Dunkle Flammen der Leidenschaft - Jeaniene Frost - E-Book

Dunkle Flammen der Leidenschaft E-Book

Jeaniene Frost

4,9
9,99 €

Beschreibung

Der Auftakt einer Serie um Jeaniene Frosts beliebtesten Nebencharakter – Vlad Tepesch, genannt Drakula«.

Leila Dalton verfügt über die Gabe, in die Vergangenheit und manchmal sogar in die Zukunft einer jeden Person, die sie berührt, zu blicken. Durch diese Fähigkeit befindet sie sich plötzlich zwischen den Fronten einer Fehde, die bereits seit Jahrhunderten tobt. Sie stellt sich ohne zu zögern auf die Seite des Vampirs Vlad. Seine unnahbare und doch gefühlvolle Art fasziniert sie mehr, als sie sich jemals hätte träumen lassen. Der Vampir macht zwar kein Geheimnis daraus, dass sie niemals mehr als eine Geliebte sein wird. Doch Leila wird, da sie endlich die Liebe in seiner leidenschaftlichen Umarmung kennen gelernt hat, ihr neues Glück nicht aufgeben …

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Seitenzahl: 439

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Jeaniene Frost

Dunkle Flammen der Leidenschaft

Roman

Deutsch

von Sandra Müller

Die Originalausgabe erschien 2012

unter dem Titel »Once Burned«

bei Avon, New York.

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Jeaniene Frost

© der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by

Penhaligon Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Holger Kappel

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Herstellung: sam

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN 978-3-641-08696-1

www.penhaligon.de

Für JBA,

für alles

1

Ich parkte mein Rad vor dem Lokal und wischte mir den Schweiß von der Oberlippe. Es war untypisch warm diesen Januar, aber den Winter über in Florida zu schwitzen war besser, als im Norden zu frieren. Ich drehte mein Haar zu einem Knoten, und mein Nacken wurde sofort kühler, als die lange schwarze Mähne nicht mehr darüberfiel. Noch einmal fuhr ich mir über die Stirn, bevor ich das Lokal betrat und an den Tischen vorbei auf die an der Bar sitzenden Gäste zustrebte.

Schon auf den ersten Blick sah ich, dass die meisten durchschnittlich groß waren, ein paar besonders hoch Aufgeschossene nicht eingeschlossen. Mist. Wenn Marty nicht hier war, musste ich zu seiner zweitliebsten Kneipe radeln, und es sah nach Regen aus. Ich ging zwischen den Tischen hindurch, die rechte Hand an den Schenkel gepresst, damit ich nur ja niemanden berührte. Sonst hätte ich den unförmigen Elektrikerhandschuh tragen müssen, der mir stets Fragen von neugierigen Fremden einbrachte. An der Bar schenkte ich dem gepiercten, tätowierten Mann, der zur Seite gerückt war, sodass ich Platz an der Theke fand, ein Lächeln.

»Hast du Marty gesehen?«, fragte ich ihn.

Dean schüttelte den Kopf, dass die Ketten klimperten, die von seinen Nasenflügeln bis zu den Ohren reichten. »Bisher nicht, aber ich bin auch gerade erst gekommen.«

»Raquel?«, rief ich. Die Barkeeperin drehte sich um, sodass ich ihr hübsches, aber bärtiges Gesicht sehen konnte, das die Touristen verstohlen oder offen angafften.

»Das Übliche, Frankie?«, fragte sie und griff nach einem Weinglas.

Eigentlich hieß ich nicht Frankie, das war nur mein Künstlername. »Heute nicht. Ich bin auf der Suche nach Marty.«

»War noch nicht hier«, antwortete sie.

Raquel fragte nicht, warum ich persönlich vorbeigekommen war, statt telefonisch nachzufragen. Alle in Gibsonton überwinternden Schausteller taten, als wüssten sie nichts von meinen Besonderheiten, doch außer Marty versuchte niemand mich anzufassen, und es machte sich auch niemand erbötig, mich im Auto mitzunehmen, wenn er mich auf dem Fahrrad sah, egal wie das Wetter war.

Ich seufzte. »Wenn er kommt, sagst du ihm, dass ich ihn suche, ja?« Wir hätten vor zwei Stunden schon mit dem Training anfangen sollen. Außerhalb der Saison verwandelte sich mein sonst so disziplinierter Partner Marty in eine ziemliche Schnarchnase. Fand ich ihn nicht bald, würde man nicht mehr vernünftig mit ihm reden können. Er würde die ganze Nacht saufen und Geschichten von früher erzählen, als das Schaustellerleben noch eitel Sonnenschein gewesen war.

Raquel lächelte, sodass man ihre hübschen weißen Zähne sehen konnte, die in krassem Kontrast zu dem dunklen, kratzigen Bart standen. »Klar doch.«

Ich wollte mich bereits wieder auf den Weg machen, als Dean mit der Gabel an sein Bierglas tippte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. »Soll ich im Tropicana anrufen und fragen, ob Marty da ist?«

Seine Vermutung, wohin ich als Nächstes wollte, war richtig, aber schließlich kannte er Marty schon länger als ich.

»Es sind bloß anderthalb Kilometer, und ich muss meine Beine trainieren.«

»Für mich sehen die ganz okay aus«, meinte Dean heiser und warf einen langen Blick auf die fraglichen Körperteile, bevor er auch noch den Rest von mir musterte. Wegen der Hitze trug ich nur Shorts und ein Tanktop, sodass er ziemlich ungehinderte Sicht hatte. Schließlich schüttelte er den Kopf, als wollte er sich in Erinnerung rufen, warum es keine gute Idee war, mich abzuchecken. »Bis dann, Frankie«, meinte er in energischerem Tonfall.

Ich verspürte ein Engegefühl in der Brust, das mir ebenso vertraut wie lästig war. Ja, Dean wusste, warum es zwecklos war, von meinen Beinen – oder irgendeinem anderen Teil meines Körpers – zu träumen, und ich hatte mich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass es Dinge gab, die ich nie würde erleben können. Aber dann wurde ich doch schwach und ertappte mich dabei, wie ich ein Pärchen an einem der Tische betrachtete. Die beiden hatten die Finger verschränkt und flüsterten miteinander. Sie schienen sich dieser alltäglichen Geste kaum bewusst zu sein, doch meine Aufmerksamkeit erregte sie, als würde ein Scheinwerfer ihre Hände ausleuchten, bis das Engegefühl fast zu einem Brennen wurde.

Das Pärchen, das anscheinend gemerkt hatte, dass ich es beobachtete, warf mir einen Blick zu, der aber schnell wieder an mir vorbeiwanderte. Entweder hatten die beiden die Narbe nicht bemerkt, die von meiner Schläfe bis zu meiner rechten Hand reichte, oder sie interessierten sich mehr für Deans körperdeckende Eidechsen-Schuppen-Tätowierung, Raquels Bart, J. D.s Körpergröße von zwei Meter vierzig oder Katies fünfunddreißig Zentimeter schmale Taille, die im Kontrast zu ihren ausladenden Hüften und dem Doppel-D-Körbchen umso zerbrechlicher wirkte. Es war auch noch früh. Die Stammgäste des Showtown USA trudelten meist erst nach neun ein.

Das Pärchen begaffte weiter ungeniert das Grüppchen an der Bar, und der Ärger, den ich darüber empfand, dass meine Freunde es sich gefallen lassen mussten, so angestarrt zu werden, ließ die Melancholie verfliegen, die mich kurz überkommen hatte. Manch einen Touristen verschlug es nach Gibsonton, weil er die Überbleibsel des Zirkuslebens bestaunen wollte, die in vielen Straßen noch zu sehen waren, andere wollten die Tanzbären, Elefanten oder anderen exotischen Tiere sehen, die der eine oder andere sich im Vorgarten hielt, die meisten aber kamen, um die »Freaks« zu begaffen. Die Anwohner waren immun dagegen oder zeigten ihre Besonderheiten für ein Trinkgeld, ich aber konnte mir meine Verärgerung über dieses anstößige Benehmen noch immer nicht verkneifen. Andersartigkeit machte einen schließlich nicht zum Untermenschen, und doch wurden viele der Einwohner Gibsontons von den Passanten genau so behandelt.

