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Der Schauplatz dieser Erzählung ist Eisenharz im Allgäu. Die hier geschilderten Ereignisse spielten sich im Frühjahr und Sommer des schicksalsträchtigen Jahres 1945 ab und dürfen sich auf viele Dokumente und Zeitzeugen berufen. Fast alle hier geschilderten Personen haben existiert. Nur Weniges wurde hinzugefügt oder verändert und deshalb ist es letztlich ein Roman geworden. Es handelt sich um eine Verflechtung persönlicher Schicksale und insbesondere um die Entwicklung einer Liebesgeschichte auf dem Hintergrund der dramatischen Begebenheiten zur Zeit des Kriegsendes 1945. Es soll deshalb auch als Dokumentation eines entscheidenden Wendepunktes in der deutschen Geschichte verstanden werden..
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Da die Hintergrundschilderungen zu dieser Erzählung für mich von großer Bedeutung waren, spielten Dokumente, Aussagen von Zeitzeugen, sowie Fotos eine große Rolle in diesem Buch.
Den Zeitzeugen aus dem Allgäu verdanke ich vielfältiges und umfangreiches Material.
Ich muss mich im Besonderen bei Frau Ursula Westhäußer, geb. Kinkele, bedanken, welcher ich sowohl viele Berichte, als auch Fotos aus jener Zeit verdanke. Auch Frau A. Seidel, geb. Harlacher, versorgte mich großzügig mit Schilderungen und Abbildungen.
Ferner schulde ich Herrn P. Mayer, dem ehemaligen Bürgermeister und jetztigen Betreuer des Gemeindearchivs von Eisenharz, großen Dank für seine außergewöhnlichen Bemühungen bei der Beschaffung von Material sowie der Vermittlung von Zeitzeugen. Dank seiner Initiativen wurde ich mit Frau F. Fernsemer, der Heimatpflegerin von Isnyberg bekannt, welche mir ebenfalls Einsicht in ihre Dokumente gewährte.
Ich bedanke mich auch bei Herrn W. Benz für das Hintergrundmaterial und sein Interview mit Maja Maucher, welches er mir beschaffte. Auch möchte ich Herrn P. Wunderlich für die Information zu seiner Familie meinen Dank bekunden.
Großen Dank schulde ich auch meiner Familie für ihre Mithilfe: Meiner Nichte Daniela Ferretti-Jülich, meinen Töchtern Michal und Jael, welche dieses Buch begleiteten und kommentierten, sowie meinem Cousin Burkhard Vendt, der mich mit Material aus Koslar versah.
Mein besonderer Dank gilt meinem Gatten Usi, der alles durchlas, redigierte und zusammenstellte.
Ich bedanke mich auch für diverse Dokumente aus dem Kreisarchiv Ravensburg bei Herrn Falk, bei Herrn Obst für Material aus dem Staatsarchiv Sigmaringen und bei Herrn Schatzschneider, von der Mahn - und Gedenkstätte Düsseldorf für sein
Archivmaterial und seine tätige Unterstützung.
Diese zweite Auflage ist Frucht des vereinten Ansporns von Herrn W. Benz sowie Familie Westhäußer, welche mich zu beachtenswerten Korrekturen des Textes und der fotografischen Aufbesserung von Bildern anregten und mir hierin bedeutenden Beistand leisteten.
Omer, 2019
Elischewa German
Parentibus Optimis
Vorwort
Der Weg nach Eisenharz
Das Wiedersehen
Der Besuch bei der Ärztin
Erste Erzählungen
Bei Bürgermeister Kinkele
Eine jüdische Sängerin taucht im Allgäu unter
Ein Spaziergang mit Veronika
Die Franzosen kommen
Unter französischer Flagge
"Wie wäre es denn mit uns beiden?"
Wer hat mitgemacht?
Auf dem Bromerhof
"Mein schönes Fräulein …"
"Wie gut, dass wir rechtzeitig kapituliert haben"
Hermann erzählt
Eine Wallfahrt nach Maria-Thann
"Und welche Rolle spielten die Kirchen …?"
Abschied von Eisenharz
Literaturnachweis
Der Schauplatz dieser Erzählung ist Eisenharz im Allgäu.
