Ein ganzes Hundeleben lang. - Anni Leineweber - E-Book

Ein ganzes Hundeleben lang. E-Book

Anni Leineweber

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Beschreibung

Mein Gedanke ist mit diesem Buch, einem am Hund interessierten Menschen, nachvollziehbar zu erzählen was es bedeuten kann, einen Hund zu besitzen. Aber ebenfalls nachvollziehen zu können, wie wertvoll die Erlebnisse mit dem vierbeinigen Freund sind.

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Anni Leineweber

Ein ganzes Hundeleben lang.

Die Lebensgeschichte eines Golden Retriever

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Ein Hund soll ins Haus, die große Entscheidung.

Die Suche beginnt. Wo gibt es den Golden, der zu uns passt?

Das große Warten.

Auf in die Zukunft.

Aufregende Ereignisse lassen grüßen.

Auf und nieder, Freud und Leid.

Irgendwann ist immer das erste Mal.

Ein nicht ganz alltägliches Leben.

Das Leben geht weiter, so oder so.

Geduld, Hoffnung und gute Nerven sind gefragt.

Und wieder schreibt das Leben Tagebuch.

Das tägliche Allerlei.

Wenn Hund und Mensch in die Jahre kommen.

Das letzte und schwerste Kapitel.

Impressum neobooks

Vorwort

Die Lebensgeschichte eines Golden Retriever.

Dies ist die wahre Geschichte einer Familie, die sich einen Hund wünscht.

Die Geschichte über ihre Suche nach dem passenden Vierbeiner, wie sie ihn findet und über alles, was im gemeinsamen Leben des Hundes und der Familie geschieht.

Das Leben mit dem Hund beschrieben aus der realistischen Sicht der Familie, in unterhaltsamer Weise einige Ereignisse aus der Sicht des Hundes.

Auf diese Weise möchte ich einem am Hund interessierten Menschen nachvollziehbar erzählen, was es bedeuten kann, einen Hund zu besitzen, und wie wertvoll die Erlebnisse mit dem vierbeinigen Freund sind.

Viele Kinder wünschen sich einen Hund, wissen aber nicht wirklich, was sie damit für eine Aufgabe und Verantwortung übernehmen. Vielleicht kann diese Lebensgeschichte aufzeigen, dass ein Hund etwas Wunderbares ist, wenn man sich der Aufgabe und Verpflichtung, der Vor- und Nachteile ganz und gar bewusst ist.

Schön wäre es, wenn die Entscheidung für oder eventuell auch gegen einen Hund durch unsere Geschichte beeinflusst und erleichtert würde. Vielleicht fühlt sich so mancher Leser an das Leben mit seinem Hund erinnert und sagt: „Oh ja, das kenne ich."

Das bewegte Leben mit unserem Hund, das mit sehr viel Freude, aber auch Einschränkung, Verzicht und Leid einherging, hat mich dazu verleitet, dieses Buch zu schreiben.

Ein Spruch aus meinen Kindertagen, der bei uns zu Hause an der Wand hing:

Dass mir mein Hund viel lieber sei,

sagst Du, oh Mensch, sei Sünde.

Der Hund blieb mir im Sturme treu,

der Mensch nicht mal im Winde.

Ein Hund soll ins Haus, die große Entscheidung.

Tja, nun wird es ernst. Lange schon geht uns der Gedanke durch den Kopf, dass wir etwas tun wollen, um unser Leben wieder lebhafter zu gestalten.

Es gibt immer wieder Lebensabschnitte, bei denen man glaubt, etwas ändern zu müssen. Unsere Tochter ist erwachsen und verlässt das Elternhaus, um eine eigene Familie zu gründen. Theo, mein Mann, steht kurz vor der Pensionierung und soll nicht zu Hause, hinter dem Schreibtisch oder dem Fernseher, versauern. Ich selber möchte noch ein paar Jährchen meiner Arbeit nachgehen.

Die Voraussetzungen sind gut, wir wollen einen Hund!

Wenn das so einfach wäre. Ein Hund, wie schön, aber was für einen wollen wir, oder besser, was für einer passt zu uns? Was wollen wir mit ihm tun? Welche Fähigkeiten soll der Hund mitbringen? Wollen wir einen Rüden oder eine Hündin? Soll er groß oder klein sein?

Der erste Familienstreit bricht aus. Unsere Tochter, sie darf natürlich mitentscheiden, will um jeden Preis einen Cockerspaniel: "Der hat so treue Augen."

Ich, von meinem Elternhaus negativ vorbelastet, weil meine Eltern aus meiner Sicht keine vorbildlichen Hundebesitzer waren, möchte um alles in der Welt einen Schäferhund. „Der ist treu und kann uns beschützen“, war mein Argument.

Aber unser Familienoberhaupt, weswegen wir hauptsächlich einen Hund bekommen sollen und das letztendlich auch am meisten mit dem Hund „beschäftigt“ werden soll, steht ganz klar zu seiner Meinung, dass in unsere Familie nur ein Rauhaardackel passt. „Der ist handlich, läuft gerne und ist wachsam.“

Was nun? Drei Leute, drei Vorschläge. Wenn das kein Problem ist.

Wochenlang diskutieren wir im Familien- und Freundeskreis. Eine Lösung scheint nicht in Sicht. Langsam macht sich Frust breit.

Es weihnachtet bereits. Nicht dass jetzt jemand glaubt, unser Hund soll ein Weihnachtsgeschenk werden, nein weit gefehlt. Darüber waren wir uns alle einig.

Ein Lebewesen, egal was es ist, eignet sich nicht als Geschenk zu einem so gefühlsbetonten Fest. Es ist kein Spielzeug, das man nach den Feiertagen, wenn der Reiz verflogen ist, in die Ecke legen kann. Es erhofft sich etwas mehr. Es ist ein Lebewesen, wie du und ich. Es hat Empfindungen, fühlt Freude und Schmerz, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Es sollte ein voll aufgenommenes Familienmitglied werden und auf Lebensdauer bleiben.