Aber es stand mir nicht zu, die Touristen für ihr mangelndes Feingefühl zu kritisieren, ganz zu schweigen davon, dass Raquel es alles andere als gern gesehen hätte, wenn ich ihre Gäste herunterputzte. Also presste ich die Lippen zusammen und strebte auf die Tür zu, überrascht, als sie genau in dem Moment aufschwang, in dem ich die Klinke ergreifen wollte. Ich machte einen Satz rückwärts und schaffte es so gerade noch, nicht von einem Mann überrannt zu werden, der hereinstolzierte, als gehörte das Lokal ihm, konnte aber trotzdem nicht vermeiden, dass seine Hand meinen Arm streifte.

»Autsch!«, rief er und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. »Was sollte das denn?«

Er wusste es nicht, aber er hatte Glück gehabt. Hätte ich nicht gelernt, etwas von dem Strom, der in mir floss, zu zügeln, und wenn ich nicht einen Großteil erst eine Stunde zuvor in Blitzableiter entladen hätte, wäre es ihm viel schlechter ergangen.

»Statische Elektrizität«, log ich. »Ist schlimm hier in der Gegend.«

Der Gesichtsausdruck des Mannes sagte mir, dass er mir nicht glaubte, aber meine Hände waren leer, und mein Outfit verbarg auch kaum etwas. Er funkelte mich noch einmal an und drehte mir dann den Rücken zu.

»Welche Ausfahrt muss ich nach Tampa nehmen?«, rief er in die Runde. »Mein scheiß Navi funktioniert hier nicht.«

Das war in der Gegend nicht weiter ungewöhnlich, und ich hätte ihm Auskunft geben können, schwieg aber, weil ich nicht noch einmal riskieren wollte, ihn unabsichtlich zu berühren, wenn ich mit ihm sprach.

Ich war gerade dabei, die Kneipe zu verlassen, als eine gehetzt wirkende Blondine geradewegs in mich hineinrannte. Sie stieß einen leisen Aufschrei aus, und aus purem Frust hätte ich am liebsten mitgeschrien. Jetzt hatte ich monatelang jeden Körperkontakt verhindern können, um heute binnen fünf Minuten gleich zwei Leuten einen Schlag zu verpassen. Wenigstens hatte der ungehobelte Typ schon einiges abbekommen, sodass die Frau den Schlag, den ich ihr verpasst hatte, wirklich für statische Elektrizität halten konnte.

»Verzeihung«, sagte ich und wich sofort zurück.

»Meine Schuld«, lachte sie und tätschelte mir begütigend den Arm. »Ich habe nicht aufgepasst …«

Was sie dann sagte, hörte ich nicht mehr. Bilder schossen mir durch den Kopf, schwarz-weiß, grau.

Ich war mit meinem Liebhaber im Bett, unser Keuchen das einzige Geräusch im Raum. Hinterher flüsterte ich ihm zu, dass ich meinem Mann am nächsten Wochenende sagen würde, dass ich ihn verlasse.

Das war es allerdings nicht, was mich zusammenfahren ließ. Die Bilder, die dann meinen Geist erfüllten, waren es, in Farbe diesmal, aber undeutlich, wie durch Nebel betrachtet.

Ich war in einem dichten Sumpfgebiet und starrte voller Entsetzen meinen Mann an, der meine Kehle umklammerte. Schmerz explodierte in meinem Hals, sodass ich alles nur noch verschwommen sah, während ich vergeblich an seinen behandschuhten Händen kratzte und zog, um sie zu lösen. Er drückte fester zu, während er mir sagte, dass er von meiner Affäre erfahren hätte und wie er meine Leiche verschwinden lassen würde. Der Schmerz wurde immer stärker, bis mein ganzer Körper brannte. Dann hörte er zum Glück auf, und ich hatte das Gefühl davonzuschweben. Mein Mörder rührte sich nicht, mit den Händen noch immer meine Kehle umklammernd, nicht wissend, dass ich von oben auf ihn heruntersah. Irgendwann ließ er los. Er ging zu dem geparkten Wagen, öffnete den Kofferraum und nahm ein paar Gegenstände heraus, während er sich überlegte, von welchem er zuerst Gebrauch machen sollte …

»Frankie!«

Ich blinzelte und war wieder in meinem eigenen Kopf. Die nebligen Bilder traten in der Hintergrund, bis ich die Kneipe um mich herum wieder kristallklar sehen konnte. Dean stand zwischen mir und der Frau, die durch die Berührung meiner rechten Hand unwillentlich meine Gabe aktiviert hatte. Dean machte nicht diesen Fehler, stand aber so dicht vor mir, dass ich über seine Schulter sehen musste, um die Frau im Blick zu behalten. Sie hielt ihre Hand, als hätte sie Schmerzen, und sagte mit geweiteten braunen Augen etwas zu dem Mann, den ich jetzt als ihren Ehemann erkannte. Den Mann, der sie heute Abend ermorden würde, wenn ich ihn nicht aufhielt.

»Ich habe nichts getan!«, rief sie immer wieder. »Sie hat einfach angefangen zu schreien …«

Ihr Mann packte sie am Arm. »Raus aus der Geisterbahn, Jackie, wir fragen woanders nach dem Weg.«

»Halte sie auf«, keuchte ich an Dean gewandt und glaubte, noch immer, die Finger des Mannes an meiner Kehle spüren zu können. »Er wird sie umbringen.«

Gerade noch waren alle Barbesucher mit sich selbst beschäftigt gewesen, da lenkten meine Worte die Aufmerksamkeit aller effektiver auf mich als ein Pistolenschuss. Jackie starrte mich nur an, aber die Augen ihres Mannes wurden schmal. Er begann, sich durch die kleine Menge, die sich um uns geschart hatte, einen Weg nach draußen zu bahnen, und zog seine Frau dabei mit sich.

Dean vertrat ihnen den Weg. »Sie werden jetzt noch nicht gehen«, stellte er ruhig fest.

Der Mann hielt inne, Dean von oben bis unten musternd. Deans Gesichtsausdruck war schon einschüchternd genug, aber jetzt bewegten sich auch noch die grünen Schuppentätowierungen auf seiner Haut, als er die Arme verschränkte, sodass man die dicken Muskeln sehen konnte.

»Komm schon«, murmelte der Mann. »Ich will keinen Ärger …«

»Sieh in seinem Kofferraum nach«, mischte ich mich mit inzwischen festerer Stimme ein. »Dort liegen Arbeitshandschuhe, Klebeband und Kompostsäcke.«

Die Gäste in unserer Nähe begannen den Mann anzustarren. Der lachte beklommen. »Ich muss mir diesen Mist nicht anhören …«

»Außerdem sind da noch eine Axt, eine Schaufel, Taschenlampen, Bleichmittel, Stricke, eine Kneifzange und ein Buch über Forensik«, schnitt ich ihm das Wort ab. »Sie haben herausgefunden, dass sie Sie verlassen will, und das verkraften Sie nicht. Also wollten Sie sie erwürgen, ihr die Zähne ziehen und die Fingerspitzen abknipsen, damit niemand ihre Leiche identifizieren kann, selbst wenn sie gefunden wird.«

Der Mann wirkte verblüfft. Jackie begann zu zittern und brach in Tränen aus. »Phil, ist … ist das wahr?«

»Nein!«, brüllte er. »Die Irre lügt!«

Und dann machte er den großen Fehler, herumzufahren und mich bei den Schultern zu packen. Dean wollte ihn zurückreißen, aber ich war schneller. Die Erinnerung an das, was er mit Jackie vorgehabt hatte, machte mich erbarmungslos, und ich legte meine Rechte auf seinen Arm, um dann all die Elektrizität, die in mir floss, in seinen Körper zu leiten.

Eine weitere Reihe von Bildern explodierte in meinem Schädel, vom Alter verblichen, aber ich hatte ihn nicht deshalb angefasst. Mein Blickfeld verschwamm, während ich spürte, wie die Elektrizität schneller von mir in ihn schoss, als Dean mich wegziehen konnte. Phil ging zu Boden, und nachdem ich ein paar Mal geblinzelt hatte, sah ich mit Genugtuung, dass er noch zuckte. Ein paar Touristen kreischten. Jackie schluchzte. Das machte mir ein schlechtes Gewissen, aber ein paar Tränchen jetzt waren besser als das, was ihr Ehemann für sie vorgesehen hatte.

»Was ist passiert?«, wollte ein mir unbekannter Beobachter wissen.