Die hier geschilderten Ereignisse spielten sich im Frühjahr und Sommer des schicksalsträchtigen Jahres 1945 ab und dürfen sich auf viele Dokumente und Zeitzeugen berufen.
Fast alle hier geschilderten Personen haben existiert. Nur weniges wurde hinzugefügt oder verändert und deshalb ist es letztlich ein Roman geworden.
Es handelt sich um eine Verflechtung persönlicher Schicksale und insbesondere um die Entwicklung einer Liebesgeschichte auf dem Hintergrund der dramatischen Begebenheiten zur Zeit des Kriegsendes 1945. Es soll deshalb auch als Dokumentation eines entscheidenden Wendepunktes in der deutschen Geschichte verstanden werden.
Es war ein angenehm luftiger Morgen im Juni des Jahres 1945. Ein Mann in mittleren Jahren in einem leicht abgewetzten, dunklen Anzug, in jeder Hand einen ausgebeulten Koffer, war auf seinem Weg zur französischen Interzonengrenze südlich von Kempten im Allgäu. Er war klein und schmächtig von Gestalt und ging mit festen Schritten auf den Schlagbaum zu, welcher die Grenze zwischen der amerikanischen und der französischen Zone des besetzten Deutschlands markierte.
Von einem Seitenweg näherten sich zwei weitere Gestalten, eine Frau mit Mittelscheitel und Flechtendutt, die einen Korb mit sich führte und neben ihr ein circa sechsjähriges Mädchen, welches einen kleinen Ranzen trug. Frau und Kind kamen erst schnellen Schrittes daher, verlangsamten aber merklich ihre Gangart, je mehr sie sich dem Soldaten näherten, der mit seiner Waffe neben der Trikolore seinen Posten bezogen hatte. Die Kleine warf furchtsame Blicke auf die martialische Gestalt und die Frau zog den Korb enger an sich. Der Franzose war von dunkler Gesichtsfarbe und musterte das Paar mit recht finsterer Miene. Je mehr es herannahte, desto mehr heftete sich sein bedrohlicher Blick auf den Korb der Frau. Als die zwei endlich bei ihm angelangt waren, schrie er: "Alt!" Und dann auf den Korb sowie auf den Ranzen weisend: “Aufmachen!" All dies in ausgeprägt französischem Akzent und mit der selbstzufriedenen Miene des allmächtigen Kontrolleurs. Das kleine Mädchen wich bänglich zurück, wurde aber von der Mutter wieder nach vorn gezogen und angehalten, ihren Behälter vorzuzeigen. Letztere wies mit routinierter Miene ihren Korb vor. Die zur Schau getragene Gelassenheit der Frau schien den Soldaten zu reizen und er schüttete abrupt den Korbinhalt auf den Boden. Da kullerten etliche Kohlköpfe, Kartoffeln, Äpfel und Pflaumen auf den Boden. Das Mädchen begann leise zu weinen und hielt ängstlich den Ranzen vor sich hin. Der Soldat brach ganz unverhofft in schallendes Gelächter aus, streichelte der Kleinen über den Kopf und sagte belustigt: "Bien. Gutt, gutt." Die Mutter begann, eilig alles aufzulesen, solange die gute Laune anhielt. Ihr Töchterchen beugte sich ebenfalls eifrig nieder und half ihr beim Einsammeln des kostbaren Guts. Dann machten sich die beiden recht beschleunigt auf ihren weiteren Weg.
Jetzt war der Weg frei für den nächsten 'Grenzgänger', nämlich den mit den Koffern, welcher das Geschehnis von der Seite aufmerksam beobachtet hatte. Als Mutter und Kind den Rücken gekehrt hatten, schien er den Zeitpunkt für seinen eigenen Grenzüberschritt als geeignet befunden zu haben. Er bewegte sich mit selbstbewusster Miene auf den diensthabenden Franzosen zu, nicht mit der üblichen Beflissenheit der Besiegten, sondern wie einer, der sich seines Platzes auf der Welt sicher ist. Das überraschte den Posten, der nun wieder zu seiner früheren, barschen Tonart überwechselte: "Vite, vite, alt, Papiere!" Der Grenzgänger zog mit großer Bereitwilligkeit und ohne jegliche Hast ein Dokument aus seiner Tasche und sprach sein Gegenüber in Französisch an: "Bon jour, Monsieur."