Unsere Diskussionen gingen weiter. Eines Abends saßen wir mit Freunden in Münster bei einer Altbierbowle im Brauhaus, als Claudia fragte: „Wie weit seid ihr denn mit der Hundefrage?“ Wir beschreiben unsere Probleme.

Susanne, ein Angsthase erster Ordnung, was Hunde angeht, sagte gleich: „Wenn ihr einen von diesen Hunden bekommt, komme ich nicht mehr zu euch." Worauf Claudia uns fragte: „Warum nehmt ihr keinen Golden Retriever? Der hat treue Augen, ist bestimmt treu, läuft gerne und kann euch beschützen. Nur mit der Handlichkeit kommt das nicht so ganz hin." Mein Mann und ich schauten uns unwissend an. Wie aus einem Mund kam die Frage: „Was ist ein Golden Retriever?“ Worauf Susanne gleich voller Freude zustimmte und sagte: „Ja, das ist der richtige Hund für euch, wenn ihr so einen habt, komme ich auch weiter zu euch!“

Heute kennt jeder einen Golden Retriever. Vor gut 20 Jahren war die Rasse hier in Deutschland kaum bekannt. Von dieser Hunderasse hatten wir jedenfalls noch nichts gehört.

Für uns war es wichtig, in unserem Umfeld keine Probleme zu bekommen. Unser Hund sollte überall genauso gerne willkommen sein wie wir. Wir wohnen in einem Sechsfamilienhaus, und die Einwilligung aller Hausbewohner war für unseren Vermieter die Grundvoraussetzung, einen Hund halten zu dürfen.

Leider waren zwei Familien im Haus nicht so begeistert von unserer Idee. Sie versagten uns zwar nicht die Zustimmung, aber gaben sie uns nur unter der Voraussetzung, diese widerrufen zu können, wenn es Probleme gibt. Damit war klar, dass wir von vornherein gewisse Risiken ausschließen mussten.

Während wir noch diskutierten, war Claudia, wie wir später erfuhren, zum Telefon gegangen. Handys hatten wir noch keine, und sie kam mit den Worten zurück: „Ich stelle euch einen Golden Retriever vor, aber wir müssen gleich los." Es war 22.10 Uhr, und wir mussten noch etwa eine halbe Stunde fahren.

Freunde von ihr hatten einen Golden und waren sofort bereit, uns mit ihrer „Schila“ bekannt zu machen, sogar mitten in der Nacht. Also bezahlen und los!

Die Spannung stieg, die Luft knisterte. Sollten wir wirklich kurz vor dem ersten Ziel stehen? Endlich zu wissen, für welchen Hund wir uns entscheiden. Vielleicht sogar für einen, mit dem alle einverstanden sein konnten.

Wir kamen bei Familie Sohn an. Ein Hund bellte. Susanne, unser Angsthase, blieb erstaunlich ruhig. Keine Panikattacke, das sollte was heißen.

Die Tür ging auf. Freudig wurden wir von einem wedelnden Etwas begrüßt.

Alle wurden wir abgeschnüffelt, niemand ausgelassen, und die Freude war so groß, dass wir das Gefühl hatten, der Hund kennt uns seit Jahren, und wir gehören zu den besten Freunden.

Frau Sohn drückte jedem von uns ein Leckerchen in die Hand, und erst als Schila alles verputzt hatte, war sie bereit, sich friedlich auf ihre Decke zurückzuziehen.

Mein Mann und ich waren begeistert. War insgeheim die Entscheidung schon gefallen?

Familie Sohn erzählte uns unermüdlich alles über Schila und die Hunderasse allgemein. Sie beantworteten uns Frage um Frage und deckten uns mit allerlei Büchern ein, sodass wir uns gründlich über alles informieren konnten.

Sie boten uns an, sie jederzeit bei offenen Fragen anrufen zu können. Sie waren uns wirklich eine tolle Hilfe. Ich kann sogar sagen, sie waren neben unserer Freundin Claudia, die uns das Kennenlernen von Schila ermöglicht hatte, die entscheidenden Menschen, die uns überzeugten, dass dies die Hunderasse ist, die zu uns passt! Ein richtiger Familienhund mit sehr guter, freundlicher, nicht aggressiver Veranlagung.

Ein großer Meilenstein auf dem Weg zu „unserem“ Hund war geschafft.

Wir hätten noch Stunden zuhören können, so viele Geschichten konnten uns die Sohns erzählen. Ganz besonders beeindruckend war die Erzählung über Schila, als die Eheleute einmal verreisen mussten und ihren Hund nicht mitnehmen konnten. Das kann ja einmal passieren, dafür muss auch Vorsorge getroffen werden. Schila wurde gut untergebracht, bei den Kindern von Sohns.

Aber es gab ein böses Erwachen, als die Eltern zurückkamen.

Voller Freude fuhren sie zu ihren Kindern. Die Sehnsucht nach dem Hund war genauso groß wie die nach den Kindern. Aber was war los?

Schila rührte sich nicht. Kein Blick, keine Reaktion, keine freudige Begrüßung. Die Enttäuschung war riesengroß. Obwohl Schila absolut verfressen war, konnte kein Leckerchen sie aus ihrem Schmollwinkel locken. Sie missachtete die Sohns total. Widerwillig machte sie sich, nach mehrmaliger Aufforderung, mit auf den Heimweg. Aber auch da war sie unversöhnlich. Für die Sohns war es eine harte Erfahrung, mit der sie kaum umzugehen wussten.

Ganze zwei Tage hat Schila ihr „Rudel“ mit Verachtung gestraft, bevor sie allmählich wieder zur Tagesordnung überging.

Wie ich schon sagte, hat auch ein Hund Gefühle und Empfindungen. Dazu werde ich noch einiges im Verlauf der Lebensgeschichte unseres Hundes beitragen können.

In den frühen Morgen hinein fuhren wir beglückt von den neuen Erkenntnissen nach Hause. Der Gesprächsstoff ging uns nicht aus.

