schreitet voran. Da erhält sie die nächste Hiobsbotschaft: Bei einer Untersuchung wird eine Geschwulst in ihrer Gebärmutter entdeckt. Tests ergeben, dass diese gutartig ist, aber sie könnte im Lauf der Zeit das Wachstum des Fötus beeinträchtigen. Und sollte es zu inneren Blutungen kommen, könnten Julia und ihr Kind sterben. Ihre Frauenärztin legt ihr nahe, die Schwangerschaft zu beenden. Julia ist am Ende ihrer Kräfte und muss eine weitreichende Entscheidung treffen …

Ein Blitz zerriss den blassvioletten Himmel wie eine silbrige Klinge. Unwillkürlich zog Julia Gerstner ihre Kapuze tiefer in die Stirn. Donner grollte in der Ferne. Der Sturm trieb eine dunkle Wolkenwand heran, fegte durch die Einkaufsstraße und wirbelte Schneeflocken umher. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde Julia pures Eis inhalieren. Die Passanten pressten ihre Taschen an sich und eilten mit gesenkten Köpfen ihrem Ziel entgegen. Niemand nahm sich die Zeit, stehen zu bleiben und die bunten Auslagen in den Schaufenstern zu bewundern.

Auf dem Kalender ist bereits Frühling, dachte Julia, aber hier draußen fühlt man sich wie mitten im Winter!

Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als sie an einem Café vorbeieilte. An einem anderen Tag hätte sie Halt gemacht und sich einen Becher Kaffee mitgenommen, aber heute wollte sie nur rasch nach Hause und sich in die Badewanne legen.

War es ein Fehler gewesen, zu Fuß loszumarschieren und das neue Grafiktablett zu kaufen? Aber sie konnte nicht warten. Für ihren neuen Auftrag brauchte sie es so dringend.

Auf einer verschneiten Bank saß eine Frau, kaum älter als Julia selbst. Sie schützte sich mit einer Wolldecke vor der Kälte. An ihrer rechten Schläfe zeichnete sich eine verschorfte Wunde ab. Unter ihrer geringelten Wollmütze lugten dunkle Haare hervor. Sie trug zwei Paar Wollhandschuhe übereinander und hatte sich einen Schal um den Hals gebunden. Sie zitterte sichtlich.

Alarmiert blieb Julia stehen.

„Entschuldigen Sie bitte, benötigen Sie vielleicht Hilfe?“

„Nett, dass Sie fragen, aber mir fehlt nichts.“ Die Stimme der anderen Frau klang kratzig.

„Ist es Ihnen nicht zu kalt hier draußen?“

„Freilich, aber im Café haben sie mich hinausgeworfen, weil ich nichts bestellt habe. Und jetzt kommt das Gewitter und ich weiß nicht …“ Die Unbekannte stockte und strich über ihre Decke.

„Sie wissen nicht, wo Sie hingehen sollen?“

Die Fremde senkte den Blick.

„Haben Sie Hunger?“

Das kaum merkliche Nicken ihres Gegenübers war Julia Antwort genug. Sie kaufte ein Fleischpflanzerl mit einer Semmel und zwei Becher mit heißem Tee an dem nur wenige Meter entfernten Imbissstand. Damit kehrte sie zu der Unbekannten zurück, wischte den Schnee von der Sitzfläche der Bank und setzte sich. Einladend deutete sie auf das Essen.

„Bitteschön.“

Die andere Frau sah sie erst ungläubig, dann mit einem dankbaren Lächeln an, und nahm den Teller auf ihren Schoß. Bevor sie aß, faltete sie ihre Hände und schloss die Augen. Ihre Lippen bewegten sich tonlos. Schließlich machte sie sich hungrig über ihr Essen her.

Julia schlang die Finger um ihren Becher und trank. Der Tee war warm und schmeckte nach wilden Beeren.

„Wir werden ein Gewitter bekommen. Haben Sie einen Platz zum Schlafen für die Nacht?“

„Ja, bei Freunden. Dort kann ich heute Abend wieder hin.“

„Warum denn erst abends?“

„Weil ich seit einem Monat bei ihnen schlafe. Das ist schlimm genug. Tagsüber mag ich ihnen nicht auch noch auf der Pelle hocken.“ Die Wangen der Frau röteten sich.

Julia blickte sie fragend an, wartete, ob sich ihr Gegenüber öffnen wollte.

„Mein Freund und ich hatten ein Antiquariat“, erzählte die Unbekannte, „aber es ging nicht mehr mit uns. Ich musste ihn verlassen … Gestern, da hat er mich dann gefunden …“ Die Unbekannte tastete nach ihrer Verletzung und zuckte zusammen.