Die Miene des in seiner Landessprache Angesprochenen hellte sich augenblicklich auf und er sondierte das Papier mit wachsendem Wohlwollen. Es war in der Tat ein Dokument besonderer Art, welches seine konziliantere Handlungsweise im Nachhinein durchaus rechtfertigte. Handelte es sich doch um einen Ausweis, welcher im KZ-Buchenwald durch das Häftlingskomitee ausgestellt und durch die US Militärregierung beglaubigt worden war und besagte, dass es sich bei dem Besitzer dieser Identitätskarte um einen ehemaligen KZ-Häftling namens Hermann Jülich handele, welcher am 25.5.1945 in Freiheit gesetzt worden war. Der Ausweis trug seinen Fingerabdruck.
Somit galt er als ein Bevorzugter innerhalb der deutschen Bevölkerung, welche sich generell ohne besondere Bewilligung nicht frei zwischen den verschiedenen Zonen bewegen durfte. Der Franzose war sichtlich erfreut, mit einem offiziell anerkannten Anti-Nazi Umgang zu haben und noch mit einem solchen, mit dem er sich in seiner Sprache unterhalten konnte. Hermann seinerseits war bemüht, seine wenn auch begrenzten Französischkenntnisse an den Mann zu bringen. Er hatte die Unterhaltung anfangs auf einem etwas holprigen Sprachniveau begonnen, war aber dann in Fahrt gekommen und sein Berlitz-Französisch fing an, flüssiger zu werden.
Der Entlassungsausweis von Buchenwald (Privatdokument)
Nun entwickelte sich zu beider Genugtuung ein Gespräch, bei dem jeder auf seine Kosten kam. Der Franzose konnte für kurze Zeit seiner eintönigen Routine und dem heiklen Umgang mit den Einheimischen entgehen und dabei zwanglos in seiner Muttersprache plaudern. Die sich nun entspinnende Konversation sollte auch Hermanns Weiterkommen dienlich werden.
"Aha, Monsieur war in Buchenwald gewesen? Wie lange und warum?"
Ausdrücke des Bedauerns und der wohlwollenden Versicherung, ihm behilflich zu sein.
Wohin er denn wolle? Aha, nach Eisenharz? Und Monsieur wolle zu Fuß dahin gelangen? Das seien aber noch gut acht Kilometer.
Just in dem Moment näherte sich ein Lieferwagen mit der Aufschrift 'Molkerei Schlachters'. Die Unterhaltung musste notgedrungen abgebrochen werden. Der Posten winkte das Fahrzeug an den Schlagbaum und der Fahrer nebst Begleiter stiegen aus. Die Prozedur dauerte ein wenig länger. Der Soldat überprüfte Autopapiere und Personalausweise und es stellte sich heraus, dass der Wagen unterwegs nach Schlachters sei, um dort Milchprodukte einzuladen, welche auf dem Rückweg nach Kempten geliefert werden sollten. Der Franzose fand an den Papieren nichts auszusetzen, war aber nun beflissen, seinem Schützling weiterzuhelfen. Er deutete auf Hermann und wies den Fahrer im Befehlston an, ihn mitzunehmen. "Der Mann nach Eisenharz! Vite, vite, jetzt!"
Der Fahrer antwortete zustimmend, gab aber zu bedenken:"Ja, gerne, aber nur bis zur Kreuzung nach Eisenharz. Ich darf nicht vom Wege abgehen. So steht das in meinen Papieren." Der Soldat überlegte kurz und der Fahrer fügte hinzu: "Ich kann ihn mitnehmen. Mein Anhänger ist jetzt auf dem Hinweg leer. Er hat dann nicht mehr viel zu laufen. Höchstens 2 km."
Hermann wollte seine Chance nicht verpassen und bekräftigte: "Das ist ja wunderbar. Ich fahre gerne mit. Kann ich mich in den Anhänger setzen?"
Nun war das Problem zu aller Zufriedenheit gelöst. Der Franzose hatte seine Autorität geltend gemacht und seinen Protegé unterbringen können. Der Fahrer zeigte sich hilfsbereit und Hermann sah sich seinem Ziel um mehrere Kilometer näher. Er schüttelte dem Soldaten mit Dankesworten die Hand und kletterte nebst seinen Köfferchen auf den Anhänger.
Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Hermann hatte sich Platz auf einer Bank verschafft und verfolgte rückwärts schauend die weitere Fahrt des Milchgefährts. Fast andächtig betrachtete er die liebliche, sattgrüne Landschaft zu beiden Seiten der gewundenen Straße. Nach geraumer Zeit verlangsamte sich die Fahrt und der kleine Laster kam mit einigen Rucken zum Stehen. Der Fahrer zeigte sich am Geländer, half ihm herunter und wies auf die Landstraße, die rechts von der Hauptstraße abbog. “Schauens, da lang müssen Sie gehen. Dann sind Sie in einer guten halben Stunde in Eisenharz. Ich muss weiter hier nach Schlachters. Alles Gute dann." Er hob grüßend die Hand. Hermann bedankte sich und der Fahrer verschwand wieder im Wageninneren.
Hermann hob seine beiden Köfferchen und machte sich auf den Weg. Aber auch diesmal war er nicht allein. Kurz vor ihm gingen drei junge Frauen, denen der ganze Vorgang nicht entgangen war. Sie drehten sich um und betrachteten abwartend den Ankömmling. Als Hermann bei ihnen anlangte, wurde er mit einem ebenso freundlichen wie neugierigen “Grüß Gott" begrüßt. Hermann grüßte zurückhaltend zurück. Das Trio begutachtete den Dazugekommenen jetzt ungeniert. Es blieb nicht beim Betrachten. Die mittlere der Frauen, eine gerundete apfelbäckige Erscheinung, sprach ihn unmittelbar an: "Wo wollet se denn hin?"
Hermann bewaffnete sich wieder mit seinem abgesetzten Hab und Gut: "Ich möchte nach Eisenharz. Der Fahrer da, der mich gerade abgesetzt hat" seine Rechte beschrieb einen Halbkreis nach hinten,“sagte mir, ich solle hier weiter geradeausgehen. Ich könne den Ort nicht verfehlen."
Das wurde allerseits lebhaft bestätigt. Aber dann kam die Vollbusige auf den Beginn der Unterhaltung zurück: "Ja, wen suchet se denn in Eisenharz?"
“Ich suche das Ehepaar Helmes, meine Schwester und meinen Schwager." Erklärend fügte er hinzu: "Sie sind eigentlich keine Ortsansässigen, sondern Evakuierte. Kennen Sie denn meine Familienangehörigen?"
“Ja, freilich" anworteten die drei wie aus einem Munde. “Die Frau Helmes und ihren Mann, die kennen wir."
Die Vollbusige schlug nun Hermann vor, ihm beim Gepäcktragen zu helfen. Inzwischen waren die Konturen von Eisenharz bereits in Erscheinung getreten. Vor allem wurde der Kirchturm sichtbar, aber zwischen der Ortschaft selbst und dem Ausgangspunkt lag noch eine Wegstrecke und Hermann machte keine Einwendungen gegen dieses freundliche Angebot. Es war lange her, seit ihm jemand so hilfsbereit entgegengekommen war. Es entspann sich nun ein lebhaftes Gespräch, in dessen Verlauf er erfuhr, dass es sich bei seinen Weggefährtinnen um drei Schwestern aus Ulm handelte, welche infolge der Bombardierungen nach Eisenharz evakuiert worden seien. Von Zeit zu Zeit blieb Hermann kurz stehen und musterte die Umgebung: Die hügelige, liebliche Voralpenlandschaft des Allgäus. In den sattgrünen Weiten lagen verstreute Dörfer und Gehöfte. Dann blieb sein Blick an den kleinen Schirmfliegern des Löwenzahns hängen, die durch den leichten Wind vor ihnen her getragen wurden.
Er atmete tief und murmelte halb zu sich selbst: “Wie idyllisch.“
Die Rundliche bestätigte: "Freilich, es ist schon a schöns Ländle."
Und dann wollte sie wissen, woher er denn käme.
“Ich komme jetzt aus Düsseldorf, keine kleine Reise. Von dort stammt sowohl meine Familie wie auch ich selbst." Es war augenscheinlich, dass er sich mit weiteren Informationen zurückhielt. Eine kleine Pause entstand. Dann meinte die jüngere der Schwestern: "Es schaut sicher schlimm da oben aus. Wir selbst haben ja Ulm wegen schwerer Bombardierungen verlassen und sind deshalb hier in Eisenharz. Ich hoffe doch, dass Ihr Haus noch steht." Sie beschrieb eine kleine Bewegung in der Luft, damit die Position dieser fernen Gegend andeutend.