Wir hatten so viele Eindrücke zu verarbeiten, dass an Schlaf kaum zu denken war. In den wenigen Stunden, die uns dann zum Schlafen blieben, haben mein Mann und ich schon einmal von „unserem Hund“, einem Golden Retriever, geträumt.

Am nächsten Morgen konnten wir es kaum erwarten, unserer Tochter von den Erlebnissen und den gewonnenen Eindrücken zu erzählen. Wir waren wohl so euphorisch, dass unsere Tochter nur sagte: „Meine liebe Güte, euch hat‘s aber erwischt. Das muss ja ein toller Hund sein." Ja, davon waren wir überzeugt.

Es versteht sich von selbst, dass wir von nun an nur noch Ausschau nach dieser Hunderasse hielten. Und so wie das mit einem neuen Autotyp ist, der einem plötzlich überall entgegenkommt, wenn man das Auto selbst fährt, so fiel uns jeder Golden auf, der über die Straße ging. Wir suchten Kontakt zu den Besitzern, kraulten die Hunde und waren immer wieder überrascht, von welchen weiteren guten Erfahrungen die Hundehalter berichten konnten.

Natürlich fragten wir jetzt auch immer, woher die Hunde kamen. In unseren zahlreichen Büchern wurde darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass der Hund von einem verantwortungsbewussten Hundezüchter kommt. Heute wissen wir, wie wichtig dieser Rat war. Auch dazu gibt es später noch einiges zu erzählen.

Familie Sohn, die Besitzer von Schila, konnte uns da leider nicht weiterhelfen. Sie hatten Schila von einem Züchter aus England, der nicht mehr züchtete. Also mussten wir uns jemanden suchen, der uns weiterhelfen konnte und mehr Erfahrung mitbrachte, um den richtigen Golden Retriever für uns zu finden.

Wir hatten auch in Erwägung gezogen, einen Hund aus dem Tierheim zu uns zu nehmen. Da man aber nie weiß, was die Tiere schon erlebt haben und welche „Macken“ sie vielleicht haben, gingen wir das Risiko lieber nicht ein, den Hund wegen eventueller Probleme im Haus zurückgeben zu müssen. Unter anderen Voraussetzungen wäre es für uns der erste Weg gewesen.

Auf ins nächste Abenteuer!

Die Suche beginnt. Wo gibt es den Golden, der zu uns passt?

Die nächste Zeit verbrachten wir damit, Adressen und Telefonnummern zu sammeln. Adressen von Züchtern und Hundebesitzern, die eventuell mal ihre Hündin decken lassen wollten. Zudem gab es in unseren Büchern auch Adressen von Leuten, die im Retriever-Club Mitglied waren, aber auch von Tierärzten, die sich dort engagierten. Viele Telefonate folgten, mit unterschiedlichstem Erfolg. Teilweise gab es sehr geschäftstüchtige Züchter, die uns sofort einen Hund anboten, aber auch, ich sage mal die „Seriösen“, die zunächst Kontakt mit uns wünschten, weil sie abklären wollten, ob sie uns einen Hund anvertrauen können.

Sofort wollten wir keinen Hund. Es schwebte uns der Zeitraum ab Juni vor. Es sollte ja gewährleistet sein, dass jemand zu Hause war und auch Zeit hat für das Tier. Mein Mann ging im Juni in den Ruhestand, und ich wollte dann Urlaub machen. So hätten wir uns gemeinsam dem Hund widmen können, und das kleine Wesen könnte sein neues „Rudel“ gleich voll in Beschlag nehmen und kennen lernen.

Also hatten wir keine Eile. Das Sprichwort sagt: „Gut Ding braucht Weile“. Und das stand fest, es sollte ein gutes Ding werden. Wir waren uns der Tragweite unseres Vorhabens und der Aufgabe voll bewusst.

Immer wieder wurde uns bei all unseren Gesprächen mit Hundebesitzern der Name der Familie Beier genannt. Entweder hatten die Leute von dieser Familie ihren Hund, oder aber das Ehepaar Beier war maßgeblich an der Vermittlung des neuen Haustieres beteiligt. Wahrscheinlich kamen die häufigen Hinweise auf sie zustande, weil Familie Beier von allen ins Auge gefassten Züchtern mit am nächsten in unserem Umkreis wohnte.

Also fassten wir uns ein Herz und riefen bei Familie Beier an. Wir sagten, dass wir von ihrer Golden-Retriever-Zucht gehört hatten und wir schon ein paar von ihren Zuchtexemplaren kennen lernen konnten. Wir erzählten, was wir schon getan hatten, um uns auf einen Hund vorzubereiten, und dass wir jetzt der Meinung waren zu wissen, dass wir einen Golden Retriever wünschen.

Frau Beier hörte uns geduldig zu und sagte: „Was sollen wir das alles am Telefon besprechen, am besten Sie kommen zu uns, und wir können alles in Ruhe bereden." Gesagt, getan. Ein Termin war schnell gefunden, und wir freuten uns auf den Besuch wie Kinder auf Weihnachten.

Familie Beier wohnte etwas außerhalb im Bergischen Land. Das einem Bauernhof ähnliche Anwesen entpuppte sich als Paradies für Hunde. Platz ohne Ende, Auslauf erster Güte. Hier konnte man sich als Hund nur wohlfühlen.

Aber weit gefehlt. Die Hunde, genau sieben an der Zahl, lebten nicht in diesem tollen Gelände, nein, es waren Familienhunde. Zu unserer Begrüßung waren nur zwei erschienen, der Rest hielt sich in der Wohnung auf. Oder besser gesagt, im Wohnzimmer. Wir trauten unseren Augen kaum, als Frau Beier uns ins Wohnzimmer führte. Auf dem Sofa lagen zwei und schliefen in den abenteuerlichsten Verrenkungen, halb auf dem Rücken, lang, alle Viere von sich gestreckt.

