Night Rebel 1 - Kuss der Dunkelheit - Jeaniene Frost - E-Book

Night Rebel 1 - Kuss der Dunkelheit E-Book

Jeaniene Frost

0,0
9,99 €

Beschreibung

Sie stehen auf gegensätzlichen Seiten, doch gegen die Leidenschaft sind sie machtlos ... Der spektakuläre Auftakt der neuen Reihe von »New York Times«-Bestsellerautorin Jeaniene Frost!

Ian ist hemmungslos, böse – und ein mächtiger Meistervampir. In den letzten zwei Jahrhunderten hat er sich viele Feinde gemacht, darunter den Dämonen Dagon, der nur ein Ziel kennt: sich Ians Seele zum Besitz zu machen. Die einzige Chance des Vampirs ist es, sich mit einem der verhassten Gesetzeshüter zu verbünden, deren eigentliche Aufgabe es ist, die Blutsauger in Schach zu halten. Veritas hingegen verfolgt ihre eigenen Absichten – denn auch die Gesetzeshüterin hat mit Dagon noch eine Rechnung offen. Und Ian wäre der perfekte Köder für sie. Doch die verbotene Anziehungskraft zwischen ihnen beiden droht, den Plan gegen Dagon zu vereiteln. Und das hätte tödliche Konsequenzen …

Die Trilogie um Ian & Veritas bei Blanvalet:

Night Rebel. Kuss der Dunkelheit

Night Rebel. Biss der Leidenschaft

Night Rebel. Gelübde der Finsternis

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 455

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Buch

Ian ist hemmungslos, böse – und ein mächtiger Meistervampir. In den letzten zwei Jahrhunderten hat er sich viele Feinde gemacht, darunter den Dämonen Dagon, der nur ein Ziel kennt: sich Ians Seele zum Besitz zu machen. Die einzige Chance des Vampirs ist es, sich mit einem der verhassten Gesetzeshüter zu verbünden, deren eigentliche Aufgabe es ist, die Blutsauger in Schach zu halten. Veritas hingegen verfolgt ihre eigenen Absichten – denn auch die Gesetzeshüterin hat mit Dagon noch eine Rechnung offen. Und Ian wäre der perfekte Köder für sie. Doch die verbotene Anziehungskraft zwischen ihnen beiden droht, den Plan gegen Dagon zu vereiteln. Und das hätte tödliche Konsequenzen …

Die Autorin

Jeaniene Frost ist eine »New York Times«- und SPIEGEL-Bestsellerautorin, ihre Romane erscheinen in 20 Sprachen. Neben dem Schreiben liest Jeaniene gerne, schaut sich Filme an, erkundet alte Friedhöfe und macht Roadtrips. Sie lebt mit ihrem Mann in Florida.

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.instagram.com/blanvalet.verlag

JEANIENE FROST

KUSS DER DUNKELHEIT

ROMAN

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Night Rebel 1. Shades of Wicked« bei Avon, an imprint of HarperCollins, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Jeaniene Frost

Published by arrangement with Avon, an imprint of HarperCollins Publishers LLC

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021 by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

Umschlagmotive: Shutterstock.com (Ernstafan; Comaniciu Dan); iStock.com/Instants

JB · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-25986-0V002www.blanvalet.de

Für alle, die mich mit ihren Fragen gelöchert haben, unaufhörlich, wann Ian endlich sein eigenes Buch bekommt. Die Antwort lautet: JETZT.Ich hoffe, es gefällt euch.

1

Wehe, wenn das jetzt nicht das richtige Freudenhaus war.

Es sah nicht aus wie die schäbigeren Bordelle, die ich in letzter Zeit besucht hatte. Dieses dreigeschossige Gebäude wäre auch als Sitz eines elitären Clubs durchgegangen. Aber selbst wenn es wider Erwarten einen hübschen Eindruck machte – falls ich mir jetzt schon wieder eine Fleischbeschau antun musste, bei der am Ende nichts herauskam, wollte ich nicht für das verantwortlich sein, was ich mit dem Gesuchten anstellen würde, wenn ich ihn schließlich fand.

Frustriert von wochenlanger ergebnisloser Suche ließ ich meine Aggressionen an der Tür aus und trat sie ein. Ohnehin war ich bei den letzten Etablissements, die ich besucht hatte, mit Höflichkeit nicht weitergekommen. Kein kluger Inhaber verriet freiwillig großzügige Kunden, und der bordellbegeisterte Vampir, hinter dem ich her war, bezahlte offenbar gut.

Zu meiner Überraschung sah ich niemanden in dem eleganten Foyer. Normalerweise treiben sich in den Empfangsräumen von Bordellen immer ein paar Prostituierte herum, um neue Gäste willkommen zu heißen. Außerdem wunderte es mich, aus den oberen Stockwerken des Hauses keine Geräusche praktizierter Fleischeslust zu hören. Ich holte mein Handy heraus und checkte die GPS-Markierung. Ja, ich war hier richtig. Außerdem roch es auf jeden Fall nach Sex, wenn man sich erst mal an die erstickenden Düfte der verschiedenen Parfüms und Colognes gewöhnt hatte.

Aber wo waren sie alle?

Ich spürte leichte Vibrationen im Fußboden und ging ins Foyer. Ach so, die Party fand unten statt. Ich folgte den kräftigsten Parfümgerüchen und entdeckte schließlich eine Treppe, die zwei Etagen in die Tiefe führte. Sie endete an einer verschlossenen Tür, die ich ebenfalls eintrat. Es hatte keinen Sinn, jetzt übertrieben zimperlich zu sein.

Dahinter war es richtig laut. Der Keller musste schallisoliert sein, sonst wäre ich gleich darauf aufmerksam geworden. Ich hätte am liebsten nicht gehört, was da vor sich ging. Ein ausgelassener Chor, der immer wieder das Gleiche schmetterte, malträtierte meine Ohren mit »Einzug der Gladiatoren«, einem Song, mit dem früher meist die Vorstellungen im Zirkus Barnum & Bailey begannen.

Und dass ich in einen Zirkus gekommen war, sah ich jetzt, wenn auch in einen ohne echte Tiere. Etwa ein Dutzend nackte Frauen und Männer tummelten sich auf dem Boden und verkörperten jämmerlich unzureichend Tiere, die sie mit ihren Ganzkörperbemalungen darzustellen versuchten. Kein Arbeitsethos, dachte ich, als drei falsche Löwen mehr Interesse daran zu haben schienen, einander zu streicheln, als realistischere Kämpfe um die Vorherrschaft zu führen – und davon, wie sie die beiden falschen Gazellen ignorierten, als diese an ihnen vorbeigingen, will ich gar nicht erst anfangen.

Etwa ein Dutzend Prostituierte in Clownskostümen widmeten sich ihren Rollen mit mehr Hingabe. Sie stiegen aus einer Autoattrappe am anderen Ende des Raums, manche schlugen nach dem Aussteigen Purzelbäume, andere stolperten slapstickartig übereinander, manche bliesen Luftballons auf und formten daraus Genitalien, die sie dann in obszöner Manier zusammensteckten.

Ein Feuerwerk lenkte meine Aufmerksamkeit auf die andere Seite des Raums. Es fackelte etwas ab, das wie ein Thron aussah, und hüllte den, der darauf saß, in eine Aura aus Funken, Feuer und Rauch. Das Minifeuerwerk war so hell, dass ich das Gesicht des Mannes auf dem Thron nicht erkennen konnte, aber als er laut rief: »Jetzt beginnt der achte Akt!«, hörte ich deutlich einen englischen Akzent.

Dann legte sich der Qualm ein wenig, und man sah einen großen Mann, der die blaue Jacke eines Zirkusdirektors trug. Noch reichte ihm der Rauch bis zur Hüfte, aber mehr brauchte ich nicht zu sehen, um zu wissen, dass ich den Gesuchten endlich gefunden hatte. Das Gesicht des Vampirs, der in nur zwei Wochen seine Spur in einem Dutzend Bordelle hinterlassen hatte, war so schön wie das eines Engels, ganz zu schweigen von seinen flammend roten Haaren, die so unverwechselbar waren wie sein Aussehen. Als er vom Thron stieg und offenbarte, dass er unter seiner Zirkusdirektorjacke nichts anderes mehr trug, wurde mir klar, dass Ian auch noch andere bemerkenswerte Attribute besaß.

Einen kurzen Moment lang machte ich große Augen. Welcher Vampir, der noch alle beisammenhatte, würde sich ausgerechnet dort ein Silberpiercing verpassen?

