Ein Geschenk zur Winterzeit - Karen Swan - E-Book

Ein Geschenk zur Winterzeit E-Book

Karen Swan

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Beschreibung

Der neue Weihnachtsroman von SPIEGEL-Bestsellerautorin Karen Swan: große Gefühle für die schönste Zeit des Jahres

In den tief verschneiten Cotswolds wartet Natasha gespannt auf Nachrichten vom anderen Ende der Welt …

Natasha liebt die Weihnachtszeit, doch dieses Jahr ist die Stimmung am Tiefpunkt: Ihre kleine Tochter Mabel hat im Urlaub ihr Lieblingskuscheltier verloren und ist untröstlich. Verzweifelt bittet Natasha in den sozialen Medien um Hinweise. Ihr Hilferuf erreicht auch den Bergsteiger Duffy, der gerade in Nepal unterwegs ist – im Gepäck das Kuscheltier, das er auf der Reise gefunden hat. Er verspricht, regelmäßig Fotos und Nachrichten zu schicken. Bald wartet nicht nur Mabel sehnsüchtig auf Neuigkeiten von Duffy, sondern auch Natasha. Dieser Fremde am anderen Ende der Welt lässt ihr Herz höherschlagen ...

»Ein Buch, das man nicht zur Seite legen kann.« Bella

»Karen Swan schreibt die bezauberndsten Weihnachtsromane.« The Visitor

»Fesselnd und zauberhaft.« Woman

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Seitenzahl: 671

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Buch

Ein Urlaub auf den Malediven soll die Ehe von Natasha und Rob Stoneleigh retten – eine Woche Strand und Sonne mitten im November. Doch auf dem Heimflug verliert die dreijährige Tochter Mabel ihr heiß geliebtes Kuscheltier. Die Kleine ist untröstlich und beschert ihrer Mutter Natasha schlaflose Nächte. In ihrer Verzweiflung bittet Natasha schließlich in den sozialen Medien um Hinweise. Ihr Hilferuf geht viral und erreicht sogar den Bergsteiger Duffy, der gerade zum Trekking im Himalaja unterwegs ist – im Gepäck das Stofftier, das er unterwegs gefunden hat. Da er keine Möglichkeit hat, es nach England zurückzusenden, beginnt er, regelmäßig Fotos und Nachrichten an die kleine Mabel zu schicken. Bald wartet nicht nur Mabel sehnsüchtig auf Neuigkeiten aus Nepal, sondern auch Natasha. Denn dieser Fremde am anderen Ende der Welt scheint ihr näher zu sein als ihr eigener Ehemann …

Weitere Informationen zu Karen Swan sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Karen Swan

Ein Geschenk zur Winterzeit

Roman

Aus dem Englischen von Sylvia Strasser

Die englische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel »The Christmas Postcards« bei Pan Books, an imprint of Pan Macmillan, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Dataminings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung September 2023

Copyright © 2022 by Karen Swan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: Alamy / Tim Gainey; shutterstock

Redaktion: Beate De Salve

LS · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN: 978-3-641-30571-0V001

www.goldmann-verlag.de

Für Michael Georges – dafür, dass er so viele Löcher gegraben hat.

Prolog

Whinfell, Cumbria, Oktober 2018

Ich kann nicht.« Natasha hielt das Drahtseil so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Der Steg schwankte ein wenig, als Helena am anderen Ende herunter- und auf die Plattform sprang. Sie war eher wie ein Eichhörnchen aus Disneys Schneewittchen und die sieben Zwerge über die Holzplanken gehüpft, nicht wie eine Zahnärztin im Praktikum aus Somerset. Jetzt drehte sie sich schwungvoll um. Als sie Natasha sah, die in der Mitte des Stegs wie versteinert dastand, änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Die übermütige Freude wich Überraschung und dann einem spitzbübischen Grinsen.

»Sag bloß, du hast Schiss!« Lachend klatschte sie in die Hände. »Das ist echt zu komisch!« Sie griff zu ihrem Handy und schoss ein paar Fotos von der zur Salzsäule erstarrten Natasha.

Die schaute sie voller Panik an. Sie stand da wie angewurzelt, aber selbst ein Blinder hätte sehen können, dass es keine Wurzeln gab, die sie hätten festhalten können. Sie befand sich knapp zehn Meter über dem Boden, und ihr einziger Halt war das Drahtseil.

»Ich kann nicht«, sagte sie noch einmal mit so viel Nachdruck wie möglich.

»Schätzchen, wenn du in deinen Vintage Jimmy Choos betrunken über Kopfsteinpflaster laufen kannst, dann kannst du, verdammt noch mal, auch hier drüberlaufen! Nicht runtergucken! Blick geradeaus – und zack, zack! Du hältst den ganzen Betrieb auf.«

Natasha blickte ängstlich wieder nach unten und versuchte, sich auf ihre Turnschuhe zu konzentrieren, als wollte sie ihre Beine durch schiere Willenskraft zwingen, sich in Bewegung zu setzen. Aber wie von einem kleinen Teufelchen dirigiert, richtete sich ihr Blick geradewegs in die Tiefe. Der mit Kiefernzapfen übersäte Boden schien sich wellenförmig zu bewegen. Natasha ging wimmernd und mit gespreizten Beinen in die Hocke, was weder elegant noch würdevoll aussah und vor allem höchst unbequem war. Ihre Oberschenkel brannten.

Der Baumwipfelpfad schwankte erneut, als Sara hinter ihr einen Schritt auf sie zu machte.

Immer drei Schritte Abstand zueinander halten, hatte ihnen der Typ eingeschärft, der ihnen das Sicherheitsgeschirr angelegt hatte. War sie denn die Einzige, die ihm zugehört hatte? Wahrscheinlich waren die anderen zu sehr von Helenas lasziven Tanzbewegungen hinter seinem Rücken abgelenkt gewesen.