»Er hat sie gepackt, da hat sie ihm eins mit dem Taser verpasst«, antwortete Dean mürrisch.

Ich hatte keinen Taser, aber J. D. stellte sich vor mich, sodass sein zwei Meter vierzig großer Körper mich verdeckte.

Jackie sammelte sich und zog mit zittrigen Fingern einen Schlüsselbund aus Phils Tasche. Er schien es nicht zu merken, weil er zu sehr damit beschäftigt war, zu zucken und sich in die Hose zu machen. Niemand hielt seine Frau auf, als sie auf den Parkplatz lief, nur Dean folgte ihr, nachdem er mir einen grimmigen Blick zugeworfen hatte.

Als Jackie einige Augenblicke später aufschrie, liefen ihr doch ein paar Leute nach, einige ohne Geld auf den Tischen zurückzulassen. Jackie hatte wohl gemerkt, dass ich mit meiner Prophezeiung richtig gelegen hatte.

Raquel kam zu mir und rieb sich müde den Bart. »Jetzt bist du dran, Frankie.«

Ich dachte, sie meinte, ich müsste die Zeche der Gäste bezahlen, die sich einfach davongemacht hatten. Immerhin hatte ich sie um ihre Einnahmen gebracht, sodass ich es Raquel nicht verdenken konnte, aber das Leben der Frau war es mir wert gewesen.

Erst als Jackie schluchzend der Polizei erzählte, was geschehen war, wurde mir vollends bewusst, was Raquel gemeint hatte. Aber da war es bereits zu spät.

2

Marty sah stumm zu, während ich mit mehr Gewalt als nötig auf dem Trampolin auf und ab sprang. Mit seinen ein Meter fünfzehn reichte er gerade mal an die Kante des Sportgerätes, doch seine Koteletten, das faltige Gesicht und sein muskulös stämmiger Körper zeigten deutlich, dass er kein Kind war. Ich beachtete ihn nicht und konzentrierte mich ganz auf mich selbst, sodass ich kaum noch etwas von der bei jedem Sprung auf und ab wippendenden Landschaft mitbekam. War ich hoch genug, zog ich die Knie zu einem klassischen Hocksprung an die Brust und drehte mich dann zu einer Bücke, bevor meine Füße das Tuch berührten und ich wieder absprang.

Die Hocke war nicht eng genug!, konnte ich beinahe meinen alten Trainer rufen hören. Das ist ein ganzer Punkt Abzug, Leila! So schaffst du es nie ins Team.

Ich verdrängte die Erinnerungen und konzentrierte mich auf meine nächste Übung – einen Baby Fliffis. Der geriet mir sogar noch schlampiger als das erste Element, und mein Fuß rutschte beim Landen peinlicherweise auch noch nach hinten weg. Wieder Abzug, schoss es mir automatisch durch den Kopf, aber ich zog die letzte Kombination aus Salti und Turntables durch. Kein Preisrichter, der etwas auf sich hielt, hätte mir dafür eine gute Beurteilung gegeben, aber es sah beeindruckend aus, und die Zuschauer standen darauf.

Statt auf dem Trampolin zu landen, wechselte ich diesmal in letzter Sekunde die Richtung, sodass ich mit beiden Füßen auf Martys Schultern zu stehen kam. Der Schwung und mein Gewicht hätten ihn eigentlich in die Knie zwingen und ihm etliche Knochen brechen müssen, aber Marty blieb kerzengerade stehen. Er packte mich bei den Knöcheln und stützte mich mit so festem Griff, dass ich mich zu meiner vollen Körpergröße von eins fünfundsechzig aufrichten und die Arme triumphierend über den Kopf heben konnte.

»Und die Menge tobt«, erklärte Marty ironisch, als ich mich verneigte.

Nachdem er meine Knöchel losgelassen hatte, sprang ich von ihm herunter. »Von Menge kann heutzutage wohl keine Rede mehr sein. Die Leute haben anderes zu tun, als sich fahrende Gaukler anzusehen.«

Marty schnaubte. »Wenn es nach Stan ginge, würdest du deine neu erworbene Popularität einsetzen, um das zu ändern.«

Ich verzog das Gesicht, als er erwähnte, wie unser Chef sich wegen des Zwischenfalls mit Jackie vor zwei Wochen die Hände rieb. Wenigstens stand heute niemand am Zaun. So ein Mist, dass Jackies Schwester Reporterin war und nichts Eiligeres zu tun gehabt hatte, als die Nachricht von meiner »Vorahnung« in die Medienwelt hinauszuposaunen. Phil plädierte auf nicht schuldig, und es gab nicht genug Beweise für einen geplanten Mord an seiner Frau, doch die Tatsache, dass ich von Jackies Plan, ihn zu verlassen, und dem genauen Inhalt seines Kofferraums gewusst hatte, hatte in den vergangenen zwei Wochen bereits ausgereicht, um die Neugierigen in Scharen herbeizulocken. Hätte ich nicht die leidige Angewohnheit gehabt, jedem, den ich berührte, einen Stromschlag zu verpassen, hätte ich Handleserein werden und ein Vermögen verdienen können, aber wie die Dinge lagen, konnte ich es kaum erwarten, dass mein Ruhm möglichst schnell verging.

»Die Leute müssen vergessen, wozu ich fähig bin. Du weißt, warum.«

Marty betrachtete mich fast traurig. »Ja, Kind. Das weiß ich.«

Dann tätschelte er mir den Arm, ohne bei dem Stromschlag zusammenzuzucken, den er bei dem Kontakt aushalten musste. Er war daran gewöhnt, und außerdem war Marty kein Mensch, sodass es ihm weniger ausmachte.

»Komm mit nach drinnen, dann mache ich dir einen Shake«, sagte er mit einem letzten väterlichen Tätscheln.

Ich drehte mich weg, damit er meine Grimasse nicht sehen konnte. Marty war so stolz auf seine Mixturen, dass ich wenigstens einmal pro Woche davon trank, aber sie schmeckten fürchterlich. Hätte ich nicht festgestellt, dass sie meiner Gesundheit tatsächlich förderlich waren, hätte ich die meisten heimlich in eine Topfpflanze gekippt.

»Äh, Augenblick noch. Ich will erst die Salti noch richtig hinkriegen.«

Sein Schnauben verriet mir, was für eine schlechte Lügnerin ich war, aber er argumentierte nicht herum. Augenblicke später hörte ich, wie sich die Wohnwagentür schloss.

Als er fort war, machte ich mich wieder daran, meinen Teil der Routine zu üben. Während unserer Show musste Marty rechtzeitig aus einer Reihe explodierender Objekte entkommen, um mich bei bestimmten Sprüngen und Trapezübungen aufzufangen, da er aber kein Mensch war, brauchte er nicht so viel Training wie ich. Was auch gut so war, sonst hätten uns die Requisiten und Pyrotechnik ein Vermögen gekostet, ganz zu schweigen von dem Schaden, den der Rasen genommen hätte. Der Platz, auf dem unser Wohnwagen stand, war nur gemietet; was wir beschädigten, mussten wir zahlen.

Mitglied einer Gauklertruppe zu sein war nicht gerade der Beruf, von dem ich als Kind geträumt hatte, aber das war zu einer Zeit gewesen, als ich noch nicht jedes Elektrogerät lahmlegte, das ich berührte, ganz zu schweigen von den Stromschlägen, die ich den Leuten bei zufälligem Kontakt verpasste. Bei den besonderen Gaben, über die ich verfügte, konnte ich von Glück sagen, dass ich überhaupt einen Job hatte. Außer als Artistin hätte ich höchstens noch als staatliches Versuchskaninchen getaugt, wie ich meinem Vater stets erklärte, wenn er mal wieder meine Berufswahl beklagte.

Ich bemühte mich, die Sprünge flüssig und exakt hinzubekommen, bis ich in einen Rhythmus verfiel, der es mir erlaubte, andere Sorgen beiseitezuschieben. Konzentration war der Schlüssel zum Erfolg, wie mein alter Trainer immer gesagt hatte, und er hatte recht. Bald sah ich die Collage aus Zaun, Rasen und Dach gar nicht mehr, die sich bei jedem Sprung wiederholte, bis sie zu einem undefinierbaren Farbengewirr wurde. Nach meiner letzten Kombination aus Salti und Schrauben landete ich, die Füße parallel zueinander, die Knie leicht gebeugt, um den Stoß abzufangen. Das Trampolin zitterte, aber ich hielt die Spannung, machte keinen Schritt rückwärts, der mich bei einem Wettkampf Punkte gekostet hätte. Dann hob ich die Arme und verneigte mich tief, der letzte Teil der Routine.