Ich war die Einzige, die von dem Silberpiercing an Ians Eichel geschockt war. Die Übrigen ließen sofort alles andere sein und liefen zu ihm. Sogar die mit Glitzer bedeckten Akrobaten sprangen von ihren Sitzstangen an der Decke und landeten anmutig vor dem Haufen verschlungener Glieder, der sich jetzt um den rothaarigen Vampir bildete.

Es reichte nicht, dass ich mich mit einem Vampir herumschlagen musste, der so geistesgestört war, sich permanent den Schwanz zu verbrennen, er musste auch noch so verkommen sein, dass er sich in karnevalistische Orgien stürzte. Ich wollte gar nicht erst wissen, wie der achte Akt weiterging, machte mich auf den Weg zu dem immer größer werdenden Fleischhaufen und fing an, Leute zur Seite zu werfen, wobei ich darauf achtete, sie nicht allzu fest zu werfen. Ihr Herzschlag ließ darauf schließen, dass sie menschlicher Natur waren, deshalb konnten sie nicht wieder heilen, wie meinesgleichen es vermochte.

»Was soll das?«, fragte Ian genervt, als ich ganz unten bei den Leibern angekommen war. Dann stieß er ein anerkennendes Geräusch aus, als ich ihn hochriss und dabei auf alle Rücksichten verzichtete, die ich den anderen erwiesen hatte.

»Das ist die richtige Einstellung, meine starke, blonde Süße.« Jetzt klang er überhaupt nicht mehr genervt. »Bist du die Überraschung, die mir versprochen wurde?«

Warum sollte ich ihn das nicht glauben lassen? »Aber sicher«, sagte ich. »Überraschung.« Dann packte ich ihn am Schwanz. Ich musste mich einer bestimmten Sache vergewissern, bevor ich weitermachte.

Ian gluckste. »Das nenne ich Einsatz, Puppe.«

Ich ging auf die Knie. Ich wollte nicht tun, was er dachte. Doch so konnte ich erreichen, was ich wollte, ohne dass er sich mir widersetzte. Erst nach einem genauen Blick auf die rauchfarbenen Brandzeichen in der Nähe seiner Leiste ließ ich Ian los. Es gab nur einen Dämon, der Menschen mit diesem speziellen Brandzeichen versah, und zwar genau den, hinter dem ich schon seit Tausenden von Jahren her war.

»Ian«, sagte ich und richtete mich auf. »Verabschiede dich. Wir gehen.«

Er lachte auf. »Ich glaube nicht. Du magst ganz süß sein, doch zu zweit ist es zu einsam, erst mit einem Dutzend wird es eine Party.«

Ich sah mich abschätzend um. »Kein großer Verlust. Die Clowns waren okay, aber keines deiner falschen Tiere hat gegen ein anderes gekämpft oder auch nur versucht, durch die Feuerringe zu springen.«

Bei diesen Worten warf er denen als Tiere dekorierten Prostituierten einen vorwurfsvollen Blick zu. »Das habt ihr nicht, oder?« Dann schaute er wieder zu mir und bekam plötzlich schmale Augen. »Moment mal. Ich kenne dich doch.«

Wir waren uns vorher erst einmal offiziell begegnet, deshalb dachte ich nicht, dass er sich an mich erinnern würde. Jemand mit seinen Neigungen musste Unmengen blonder Frauen begegnet sein.

»Veritas, Gesetzeshüterin des Vampirrates«, bestätigte ich. Dann legte ich meine Hände auf seine Schultern. »Und wie ich schon sagte: Du kommst jetzt mit mir.«

Die Farbe seiner Augen wechselte von dem natürlichen, lebhaften Türkis zu einem leuchtenden, vampirischen Smaragdgrün. »Es kann ja nur eine Gesetzeshüterin sein, die versucht, eine absolut perfekte Orgie zu ruinieren. Tut mir leid, Schätzchen, ich werde nirgendwohin gehen. Und jetzt nimm deine Hände von mir weg, bevor ich sie entferne.«

Das konnte nicht sein Ernst sein! Einen Gesetzeshüter auch nur zu schlagen wurde schon mit dem Tod bestraft, wenn der Rat schlechte Laune hatte. Über uns stand in der Gesellschaft der Untoten nur der Vampirrat selbst. Deshalb ignorierte ich seine Drohung und packte fester zu.

»Es gibt keinen Grund für leere Drohungen …«

Urplötzlich wurde ich mehrere Meter nach hinten geschleudert. Ich blinzelte verwirrt, denn seine Schnelligkeit erschreckte mich mehr als seine verwegene Missachtung der Strafe, die er sich mit seinem Verhalten einhandeln würde.

»Es gibt keinen Grund?«, wiederholte er verächtlich. »Ich erinnere mich noch an das letzte Mal, als ich dich gesehen habe. Ich würde sagen, deine Komplizenschaft bei der Ermordung der Tochter meiner Freunde ist durchaus ein Grund.«

Sie ist nicht tot.

Diese Worte klangen mir in den Ohren. Ich tröstete mich jedes Mal damit, wenn ich an jenen furchtbaren Tag zurückdachte. Aber falls Ian nicht wusste, dass die angebliche Exekution des Kindes nichts weiter als ein cleverer Trick gewesen war …

»Es war eine Ratsentscheidung, nicht meine«, sagte ich, und meine Stimme klang bei der Erinnerung rauer. Weil ich mich gegen die Exekution des Mädchens gewehrt hatte, hätte ich fast meine Stellung als Gesetzeshüterin verloren, aber Furcht und Bigotterie hatten den Rat handlungsunfähig gemacht. Wenigstens war ihnen nicht gelungen, ihr das Leben zu nehmen, so wie sie es ursprünglich vorgehabt hatten.

Ian schnaubte. »Schläfst du besser, wenn du dir das einredest? Im Vergleich mit dir wirken meine Sünden unbedeutend, und das will etwas heißen.«

»Das reicht.« Wie konnte er sich ein Urteil über mich anmaßen? »Komm jetzt.«

Er zog die Augenbrauen hoch, als könnte er nicht glauben, dass ich so mit ihm sprach wie manche Menschen mit ihren Hunden. Aber wenn er darauf beharrte, sich wie ein Tier zu benehmen, konnte ich ihn auch so behandeln.

»Verschwindet jetzt alle«, sagte Ian zu den Prostituierten, die uns eher gelangweilt als interessiert beobachtet hatten. Wahrscheinlich hielten sie unseren Wortwechsel für so etwas wie ein Rollenspiel. »Ich bedanke mich für den unterhaltsamen Tag, aber jetzt ist es vorbei. Geht!«, bekräftigte er, als einige von ihnen zurückblieben, anstatt sich den anderen anzuschließen, die bereits nacheinander durch die Tür hinausgingen.

Ich unterdrückte ein ungläubiges Lachen. »Schaffst du sie aus dem Weg, weil du mit mir kämpfen willst?«

Ian lächelte einmal kurz, was seine ungewöhnliche Schönheit noch verstärkte. »Du hast dich nicht gut vorbereitet, falls du dir eingebildet hast, dass ich freiwillig mitkommen werde.«

Das Silber seines Piercings musste in seinen Blutkreislauf gelangt sein und das Hirn geschädigt haben. Das war die einzige Erklärung. »Ich bin über 4000 Jahre älter als du.«

»Tatsächlich?«, sagte er mit gespielter Überraschung. »Und ich habe mir eingebildet, du siehst keinen Tag älter als zwanzig aus, kleine Hüterin.«

Ich war älter gewesen, als ich in eine Vampirin verwandelt worden war, aber er war mit seinem Irrtum nicht allein. Die Leute legten viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten. »Soll das ›kleine Hüterin‹ beleidigend sein? Falls ja, musst du dir mehr Mühe geben.«

»Nein, nicht beleidigend«, erwiderte er in lockerem Ton. »Aber ich wäre überrascht, wenn du auch nur halb so viel wiegst wie ich.«

Ja, ich sah momentan eher zerbrechlich denn beeindruckend aus. Aber selbst wenn das der Wahrheit entspräche, würde es ihm nicht helfen. Mit dem Alter kam die Stärke, und ich war ihm Tausende von Jahren voraus. »Halte dich zurück, Ian, dann bestrafe ich dich nicht dafür, dass du mich angegriffen hast.«

»Warum bittest du mich nicht, dich in Ruhe zu lassen?«, schlug er vor. »Wenn du deine Bitte interessant genug gestaltest, denke ich vielleicht darüber nach.«

Ich hatte jetzt genug herumgeredet und verpasste Ian einen Schlag, der so fest war, dass er ihm eigentlich alle Rippen hätte brechen müssen. Zu meiner Überraschung versuchte er gar nicht erst, den Schlag zu parieren. Stattdessen schleuderte er mich mit einer Kraft nach oben, die er gar nicht haben durfte. Ich knallte mit so viel Schwung gegen die Decke, dass ich sie durchbrach. Einen verblüfften Augenblick lang starrte ich durch das Loch, das mein Körper in die Decke geschlagen hatte, auf ihn hinunter.