»Jetzt mach schon, Nats!«, rief Sara hinter ihr. »Komm endlich in die Gänge! Es wird kalt, wenn man sich nicht bewegt.«

»Ich … ich …«, stammelte Natasha. Sie versuchte sich aufzurichten – vergeblich. Ihr Körper fühlte sich an wie in Zement gegossen. »Ich kann nicht!«

»Denk an die Margaritas, die auf uns warten, Nats!«, rief Helena. »Mmh!«

Von der sicheren Plattform rings um den Baumstamm aus ließ sich das leicht sagen. Natasha warf einen verzweifelten Blick dorthin. Dreizehn Schritte, und sie wäre in Sicherheit. Warum war sie überhaupt stehen geblieben? Wäre sie weitergegangen, wäre alles längst überstanden. Sobald sich ihr Hirn einschaltete, fingen die Probleme an. Immer.

Weiter hinten wurden ärgerliche Stimmen laut.

»Was ist denn los da vorn?«

»Warum geht’s nicht weiter?«

Sie hatte einen Stau verursacht. Wegen des Sicherungssystems gab es keine Möglichkeit, jemanden auf dem Pfad zu überholen, und ausgeklinkt werden konnte man nur auf einer der Plattformen. Solange sie alles blockierte, saßen auch alle anderen fest.

»Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht«, flüsterte sie so leise, dass niemand es hörte.

Sie senkte den Kopf und merkte, wie sehr sie zitterte. Sie konnte weder vor noch zurück. In luftiger Höhe wartete sie auf den Absturz.

»Hey!« Der Ruf drang durch den Nebel, der sich über sie gesenkt hatte. Unten stand der Typ, der sie eingewiesen, ihnen das Sicherheitsgeschirr angelegt und die Dose mit dem Passionsfrucht-Martini-Mix von Helena entgegengenommen hatte. Die Hände in die Hüften gestemmt, schaute er zu ihr hoch. »Alles in Ordnung?«

»Können Sie ihr nicht sagen, dass sie weitergehen soll?«, schrie jemand von hinten.

»Sie hockt jetzt schon seit fünf Minuten so da!«, warf ein anderer genervt ein.

Der Mann betrachtete Natasha einen Augenblick. Ihm musste klar sein, dass kein Mensch freiwillig in dieser erniedrigenden und schmerzhaften Stellung ausharren würde.

»Okay, ich komm rauf«, sagte er schließlich.

Natasha beobachtete, wie er die Leiter zu der Plattform an dem Baum vor ihr hinaufkletterte. Sekunden später stand er neben Helena. Sie sagte etwas zu ihm, und er nickte. Als er auf den Steg trat und dieser sich unter seinem Gewicht straffte, schnappte Natasha unwillkürlich nach Luft. Doch der Mann schlenderte so unbekümmert auf sie zu, als bewege er sich in einem Pub.

»Nats, nicht wahr?«

Sie nickte.

»Geht es Ihnen nicht gut? Ist Ihnen schlecht?«, fragte er, als er vor ihr stehen blieb.

Sie schaute aus ihrer kauernden Position zu ihm auf.

»Sie … Sie haben sich gar nicht eingeklinkt«, flüsterte sie ungläubig und klammerte sich noch fester an das Drahtseil. Er könnte jeden Augenblick in den Tod stürzen.

»O Scheiße!«, entfuhr es ihm, als er an sich herunterschaute und feststellte, dass er ungesichert war. »Das vergess ich jedes Mal.« Er klinkte den Karabinerhaken, der an seinem Geschirr befestigt war, an das Seil. »Sagen Sie bitte meinem Boss nichts davon«, schob er grinsend hinterher.

Natasha erwiderte nichts darauf. Seine lässige Unbekümmertheit half ihr in keiner Weise.

Er ging vor ihr in die Hocke, die Unterarme auf den Knien.

»Sie kommen also wirklich nicht weiter, oder?«

»Ich kann nicht«, flüsterte sie. »Tut mir leid.«

»Das muss Ihnen nicht leidtun. Wir kriegen Sie schon wieder da runter. Ihnen wird nichts passieren, versprochen.«

Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Er hatte gütige Augen und machte sich nicht lustig über ihre Feigheit. Als er sich aufrichtete, schwankte der Steg ein wenig, und sie klammerte sich wimmernd an das Drahtseil. Ihr Atem ging flach, und plötzlich hatte sie ein Engegefühl in der Brust. Ihr war, als würde sie jeden Moment abstürzen, vielleicht sogar sterben.

Er legte seine Hand auf ihre, und sie hielt das Seil so krampfhaft umklammert, dass es ihr das Blut abschnürte.

»Okay, Nats, ich bin Tom. Ich werde nicht zulassen, dass Sie hinunterfallen, versprochen. Vertrauen Sie mir?«

Was war das für eine Frage? Er war ein Fremder! Wieso sollte sie ihm vertrauen?

Er lachte leise, als sie nicht antwortete. »Das heißt dann wohl nein.«

Ihre Augen – das Einzige, was sie bewegen konnte – wanderten in seine Richtung.

»Macht nichts. Mit Verachtung und Misstrauen komm ich schon klar.«

Unwillkürlich musste sie lächeln.

»Ha, sehr gut! Sie lächelt.« Er grinste, und trotz ihrer Panik bemerkte sie, wie gut er aussah: Er war einer dieser unbekümmerten, fröhlichen, athletischen Burschen, bei denen alles spielerisch wirkte. »Okay, als Erstes versuchen wir, Sie auf die Füße zu stellen. Keine hastigen Bewegungen! Richten Sie sich ganz langsam auf.«

Aufrichten? Genauso gut hätte er verlangen können, dass sie einen Handstand machte. Ihr Lächeln erstarb, ihr Atem ging schnell und flach.

»Nein.« Sie musste in dieser geduckten Haltung bleiben, klein und unauffällig.

