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Die Sehnsucht nach Afrika hat ihn sein Leben lang nicht losgelassen: Im vierten Band seiner abenteuerlichen Erinnerungen erzählt Kapitän Hans-Jürgen Zydek zunächst von den erlebnisreichen Jahren 1975 bis 1978, die er als Schipper mit seiner Frau und den beiden Kindern an der algerischen Mittelmeerküste verbracht hat, wo er am Bau eines bedeutenden Gashafens beteiligt war. Da ging es nicht immer ganz ungefährlich zu. Ungefähr dreißig Jahre später geht er mit seiner Frau Jirina auf Entdeckungsreise nach Südafrika und erlebt glückliche Tage. Und nach weiteren zehn Jahren macht er mit seiner Tochter Sylvia eine Expedition nach Namibia ... Ein Buch voller Abenteuer und interessanter Begegnungen, prallvoll mit Geschichten und Geschichte, in denen man viel über den Kontinent, das Reisen - und das Glück erfährt. Ein echter Zydek eben.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Autor
Hans-Jürgen Zydek, geboren 1941 in Duisburg, verwitwet, zwei Kinder. Er war sein Leben lang in der Binnen- und Seeschifffahrt tätig. Jetzt ist er Rentner, fährt aber weiterhin als Schiffsführer oder Lotse auf dem Rhein.
Was bisher geschah…
Wieder mal was Neues: Schifffahrt im Bagger und Hafenbau
Baggerarbeiten auf der Gironde in Frankreich
Algerien, drei Jahre Hafenbau
Unser Leben unter der Sonne Afrikas
Meine drei Monate Probezeit auf der Taurus
Sturm am Golf von Arzew
Abenteuerliche Busfahrt nach Oran
Mit der Fähre von Marseille nach Algier
Die algerische Küste
Help, help die Taurus sinkt!
Wir bringen die Cetus zurück nach Arzew
Hafenbau mit der
Cetus
: Hans-Jürgen Zydek, Erster Schipper
Gemeinsamer Hafenbau
Exkurs: Die Geschichte Algeriens in fünf Minuten
Unser Camp, eine europäische Enklave im moslemischen Algerien
Stone-dumper
Cetus
Zu Besuch bei den Beduinen
Two of my brothers travel to Africa
Wochenendreisen mit dem Auto an die Küste oder ins Atlasgebirge
Jirina, ich und unsere Kinder
Jirinas Welt
Reise nach Blida, zum Tellatlas und in die Affenschlucht
Jirina will den Führerschein machen
Bei den zwei deutschen Konsulaten in Algier
Havarie beim Schleppen eines Pontons
Weihnachtsreise durch die Wüste Sahara zur Oase Ghardaia.
Zweite Weihnachtsreise: Zur Oase Taghit in der West-Sahara
Hafengeburtstag! Der Gashafen von Béthioua wird durch Präsident Boumedienne eröffnet
Bilderbuch Algerien
Mein Weg zum Kapitän zur See
Mein Traum vom »Kapitän zur See« wird wahr
Besuch der Seefahrtschule in Leer
Sieben Ostfriesen und ich
Meine Qualifikationen
Endlich wieder zuhause in unserem Camp am Meer
Abschied von Afrika
Unser Leben zuhause
Meine Bewerbung als Kapitän auf einem englischen Hafenschlepper im arabischen Hafen von Dijdda
Infarkt!