»Bravo«, sagte eine spöttische Stimme.

Ich richtete mich auf und erstarrte. Als ich meine Verneigung begonnen hatte, war ich noch allein gewesen, aber in den Sekundenbruchteilen danach hatten sich vier Männer an den Ecken des Trampolins aufgebaut.

In ihren T-Shirts und Jeans wirkten sie wie normale Touristen, aber nur Marty konnte sich so schnell bewegen, was bedeutete, dass sie keine Menschen waren. Selbst wenn ich nicht gewusst hätte, dass andere Spezies mit Vorsicht zu genießen waren, hätte mir das kühle Lächeln des Typen mit den rotbraunen Haaren gesagt, dass die vier nicht hier waren, um nach dem Weg zu fragen. Ich versuchte, mein inzwischen wild pochendes Herz unter Kontrolle zu bekommen. Mit etwas Glück würden die Kreaturen glauben, ich wäre von meinen Trampolinübungen noch erregt, obwohl mein Angstgeruch mich verriet.

»Das ist ein Privatgrundstück«, sagte ich.

»Du musst die Fantastische Frankie sein«, meinte der Große mit den rotbraunen Haaren, meinen Einwand ignorierend. Seine Stimme umschmeichelte meinen Künstlernamen auf eine Weise, die ihn düster klingen ließ.

»Wer will das wissen?«, antwortete ich, während ich mich fragte, wo zum Teufel Marty steckte. Er musste die Typen doch gehört haben, selbst wenn er nicht spürte, dass eine Gruppe übermenschlicher Wesen hier war.

Als ich die Frage gestellt hatte, war ich noch auf dem Trampolin gewesen, doch bereits im nächsten Augenblick lag ich am Boden, schmerzhaft niedergehalten von dem Typen mit den rotbraunen Haaren. Er gab ein gepeinigtes Grunzen von sich, als er beim Kontakt mit meiner Haut einen Stromschlag abbekam, aber wie Marty konnte ihn das nicht außer Gefecht setzen. Er packte mich nur noch fester.

»Wie zum Teufel hast du das gemacht?«, wollte er wissen, und seine Augenfarbe wechselte von Blau zu unirdischem Grün.

Ich antwortete nicht. Kaum war meine Hand in Kontakt mit seinem Körper gekommen, herrschte in meinem Kopf ein Durcheinander aus graustichigen Bildern. Genauso wenig wie ich verhindern konnte, ihm einen Stromschlag zu verpassen, konnte ich es vermeiden, bei der Berührung seine schlimmsten Sünden zu sehen.

Blut. So viel Blut …

Während sich die panikartige Erinnerung an die Ermordung einer anderen Person vor meinem inneren Auge abspielte, hörte ich ihn über meinen Aufschrei fluchen, spürte dann einen heftigen Schmerz und alles wurde schwarz.

Ich saß meinen Entführern in einem Zimmer gegenüber, das aussah, als befände es sich in einem Hotel, die Hände im Schoß gefaltet, als wären sie Kellner, bei denen ich eine Bestellung aufgeben wollte. Falls du je einem anderen Vampir begegnest, gerate nicht in Panik. Sonst riechst du nur nach Beute, hatte Marty mich gewarnt. Seit ich die Augen meiner Kidnapper hatte leuchten sehen, wusste ich, was sie waren. Deshalb hatte ich auch gar nicht erst versucht, sie zu belügen, als sie mich gefragt hatten, warum ich als Zitteraal hätte durchgehen können oder durch Berührung Informationen aus Personen herausholen konnte. Hätte ich gelogen, hätten sie mich mit ihren Leuchtaugen doch dazu gebracht, die Wahrheit zu sagen – oder zu tun, was sie sonst noch von mir wollten –, und ich hatte nicht vor, ihnen mehr Kontrolle über mich zu geben, als sie ohnehin schon hatten.

Ich versuchte auch nicht wegzulaufen, obwohl sie mich nicht gefesselt hatten. Die meisten Menschen wussten nicht, dass Vampire existierten, ganz zu schweigen davon, wozu sie fähig waren. Aber durch meine Gabe hatte ich von ihrer Existenz erfahren, noch bevor ich Marty kennenlernte. Dank meiner ungewollten Talente wusste ich von allen möglichen Dingen, die ich nie hatte erfahren wollen.

Wie zum Beispiel, dass meine Entführer vorhatten, mich umzubringen; das toppte im Augenblick alles. Ich hatte meinen Tod gesehen, als ich gezwungen gewesen war, den Vampir mit den rotbraunen Haaren noch einmal zu berühren; bei dem Anblick wäre ich am liebsten schreiend und meinen Hals umklammernd davongelaufen.

Was ich nicht tat. Vermutlich hätte ich dankbar sein sollen, dass ich durch meine unerwünschten Fähigkeiten bereits alle möglichen schrecklichen Todesarten durchlebt hatte, was mich in die Lage versetzte, meiner nahenden Exekution mit einer Art morbiden Erleichterung entgegenzusehen. Es würde wehtun, die Kehle herausgerissen zu bekommen – ich musste es wissen, denn ich hatte es schon mehrmals anhand der Erlebnisse anderer erfahren. Doch es war nicht die schlimmste Art zu sterben. Außerdem stand nichts unumstößlich fest. Ich hatte einen Einblick in meine potenzielle Zukunft erhascht, aber Jackies Tod hatte ich auch verhindert. Vielleicht ließ sich eine Möglichkeit finden, jetzt dem meinen zu entgehen.

»Noch mal zum Verständnis«, sagte der Typ mit den rotbraunen Haaren gedehnt. »Im Alter von dreizehn Jahren hast du eine abgerissene Hochspannungsleitung angefasst, bist fast gestorben, und dann hat dein Körper angefangen selbst Stromstöße abzugeben, und mit deiner rechten Hand kannst du durch Berührung von Personen oder Gegenständen in die Zukunft schauen?«

Da war noch mehr, aber das würde ich dem Vampir nicht auf die Nase binden, und die Details hätten ihn sicher ohnehin nicht interessiert.

»Die Sache mit den Stromschlägen hast du am eigenen Leib zu spüren bekommen«, meinte ich mit einem Achselzucken. »Was das Zweite betrifft, ja, wenn ich etwas berühre, gewinne ich solche Einblicke.« Ob ich will oder nicht, fügte ich im Stillen hinzu.

Der Vampir lächelte und ließ den Blick über die dünne, zackige Narbe wandern, die als sichtbarer Beweis meiner Nahtoderfahrung zurückgeblieben war. »Was hast du gesehen, als du mich berührt hast?«

»Gegenwart oder Zukunft?«, wollte ich wissen und verzog bei beiden Erinnerungen das Gesicht.

Er tauschte einen interessierten Blick mit seinen Kameraden. »Beides.«

Wie gern hätte ich gelogen, aber ich musste keine Hellseherin sein, um zu wissen, dass ich in Sekunden tot gewesen wäre, wenn sie Zweifel an mir gehabt hätten.

»Du saugst gern Kinder aus.« Bei den Worten wurde mir speiübel, aber ich schluckte und fuhr fort. »Und du wirst mich aussaugen, wenn ich euch nicht von Nutzen bin.«

Sein Lächeln wurde breiter, entblößte die Spitzen seiner Reißzähne, als er meine Aussage unkommentiert stehen ließ. Hätte ich durch die Augen der Menschen, zu denen ich hellseherische Verbindung aufgenommen hatte, nicht schon ähnlich bedrohlich grinsende Vampire gesehen, hätte ich mir vor Angst in die Hose gemacht, aber ein abgebrühter Teil meines Selbst nahm ihn einfach als das, was er war: böse. Und das Böse war mir nicht fremd, so gern ich auch etwas anderes behauptet hätte.

»Wenn sie die ist, von der wir gehört haben, könnte sie uns den benötigten Vorteil verschaffen«, murmelte sein brünetter Kompagnon.

»Vermutlich hast du recht«, freute sich der mit den rotbraunen Haaren.