Einige Sekunden lang sagte niemand etwas. Sie spürte seinen abschätzenden Blick auf sich ruhen. Offenbar wurde ihm gerade klar, dass sie nicht einfach nur Angst hatte. Sie befand sich in Schockstarre, war so bewegungsunfähig, als wäre sie festgeschweißt worden.

»Okay, dann probieren wir es mit ›Aufstehen für Anfänger‹. Sie halten sich rechts und links fest, und ich greife Ihnen unter die Arme und ziehe Sie langsam hoch. Das gibt Ihnen ein Gefühl von Sicherheit und …«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.«

Wieder entstand eine Pause. Wie sollte sie gehen, wenn sie nicht einmal aufstehen konnte?

Sie sah, wie er sich hin- und herdrehte. Vermutlich hielt er nach einem Kollegen Ausschau, aber der nächste hatte ein paar Bäume weiter alle Hände voll mit der Geburtstagsgesellschaft eines kleinen Jungen zu tun. Zutiefst gedemütigt beobachtete sie, wie die Kinder freihändig und ohne jegliche Angst auf den Stegen hüpften und herumturnten.

Tom drehte sich wieder zu ihr. »Okay, dann versuchen wir es anders. Wenn Sie erlauben, werde ich Sie in die Arme nehmen. Sie machen die Augen zu und überlassen es mir, Sie zu führen.«

»Nein«, hauchte sie kaum hörbar.

»Na ja, entweder das oder ein Betäubungspfeil.«

Ihr Kopf fuhr hoch.

Tom zuckte mit den Schultern. »Das hab ich nur halb im Scherz gemeint.«

Sie schluckte kräftig.

»Schließen Sie die Augen. Tun Sie’s für mich. Ich mache nichts, ehrlich. Schließen Sie einfach die Augen, und spüren Sie dem Gefühl nach, wie es ist, hier oben zu sein.«

»Genau das will ich eben nicht«, murrte sie.

»Ich weiß.« Er grinste, als hätte sie einen Witz gemacht. »Aber wenn Sie ein Gefühl für die Höhe entwickeln und merken, dass Sie nicht runterfallen, wird Ihre Intuition das Kommando übernehmen. Ihrem Körper gefällt es hier oben vielleicht nicht, aber Ihr Verstand wird begreifen, dass Ihnen nichts passieren kann. Versuchen Sie es. Ich bin bei Ihnen, ich passe schon auf Sie auf.«

Als sie zögernd die Augen schloss, schärften sich ihre anderen Sinne. Sie registrierte deutlich den Wind ringsherum und sogar unter sich. Sie fühlte das gedrehte Drahtseil, das sich in ihre Handflächen grub, das stabile Eichenholz unter den Füßen, das Brennen in den Oberschenkeln. Sie bekam ein Gespür für ihren eigenen Körper – die Gefahr war da, aber sie war beherrschbar.

Sie machte die Augen wieder auf.

»Okay?« Tom musterte sie aufmerksam.

Sie nickte.

»Können Sie jetzt aufstehen?«

Hastig schüttelte sie den Kopf.

»Darf ich näher kommen und Sie halten? Ich verspreche Ihnen, ich werde keine Dummheiten machen. Aber das wird Ihren Nerven die Lust verderben, sich so danebenzubenehmen, wie Sie es jetzt gerade tun.«

»Also gut.« Sie verzog den Mund zu einem angedeuteten Lächeln. Sie würde alles tun, wenn sie bloß hier wieder runterkam.

»Sehr schön. Also, ich werde jetzt auf die Planke treten, auf der Sie stehen. Der Steg wird ein wenig schwanken, aber er wird nicht kippen, und wir werden nicht abstürzen.«

Bevor sie zum Nachdenken kam, machte er auch schon einen Schritt auf sie zu. Der Steg schaukelte leicht, und ihre Hände schossen auf der Suche nach Halt instinktiv nach vorn. Als sie das Drahtseil losließ, legte er im selben Moment seine Arme um sie, zog sie an sich und hielt sie ganz fest. Jetzt konnte sie außer dem schwarzen Fleece seiner »North Face«-Jacke zwar nichts mehr sehen, aber immerhin war sie auf den Füßen.

»Alles in Ordnung?« Sie spürte die Frage eher als tiefes Vibrieren in seiner Brust, als dass sie sie hörte.

»Mhm.«

»Wunderbar! Und jetzt stellen Sie sich auf meine Füße.«

»Hä?«

»Stellen Sie sich auf meine Füße!«

»Das kann ich nicht. Ich will Ihnen doch nicht wehtun.«

»Das wird wohl kaum passieren.« Er lachte, und auch das nahm sie als dumpfes Vibrieren wahr. »Na los, machen Sie schon. Keine Bange, der Wahnsinn hat Methode.«

Vorsichtig trat sie ihm erst auf den einen, dann auf den anderen Fuß. Das war absolut lächerlich, aber anscheinend die einzige Alternative zu einem Betäubungspfeil.

»Und jetzt gut festhalten!«

»Was haben Sie vor?«, fragte sie und klammerte sich an ihn.

»Stellen Sie sich einfach vor, dass wir tanzen.«

»Tanzen?«, quiekte sie entsetzt.

»Ja. Wir …«, begann er und drehte sich plötzlich auf den Fersen um hundertachtzig Grad, »… wenden.«

Bevor sie protestieren konnte, war es auch schon passiert. Er nahm eine Hand von ihrem Rücken und fingerte dann zwischen ihnen an einem Karabiner an seinem Geschirr herum. Sie begriff, dass er sich erst aus- und dann wieder einklinkte, damit sie sich nicht verhedderten. Danach hantierte er an ihrem Geschirr.

Nur wenige Augenblicke später lagen seine Hände wieder auf ihrem Rücken. Er bewegte sich schnell und mit schlafwandlerischer Sicherheit. Angst schien für ihn ein Fremdwort zu sein.

»Immer noch alles okay?«

Sie brachte ein knappes Nicken zustande, und das auch nur mit Mühe. Was tat sie hier eigentlich? Sie stand einem Fremden auf den Füßen, klebte förmlich an ihm und wartete in zehn Meter Höhe auf den tödlichen Absturz.