Eine Reise mit meiner Frau Jirina nach Südafrika, der Regenbogennation
Auf Entdeckungsreise in der Kapprovinz
Die Republik Südafrika im Überblick
Die Geschichte der Regenbogennation Südafrika
2004: 14 Tage Western-Cap – mit dem Auto unterwegs auf der »Garden Route«. Aus meinem Tagebuch
Bilder aus Südafrika
Oktober 2016: Mit Tochter Sylvia auf Safari in Namibia
Flug mit Qatar Airways von Frankfurt über Doha nach Windhoek und zurück
Die Stationen unserer Reise
Der Flug nach Namibia
Uhland, die Pension mit den Rosenpapageien
Die Reise zum Waterberg
Die Schlacht am Waterberg
Tochter Sylvia kommt nach Namibia
Besteigung des Waterbergs: »Auf geht’s Sylvia, der Berg ruft!«
In der Otjiwa Lodge
Etosha Nationalpark
Fort und Camp Namutoni
Fahrt durch den Nationalpark zum Camp Halali
Unheimliche Begegnung mit einer Hyäne
Die San und Nama (Buschmänner)
Reise nach Swakopmund
Sylvia fliegt nach Hause
Abschied von Swakopmund
Meine letzten Tage in Windhoek
Bilderbuch Namibia
Die Kolonien des deutschen Kaiserreichs – als der Kilimandscharo der höchste Berg im Deutschen Reich war
Die kaiserliche Yacht Hohenzollern auf Briefmarken
Seiner Majestät Schiff »Hohenzollern« (SMS)
Des Kaisers liebstes Schiff
Über mich
Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt …
(Lied von H. Grönemeyer)
Duisburg, die Hafenstadt an Rhein und Ruhr, hat den größten Binnenhafen Europas und ist Seehafen für Küstenmotorschiffe. Die Bürger der Stadt hatten schon immer gute Kontakte zu den Schiffsleuten aus den Rheinuferstaaten und deren Familien, die mit ihren Schiffen nach Duisburg kamen. So hatte es sich auch ergeben, dass meine Mutter den holländischen Schipper Martin Kreuze kennenlernte. Der war geschieden und hatte drei Kinder. Mutter war auch geschieden, sie hatte vier Kinder. Zwei starke Persönlichkeiten aus verschiedenen Welten, die sich verliebten und den Mut hatten, zu heiraten. So entstand zunächst eine Familie mit sieben Kindern; später wurden noch zwei gemeinsame Kinder geboren, sodass wir schließlich neun Kinder waren, eine richtige Patchwork-Familie, in der Deutsch und Holländisch gesprochen wurde. Alle Kinder, auch die deutschen, gingen in Rotterdam zur Schule, während Mutter, ich und mein neuer Bruder Martin an Bord des MS. Gaia kamen, auf dem Pa-Kreuze Schiffsführer war.
Sieben Jahre war ich Schiffsjunge und Matrose an Bord der Gaia, dann musste ich nach einem Streit mit meinem Stiefvater das Schiff verlassen. Endlich war ich frei und konnte das tun, was ich schon immer wollte: als Leichtmatrose und Matrose zur See fahren. Mit 23 Jahren machte ich bei der WSD-Mainz das Rheinschifferpatent: Im Sommer fuhr ich auf den Personenschiffen der KD auf dem Rhein, und im Winter fuhr ich zur See. Ich besuchte die Seemannsschule in Lübeck-Travemünde und erhielt, nach erfolgreicher Abschlussprüfung, den Matrosenbrief.
Im Jahr 1966 habe ich, im Alter von 25 Jahren, meine Frau Jirina in Ostrava, CSSR, geheiratet. Nach ihrer Ausreise aus Tschechien lebten wir drei Jahre in Köln. In dieser »Kölner Zeit« fuhr ich auf den Schiffen der KD auf dem Rhein, während Jirina in ihrem Beruf als technische Zeichnerin arbeitete. An den Wochenenden ist sie oft bei mir an Bord mitgefahren und hat so die schönen Landschaften an Rhein und Mosel in ihrer neuen Heimat kennengelernt.
Sechs Monate war ich auf dem Schubschiff Friederich Jansen. Danach haben wir uns, mit Unterstützung von Pa-Kreuze, einen eigenen Frachtkahn, eine »Péniche« gekauft, die wir auf den Namen meiner Frau Jirina tauften. Sechs Jahre waren wir mit unserem Schiff auf den Flüssen und Kanälen Frankreichs und den übrigen westeuropäischen Wasserstraßen unterwegs. In dieser Zeit wurden unsere Kinder Thomas und Sylvia geboren. Nach dem Verkauf unseres Schiffes erwarben wir in Kerpen-Horrem, 14 km westlich von Köln, eine Eigentumswohnung …
Schiffsführer auf MS. Maryn
Von meinem Freund und Kollegen Leo de Witt, den ich noch aus der Frankreichfahrt kannte, bekam ich die Adresse der holländischen Bagger-Reederei van Oort in Utrecht. Die Reederei suchte Schiffsführer für ihre Baggerschuten in Frankreich. Es gab in dieser Zeit wenig Ladung für eine Péniche in der Frankreichfahrt, und so wollte Leo die schlechte Zeit überbrücken und sein Schiff vorübergehend stilllegen, um auf einer Baggerschute tätig zu werden. Da unser Sohn Thomas bald das schulpflichtige Alter erreichte, wollten wir bei Gelegenheit unser Schiff verkaufen, um an Land zu wohnen. Und so sagte ich zu Leo, das wäre auch für mich eine gute Lösung.
