Nachtjägerin - Jeaniene Frost - E-Book

Nachtjägerin E-Book

Jeaniene Frost

4,8
7,99 €

Beschreibung

Heißer als Hölle und Fegefeuer

Der Mann, den Denise MacGregor liebte, wurde von verbrecherischen Vampiren ermordet, sie selbst überlebte nur knapp. Seitdem ist ihr bewusst, dass sich die Menschen die Erde mit Blutsaugern, Dämonen und anderen düsteren Kreaturen teilen. Denise hoffte, nie wieder etwas mit ihnen zu tun zu haben. Jetzt aber tötet ein rachsüchtiger Dämon ihre Verwandten – auf der Suche nach einem Vorfahren von Denise, einem Unsterblichen, der den Dämon vor Jahrhunderten betrogen hat. Der Dämon erpresst Denise, ihm bei der Suche nach seinem Erzfeind zu helfen. In ihrer Verzweiflung wendet sich Denise an den überaus attraktiven Vampir Spade. Gemeinsam gelingt es ihnen zwar, ihren Vorfahren aufzuspüren. Doch dieser weigert sich, seine Seele dem Dämon zu überantworten, um seine noch lebenden Nachfahren zu schützen. Jetzt bleibt Denise keine andere Wahl. Sie muss sich selbst dem Dämon stellen – allein!

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Seitenzahl: 495

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Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
Prolog
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
 
Epilog
Danksagung
Copyright
Für Jinger.
 
Meine Schwester, meine Freundinund die Person,bei der ich mir Luft machen,mit der ich lachen kann.Ich bin froh, dass es Dich gibt.
Prolog
Silvester, ein Jahr zuvor
 
Obwohl sie im Keller saßen, konnte Denise den Kampflärm draußen hören. Sie wusste nicht, was sie angegriffen hatte, aber Menschen konnten es nicht sein, sonst hätte Cat nicht so ein entsetztes Gesicht gemacht, als sie ihnen Anweisung erteilt hatte, nach unten zu gehen. Hatte sie Angst, mussten sie alle Angst haben.
Denise hielt den Atem an, als sie es über sich poltern hörte. Randys Arm schloss sich enger um sie. »Alles wird gut.«
Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er das selbst nicht glaubte. Denise auch nicht. Aber sie lächelte, versuchte ihrem Mann weiszumachen, dass sie ihm die Lüge abnahm, und sei es nur, damit es ihm besser ging.
Sein Arm löste sich von ihr. »Ich gehe nach oben und helfe mit, es zu suchen.«
Es war das Objekt, das die mysteriösen Kreaturen zu dem Haus im eisigen Niemandsland gelockt hatte. Konnte es gefunden und zerstört werden, wären sie gerettet.
Noch fünf Jahre zuvor hätte Denise nicht an die Existenz von Vampiren, Ghulen oder zauberkräftigen Gegenständen geglaubt. Und nun würden Randy und sie womöglich sterben, weil sie Silvester zusammen ihrer besten Freundin, einer Halbvampirin, in einem Haus voller Kreaturen hatte verbringen wollen, von denen der Durchschnittsbürger nicht einmal ahnte, dass es sie gab.
»Du kannst da nicht raufgehen, es ist zu gefährlich«, protestierte Denise.
»Ich will ja nicht nach draußen, nur im Haus suchen.«
Denise wusste, dass sie es finden mussten; das war ihre einzige Überlebenschance. »Ich komme mit.«
»Bleib hier. Die Kids haben Angst.«
Denise warf einen Blick auf die entsetzten Gesichter mit den schreckgeweiteten Augen, die sie von der hintersten Ecke des Kellerraumes her ansahen. Ausreißer und Straßenkinder, die die Vampire gegen regelmäßige Blutspenden bei sich aufgenommen hatten. Die einzig andere Erwachsene im Raum war Justina, und selbst die sonst so gebieterisch auftretende Frau machte gerade einen ziemlich verstörten Eindruck.
»Ich bleibe hier«, antwortete Denise schließlich. »Sei vorsichtig. Komm sofort zurück, wenn die Viecher noch näher kommen.«
Randy küsste sie hastig. »Mach ich. Versprochen.«
»Ich liebe dich«, rief sie noch, als er die Tür aufriss.
Er lächelte. »Ich dich auch.«
1
»Ich glaube, Amber wurde ermordet.«
Denise starrte ihren Cousin fassungslos an. Sie hatte zwar schon ihre dritte Margarita intus, konnte sich aber unmöglich verhört haben. Vielleicht hätten wir nach der Beerdigung doch keinen trinken gehen sollen. Aber Paul hatte darauf bestanden. Innerhalb eines Monats waren seine Mutter und seine Schwester verstorben. Wenn es Paul also nach einem Drink besser ging, wer scherte sich da um Anstandsregeln?
»Aber die Ärzte haben gemeint, es wäre das Herz gewesen.«
»Ich weiß, was die gemeint haben«, knurrte Paul. »Die Polizei hat mir auch nicht geglaubt. Aber einen Tag vor ihrem Tod hat Amber mir erzählt, sie würde sich verfolgt fühlen. Sie war dreiundzwanzig, Denise. Wer kriegt mit dreiundzwanzig einen Herzinfarkt?«
»Deine Mutter ist gerade an einem Herzinfarkt gestorben«, rief Denise ihm sacht in Erinnerung. »Herzkrankheiten können erblich sein. So junge Menschen wie Amber leiden zwar selten darunter, aber deine Schwester stand unter enormem Stress …«
»Nicht mehr als ich gerade«, schnitt Paul ihr in bitterem Tonfall das Wort ab. »Heißt das, ich bin der Nächste?«
Die Vorstellung war so entsetzlich, dass Denise sie gar nicht näher in Betracht ziehen wollte. »Mit dir ist bestimmt alles in Ordnung, aber es könnte trotzdem nicht schaden, wenn du dich mal durchchecken lässt.«
Paul beugte sich vor. Bevor er sprach, sah er sich verstohlen um. »Ich glaube, hinter mir ist auch jemand her.« Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
Denise antwortete zunächst nichts darauf. Nach Randys Tod hatte sie monatelang hinter jedem Schatten ein Ungeheuer vermutet, das über sie herfallen wollte. Selbst ein Jahr später hatte sie das Gefühl noch nicht gänzlich abschütteln können. Nun waren ihre Tante und ihre Cousine innerhalb eines Monats verstorben, und Paul schien sich ebenfalls vom Tod verfolgt zu fühlen. War das eine normale Phase der Trauerbewältigung? Das Gefühl, der Tod hätte es auf einen selbst abgesehen, nachdem er sich einen geliebten Menschen geholt hatte?
»Willst du ein paar Tage bei mir wohnen?«, fragte sie ihn. »Ich könnte ein bisschen Gesellschaft vertragen.«
Eigentlich wäre Denise lieber allein gewesen, aber das wusste Paul nicht. Ihr von Randy angelegtes Geld war dem Börsencrash zum Opfer gefallen, sodass ihr gerade genug geblieben war, um seine Beerdigung und eine Anzahlung auf ein neues Haus fernab vom Großteil ihrer Verwandtschaft finanzieren zu können. Ihre Eltern hatten es zwar nur gut gemeint, in ihrer Sorge aber versucht, Denises Leben in allen Einzelheiten zu regeln. An ihrem Arbeitsplatz mied sie den Kontakt zu Kollegen, und das Alleinsein hatte ihr geholfen, das lange harte Jahr nach Randys Tod zu bewältigen.
Wenn es allerdings Paul bei der Bewältigung seines eigenen Verlusts half, würde sie ihr Einsiedlerinnendasein mit Freuden aufgeben.
Ihr Cousin machte ein erleichtertes Gesicht. »Ja. Wenn das für dich okay geht.«
Denise winkte dem Barkeeper. »Na klar. Gehen wir, bevor ich noch mehr in mich reinschütte. Du hast sowieso schon zu viel getrunken, wir nehmen meinen Wagen. Deinen holen wir morgen früh.«
»Ich kann fahren«, protestierte Paul.
Denise warf ihm einen strengen Blick zu. »Nicht heute Abend.«
Paul zuckte mit den Schultern. Denise war froh, dass er nicht versuchte, sich mit ihr anzulegen. Sie hätte es sich nicht verziehen, wenn Paul nach dem Barbesuch einen Unfall gebaut hätte. Nach ihren Eltern war er ihr nächster Verwandter.
Pauls Protesten zum Trotz zahlte sie die Rechnung, dann gingen sie zum Parkplatz. Nach dem Zwischenfall drei Monate zuvor stellte Denise ihren Wagen nur noch an gut beleuchteten Plätzen so nahe wie möglich am Eingang einer Kneipe ab. Jetzt war zwar Paul bei ihr, als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme trug sie aber trotzdem immer Reizgas am Schlüsselbund. Zwei verschiedene Dosen, um genau zu sein; in der einen war Pfefferspray, in der anderen Silbernitrat. Menschen waren nicht die Einzigen, die ihre Angriffe gern im Dunkeln starteten.
»Das Gästezimmer ist zwar klein, hat aber einen Fernseher«, verkündete Denise, als sie den Wagen erreicht hatten. »Willst du …«
Ihr Satz endete in einem Schrei, als Paul von einem Mann zurückgerissen wurde, der hinter ihm aus dem Nichts aufgetaucht war. Auch Paul wollte schreien, aber ein Arm, der ihm die Kehle zudrückte, hielt ihn davon ab. Mit glühenden Augen sah der Fremde von Denise zu ihrem Cousin.
»Noch einer«, zischte er und legte Paul die Faust auf die Brust.
Denise schrie, so laut sie konnte, griff sich ihr Pfefferspray und sprühte dem Mann ins Gesicht. Der blinzelte nicht einmal, nur Pauls Augen schwollen zu, als das Reizgas ihn traf.
»Hilfe!«, brüllte Denise und sprühte, bis die Dose leer war. Der Mann rührte sich nicht, während Pauls Gesicht allmählich blau anlief.
Sie schnappte sich das Silbernitrat und sprühte viermal. Nun kniff der Mann in der Tat die Augen zusammen, aber eher aus Überraschung. Schließlich lachte er.
»Silber? Wie interessant.«
Denise waren die Waffen ausgegangen, und der Mann hatte seinen Griff keinen Millimeter gelockert. In Panik ballte sie die Fäuste und stürzte sich auf ihn … nur um einen Augenblick später auf ihrem zu Boden gesackten Cousin zu landen.
»Was ist da draußen los?«, rief jemand aus der Bar.
Denise blickte hoch. Der Fremde war verschwunden. Etwa einen Meter entfernt saß ein großer Schäferhund, das Maul zu einem breiten Hundegrinsen geöffnet. Er drehte sich um und lief davon, als aus der Bar eine Handvoll Leute näher kam.
»Rufen Sie den Notarzt!«, rief Denise, die entsetzt feststellte, dass Paul nicht mehr atmete. Sie legte die Lippen auf seine, blies mit aller Kraft … und musste würgen, als sie Pfefferspray in den Mund bekam.
Hustend und röchelnd sah Denise zu, wie ein junger Mann sich an einer Herzdruckmassage versuchte und dann ebenfalls keuchend aufgab. Sie legte zwei Finger an Pauls Hals. Nichts.
Fast ein Dutzend Leute standen um sie herum, von denen es aber anscheinend niemand für nötig hielt, zum Handy zu greifen.
»Rufen Sie doch endlich einen verdammten Krankenwagen«, keuchte sie, während sie unablässig auf Pauls Brust einschlug und versuchte, ihn zu beatmen, obwohl sie selbst kaum Luft bekam. »Komm schon, Paul! Mach das nicht!«
Undeutlich sah sie, wie das Gesicht ihres Cousins immer dunkler anlief. Sein Mund stand offen, sein Brustkorb unter ihren Händen bewegte sich nicht. Aber Denise trommelte weiter auf seine Brust ein, legte die Hände um seine Lippen und versuchte, ihm Atem zu spenden, ohne dabei selbst noch mehr Pfefferspray abzubekommen. Sie hörte erst auf, als nach einer scheinbaren Ewigkeit die Rettungssanitäter eintrafen. Als sie sie von Paul lösten, atmete er noch immer nicht.
 