»Können Sie Walzer tanzen?«, fragte er, wartete aber nicht auf ihre Antwort. »Das ist kinderleicht. Eins, zwei, drei; eins, zwei, drei; eins, zwei, drei.«

Eine Hand auf dem Drahtseil, die andere auf ihrer Hüfte, bewegte er sich im Takt, bis er auf einmal einen großen Schritt machte. Sie schnappte unwillkürlich nach Luft und klammerte sich noch fester an ihn.

»Sie können die Augen jetzt aufmachen«, sagte er nach einer Weile.

Hä? Sie waren stehen geblieben. Vorsichtig öffnete sie ein Auge und bog sich zurück, so weit sie konnte – was nicht sehr weit war, weil er ihre Sicherheitsgeschirre irgendwie miteinander verbunden hatte. Dann klickte der Karabiner, und sie war frei.

»Terra firma sozusagen«, sagte er und grinste, als er ihren auf die Plattform gerichteten Blick bemerkte.

Natasha stieg von seinen Füßen und taumelte rückwärts.

»O Gott, es ist vorbei, es ist vorbei!«, wisperte sie, die flache Hand auf ihrer Brust.

Dann sank sie auf die Knie und ließ den Kopf hängen. Es war vorbei.

»Nach so einer heldenhaften Vorstellung hätte ich auch weiche Knie!«, spottete Helena und lachte Tom kokett an. Sie würde mit jedem flirten, und wenn es der Postbote war. »Wie kann sie Ihnen nur danken?«

»Nicht nötig, das gehört zum Service«, antwortete Tom schmunzelnd. Er klinkte sich vom Sicherheitsseil aus und ging vor Natasha in die Hocke. »Geht es wieder?«, fragte er leise.

Sie schaute auf, und ihr wurde flau im Magen, so peinlich war ihr das Ganze. Zum ersten Mal sah sie ihn richtig, ohne mit vor Angst getrübtem Blick. Er war, wie sie bereits wusste, groß, hatte braunes Haar, buschige Brauen und blaue Augen. Da war etwas in seinem Lächeln, in seiner freundlichen Stimme, was in ihr den Wunsch weckte, ihm die Arme um den Hals zu legen und ihr Gesicht an seine Halsbeuge zu schmiegen. Er wirkte irgendwie vertraut, als wären sie einander schon einmal begegnet.

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich bin ein richtiges Weichei.«

»Unsinn! So was kommt andauernd vor. Machen Sie sich keinen Kopf deswegen. Sie haben sich wacker geschlagen.«

Das sagte er aus reiner Freundlichkeit. Die Knirpse dort drüben hatten mehr Mumm als sie.

Er schien ihr anzusehen, dass sie ihm nicht glaubte.

»Sie trauen mir noch immer nicht, hm?«, fragte er mit einem leisen Lachen in der Stimme.

»Doch, ich … doch.« Sie nickte kraftlos.

Sie wollte, dass er ihr das glaubte, aber das Adrenalin machte sie stumm. Sie hatte das Gefühl, Körper und Geist gerade erst wieder unter Kontrolle zu bekommen. Was genau war dahinten eigentlich passiert? Sie rief sich ins Gedächtnis zurück, wie er sie geschickt mit seinen Scherzen abgelenkt hatte, wie sicher sie sich in seinen Armen gefühlt hatte, wie verwirrend es gewesen war, auf seinen Füßen zu stehen und zwischen den Bäumen hindurchzutanzen …

»Ich mein’s ernst, Nats. Sie haben sich wacker geschlagen.« Sie schaute ihm in die Augen, und in diesem Moment spürte sie ein Knistern wie von einem Stromschlag. Anscheinend bemerkte er es auch, denn er runzelte leicht die Stirn. Sie hielten länger Blickkontakt als nötig. Er machte den Mund auf, aber die Worte kamen mit Verzögerung: »Na, dann wollen wir Sie mal auf die Füße stellen, okay?«

Tom richtete sich auf, streckte ihr die Hand hin, und sie griff danach. Seine Hand war so viel größer als ihre, sein Griff fest, als er sie mühelos hochzog. Wieder schwiegen sie beide.

»Tja, also …« Er lächelte, schüttelte kurz den Kopf und brach dann den Blickkontakt ab. »Äh … tja, also, ich weiß, dass Sie für die komplette Runde über den Baumwipfelpfad bezahlt haben, und es ist selbstverständlich Ihre Entscheidung, aber wenn Sie mich fragen – ich würde es für heute gut sein lassen. Sie hatten einen richtigen Schock, und das hier soll ja Spaß machen und keine Tortur sein.«

»Sehr richtig!«, bekräftigte Sara, die jetzt zu ihnen auf die Plattform trat und sich ausklinkte. »Wir feiern hier immerhin deinen Junggesellinnenabschied. Die Tortur kommt nach der Hochzeit, Nats, nicht vorher!«

»Sie wollen heiraten?« Tom trat einen Schritt zurück und stützte die Hände in die Hüften.

»Schockiert Sie das?«, spöttelte Helena angesichts seiner Reaktion.

»Es ist nur …« Er zuckte mit den Schultern und schaute wieder Natasha an. »Sie wirken noch so jung.«

»Na ja, wahre Liebe kümmert sich einen Dreck um das Alter«, sagte Helena gedehnt. »Romeo und Julia waren Teenager.«

»Ich bin kein Teenager mehr«, entgegnete Natasha schnell.

Tom nickte langsam. »Na dann … herzlichen Glückwunsch.«

»Danke.« Sie heftete ihren Blick wieder auf den Steg, wo eilig die Füße derjenigen vorbeitrabten, die hinter ihr im Stau gesteckt hatten. Vermutlich wollten sie für den Fall, dass Natasha ihr Glück noch einmal versuchen sollte, schnell zur nächsten Plattform gelangen.