“Ja, Düsseldorf ist tatsächlich sehr zerstört und es war gar nicht so leicht, mich zurechtzufinden. Ach ja, und meine alte Wohnung existiert wirklich nicht mehr, aber es gibt Schlimmeres als das."
Das wurde wortreich durch das Trio bestätigt. Die Wortführerin bekräftigte, dass hier am Ort aber alles in bester Ordnung sei. Vor allem herrsche kein Lebensmittelmangel.
Inzwischen hatte man sich dem Ortseingang genähert. Einzelne langgestreckte Bauernhäuser erschienen am Straßenrand und die weiße Kirchturmspitze überragte das Wohngebiet auf der Rechten. Die Gärten waren für städtische Begriffe riesengroß und jeder Zentimeter diente als Nutzfläche, voller Gemüsebeete und Obstbäume. Hermann erforschte mit seinen hellen Augen unter den Eulengläsern diese ganze herrliche Unversehrtheit.
Blick auf Eisenharz vor Jahren (Gemeindearchiv Eisenharz)
Nach einem kurzen Geradeaus zweigte man links ab und Hermann erkundigte sich: “Wissen Sie denn genau, wo die Helmes jetzt wohnen? Ich habe zwar eine Art Adresse, weiß aber nicht, ob die noch stimmt."
"Aber freilich", ertönte es wie aus einem Munde, “die Helmes sind beim Harlacher einquartiert."
“Und wer ist der Harlacher? Den kennen Sie vermutlich auch?"
Die drei lachten: "Aber freilich. Das ist ein Großbauer. Er hat die größte Milchwirtschaft in Eisenharz. Er hat hier einen großen Hof und Raum für viele. Die Frau Helmes ist schon lange bei ihm. Und ihr Mann einige Monate."
Es war offensichtlich, dass hier jeder aufs Genaueste in die Wohnverhältnisse und Gewohnheiten seiner Umgebung eingeweiht war.
“Wir setzen Sie direkt vor dem Haus ab."
Man war jetzt an einem ansehnlichen Gasthof auf der rechten Straßenseite angelangt. Die Straße wurde überquert und dann kam ein größerer Gebäudekomplex in Sicht.
“Also, da wohnt der Harlacher."
Es handelte sich um ein großflächiges, einnehmendes Anwesen. In der Mitte lag ein breit angelegtes vierstöckiges Bauernhaus, wenn man das bewohnte Dachgeschoss miteinrechnete. Darüber ein mäßig steiles Dach. Die riesigen weißen Wandflächen waren durch großangelegte Fenster mit grünen Läden durchbrochen. Rings umher befanden sich einzelne Nebengebäude. Eines, das vor ihnen lag, war ein bräunliches holzverschindeltes Bauwerk von kleineren Ausmaßen und war von einigen Sträuchern umgeben.
Die Wortführerin des Trios wies darauf und erläuterte: "Und hier wohnen die Helmes." Und sie deuteten auf eine Tür im unteren Wohnbereich des Nebengebäudes, welches man nun erreicht hatte.
Ihre Mission war damit beendet. Sie setzten die Köfferchen ihres Schützlings nunmehr ab und machten Miene, ihres Weges zu gehen. Hermann, der schweigsam beobachtend die letzte Wegstrecke zurückgelegt hatte, wandte sich nun an seine Begleiterinnen: "Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, sowohl für Ihre Hilfsbereitschaft, als auch für Ihre angenehme Begleitung." Er drückte ihnen mit städtischer Galanterie die Hand.
Das Nebengebäude. Hier wohnten die Helmes (Privatfoto)
Seine Weggenossinnen entfernten sich mit allen Anzeichen großer Befriedigung. Jetzt würden sie zuhause doch etwas zu erzählen haben. Ein Fremder aus Düsseldorf bei den Helmes! Sie würden die ersten sein, die es berichten konnten, denn so eine Neuigkeit würde sich in Windeseile im Ort verbreiten.
