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Dieses Buch schildert in zum Teil romanhafter Form das Schicksal des jüdischen Komikers Otto Jülich aus dem Rheinland in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Otto Jülich, mein Großvater, war in diverse Attentate jener Periode involviert und emigrierte letztlich ins Ausland. Die Erzählung fußt auf archivarischem Material und schöpft außerdem aus vielerlei Familienerzählungen.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Otto Jülich in den Dreißiger Jahren (Privatfoto)
Das vorliegende Buch wurde in nicht zu unterschätzendem Ausmaß von zwei meiner Familienangehörigen mitgetragen, meiner Nichte Daniela Jülich-Ferretti und meinem Gatten, Usi German. Beide begleiteten und kommentierten kontinuierlich das Geschriebene und leisteten somit einen unverzichtbaren Beitrag zu seiner Erstellung. Frau D. Jülich-Ferretti war mir in besonderem Maße bei meinen vielen Anfragen in einigen Archiven behilflich.
Als Erstes fühle ich mich Dr. R. Orth verpflichtet, der den Anstoß zu diesem Buch überhaupt gab und mir auch Akten zukommen ließ, und in ebensolchem Maße Herrn H.D. Arntz, dem Regionalhistoriker von Euskirchen, der mir in meinen Familienrecherchen wertvollen Beistand leistete.
Besonderen Dank schulde ich Dr. H. Wichers vom Staatsarchiv Basel-Stadt, Frau A. Wilke vom Politischen Archiv des Deutschen Auswärtigen Amtes, Frau S. Stahl von der Deutschen Nationalbibliothek - Frankfurt, Herrn F. Anton vom Bundesarchiv/Abteilung Militärunterlagen, Frau Dr. E. Bender vom Hessischen Landesarchiv, Frau Dr. U. Reuter vom Germania Judaica Archiv - Köln, Frau R. Seib von der Deutschen Nationalbiblothek in Sachen Exilarchiv, Herrn G. Stoll vom Projekt "Historische Adressbücher", Frau S. Chiqet vom Schweizer Bundesarchiv, Herrn St. Mach vom Österreichischen Staatsarchiv, Frau Dr. G. Rünger - Vorsitzende des Geschichtsvereins des Kreises Euskirchen, Herrn J. Gerull im Stadtarchiv Siegburg, Frau S. Dünnwald von der Sachgebietsleitung im Archiv der Stadt Euskirchen, Frau Dr. C.M. Arndt vom Archiv des Rhein-Sieg Kreises und dessen Gedenkstätte, Frau Dr. S. Eibl vom Landesarchiv Nordrhein-Westfalen – Duisburg und Frau A. Kosubek vom Bundesarchiv Koblenz. Ihnen allen gilt mein Dank für ihre vielfältigen Informationen und Auszüge aus den Akten ihrer Bereiche, sowie für ihre hilfreichen Hinweise.
Omer, 2023 Elischewa German
Vorwort
Herkunft und familiäre Verhältnisse
Otto als Künstler
Der Anschlag auf von Papen im Januar 1933
In der Emigration
Der bedrohte Kanzler.
Der "Fall Jacob"
Die Erschießung Gustloffs
Epilog
Bibliographie
Abbildungsnachweis
Im April 2019 wandte sich der Historiker Dr. Rainer Orth mit einer Anfrage an mich. Ob ein gewisser Otto Jülich mein Groβvater sei, und wenn ja, was ich über ihn wüsste. Dr. Orth hatte sich intensiv mit der Person des Vizekanzlers von Papen unter Hitler in seinem Buch "Der Amtssitz der Opposition?" auseinandergesetzt. Im Zusammenhang mit dem Attentatversuch auf von Papen im Januar 1933 war er auf den Namen des Mannes gestossen, der den Coup vereitelt hatte: Otto Jülich. Ich konnte ihm auf Grund meiner persönlichen Dokumente bestätigen, dass es sich in der Tat um meinen Groβvater handelte. Diesen Groβvater hatte ich persönlich nie kennenlernen können. Er war Jahre vor meiner Geburt verstorben. Nunmehr war meine Neugier entfacht und ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und mich meinerseits auf die Spurensuche zu begeben.