»Und keine Sorge«, fuhr sie fort und strich sich die Haare zurück, »ich habe nicht die Absicht, mich – oder sonst jemanden – noch einmal in diese Situation zu bringen. Tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet habe.«

»Das haben Sie nicht.«

Sie hob den Blick und stellte fest, dass er sie immer noch musterte, allerdings jetzt nicht mehr grinsend, sondern mit ernster Miene. Die Luft rings um sie herum schien elektrisch aufgeladen zu sein, und Natasha nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie Helena mit schockiertem Entzücken Mund und Augen aufriss, als könne sie es auch fühlen. Natasha war klar, dass die Freundin ihr diesen unverhofften Flirt noch lange aufs Brot schmieren würde.

»Äh, die anderen wundern sich bestimmt schon, wo wir so lange bleiben.« Sie schaute kurz Sara an, die Organisatorin dieses Trips.

»Nö, alles gut.« Sara winkte ab. »Ich hab Rachel vorhin eine Nachricht geschickt, dass sie im Baumhaushotel auf uns warten sollen. Die sind alle schon seit einer Weile durch.«

Natasha verdrehte die Augen und schlug sich die Hand gegen die Stirn. Dieses ganze Durcheinander war allein ihre Schuld.

»Ich bin so eine Idiotin!«

»Nein, eigentlich passt es so ganz gut. So haben sie Zeit, den Stripper zu verstecken.«

»Was?« Sie ließ die Hand sinken.

Helena prustete los. »Dein Gesicht!«

»Ich hab gesagt, keine …«

»… keine Vegetarier«, beendete Sara den Satz, wobei sie nachdenklich die Stirn runzelte und sich mit dem Zeigefinger an die Unterlippe tippte. »War es nicht das, was du gesagt hast?«

Natasha sah kurz zu Tom, der die Szene belustigt verfolgte, doch als ihre Blicke sich trafen, verblasste sein Lächeln.

»Hört sich nach einem spannenden Wochenende an. Zum Glück haben wir dafür gesorgt, dass Sie es noch erleben dürfen.«

»Ich wär lieber abgestürzt«, stöhnte Natasha. »Ein Stripper, der sein Becken vor meinem Gesicht kreisen lässt! Da verbringe ich lieber eine Nacht auf der Intensivstation!«

»Das würdest du nicht sagen, wenn es Channing Tatum wäre«, stellte Helena trocken fest.

»Ist wirklich wieder alles okay?«, fragte Tom.

»Ja, mir geht’s gut. Ich komme mir nur so unfassbar dumm vor.«

Tom sah die anderen an. »Ist sie immer so streng mit sich?«

»Sie haben ja keine Ahnung!« Sara seufzte. »Wir nennen sie nicht umsonst Little Miss Perfect.« Sie zog die Nase kraus. »Sagen wir einfach, sie legt die Messlatte ziemlich hoch an.«

»Oh.«

»Perfekte Haare, perfekte Wohnung, perfekter Körper, perfekter Verlobter …«

»He, ich stehe direkt neben dir!«, rief Natasha entrüstet. »Ich kann alles hören!«

»Sehen Sie? Perfektes Gehör.«

Tom grinste. Das Funkgerät an seinem Gürtel erwachte knisternd zum Leben.

»Die Pflicht ruft. Ich muss dann wieder an die Arbeit.«

»Sie arbeiten jetzt doch auch«, meinte Helena. »Können Sie nicht bleiben? Immerhin haben Sie ihr gerade das Leben gerettet!« Sie klimperte theatralisch mit den Wimpern.

»Ich fürchte, eine Unterhaltung über Stripper lässt sich nur schwer als Arbeit rechtfertigen«, witzelte er. Dann sah er sie der Reihe nach an, zuletzt Natasha. »Tja, es hat mich sehr gefreut, Sie alle kennenzulernen … Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß beim Junggesellinnenabschied, Natasha.«

»Danke. Für alles.« Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme angespannt klang.

»Und falls Sie mal wieder in den Bäumen tanzen wollen, sagen Sie mir Bescheid«, fügte er achselzuckend hinzu, den Blick immer noch auf sie gerichtet, während er sich schon abwandte.

»Das sagt er bestimmt zu jedem Mädchen«, brummte Helena.

Natasha schaute ihm nach, als er auf dem Weg zur Leiter in sein Funkgerät sprach. Ob er wieder jemanden retten musste? Bei ihm sah das so lässig aus.

»Erde an Nats!«

»Hä?« Natasha fuhr blinzelnd zu Helena herum, die mit den Fingern vor ihrem Gesicht schnippte.

»Ja, guck nur noch mal richtig hin, Süße. Du hättest sehen sollen, wie cool er da draußen war. Wie er dich aufgesammelt hat … das war unglaublich sexy.«

»Wenn du das sagst … Hab leider nicht darauf geachtet. Dafür war ich zu sehr damit beschäftigt, keinen Herzinfarkt zu kriegen«, grummelte Natasha und kämpfte gegen die Verzweiflung an, die in ihr aufstieg. Ob das an ihrem sinkenden Adrenalinpegel lag?

»Was war eigentlich los, sag mal?«, erkundigte sich Sara mitfühlend und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Gerade noch warst du super drauf, und im nächsten Augenblick erstarrst du wie ein Reh im Scheinwerferlicht.«

»Ich hab keinen blassen Schimmer.« Natasha schüttelte den Kopf. Sie konnte es sich selbst nicht erklären. »Ich hab mich echt gut amüsiert, und auf einmal ging nichts mehr.«

Sara schaute verwirrt zu Helena.

»Mich darfst du nicht fragen«, sagte die achselzuckend. »Ich hab erst mitgekriegt, dass etwas nicht stimmt, als ich hier angekommen bin und gemerkt hab, dass sie nicht mehr hinter mir ist. In der einen Sekunde haben wir noch über die Trauung geredet, und in der nächsten hat sie die Bremsen reingehauen und sich praktisch in die Hose gemacht.«

»Aber jetzt geht es dir wieder gut?«, fragte Sara besorgt.