»Sie sagen also, der Mann ist einfach so … verschwunden?«
Der Polizeibeamte konnte den Unglauben in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken. Denise musste sich schwer zusammennehmen, sonst hätte sie ihn geohrfeigt. Wie viel konnte sie noch ertragen? Sie hatte bereits ihre Angehörigen anrufen und ihnen das Unvorstellbare mitteilen müssen, mit ihnen getrauert, als sie im Krankenhaus eingetroffen waren, und schließlich bei der Polizei ausgesagt. Wo man ihr offenbar nicht recht glauben mochte.
»Wie gesagt; als ich aufgesehen habe, war der Killer verschwunden.«
»Die Leute aus der Bar haben draußen niemanden gesehen«, stellte der Beamte zum dritten Mal fest.
Denise platzte der Kragen. »Ja, weil sie drinnen waren, als wir angegriffen wurden. Hören Sie, der Typ hat meinen Cousin erwürgt; hat Paul keine Blutergüsse am Hals?«
Der Polizist wandte den Blick ab. »Nein. Der Leichenbeschauer war zwar noch nicht da, aber die Sanitäter haben keine Würgemale feststellen können. Anzeichen für einen Herzstillstand allerdings schon …«
»Er ist erst fünfundzwanzig!«, fuhr Denise ihn an und verstummte dann. Ein eisiger Schauder überkam sie. Wer kriegt mit dreiundzwanzig einen Herzinfarkt?, hatte Paul sie vor wenigen Stunden erst gefragt und dann etwas hinzugefügt, dem sie im Grunde genommen keinerlei Beachtung geschenkt hatte. Ich glaube, hinter mir ist auch jemand her.
Und nun war Paul tot – gestorben an einem vermeintlichen Herzinfarkt. Genau wie Amber und Tante Rose. Denise wusste, dass sie sich den Mann, dem weder Pfefferspray noch Silbernitrat etwas anhaben konnte, nicht nur eingebildet hatte. Diesen Mann, der einfach so wieder verschwunden war … und dann den großen Hund, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war.
Das alles konnte sie dem Beamten natürlich nicht erzählen. Er schaute sie jetzt schon an, als hielte er sie für grenzdebil. Denise war nicht entgangen, dass man ihr auch Blut abgenommen hatte, als sie gegen das Pfefferspray behandelt worden war, vermutlich um ihren Alkoholspiegel zu testen. Schon beim Verlassen der Bar war sie mehrmals gefragt worden, wie viel sie getrunken hätte. Und sobald der Leichenbeschauer den Herzinfarkt als Todesursache bestätigt hatte, würde man sie überhaupt nicht mehr ernst nehmen, nicht mal wenn sie alles Übernatürliche aus dem Spiel ließ.
Na ja, sie kannte Leute, die ihr zumindest insofern glauben würden, dass sie bereit wären, ihr bei ihren Nachforschungen zu helfen.
»Kann ich jetzt heimgehen?«, fragte Denise.
Ein erleichterter Ausdruck huschte über das Gesicht des Beamten. Jetzt hätte Denise ihm gern erst recht eine gelangt. »Selbstverständlich. Ich kann Sie von einem Streifenwagen nach Hause bringen lassen.«
»Ich rufe mir ein Taxi.«
Kopfnickend erhob sich der Mann. »Hier ist meine Karte, falls Ihnen noch etwas einfällt.«
Denise nahm das Stück Papier entgegen, aber nur, weil es einen miserablen Eindruck hinterlassen hätte, wenn sie es zerknüllt und ihm ins Gesicht geworfen hätte.
Erst bei sich zu Hause tätigte sie ihren Anruf. Am Ende hätte der Taxifahrer noch herumerzählt, sein letzter Fahrgast hätte wirres Zeug über einen Mörder gefaselt, der sich möglicherweise in einen Hund verwandelt hatte. Und wenn die Polizei herausfand, dass sie dieser Fahrgast gewesen war, würden die Beamten erst recht keiner Spur mehr nachgehen, auf die sie sie aufmerksam machte, noch nicht einmal, wenn sich herausstellte, dass Paul doch Opfer eines Verbrechens geworden war.
Beim dritten Piepen meldete sich eine Computerstimme, die ihr mitteilte, unter der gewählten Rufnummer gebe es keinen Anschluss. Denise legte auf. Ja, richtig, Cat hatte ständig umziehen müssen, weil irgendein verrückter Vampir hinter ihr her gewesen war. Offensichtlich hatte sie auch die Telefonnummer gewechselt. War Cat noch in Europa? Wie lange war es her, seit Denise das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte? Wochen vielleicht.
Als Nächstes wählte sie die Nummer, die sie für Bones, Cats Mann, gespeichert hatte, aber auch unter der erreichte sie niemanden. Denise kramte im Haus herum, bis sie ein Adressbuch mit der Telefonnummer von Cats Mutter fand. Sie hatte sie vor einem Jahr notiert und war dementsprechend wenig überrascht, als sie wieder kein Glück hatte.
Frustriert warf Denise das Adressbuch auf die Couch. Sie hatte jeden Kontakt zur Welt der Untoten vermieden, und jetzt, wo sie dringend jemanden gebraucht hätte, der in diesen Kreisen verkehrte, fehlten ihr die Telefonnummern.
Irgendjemanden musste sie doch erreichen können. Auf der Suche nach einer Person mit Verbindungen zu Cat scrollte Denise die Einträge auf ihrem Handy. Als sie fast am Ende der Liste angelangt war, sprang ein Name ihr förmlich entgegen.
Spade. Ein paar Monate zuvor hatte sie seine Nummer gespeichert, weil er sie zu ihrem letzten Treffen mit Cat mitgenommen hatte.
Denise zögerte. Spades feingeschnittene Züge, seine bleiche Haut und der durchdringende Blick tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Wäre Spade in einer Calvin-Klein-Anzeige abgebildet gewesen, hätte eine Menge Frauen wohl den Drang verspürt, die Seite abzulecken; für Denise allerdings war die Erinnerung an Spade unauslöschlich mit Blut verknüpft. Insbesondere, da er bei ihrer letzten Begegnung damit beschmiert gewesen war.
Sie verdrängte den Gedanken. Jemand hatte Paul umgebracht, und Spade war vielleicht ihre einzige Verbindung zu Cat. Denise drückte die Anruftaste und betete, dass sie nicht wieder nur die monotone Computerstimme zu hören bekäme. Drei Freizeichen, vier …
»Hallo?«
Denise war ganz benommen vor Erleichterung, als sie Spades unverkennbaren britischen Akzent hörte. »Spade, ich bin’s, Denise. Cats Freundin«, fügte sie noch hinzu, als ihr der Gedanke kam, dass ein jahrhundertealter Vampir bestimmt mehr als eine Denise kannte. »Ich habe Cats Nummer nicht mehr und … bin mir ziemlich sicher, dass irgendein Wesen meinen Cousin ermordet hat. Meine Cousine und meine Tante möglicherweise auch.«
Ihr hektisches Gestammel kam sogar ihr ziemlich abstrus vor. Sie wartete und hörte nur das Atmen am anderen Ende der Leitung, während ihr Gesprächspartner schwieg.
»Ich spreche doch mit Spade, richtig?«, fragte sie schließlich vorsichtshalber noch einmal nach. Was, wenn sie die falsche Nummer gewählt hatte?
Sofort erklang wieder seine Stimme. »Ja, entschuldige bitte. Warum erzählst du mir nicht erst mal, was du glaubst, gesehen zu haben?«
Denise bemerkte seine Wortwahl sehr wohl, war aber zu entnervt, um ihm Vorhaltungen zu machen. »Ich habe gesehen, wie mein Cousin von einem Mann ermordet wurde, dem weder Pfefferspray noch Silbernitrat etwas anhaben konnten. Und dann war der Mann plötzlich verschwunden, und da stand dieser verdammte Riesenköter, aber der ist weggelaufen, und die Polizei ist der Meinung, mein fünfundzwanzig Jahre alter Cousin wäre nicht erdrosselt worden, sondern an einem Herzinfarkt gestorben.«
Wieder herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung. Denise sah Spade geradezu vor sich, wie er beim Zuhören die Stirn runzelte. Er machte ihr Angst, aber im Augenblick fürchtete sie sich eher vor dem, was Paul getötet hatte.
»Bist du noch in Fort Worth?«, fragte er schließlich.
»Ja, ich wohne noch im selben Haus wie … wie vorher.« Dem Haus, vor dem er sie abgesetzt hatte, nachdem er kaltblütig einen Mann ermordet hatte.
»Okay. Tut mir leid, aber Cat ist in Neuseeland. Ich kann sie anrufen oder dir ihre Nummer geben, aber es würde mindestens einen Tag dauern, bis sie bei dir ist, wenn nicht sogar länger.«
Ihre Freundin und Expertin in Sachen Untote war am anderen Ende der Welt. Klasse.