„Sie könnten in ein Frauenhaus gehen. Dort wären Sie sicher.“

„Das möchte ich nicht. Meine Freunde helfen mir, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe, aber es ist schwer, eine zu finden, weil ich noch keinen Job habe. Und einen Job zu finden, ist ohne Wohnung wiederum nicht leicht.“

„Sie suchen also eine Arbeit?“

„Ja. Ich würde fast alles machen, aber bis jetzt hatte ich kein Glück. Ich habe keine Zeugnisse, weil wir jahrelang unseren eigenen Laden hatten. Für Arbeitgeber bin ich ein schwer einzuschätzendes Risiko.“

Julia überlegte. „Ich habe vor Kurzem einen Auftrag für ein Hotel im Zillertal erledigt. Dort werden immer fleißige Hände gesucht. Zimmermädchen und Servicekräfte. Wäre das etwas für Sie?“

„Aber ja! Meinen Sie denn, ich hätte dort eine Chance?“

„Ganz gewiss. Im Hotel gibt es sogar Unterkünfte für die Angestellten. Damit wären Sie auch Ihre Wohnungssorge los.“

„Das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Ein Neuanfang in den Bergen …“ Mit einem Mal schimmerten Tränen in den Augen der anderen Frau. „Sagen Sie, hat Sie der Himmel geschickt?“

„Ich war einmal in einer ähnlichen Situation wie Sie jetzt. Mir hat damals auch jemand geholfen. Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre.“

Julia notierte den Namen und die Anschrift des Hotels auf einem Zettel und reichte ihn der anderen Frau. Diese schloss die Finger darum, als wäre es ein kostbares Juwel.

„Sie sind ein Engel. Ich danke Ihnen so sehr.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück. Versprechen Sie mir bitte nur, dass Sie nicht hier draußen im Unwetter bleiben. Fahren Sie zu Ihren Freunden, bevor es richtig losbricht.“

„Das mache ich.“

„Alles Gute.“ Julia stand auf und reichte der Fremden die Hand.

Dann wandte sie sich zum Gehen – und prallte im nächsten Augenblick gegen einen silberhaarigen Mann, der straffen Schrittes an ihr vorübereilte. Er brummte unwillig, als er ihr ausweichen musste. Julia entschuldigte sich hastig, aber da war er schon vorbei und im dichten Flockenwirbel verschwunden.

Warum schien es in dieser großen Stadt jeder eilig zu haben?

Julia setzte ihren Weg fort. An der Fußgängerampel drehte sie sich noch einmal um, aber die Bank war bereits leer.

Julia überquerte die Straße. Auf der anderen Seite blieb ihr Blick an einem Schaufenster zu ihrer Linken hängen.

Da hing es! Das perfekte Brautkleid!

Es war schulterfrei und aus einem feinen, weißen Baumwollstoff. Das Vorderteil war mit einer zauberhaften Lochstickerei verziert. Ebenso wie der lange Rock. Unwillkürlich sah sie sich selbst in diesem Kleid, mit einem Blumenkranz im Haar, und sie vergaß alles um sich herum. Jannes und sie wollten im Sommer heiraten. In einem Pavillon im Grünen. Eine Hochzeit mitten in der Natur, das war ihr Traum.

Dieses Kleid ist es! Julias Herz machte einen glücklichen Satz. Seitdem ihr Schatz sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wollte, musste sie sich manchmal kneifen, um sicher zu sein, dass das alles nicht nur ein schöner Traum war. Und nun hatte sie ihr Kleid gefunden. Es war am Bauch weiter geschnitten und würde ihr auch mit Babybauch passen.

Julia bewunderte das Kleid in der Auslage. Bis unvermittelt jemand hinter sie trat. Warme Hände legten sich über ihre Augen, und eine vertraute Stimme bat:

„Rate, wer ich bin.“

Ihr Körper reagierte sofort: Sie schien sich in purem, warmem Glück aufzulösen, als würden alle Grenzen verschwimmen. Wärme breitete sich in ihrem Inneren aus, und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Erik?“, murmelte sie. „Vincent? Oder … bist du Linus?“

Hinter ihr war ein dunkles Grollen zu vernehmen.

Da lachte sie hell auf, wirbelte herum und blickte in ein warmes braunes Augenpaar.