Natasha nickte. »Ja, alles in Ordnung. Es war irgendwie freaky.«

»Na ja, jedenfalls können wir mit Fug und Recht behaupten, dass wir alle mächtig Herzklopfen bekommen haben«, stellte Helena lachend fest und versetzte Natasha augenzwinkernd einen Rippenstoß. »Der Typ macht es wieder wett, dass wir in einem Center Parc feiern.«

Als Sara bestürzt der Unterkiefer herunterklappte, legte Natasha ihr beruhigend eine Hand auf den Arm.

»Ich find’s toll hier«, versicherte sie.

»Wirklich?«

Natasha nickte. Der Gedanke, sie könnte enttäuscht sein, machte der armen Sara sichtlich zu schaffen. Eigentlich wäre es Helenas Aufgabe gewesen, das Wochenende zu organisieren – schließlich war sie ihre älteste und beste Freundin –, aber sie wussten alle, dass das sehr schnell ausgeartet wäre. Da wären Stripper noch das Harmloseste gewesen.

»Okay, gehen wir zu den anderen zurück und essen was«, schlug Helena vor. »Ich bin am Verhungern. Knackige Typen machen mir Appetit.«

»Wollt ihr zwei denn nicht die ganze Runde über den Pfad machen?«, fragte Natasha. »Ich setz mich so lange irgendwohin und warte auf euch. Wenn ihr meinetwegen darauf verzichtet, habe ich ein schlechtes Gewissen.«

»Nats, wir sind hier, um dich abzufüllen, und nicht, um Vögel zu beobachten.« Helena fingerte ihre E-Zigarette aus der Jeanstasche und zog daran, während sie die Leiter zum kiefernnadelbedeckten Boden hinunterkletterten.

»Du hast doch nicht wirklich einen Stripper bestellt, oder?«, fragte Natasha, als sie durch den Wald zu ihrem Wochenendhaus zurückradelten, wo die anderen – und möglicherweise ein Mann mit Stringtanga – mit Glühwein auf sie warteten.

»Keine Vegetarier, das ist das Einzige, was wir versprechen können«, antwortete Helena achselzuckend.

Sie und Sara hatten Natasha in ihre Mitte genommen, sodass sie sich eher wie eine Gefangene als wie eine Braut in spe fühlte. Doch sie lachte auf und ignorierte die dumpfe Angst, die sich in ihrem Herzen eingenistet hatte und nicht mehr weggehen wollte. Tapfer radelte sie weiter. Weiter, immer weiter, ihrer Zukunft entgegen.

1. Kapitel

Wien, Samstag, 26. November 2022

Wo ist es denn?«, fragte Natasha und schaute an dem Mehrfamilienhaus hoch.

Sie wollte so schnell wie möglich rein. Inzwischen waren sie seit über dreizehn Stunden unterwegs und hatten vier Zeitzonen durchquert. Kein Wunder, dass die Kleine, die jetzt in ihren Armen schlief, die halbe Zeit nur gebrüllt hatte.

»Im vierten Stock«, antwortete Rob, während er den Taxifahrer bezahlte und wie üblich ein viel zu großzügiges Trinkgeld gab. »Der Gastgeber heißt Huber, der Name sollte an der Klingel stehen.«

»Hast du nicht gesagt, er sei dieses Wochenende gar nicht da?«

»Doch.« Er griff nach ihrem Gepäck und kam die Stufen hinauf.

Sie stand da wie immer, wenn sie Mabel auf dem Arm hatte: Sanft wippend drehte sie sich hin und her, eine Hand an Mabels Kopf, der an ihrer Schulter lag.

»Hat er gesagt, wo er den Schlüssel hinterlegen wird? Bei einem Nachbarn vielleicht?«

»Nein, in einem Schlüsselkasten neben der Wohnungstür. Ich hab den Code, keine Sorge.« Er schob die Hand in die Jackentasche, in der sein Handy steckte.

»Und wie kommen wir ins Haus? Hat er das auch gesagt?«

Der Ausdruck auf seinem hübschen Gesicht sagte alles. Natasha sah ihm an, wie es ihm dämmerte.

»O verdammter Mist! Nein, das hat er nicht erwähnt.«

»Na toll!« Erneut überlief sie ein Frösteln. Es ging ein kalter Wind, und es war schon dunkel, die Stadt funkelte in vorweihnachtlichem Lichterglanz. Instinktiv legte sie die Arme fester um Mabel.

Sie trugen immer noch ihre Insel-Sachen: leichte Baumwollkleider und nackte Beine, lediglich ein Cardigan diente als Zugeständnis an den europäischen Winter. So konnten sie nicht ewig hier draußen in der Kälte stehen. Die Temperaturen waren schon unter null Grad gesunken.

»Klingel bei einem der Nachbarn. Die sind das sicher schon gewohnt.«

Rob starrte die Reihe von Namen an. Hubers Wohnung war die Nummer acht.

»Meinst du, Slesinski in Nummer sieben hat es satt, von irgendwelchen Airbnblern rausgeklingelt zu werden?«

»Woher soll ich das wissen, Rob? Ich will nur, dass unsere Tochter endlich ins Warme und ins Bett kommt.«

Er zog die Nase kraus. »Pluta. Nummer vier. Die trifft es wahrscheinlich nicht so oft. Ich werde es da versuchen.« Er drückte auf den Klingelknopf und wartete.

Nur wenige Augenblicke später meldete sich eine Frauenstimme.

»Ja?«

Natasha beobachtete, wie er sich zu der Gegensprechanlage beugte. Er spreche »leidlich« Deutsch, behauptete er immer, aber für sie hörte es sich recht flüssig an. Das einzige Wort, das sie verstand, war der Name Huber. Er unterhielt sich ein Weilchen mit der Frau und lachte schließlich sogar.

Dann summte der Türöffner, und die wuchtige Haustür öffnete sich klickend.