Zunächst besann ich mich auf Familienerzählungen meines Vaters, Hermann Jülich. Dann folgten Nachfragen in den diversen Archiven. Es ergab sich, dass Otto Jülich sowohl in den Akten des Auswärtigen Amtes des Deutschen Reichs, als auch in denen der Republik Österreich, des Schweizer Polizeiarchivs, als auch in der Pariser Präfektur, sowie im Nachlass des ehemaligen Vizekanzlers von Papen vermerkt worden war. Dies fast immer im Zusammenhang von geplanten oder erfolgten Anschlägen. All dies spielte sich in einem bedeutungsvollen Zeitabschnitt der deutschen und europäischen Geschichte ab.
Dieses Buch ist die Bilanz einer dreijährigen Suche. Es ist ebenfalls ein Versuch, dem Schicksal eines jüdischen Emigranten auf dem Hintergrund der turbulenten und dramatischen Ereignisse der Jahre 1933-1936 nachzugehen. Ich wollte diesen unbekannten Groβvater kennenlernen und verstehen, wie und warum er in derartige Anschläge verwickelt sein konnte.
Otto Jülich wurde am 10.6.1878 in Siegburg geboren und entstammte einer jüdischen Familie, deren Grabsteine und Eintragungen in den jüdischen Gemeindebüchern eine bis bis ins 16. Jahrhundert zurückliegende Präsenz der Familie Jülich im Rheinland dokumentieren können.
Abb. 1. Ottos Geburtsurkunde.
Die Familie wohnte in der Holzgasse 49, in der Nähe der örtlichen Synagoge, Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Siegburg. Zu dieser Zeit zählte die dortige jüdische Einwohnerschaft ca. 300 Seelen. Ottos Vater, Hermann Jülich, ursprünglich aus Königswinter stammend, war ein ausgebildeter Steinmetz und einige Grabsteine des bis heute gut erhaltenen Siegburger Jüdischen Friedhofs lassen sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf ihn zurückführen.
Abb. 2. Der jüdische Friedhof in Siegburg
Ottos Mutter, Regina, geborene Stein, stammte aus Troisdorf bei Siegburg und gebar ihm drei Kinder. Letztlich konnte der Vater als Steinmetz seine Familie nicht mehr ernähren und wurde als "Handelsmann" und Gebrauchtwarenhändler tätig. Er konnte also nach Volksschulabschluss weder dem erstgeborenen Josef (geb.1861), dem zweiten Sohn Paul (geb. 1870), noch dem 1878 geborenen Otto, unserem Protagonisten, eine weitere Berufsausbildung ermöglichen. Ein jeder musste sich seinen Weg selbst ebnen.
Zunächst trat Otto höchstwahrscheinlich einen Dienst im Deutschen Heer an. Dafür spricht ein Dokument aus dem Kreisarchiv Rhein-Sieg (Abb. 3). Dort befindet sich unter der Rubrik "Militärverhältnis" der sonderbar anmutende Eintrag "Mutter". Dieser Vermerk galt als Bezeichnung für einen Kompaniefeldwebel, auch "Spieβ" oder "Mutter der Kompanie" genannt. Ein Kompaniefeldwebel hatte Anspruch auf erhöhte Bezüge und das mochte ein Motiv für diese Laufbahn gewesen sein.
Abb. 3. Ottos Meldekarte
Zu Anfang des Jahrhunderts war er gewiss nicht mehr im Dienst, soweit das aus den Beständen des Einwohnermeldeamtes ersehbar ist.
Ein weiteres Beleg für eine militärische Karriere findet sich in einer späteren Korrespondenz zwischen dem deutschen Generalkonsulat und dem Auswärtigen Amt, in welchem er als "nichtarischer Frontkämpfer" bezeichnet wurde.1 Letzteres kann sich nur auf den Ersten Weltkrieg beziehen. Sehr wahrscheinlich wurde er auf Grund seines Ranges eingezogen, und dies augenscheinlich nur fǘr kurze Zeit. Bei Ausbruch des Weltkrieges war er immerhin bereits 36 Jahre alt. Weitere Details können nicht mehr eruiert werden, da die Bestände des Militärarchivs durch Kriegsschäden starke Einbuβen erlitten haben.