»… aber ich bin zurzeit in den Staaten«, fuhr Spade fort. »Genauer gesagt in St. Louis. Ich könnte später vorbeikommen und mir deinen toten Cousin einmal ansehen.«
Denise holte tief Luft, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, so schnell wie möglich herauszufinden, was Paul so plötzlich umgebracht hatte, und dem Unbehagen darüber, dass ausgerechnet Spade die Nachforschungen anstellen sollte. Schließlich rief sie sich zur Ordnung. Paul, Amber und ihre Tante waren tot, und das war doch wohl wichtiger als ihre Vorbehalte gegenüber dem Mann, der ihr helfen wollte.
»Das wäre sehr nett von dir. Meine Adresse ist …«
»Ich weiß noch, wo du wohnst«, fiel Spade ihr ins Wort. »So gegen Mittag bin ich bei dir.«
Sie sah auf ihre Armbanduhr. Knappe sechs Stunden noch. Sie selbst hätte es in so kurzer Zeit von St. Louis nach Fort Worth nicht einmal geschafft, wenn ihr Leben davon abgehangen hätte, aber wenn Spade sagte, er würde gegen Mittag bei ihr sein, dann glaubte sie ihm.
»Danke. Kannst du Cat ausrichten, dass, äh, dass …«
»Vielleicht wäre es das Beste, wenn wir Cat und Crispin vorerst nicht einweihen«, antwortete Spade, Bones wie üblich bei seinem Menschennamen nennend. »Die beiden haben eine schwere Zeit hinter sich. Kein Grund, sie zu beunruhigen, wenn ich das Problem allein lösen kann.«
Denise verkniff sich eine bissige Bemerkung. Sie wusste, was er damit sagen wollte. Oder du dir alles nur eingebildet hast.
»Bis heute Mittag, dann«, sagte sie und legte auf.
Das Haus kam ihr auf unheimliche Weise still vor. Schaudernd blickte Denise aus den Fenstern und sagte sich, dass ihre bangen Gefühle eine normale Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse des Abends waren. Zur Sicherheit ging sie aber trotzdem noch einmal durch alle Zimmer und vergewisserte sich, dass die Fenster und Türen geschlossen waren. Dann zwang sie sich, eine Dusche zu nehmen, und versuchte, die Erinnerung an Pauls blau angelaufenes Gesicht aus dem Kopf zu bekommen. Was ihr nicht gelang. Denise zog sich einen Bademantel über und streifte von Neuem rastlos durchs Haus.
Hätte sie sich bloß nicht dazu überreden lassen, mit Paul auszugehen, vielleicht wäre er dann noch am Leben. Und was wäre geschehen, wenn sie sofort in das Lokal gelaufen und Hilfe geholt hätte, statt auf dem Parkplatz zu bleiben? Hätte sie Paul retten können, wenn sie sofort ein paar Leute herbeigerufen und den Angreifer in die Flucht geschlagen hätte? Er war verschwunden, sobald jemand auf ihre Hilferufe reagiert hatte; vielleicht hätte sie Paul wirklich retten können, wenn sie nicht so nutzlos in der Gegend herumgestanden und den Angreifer mit Reizgas besprüht hätte.
Denise war so in ihre Gedanken verstrickt, dass sie das leise Klopfen überhörte, bis es zum dritten Mal ertönte. Sie erstarrte. Es kam von der Eingangstür.
Denise schlich aus der Küche und lief leise die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, wo sie ihre Glock aus dem Nachtschränkchen holte. Geladen war die Pistole mit Silbermunition, die einen Vampir vielleicht nur langsamer machen, einen Menschen aber töten würde. Angestrengt auf jedes Geräusch lauschend, tappte Denise die Treppe hinunter. Ja, es war noch da. Ein seltsamer Laut, wie ein Wimmern und Kratzen.
Versuchte jemand, das Türschloss zu knacken? Sollte sie die Polizei rufen oder erst selbst nachsehen? Aber wenn es nur ein streunender Waschbär war und sie die Bullen rief, würden die ihr endgültig kein Wort mehr glauben.
Den Lauf ihrer Pistole auf die Geräusche gerichtet, pirschte sich Denise an die Fenster zur Straße heran, von wo aus sie die Eingangstür sehen konnte …
Auf ihrer Veranda stand ein kleines Mädchen, an seiner Kleidung war etwas Rotes. So zaghaft, wie die Kleine an die Tür klopfte, schien sie verletzt oder erschöpft zu sein, vielleicht auch beides. Nun konnte Denise auch das Wort »Hilfe …« verstehen.
Denise legte die Pistole weg und riss die Tür auf. Das Gesicht der Kleinen war tränenüberströmt, sie zitterte am ganzen Körper.
»Kann ich reinkommen? Daddy ist verletzt«, stammelte sie.
Denise hob sie hoch und sah sich nach einem Auto oder irgendetwas anderem um, das ihr einen Hinweis darauf hätte geben können, wo das Kind herkam.
»Komm rein, Schätzchen. Was ist denn passiert? Wo ist dein Daddy?«, säuselte Denise, während sie das Mädchen ins Haus trug.
Die Kleine lächelte. »Daddy ist tot«, verkündete sie, und ihre Stimme klang plötzlich tief und unheilvoll.
2
Spade klappte sein Handy zu und dachte über das Gespräch nach, das er gerade geführt hatte. Denise MacGregor. Er hatte nicht erwartet, je wieder etwas von ihr zu hören. Nun glaubte sie, ihr Cousin wäre von einer Art Werhund getötet worden … nur gab es keine Werhunde oder sonstigen Wertiere.
Vielleicht fand sich ja eine andere Erklärung. Denise hatte gesagt, sie wäre dem Angreifer mit Pfefferspray und Silbernitrat zu Leibe gerückt. Möglicherweise hatte sie ihn einfach nur verfehlt, möglicherweise aber auch nicht. War ihr Cousin von einem Vampir umgebracht worden, konnte der Denise glauben gemacht haben, er hätte sich in einen Hund verwandelt und wäre durch Silberspray nicht in die Flucht zu schlagen gewesen. Menschliche Erinnerungen ließen sich leicht manipulieren. In diesem Fall würde sich der Mörder aber sicher auch fragen, woher sie das mit dem Silber gewusst hatte, sodass er womöglich zu dem Schluss kam, er müsste mehr als falschen Zauber einsetzen, um sicherzustellen, dass Denise den Mund hielt. Das Risiko wollte Spade nicht eingehen.
Er warf seinem Bett einen sehnsüchtigen Blick zu. Die verheerende Lethargie, die mit dem Sonnenaufgang einherging, hatte er schon vor langer Zeit überwunden, was aber nicht bedeutete, dass er sich jetzt auf die Fahrt nach Texas freute. Na ja. So konnte er wenigstens dafür sorgen, dass Crispin und Cat nicht überstürzt aus Neuseeland aufbrechen mussten, um sich einer Sache anzunehmen, bei der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um den trauer- und stressbedingten emotionalen Zusammenbruch einer Sterblichen handelte.
Er dachte daran, wie Denise ihn nach ihrem letzten Treffen angesehen hatte. Ihre Kleidung war blutbespritzt gewesen, ihr Gesicht so elfenbeinblass wie Spades eigenes, und in ihren haselnussbraunen Augen hatte eine Mischung aus Angst und Abscheu gestanden.
Warum musstest du ihn umbringen?, hatte sie geflüstert.
Wegen ihrer Pläne, war Spades Antwort gewesen. Solche Menschen haben kein Recht weiterzuleben.
Sie hatte das nicht verstanden. Spade schon. Nur zu gut. Menschen zeigten Kriminellen gegenüber vielleicht mehr Nachsicht als Vampire, aber Spade war nicht so dumm, einem, und sei es auch nur potenziellen, Vergewaltiger gegenüber, naive Milde walten zu lassen.
Auch was Denise zu ihm gesagt hatte, als er sie später vor ihrem Haus abgesetzt hatte, wusste er noch. Ich habe die Gewalt in eurer Welt so satt. Er hatte diesen Ausdruck schon auf vielen menschlichen Gesichtern gesehen, den müden Tonfall in ihrer Stimme gehört. Wäre Crispin durch die jüngsten Ereignisse nicht so beschäftigt gewesen, hätte er Cat erklärt, dass es das Barmherzigste wäre, Denises gesamte Erinnerung an Untote zu löschen. Vielleicht würde Spade das sogar selbst tun, falls Denise übergeschnappt war. Barmherzigkeit hin oder her, sollte Denise tatsächlich den Verstand verloren haben, wäre damit auch gleich eine potenzielle Gefahr gebannt.
Spade packte Kleidung für ein paar Tage ein und ging in die Garage hinunter. Am Steuer seines Porsche setzte er sich eine dunkle Sonnenbrille auf und öffnete per Fernbedienung das Garagentor. Die verdammte Sonne war schon aufgegangen. Er warf dem Himmelskörper einen hasserfüllten Blick zu und fuhr in die Dämmerung hinaus. Menschen. Sie waren zwar lecker, sonst aber meist eine Last.
 