Hermann blieb einen Moment stehen und ging seinen Gedanken nach. Dies war ein wichtiger Moment in seinem Leben. Er würde nach fast zehnjähriger Gefangenschaft nunmehr wieder als freier Mann seine Schwester und seinen Schwager wiedersehen. Letzterem hatte er vermutlich überhaupt sein Überleben zu verdanken, denn der Ehemann seiner Schwester hatte es vermocht, seine jüdische Ehefrau Elise, genannt Liesel, vor der Gestapo zu schützen und ihm selbst lebensrettende Pakete und auch Geldsendungen nach Dachau und Buchenwald zukommen zu lassen. Man war während all dieser Jahre in fortwährender brieflicher Verbindung miteinander gewesen, aber jetzt würde man sich endlich in die Augen sehen und frei miteinander sprechen können. Er hatte sich das Wiedersehen viele Male in seiner Fantasie ausgemalt, wenn er im Judenblock 11 im KZ-Buchenwald auf seiner Pritsche die Briefe las. In unzähligen Tagträumen und vor allem, wenn er schlafen ging, hatte er sich diesen Moment vorgestellt und herbeigesehnt. Die Hoffnung hatte ihn durch unendliche Nächte und Tage der Verzweiflung getragen. Sie hatte ihn seelisch gehoben und den Lichtschimmer am Ende des Tunnels sehen lassen.
Und jetzt war diese Stunde wirklich und wahrhaftig gekommen. Hier in diesem unzerstörten, friedlichen Dorf würde er ihnen leibhaftig gegenüber stehen und sie würden sich soviel zu erzählen haben, dass ihnen Tage und Wochen nicht genügen würden.
Es war recht still um diese mittägliche Zeit, wiewohl vom großen Hauptgebäude ein gedämpftes Stimmengewirr zu hören war. Er gab sich einen Ruck, ergriff sein Gepäck und war im Begriff, auf die Holztür des braunen Holzgebäudes zuzugehen. In diesem Moment raschelte es sehr vernehmlich im Gebüsch an der Hauswand und wenige Sekunden später betrat ein Hüne den Pfad, der zum Hause führte. Er war breitschultrig und umfasste mit seinen fleischigen Händen einen enorm großen Korb, der mit Holzscheiten gefüllt war. Hermann beobachtete mit wachsendem Interesse den etwas fülligen Mann, sein breitbackiges, fast birnenförmiges Gesicht, das an den Schläfen zurückweichende, mattblonde, glatte, nach hinten gekämmte Haar und die hellblauen Augen, die blinzelten, als er ins Sonnenlicht trat. Das war kein anderer als Hans Helmes, sein Schwager und Retter. Auch dieser zögerte nur wenige Sekunden und hätte fast den Korb fallen gelassen.
“Männe, endlich bist du hier! Mein Gott, die Liesel ist drinnen."
Er setzte endlich sein Holz auf die Erde, lief auf Hermann zu und umarmte ihn stürmisch. Dann ließ er von ihm ab, rannte auf die Tür zu, öffnete sie und brüllte: "Liesel, komm, Hermann ist zurück!"
Von drinnen ertönte ein Schrei. Hermann setzte seine Koffer wieder ab, und aus der Wohninnerung löste sich eine kleine, zarte Gestalt, blieb eine Sekunde wie angewurzelt stehen, um sich dann auf den Ankömmling zu stürzen. Eine untersetzte, schlanke Frau kam mit eiligen Schritten herbei und umschlang den Ankömmling. Sie stammelte: "Hermann, ich kann es kaum glauben. Nach all der Zeit! Wir haben gewartet und gehofft, gehofft und gewartet. Und jetzt bist du leibhaftig hier!" Sie umhalste und herzte ihn und stieß immer wieder Ausrufe der Freude und der Rührung aus. Auch Hermann umarmte wiederholt den einen, um den anderen zu umfassen. Diese Wiedersehenszene dauerte eine ganze Weile, bis sich die aufgewühlten Gemüter allmählich beruhigt hatten. Hans sagte endlich: "Lasst uns hereingehen. Wir haben uns doch soviel zu erzählen."