»Du kannst es ja mal versuchen«, sagte er, »aber es gibt so viele Bewerber.«
Ich versuchte es und telefonierte in meinem besten Holländisch mit der Personalabteilung in Utrecht. Die schickten mir die Bewerbungsformulare, die ich schnell ausfüllte und zurückschickte. Ich hatte Erfolg, denn bald schon wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch nach Utrecht eingeladen. Da ich gut Holländisch sprach, hatten sie kein Problem damit, dass ich Deutscher war. Doch man hatte Bedenken, ob ich, als Schipper von einem »Spitz« (Péniche), auch auf einem 3.000 t großen Schiff fahren könnte. Aber als ich ihnen mitteilte, dass ich schon früher auf dem Rhein auf großen Schiffen gefahren war, z. B. auf dem Schubschiff Friederich Jansen, waren sie zufrieden. Ich bekam meinen Arbeitsvertrag als Schipper für sechs Monate auf dem 3.000 to großen MS. Maryn.
Mit der guten Heuer und mit dem Wechsel von 14 Tagen an Bord und 14 Tagen zuhause war ich einverstanden. Der Flug zu unserem Arbeitsplatz von Rotterdam nach Bordeaux erfolgte mit British Airways. Von und nach Rotterdam musste jeder mit der Bahn oder dem Auto fahren.
Unser Einsatzgebiet war die Girondemündung bei Blaye. Der Arbeitsablauf war folgender: Ein Spülbagger lag in der Gironde vor Anker. Ein Hopper brachte Sand, den er aus dem Flussbett der Gironde gesaugt hatte, und spülte seine Sandladung direkt vor die Rohre des Spülbaggers. Der saugte den Sand wieder auf und pumpte ihn über ein Rohr in den Laderaum unseres Schiffes. Wir fuhren mit dieser Ladung Sand an die Seite eines weiteren Spülbaggers, der an Land vertäut war. Der saugte wiederum das Sand-Wassergemisch aus unserem Laderaum und pumpte es über Land durch lange Rohre in ein Spülfeld, wo das Fundament für einen großen Gebäudekomplex entstand.
Meine Kollegen waren eine aus den ganzen Niederlanden stammende lustige Gemeinschaft mit viel Humor. Wir lebten in Wohncontainern, die in einer Wiesenlandschaft aufgestellt waren, einer Landschaft durchzogen von Endwässerungsgräben wie in Holland.
Einige Kollegen kamen aus dem »hohen Norden« der Niederlande, aus Friesland und Groningen. Dort findet jeden Sommer das berühmte »Slootje springen« statt. Da wird mit langen Stangen über Slootjes (Wassergräben) gesprungen. Als wir eines Abends gemütlich beim Bier zusammensaßen, hatten die Kollegen aus dem hohen Norden ein paar lange Stangen organisiert und überredeten uns zum Slootjespringen. Die aus dem hohen Norden hatten Erfahrung und setzten ohne Probleme über den Graben. Doch einige andere, schon etwas angetrunken, schafften es nicht ganz, und einer fiel komplett in den Graben. Ein Riesenspaß. Ich sprang auch zweimal, und einmal landete ich knöcheltief im Wasser. Es wurde viel gelacht, nur die den Sprung nicht schafften, fanden das nicht so lustig. Später haben die meisten nicht mehr mitgemacht.
Das von Gräben durchzogene Weideland war mit der See verbunden und diente der Entwässerung. Einmal beobachtete ich, wie ein Franzose einen vollen Kescher Glasaale aus dem Sloot fischte. Die Glasaale schwimmen mit dem Golfstrom von der Sargassosee über den Atlantik an die europäischen Küsten. Dann wandern sie in den Flüssen zunächst stromaufwärts, und wenn sie erwachsen sind, wieder zurück ins Meer, um in der Sargassosee zu laichen und anschließend zu sterben. In Frankreich sind Glasaale eine Delikatesse.