Ich wollte nicht sterben, aber es gab Dinge, die ich nicht tun würde, selbst wenn es mein Leben kostete. »Bitte mich, Kinder für dich zu entführen, dann kannst du gleich mich aussaugen.«

Der Vampir lachte. »Das krieg ich schon selbst hin«, versicherte er mir, sodass sich mir vor Abscheu der Magen hob. »Was ich von dir will ist … komplizierter. Wenn ich dir einige Gegenstände bringe, kannst du mir dann durch Berührung etwas über ihren Besitzer sagen? Was er macht, zum Beispiel, oder wo er ist und, ganz wichtig, wo er sein wird?«

Ich wollte dieser widerlichen Mörderbande zwar nicht auch noch hilfreich sein, aber meine Chancen standen schlecht. Lehnte ich ab, würden sie mich durch Hypnose oder Folter doch dazu bringen, oder ich würde an meinem eigenen Blut würgend sterben, weil ich ihnen nicht von Nutzen war. Vielleicht war das meine Chance, das Schicksal zu ändern, das sie für mich ausersehen hatten.

Warum willst du das tun?, flüsterte ein finsteres Stimmchen in mir. Bist du es nicht leid, in anderer Leute Sünden zu ertrinken. Ist der Tod nicht dein einziger Ausweg?

Ich warf einen Blick auf mein Handgelenk. Die schwachen Narben darauf hatten nichts mit meinem Unfall zu tun. Einmal hatte ich auf die Stimme der Verzweiflung gehört, und ich hätte gelogen, hätte ich mir nicht eingestanden, dass ein Teil meines Selbst noch immer versucht war, ihr zu folgen. Dann dachte ich an Marty und daran, dass ich meinem Vater bei unserem letzten Treffen nicht gesagt hatte, dass ich ihn liebte, dass ich seit Monaten nicht mehr mit meiner Schwester gesprochen hatte, und schließlich, dass ich diesen Bastarden nicht die Genugtuung gönnte, mich zu ermorden.

Ich hob den Kopf und begegnete dem Blick des Anführers. »Meine Fähigkeiten sind an meine Emotionen gekoppelt. Tut ihr mir psychisch oder physisch Gewalt an, müsst ihr die Astrohotline anrufen, um herauszufinden, was ihr wissen wollt. Das bedeutet, keiner wird ermordet, während ich Informationen für euch beschaffe, und mich rührt ihr auch nicht an.«

Letzteres hatte ich gesagt, weil der hagere Brünette mir einen lüsternen Blick zugeworfen hatte. Mein hautenges Trikot und die Boxershorts überließen nicht viel der Fantasie, aber darin trainierte ich eben. Hätte ich damit gerechnet, heute entführt zu werden, hätte ich mich für ein konservativeres Outfit entschieden.

»Und glaubt nicht, ihr könnt mich durch Hypnose vergessen lassen, was ihr tut«, fügte ich hinzu, und machte eine Bewegung mit der rechten Hand. »Mediale Veranlagung, schon vergessen? Ich berühre euch oder ein Objekt in der Nähe und finde es heraus, und schon ist eure menschliche Glaskugel entzwei.«

Das war natürlich alles Quatsch. Sie hätten tun und lassen können, was sie wollten, und ich hätte noch immer durch alles hellsehen können, was meine rechte Hand berührte, aber ich hatte im Brustton der Überzeugung gesprochen und hoffte, dass ich wenigstens diesmal überzeugend gelogen hatte.

Der Typ mit dem rotbraunen Haar schenkte mir ein weiteres bedrohlich zähnefletschendes Lächeln. »Das kriegen wir hin, wenn du tust, was du angeblich kannst.«

Ich schenkte ihm meinerseits ein freudloses Lächeln. »Oh, und ob.«

Dann warf ich einen Blick auf die Steckdose hinter ihm. Und das ist noch nicht alles, wozu ich fähig bin.

3

Der Vampir mit den rotbraunen Haaren hieß Schakal, zumindest wurde er von seinen Freunden so genannt. Deren Namen klangen genauso erfunden, sodass ich sie insgeheim Perversling, Psycho und Zappelphilipp nannte, weil Letzterer keine Sekunde stillhalten konnte. Vor etwa einer Stunde waren Zappelphilipp und Perversling losgezogen, um ein paar Gegenstände zu besorgen, die ich anfassen sollte. Seither saß ich auf der Kante der klumpigen Hotelmatratze und hörte zu, wie Schakal in einer mir unbekannten Sprache telefonierte. Allmählich wurde mir in meinem Trikot kalt, aber ich zog die Decke nicht über mich. Mein Instinkt sagte mir, dass ich mich ruhig verhalten und keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen sollte, als würde das einen Unterschied machen. Die Raubtiere in diesem Zimmer waren sich meiner Gegenwart nur allzu bewusst, auch ohne in meine Richtung zu sehen.

Als Perversling und Zappelphilipp zurückkamen, betrachtete ich den mitgebrachten Matchsack mit einer Mischung aus Furcht und Optimismus. Der Inhalt hielt vielleicht noch mehr schauerliche Bilder für mich bereit, aber er würde auch mein Überleben sichern.

»Legt die Gegenstände in einer Reihe aufs Bett«, wies ich Zappelphilipp an, den verblüfften Blick ignorierend, den er mir zuwarf. Verhielt ich mich wie ein hilfloses Frauchen, würden sie mich auch so behandeln. Verhielt ich mich andererseits wie ein wichtiges Werkzeug, das sie auf ihrer Suche nach der Person brauchten, zu der diese Gegenstände sie führen sollten, verbesserte das meine Überlebenschancen.

Zumindest hoffte ich das.

»Tu es«, meinte Schakal, die Arme vor der Brust verschränkend. Sein Blick schien mich niederzudrücken, aber ich atmete ein paar Mal tief durch und versuchte, ihn zu ignorieren. Zuzusehen, was Zappelphilipp aus dem Matchsack zog, half mir dabei.

Ein verkokeltes Stofffetzchen, eine halb geschmolzene Uhr, ein Ring, etwas, das aussah wie ein Gürtel, und ein Messer mit deutlich silbrigem Glanz.

Letzteres ließ mein Herz höher schlagen, was die anderen hoffentlich meiner Nervosität statt meinem wirklichen Gemütszustand zuschreiben würden. Erregung. In Filmen wurden Vampire völlig falsch dargestellt. Holzpflöcke konnten ihnen nichts anhaben, Sonnenlicht, Kruzifixe und Weihwasser ebenso wenig. Aber eine Silberklinge ins Herz, und schon war die Party vorbei, und jetzt hatte ich ein Silbermesser in direkter Reichweite.

Noch nicht, ermahnte ich mich. Ich würde abwarten, bis sie so von meiner Hilflosigkeit überzeugt waren, dass sie sich gar nichts mehr dabei dachten, mich mit einem Silbermesser allein zu lassen. Oder bis wenigstens zwei von ihnen wieder gingen, je nachdem.

»Also los, Frankie«, sagte Schakal, sodass ich wieder ihn ansah. Mit einem Nicken wies er auf die Gegenstände. »Mach.« Ich machte mich innerlich auf das Unvermeidliche gefasst und nahm dann den verkohlten Stofffetzen zur Hand.

Überall Rauch. Zwei Lichtstrahlen durchschnitten ihn und trafen die Stelle, an der ich mich halb hinter dem Gabelstapler verborgen hielt. Entsetzen überkam mich, als ich erkannte, dass ich entdeckt worden war. Mein Fluchtversuch wurde vereitelt, als grobe Hände mich zurückhielten.

Erst war der Rauch so dicht, dass ich außer dem Blick aus den Leuchtaugen nichts sehen konnte. Dann erkannte ich dunkles Haar, das ein schmales Gesicht mit leichten Bartstoppeln um Kinnbereich und Mund umrahmte. Die Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das ganz gegen meine Erwartung nicht grausam war. Es wirkte sogar erstaunlich gutmütig.

»Raziel«, sagte der dunkelhaarige Fremde tadelnd. »Das hättest du nicht tun sollen.«

Ich hatte schon Eltern gehört, die ihren Kindern gegenüber einen schärferen Tonfall anschlugen, aber das änderte nichts an der Angst, die mich immer stärker überkam.

»Bitte«, keuchte ich.