Zwei Sessel befanden sich im gleichen Zimmer, nicht für die Gäste. Sie ahnen es schon, je ein Golden hatte es sich darin gemütlich gemacht. Tatsächlich lag auch einer auf dem Fußboden. Die beiden, die zur Begrüßung erschienen waren, kamen jetzt mit ins Wohnzimmer, und einer verschaffte sich liebevoll auf dem Sofa zwischen den anderen beiden Platz und machte es sich dort auch noch gemütlich. Der siebte und letzte hatte mich auserkoren und suchte zu meinen Füßen ein Plätzchen. Der war gar nicht dumm, er wusste, was er wollte. Immer wieder stupste seine tiefschwarze Nase mich an und forderte auf diese Weise Streicheleinheiten ein. Es versteht sich von selbst, dass er nicht lange betteln musste.

Das Ehepaar Beier und wir nahmen auf einer Holzbank an einem langen Tisch Platz. Wir tauschten einige allgemeine Belanglosigkeiten aus und kamen zum eigentlichen Grund unseres Erscheinens. Zunächst sollten wir erzählen, wieso wir einen Hund und nicht etwa eine Katze oder einen Vogel wollten. Es fiel uns gar nicht auf, dass Herr und Frau Beier nicht nur sehr genau hinhörten, sondern auch auf Zwischentöne achteten und danach gezielt die eine oder andere Frage stellten.

So ganz nebenbei fragte Frau Beier mich, ob Dunkelblau meine Lieblingsfarbe sei. Es stimmte. Ich trug eine dunkelblaue Hose, eine helle Bluse und darauf eine ebenfalls dunkelblaue Weste. „Das werden Sie sich wohl abgewöhnen müssen, sehen Sie sich Ihre Hose an." Tatsächlich, die Hosenbeine waren voll von Hundehaaren. Meine spontane Antwort „Es gibt ja Waschmaschinen“ hat Ihr sichtlich gefallen. Sie sprach weiter und ließ uns dabei nicht aus den Augen: „Daran werden Sie sich gewöhnen müssen, Hundehaare überall. Es wird nichts mehr so sein, wie es war. Wenn Sie aber irgendwo hingehen, lassen Sie den Hund am besten zu Hause. Bei fremden Leuten wird das nicht so gerne gesehen, wenn man außer dem Gastgeschenk auch noch ein paar Hundehaare hinterlässt." Theo reagierte prompt: „Wo wir hingehen, geht auch unser Hund hin, wann immer es uns möglich ist." „Aber gewiss wird es auch Ausnahmen geben, wo es wirklich nicht möglich ist, den Hund mitzunehmen“, konterte Frau Beier. Herr Beier ergriff das Wort und beruhigte uns: „Kein Thema, das ist etwas, was der Hund lernen muss, aber auch ohne Probleme lernen kann."

Somit waren wir bei einem ganz brisanten Thema. Wir als zukünftige Ersthundebesitzer hatten keinen blassen Schimmer von Hundeerziehung. Aber, so kann ich heute mit Recht sagen, wir hatten ja die Beiers. Die nächste Frage mit Hintergrund folgte: „Haben Sie Kinder?“

Wir erklärten unsere Familiensituation und bekamen zu hören: „Wenn Sie Ihre Tochter mit Liebe und Konsequenz erzogen haben, wissen Sie auch, wie man einen Hund erzieht." Damals habe ich gedacht: Wie kann man das vergleichen? Heute bin ich um einiges schlauer. Einem Menschen, der mit Tieren nichts im Sinn hat, darf man mit so etwas nicht kommen. Entrüstet wird er sich dagegen wehren, ein Tier mit einem Menschen zu vergleichen. Aber jeder, der ein Tier hat, egal was es ist, ob ein Hängebauchschwein oder ein Hund, ob Katze oder ein Kaninchen, wer dieses Tier in die häusliche Gemeinschaft aufgenommen hat, wird mir recht geben, dass es da sehr wohl viele Gemeinsamkeiten gibt. Aber nichtsdestotrotz gab Herr Beier uns den dringenden Rat, eine Hundeschule zu besuchen.

Nun brachte Frau Beier gleich ein weiteres Beispiel. "Was machen Sie, wenn Ihr junger Hund beim Spaziergang nicht hört und nicht kommt, wenn Sie ihn rufen?“ Instinktiv sagte ich: „Ich versuche, ihn einzufangen." „Prima“, sagte Frau Beier, „die Jagd beginnt. Etwas Schöneres, aus der Sicht Ihres Hundes, können Sie gar nicht tun. Der wird laufen, was die Pfoten hergeben, das ist ein tolles Spiel, welches Sie gewiss verlieren werden. So lange wie ein Hund laufen kann, halten Sie niemals mit. Ich gebe Ihnen den dringenden Rat, auch wenn der Hund Ihre teuerste Krokodilledertasche im Maul hat, drehen Sie sich um, und laufen Sie in die entgegengesetzte Richtung! Der Hund will ja gar nicht von Ihnen weg, der versteht das Spiel nur anders, als Sie glauben."

Ganz abgesehen davon, dass ich keine Krokodilledertasche besitze, habe ich diesen Satz nie mehr vergessen und schon x-mal an andere Hundebesitzer weitergegeben. Für meinen Mann und mich war es aber nie eine Frage, ob wir so etwas wie eine Hundeschule brauchten. Wir sind der Meinung, dass viele Probleme von vornherein ausgeschlossen werden könnten, wenn ein Hund und auch der Besitzer lernen, was der eine von dem anderen will. Die überwiegende Mehrzahl an Problemen ist auf „Bedienungsfehler“ wie beim Computer (ein blöder Vergleich) zurückzuführen. Nein im Ernst, das Wichtigste ist, dem Hund klar verständlich zu machen, was man von ihm verlangt. Ein klares, unmissverständliches Kommando, nur damit kann das Tier etwas anfangen.

Darüber reden wir aber noch später. Wir haben uns jedenfalls vorgenommen, weitgehend alles auszuschließen, was zu Konflikten mit unseren Mitmenschen führen kann. Im täglichen Leben wird man so oft mit schlecht oder gar nicht erzogenen Hunden konfrontiert. Wobei das Hauptproblem aus meiner Sicht bei den uneinsichtigen oder gleichgültigen Hundebesitzern liegt, die wegen falsch verstandener Tierliebe der Meinung sind, dass ein Tier alles darf. Oder noch schlimmer, die sogar den Irrglauben vertreten, mit Zahlung der Hundesteuer sei alles abgegolten.