„Jannes? Was machst du denn hier?“

„Mir überlegen, ob ich Erik, Vincent und Linus nacheinander zum Duell bitten soll oder besser gleichzeitig, um es schnell hinter mich zu bringen.“

Ihr Verlobter legte die Arme um sie und gab ihr einen innigen Kuss. Mit seinen eins achtzig überragte Jannes sie um Haupteslänge. Sein Blick war offen und seine sehnige Statur ein Erbteil seines Vaters. Ebenso wie der effiziente Stoffwechsel. Jannes konnte essen, so viel er wollte, er nahm einfach nicht zu. Seine braunen Haare trug er ebenso kurz wie seinen Bart.

Julia schmiegte sich an ihn, spürte die Wärme, die von ihm ausging. Als sie sich voneinander lösten, tastete sie nach seinen Fingern. Stark und zärtlich waren sie. Seine Hände wiesen einige Brandnarben auf. Das blieb nicht aus, wenn man Koch war. Jannes arbeitete in einem beliebten Restaurant am Isarufer.

„Ich wollte noch rasch zur Bank, als ich dich hier entdeckt habe. Was hast du eigentlich so versunken betrachtet?“ Er schaute sich zu dem Schaufenster um. Dann leuchtete Verstehen auf seinem Gesicht auf. „Ah, ich sehe schon.“

„Gefällt es dir?“

„Na ja, von Brautkleidern verstehe ich ungefähr so viel wie von japanischer Grammatik, aber eines kann ich dir mit Gewissheit sagen: Du gefällst mir in allem, was du anhast.“

„Und wenn ich im Morgenmantel am Altar aufkreuze?“

„Dann werde ich Ja sagen und es kaum erwarten können, ihn dir auszuziehen.“ Jannes streichelte liebevoll ihre Wange. „Morgen habe ich frei. Was ist mit dir? Kannst du dir freinehmen?“

„Ein paar Stunden sicherlich. Warum? Hast du etwas vor?“

„Ja, ich finde, wir sollten das schöne Winterwetter nutzen. Das Unwetter soll über Nacht abziehen. Morgen sollen wir einen sonnigen Tag bekommen. Wir könnten einen Rodelausflug nach Garmisch-Partenkirchen unternehmen. Was meinst du dazu?“

„Du willst mit mir Schlitten fahren?“

„Die Rodelstrecken sind für ihre traumhaften Aussichten berühmt. Und ein Hornschlitten ist mir seit meinem Sturz allemal lieber als Skier.“

„Ja, warum nicht. Der Ausflug hört sich erholsam an. Bin dabei.“

„Großartig. Ich schlage vor, dass wir gleich nach dem Frühstück losfahren, dann haben wir den ganzen Tag für uns.“ Während es in der Ferne erneut donnerte, küsste Jannes Julia wieder.

Ihr Herz floss beinahe über vor Liebe.

„Manchmal macht mir das richtig Angst, weißt du?“, flüsterte sie.

„Was? Unser Ausflug?“

„Nein, wie wunderbar alles zwischen uns ist. Manchmal habe ich Angst, unser Glück könnte zerbrechen wie Glas.“

„Das wird nicht passieren, mein Liebling.“ Jannes schloss sie in seine Arme und hüllte sie mit seiner Liebe ein. „Ich liebe dich so sehr. Uns zwei bringt nichts auseinander. Das verspreche ich dir.“

***

„Juchu!“ Der Jodler kam Julia wie von selbst über die Lippen, als sie sich auf dem Hornschlitten zurücklehnte und den Fahrtwind auf ihren Wangen spürte.

Jannes saß hinter ihr und hielt die Füße weit nach vorn gestreckt, um den Schlitten abzubremsen, wenn sie zu schnell wurden.

Lachend flogen sie an tief verschneiten Kiefern vorüber. Durch enge Kurven und weißen Winterwald ging die Fahrt. Schnee stob unter den Kufen auf. Und die Luft war herrlich kalt und klar.

„Schneller!“, jauchzte Julia. „Schneller!“

„Lieber nicht. Das ist schnell genug.“ Ihr Verlobter stemmte die Fersen in den Schnee, und ihr Rodel wurde langsamer. „Ich will nichts riskieren. Immerhin trägst du unser Baby im Bauch.“

„Ein bisschen schneller kannst du ruhig fahren, sonst ist es Frühling, ehe wir unten sind“, neckte sie ihn, aber er ließ sich nicht erweichen. So schmiegte sie sich in seine Arme, genoss seine Nähe und ertappte sich bei dem Wunsch, die Fahrt möge ewig dauern. Ein leiser, wohliger Seufzer entfuhr ihr.