»Bitte?« Der Fremde lachte und enthüllte dabei weiße Zähne mit den beiden typischen Fängen. »Wie unoriginell.«

Damit ließ er mich los, drehte sich um und winkte mir zum Abschied noch einmal freundlich zu. Die Erleichterung, die mich überkam, war so überwältigend, dass mir die Knie schlotterten, aber davon ließ ich mich nicht aufhalten. Ich stürzte nach vorn zur Tür des Lagerhauses.

Und da umfing mich das Feuer, völlig aus dem Nichts heraus. Unbarmherzig kletterte es meine Beine empor, bis ich aufschrie, so überwältigend war der Schmerz. Ich versuchte schneller zu laufen, aber die Flammen schlugen nur noch höher empor. Schließlich warf ich mich zu Boden und wälzte mich herum, während ich den Schmerz in sämtlichen Nervenenden spürte, aber das Feuer erlosch nicht. Es wurde sogar noch stärker, überrollte mich mit unbarmherzigen, gierigen Wellen, bis donnernde Schwärze angerauscht kam und mich überwältigte. Das Letzte, was ich sah, als ich über meinem leblosen Körper schwebte, war der dunkelhaarige Vampir, dessen Hände in Flammen gehüllt waren, die seine Haut völlig unversehrt ließen.

Ich war verblüfft. Als ich die Augen öffnete, befand ich mich wieder in dem Hotelzimmer, in Fötusposition zusammengekauert, ähnlich wie Raziel, als er gestorben war. Ich hatte mich bei der Erinnerung an die Phantomflammen wohl instinktiv genauso verhalten wie er.

»Und?« Schakals fordernde Stimme war eine Erleichterung, weil sie mich aus dem Alptraum, den ich gerade gezwungenermaßen durchlebt hatte, in die Realität zurückholte. »Was hast du gesehen?«

Ich setzte mich auf und warf ihm den verkohlten Stofffetzen entgegen.

»Einen gewissen Raziel, der von einem Vampir gegrillt wurde, der offenbar Macht über das Feuer hat«, antwortete ich, während ich noch immer versuchte, die Erinnerung an jenen fürchterlichen Tod loszuwerden.

Die vier tauschten einen Blick aus, den man nur als entzückt beschreiben konnte. »Jackpot!«, rief Psycho und reckte die Faust in die Luft.

So gut wie die Typen drauf waren, war Raziel entweder kein Freund gewesen, oder sie wussten bereits, was ihm widerfahren war, und wollten mich nur auf die Probe stellen.

»Gehen wir auf Nummer sicher«, meinte Schakal, dessen Grinsen schwand. »Frankie, nimm als Nächstes diesen Ring.«

Ich nahm ihn in die Hand und machte mich auf das Schlimmste gefasst, aber eine Flut von Bildern, die mir bereits bekannt waren, schoss mir durch den Kopf. Sie waren zwar nach wie vor so grauenvoll, dass ich mich am liebsten übergeben hätte, aber nicht nur in den Grautönen der Vergangenheit gehalten, sondern auch blasser, eher, als würde ich einen Film ansehen, statt alles direkt mitzuerleben. Mit einem Kopfschütteln gab ich Schakal den Ring zurück.

»Vielleicht habt ihr euch geirrt. Die einzigen Eindrücke, die ich daraus gewinnen konnte, sind deine, und die verraten mir nichts Neues.«

Ein kurzes smaragdgrünes Blitzen trat in seine haselnussbraunen Augen, dann stieß er einen lauten Jubelschrei aus, der mich zusammenfahren ließ.

»Das waren keine Zufallstreffer, sie ist verdammt noch mal die Echte!«

Alles, was einen sadistischen Kindermörder zu Jubelschreien hinriss, machte mich nervös, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Keine Panik, hatte Marty gesagt. Beute gerät in Panik, und Beute wird gerissen.

»Nächstes Teil?«, fragte ich, bemüht, so cool zu klingen, wie es mir unter den gegebenen Umständen möglich war.

Die Vampire beendeten ihr Gruppenabklatschen, um mich anzusehen. »Ja«, sagte Schakal und schob mir das Messer hin. Seine Erregung war fast mit Händen zu greifen. »Aber diesmal will ich, dass du dich auf den Feuerteufel konzentrierst. Versuche zu erkennen, wo der Bastard steckt, nicht nur was passiert ist, als er Neddy abgeschlachtet hat.«

Jetzt wusste ich, dass ich durch die Berührung des Messers wieder eine Ermordung miterleben würde, aber das war es nicht, was mich innehalten ließ, als ich nach dem Messer greifen wollte.

»Der Feuerteufel?«, wiederholte ich. »Ihn soll ich durch diese Objekte finden?«

Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?, hätte ich fast hinzugefügt, tat es aber nicht, denn selbst wenn sie es waren, ich war es nicht.

»Du kriegst das hin, oder?«, erkundigte sich Schakal, der plötzlich gar kein erfreutes Gesicht mehr machte.

Klar würde ich das hinkriegen, aber ich wollte nicht. Ich bezweifelte, dass der Feuerteufel ein Freund war; immerhin hatte Schakal ihn herablassend als Bastard bezeichnet, und dass ich herausfinden sollte, wo er war, ließ finstere Absichten vermuten. Jeder, der noch alle Tassen im Schrank hatte, würde sich hüten auch nur auf einem Kontinent mit dieser Kreatur zu weilen, falls es wirklich zum Krach kam, doch Schakal und die anderen hatten offensichtlich vor, den Mann in einen Hinterhalt zu locken. Das charmante Lächeln, das der Feuerteufel Raziel geschenkt hatte, bevor er ihn in ein Häufchen Asche verwandelt hatte, war eine Erinnerung, die ich am liebsten aus meinem Kopf gelöscht hätte. Doch wenn ich mich weigerte, ihn zu suchen, würde ich nicht lange genug leben, um mir Gedanken ums Vergessen machen zu müssen.

Wie man es auch drehte und wendete, ich konnte mich nur zwischen Pest und Cholera entscheiden. Oder besser gesagt zwischen Fängen und Reißzähnen.

Ich nahm das Silbermesser in die Hand. Die Berührung reichte, und schon spielten sich vor meinem inneren Auge die in Grauschattierungen gehaltenen Bilder von Neddys Tod ab, als wäre sein Schicksal mir selbst widerfahren. Natürlich hatte der Feuerteufel Neddy ermordet, indem er ihn erst getoastet und dann mit dem Messer bearbeitet hatte. Genauso wenig überraschend war, dass er es mit derselben gleichgültigen Sanftmut tat, die er auch schon bei Raziels Ermordung an den Tag gelegt hatte. Ich schob den brennenden Schmerz beiseite wie auch das Gefühl, an einem Ort zu schweben, an den man nach dem Tode gelangte, und konzentrierte mich auf den Feuerteufel, versuchte ihn im Jetzt zu sehen, statt in der Vergangenheit.

Diese Übung war schon schwieriger. In besonders emotionsgeladenen Situationen hinterlässt jede Person einen Teil ihrer Essenz auf Objekten, aber der Feuerteufel war nicht erregt gewesen, als er Neddy umgebracht hatte, sodass nur ein winzig kleiner Teil seines Wesens an dem Messer haften geblieben war. Doch egal, wie abgebrüht jemand war – zwei Personen schweißte nichts fester zusammen als der Tod. Das lag daran, dass die Tür zur Anderswelt sich einen Spaltbreit öffnete, was dazu führte, dass Essenzen sich vermischten und stärkere Haftkraft erhielten. Als ich mich also an den Überresten von Neddys Wut und Angst vorbeilaviert hatte, spürte ich deutlich die Essenz des Feuerteufels. Sie war nur ein Fädchen, aber ich umfing sie mit all meiner Konzentration und zog.

Die bislang vagen schwarz-weißen Bilder zeigten sich plötzlich deutlich und in leuchtenden Farben. Statt der schäbigen Hafenkulisse, in der Neddy sein Ende gefunden hatte, war ich jetzt von opulenten Stoffen umgeben. Erst dachte ich, ich sei in einem kleinen Raum, merkte aber dann, dass die mitternachtsgrünen Vorhänge ein großes Bett umgaben. Mitten darauf lag der Feuerteufel, vollständig bekleidet, die Augen geschlossen, als schliefe er.

Hab dich, dachte ich, hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und dem Schrecken darüber, ihn in der Gegenwart aufgespürt zu haben.