Wir waren der Meinung, und das hat sich bestätigt, wenn der Hund gut erzogen ist, haben wir mehr Freude an ihm, und er hat mehr Freude an uns. Wenn wir nicht mit ihm schimpfen müssen, fühlt er sich auch wohler. Somit ist ein Zusammenleben wesentlich angenehmer und lässt sich dauerhaft aufrechterhalten. Ich möchte nicht wissen, wie viele Hunde im Tierheim unter irgendwelchen fadenscheinigen Gründen abgegeben werden, weil Mensch und Hund nicht mehr miteinander auskommen, weil man, wie man heute sagen würde, sich auf den Geist geht oder es zu stressig geworden ist.

Aber zurück zur Familie Beier, bei der wir noch zu Besuch sind. Frau Beier, erfahren mit unwissenden „Möchtegern-Hundebesitzern“, kannte alle Situationen und hatte einen kleinen Imbiss vorbereitet. Die Zeit verging wirklich wie im Fluge, und so folgte die nächste Demonstration. Sie bat uns eine Kleinigkeit mitzuessen. Das Angebot nahmen wir gerne an. Aber siehe da, keiner der anwesenden sieben Hunde machte Anstalten zu betteln. Der eine oder andere wagte einen kurzen Blick oder hob mal die Nase, um zu erschnüffeln, was es wohl Gutes gab, und das war‘s. „Donnerwetter“, reagierte ich, „die wissen aber, was sich gehört.“ „So soll es sein“, erwiderte Herr Beier. „Wie wollen Sie sonst mit Ihrem Hund zum Beispiel ein Restaurant besuchen?“ Wo er Recht hat, …..! Anschließend stand er auf, gab ein kurzes „Aber jetzt“ von sich, und in Windeseile verwandelte sich das schlafende, fast träge Rudel in ein quirliges Durcheinander, was nicht schnell genug zur Türe hinauskam. „Futterzeit“, sagte Frau Beier und erklärte uns, wie wichtig es ist, Futterzeiten oder Gassi-Zeiten nach Möglichkeit einzuhalten. Klar kann es auch mal Verschiebungen beim Füttern geben, wenn man einmal länger unterwegs ist. Längere Zeiten zwischen den Hauptmahlzeiten kann man aber gut mit einem großen Leckerchen oder einer Möhre überbrücken.

Der Spruch „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“ kommt wohl daher, dass ein Tier von der Gewohnheit geprägt wird. Man sollte sich möglichst vorher Gedanken darüber machen, welchen Lebensrhythmus man selber hat, damit man die Gewohnheiten, die das Tier erlernen wird, mit dem eigenen Rhythmus überein bringt. Nicht der Mensch muss sein Leben auf das Tier einstellen, sondern das Tier auf seinen Besitzer, natürlich unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Tieres. Das bedeutet zum Beispiel, dass der Hund trotzdem seinen Auslauf braucht, wenn Sie mal ein Wochenende verschlafen wollen.

Es folgte ein weiteres Frage-und-Antwort-Spiel. „Wollen Sie mit dem Hund auf die Jagd gehen?“ Der Retriever ist ja ein Jagdhund, ein sogenannter Apportierhund. Der holt nach dem Schuss das erlegte Kleinwild, egal ob ein Hase oder eine Ente ist. „Übrigens“, sprach Frau Beier weiter, „der Golden ist eine absolute Wasserratte. Der riecht Wasser aus der Ferne. Keine Pfütze ist ihm zu klein. Wenn man ihn lässt, liegt er schneller mittendrin, als Sie reagieren können.“

„Jagdambitionen haben wir nun wirklich nicht, diese Fähigkeit braucht er nicht mitzubringen“, erwiderten wir. „Dann sollte man bei der Auswahl darauf achten, dass der Jagdinstinkt nicht zu sehr ausgeprägt ist“, erklärte uns Frau Beier. „Das kann man, da die Veranlagung dazu durch die Eltern vorgegeben wird.“ Wenn also beide Elternteile gute Jagdhunde sind, hat möglicherweise auch der Welpe diese Fähigkeit.

Nein, wir wollten einen reinen Familienhund, mir schwebte eher vor, mit dem Hund eine Ausbildung zum Rettungshund zu machen. Wir haben Zeit, und dem Tier bekommt es gut, wenn es eine Aufgabe hat.

Herr Beier kam zurück, seine Hundemeute im Schlepptau. Jetzt nutzten die Hunde die Gelegenheit, und jeder einzelne versuchte, etwas Zuneigung von uns zu erhaschen. Sie drängelten sich förmlich um uns herum, damit jeder ein paar Streicheleinheiten mitbekam.

So viele Hände, wie wir jetzt gebraucht hätten, hat kein Mensch, also versuchten die sieben, sich gegenseitig in die beste Position zu bringen. Da die sieben für uns alle gleich aussahen, wussten wir gar nicht, wen wir bereits gekrault hatten und wen nicht. Schließlich sollte keiner zu kurz kommen.

Die Beiers hatten da keine Probleme, der Reihe nach stellten sie uns die Hunde vor. Dabei erfuhren wir, dass es fünf Hündinnen waren und zwei Rüden. Für jeden Hund hatte Frau Beier einen richtigen Stammbaum angelegt. Tolle Wandbilder, auf denen man genau ablesen konnte, welcher Hund von welchen Eltern oder Großeltern abstammte. So wie man das auch von Familienstammbäumen kennt.