Sie zogen ihn herein in einen Flur. Hinter der Tür waren Haken in die Wand eingelassen, die eine Garderobe bildeten. Hermann stellte sein Hab und Gut dort erst einmal ab und sie geleiteten ihn in eine gemütliche Wohnküche. Man nahm auf einem Ecksofa Platz und konnte sich nun von Angesicht zu Angesicht betrachten. Hermann vermochte nun seine wiedergefundene Familie eingehender in Augenschein zu nehmen. Sie hätten nicht ungleicher sein können, der wuchtige Hans, der seine Frau wie ein Turm überragte und die zarte, bebrillte Brünette.
Liesel flüchtete sich in ihre Hausfrauenrolle, um ihrer Erregung Herr zu werden. Sie ging zum Herd, von dessen Stange eine Schöpfkelle, ein Schürhaken und andere Geräte herunterbaumelten. Das Feuerholz war in einer Schublade darunter verstaut.
“Hermann, ich mache uns erst einmal einen Kaffee. Das ist zwar nur Muckefuck, aber du weißt vielleicht gar nicht, was das ist?"
Hans und Liesel Helmes in den Dreißiger Jahren (Privatfoto)
Hermann antwortete leichthin: "Nun, ich bin dabei, mich in der Normalwelt zurückzufinden. Nachdem ich fast zehn Jahre mit ganz anderen Flüssigkeiten fürlieb nehmen musste, fällt es mir wahrscheinlich weniger schwer als euch, mich mit den Nachkriegsbräuchen vertraut zu machen. Meist erhielten wir morgens einen halben Liter dünner Suppe, gewöhnlich Krautsuppe und eine Portion Brot für den ganzen Tag. Es handelte sich dabei um eine Größenordnung von höchstens 500 Gramm. Die Geschmacksausrichtung war dabei eher nebensächlich. Wir wollten einfach unsere Mägen mit etwas Nahrhaftem füllen. Manche konnten der Versuchung nicht widerstehen, aus Heißhunger die ganze Ration sofort zu verschlingen. Während meines Aufenthalts in Düsseldorf habe ich gelernt, dass der berühmte Muckefuck ein Gebräu aus gerösteter Gerste und Roggen ist und allgemein als ein gültiger Ersatz für Kaffee anerkannt wird. Ich freue mich darauf, dieses Elixier auf euer Wohl zu trinken und vor allem in eurer Gesellschaft zu genießen", wobei er seine Worte mit einem herzerwärmenden Lächeln begleitete.
Er wandte sich seinem Schwager zu, während Liesel mit Topf und Geschirr am Herd herumhantierte: "Wie wunderbar, euch greifbar vor mir zu sehen. Mit euch an einem Tisch zu sitzen und sich auszusprechen."
Hans fiel ein: "Du musst wissen, dass es sich bei diesem Haus, in dem wir wohnen, eigentlich um ein Austragshaus oder Altenteil handelt, also ein Nebengebäude, in dem wir uns aber sehr wohl fühlen. Natürlich haben wir auch schon für eine Schlafstätte für dich gesorgt. Der Harlacher hat uns fürsorglich dieses Klappbett gebracht, da wir ja nicht wissen konnten, wann du hier sein würdest."
Hermann erwiderte: "Für mich ist jede Schlafstatt gut. Ich konnte in den letzten zehn Jahren nicht sehr wählerisch sein. In unseren Blocks schliefen fünfzig Menschen zusammen. Wer eine Pritsche sein eigen nennen konnte und morgens noch all seine Habseligkeiten in dem allgemeinen Chaos wiederfand, konnte froh sein. Die letzte Liegestatt im Lager, in der Nacht vom 10. April, also vor der Befreiung, hatte ich mit Benedikt Kautsky teilen müssen. Das war der Sohn des großen Kautsky und eigentlich ein Sozialdemokrat. Aber aus Gründen, über die noch zu sprechen sein wird, gab er sich als vollblütiger Kommunist aus. Es gab aber noch andere Unterschiede. Er hatte Flöhe, ich aber nicht. Gewisse Antipathien beruhten auf Gegenseitigkeit."
Schwester und Schwager lachten herzlich. Liesel kehrte mit gefüllten Tassen und einigen Scheiben Brot nebst einem Schüsselchen Honig zurück. Alle drei langten herzhaft zu. Hermann kaute langsam und schien jeden Brocken zu genießen. Dann kehrte wieder eine Pause ein, wobei man sich gegenseitig verstohlen musterte.