»Hör jetzt auf, dann bist du vielleicht diejenige, die nicht bestraft wird«, sagte er in einem freundlichen Tonfall.

Ich unterdrückte den Impuls, ihn sofort wieder anzugreifen. Du darfst einen Gegner kein zweites Mal unterschätzen, wenn du das Glück hattest, beim ersten Mal zu überleben. Mein vampirischer Erschaffer Tenoch hatte mich das gelehrt. Tenochs Ratschläge hatten mir schon oft das Leben gerettet, deshalb unterdrückte ich meine Rachegelüste.

Ian irrte sich – ich hatte mich über ihn informiert. Dabei war nichts Ungewöhnliches herausgekommen, nur dass er einen unersättlichen sexuellen Appetit hatte, Regeln offen missachtete und dazu neigte, seltene und teure Dinge zu sammeln. Mein Angriff vorhin hätte ihn niederstrecken sollen, aber stattdessen pfiff er das furchtbare Zirkusliedchen mit und wirkte dabei mehr gelangweilt als besorgt.

Vielleicht verdankte er seine ungewöhnliche Stärke den dämonischen Brandzeichen? Sie waren mehr als nur ein Band zwischen Ian und dem Dämon, der sie ihm eingebrannt hatte. Im Laufe der Zeit würde sich durch die Symbole auch ein Teil der Stärke und Macht des Dämons auf Ian übertragen. Doch er war erst seit ein paar Wochen gezeichnet. Das reichte nicht annähernd aus, um selbst über einen Teil der Stärken und Fähigkeiten des Dämons verfügen zu können.

Aber ich konnte sein Geheimnis später immer noch lüften. Zunächst musste ich ihn ausschalten, und zum Glück hatte auch ich ein paar Überraschungen für ihn parat.

Ich sah Ian ungerührt an. »Jetzt bin ich dran.«

Aus seinem Lächeln wurde ein Grinsen. »Dann komm und hol mich, kleine Hüterin.«

2

Ich sprang nicht durch das Loch zu ihm hinunter, denn genau das erwartete er. Stattdessen stieß ich in der anderen Ecke des Raums ein neues Loch in den Boden. Ian sprang zurück, damit ich ihn nicht gleich erwischte, und trat nach mir in dem Sekundenbruchteil, als mein Rücken gebeugt war. Ich streckte mich nach vorn, aber noch während er ausholte, drehte ich mich weg, sodass er zu Boden ging und nicht ich. Dann sprang ich auf seinen Rücken und klemmte ihn zwischen meine Beine, um mich an ihm festzuhalten.

Er fing sofort an zu bocken. Ich packte ihn noch fester, bis seine Rippen brachen, doch das schwächte ihn nicht. Dann fing ich an, ihm mit aller Kraft auf den Hinterkopf zu schlagen.

Sein Kopf wackelte von den Schlägen, aber er bockte noch immer so heftig, dass wir beide durch den Raum geschleudert wurden. Die Brandzeichen des Dämons waren vielleicht nicht die Quelle seiner erstaunlichen Kraft, aber sie sorgten dafür, dass er noch schneller heilte, als es bei Vampiren üblich war, obwohl auch sie sich sehr schnell regenerieren konnten. Es dauerte nicht lange, bis ich mich nur noch an ihm festklammerte, um nicht abgeworfen zu werden. Dann fing er an zu fliegen und schleuderte mich gegen die Wände, die Decke und den Boden, während er sich die ganze Zeit wie ein wahnsinniger, wilder Hengst aufführte.

Meine Knochen begannen zu brechen, und mein Kopf dröhnte, nachdem er mehrfach gegen verschiedene harte Kanten gekracht war. Jeden anderen hätte ich umgebracht, aber ich brauchte Ian lebend. Und kooperativ. Für Letzteres konnte es vielleicht helfen, wenn ich sein Hirn auf den Boden schlug.

Also schlug ich ihm noch fester auf den Schädel, um ihn niederzuzwingen und unten zu halten. Es kostete mich große Mühe, weshalb ich immer wieder auf seinen Kopf schlug, während ich seinen Körper auf den Teppich drückte. Ich durfte nicht zulassen, dass er erneut abheben und fliegen konnte, denn sonst hätte ich Kräfte offenbaren müssen, von denen er besser nichts erfahren sollte. Aber Moment mal – was war das für ein Geräusch?

Ich hörte auf, Ian zu schlagen, und hörte genauer hin. Es klang fast, als ob … Nein. Das konnte er doch nicht tun!

»Lachst du etwa über mich?«

Das tat er, und sein Gelächter klang nun lauter, weil es den Lärm unseres Kampfes nicht mehr übertönen musste. Außerdem merkte ich, dass der lange, harte Gegenstand, den ich an meinem Fuß spürte, keine versteckte Waffe war. Meine Versuche, ihm den Schädel zu zertrümmern, amüsierten ihn nicht nur – sie erregten ihn!

»Dass du so auf meinem Rücken herumspringst und das ganze Geschubber machen mich richtig scharf«, sagte Ian immer noch lachend. »Wenn das so weitergeht, muss ich dich genauso bezahlen wie die anderen Huren. Aber wenn du für Vorschläge offen bist, würde ich mir ein bisschen mehr Mühe beim nächsten Schlag wünschen, Schätz …«

Ich verpasste ihm einen Schlag, der meine Faust eigentlich durch seinen ganzen Kopf treiben sollte. Aber er verdrehte den Hals in allerletzter Sekunde und bäumte sich mit dem Rest seines Körpers auf. Ich erkannte die Falle zu spät. Es endete damit, dass meine Faust seinen Kopf verfehlte und ich von ihm herunterkatapultiert wurde.

Bevor ich mich wieder sammeln konnte, sprang er auf mich. Im nächsten Moment drückte er mich nach unten, und ich spürte das unverwechselbare Brennen von Silber, das mir zwischen die Rippen stach.

Verdammt sollte er sein! Er hatte es wieder fertiggebracht, mich so zu provozieren, dass ich kopflos handelte. Hätte er meine Beine nicht mit seinen Beinen festgehalten, hätte ich mich selbst dafür getreten, dass ich so blöd war.

»Keine Bewegung«, sagte Ian ganz beiläufig. »Ich will dich nicht töten, aber falls du mich dazu zwingst, werde ich es tun.«

»Wo hast du das Messer her?« Ich war vorhin nicht so abgelenkt gewesen, dass ich vergessen hätte, ihn zu filzen.

»Aus meiner Jacke.«

»Lügner. Ich habe dich nach Waffen abgetastet, als ich auf dir saß.«

»Das hast du also getan?« Seine Lippen zuckten. »Ich dachte, du tastest nach etwas Interessanterem.«

Auf meinen verächtlichen Blick hin zuckte er mit den Schultern und sagte: »Du hast das Messer vorher nicht gespürt, weil es bis vor wenigen Augenblicken nur eine kleine Silberkugel war.«

Ich riss die Augen auf. »Du gestehst vor einer Gesetzeshüterin, dass du Magie benutzt hast, um aus einer Silberkugel ein Messer zu formen?«

»Habe ich vergessen, dass bei Vampiren die Todesstrafe auf Anwendung von Magie steht? Und dasselbe steht auch darauf, eine Gesetzeshüterin zu schlagen. Herrje, ich habe mich zweimal schuldig gemacht! Bitte, sei mir gnädig!«

»Jetzt bettelst du?« Ich schnaubte leise. »Mach dir keine Sorgen. Ich werde dich trotzdem für das bestrafen, was du getan hast.«

Er lachte. »Ich habe ein Messer in deinem Herzen, und du drohst mir noch? Ich weiß nicht, ob ich dich jetzt für deine Verblendung auslachen oder dir für deinen Optimismus applaudieren soll.«

»Wenn du stattdessen zuhören würdest, könntest du erfahren, wie du verhindern kannst, dass Dagon in zwei Jahren deine Seele in Besitz nimmt.«

In seiner Miene änderte sich nichts, aber plötzlich war mir, als starrte ich auf eine andere Person. Eine harte, gefährliche Person, die ich extrem unterschätzt hatte. Dann lächelte Ian mich wieder sorglos an und schob das Silbermesser tiefer.