In diesem Zusammenhang kam die Frage, ob wir eine Hündin oder einen Rüden wollten. Wir tendierten zu einer Hündin. Herr Beier gab uns aber zu bedenken, dass es sinnvoller ist, wenn man sich umsieht, was im eigenen Umfeld überwiegend vertreten ist. Er sagte, dass es ratsam ist, keine Hündin zu nehmen, wenn in der Nachbarschaft überwiegend Rüden sind. Das könnte zu Problemen führen, wenn die Hündin „heiß“ wird. Es wäre durchaus denkbar, dass sich in dieser Zeit alle Rüden aus der Umgebung vor unserem Haus ein Stelldichein gäben. Das wäre allerdings ein Problem. In unserer Wohnanlage sind wir sowieso die ersten, die sich einen Hund anschaffen wollen, was ja, wie erwähnt, nicht unbedingt auf vollkommene Gegenliebe trifft. Aber das soll uns nicht daran hindern, im Gegenteil. Womöglich wird es Nachahmer geben, wenn dieses Tabu erst einmal durchbrochen ist. Aber auf keinen Fall wollen wir Ärger durch fremde Hunde heraufbeschwören. Also werden wir uns kundig machen, welches Geschlecht in der Straße und der näheren Umgebung überwiegt.

Es gibt Leute, die sagen, ein großer Hund in einer Etagenwohnung wäre Tierquälerei. Wir wohnen auf der ersten Etage. Was sagen die Beiers dazu. Die Antwort war überzeugend. „Ein Hund, egal ob groß oder klein, braucht seinen Auslauf, wenn er den zur Genüge bekommt, legt er sich zu Hause auf seinen Platz und gibt Ruhe. Da spielt es keine Rolle, wo die Wohnung liegt oder wie groß sie ist. Außer dass der Hund das Treppensteigen nicht so gerne hat und es dem Rücken nicht so guttut.“ Viel mehr ärgert die Beiers, dass es Hundebesitzer mit Haus und Garten gibt, die sich nicht die Freude machen, mit ihrem Hund spazieren zu gehen, sondern die Türe zum Garten öffnen, und das war‘s dann. Das ist eher Tierquälerei. Diese Antwort hat uns doch sehr beruhigt, und das Argument können wir aus unserer heutigen Sicht nur unterstützen.

Frau Beier wollte noch von uns wissen, ob wir uns klar darüber sind, dass ein Hund auch Kosten verursacht, zum Beispiel die Hundesteuer, eine Haftpflichtversicherung, unbedingt empfehlenswert, heute sogar Pflicht. Sollte der Hund mal jemandem ins Fahrrad laufen, und der Fahrradfahrer stürzt, kann das teuer werden. Oder der Hund kann jemanden anspringen und Textilien verunreinigen oder, oder, oder. Hinzu kommen die Futterkosten. Die Zeiten, in denen der Hund von Resten aus der Küche ernährt wurde, sind vorbei. Aber ganz wichtig und unter Umständen erheblich sind die Tierarztkosten. Dafür gibt es zwar auch Versicherungen, aber das muss jeder für sich entscheiden. Jedenfalls braucht der Hund seine regelmäßigen Impfungen. Vor allem wenn er mit auf Reisen geht, sind gewisse Impfungen zwingend vorgeschrieben und haben ihren Preis. Tja und krank kann ein Hund auch mal werden, da ist man schnell ein paar hundert Mark, heute Euro, los. Aber darüber waren wir uns im Klaren. Was das Tier braucht, soll es haben, wie jedes Familienmitglied.

„Wollen Sie eventuell mit Ihrem Hund züchten oder auf Ausstellungen gehen“, waren die nächsten Fragen. „Nein, ein ganz klares Nein“, konnten wir dazu nur sagen. Wir waren einmal auf einer Hundeausstellung in Dortmund, weil wir dort eventuell Kontakt zu einem Züchter aufnehmen wollten. Das hat uns überhaupt nicht gefallen. Darüber kann jeder denken, wie er will, aber für uns war das nichts. Die Beiers gingen regelmäßig auf Ausstellungen, weil es für Züchter wichtig ist, dass ihre Hunde gut bewertet werden, was auch okay ist, aber bitte, wir wollen es nicht.

Tja und Züchten, nein, auch das entsprach nicht unseren Vorstellungen. Zum ersten, weil wir glauben, dass eine Etagenwohnung dafür wirklich nicht geeignet ist, und weil wir nicht wüssten, welche Aufgaben wir da zu erfüllen hätten. Frau Beier war zwar der Meinung, dass man das lernen kann und sie uns auch gerne zur Seite stehen würden, aber wir lehnten dankend ab.

So langsam ging unser Besuch zu Ende. Alles, was wichtig war, hatten wir besprochen. Wir wussten aber immer noch nicht, wie wir jetzt an einen Hund kommen. Das Ehepaar Beier erklärte uns, dass wir mit unserer Einstellung und in unserer Situation die idealen Bewerber sind, aber dass sie für den angegebenen Zeitraum, ab dem wir einen Hund haben möchten, keinen Wurf erwarten.

Wumm! Unsere Gesichter wurden lang und länger. Die Enttäuschung war nicht zu verbergen. Aber Herr Beier holte Luft und sagte: „Ich werde mich darum kümmern.“ Rufen Sie uns möglichst bald an, und sagen Sie uns, ob es bei einer Hündin bleibt oder ob es doch eventuell ein Rüde sein soll. Dann höre ich mich um und informiere Sie darüber, wann und wo ein Wurf zu erwarten ist.“ “Toll, Herr Beier, das ist ein Wort, danke schön!“ Das war ein gutes Ende eines schönen Nachmittags. Er hatte sich gelohnt. Nun mussten wir nur noch auf unseren Hund warten. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Das große Warten.

Das neue Jahr war schon zwei Monate alt. Die Entscheidung war gefallen, wir blieben dabei, wir wollten eine Hündin.