Denise konnte kaum atmen. Sengender Schmerz schoss ihr von der Brust ausgehend in den Arm und den ganzen Körper. Sie sah Fünkchen stieben. Ich sterbe …
»Warum hast du mich mit Silbernitrat besprüht?«, hörte sie eine muntere Stimme fragen.
Die Hand, die auf ihrem Gesicht gelegen hatte, verschwand, und Denise konnte ein paarmal tief und schmerzhaft Atem holen. Das Brennen in ihrer Brust ließ ein wenig nach, und sie konnte wieder klar genug sehen, um zu erkennen, dass sie sich noch immer in ihrem Hausflur befand. Denise wollte den Mann wegstoßen, der sie festhielt, aber sie war zu schwach; nicht einmal die Hände konnte sie heben. Hätte der Fremde den Griff um ihre Taille gelockert, wäre sie zu Boden gegangen.
»Antworte.« Wieder verlieh wütender Schmerz seinem Befehl Nachdruck.
Denise schaffte es zu sprechen, obwohl das Engegefühl in ihrer Brust ihr das Atmen schwer machte.
»Ich dachte, du wärst … ein Vampir.«
Der Fremde lachte. »Falsch. Und auch beleidigend, aber interessant. Was weißt du über Vampire?«
Ihre Pistole lag knapp zwei Meter entfernt auf dem Tisch. Denise ließ sich in den Armen des Fremden zusammensacken, hoffte, er würde sie loslassen. Vielleicht könnte sie dann ihre Pistole erreichen.
»Antworte«, befahl der Fremde erneut, wobei er sie mit einem Ruck zu sich umdrehte. Seine Augen glommen rot, aber abgesehen davon – und dem Geruch, der von ihm ausging, als hätte er gerade irgendetwas in Brand gesteckt – sah er aus wie ein Collegestudent. Sein Haar war von hellerem Braun als das ihre und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit seiner weiten Jeans und dem Batik-T-Shirt hätte man ihn für einen Junghippie halten können.
Aber er war kein Mensch. Rote Augen. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Er war kein Ghul und auch kein Vampir, aber was dann?
»Ich weiß, dass es Vampire gibt«, keuchte Denise, der das Atmen jetzt, als der rasende Schmerz in ihrer Brust sich zu einem Pochen abgeschwächt hatte, ein wenig leichter fiel.
»Jeder Gruftie kann sich Silberspray an den Schlüsselbund hängen und an Vampire glauben«, stellte der Mann geringschätzig fest. »Du musst dir schon was Besseres einfallen lassen.«
Erneut wurden seine Worte von einer Schmerzattacke untermalt, die Denise fast vornüberkippen ließ. Als sie unter Qualen wieder sehen konnte, lächelte der Mann. Denise stellte sich vor, dass das Gesicht dieses Monsters das Letzte gewesen war, was ihre drei Verwandten vor ihrem Tod gesehen hatten, und richtete sich vor Zorn etwas gerader auf.
»Vampire stammen von Kain ab, den Gott dazu verdammt hat, für alle Ewigkeit Blut zu trinken, um ihn stets an den Mord zu erinnern, den er an seinem Bruder Abel begangen hat. Sie sind immun gegen Kreuze, Holzpflöcke und Sonnenlicht. Töten kann man sie nur, indem man ihnen das Herz mit Silber durchbohrt oder ihnen den Kopf abschlägt. Und Ghule kann man nur durch Enthauptung töten. Reicht das?«, knurrte sie.
Er lachte, als würde er sich über irgendetwas freuen, und ließ Denise los. Wie erwartet ging sie zu Boden, ließ sich aber nach vorn fallen, sodass sie dem Tisch mit der Pistole schon etwas näher war.
»Sehr gut. Gehörst du jemandem?«
»Nein«, antwortete Denise, die wusste, dass Menschen als »Leibeigene« des Vampirs betrachtet wurden, der sie sich als Nahrungsquelle hielt. Wie Fertiggerichte mit Schlagadern.
»Aha.« Die Augen des Fremden leuchteten. »Also eher ein Arrangement der romantischen Art?«
»Nein, zur Hölle noch mal«, fauchte Denise, während sie weiter auf den Tisch zukroch, und dabei so tat, als wollte sie nur ihren aufklaffenden Bademantel zusammenraffen. Darunter war sie nackt, aber um die Wahrung ihres Schamgefühls ging es ihr nicht. Sie wollte die Pistole. Mit was für einem Wesen sie es auch zu tun haben mochte, womöglich konnten Kugeln ihm etwas anhaben. Vielleicht sogar genug, um ihr die Chance zur Flucht zu verschaffen.
»Sprich nicht von diesem Ort«, antwortete der Mann schaudernd. »Weckt üble Erinnerungen.«
Denise hielt inne. Sie musterte den Fremden noch einmal genau. Rote Augen. Schwefelgeruch. Weder Mensch noch Vampir noch Ghul.
»Dämon«, sagte sie.
Er verneigte sich. »Du darfst mich Rom nennen.«
Verzweifelt versuchte Denise, sich an alles zu erinnern, was sie über Dämonen wusste. Das meiste stammte allerdings aus dem Film Der Exorzist. Und selbst wenn sie Weihwasser gehabt hätte, was nicht der Fall war, würde es einem Dämon tatsächlich etwas ausmachen, wenn sie es mit den Worten »Die Macht Jesu Christi bezwingt dich« auf ihn kippte?
»Dieser Spade, mit dem du vorhin telefoniert hast«, fuhr Rom fort. »Ist der ein Vampir oder ein Ghul?«
Panik überkam sie. Sie war zwar nicht direkt mit Spade befreundet, wollte aber auch nicht, dass er in Gefahr geriet.
»Er ist ein Mensch«, antwortete sie.
Der Dämon zog die Brauen hoch. »Aber du hast ihm erzählt, was du gesehen hast, er muss also über Vampire und Ghule Bescheid wissen. Wenn du weder Leibeigene noch Geliebte eines Vampirs bist, welche Verbindung hast du dann zu den lebenden Leichen?«
Denise achtete darauf, nichts zu sagen, das später vielleicht Cat in Schwierigkeiten bringen konnte. »Ich, äh, habe vor ein paar Jahren einen Vampirangriff überlebt und danach versucht, so viel wie möglich über diese Spezies herauszufinden. Dabei bin ich auch mit anderen Opfern in Kontakt gekommen. Wir tauschen Informationen aus. Geben aufeinander acht.«
Rom dachte über das Gehörte nach. »Du hast also im Grunde genommen keine Verbindungen zur Welt der Untoten und ihren Bewohnern?«
Sie nickte. »Nein.«
Er seufzte. »Dann bist du für mich nutzlos.«
Unerträglicher Schmerz fuhr ihr in die Brust, so plötzlich, dass es sich wie ein Schuss ins Herz anfühlte. Sie war wie gelähmt, konnte aber noch einen Satz keuchen.
»Warte! Ich … habe Verbindungen …«
Der Schmerz ließ so schnell nach, wie er gekommen war. Rom lächelte zufrieden.
»Dachte ich’s mir doch. Du weißt einfach zu viel.«
»Was willst du von mir?« Nie gekannte Angst kroch ihr in den Nacken. Ein Dämon hatte sie in der Hand. Schlimmer konnte es nicht kommen.
Rom kniete sich zu ihr auf den Boden, woraufhin sie zurückwich. »Ich zeige es dir.«
Er presste ihr die Hand auf die Stirn. Sie sah Licht, dann kamen die Bilder. Rom inmitten eines Pentagramms, ihm gegenüber ein junger Mann mit roten Haaren. »Gib mir Macht, wie du sie hast«, sagte der Rothaarige, »dann kannst du alles haben, was du willst.« Rom berührte ihn, und er wurde schreiend zurückgeschleudert.
Wieder grelles Licht und andere Bilder. Rom stand mit ausgestreckter Hand vor dem Mann. Der Mann schüttelte den Kopf und wich zurück. Rom ging auf ihn zu und brach in Wutgeheul aus, als um ihn herum ein Pentagramm sichtbar wurde. Flammen erhoben sich aus den Linien, der Boden brach weg, und Rom war nicht mehr zu sehen. Lange Zeit war da nichts als Feuer, dann eine Reihe schrecklicher, blutrünstiger Bilder. Schließlich das Gefühl von Freiheit. Dann wieder Dutzende Sterbende, bis schließlich ihre Tante Rose, Amber, Paul … und sie selbst auftauchten.
»Dein Vorfahr Nathanial hat seinen Pakt mit mir gebrochen.« Roms Stimme war wie ein Phantom in ihrem Ohr. »Lange Zeit hat er mich einsperren können, aber ich bin wieder da, und ich will meinen Lohn.«
Denise schüttelte den Kopf, um die schrecklichen Bilder darin loszuwerden. »Und was soll ich dazu beitragen?«
»Anscheinend versteckt er sich bei Vampiren oder Ghulen«, gurrte Rom. »Ich kann mich nicht unter sie mischen, du aber schon. Finde ihn für mich. Bring ihn mir, dann lasse ich dich und den Rest seiner Brut in Ruhe.«
Den Rest seiner Brut. Die Gesichter ihrer Eltern tauchten vor Denises innerem Auge auf. Ihre Mutter oder ihr Vater, einer von beiden musste mit Nathanial verwandt sein, denn sie, ihr Cousin und ihre Cousine waren es anscheinend auch, und Rom hatte vor, Nathanials gesamte Familie auszulöschen, um ihn zu finden.
»Ich finde ihn«, versprach Denise.
Roms Finger glitten über ihre Arme. Vor Grauen bekam Denise eine Gänsehaut.
»Ich glaube dir ja, dass du es ernst meinst. Aber als zusätzlichen Ansporn …«
Sie wurde fester gepackt; erneut durchzuckten furchtbare Schmerzen ihren Körper. Sie konnte sich selbst schreien hören, aber Rom lachte nur unbekümmert.
»Versuche, nicht draufzugehen, ja? Das ist erst der Anfang.«
 