Ich keuchte, als es mein Herz durchbohrte. Ian tat, als wäre ich nur ein Kind, das sich den Zeh gestoßen hat. »Ich habe dich davor gewarnt, mich zu provozieren. Und jetzt erzähl mir, was du über meinen Deal mit Dagon weißt.«

Eine der wenigen Möglichkeiten, einen Vampir zu töten, war es, ein silbernes Messer in seinem Herzen zu drehen. Es fühlte sich an, als würde jemand heiße Lava in mich hineinschütten. Ian hatte die Klinge nicht gedreht, aber der Großteil meiner körperlichen Kraft hatte mich verlassen. Trotzdem antwortete ich mit fester Stimme:

»Ich weiß, dass ich deine einzige Chance bin, um aus deinem Vertrag mit Dagon herauszukommen. Wenn er tot ist, kann er deine Seele nicht einsammeln.«

»Wenn man Dagon töten könnte, hätte ich es selbst schon vor Jahrzehnten getan«, höhnte Ian.

»Ich kann ihn töten«, erwiderte ich, und obwohl es bis dahin vielleicht noch ein weiter Weg war, entsprach das der Wahrheit.

Er verdrehte die Augen. »Ich bin nur ungern unhöflich – obwohl das eigentlich nicht stimmt, denn ich liebe es, unhöflich zu sein –, aber ich habe weitaus weniger Macht als Dagon und brauchte weniger als fünf Minuten, um dich zu überwältigen.«

»Du hast mich nicht überwältigt. Ich habe aufgehört, dich zu schlagen, als ich gemerkt habe, dass es dir gefiel.«

»Das war der angenehmste Teil unserer gemeinsamen Zeit«, pflichtete er mir bei. »Aber jetzt langweilt es mich, also lass mich die Dinge vereinfachen. Ich werde dir den Kopf einschlagen. Wenn du versuchst, mich aufzuhalten, werde ich dieses Messer umdrehen. Falls du kooperierst, bin ich weg, wenn dein Kopf wieder heilt, und dann kannst du damit weitermachen, junge Vampire einzuschüchtern, damit sie die lächerlichen Grenzen respektieren, die ihr Gesetze nennt.«

Wenn er mir den Kopf einschlug, würde er mich damit wirklich handlungsunfähig machen. Dasselbe hatte ich mit ihm vorgehabt. Er ballte die Faust. Aber bevor er zuschlagen konnte, wandte ich eine Fähigkeit an, von der nur eine einzige andere Person auf der Welt wusste, dass ich sie besaß.

Meine Kraft breitete sich aus und erfüllte das Kellergeschoss im Handumdrehen. In Ians Miene erschien ein Anflug von Ungläubigkeit, bevor sein Gesicht, seine Faust und alles andere plötzlich gefroren. Selbst die zahllosen Staubpartikel in der Luft blieben plötzlich stehen, anstatt träge und ziellos zu kreisen.

Ich war die Einzige, die unbehelligt blieb, als im Keller die Zeit stillstand. Das war der Vorteil. Der Nachteil war, dass die Kraft wieder in mich zurückströmte und meinen Körper mit unsichtbaren, schmerzhaften Wellen erfasste. Außerdem – und zusätzlich zu dem Silber in meinem Herzen – fühlten sich meine Nervenenden an, als würden sie mit einem Schweißbrenner bearbeitet werden. Lange konnte ich das nicht aushalten, deshalb musste ich die Zeit sinnvoll nutzen.

Weil Ian erstarrt war, nahm ich seine Hand und zog das Messer aus meinem Herzen. Dann löste ich seine Finger vom Griff und verstaute das Messer hinten in meiner Hosentasche. Schließlich schob ich ihn von mir herunter.

»So ist es besser«, murmelte ich, als ich spürte, wie mein Herz heilte. Dann drehte ich Ian um und stand auf. Ich wollte, dass er als Erstes mein Gesicht sah, wenn ich ihn aus der Erstarrung löste.

Es war nicht leicht, eine Person aus der Erstarrung zu holen, ohne die Kontrolle über den ganzen Raum zu verlieren. Deshalb begann ich langsam und löste nur Ians Kopf. Er machte große Augen, als er begriff, dass er jetzt in einer völlig anderen Lage war als zuvor. Dann wurden seine Augen schmal, als er den Rest seines Körpers zu bewegen versuchte und es ihm nicht gelang. Als er sich umschaute und sah, dass im ganzen Keller die Zeit stehen geblieben war, machte er wieder große Augen.

»Das kann nicht wahr sein«, sagte er leise. »Du steckst voller Überraschungen.«

Wenn der wüsste! »Wie schon gesagt, ich bin deine einzige Chance, deine Seele zu behalten. Dagon mag imstande sein, die Zeit anzuhalten, aber ich habe diese Fähigkeit auch. Das heißt, seine Kraft funktioniert bei mir nicht, und ich kann meine Kraft auch dazu benutzen, jeden zu befreien, der im Netz seiner Zeit gefangen ist.«

Ich erwähnte nicht, dass Dagons Fähigkeiten viel entwickelter waren als meine. Ich konnte die Zeit in kleinen Räumen anhalten, aber nicht für sehr lange. Dagon konnte tagelang die Zeit anhalten, und ich hatte einmal gehört, dass er es mit einer ganzen Stadt getan hatte.

Das brauchte Ian nicht zu wissen. Er musste nur wissen, dass er mich brauchte. Ich konnte sehen, wie sich in seinem Kopf die Zahnräder drehten, als er es sich klarmachte. Aber er ließ seine wahren Gefühle wieder einmal nicht zum Vorschein kommen. Sie waren hinter seinem halben Lächeln verborgen. Der realste Gefühlsausdruck, den ich aus ihm herausbekommen hatte, waren seine großen Augen. Und seine Erektion.

»Wenn ich den Rest deines Körpers befreie, wirst du dann zuhören, oder versuchst du erneut, gegen mich zu kämpfen?«, fuhr ich fort.

»Zuhören«, antwortete er mit einem neuen, schelmischen Lächeln, als ob er die Aussicht amüsant fand.

»Wie ich schon sagte, haben wir etwas gemeinsam, Ian … wie heißt du mit Nachnamen?« Es war mir nicht gelungen, es herauszufinden, und normalerweise hatte ich ausführliche Dossiers über die Leute, die ich jagte.

»Keine Formalitäten. Das ist nur was für Leute, die sich von der Oberfläche beeindrucken lassen, und das tun wir beide nicht.«

Er hatte recht, und das überraschte mich. Ich war nicht davon ausgegangen, dass wir mehr miteinander gemeinsam hatten als den Hass auf Dagon.

»Also, wie ich schon sagte, du willst Dagons Tod, weil du sonst nicht aus deinem Vertrag mit ihm herauskommst. Ich will Dagons Tod aus Gründen, die nichts mit dir zu tun haben. Ich schlage eine temporäre Allianz vor, damit wir beide unser Ziel erreichen können, aber eines will ich ganz klar sagen: Du wirst meinen Regeln und meinen Befehlen folgen. Bist du damit einverstanden?«

Das schelmische Lächeln verließ ihn keine Sekunde. »Bevor ich antworte, sag mir doch, wie du diese erstaunliche Kraft erlangt hast. Ich habe jahrzehntelang nach einem von uns gesucht, der auch nur eine Spur davon in sich trägt, aber niemanden gefunden.«

Es ist besser, wenn du nicht weißt, wie ich das anstelle, dachte ich finster. Und falls du es jemals herausfändest, müsste ich dich töten.

»Das ist nicht wichtig. Wichtig ist: Ich kann damit verhindern, dass Dagon für uns beide die Zeit anhält, und das heißt, wir können ihn töten. Sind wir uns jetzt einig oder nicht?«

»Selbstverständlich«, erwiderte Ian, als hätte nie ein Zweifel daran bestanden.

Er klang, als ob er es ernst meinte, und blickte mich aus leuchtend türkisfarbenen Augen an, doch alle meine Instinkte sagten mir, dass er log. Aber selbst wenn ich nicht dieses Gefühl gehabt hätte, wusste ich aus allem, was ich bisher über Ian in Erfahrung gebracht hatte, dass er einer anderen Person niemals so viel Kontrolle über sich geben würde. Er beabsichtigte garantiert, mich bei der nächsten passenden Gelegenheit zu hintergehen.

Aber auch ich hatte Pläne, von denen ich ihm nichts erzählte.