Unsere Spaziergänge entwickelten sich zu reinsten Tierexpeditionen. So wie wir früher durch unsere Tochter Kontakt zu Menschen mit Kindern bekamen, so richteten wir nun unsere Aufmerksamkeit auf Hundebesitzer in unserem Umfeld. Es war uns bislang nicht aufgefallen, wie viele Hunde tatsächlich in unserer Nachbarschaft lebten. Zwei Terrier, beides Rüden, die aber ständig wegen ihres störrischen Wesens an der Leine gehalten wurden. Ein Collie, eine Hündin, ganz lieb und gehorsam. Ein Pudel, schon älter, jenseits von Gut und Böse. Mit allen diesen Hunden dürfte eine Hündin keine Probleme bekommen. Ein Pekinese, mehr Schoßhund, der leider kaum laufen durfte, weil sein Besitzer ihn zum Pieseln immer auf die Wiese trug und von dort schnell wieder zurück. Das Geschlecht blieb uns ein Rätsel. Eine „reinrassige Promenadenmischung“, ein Rüde, kastriert, ebenfalls kein Problemhund. Ein kleiner weißer Spitz, lieb aber absolut unerzogen, ein Rüde. Ein Dalmatiner, sportlich, gut erzogen, Rüde, aber außer Kontrolle, wenn ein fremder Hund ins Spiel kam.

Wir kamen ins Grübeln. Aber nach Abwägung des Für und Wider blieben wir bei unserem Wunsch nach einer Hündin. Das teilten wir Ende Februar Familie Beier mit. Jetzt ging es in die nächste Runde. Herr Beier hatte uns darüber informiert, dass er sich jetzt umhört, wo eine Hündin trächtig ist oder ein Wurf geplant wird. Wir hatten ja noch etwas Zeit. Eine Hündin trägt ungefähr zwei Monate, wie bei Menschen schon mal ein paar Tage mehr oder weniger. Dann sollten die Welpen mindestens acht bis zehn Wochen bei der Mutter bleiben, bevor sie zu den neuen „Eltern“ umziehen können.

Ende März klingelte das Telefon, und Herr Beier teilte uns mit, dass in Koblenz Mitte April ein Wurf erwartet würde. Die Hundeeltern seien von guter Abstammung, sodass wir davon ausgehen könnten, dass gescheiter Nachwuchs zu erwarten wäre. Also hofften wir auf diesen Wurf. Die Spannung stieg.

Mein Mann hatte Anfang April Geburtstag. Sein letzter im aktiven Berufsleben. Es wurde natürlich gefeiert, und immer gibt es Probleme mit den Geschenken. Dieses Jahr hatte ich mich schon gewundert, warum keiner bei mir nachfragte, was das Geburtstagskind sich wünschte. Umso erstaunter waren wir über den Einfallsreichtum der Gäste. Die Augen meines Mannes wurden von Geschenk zu Geschenk größer.

So etwas hatte er noch nie erlebt. Wenn es sonst Bücher, Museums-Eintrittskarten oder Grappa, seinen Lieblingsschnaps, gab, waren es diesmal ein Edelstahl-Futternapf für den Hund, eine Bürste für den Hund, ein Kamm, nicht für meinen Mann, nein, natürlich für den Hund. Ein Buch mit dem Titel „Der Golden Retriever“ war auch dabei. Das Buch kannten wir schon, Sie wissen ja, die vielen Bücher der Familie Sohn. Aber dieses gehörte jetzt meinem Mann. Die anderen Bücher mussten wir ja wieder zurückgeben. Tja und zum Schluss gab es noch ein Fahrrad, denn Hund und Herr brauchen ja Bewegung. Eigentlich hätten wir den Gästen, da der Geburtstag ganz im Zeichen des Hundes stand, Hundekuchen servieren müssen. Davon haben wir dann aber zum Wohle der Gäste Abstand genommen.

Es versteht sich von selbst, dass das Hauptthema des Abends Hundegeschichten waren. Es ist erstaunlich, was man plötzlich von den Leuten so alles erfährt, was früher kein Thema war. Äußerst amüsant. Nun war die Aussteuer für den Hund fast komplett. Hundedecke, Halsband und Leine waren auch schnell besorgt. Was jetzt noch fehlte, war der Hund.

Am 17. April rief Herr Beier an. Jetzt ist es soweit, dachten wir! Aber leider war es keine schöne Nachricht. Der Wurf in Koblenz war da. Sieben Welpen, nicht sehr viele, aber auch nicht unnormal. Aber, und das war das Problem, nur eine Hündin war dabei, und die wollte der Züchter selber behalten. Schade! Herr Beier wollte weiter Ausschau halten. Zwei Tage später rief er wieder an. „Sind Sie bereit, nach Schweden zu fahren?“, war seine Frage. Ein toller Wurf von einer bestens bewerteten Hündin. Viele Auszeichnungen auf Ausstellungen, aber das war uns doch ein bisschen weit. Also ging das Warten weiter.

Ende April ein Wurf in Aachen. „Die Jungen habe ich gesehen, damit können Sie keinen Blumentopf gewinnen“, war seine Botschaft. Nachtigall, ick hör dir trapsen, was ging da in seinem Kopf herum. Hatten wir nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht, dass wir keine Lust hatten, auf Ausstellungen zu gehen. Sollte sein Einsatz nur darauf zurückzuführen sein, dass er insgeheim doch hoffte, unsere Meinung würde sich ändern? Das mussten wir klären. „Lieber Herr Beier, bitte akzeptieren Sie doch, dass wir nur einen Familienhund haben wollen, ansonsten nichts.“ Seine Antwort lautete: „Sie wären nicht die Ersten, die Ihre Meinung ändern, wenn der Hund erst mal da ist. Warten Sie es doch mal ab.“ Okay, wenn er meint. Seine Suche ging weiter, und unsere Spannung stieg wieder an.

Lange hörten wir nichts. Wir hatten schon Sorge, er hätte es sich doch anders überlegt, nachdem wir noch einmal unser Desinteresse an Ausstellungen kundgetan hatten. Mitte Mai, es war mein Geburtstag, immer noch keine Nachricht. Jetzt wollten wir wissen, was los ist, und riefen bei Beiers an. Wir erfuhren von Frau Beier, dass ihr Mann mit einer Hündin in Schweden war, um sie dort von einem Rüden decken zu lassen. Wir sollten uns keine Sorgen machen, wir wären nicht vergessen. Wenige Tage später rief er an. Er wollte wissen, ob wir noch ein paar Wochen länger auf einen Hund warten würden, denn wenn das mit ihrer Hündin geklappt haben sollte, könnten wir von diesem Wurf eine Hündin bekommen. Für uns hätte das aber bedeutet, mindestens bis Mitte September warten zu müssen. Nun gut, wenn wir vorher sowieso keinen Hund bekämen, würden wir das auch überleben.