»Siehst du?« Rob hielt sie ihr lächelnd auf. »Sie hat sich gefreut, dass sie uns helfen kann. Ich wette, Slesinski hätte einfach aufgelegt.«

»Das kannst du doch nicht wissen«, entgegnete sie matt und trat auf den alten Marmorboden.

Während Rob das Gepäck hereinholte, schaute sie sich in der großzügigen Eingangshalle um. An einer Wand standen ein mit abgewetztem grünem Samt bezogener Sessel und ein Schirmständer. Es gab auch einen Holzschrank mit Postfächern, die teilweise leer, teilweise mit Briefsendungen vollgestopft waren.

Sie schoben sich in einen kleinen verspiegelten Fahrstuhl, der gemächlich nach oben glitt. Natasha betrachtete das Spiegelbild ihrer schlafenden Tochter – die geröteten Pausbäckchen, den rosaroten Schmollmund, die dunklen Locken. Die arme Kleine war völlig erschöpft. Natasha durfte gar nicht daran denken, dass sie Mabel morgen schon wieder in ein Flugzeug verfrachten mussten. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Reise nicht zu unterbrechen und die fünfstündige Wartezeit am Flughafen in Kauf zu nehmen. Andererseits würde es ihnen allen nach einer erholsamen Nacht in einem bequemen Bett sicher besser gehen.

Die Fahrstuhltür öffnete sich, und Rob schlurfte rückwärts hinaus, das Gepäck mit sich ziehend. Dabei rammte er sich zum x-ten Mal das Reisebettchen ans Schienbein.

Wohnung Nummer acht war leicht zu finden. Er gab den in seinem Handy gespeicherten Code ein und nahm triumphierend den Schlüssel aus dem Kasten.

Als er ihn ins Schloss steckte, rief jemand von unten herauf. Rob trat ans Treppengeländer, schaute hinunter und winkte. Er wechselte von Neuem in sein »leidliches« Deutsch, wobei er lebhaft gestikulierte.

Natasha trat neben ihn. Zwei Stockwerke tiefer lehnte eine junge Frau am Handlauf. Sie war barfuß, trug Workout-Kleidung und hatte einen zerzausten Pferdeschwanz. Sie rief Natasha etwas zu, was sie leider nicht verstand.

»Das ist die Frau aus Nummer vier, die uns reingelassen hat«, erklärte Rob. »Sie sagt, wir sollen einfach klopfen, wenn wir Fragen haben.«

»Das ist nett«, sagte Natasha kühl, lächelte der Frau höflich zu und drückte ihre Tochter ein bisschen fester an sich. »Ich werde Mabel ins Bett bringen.«

Sie stieß die Tür auf und betrat eine luftige Wohnung mit hohen Decken und fast bodentiefen Fenstern. Vorhänge schützten vor den neugierigen Blicken der Hausbewohner auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die schmalen Zimmer waren im Stil der Fünfziger- und Sechzigerjahre möbliert, mit Messinglampen und einem Wollbouclé-Sofa, wie man es in den Siebzigern hatte. Rob bevorzugte eigentlich den englischen Landhausstil, aber es war ja nur für eine Nacht, und morgen früh wären sie von hier aus schnell wieder am Flughafen.

Die Decke des marineblauen Schlafzimmers war mit Stuck verziert, und an der Wand prangte der Schriftzug Lovers in grellem Neonpink. Mabel bewegte sich, wie irritiert durch die plötzliche Stille. Es war erst kurz nach sechs, aber für ihre innere Uhr war es weit nach zehn und somit lange nach ihrer gewohnten Schlafenszeit. Sie durfte jetzt nicht aufwachen, sonst würde es unter Umständen Stunden dauern, bis sie wieder einschlief.

Dummerweise befand sich das Reisebettchen noch im Treppenhaus. Natasha überlegte kurz, ob sie hinausgehen und Rob bitten sollte, es endlich hereinzubringen, aber sie wollte nicht als nörgelnde Ehefrau dastehen. Schließlich konnte Rob nichts dafür, dass er gleich mit jedem ins Gespräch kam, das war einfach die Wirkung, die er auf andere Menschen ausübte. Also schlug sie stattdessen die Bettdecke zurück, warf das oberste Kissen auf den Boden und legte Mabel behutsam auf die Matratze, die ihren kleinen Körper sanft umschloss. Dann drückte sie ihr das geliebte Kuscheltier, die Kuh Moolah, in die Arme und deckte sie zu. Als das Mädchen in ein tieferes Schlafstadium glitt, wanderte der Daumen automatisch zum Mund. Sie versuchten alles, um Mabel das Daumenlutschen abzugewöhnen, aber jetzt brachte es Natasha nicht übers Herz, sie daran zu hindern. Sie waren alle erschöpft, und alte Gewohnheiten hatten etwas Tröstliches. Natasha legte sich zu ihrer Tochter, streichelte zärtlich ihre Wange und verspürte den starken Drang, wie Mabel in den Schlaf abzutauchen. Ein Jetlag war einfach ätzend.

Ihr fielen schon die Augen zu, als sie Rob im Zimmer nebenan hörte, wie er die Vorhänge zuzog, das Licht anknipste und den Fernseher einschaltete. Dem Gemurmel nach zu urteilen, lief irgendeine Talkshow. Einen Moment später erschien er mitsamt Reisebettchen und Gepäck in der Tür, wo er stehen blieb und die beiden betrachtete. Beim Anblick seiner Tochter, die sich mitten im Bett zusammengerollt hatte wie ein Igel im Winterschlaf und sich definitiv nicht von da fortbewegen würde, zog er eine Braue hoch.

Natasha lächelte verlegen. »Du hast zu lange gebraucht, fürchte ich. Ich musste sie doch schlafen legen.«

»Ich habe mir erklären lassen, wo es die beste Bäckerei in der Stadt gibt«, murmelte er, trat ans Bett, schaute auf Mabel hinunter und küsste sie zärtlich auf die Wange. »Die mit den besten Bewertungen auf Tripadvisor.«

»Oh. In dem Fall …«

Rob Stoneleigh wollte immer das Beste, ob es sich nun um Backwaren, Autos oder Schuhe handelte.