Bisher hatte ich ihn nur in den Grautönen der Vergangenheit gesehen, aber jetzt war alles anders. Nur ich selbst war in meinem Kopf. Befreit von der Perspektive anderer nahm ich mir Zeit, ihn zu studieren.

Auf den ersten Blick wirkte er wie ein normaler, gut gebauter Mann in den Dreißigern, aber dann zeigten sich auch schon seine Besonderheiten: Sein espressofarbenes Haar fiel ihm bis über die Schultern – eine Länge, die kaum ein anderer Kerl sich zu tragen getraut hätte, aber an ihm wirkte sie irgendwie besonders männlich. Schwarze Hosen und ein indigofarbenes Hemd spannten sich über Muskeln, die um einiges härter erschienen, als man sie sich im Fitnessstudio antrainieren konnte, und obwohl seine Hände nicht in Flammen standen, waren sie doch von zahlreichen Narben überzogen, die wohl von Wunden zeugten, die er sich in Schlachten zugezogen hatte. Seine hohen Wangenknochen wurden von Bartstoppeln betont, die irgendwo zwischen leichtem Flaum und ausgewachsenem Bart lagen, doch statt ungepflegt zu wirken, machte er auf mich einen verwegen faszinierenden Eindruck. Einen solchen Look hatte sich bisher nur Aragorn in Der Herr der Ringe leisten können, und dann seine Augen …

Geöffnet waren sie satt kupferfarben, umgeben von Ringen aus Immergrün. Ich hätte sie als schön bezeichnet, aber im Augenblick wirkten sie, als würden sie mich direkt anstarren.

Das beunruhigte mich, aber ich rief mir in Erinnerung, dass es sich nur um Zufall handeln konnte. Niemand konnte wissen, wann ich meine Fähigkeiten einsetzte, um eine Verbindung herzustellen. Hätte ich es gewollt, hätte ich die erfolgreichste Voyeurin der Weltgeschichte sein können, aber mein sehnlichster Wunsch war es, weniger statt mehr über meine Mitmenschen zu erfahren.

»Wer bist du?«

Ich fuhr zusammen. Hätte ich nicht gesehen, wie die fein geschwungenen Lippen des Fremden sich bewegten, hätte ich mir eingeredet, ich hätte mir die Worte nur eingebildet. Zufall, ermahnte ich mich zum wiederholten Mal. Jeden Augenblick würde jemand in mein Blickfeld treten, und ich würde merken, mit wem der Mann eigentlich gesprochen hatte …

»Ich frage dich noch einmal«, hörte ich seine tiefe, mit leichtem Akzent belegte Stimme sagen. »Wer bist du, und wie zum Teufel kommst du in meinen Kopf?«

Ich war so schockiert, dass ich die Verbindung sofort abbrach. Das prächtige Bett mit den Vorhängen verschwand, ersetzt durch eine grottenhässliche Tapete und ein Bett, in dem mich wahrscheinlich die Wanzen beißen würden. Ich ließ das Silbermesser los, als hätte ich mich verbrannt, noch immer ganz aufgewühlt von dem gerade Geschehenen.

»Und?«, fragte Schakal. »Hast du ihn gefunden?«

»O ja.« Meine Stimme war beinahe ein Keuchen, so geschockt war ich.

»Ja und?«, drängte er weiter.

Niemals würde ich ihm sagen, dass der Feuerteufel irgendwie mitbekommen hatte, dass ich ihn bespitzelte. Hätte Schakal das erfahren, hätte er mich auf der Stelle kaltgemacht, damit der Feuerteufel der Verbindung nicht folgen und ihn aufspüren konnte. Möglich war’s. Wenn er mich in seinem Kopf spüren konnte, konnte er mich vielleicht auch hören …

Einer plötzlichen Eingebung folgend, die eher leichtsinnig als clever war, wusste ich, was ich zu tun hatte.

4

Zappelphilipp, Perversling und Psycho hatten das Zimmer bereits verlassen, aber Schakal blieb an dem kleinen Schreibtisch stehen. Sein aggressiver Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass er auch nicht gewillt war, sich zu verziehen.

Ich stieß einen Seufzer aus. »Glaubst du, ich würde durchs Fenster fliehen, wenn du mich allein lässt? Komm schon, die anderen würden es hören und mich aufhalten. Ich kann ja auch schlecht den Notruf wählen und sagen: ›Hilfe, ein paar Vampire haben mich gekidnappt!‹ Selbst wenn es nicht für einen Telefonscherz gehalten würde, könntest du die Bullen durch Hypnose dazu bringen, sich wieder zu verkrümeln. Oder sie aussaugen. So oder so, ich gehe nirgendwohin, und das weiß ich.«

»Du hast doch etwas vor«, verkündete Schakal.

Ich brauchte all meine Willensstärke, um nicht zusammenzufahren, aber ich hatte mich fest im Griff. Keine Panik, keine Panik …

»Ich weiß nicht, was«, fuhr er fort, »aber ich wittere, dass du etwas planst.«

Ich räusperte mich. »Was du riechst, ist kalter Schweiß, der mir ausgebrochen ist, nachdem ich von Vampiren entführt wurde. Wenn du noch etwas über diesen Feuertypen wissen willst, abgesehen davon, was für hübsche Bettvorhänge er hat, musst du mich allein lassen. Wie soll ich mich konzentrieren, wenn eine Horde von Kreaturen mich anstarrt, die sich beim Anblick meiner Kehle schon die Lippen leckt?«

Urplötzlich stand er vor mir und griff mit der Hand mein Kinn. »Was hast du vor?«, fragte er mich und zwang mich, ihm in die inzwischen leuchtenden Augen zu sehen.

Der Effekt stellte sich sofort ein. Ich fühlte mich schläfrig, teilnahmslos und gesprächig, auch wenn irgendwo tief in mir drin die Alarmglocken schrillten.

»Kann keine Verbindung zu ihm herstellen, wenn ihr zuseht«, murmelte ich. »Kann nicht tief genug in seinen Verstand vordringen.«

Die Augen des Vampirs leuchteten jetzt so grell, dass es fast schmerzte hineinzusehen. »Das ist alles?«

Die Worte »Er sieht mich auch« lagen mir bereits auf den Lippen, bereit ausgesprochen zu werden und mein Schicksal zu besiegeln. Doch obwohl ich mich fühlte, als hätte ich gerade einen fetten Joint geraucht, brachte ich die Stärke auf, etwas anderes zu sagen.

»Zu viel Angst … wenn du hier bist.«

Das war die Wahrheit, aber der Grund dafür blieb unausgesprochen. Schakal ließ mich los, seine Augen leuchteten noch immer. »Du wirst niemanden anrufen oder versuchen, das Zimmer zu verlassen.«

Seine Worte hallten in meinem Kopf wider. Ich nickte, ohne nachzudenken. Er versetzte mir einen Stoß, und ich fiel rückwärts aufs Bett, doch zu meiner Erleichterung strebte Schakal zur Tür.

»Du hast eine Stunde, Frankie. Finde ihn wieder, und vor allem, finde heraus, wo er in Zukunft sein wird.«

Er öffnete die Tür und hielt dann inne. Ehe ich michs versah, hatte er das Telefonkabel zerrissen.

»Nur zur Sicherheit«, murmelte er und verschwand endlich.

Ich wartete ein paar Sekunden und stieß dann meinen angehaltenen Atem aus. Heilige Scheiße, das war knapp gewesen! Ich hatte keine Ahnung, wie es mir gelungen war, nicht alles auszuplaudern, als Schakal mich mit seinem Strahleblick fixiert hatte, aber ich würde mich später darüber freuen.

Es heißt ja, ein bekannter Feind ist besser als ein unbekannter. Das mochte ja so sein, aber in Anbetracht dessen, was Schakal und die anderen mit mir vorhatten, entschied ich mich für Option B. Immer noch besser, als zu versuchen, vier Vampire mit einem mickrigen Messer abzuwehren – das Schakal auch noch mitgenommen hatte, wie ich feststellte. Wollte wohl verhindern, dass ich Selbstmord beging, obwohl das, was ich vorhatte, vermutlich aufs Gleiche hinauslief.