»Gut«, sagte ich und löste die Kraft, die sich angefühlt hatte, als würde sie mir alle Nervenenden verschmoren. Plötzlich strömte wieder heiße Luft aus der Klimaanlage, Staubpartikel wirbelten herum, und der belastende Schmerz verließ mich.

Ian stand auf und streckte sich, wie um seine Glieder zu lockern. Die Bewegung verdeckte fast, dass er tief einatmete, aber ich bemerkte es, weil ich von ihm nichts anderes erwartet hatte.

Ich verbarg mein Lächeln. Nein, du riechst keinen Schwefel oder etwas Ähnliches, das auf die Anwesenheit eines anderen Dämons hindeuten würde. Ich bin es wirklich selbst, die die Zeit so anhalten kann wie Dagon.

Als er sich wieder zu mir wandte, war sein überhebliches halbes Lächeln zurückgekehrt. »Jetzt haben wir also eine Vereinbarung. Womit willst du anfangen?«

»Erst einmal weg von hier«, sagte ich sofort.

Ian streckte beide Arme aus, zog die Jacke zurück und entblößte seinen ganzen nackten Körper.

»In Ordnung, aber die meisten Leute ziehen es vor, wenn ich in der Öffentlichkeit eine Hose anhabe.«

Ich merkte, wie mein Blick nach unten gezogen wurde, aber dann richtete ich ihn schnell wieder auf sein Gesicht. Er grinste, was das Gleiche war, als wenn er gesagt hätte: Ha! Du musstest hinsehen.

Es war überhaupt nichts dabei, einen nackten Mann anzusehen. Aber es zu tun und dann schnell schuldbewusst den Blick abzuwenden? Was war los mit mir?

Vielleicht waren die besonderen Bedingungen dafür verantwortlich. Mit Ians Brandzeichen konnte ich Dagon aufs Kreuz legen – und darauf war ich schon seit Jahrtausenden aus. Jetzt war ich diesem Ziel ein gutes Stück näher gerückt, und ich spürte Gefühle, die ich mir seit langer Zeit nicht mehr zugestanden hatte. Aber ich musste sie auf jeden Fall wieder unter Kontrolle bekommen.

Deshalb verschränkte ich meine Arme und betrachtete Ian ausführlich von oben bis unten. Danach sah ich ihm in die Augen, damit er merkte, dass er diesmal keine Wirkung auf mich hatte.

»Zieh dich auf jeden Fall an, aber erst nachdem du dich geduscht hast. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, wie du riechst.«

»Nach über zwei Dutzend Huren?«, schlug er vor.

»Genau, also nimm viel Seife.«

Er zwinkerte. »Suchst du einen Vorwand, um zuzusehen? Frag einfach, dann gestatte ich es dir vielleicht.«

Ich wollte Ian gerade antworten, dass ich lieber Farbe beim Trocknen zusähe. Aber dann besann ich mich. Clever. Ich war kurz davor gewesen zuzugestehen, dass Ian weit von mir entfernt duschte, was ihm eine hervorragende Möglichkeit gegeben hätte, zu fliehen oder noch mehr Magie gegen mich einzusetzen.

»Eigentlich möchte ich gerne zusehen«, sagte ich und zog eine Braue hoch. »Oder willst du jetzt behaupten, dass du plötzlich schüchtern geworden bist?«

Er bekam schmale Augen. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. In all den Jahren hatte ich das nur in der Gegenwart von Personen gespürt, die wirklich gefährlich waren. Rein theoretisch sollte Ian das nicht sein, aber in diesem Moment erkannte ich, dass ich in seiner Nähe niemals unvorsichtig werden durfte. Denn wenn ich das tat, lebte ich vielleicht nicht mehr lange genug, um es noch zu bedauern.

Dann lächelte Ian so charmant und entspannt, dass ich fast glaubte, mir seine verborgene Gefährlichkeit nur eingebildet zu haben. Aber nur fast.

»Schüchternheit ist eine Tugend, und du hörst bestimmt gerne, dass ich über keinerlei Tugenden verfüge.«

Mit diesen Worten verbeugte er sich vor mir auf eine Weise, die tatsächlich elegant aussah, obwohl er nur eine Zirkusdirektorjacke trug. Auch wenn wir beide so taten, als wäre es eine echte Vereinbarung, als ginge es nicht nur darum, wer den anderen am schnellsten für seine Zwecke einspannen konnte, wusste ich es besser. Aber zum jetzigen Zeitpunkt erhielt ich den Schein aufrecht.

Und weil ich gerade so tat, als wollte ich Ian beim Duschen zusehen … sagte ich: »Nach dir«, und folgte ihm die Treppe hinauf.

3

Ian ging in eines der Schlafzimmer im ersten Stock; er bewegte sich, als würde er sich dort sehr gut auskennen. Und wahrscheinlich war es auch so. Nach allem, was ich gesehen hatte, war er seit mindestens zwei Tagen in diesem Bordell. Diesen bizarren Karneval im Keller hatte man bestimmt nicht an einem einzigen Nachmittag in Szene gesetzt.

Er zog die Jacke aus, sobald er über die Schwelle trat. Ich achtete darauf, seine Hände genau im Auge zu behalten, als ich ihm ins Badezimmer folgte. Ich durfte ihm keine Chance geben, sich mithilfe von Magie eine weitere Waffe herzustellen. In dem Raum waren eine Menge Dinge, die ein fähiger Zauberer verwenden konnte.

Aus Ians Dossier ging hervor, dass er einige Zeit in der Gesellschaft von Hexen und Magiern verbracht hatte, aber es war so dargestellt, als hätte er das nur zum Vergnügen und der Gesellschaft wegen getan. Falsch und noch mal falsch. Die meisten Zauberer hätten einen Zauberspruch gebraucht, um die Kraft zu erlangen, ein Objekt in ein anderes zu verwandeln. Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, bestimmte magische Symbole zu zeichnen, um die notwendige Energie zu erzeugen. Ian hatte ohne ein einziges Wort und ohne etwas zu zeichnen ein Piercing in ein Messer verwandelt, während ich ihm fast den Schädel einschlug!

Und als wäre das noch nicht beeindruckend genug, gehörte Berührungsmagie zu den höchsten Formen dieses Handwerks. Schon allein deshalb durfte ich seine Hände nicht aus den Augen lassen. Er brauchte mindestens eine davon, falls er noch mehr solcher Tricks auf Lager hatte. Momentan tat er nichts Bedrohliches. Er trat unter die Dusche und schloss die Augen, als ihn der erste Wasserstrahl traf. Dann wusch er sich das Haar, und seine Bewegungen waren knapp und effizient. Aber als er dann die Flüssigseife nahm, verteilte er die Flüssigkeit auf einem dicken Waschlappen, bevor er die Hände über seinen Körper streichen ließ.

Bildete er sich tatsächlich ein, ich hätte noch nie einen Mann erlebt, der eine Show daraus machte, sich zu waschen? Ich hatte so etwas schon gesehen, und selbst die Verführerischsten unter ihnen hatten es immer etwas zu offensichtlich und zu schmierig getan. Frauen waren in dieser Form der Manipulation viel besser, aber er wollte mir etwas zum Hingucken bieten, und ich ließ ihn gewähren.

Nach ein paar Minuten musste ich zumindest eingestehen, dass Ian gut war. Er versuchte mir nicht in die Augen zu sehen, um den Effekt seiner Handlungen einschätzen zu können. Er ging auch nicht wie die meisten Männer gleich auf seine Kronjuwelen los. Stattdessen tat er so, als wäre ich gar nicht da. Er fing bei den Armen an, wusch jeden einzelnen mit weichen, fließenden Bewegungen, die die muskulöse Eleganz seiner Gliedmaßen betonten. Dann machte er an seinem modellierten Brustkorb weiter, seifte ihn langsam und gründlich Zentimeter für Zentimeter ein und brachte dabei jeden wohldefinierten Muskel zur Geltung.

Dieselbe geduldige Aufmerksamkeit widmete er auch seinem Unterleib, seine Hände strichen über den straffen Bauch und wischten dann über seinen festen, gewölbten Hintern. Die Hände verweilten über den dickeren Muskeln seiner Oberschenkel und bewegten sich dann weiter nach unten zu seinen wohlgeformten Waden. Auch die Füße blieben nicht unbeachtet.