„Ist alles in Ordnung, Liebes?“

„Ja. Dem Baby und mir geht es gut. Sogar besser als gut. Es ist wunderbar hier. Ich wünschte nur, es gäbe einen Lift und wir müssten den Weg nach oben nicht wieder zu Fuß zurücklegen.“

„Anders geht es leider nicht. Dafür die Rodelbahn am Grasberg so idyllisch, dass sich der steile Aufstieg lohnt.“

„Auch wieder wahr. Ohne Schweiß kein Preis, was?“

„Genau.“ Er drückte sie mit einem leisen Lachen an sich.

Sie kamen unten an und beschlossen, den Weg nach oben noch einmal auf sich zu nehmen. Jannes zog den Schlitten und hielt Julia bei der Hand, als sie den verschneiten Waldweg in Angriff nahmen.

Die Rodelbahn begann an der St. Martinshütte, am Grasberg. Nur einen Katzensprung von Garmisch-Partenkirchen entfernt.

Aufstieg: 1 h, verkündete ein Schild zu ihrer Linken.

„Das ist schamlos untertrieben“, schnaubte Julia. „Der Weg dauert mindestens anderthalb Stunden.“

„Weil wir immer wieder stehen bleiben. Daran liegt es.“

Lächelnd zog Jannes sie an sich und küsste sie, ehe sie ihren Weg fortsetzten. Gemeinsam stapften sie bergan. Beide waren sie in warme Skikleidung gehüllt und trugen Skibrillen, weil der Schnee in der Sonne gleißte und glitzerte. Bei dem schönen Wetter waren zahlreiche Wintersportler unterwegs. Familien mit Rodelschlitten, Skifahrer und Wanderer, die sich an dem wunderbaren Wetter erfreuten.

Je höher sie kamen, umso weiter wurde der Ausblick. Hier oben dominierte die Aussicht auf das Wettersteingebirge. Unter ihnen breitete sich Garmisch-Partenkirchen aus, als hätte ein Maler es dorthin gezeichnet.

Die Rodelstrecke war über zwei Kilometer lang und galt als älteste Rodelbahn Garmischs.

„Gestern habe ich eine Frau in der Stadt gesehen“, erzählte Julia. „Sie saß mitten im Schneetreiben auf einer Bank, weil sie nicht wusste, wo sie hin soll. Sie hat mich an mich selbst erinnert. Weißt du noch?“

Jannes blickte sie von der Seite an.

„Wie könnte ich das vergessen? Es war der wichtigste Tag meines Lebens. Damals habe ich dich getroffen.“

„Nicht nur getroffen. Du hast mich gerettet.“

„Ich habe doch nur mit dir geredet.“

„Und genau das habe ich dringend gebraucht. Nachdem mein Freund mit dem Geld meines Chefs durchgebrannt war, sah es so aus, als hätte ich in die Kasse gegriffen. Ich hatte kein Geld, wusste nicht, wem ich noch glauben soll, und stand obendrein mit einem Fuß im Gefängnis. Ohne dich …“ Sie erschauerte bei der Erinnerung.

Ihr Fernstudium hatte sie sich finanziert, indem sie im Blumenladen in ihrem Heimatdorf ausgeholfen hatte. Einmal hatte ihr damaliger Freund sie besucht. Als er gegangen war, hatten fast vierhundert Euro aus der Kasse gefehlt. Julia war am Boden zerstört gewesen. „Ohne dich wäre es schlimm ausgegangen.“

„Ein Glück, dass mein Mitbewohner gerade seinen Abschluss in Jura gemacht hatte. Er konnte deinen Chef überzeugen, von einer Anzeige gegen dich abzusehen. Es nagt aber immer noch an mir, dass dein Ex damit durchgekommen ist.“

„Die Polizei konnte ihm den Diebstahl nicht nachweisen.“

„Und du hast dafür gradegestanden und jeden Cent zurückgezahlt“, grollte Jannes. „Das hättest du nicht tun müssen.“

„Ich wollte es so. Das hätte mir sonst keine Ruhe gelassen.“

„Und die Frau gestern? Was wurde aus ihr?“

„Ich habe ihr geraten, sich um einen Job im Zillertal zu bewerben. Das Hotel, für das ich Flyer gestaltet habe, sucht immer fleißige Helfer. Vielleicht kann sie dort neu anfangen.“

„Wünschen wir ihr, dass es klappt.“ Jannes nickte bedächtig. „Weißt du, ich kann es kaum erwarten, mit dem Renovieren zu beginnen. Mein altes Arbeitszimmer wird ein wunderbares Kinderzimmer abgeben.“

„Das glaube ich auch. Wollen wir nächste Woche in den Baumarkt fahren und die Wandfarbe aussuchen?“