Mit meinen Urlaubsplänen für Juni, bei gleichzeitiger Betreuung unseres Familienzuwachses, schien das ja sowieso nichts mehr zu werden. Doch es kam alles anders. Die Hündin war leer geblieben, und somit waren keine Welpen zu erwarten. So fingen wir wieder von vorne an.

Wir dachten schon darüber nach, ob wir nicht noch jemanden, der sich auskannte, um Mithilfe bei der Suche bitten sollten. Dann endlich tat sich wieder etwas.

Herr Beier hatte auf einer Versammlung von einem zu erwartenden Wurf Ende Mai gehört, im hohen Norden in der Nähe von Flensburg. Das war eine Entfernung, die zu bewältigen war. Außerdem hatten wir Freunde in dieser Gegend, bei denen längst mal wieder ein Besuch fällig war. Wir bekamen den Namen von der Züchterin, Frau Mary Bourry, offensichtlich eine Engländerin.

Man unterscheidet beim Retriever zwischen englischer und dänischer Linie. Es würde zu weit führen, darauf näher einzugehen, denn ich will ja kein Buch über Hunderassen schreiben. Wir bekamen die Telefonnummer und sollten in den nächsten Tagen dort anrufen. Von wegen in den nächsten Tagen. Herr Beier hatte das Gespräch noch nicht ganz beendet, wählte mein Mann schon die Nummer. Verdammt spannend, was würden wir wohl jetzt erfahren? Das Klingelzeichen war zu hören, einmal, zweimal, dreimal, da wir höfliche Menschen sind, legten wir nach dem achten Klingeln auf. Schade, leider keiner da. „Vielleicht habe ich falsch gewählt“, tröstete mein Mann sich selbst. Also versuchten wir es erneut, und diesmal ganz langsam. Unsere Spannung war kaum zu ertragen, noch einmal, wieder nichts.

Das nützte alles nichts, wir mussten uns noch etwas gedulden. „Wir versuchen es heute Abend noch einmal“, ermunterten wir uns selbst. Gesagt, getan. 17.30 Uhr, jetzt wollten wir es wissen.

Spannung, es läutet, zweimal, dreimal, Totenstille. Plötzlich erklang aus dem Hörer: „Bourry!“ Vor Schreck versagte meinem Mann fast die Stimme. Aber er fing sich schnell wieder, ein Räuspern, und los ging‘s: „Ja, guten Abend, entschuldigen Sie bitte die späte Störung.“ So ein Blödsinn, es war früh am Abend oder später Nachmittag. „Wir rufen aus der Nähe von Köln an und haben gehört, dass Sie Junge erwarten.“ Mein Gott, was soll die Frau denken, mein Mann sprach, als hätte er noch nie telefoniert. Aber erstaunlicher Weise reagierte unser Gegenüber sehr aufgeschlossen und konterte perfekt: „Nicht ich, aber eine meiner Hündinnen.“ „Ja, wir hätten gerne eine Hündin und wollten fragen, ob das wohl machbar ist?“

Da wurde die Stimme am anderen Ende schon etwas merkwürdiger. Sie sagte ziemlich forsch zu meinem Mann: „Wie stellen Sie sich das denn vor, ich kenne Sie doch gar nicht, ich kann Ihnen am Telefon nicht einfach einen Hund verkaufen.“ Alle Achtung, das saß! Mein Mann suchte nach Worten. Mehr entschuldigend als informativ sprach er weiter: „Aber Herr Beier hat uns doch gesagt, dass wir bei Ihnen nachfragen sollten.“ „Ach so, Sie sind das, ja da hat er von gesprochen“, so Frau Bourry weiter, „ja den Herrn Beier kenne ich gut, wenn der Sie an mich verwiesen hat, sieht das schon ganz anders aus.“ „Kennen Sie Herrn Beier persönlich?“, fragte sie weiter. „Ja, ja“, reagierte mein Mann, wie aus der Pistole geschossen. „Seit über einem halben Jahr sucht er mit uns.“ Das war falsch, denn er suchte für uns nach einem Hund. „Da er bis jetzt aber noch nicht das Richtige gefunden hat“, sprach Theo weiter, „gab er uns Ihre Telefonnummer.“ Frau Bourry überlegte. Dann sprach sie weiter: „Wie können wir das denn machen, ich würde Sie ja gerne mal kennen lernen. Ich sehe mir die zukünftigen Hundebesitzer gerne vorher an, um dann aus dem Wurf auch das richtige Tier auszuwählen.“ „Kein Problem“, erwiderte mein Mann sofort, „sind Sie am Wochenende da, dann kommen wir vorbei.“ Der Mann hat Nerven, mal einfach vorbeikommen, immerhin gut 500 Kilometer, dachte ich so für mich. Aber wenn es der Sache dient. Frau Bourry schien beeindruckt und meinte, dass sie uns die Strecke nicht zweimal zumuten wolle, es würde reichen, wenn wir die Strecke fahren würden, um den Hund abzuholen. Dann klärte sie uns über ein paar Dinge auf.

Zum einen wüsste sie nicht, wie der Wurf ausfallen würde. Eine Vorbestellung für zwei Hündinnen hätte sie schon. Es müssten in diesem Wurf also mindestens drei Hündinnen sein, damit wir auch eine bekommen könnten. Dann erklärte sie uns, dass der Welpe möglichst morgens, am Tag X, abgeholt werden müsste. Dies hatte den Grund, dass der Hund sich ein wenig an die neue Situation gewöhnen sollte, bevor die Nacht käme und das Tier sich alleine überlassen bliebe.