Spade rümpfte die Nase, als er in die Straße einbog, in der Denise wohnte. Ein widerlicher Gestank drang durch das Lüftungssystem zu ihm ins Auto. Seine Blicke suchten die Straße ab; irgendwo musste ein Motor brennen oder ein Dach geteert werden, aber da war nichts. Der Gestank wurde schlimmer, als er in Denises Einfahrt bog. Spade griff in seine Reisetasche und zog zwei lange Silbermesser hervor, die er sich in die Ärmel steckte. Dann stieg er aus und ging zur Haustür. Am Türrahmen schnupperte er gründlich.
Schwefelgestank erfüllte seine Lungen, so beißend, dass er hätte husten müssen, wenn er ein Mensch gewesen wäre. Fluchend stieß Spade die Luft aus. Nur eine Kreatur hinterließ einen solchen Geruch.
Denise MacGregor hatte sich ihre Erlebnisse also doch nicht nur eingebildet, aber vielleicht kam Spade schon zu spät, um ihr das zu sagen.
Mit einem gezielten Tritt räumte er die Tür aus dem Weg, sprang hindurch und rollte sich gleich darauf ab, um einem eventuellen Angriff auszuweichen. Denise lag zusammengesunken vor einer Couch auf dem Boden, aber Spade rannte nicht sofort zu ihr hin. Er ließ den Blick durchs Zimmer schweifen, um sich zu vergewissern, dass niemand sonst da war.
Sowohl im Ober- als auch im Untergeschoss sah er in jedem Schrank und jedem Zimmer nach, fand aber nichts. Als er sich vergewissert hatte, dass er nicht in eine Falle geraten war, ging er zu Denise.
Sie war bewusstlos, bekleidet nur mit einem Bademantel, dessen Gürtel nicht verknotet war. Und sie stank nach Schwefel, als hätte sie darin gebadet.
Spades Lippen pressten sich zu einer harten Linie zusammen, als er das Kleidungsstück zurückschob. Er hatte sich auf das Schlimmste gefasst gemacht, fand aber erstaunlicherweise keine Anzeichen von Gewalteinwirkung vor. Alles wirkte, als wäre der Dämon gekommen, hätte Denise das Bewusstsein geraubt und wäre wieder verschwunden.
Spade zog Denises Bademantel wieder zu, strich ihr die feuchte mahagonifarbene Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich dorthin verirrt hatte, und schüttelte sie leicht.
»Denise, wach auf.«
Er musste es ein paarmal versuchen, dann aber öffneten sich ihre haselnussbraunen Augen, richteten sich auf ihn … und weiteten sich entsetzt.
»Wo ist er? Ist er noch hier?«
Spade hielt Denise fest und sprach mit beruhigender Stimme auf sie ein. »Niemand ist hier, nur ich. Alles ist gut.«
Denise ließ ein durchdringendes Schluchzen hören. »Nein, ist es nicht.«
Sie zog die Ärmel ihres Bademantels hoch und zeigte ihm ihre Unterarme. Spade stieß unwillkürlich einen Fluch aus, als er die sternförmigen Schatten auf ihrer Haut sah.
Denise hatte recht; gar nichts war gut. Der Dämon hatte ihr seine Zeichen aufgedrückt.
 