Nach 14 Tagen Arbeit wurden wir mit dem Bus zum Flughafen von Bordeaux gefahren. Mit einer kleinen Maschine der British Airways flogen wir nach Rotterdam. Wir waren alle gut gelaunt, denn jeder freute sich auf sein Zuhause. Unsere drei Stewardessen servierten uns mehrmals den zollfreien »Whisky on the Rocks«. Viele meiner Kollegen waren schon angetrunken. Was würden ihre Frauen sagen, wenn sie nach 14 Tagen Abwesenheit betrunken nach Hause kommen? Von Rotterdam mussten wir ja noch weiter mit dem Zug oder dem Auto.
Es war nicht mehr weit nach Rotterdam, der Whisky floss in Strömen, da konnten einige der Kollegen es nicht lassen, den Stewardessen im Vorübergehen an den Po zu tatschen. Die flüchteten und weigerten sich, uns weiter zu bedienen. Ja, einige der Baggerleute hatten schlechte Manieren. Wir landeten pünktlich in Rotterdam-Zestienhoven. Jeder musste jetzt mit dem Zug oder dem Auto nach Hause weiterreisen. So verging die Zeit, und bald schon war die Arbeit in Frankreich beendet.
Wir hatten im Côtes de Blaye, mitten im Weinanbaugebiet des berühmten Bordeaux-Weins, das Fundament eines Atomkraftwerks geschaffen. Im Anfang wusste ich nicht, was wir da taten. Später erst erfuhr ich, warum die Franzosen so unfreundlich zu uns gewesen waren. Es war verständlich, den wir bauten ihnen ein Atomkraftwerk vor die Nase. Öffentlich hatte jedoch keiner protestiert.
Die Arbeit in Frankreich war zu Ende. Mein neuer Arbeitsplatz war der Hafenbau an der algerischen Küste in der Bucht von Arzew.
Das afrikanische Abenteuer begann.
Unser abenteuerliches Familienleben im Camp von Béthioua an der algerischen Mittelmeerküste.
Bonne journée und Salamaleikum Algerien
Bevor die Arbeit in Frankreich zu Ende ging, hatte ich mich, zusammen mit meinem Kollegen Willem de Hartocht, bei der holländischen Reederei Stevin Bagger in Beverwijk als Schiffsführer für die Hafenbaustelle in Béthioua beworben. Meine Frau und meine Kinder konnten mit nach Algerien.
Das war für mich ganz was Neues: Leben und arbeiten im Orient, im nordafrikanischen Maghreb. Ich kannte den Orient nur aus Büchern, aus Tausendundeiner Nacht und den Erzählungen von Karl May. Was erwartete uns? Ein fremdes, interessantes Land, wo viel die Sonne scheint, wo Arabisch und Französisch gesprochen wird. Doch damit hatten wir kein Problem, denn etwas Französisch konnten wir noch aus der Zeit, als wir mit unserer Péniche durch Frankreich geschippert waren. Nach erfolgreicher Probezeit sollte meine Familie nachkommen.
Auf dem Büro in Beverwijk hatte ich ein längeres Gespräch mit dem Personalchef. Eigentlich wollte ich auf den großen, mit zwei Voith-Schneider-Propellern ausgerüsteten Spezialschiffen als Zweiter Schipper fahren. Ich machte wohl einen guten Eindruck, denn sie stellten mich gleich als Ersten Schipper ein. Was für ein Glück: Ich wäre sonst nie Erster Schipper geworden. Man sagte mir, dass ich nach der erfolgreichen Probezeit von drei Monaten einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekäme.