Irgendwie hatte das nicht enden wollende Wischen seiner Hände eine hypnotische Wirkung auf mich. Wäre ich ein paar tausend Jahre jünger gewesen, hätte ich mir vielleicht sogar vorgestellt, wie sich jeder Muskel, jede Vertiefung und jede Sehne anfühlen würde, wenn ich es wäre, der sie berührte. Oder ich hätte bemerkt, dass seine Muskeln noch definierter wirkten, wenn das Wasser die Seifenlauge wegspülte, oder wie seine Haut im hellen Licht der Duschkabine glänzte.

Vielleicht hätte ich mich darauf konzentriert, wie das dicke Anhängsel zwischen seinen Beinen wuchs, als ob es sich auch danach sehnte, die Berührung dieser langsamen, geschickten Hände zu spüren.

Als ich merkte, dass ich ihn anstarrte, schüttelte ich mich innerlich kräftig durch. Ich hatte ihn schon wieder unterschätzt. Ian war offensichtlich genauso geschickt darin, seinen Körper einzusetzen, wie er es bei der Magie vermochte. Oder ich war doch nicht so immun gegen seine dekadente Schönheit, wie ich angenommen hatte. Ob es nun an meinem angegriffenen Gefühlshaushalt lag oder daran, dass ich schon zu lange abstinent lebte, wusste ich nicht. Auf jeden Fall musste ich mich auf seine beiden Hände konzentrieren und nicht nur auf die Hand, mit der er gerade Seifenlauge über sein beeindruckendes Glied schmierte.

»Ich würde sagen, du schaust gerade auf völlig falsche Stellen.«

Seine Stimme war so geschmeidig wie Honig und verführerisch wie Wein, aber auch tödliche Gifte konnten süß schmecken. Weil ich seine andere Hand genau beobachtete, sah ich, was er wirklich vorhatte. Er versuchte nicht, mich zu verführen. Wie ein Zauberer lenkte er meinen Blick in eine Richtung, während die wirkliche Täuschung an einer anderen Stelle stattfinden sollte.

Ich sah betont auf seine linke Hand, die er hinter seinem Rücken hielt. »Lass beide Hände da, wo ich sie sehen kann.«

Sein Lächeln wurde höhnisch: »Du kannst einem wirklich allen Spaß vermiesen.«

Er versuchte nicht einmal zu leugnen, dass er vorgehabt hatte, einen magischen Trick abzuziehen. Dass er es so freimütig zugab, verbuchte ich als Fortschritt.

»Gesetzeshüter sind keine Spaßmacher«, bemerkte ich trocken. »Von uns wird erwartet, unseren Job gut zu erledigen, und das tue ich, auch wenn ich dir schon ein paar Sachen habe durchgehen lassen. Selbst wenn ich die Zeit nicht aufhalten könnte, würdest du keinen Zauber gegen mich anwenden können, den ich nicht schon tausendmal abgewehrt hätte.«

Er lächelte wieder. Zum ersten Mal wirkte sein Lächeln ehrlich. »Ich fühle mich herausgefordert. Wir wollen es interessant machen, oder? Falls es mir gelingt, gegen dich einen Zauber zu wirken, den du nicht abwehren kannst, verlangst du dann nicht mehr von mir, mich dir unterzuordnen, wenn wir versuchen, Dagon zu töten? Wirst du stattdessen tun, was ich von dir verlange?«

Eigentlich hatte er bisher nicht gerade getan, was ich von ihm verlangte, aber ich wäre schön dumm gewesen, wenn ich ihn so leicht hätte davonkommen lassen. Außerdem konnte seine Überheblichkeit nützlich sein. Es war gut zu wissen, dass ich nicht die Einzige war, deren Urteilskraft von ihren eigenen Gefühlen eingeschränkt wurde.

»Wie viel Zeit gibst du dir, um diesen angeblich unschlagbaren Zaubertrick auszuprobieren?«

»Zwei Wochen.«

Perfekt. Wenn alles gut ging, war ich längst mit ihm fertig, wenn er es versuchte. »Einverstanden – wenn du bereit bist, vor diesem großartigen Versuch auf jeden Fluchtversuch zu verzichten und mich nicht hinters Licht zu führen. Und falls es dir nicht gelingt, mich mit einem Zauber zu belegen, gegen den ich nichts ausrichten kann, wirst du mir gehorchen und mir außerdem dreimal ohne Widerrede deinen Gehorsam beweisen.«

»Die Wette gilt«, sagte er sofort.

Er schien sich seiner Sache so sicher zu sein. Er grinste sogar mit jener freudigen Erwartung, die ich nur an Gladiatoren bemerkt hatte, kurz bevor sie einen tödlichen Schlag ausführten. Konnte es sein, dass ich schon wieder einen Fehler gemacht hatte? Er hatte mich heute bereits mehrfach überrascht.

Aber nein. Auf dem Gebiet hatte er keine Chancen gegen mich.

»Die Wette gilt«, bestätigte ich nach einer kurzen Pause.

Sein Grinsen wurde gerissen. »Wie sollen wir diesen neuen Vertrag besiegeln? Mit einem Blutschwur?«

Als ob ich glauben würde, dass er plötzlich ehrlich wurde, nur weil er ein paar Blutstropfen vergoss! »Etwas anderes. Streck deine Hand aus.«

Er zog eine Braue hoch, streckte aber trotzdem eine seifige Hand vor. Ich schloss meine Finger darum und war nicht überrascht, dass er sich wärmer anfühlte, als es Vampire normalerweise tun. Die Zeit unter der Dusche hatte seine Haut erwärmt, und jetzt konnte mir das Wasser etwas geben, das ich brauchte, um dafür zu sorgen, dass er seinen Schwur nicht brechen konnte.

Wasser war eines der wichtigsten natürlichen Elemente auf der Welt. Das machte es mächtig, wenn man wusste, wie man seine Energie extrahieren konnte. Ich wusste es, weil ich eine besondere Begabung für Wasser hatte. Eigentlich wollte ich heute keine weiteren verborgenen Fähigkeiten mehr nutzen, aber wenn ich es nicht tat, würde ich bald zusätzlich zu den Angriffen, die ich von Dagon zu erwarten hatte, auch noch die Angriffe meines doppelzüngigen Alliierten abwehren müssen.

Eine Energiewelle blitzte durch den Raum, als ich in einer alten Sprache zu reden begann – der ersten, die ich jemals gelernt hatte. Die Energie konzentrierte sich auf unsere vereinten Hände. Ian zischte, als er es spürte.

»Was tust du da? Und warum sprichst du Sumerisch?«

Diese beiden Fragen wollte ich nicht beantworten. In Wahrheit hatte ich nicht erwartet, dass er die seit Langem tote Sprache erkannte. Aber es spielte keine Rolle. Es waren nicht die Worte, auf die es ankam.

Ian versuchte seine Hand wegzuziehen, konnte aber meiner Magie nicht entkommen. Sie hüllte auch mich ein und tastete in uns beiden nach den Versprechen, die wir gerade gemacht hatten. Als sie sie gefunden hatte, wurde unser Händedruck kräftiger. Ich spürte, wie sich die Energie aufbaute, bevor sie mir unter die Haut ging und sich in meinen Knochen auflöste.

Als es vorbei war, öffnete ich die Augen. »Jetzt haben wir keine andere Wahl mehr, und jeder von uns muss das letzte gegebene Versprechen einhalten. Der Zauber hat sie gefunden, und falls einer von uns vorhat, das Versprechen nicht einzuhalten, wird er unsere Knochen schneller verrotten lassen, als wir sie heilen können.«

4

Ians Augen leuchteten smaragdgrün, und seine zuckenden Kiefermuskeln zeigten, wie unzufrieden er mit der Entwicklung war. Doch als er sprach, klang seine Stimme unbekümmert hoch, und anstatt zu versuchen, die Hand wegzuziehen, streichelten seine Finger über meine.

»Eine Gesetzeshüterin, die verbotene Magie praktiziert. Wie unwiderstehlich heuchlerisch von dir.«

Ich wollte ihm nicht sagen, dass ich diesen Zauber lange, bevor der Vampirrat Magie verbot, gelernt hatte. Oder dass eine ganze Reihe von Gesetzeshütern über Grundkenntnisse in Magie verfügt.

Denn wie hätten wir gegen illegale Anwender vorgehen können, wenn schon ein Amateur in der Lage war, uns auszuschalten?

»Jetzt hat jeder von uns etwas gegen den anderen in der Hand«, erwiderte ich.