Am 13.12.1901 ehelichte Otto in Euskirchen die achtzehnjährige, gebürtige Euskirchnerin, Sophia Meyer. In der Heiratsurkunde wird auch vermerkt, dass seine Gattin gewerbslos, und wie er israelitischer Religion war.2
Sein Beruf wird mit "Artist" angegeben. Das Paar bezog eine kleine Wohnung im Nebengebäude der Synagoge von Euskirchen in der Annaturmstrasse und setzte vier Kinder in die Welt. Der Zweitgeborene war mein Vater, Hermann Jülich.
Abb. 4. Otto Jülich (rechts) mit Freunden
Einige Erinnerungen aus dieser Zeit hat mein Vater mir mündlich überliefert:
"Unsere Wohnung war denkbar klein und doch fand sich in ihr eine 'gute Stube', die werktags nicht benutzt wurde. Letztere war ein kleiner Raum mit einem Sofa und etlichen Stühlen, welche durch gehäkelte Deckchen verziert wurden. Auf dem Sofa thronten einige sorgsam bestickte Kissen. Ein lackiertes Schränkchen wurde durch bemalte Porzellanteller und einen kolorierten Holzlöwen verziert. Hier wohnten wir alle, meine Eltern, wir Kinder, sowie die Großmutter mit ihrer Schwester. Der Vater glänzte durch wiederholte Abwesenheit. Aber, wenn er kam, und uns irgendeine Kleinigkeit mitbrachte, war die Freude groß."
Die Groβmutter, allgemein „et Bill“ genannt, widmete den Kindern viel Zeit und ließ ihnen liebevolle Fürsorge angedeihen. Dieses verhutzelte Mütterchen, wirkte als Näherin und erhielt die meisten Aufträge von den Gemeindemitgliedern. Sie trug nicht wenig zum Unterhalt der Familie bei, und war von Sophia als eine Art "Mitgift" in die Ehe eingebracht worden. Auch Sibylles Schwester, Julia Meyer, erscheint in den Akten als Näherin.
Zu Beginn des zwanzigstens Jahrhunderts lebten ca. 225 Juden in Euskirchen. Dies bei einer Gesamteinwohnerzahl von über 10.000. Sophia Jülich war von unehelicher Geburt, was zu dieser Zeit als groβer Makel empfunden wurde. Von jüdischem Geist war bei der Familie Jülich generell wenig zu spüren. Die Familie ließ sich hin und wieder in der Synagoge sehen. Die "Jross" aber war es, die am Schabbat Kerzen anzündete und somit das jüdische Erbe der Familie Jülich an die kommende Generation weitergab. Wenn sich eines der Kinder kratzte, dann holte sie den Spruch "Es kratzt sich keiner um bechinem (umsonst), es sei denn, er hat Läuse oder Kinim" aus ihrer jiddisch-jüdischen Vorratskammer.3
Otto hingegen war dem Judentum früh entfremdet. Eines Tages brachte er sogar einen Weihnachtsbaum in die Wohnung hinauf. Das wiederum erregte den Unwillen von Ottos Schwiegermutter. "Was soll das?“ begehrte sie auf: "Wir sind doch keine Gewasserten"4. Otto zuckte nur mit den Schultern. Der Baum blieb, und für die Kinder war diese Neuerung ein Fest.
Abb. 5. Sophia Jülich (links) und die "Jross" Sibylle Meyer
Eines Tages kam er in schlechter Laune nach Hause, weil er wohl keinen großen Erfolg bei seinem Auftritt hatte verbuchen können und hörte, wie die Grossmutter den Kindern von Johänneken erzählte, und vor allem, welche Lehre sich daraus für ein jüdisches Kind ergeben sollte: Ein christliches Kind namens Johannäken war im Mittelalter auf seinem Schulweg von Troisdorf zur nahegelegenen Klosterschule bei Siegburg ermordet aufgefunden worden. Zwanzig jüdische Bürger wurden verdächtigt, ihn im Rahmen eines Ritualmordes erschlagen zu haben. Johänneken wurde in der Folge als Heiliger verehrt und die der Tat verdächtigten Juden aus Troisdorf ohne jegliche Beweise ermordet. Die "Jroß" wies warnend darauf hin, dass man sich als Jude immer hüten müsse und insbesondere der Kirche nicht trauen könne. Nachdem Otto diese Schlussfolgerung noch mitangehört hatte, fuhr er ihr über den Mund: "