Die beiden Schwesterschiffe Taurus und Cetus waren Spezialschiffe für den Hafenbau, Steenstorter (Stone Dumper), die sich beim Deich- und Hafenbau in Hoek van Holland bewährt hatten. Die Schiffe waren vermessen mit 1.400 Gt, 4.000 kW, zwei Voith-Schneider-Propellern und hatten zwölf Mann Besatzung (vier Europäer, acht Algerier). Sie sollten in Algerien beim Bau des Gashafens von Béthioua und eines dem Hafen vorgelagerten Wellenbrechers in der Bucht von Arzew eingesetzt werden. Eine Herausforderung für mich, den ich war noch nie auf solchen Schiffen gefahren. Sie lagen schon einige Monate in der Bucht von Arzew vor Anker und warteten auf den Einsatz. Am Anfang waren noch beide Schiffe aktiv, doch man brauchte nur eins, und so schickte man die Cetus zurück nach Holland. Die Taurus sollte nun im Verband mit einigen Klappschuten den zwei km langen Wellenbrecher aus ca. 15 m Tiefe aufschütten: mit Steinen und Geröll aus dem nahen Steinbruch des Atlasgebirges. Außerdem gab es noch einige Pontons, die von kleinen holländischen Schleppern gezogen wurden, und den Schneidkopfbagger Spüler 5 der Reederei Holzmann aus Hamburg, die auch am Hafenbau beteiligt waren.
Ich flog also von Köln über Paris mit der Air Algérie zunächst nach Oran. Am Flughafen wurde ich vom Agenten der Reederei abgeholt und mit dem Auto nach Arzew gefahren, wo die Taurus vor Anker lag. Einige der holländischen Besatzungsmitglieder waren erst nicht so begeistert, dass ich, ein Deutscher, ihr Erster Schipper werden sollte. Das war jedoch noch nicht sicher, denn es gab zwei weitere Kandidaten, die angelernt werden sollten: Henk van de Valk und Gerhard van den Bogaard. Henk war ein großer, grauhaariger Typ aus Amsterdam, der vorher schon einige Jahre als Zweiter Schipper auf der Taurus gefahren war. Er gab mir zur Begrüßung seine große Hand und sagte, ich solle mir nicht einbilden, dass ich in so kurzer Zeit lernen könnte, die Taurus zu führen. »Wir werden sehen«, sagte ich, aber ich war durch seine Aussage verunsichert. Als Nächstes wollte Henk mir eine Kabine unter Deck zuweisen, aber das habe ich nicht akzeptiert. Mein Kollege Willem de Hartocht unterstützte mich in meinem Protest. Auch er war der Meinung, wenn ich auf der Taurus Erster Schipper werden sollte, konnte ich nicht in einer Kabine tief unten im Schiff wohnen. Ich telefonierte mit dem Büro im Camp, und schon musste Henk mir eine Kabine am Oberdeck geben. Am nächsten Tag machten wir Anker auf und fuhren nach Béthioua zur Ladestelle. Wir hatten vorübergehend noch einen erfahrenen Schipper an Bord, der uns anlernte. Jeder von uns musste das Schiff steuern, den Computer bedienen, Anker setzen und mit dem schweren Hydaulikschieber die Ladung Steine über Bord auf Position ins Meer schütten.
Gerhard van den Bogaard
Ich freundete mich mit Gerhard van den Bogaard an. Er war von großer, massiger Gestalt, hatte Humor und lachte gerne und laut. Er wohnte in Beneden-Leeuwen an der Waal, dem südlichen Hauptarm des Rheins, der sich in Millingen gabelt. Er hatte sein Leben lang im Hafenbau in der ganzen Welt gearbeitet, doch seine interessanteste Baustelle war in Richardsbaai in Südafrika. Das erzählte er immer wieder. Der Bau des Hafens dort dauerte sieben Jahre. Während dieser Zeit waren seine Frau Francien und seine beiden Söhne mit dabei. Sie wohnten in einem großen, schönen Haus mit Garten. Seine Jungens besuchten die normale Schule, wo in Afrikaans und Englisch unterrichtet wurde. Afrikaans war Amtssprache, eine Sprache, die aus dem Holländische entstanden ist.
Es war die Zeit der Apartheid, Auf der Baustelle gab es keine Probleme zwischen Weißen und Schwarzen: Die Weißen stiegen in ihren Bus für Weiße und die Schwarzen in ihren Bus für Schwarze. Es gab jedoch einen Bus, der Weiße und Schwarze beförderte, erzählte Gerhard. Die Weißen saßen vorne und die Schwarzen hinten. Eines Tages wollten die Schwarzen auch mal vorne im Bus sitzen. Niemand wollte in den Bus steigen, solange das Problem nicht geklärt war. Der Busfahrer, ein kluger Mann, sagte zu den versammelten Leuten: »Wir vergessen, das ihr weiß oder schwarz seid, ihr seid alle grün!« Das war die Lösung, alle stimmten zu. »Einsteigen!«, rief der Fahrer. »Die Hellgrünen nach vorne und die Dunkelgrünen nach hinten!« Wir machten ungläubige Gesichter, und Gerhard lachte laut.