Er verzog die Lippen. »Mir würde keiner glauben, und das weißt du.«

Das stimmte, aber … »Du kennst ein größeres Geheimnis über mich. Selbst wenn dir der Vampirrat nicht glauben würde, wäre es ein Problem, wenn die Kunde, dass ich die Zeit anhalten kann, die falschen Ohren erreichte.«

Er grinste nur noch breiter. »Durch die Blume zu reden passt nicht zu dir. Sag mir einfach, dass du mich umbringen würdest, wenn ich deine Geheimnisse ausplauderte.«

»Na schön. Ich werde dich umbringen, und es wird wehtun«, sagte ich unverblümt.

Er lachte und legte mir die Fingerspitzen unters Kinn. »Wie ich schon sagte, das ist die richtige Einstellung.«

Meine Drohung, ihn umzubringen, schien Ian so viel Vergnügen zu bereiten wie vorhin die Aussicht, von mir einen geblasen zu bekommen. Er mochte moralisch verkommen, ein chronischer Lügner und unbeschreiblich gefährlich sein, aber er war auch … unterhaltsam. Entweder war es das, was mich aufmunterte, oder die Gewissheit, dass Ian eine Menge Leute ihrer lang erwarteten Strafe zuführen würde, wenn alles lief wie geplant.

Doch bevor ich zu diesem Punkt kommen konnte … »Wir brauchen nur noch eins zu tun, bevor wir aufbrechen«, sagte ich und holte Ians silbernes Messer und einen kleinen Beutel aus meiner Gesäßtasche.

Ian beäugte den Beutel interessierter als das Messer. »Was ist da drin?«

»Salze.« Ich drückte den Stöpsel in die Spüle, bevor ich die dreifarbigen Salze hineinwarf. Dann zog ich die Messerklinge über mein Handgelenk und ließ Blut aus der Wunde quellen.

Bevor die Wunde heilte, hatte ich so viel ich brauchte. Vampire besaßen vielleicht keine schlagenden Herzen, aber wir kontrollierten den Blutfluss in unseren Körpern. Als letzte Zugabe legte ich das Messer auf die jetzt blutigen Salze.

Ian lehnte sich an die Wand der Dusche. »Salz, Blut und Silber. Wenn du Tinte und die richtigen Werkzeuge hättest, würde ich glauben, dass du eine dämonenabweisende Tätowierung versuchst.«

»Woher weißt du von diesen Dingen?«, fragte ich, ohne aufzusehen. Der Zauber, den ich gewirkt hatte, sorgte dafür, dass ich ihn jetzt nicht mehr ständig im Auge behalten musste.

»Dagon ist seit Jahrzehnten sauer auf mich, aber trotzdem fand er mich erst, als ich letzten Monat mit ihm Kontakt aufgenommen habe. Glaubst du etwa, es war nur Glück, dass er mich nicht schon vorher erwischt hat?«

Jetzt blickte ich auf. »Du hast dich davor schützen können, dass Dagon dich mit einem Lokalisierungszauber aufspüren konnte?«

Eine rotbraune Braue fuhr nach oben. »Weder er noch jeder andere Dämon, der es versuchen würde. Dämonen können loyale Idioten sein. Wenn man sich mit einem von ihnen anlegt, gibt es viele unter den übrigen, die einen nur zu gern an den ausliefern, dem man auf die Füße getreten ist.«

Ich hatte mir schon eingebildet, dass er mich nicht mehr überraschen könnte, aber auch das war ein Irrtum. »Woher weißt du so viel über Dämonen? Vampire und Dämonen sind normalerweise Feinde, aber nur ein anderer Dämon kann dir ein so mächtiges Schutzzeichen beigebracht haben. Warum sollte einer so etwas tun?«

Er grinste sofort wieder. »Ich bin einfach gut.«

Oh, das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Ich hätte es mir sogar selbst ansehen können, falls ich Lust auf eines der vielen Sexvideos gehabt hätte, die er ins Internet gestellt hatte. Zum Glück hatte ich wichtigere Dinge zu tun.

»Wenn das so ist, warum hast du dich dann nicht geschützt, nachdem dich Dagon mit einem Brandzeichen versehen hat?«

»Ich hab’s versucht.« Ian grinste weiter, obwohl er nicht mehr so begeistert klang. »Dreimal. Wenn der Tätowierer anfing, die erforderlichen Schutzzauber über die Brandzeichen zu stechen, klebten im nächsten Moment schon seine zerfetzten Überreste an mir, und Dagon vollführte rings um mich einen Freudentanz. Es spielte keine Rolle, dass ich es jedes Mal heimlich versuchte. Und es spielte auch keine Rolle, dass ich es jedes Mal tagsüber versuchte. Auch die Salzwände, die ich um mich herum errichtet hatte, nützten nichts. Jedes Mal fand ich mich plötzlich mit Eingeweiden bedeckt an einem anderen Ort, und Dagon lachte sich in seine Dämonenfaust.«

Bei jedem anderen Dämon hätten Ians Vorsichtsmaßnahmen ausgereicht. Filme verbreiteten das Klischee, Vampire könnten sich nicht in der Sonne aufhalten. Aber das stimmte nicht. Es war auch unnötig, sie in eine Wohnung einzuladen. Aber auf Dämonen traf es zu, und Salz verbrannte sie wie Säure, deshalb hätte die Salzwand für Dagon undurchdringlich sein müssen.

Dagons Fähigkeit, die Zeit anzuhalten, zeugte davon, dass er das alles umgehen konnte. »Dagon spürte wahrscheinlich, wie seine Verbindung zu dir schwächer wurde, sobald die ersten Linien der schützenden Tätowierungen gestochen wurden«, sagte ich. »Dann brauchte er nur ein paar Augenblicke, um die Verbindung dazu zu nutzen, sich an deinen Aufenthaltsort zu versetzen, für dich und den Tätowierer die Zeit anzuhalten und danach aus der Sonne zu verschwinden. Sobald er euch fixiert hatte, brauchte Dagon nur noch einen Söldner zu rufen, der kein Dämon war, ihn ins Haus zu schicken, um die Salzwände einzuschlagen, und dich und den Tätowierer herauszuschaffen. Danach konnte er euch nach Belieben an einen dunklen, sicheren Ort verfrachten.«

»Wo er dann den Tätowierer umbrachte und mich mit seinen Leichenteilen dekorierte.« Ian warf einen Blick auf die Zutaten in der Spüle und sah dann wieder zu mir. »Willst du es immer noch wagen, die Tätowierung anzubringen?«

Er warnte mich vor der Gefahr. Wie unerwartet kooperativ von ihm. Aber ich hatte nicht vor, Dagon so viel Zeit zu lassen, dass er Ian finden konnte.

»Ich kann das umgehen«, sagte ich und sprach ein sumerisches Wort aus. Das Messer schmolz als Silberpfütze über die Salze. Ian machte große Augen.

»Wenn du das kannst, warum hast du dann nicht das Messer geschmolzen, als ich es in deinem Herzen hatte?«

Ich lachte höhnisch auf. »Um mir eine Vergiftung einzuhandeln, wenn das Silber in meinen Blutkreislauf gerät?«

»Hm, wäre besser als der sofortige Tod, wenn ich das Messer gedreht hätte.«

Das ließ ich so stehen. »Jetzt halte ganz still«, sagte ich und schloss die Augen. »Es wird brennen.«

Noch drei leise gesprochene Worte, dann hatten sich das geschmolzene Silber, das Blut, das Salz und die Magie vermischt. Acht weitere Worte später brauchte ich nicht einmal die Augen zu öffnen, um zu wissen, dass die ganze Mischung jetzt in der Luft schwebte. Dreizehn Worte kamen dazu, und Ian stieß einen Schrei aus, von dem meine Trommelfelle zu platzen drohten, als die magiebehaftete Mischung auf seinen Unterleib knallte und augenblicklich die rauchdunklen Muster von Dagons Brandzeichen überdeckte.

Als ich die Augen wieder öffnete, starrte Ian ungläubig auf seine Leistengegend. Dagons Brandzeichen waren jetzt mit einem feinen roten, schwarzen und silbernen Muster überzogen. Die Farben verblichen langsam, als das Silber, das Blut und das Salz in die Haut einzogen. Augenblicke später verblichen die bräunlichen Brandzeichen, bis es keinen sichtbaren Beweis mehr für den Anspruch gab, den Dagon auf Ians Seele erhob.

Ian blickte sich im Badezimmer um, als erwartete er, dass plötzlich Dagon erschien. Auch ich war auf alles gefasst, aber ich hatte seine Verbindung zu diesem Brandzeichen zu schnell unterbrochen. Wenn Dagon spürte, dass etwas daran geändert worden war, gab es seine Verbindung zu Ian schon nicht mehr. Doch ohne sie konnte er Ian nicht finden – falls er nicht bereits wusste, wo der sich befand.