Spade saß in Denises Badezimmer auf dem Klodeckel. Sie hatte unbedingt duschen wollen, obwohl er sie nach oben hatte tragen müssen. Seine Hilfe hatte sie abgelehnt. Als wäre er imstande, in einer solchen Situation an Sex zu denken.
Das Badezimmer verlassen würde er allerdings nicht. Er wolle nicht dafür verantwortlich sein, wenn sie bei dem Versuch, aus der Wanne zu steigen, ausrutschte und sich das Genick brach, hatte er ihr erklärt. Der Tod könne ihr nichts mehr anhaben, jetzt, wo der Dämon sie gezeichnet hatte, war Denises bittere Antwort gewesen. Spade wusste nicht genau, ob das der Wahrheit entsprach, und so hatte er ihr den Bademantel abgenommen und ihr keine andere Wahl gelassen, als die Tür der Duschkabine hinter sich zuzuziehen, nachdem sie sich auf den Boden der Duschwanne gesetzt hatte.
Hinter dem Mattglas konnte er undeutlich ihre Silhouette erkennen, beobachten, wie sie drinnen herumhantierte und sich offenbar mit all ihren Seifen und Shampoos bearbeitete. Der Raum füllte sich mit den verschiedensten Duftnoten, die den penetranten Schwefelgeruch überlagerten. Spade schloss die Augen. Er musste Denise bald an einen sicheren Ort bringen. Der Dämon würde zwar bestimmt nicht gleich wiederkommen, aber hier konnte sie nicht bleiben.
»Ich brauche ein Handtuch.«
Spade griff sich zwei und reichte ihr das größere durch den Türspalt. Als Denise sich eingehüllt hatte, öffnete er, ihren Protest ignorierend, die Tür ganz, hob Denise heraus und rubbelte ihr mit der freien Hand das tropfnasse Haar trocken.
»Das kann ich selbst«, wandte sie ein und stieß matt seine Hand weg.
»Unter normalen Umständen bestimmt«, antwortete er, während er sie zum Bett trug. »Aber du hast gerade einen beinahe tödlichen Herzstillstand durch einen Dämon erlitten, der dir seine Essenz durch den Körper gejagt hat. So was steckt keiner einfach so weg, also hör auf zu diskutieren, und lass dir von mir helfen.«
Sie sackte gegen seinen Körper, als hätte dieses letzte bisschen Widerstand all ihre Stärke gefordert. Spade hielt sie mit einem Arm umschlungen, sodass sie sich an ihn lehnen konnte. Mit einer Hand trocknete er ihr das Haar, mit der anderen hielt er das Handtuch zusammen, in das sie gehüllt war. Denises Augenlider flatterten, ihr Kopf kippte gegen seinen Arm. Ihre zarte Kehle war nur noch Zentimeter von seinen Lippen entfernt.
Spade kämpfte gegen den plötzlichen Drang an, mit dem Mund über ihre Halsschlagader zu fahren. Er hatte seit über einem Tag nichts gegessen, aber nicht allein der Hunger machte ihm zu schaffen. Ein Muskel in seinem Kiefer spannte sich. Er hatte gehofft, das sonderbare Verlangen, das er in Denises Gegenwart verspürte, würde sich mit der Zeit verflüchtigen, aber es war eindeutig noch da.
Zum ersten Mal hatte er Denise auf Crispins Weihnachtsfeier im Jahr zuvor gesehen. Gleich nach seinem Eintreten war ihm eine dunkelhaarige Frau aufgefallen. Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und über etwas gelacht, das Cat gesagt hatte. Einen Augenblick später hatte die Frau in seine Richtung gesehen, als hätte sie gespürt, dass er sie beobachtete. Ihre vollen Lippen waren noch zu einem Lachen geöffnet gewesen, aber ihr direkter Blick war es, der seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Der Blick und das seltsame Kribbeln, das bei ihrem Anblick über ihn gekommen war.
»Wer ist das?«, hatte er Crispin gefragt.
Crispins Augen waren Spades Blick gefolgt, und er hatte geschnaubt. »Sorry, Alter. Das ist die beste Freundin meiner Frau.«
Und mit diesen Worten war Denise in unerreichbare Ferne gerückt. Sie war eine Sterbliche, und Sterbliche brauchte Spade nur zu zwei Dingen – zum Stillen seines Hungers und zur Befriedigung seiner Libido. Bei Denise stand natürlich beides nicht zur Debatte, denn sie war Cats Freundin, und er hätte damit Crispin beleidigt. Also hatte Spade das seltsame Kribbeln ignoriert, das sich bei seinem nächsten Blick in ihre Richtung wieder eingestellt hatte, aber sie hatte sich ohnehin schon wieder abgewandt und lächelte einen jungen Mann mit hellbraunem Haar an. Fast war er erleichtert gewesen, als Crispin ihm gesagt hatte, dass sie verheiratet war. Es gab also wirklich keinen Grund, weiter Gedanken an sie zu verschwenden.
Aber jetzt war Denise Witwe und lag mit nichts als einem Handtuch am Leib in seinen Armen. Sein Verlangen nach ihr war unter diesen Umständen schwer zu ignorieren.
Sie ist nichts für dich, ermahnte sich Spade.
Aber hübsch war sie trotzdem, das konnte er sich ja ruhig eingestehen. Nass wirkte ihr Haar dunkler, und ihre Haut war rosig und zart. Der beißende Schwefelgeruch hatte sich verflüchtigt, und über all die Parfümdüfte hinweg drang ihr ganz eigener Körpergeruch nach Jasmin und Honig zu ihm durch. So in das Handtuch gewickelt, die Augen geschlossen, die Lippen leicht geöffnet, fand er sie sehr viel verlockender als zu dem Zeitpunkt, als er ihren nackten Körper auf Verletzungen überprüft hatte.
Spade rief sich zur Ordnung. »Ziehen wir dir was an«, sagte er. »Sobald wir in Sicherheit sind, setze ich mich mit Crispin in Verbindung. Dann sage ich ihm, wo er und Cat dich abholen sollen.«
Denise riss die Augen auf. »Nein.«
»Nein?«, fragte Spade überrascht nach.
Sie packte seine Hand fester, als er es ihr zugetraut hätte. »Du darfst ihnen nichts sagen. Cat wird alles stehen und liegen lassen, um Roms Verfolgung aufzunehmen, aber er ist zu stark. Ich … ich habe gesehen, wozu er fähig ist. Ich kann nicht zulassen, dass sie sich mit ihm anlegt, aber wenn sie erfährt, was passiert ist, wird sie es versuchen.«
»Denise.« Spade schlug einen sehr vernünftigen Tonfall an. »Du kannst nicht einfach durch die Weltgeschichte laufen und so tun, als hätte der Dämon dich nicht gezeichnet. Du musst eine Möglichkeit finden, die Male loszuwerden, und …«
»Ich weiß, wie ich sie loswerden kann.«
Spade zog die Augenbrauen hoch. »Tatsächlich?«
»Der Dämon will, dass ich einen Vorfahr von mir finde, er heißt Nathanial«, erklärte Denise. »Wie es aussieht, hat dieser Typ seine Seele verpfändet und sich dann ohne zu zahlen aus dem Staub gemacht. Der Dämon glaubt, er versteckt sich bei Vampiren oder Ghulen. Wenn ich Nathanial finden und Rom ausliefern kann, werde ich die Zeichen wieder los, und Rom lässt meine Familie in Ruhe.«
3
Denise wandte den Blick von der Straße ab. Unter weniger düsteren Umständen hätte sie sicher befürchtet, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen. Spade fuhr wie der Henker; atemberaubend präzise und ohne jede Rücksicht auf Geschwindigkeitsbeschränkungen wechselte er zwischen den Fahrspuren hin und her. Als sie ihn darauf hingewiesen hatte, dass sie bestimmt bald von der Polizei angehalten würden, wenn er so weiterraste, hatte Spade nur gegrinst und gemeint, er hätte sowieso Hunger.
Ihr Gefühl sagte ihr, dass er es ernst meinte.
Um nicht ständig das vorbeihuschende Durcheinander aus Autos und Landschaft ansehen zu müssen, konzentrierte sie sich auf Spade. Sein Haar war vollkommen schwarz, stand am Hinterkopf durch einen offenbar natürlichen Wirbel ab und fiel ihm dann in schimmernden Wellen über die Schultern. Ebenso dunkle Brauen bildeten den Rahmen für seine bernsteinfarbenen Augen. Beides stand im krassen Gegensatz zu seinem Teint, dessen perfekte Blässe ihn als Vampir auswies. Selbst im Sitzen konnte man erkennen, wie groß er war, was ihn im Gegensatz zu manch anderem allerdings nicht linkisch wirken ließ. Nein, Spade überragte seine Umgebung aufrecht und selbstsicher, bewegte die langen Glieder elegant und präzise. Tödlich präzise.
Eine plötzliche Erinnerung flackerte in ihr auf. »Du bleibst jetzt einfach bei meinen Kumpels, während ich es mir mit deiner Freundin auf dem Rücksitz gemütlich mache«, hatte der Fremde grinsend zu Denise gesagt und sie gepackt. Im nächsten Augenblick hatte er auch schon auf dem Boden gelegen, und von seinem Kopf war nur noch eine rote Masse übrig. Mit grün blitzenden Augen stand Spade über ihm und versetzte seinem Körper einen so heftigen Tritt, dass er gegen den nächsten Wagen geschleudert wurde und einen Blechschaden hinterließ.
Dann die schlimmste Erinnerung überhaupt. Spade voller Blut, wie er sie von dem wegzog, was einst Randy gewesen war. »Er ist von uns gegangen, Denise. Es tut mir leid …«