Der Präsident von Südafrika war damals Botha, ein Bure. Jede Volksgruppe hatte zur Zeit der Apartheid ein eigenes »Homeland«; das beste Land besaßen natürlich die Weißen, und das konnte auf die Dauer nicht gutgehen. Die Mehrheit der Bevölkerung, 75% waren »Schwarze« (d. h. alle Menschen dunkler Hautfarbe, die eine Bantusprache als Muttersprache hatten), dann kamen die »Coloureds« (Mischlinge) dann die »Weißen«, hauptsächlich Buren, und im Anschluss die San (»Buschmänner«). Die San hatten das südliche Afrika schon bevölkert, bevor die Weißen und die Schwarzen einwanderten. In Durban gab es auch viele Inder. Später wurde die Apartheid abgeschafft und Mandela, ein Mann aus dem Volk der Xhosa, wurde der erste schwarze Präsident der neuen Republik der »Regenbogennation«. Mandela rief die Weißen auf, im Land zu bleiben, aber viele aus England stammende Weiße verließen das Land und gingen nach Australien. Die ca. sechs Millionen Buren dagegen, die seit dem sechzehnten Jahrhundert in Südafrika lebten, verstanden sich als weiße Afrikaner und blieben. Die Holländer hatten Kapstadt gegründet, und die Buren als Nachfahren der Holländer betrachten Kapstadt als Mutterstadt Südafrikas. Das Land besteht aus Provinzen (ähnlich wie in Deutschland die Bundesländer), hat ein Parlament und elf offizielle Sprachen. Es ist das Land mit dem höchsten Lebensstandard in Afrika.
Gerhard war der Baas seiner schwarzen Arbeiter, er hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Leuten. Einen von ihnen ernannte er zum Chief (Vorarbeiter), dem sagte er, was gemacht werden musste, und der teilte die Leute zum Arbeiten ein. Bei einem weißen Baas wurde oft und schnell von Diskriminierung gesprochen.
Die holländische Firma verdiente viel Geld mit dem Hafenbau und hatte eine Lohnerhöhung für ihre schwarzen Arbeiter beschlossen. Die freuten sich, kamen aber nur noch vier oder fünf Tage zur Arbeit, das genügte ihnen. Jetzt hatte die Firma ein Problem, denn sie hatte nicht mit der Mentalität der Leute gerechnet.
Mit meiner Mannschaft auf der Cetus tat ich später das Gleiche wie Gerhard: Ich ernannte Lakdar, einen Mann meines Vertrauens, zum Chief, er sorgte für einen reibungslosen Arbeitsablauf. Gerhard wollte, dass ich im großen Camp wohnte, aber da war alles schon vergeben. So dicht beieinander wollte ich sowieso nicht wohnen. Es ergab sich dann später, dass wir ein Haus im kleinen Camp bekamen. Hier hatten wir gute und interessante deutsche Nachbarn. Auch für Jirina war es einfacher: Sie sprach Deutsch, aber kein Holländisch.
Gerhard und ich waren Freunde, doch manchmal auch Konkurrenten. Er hatte aber nie Vorurteile gegenüber Deutschen, und das schätzte ich an ihm. Während meiner Probezeit belauschte ich einmal ein Gespräch zwischen dem »Uitfurder« Salomon und ihm. Salomon sollte beurteilen, ob ich für den Job als Schipper geeignet sei oder nicht, und den Bericht an die Personalabteilung in Holland schicken. Er fragte Gerhard: »Ho doet die Moff dat, kann die faaren of niet«?
»Ja naturlik«, antwortete Gerhard, »mar dat mot je zelfs maar bekyken«.