Liesel war eine gute Portion schmäler geworden in dem vergangenen Jahrzehnt. Die dünnen, blutleeren Lippen und ihr rötlich-braunes Haar, das strähnig nach hinten herunter wallte, verstärkten den Eindruck von Magerkeit und Blässe. Feine Fältchen hatten sich in den letzten zehn Jahren an den Schläfen und den Mundpartien eingegraben. Die Anspannungen der letzten Jahre hatten unübersehbare Spuren hinterlassen. Auch Hermanns hohle Wangen sprachen eine deutliche Sprache. Unter seinen graublauen Augen lagen tiefe, bläuliche Schatten, in denen sich die Entbehrungen und das Elend der vergangenen Jahre abzeichneten. Es war unverkennbar, dass hier ein Mann war, der durch die Pforten der Hölle gegangen war. Gleichwohl glimmte in diesen immer noch matten Augen ein unverkennbarer Funken von Lebensmut.
Liesel und Hermann im Nachkriegsjahr (Privatfotos)
Liesel schluckte: "Hermann, das Lager, es muss schrecklich gewesen sein."
“Ja", erwiderte er trocken, "ohne eure Unterstützung hätte ich nicht überlebt. Aber davon später. Seit wann ist Hans schon hier?"
Hans spürte, dass man den Schwager nicht so leicht aus seiner Reserve herauslocken konnte und nahm den Ball auf.
“Ich bin schon ein alter Eisenharzer. Ich hatte ja meinen Dienst bei einer Versorgungseinheit bei Neuss. Ich konnte dir noch im Januar schreiben. Hast du diesen Brief noch erhalten?"
Hermann nickte bejahend: "Aber das war der letzte."
Hans fuhr fort: "Ich weiß nicht, inwieweit du informiert bist, aber bei uns in der Gegend gab es ab Anfang Februar sehr schwere Angriffe der Amerikaner und mir war klar, dass unsere Stellung sehr bald in ihre Hände fallen würde. Als Düsseldorf später wieder einmal schwer angegriffen wurde und ich zufällig dort war, riskierte ich es, nicht mehr zurückzukehren. In der Stadt herrschte das Chaos. Ich legte meine Zivilkleider an und durfte annehmen, dass mich bei meinem Alter keiner der Fahnenflucht verdächtigen würde. Ich konnte immer sagen, dass ich bei einem Luftangriff meine Papiere verloren hätte. Das war die Standardlösung und wirklich glaubhaft. Mein Bruder Willi kannte jemanden, der mit einem Lieferwagen in Richtung Süden fuhr und brachte mich bei ihm unter. Ich kam im April hier an und war bei Gott nicht der einzige. Aber ich hatte ja mein Lieselchen hier, die mich mit Freuden aufnahm. Natürlich habe ich meine Unterkunft hier unter Dach dem guten Harlacher zu verdanken. Wir berichteten dir in Briefen indirekt von unseren diversen Helfern."
Hermann bestätigte das. "Ja, es gab auch die Hilfsbereiten und es wird mir eine Freude sein, sie im Einzelnen kennenzulernen."
Hans fuhr fort: "Wenn du, Männe, dazu in der Lage bist, dann können wir dich jetzt gleich unserem Bauern, Benedikt Harlacher, vorstellen. Er wird dich bereitwillig mitaufnehmen. Er muss schließlich wissen, wer unter seinem Dach wohnt."
“Vielleicht muten wir dir zu viel zu?", zweifelte Liesel. “Du bist sicher ruhebedürftig." Hermann beruhigte seine Schwester: "Keine Sorge. Ich fühle mich durchaus gesund." Er wies auf seine Köfferchen. "Wenn ich mit denen so weit gekommen bin, schaffe ich es auch noch bis zu eurem Wohltäter. Das ist sicher nicht sehr weit. Seine Kühe hört man ja bis hier."
Hans erläuterte: "Das ist die Kuh, die kalben soll. Er ist bestimmt bei ihr im Stall. So eine Niederkunft ist hier eine wichtige Angelegenheit. Ich glaube, die Patientin heißt 'Else'. Er ist mit Sicherheit dort. Lasst es uns versuchen. Hermann stimmte zu: "Von mir aus heute Nachmittag, aber das Wochenbett von Else kann ich mir nicht entgehen lassen. Ich bin dafür, sofort dorthin zu gehen."