Sie wandte den Blick ab. Besser, die in schwindelerregendem Tempo vorbeirauschende Außenwelt ansehen zu müssen als ihn. Die dahinsausenden Autos lösten wenigstens keine bösen Erinnerungen in Denise aus. Solange sie mit Vampiren nichts zu tun hatte, konnte sie sich noch vormachen, Randy wäre tatsächlich bei einem Autounfall ums Leben gekommen, wie seine Familie glaubte. Kaum war allerdings ein Vampir in der Nähe, kamen über kurz oder lang auch die verdrängten Erinnerungen an Blut und Tod wieder in ihr hoch.
Und jetzt musste sie auch noch eintauchen in diese Welt, mit der sie auf keinen Fall etwas zu schaffen haben wollte – die Welt der Vampire.
»Ich muss irgendjemanden anheuern, der mich an die Orte bringen kann, wo, na ja, du weißt schon, deinesgleichen sich eben so herumtreibt«, verkündete sie und überschlug im Geiste bereits, wie viel Bares sie dazu wohl auf die Schnelle würde lockermachen müssen. »Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mich an einen Vampir-Privatdetektiv verweisen könntest, oder wer immer in eurer Welt für derartige Angelegenheiten zuständig ist.«
Spade warf ihr wieder einen dieser Blicke zu, die ihr allmählich auf die Nerven gingen; als hielte er sie für verrückt.
»Ein Vampir-Privatdetektiv?«, wiederholte er. »Du willst mich auf den Arm nehmen, oder?«
»Ich weiß, dass es Vampir-Auftragskiller gibt, warum also keine Vampir-Privatdetektive?«, schoss sie zurück. »Ich kann ja schlecht Steckbriefe mit Nathanials Bild verteilen, auf denen steht: ›Kennen Sie diesen Seelenpreller?‹«
Spades Hände schlossen sich fester um das Lenkrad. »Nein, natürlich nicht«, antwortete er in ruhigem Tonfall. »Aber Privatdetektive sind bei uns unbekannt. Wenn wir jemanden aufspüren wollen, bitten wir unseren Meister, sich an andere Meister zu wenden, die sich dann erkundigen, wem der Gesuchte gehört. Die Meister regeln die Angelegenheit dann unter sich. Auftragskiller haben wir für den Fall, dass jemand, der sich um die Konsequenzen nicht schert, das offizielle Prozedere umgehen will. Ein Sterblicher kann sich allerdings unmöglich an einen Meistervampir wenden, um etwas über den Verbleib des Leibeigenen eines anderen in Erfahrung zu bringen, und Nathanial muss ein Leibeigener sein. Dazu kommt noch, dass kein Meistervampir, der etwas auf sich hält, einen der Seinen einfach so ausliefern würde.«
Es empörte Denise, mit welcher Selbstverständlichkeit Spade Menschen als Leibeigene bezeichnete. Ihm schien gar nicht bewusst zu sein, wie herablassend das klang.
»Dann miete ich mir einen Auftragskiller und gebe ihm Anweisung, Nathanial nicht umzubringen. So jemanden interessiert es doch nicht, ob er für die Auslieferung eines Toten oder eines Lebenden bezahlt wird, oder?«
Spade murmelte etwas, das sie nicht mitbekam.
»Was?«, fragte sie aufgebracht. Er sah sie so lange an, dass sie ihn fast angeschnauzt hätte, er solle sich besser wieder auf die Straße konzentrieren.
»Kein Vampir würde das Eigentum eines anderen stehlen, egal wie viel du ihm dafür anbietest. Darauf steht Krieg; irgendwen zu ermorden und sich nicht erwischen zu lassen, ist viel einfacher. Du kannst einen Vampir dafür bezahlen, diesem Nathanial den Kopf wegzuballern, aber kidnappen wird ihn dir keiner.«
Denise hätte vor Enttäuschung am liebsten aufs Armaturenbrett eingeschlagen. Irgendjemand musste ihr doch helfen können. Welche Untoten kannte sie sonst noch?
»Ich frage Rodney«, verkündete sie, als ihr endlich der rettende Einfall gekommen war. »Er ist kein Vampir, sondern ein Ghul. Rodney kennt mich, vielleicht kann er Nathanial ausfindig machen, ohne Staub aufzuwirbeln und vampirpolitische Konflikte auszulösen.«
An Spades Kiefer zuckte ein Muskel. »Rodney ist tot.«
Erst sagte Denise gar nichts. Sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass der nette, humorvolle Ghul, den sie gekannt hatte, tot war. Ghule kann man nur durch Enthauptung töten, hatte sie Rom wütend entgegengeschleudert. Dieses Wissen verursachte ihr jetzt Übelkeit. Warum, warum nur sollte jemand Rodney umbringen wollen?
»Er war ein so lieber Kerl. Das ist nicht fair«, antwortete sie schließlich nach langem Schweigen.
Spade schnaubte. »Stimmt.«
Denise wollte nur noch die Augen schließen und eine Woche lang nicht an den Tod denken müssen. Oder wenigstens einen Tag oder eine Stunde. Aber wenn sie Nathanial nicht auftrieb, würde sie bald mit dem Tod ihrer ganzen Familie konfrontiert sein.
Sie würde Cat mit ins Boot holen müssen. Bones war ein Meistervampir und ehemaliger Auftragskiller; er hatte also Erfahrung darin, Leute aufzuspüren, und Einfluss in der Welt der Vampire obendrein. Es war die einzig logische Entscheidung … nur würde Bones sich verpflichtet fühlen, sie zu beschützen, wenn ihre Lage zu brenzlig wurde. Meinen Mann habe ich schon auf dem Gewissen, dachte Denise finster. Wie soll ich weiterleben, wenn ich den Mann meiner besten Freundin auch noch in den Tod schicke?
»Noch ein paar Stunden, dann sind wir in Springfield«, meinte Spade. »Dort suchen wir uns ein Hotel und …«
Denise setzte sich kerzengerade auf. »Du.«
Er zog die Brauen hoch. »Wie bitte?«
»Du«, wiederholte sie. »Du bist ein Meistervampir. Du hast schon Leute aufgespürt, das hat Cat mir erzählt, und ich bedeute dir nichts. Wenn dir die Angelegenheit zu heikel wird, riskierst du also nicht dein Leben, sondern steigst einfach aus. Du bist wie geschaffen für die Suche nach Nathanial.«
Diesmal warf Spade ihr gar nicht erst einen seiner Duspinnst-doch -Blicke zu; mit einem Schlenker fuhr er von der Straße ab und hatte bereits auf der Standspur angehalten, bevor Denise dazu kam, sich Sorgen wegen des Gegenverkehrs zu machen.
»Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen, nur um einem von einem Dämon verfolgten Sterblichen hinterherzurennen, der sich gar nicht erst mit den Mächten der Finsternis hätte einlassen sollen«, stellte er zähneknirschend klar. »Tut mir leid, Denise.«
Sie war so verzweifelt, dass sie ausfallend wurde. »Es tut dir leid? Das glaube ich kaum. Ja, ich weiß, dass ich dich um einen großen Gefallen bitte, aber ich erwarte ja nicht, dass du es um meinetwillen tust. Ich hatte gehofft, du würdest es für deinen Freund tun, denn wie du weißt, kann ich mich nur noch an ihn wenden, falls du mir nicht hilfst. Aber hey, vielleicht kannst du ja zu Cat sagen, dass es dir leidtut, wenn Bones bei einer Sache draufgeht, für die du zu beschäftigt warst. Lässt sich ja auch leicht sagen, dass einem jemand etwas bedeutet, solange man es nicht unter Beweis stellen muss.«
In einem Wimpernschlag war er über ihr, sein Gesicht dem ihren so nah, dass sie sich nicht auf ein bestimmtes Detail konzentrieren konnte. So genau musste sie ihn aber auch gar nicht sehen. Seine knurrende Stimme signalisierte überdeutlich, wie wütend er war.
»Niemand weiß, dass du mich angerufen hast. Niemand weiß, wo du bist. Ich könnte deine Leiche vor Sonnenuntergang verscharrt haben, dann bräuchte ich mir keine Gedanken mehr darüber zu machen, ob Crispin womöglich sein Leben für dich riskiert. Fordere mich also besser nicht noch einmal auf, dir zu beweisen, wie viel mein Freund mir bedeutet.«
Spades Augen hatten jetzt nicht mehr ihre normale Cognacfarbe. Sie waren leuchtend grün, brennend vor Leidenschaft, und Denise musste keine Untote sein, um die Energie zu spüren, die von ihm ausging. Aber sie wusste auch instinktiv, dass Spade ihr nichts tun würde, egal, wie wütend er war. Hätte Rom es nur auf sie allein abgesehen gehabt, hätte sie auf eigene Faust versucht, etwas gegen ihn zu unternehmen, aber das Leben ihrer Angehörigen hing davon ab, dass sie es schaffte, Spade auf ihre Seite zu ziehen.
»Wenn du mich verscharrt hast, kannst du ja auch gleich meine restlichen Angehörigen suchen und jeden Einzelnen umbringen«, gab sie zurück. »Denn genau das wird Rom tun, wenn ich ihm Nathanial nicht ausliefere. Wie viele Morde bist du bereit zu begehen, um mir nicht helfen zu müssen?«
Er lehnte sich zurück, in seinem Gesicht stand etwas, das wie Unglaube wirkte. »Versuchst du, mich zu erpressen?«
Denise stieß ein bitteres Lachen aus. »Erpressung würde bedeuten, dass ich dir etwas Erstrebenswertes zu bieten hätte, aber ich habe nichts … außer der Hoffnung, nicht noch mehr meiner Angehörigen verlieren zu müssen. Du hast sehr deutlich gemacht, dass Menschen dir nicht viel bedeuten, aber ist das so unbegreiflich für dich?«
Spade wandte den Blick ab und sah durchs Fenster auf den vorbeirauschenden Verkehr. Schließlich legte er mit einem Ruck den ersten Gang ein.
»Zu deinem Glück nicht.«
 