Später schlug er mir vor: »Wenn du weiter im holländischen Bagger bleibst, wäre es für dich wohl besser, du würdest in Holland oder dicht an der Grenze wohnen. Vielleicht in Kleve?« Das war nicht weit von Beneden-Leeuwen, wo er und auch mein Bruder Martin wohnten. Kleve ist eine schöne Kleinstadt mit einer tollen Burg im Stadtzentrum und einem Denkmal vom alten Preußenkönig. »Das könnte mir gefallen«, antwortete ich, »die Nähe zu Holland wäre schon günstig, wenn ich weiter im holländischen Bagger bleiben würde. Es ist aber zu spät, denn wir haben uns schon eine Wohnung in Horrem gekauft.« Ich hatte ja geplant, später wieder bei der KD-Personenschifffahrt in Köln zu fahren. Doch es kam alles anders.
Nach Algerien besuchten wir die Bogaards. Sie hatten ein Haus direkt hinterm Deich an der Waal. Das Haus war wie ein Museum, voll mit Erinnerungsstücken aus der ganzen Welt. Gerhard war mit der Cetus ein Jahr in Algerien gewesen, denn ein Erdbeben hatte unseren Wellenbrecher in Algerien beschädigt, und der Schaden musste behoben werden. Die alte algerische Besatzung war wieder an Bord. «Die Stellen am Wellenbrecher, die du aufgebaut hast, mussten wir reparieren«, erzählte er mir und lachte dröhnend. Na warte, dachte ich, dich werde ich auch noch ärgern. Als er dann die Befürchtung äußerte, seine algerische Besatzung könnte an der Grenze seine Adresse angeben und nach Holland kommen, und ich darauf sagte: »Bogaard, du hast ein so großes Haus, du könntest bequem ›vier van unsere Jungens’ aufnehmen«, habe ich ihm die Laune verdorben.
Während ich auf dem Rhein als Lotse fuhr, war er als Schipper am Bau des Hafens von Zeebrugge in Belgien beteiligt. Als ich ihn das letzte Mal besuchte, wollte er noch einmal ins Ausland und dann aufhören. Auf einer Werft an der Maas hatte er den Bau einer Jacht in Auftrag gegeben, der Kasko war schon fertig. »Mit dieser Jacht werde ich den Rhein nach Köln hochschippern und dich besuchen«, versprach er. Seine Frau Francien erzählte mir später, er sei jedoch im Ausland krank geworden und während seines Kontrakts auf eigene Kosten nach Hause geflogen. Nach seiner Ankunft in Holland kam er sofort in eine Klinik. Er hatte Krebs, die Metastasen hatten sich überall in seinem Körper ausgebreitet. Es war zu spät, man konnte ihn nicht mehr retten. Ich wollte ihn noch einmal besuchen, doch ich habe es nicht geschafft, denn was sollte ich ihm zum Trost sagen? Ich halte ihn aber in guter Erinnerung.
Lern- und Probezeit auf der Taurus
Gerhard und ich wurden Erste Schipper, während Henk Zweiter Schipper blieb. Auch die anderen Holländer gewöhnten sich schnell an mich, denn ich sprach ihre Sprache, war Binnenschiffer wie sie, und mein Stiefvater war Holländer.
»Was wollt ihr noch mehr?«, fragte ich. »Soll ich vielleicht noch eine von euren Prinzessinnen heiraten?«
Sie lachten, und so wurde ich einer von ihnen. Mein Zweiter Schipper auf der Cetus wurde später Aad van Syde und mein Erster Maschinist an Bord war Rines Kranenburg. Es war eine spaßige Besatzung, die manchmal auch den ganzen Tag versuchte, jemanden zu ärgern. Mit den anderen Deutschen der Firmen Holzmann und Dyckerhoff, meist Süddeutschen, hatten die Holländer mitunter Streit, doch bald schon vertrugen sie sich wieder, denn wir mussten ja gemeinsam den Hafen bauen. Für die später nachfolgenden Familien wurde ein Camp errichtet, die Häuser bestanden aus leichten Fertigbauteilen. Auch eine holländische und eine deutsche Grundschule sowie ein Kindergarten waren vorgesehen. Als dann die Frauen mit ihren Kinder ins Camp kamen, haben wir uns mit den meisten holländischen, aber auch den deutschen Familien angefreundet.
In den ersten drei Monaten meiner Probezeit lernte ich, die Taurus mit ihren zwei Voith-Schneider-Propellern sicher zu navigieren. Der neue Hafen Béthioua in der Bucht von Arzew wurde von drei Land