Ich hatte keine Zeit mehr, mir lange Gedanken zu machen, und so schnappte ich mir den angesengten Stofffetzen, und Raziels Tod brach wieder über mich herein. Wie üblich waren die Eindrücke jetzt schwächer als beim Erstkontakt, wenn alles noch ganz intensiv war.

Ich verdrängte Raziels letzte peinvolle Augenblicke und konzentrierte mich auf die Essenz des Feuerteufels. Was eben noch ein Fädchen gewesen war, wurde jetzt zu einem Seil, das ich packte; dann zog ich mit aller Kraft daran. Das schäbige Hotelzimmer verblasste, und ich fand mich in einem riesigen Raum mit hoher Decke, eleganter Möblierung und Gobelins an den Wänden wieder. Leer war er nicht; zwei Männer standen vor einem Kamin, der so groß war, dass sie zu zweit hineingepasst hätten. Mit Erleichterung stellte ich fest, dass der eine der Feuerteufel war, während der andere, ein kahlköpfiger, stämmiger Afroamerikaner, den Kopf schüttelte.

»Natürlich glaube ich nicht, dass du Witze machst, aber es kommt mir einfach unmöglich vor …«

»Pst!«, machte der Feuerteufel. Sehr langsam drehte er den Kopf. Als der Blick seiner blanken Kupferaugen auf mir zu landen schien, kämpfte ich gegen den Drang an, die Verbindung aufzugeben und die Flucht zu ergreifen.

»Oh, jetzt kannst du nicht mehr fortlaufen«, stellte der Mann kühl fest.

Die Worte trafen mich mit Wucht, schockierten mich. Ich hatte gehofft, dass ich mit etwas Zeit – und einer Menge Glück – in der Lage sein würde, ihm bestimmte Nachrichten zu übermitteln. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass der Feuerteufel meine Gedanken lesen konnte, wenn ich die Verbindung zu ihm aufgebaut hatte. Was für eine Kreatur war er?

»Eine gefährliche, mit der du dich nicht hättest einlassen sollen«, war seine Antwort. »Wer du auch sein magst, sei versichert, dass ich dich finden werde.«

Furcht lähmte meinen Verstand. Er war sauer, und ich hatte bereits gesehen, was er Leuten antat, wenn er gut drauf war.

Sein Freund blickte um sich. »Mit wem …?«

»Schweig«, wies der Feuerteufel ihn an. »Geh.«

Der bullige Mann gehorchte ihm aufs Wort. Der Feuerteufel blieb vor dem riesigen Kamin stehen, während die orangegelben Flammen darin höher schlugen, als wollten sie durch den Schirm zu ihm gelangen.

»Hör auf, mich dauernd Feuerteufel zu nennen, das ist beleidigend. Du spionierst mir doch nach, also weißt du, wer ich bin.«

»Weiß ich nicht«, sagte ich laut und verfluchte mich gleich darauf dafür. Hatte Schakal mich gehört und kam, um nachzusehen, was los war, würde ich seinem Leuchtblick womöglich kein zweites Mal standhalten können.

Hör mal, du siehst das alles ganz falsch, dachte ich schnell, in der Hoffnung, seine Antenne zu meinem Verstand würde noch funktionieren. Ich habe keine Ahnung, wer du bist, aber vier Vampire haben mich entführt, und die zwingen mich, für sie herauszufinden, wo du bist.

»Ach?« Belustigung ersetzte die Härte in seinen Zügen. »Wenn das stimmt, mache ich es dir einfach. Ich bin zu Hause. Sag den Typen, sie können jederzeit vorbeikommen.«

Bei diesen Worten zuckten Flammen um seine Hände, eine Warnung, die es für mich nicht gebraucht hätte, da ich ohnehin schon Angst vor ihm hatte. Das und der Tod, den Schakal für mich vorgesehen hatte, ließen meine Antwort schnippisch ausfallen.

Ist ja klasse, aber ich soll nicht nur herausfinden, wo du jetzt bist, sondern auch, wo du dich in Zukunft aufhalten wirst, und das wirst du mir wohl nicht so einfach auf die Nase binden.

Seine Brauen zogen sich zusammen, sodass der Blick seiner kupfrig grünen Augen noch durchdringender wurde – und furchteinflößend.

»Du kannst in die Zukunft sehen?« Jetzt wirkte er gar nicht mehr amüsiert.

Am liebsten hätte ich geseufzt. Wie sollte ich ihm erklären, was ich selbst nicht ganz verstand?

Wenn ich jemanden berühre – es kann auch ein Gegenstand mit einer starken emotionalen Essenz sein –, sehe ich manchmal Dinge. Wenn die Bilder schwarzweiß sind, stammen sie aus der Vergangenheit. Sind sie in Farbe, aber undeutlich, betreffen sie die Zukunft. Und wenn ich mich konzentriere, kann ich durch die einem Objekt anhaftende Essenz eine Person in der Gegenwart aufspüren, dann ist das Bild klar und deutlich. So habe ich dich aufgespürt. Schakal hat mir Objekte von Leuten gegeben, die du umgebracht hast.

Der Mann starrte mich weiter an, bis mir ganz unbehaglich wurde. Nicht genug damit, dass er mich hören konnte. Er schien auch noch in der Lage zu sein, mich zu sehen! Wie das? Immerhin war ich nicht bei ihm.

»Ich sehe dich nicht in dem Sinne, wie du es dir vorstellst«, antwortete er, während ein dünnes Lächeln um seine Lippen spielte. »Du bist eine Stimme in meinem Kopf, aber wenn ich mich konzentriere, ist es, als wärst du hier, obwohl du unsichtbar bist.«

Das klang gruselig. Ich hatte allerdings keine Zeit länger darüber nachzudenken, denn er fuhr bereits fort.

»Jemand namens Schakal ist also hinter mir her. Ich habe noch nie von ihm gehört, aber wahrscheinlich ist es ein Deckname. Er hat dich entführt, sagst du?«

Er und drei seiner Kumpels haben mich heute Morgen geradewegs von meinem Trampolin gerissen, antwortete ich und verzog bei der Erinnerung das Gesicht.

»Weißt du, wo sie dich gefangen halten?«

Ich wusste genau, wo ich war. Selbst wenn ich es durch Berührung von Gegenständen aus dem Zimmer nicht hätte herausbekommen können, stand auf dem Telefon die genaue Anschrift des Hotels verzeichnet. Doch das würde ich Mr Inferno erst verraten, wenn wir uns auf ein paar Bedingungen geeinigt hatten.

Er schnaubte amüsiert. »Bedingungen? Du willst eine Belohnung dafür, dass du sie mir auslieferst?«

Ich will leben, dachte ich grimmig. Ich habe gesehen, was du Neddy und Raziel angetan hast, also will ich dein Wort darauf, dass du Schakal und die anderen umbringst und nicht mich, wenn ich dir verrate, wo sie sind.

»Kommt drauf an«, antwortete er knapp, als würden wir in Geschäftsverhandlungen stehen. »Hat man dich wirklich nur zur Mittäterschaft gezwungen, wie du es behauptest, gelobe ich, dass ich dir kein Leid antue. Lügst du aber, um mich in die Falle zu locken …«

Er schenkte mir ein genauso charmantes Lächeln wie Neddy und Raziel, bevor er sie in die ewigen Jagdgründe geschickt hatte. Ich schauderte.

Ich lüge nicht, ließ ich ihn wissen. Die Einzigen, die ich in die Falle locken will, sind Schakal, Perversling, Psycho und Zappelphilipp.

»Dann hast du von mir nichts zu befürchten«, sagte er, ohne die Namen der anderen zu kommentieren. Er faltete seine todbringenden Hände. »Und jetzt ist es an der Zeit, uns einander vorzustellen. Ich bin Vlad, und du heißt?«

Ich zögerte, nannte ihm aber meinen echten Namen, weil ich im Umgang mit dieser Kreatur nicht einmal eine kleine Notlüge riskieren wollte.

Leila. Ich heiße Leila.

»Leila.« Er sprach meinen Namen aus, als könnte er die Silben schmecken. Sein charmantes Lächeln wurde breiter. »Und jetzt sage mir, wo du bist.«

5

Schakal warf mir den angeschmolzenen Gürtel zu. »Versuch’s noch einmal. Zu wissen, dass er in seinem Haus ist, nützt uns gar nichts. Wir müssen herausbekommen, wohin er geht, wenn er sich nicht in dieser abgesicherten Festung aufhält.«