Nach ihrer Ankunft im Hotel war Denise sofort im Badezimmer verschwunden. Zu Spade hatte sie gesagt, sie hätte während der Fahrt nicht zur Toilette gehen können, weil er nirgends Rast gemacht hätte. Gesagt hatte die Ärmste ihm allerdings auch nichts, obwohl ihre Blase nach ein paar Stunden kurz vor dem Platzen gewesen sein musste. Hunger hatte sie sicher auch. Er hörte die Dusche rauschen und beschloss, ihr gleich etwas zu bestellen, statt sich erst nach ihren Vorlieben zu erkundigen. Bei dem Tag, der hinter ihr lag, hätte es ihn überrascht, wenn sie überhaupt noch wach war, wenn das Essen kam.
Spade hatte den Zwischenstopp im Hotel eingelegt, weil er noch ein paar Dinge unter vier Augen mit Denise klären wollte, bevor er sie mit zu sich nahm. Sie schliefen in einem Doppelzimmer, weil er in Denises Nähe sein wollte, falls der Dämon ihnen irgendwie gefolgt war, wie unwahrscheinlich das auch sein mochte. Im Umgang mit Dämonen konnte man nie vorsichtig genug sein. Rom kam womöglich auf die Idee, ihn als Geisel zu nehmen, um Einfluss in der Welt der Untoten zu gewinnen. Einem Dämon war Spades Meinung nach alles zuzutrauen. Was für ein Glück, dass sie so selten waren, sonst hätte die Menschheit weit Schlimmeres zu fürchten gehabt als auf Abwege geratene Vampire und Ghule.
Spade streifte sich die Schuhe ab, streckte sich und ließ sich in einen dicken Polstersessel sinken. Da hatte er sich ja was Schönes aufgehalst. Wie sollte er diesen Nathanial finden, ohne dass jemand etwas mitbekam? Wenn er seine Fahndungsaktion ganz offen durchzog, wäre er der Erste, den man verdächtigen würde, wenn Nathanial von der Bildfläche verschwand; und noch einen Vampirkrieg wollte er nicht erleben müssen. Dass Denise bei ihm war, durfte erst recht keiner mitkriegen. Wenn Crispin Wind davon bekam, würde er sofort vermuten, dass Gefahr im Verzug war.
Wenigstens waren von den wenigen, die wussten, wie Denise aussah, viele tot. Wer hätte behaupten können, Denise wäre nicht einfach irgendein süßer Happen, der ihn auf seinen Reisen begleitete? Solange er Crispin, Cat und allen engen Freunden der beiden aus dem Weg ging, konnte er Nathanial womöglich aufspüren, ohne dass irgendwer etwas von Denise mitbekam.
Wie hoch die Chancen dafür standen, wollte Spade sich nicht ausrechnen. Sein Verstand sagte ihm zwar, dass es mehr als einen Grund gab, sich von Denise fernzuhalten, aber helfen musste er ihr trotzdem.
Die Badezimmertür ging auf, und Denise trat heraus, bekleidet nur mit einem Bademantel, auf den der Name des Hotels gestickt war. Spade wies mit einem Nicken auf den Schrank, in dem er ihre Tasche verstaut hatte. Sie holte ein paar Sachen daraus hervor und blieb dann unschlüssig auf der Unterlippe kauend stehen, als hätte sie etwas auf dem Herzen und wüsste nicht recht, ob sie damit herausrücken sollte.
Spade zog die Augenbrauen hoch. »Im Gegensatz zu manch anderem Vampir kann ich keine Gedanken lesen. Was es also auch ist, du wirst es schon aussprechen müssen.«
»Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich für deine Bemühungen bezahlen werde«, stieß sie hektisch hervor. »Die Spesen werde ich dir ebenfalls erstatten, auch diesen Hotelaufenthalt.«
Erst wollte sie ihn erpressen, und jetzt beleidigte sie ihn auch noch. »Nein.«
Sie sah ihn verdutzt an. »Nein?«
»Ich verstehe deine Verwirrung«, antwortete Spade mit sanfter Stimme, »da du dieses Wort offenbar nicht oft zu hören bekommst, aber lass es mich dir erklären. Es bedeutet, dass ich nicht dein Angestellter bin. Es bedeutet, dass du zu tun hast, was ich dir sage, damit ich deinen machthungrigen Verwandten finden kann, und es bedeutet, dass ich auf deine Vorlieben keine Rücksicht nehmen werde. Wäre die Definitionsfrage damit geklärt?«
Der Blick, den sie ihm zuwarf, hätte Stahl schneiden können. Leicht amüsiert fiel ihm auf, dass die Wut ihre haselnussbraunen Augen grüner erscheinen ließ, fast wie Vampiraugen, kurz bevor sie ganz die Farbe wechselten.
»Wenn das so ist: Ich bin am Verhungern. Ich darf also hoffen, dass das Hotel Zimmerservice und ein gutes Steak zu bieten hat«, antwortete sie mit kaum verhohlenem Ärger in der Stimme.
Er lachte auf. »Ich habe schon für dich bestellt.«
Wie aufs Stichwort klopfte es an der Tür. Spade erhob sich, hielt kurz inne, um sich zu vergewissern, dass tatsächlich nur ein Mensch auf der anderen Seite stand, und öffnete dann. Ein junger Mann in Livree schenkte ihm ein routiniertes Lächeln und schob dann einen Servierwagen ins Zimmer.
»Wo darf ich abstellen, der Herr?«
»Vor der Dame«, antwortete Spade und schloss die Tür. Er wartete ab, bis der junge Mann die Speisen aufgedeckt und der über die Vielfalt verblüfften Denise die Menüauswahl vorgetragen hatte. Als er sich mit höflich erwartungsvollem Gesicht wieder an Spade wandte, wandte der seinen Hypnoseblick bei dem Etagenkellner an.
»Was machst du da?«, keuchte Denise.
Spade ging nicht auf sie ein, seine Aufmerksamkeit galt allein dem pulsierenden Blutgefäß, das ihn lockte. Ein kurzes Einstechen der Reißzähne in die Kehle des Jungen, und der köstliche, nährende Saft quoll hervor. Spade schluckte nicht gleich, sondern ließ den Puls unter seinen Lippen dafür sorgen, dass ihm der Mund volllief, den er fest um die Wunde geschlossen hatte, damit kein einziges rotes Tröpfchen daneben ging.
Denise starrte ihn an; sie wirkte deutlich verunsichert. Spade schenkte ihr einen wütenden Blick und hoffte, dass sie keine Dummheit begehen und etwa schreien würde. Was sie auch nicht tat. Nur ihre Hand fuhr zu ihrem Mund, als müsste sie sich schwer zusammenreißen, um es bleibenzulassen.
Nach dem vierten Schluck ließ der bohrende Hunger in Spade nach. Er löste den Mund von der Kehle des Jungen, fing die aus der Wunde quellenden Tröpfchen mit der Zunge auf und schloss die Einstiche, indem er sich den Daumen an einem seiner Reißzähne aufschlitzte und ihn auf die Einstiche drückte, damit sein Blut die Wunden schließen konnte. Sofort waren sie verschwunden.
»Du hast das Essen gebracht und bist gegangen. Sonst ist nichts passiert«, flüsterte Spade dem jungen Mann zu und drückte ihm einen Zwanziger in die Hand.
Der nickte, das künstliche Lächeln trat wieder auf sein Gesicht, während die Erinnerung an das Geschehene unter Spades Hypnoseblick verblasste. »Schönen Abend, der Herr«, verabschiedete er sich.
»Vielen Dank. Ich rufe an, wenn die Dame zu Ende gespeist hat.«
Spade schloss die Tür. Denise starrte ihn noch immer ganz entgeistert an. »Du hast ihn gebissen. Du hast nicht mal … du hast ihn einfach gebissen.«
Er zuckte mit den Schultern. »Nicht nur du hattest Hunger.«
»Aber …« Ihr schienen noch immer die Worte zu fehlen.
»Du hast über einen Monat lang bei Cat und Crispin gewohnt; hast du ihn nie Blut saugen sehen?«
»So was hat er doch nicht vor mir gemacht!«, rief Denise, als wäre die Vorstellung völlig absurd.
Spade verdrehte die Augen. Grundgütiger, Crispin war offenbar wirklich zur Memme geworden. »Du wirst dich dran gewöhnen müssen, ich habe nämlich nicht vor zu verhungern.«
Denise sah auf das kälter werdende Essen vor sich hinab. »Ich glaube, mir ist der Appetit vergangen«, murmelte sie.
Spade verkniff sich eine patzige Antwort. Sie hatte einen schrecklichen Tag hinter sich, da musste er sie nicht auch noch anmaulen.
»Nimm du das Bett. Ich schlafe im Sessel«, verkündete er und zog sich das Hemd aus.
Er war gerade dabei, seine Hose zu öffnen, als Denises Gesichtsausdruck ihn innehalten ließ. Ach ja, Menschen und ihr dämliches Schamgefühl. Lang war es her, seit er das letzte Mal Umgang mit gewöhnlichen Sterblichen gehabt hatte. Die, mit denen er sich umgab, waren mit den Sitten und Gebräuchen von Vampiren vertraut. Er würde sich erst wieder an die menschlichen Verhaltensnormen gewöhnen müssen.
»Ich habe dir das alles hier aufgehalst«, beharrte sie stur. »Ich nehme den Sessel.«
Fast hätte er wieder die Augen verdreht. Als könnte er zulassen, dass eine Dame mit einem unbequemen Sessel vorliebnahm, während er es sich im Bett gemütlich machte. »Nein.«
»Mir wäre es angenehmer, wenn …«
4
Als Denise aufwachte, hörte sie eine Stimme mit britischem Akzent. Kurz war sie verwirrt. Hatte sie den Fernseher angelassen? Dann erinnerte sie sich an den alptraumhaften Tag, den sie hinter sich hatte. Paul, ermordet. Sie selbst, gezeichnet von einem Dämon. Der Mann, zu dem die Stimme gehörte, ein Vampir, der nichts mit ihr zu tun haben wollte, aber die einzige Hoffnung für ihre Familie darstellte.
»Ah, du bist wach«, stellte Spade fest und klappte mit einem Klicken sein Handy zu. »Ich habe dir Frühstück bestellt, dein Essen von gestern Abend hast du ja nicht angerührt.« Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Es dürfte dich freuen zu erfahren, dass du mein