Aber woher sollte er das wissen? Ian war viel herumgezogen, und Dagon hatte keinen Anlass gehabt, ihn im Auge zu behalten. Nicht, nachdem Ian bereits vom Dämon mit dessen spezieller Version eines magischen GPS versehen worden war.

Trotzdem vergingen ein paar bange und stumme Minuten. Als diese Minuten auch weiterhin ohne einen plötzlichen Energieschub verstrichen, der auf das Eintreffen Dagons hinwies, sah mir Ian schließlich in die Augen. Bevor er wieder seine übliche Hol’s-der-Teufel-Miene aufsetzte, sah ich etwas, das mich zutiefst berührte.

Hoffnung.

Vor langer Zeit hatte mir jemand anders Hoffnung gegeben, nachdem sie mir selbst abhandengekommen war. Deshalb wusste ich, wie kostbar sie war. Und deshalb hatte ich mein Leben auch einer Existenz als Gesetzeshüterin verschrieben. Ich wollte diese Hoffnung all jenen geben, die darunter litten, wenn die Mächtigen die Verletzlichen übervorteilten.

Aber manchmal reichte das Gesetz nicht. Dagon war ein Dämon, deshalb galten unsere Gesetze nicht für ihn. Doch davon wollte ich mich nicht aufhalten lassen. Dagon bildete sich ein, er könne damit davonkommen, vor langer Zeit mein Leben und das zahlloser anderer Menschen vernichtet zu haben. Aber das würde er nicht. Er hatte seine Bestrafung nur hinausgezögert. Dagon der wohlverdienten Gerechtigkeit zuzuführen, das konnte mich meine Position und mein Leben kosten, aber diesen Preis war ich zu zahlen bereit. Zu lange war zu viel Blut ungesühnt geblieben, mein eigenes eingeschlossen.

Deshalb konnte ich mir nicht erlauben, etwas für Ian zu empfinden, auch wenn ich in dieser Sache Mitleid mit ihm hatte. Er würde nur meine Gefühle gegen mich einsetzen. Jedenfalls hatte er das früher bereits getan.

Ian kämpfte nicht nur um sein Leben. Er kämpfte auch um seine Seele. Wir mochten zurzeit dieselben Ziele verfolgen, aber sobald es nicht mehr so war, würde Ian sich gegen mich wenden, und der Schutz, den mir der Zauber gewährte, reichte nur bis zu einem bestimmten Punkt. Danach würden wir uns wahrscheinlich bis auf den Tod bekämpfen, und ich hatte nicht vor zu sterben.

Doch momentan führten wir keinen tödlichen Kampf, und deshalb lächelte ich ihn an. Während ich es tat, bemerkte ich, dass es mein erstes, ehrliches Lächeln seit langer Zeit war. »Siehst du? Dagon kann dich nicht mehr finden.«

Ian erwiderte das Lächeln; in seinem türkisfarbenen Blick schimmerte es smaragdgrün. »Und das bedeutet, dass irgendwo da draußen Dagon vor Wut wahnsinnig wird.«

5

Zwar konnte Dagon Ian jetzt nicht mehr mithilfe der Brandzeichen aufspüren, aber ich hatte es trotzdem eilig, von hier zu verschwinden. Ian hatte recht – Dagon war bestimmt außer sich. Der Gedanke gefiel mir zwar, doch ich erkannte auch die Gefahr. Dieses Bordell war nicht allzu weit von Minsk in Weißrussland entfernt, wo Ian seinen Vertrag mit Dagon gemacht hatte. Dagon konnte das Gleiche tun wie ich und die berühmteren Hurenhäuser in Weißrussland abklappern, bis er schließlich eines fand, das Ian besucht hatte, und von dort aus seiner Spur folgen. Ich hatte zwei Wochen dafür gebraucht, weil ich von Minsk bis nach Polen fahren musste. Dagon konnte sich teleportieren und könnte deshalb für seine Suche nur einen Tag benötigen.

Deshalb wollte ich bis zum Einbruch der Nacht von hier verschwunden sein. Wenn ich Dagon wiedersah, sollte es nach meinen Bedingungen und nicht nach seinen geschehen.

»Komm«, forderte ich Ian auf. Es war höchste Zeit zu gehen.

Er schnaubte. »Wenn du weiter mit mir redest wie mit einem Hund, werde ich dich entweder ficken oder beißen.«

Ich unterdrückte den Wunsch, ihm genau zu erzählen, was ich täte, wenn er eins von beiden versuchte. Aber ich musste fairerweise eingestehen, dass ich ihn bevormundet hatte. Falls wir zusammenarbeiten wollten, musste ich ihn mit dem gleichen Respekt behandeln, den ich für mich selbst einforderte.

»Tut mir leid«, sagte ich. Das auszusprechen fiel mir schwer. Wann hatte ich mich zum letzten Mal entschuldigt? Ich konnte mich nicht erinnern, also musste es schon sehr lange her sein. »Es ist eine … äh … Gewohnheit. Mit Vampiren wie dir habe ich sonst nur zu tun, wenn ich sie festnehme oder verurteile. Gesetzeshüter müssen bei solchen Gelegenheiten unnachgiebig sein, sonst wirkt es so, als wäre das Gesetz selbst verletzlich, und das darf nicht geschehen.«

»Natürlich nicht«, gab Ian mir recht, verdrehte dabei aber wieder so die Augen, dass klar war, wie gering er das Gesetz achtete. Dann sah er mich überraschend ernsthaft an. »Du musstest wahrscheinlich doppelt so hart sein, weil du eine Frau bist. Der Rat darf nicht zu dem Schluss kommen, dass du wegen deines Geschlechts zu weich für den Job bist, oder?«

Wie recht er hatte. In der Gesellschaft der Vampire war Sexismus lebendig und weit verbreitet. Ich war älter und qualifizierter als die meisten Ratsmitglieder, aber meine Entscheidungen wurden weitaus häufiger kritisiert als vergleichbare Entscheidungen männlicher Hüter. Ebenso ärgerlich war es, dass Gesetzesbrecher stets versuchten, wegzulaufen oder zu kämpfen, wenn sie mich sahen, aber viele sich geschlagen gaben, wenn sie mit schwächeren, jüngeren männlichen Wächtern konfrontiert wurden.

Ich räusperte mich und versuchte einen etwas versöhnlicheren Ton anzuschlagen. »Und nachdem du mich jetzt an meine guten Manieren erinnert hast, kommst du doch bestimmt auch zu dem Schluss, dass wir hier nicht sicher sind und verschwinden müssen, oder?«

Er grinste mich kurz an. »Du bist diejenige, die die Tür blockiert, kleine Hüterin.«

Zwanzig Minuten später waren wir auf der Straße. Wir hätten früher gehen können, aber wir mussten zunächst noch alle Prostituierten hypnotisieren, damit sie vergaßen, dass einer von uns hier gewesen war. Dagon verfügte über eine Menge Fähigkeiten, aber Erinnerungen, die durch Vampire verändert worden waren, konnte er nicht durchdringen. Jetzt würde der Dämon in diesem Bordell keine Spuren mehr finden, denen er folgen konnte.

Ian hatte sich während unserer Autofahrt nach Warschau ruhig verhalten und war nur mit seinem Handy beschäftigt. Die Stille war mir recht. Sie verschaffte mir Zeit, über unvorhergesehene Aspekte des heutigen Tages nachzudenken. Ian im Zaum zu halten schien schwieriger zu sein, als ich geglaubt hatte. Darauf musste ich mich einstellen, aber ich hielt es für unnötig, einen neuen Plan zu entwickeln. Sein Selbsterhaltungstrieb war stark, und darauf hatte ich gebaut. Auf dieser Basis konnte ich die anderen Probleme umgehen.

»Was zum Teufel wollen wir an einem Flughafen?«

Ians energische Frage riss mich aus meinen Gedanken. Ich bog auf den Parkplatz ein, der kaum zur Hälfte belegt war. Es handelte sich um einen privaten Flugplatz, deshalb blieben uns die Unannehmlichkeiten erspart, die mit einem geschäftigen kommerziellen Flughafen verbunden waren.

»Fliegen«, erwiderte ich, obwohl es sich eigentlich von selbst verstand. »Weil ich damit rechnete, dich zu finden, habe ich schon vor einigen Tagen ein Flugzeug gechartert.«

»Du hast ein Flugzeug gechartert?«, wiederholte er. »Soll das ein Witz sein?«

Hatte er ein Problem? »Du hast doch keine Angst zu fliegen, oder?«