»Du willst doch nicht schon schlafen, oder?«

»Ich bin todmüde, Rob. Im Gegensatz zu anderen hier Anwesenden hab ich im Flugzeug kein Auge zugetan.«

Er hob beide Hände. »Hey, ich kann doch nichts dafür, dass sie sich immer dich aussucht.«

»Nein.« Natasha blickte lächelnd auf ihr Töchterchen. Obwohl es anstrengend war, genoss sie es insgeheim, unersetzlich zu sein und gebraucht zu werden.

Rob betrachtete sie einen Augenblick, dann beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie innig.

»Aber es war ein schöner Urlaub, oder?«, vergewisserte er sich.

»Der schönste.«

Er küsste sie wieder. »Du bist die Schönste. Die Beste. Was würde ich nur ohne dich anfangen?« Angst huschte wie ein Schatten über seine hellgrauen Augen.

»Die Frage ist überflüssig.« Sie legte ihm zärtlich die Hand an die Wange und flüsterte: »Ich gehe nirgendwohin.«

In der vergangenen Woche hatten sie viele Gespräche geführt. Offene Gespräche über Dinge, die ihnen auf der verletzten Seele gelegen hatten. Aber sie hatten den Sturm überstanden und befanden sich wieder in ruhigen Gewässern.

»Nicht einmal mit mir ins andere Zimmer?« Seine Augen hatten dieses gewisse Funkeln. »Das Sofa sieht richtig bequem aus …«

Sie musste schmunzeln über diesen Wink mit dem Zaunpfahl.

»Unser letzter Urlaubsabend, machen wir doch das Beste draus.« Er zwinkerte ihr zu. »Ich hole uns einen guten Tropfen Wein, was zu essen … das Wiener Paradies.«

Sie berührte erneut seine Wange, um ihn zu stoppen, bevor er sich hinreißen ließ.

»Das klingt wundervoll, aber im Moment sehne ich mich nur nach einem weichen Kissen und acht Stunden Schlaf.«

Es entstand eine kleine Pause. Vermutlich überlegte er, ob sie das ernst meinte.

»Du weißt aber schon, dass es noch nicht mal sieben ist? Wenn du dich jetzt schlafen legst, bist du heute Nacht hellwach. Nach einem langen Flug soll man sich immer an die Ortszeit anpassen.«

»Ja, ich weiß das, aber Mabel nicht. Sie wird mich wecken, wann immer ihr danach zumute ist. Malediven-Zeit, österreichische Zeit, ganz egal. Deshalb möchte ich schlafen, solange ich die Gelegenheit dazu habe. Mir fallen wirklich die Augen zu.«

Das Funkeln in seinen Augen erlosch, und er richtete sich wieder auf. Als die Matratze ein wenig schaukelte, bewegte sich Mabel im Schlaf. Ein klitzekleines Babyschnarchen entschlüpfte ihren feuchten Lippen.

»Tut mir leid«, wisperte Natasha. »Morgen werde ich mich bestimmt anpassen.«

»Gut. Alles klar«, erwiderte er beiläufig, zog sich sein Hemd über den Kopf und warf es auf einen Stuhl. Dann durchquerte er das Zimmer und zeigte auf das Reisebettchen. »Soll ich das jetzt aufstellen oder nicht?«

»Lass es da, wo es ist. Dann müssen wir es morgen nicht wieder zusammenklappen. Heute Nacht schläft sie sowieso hier bei uns.«

»Okay.« Er wuchtete den Koffer auf die Gepäckablage und machte den Reißverschluss auf. Sehnsüchtig blickte er auf die von ihrem letzten Bad im Indischen Ozean noch feuchte Schwimmbekleidung. Aber ab morgen herrschte wieder Alltag.

»Kannst du mir mal meinen Schlafanzug geben?«, bat Natasha.

Er kramte in dem ordentlichen Stapel Schmutzwäsche, bis er den weißen Leinenpyjama mit der marineblauen Biese gefunden hatte, und warf ihn ihr zu. Natasha schälte sich im Liegen aus ihren Sachen, kickte sie auf den Fußboden, schlüpfte in den Pyjama und kuschelte sich wieder neben ihre Tochter.

Rob sah sie verdutzt an. »Willst du dir denn nicht die Zähne putzen?«

»Nö. Heute Abend nicht.«

»Aber du putzt dir immer die Zähne! Du hast sie dir sogar nach dem Barbecue bei den Parkers geputzt, als du dich fünfmal übergeben und Lauren eine eingebildete Kuh genannt hast.«

»Da kannst du mal sehen, wie müde ich bin«, murmelte sie und schloss die Augen.

Wenn er sie doch nicht immer wieder an jenen grauenvollen Abend erinnern würde! Lauren war wochenlang beleidigt gewesen. Erst ein Wellnessgutschein hatte sie wieder versöhnt.

Sie hörte, wie er den Reißverschluss seiner Jeans aufzog und herausstieg.

»Also ich geh jetzt erst mal unter die Dusche und zieh mich um, und dann mach ich mich auf die Suche nach was Essbarem. Bist du sicher, dass du nichts willst?«

»Ganz sicher«, nuschelte sie. Seine Stimme klang wie von weit her. »Denk an den Wecker.«

»Mach ich. Ich stell ihn auf acht. Dann haben wir Zeit, um zu diesem Bäcker zu gehen und einen kleinen Spaziergang zu machen. Spätestens um zehn müssen wir hier raus sein.«

»Okay«, murmelte sie schon halb schlafend, während, scheinbar weit in der Ferne, die Dusche aufgedreht wurde. »Zehn.«

*

»Mummy.«

Natasha machte ächzend ein Auge auf, war aber nicht imstande, den Kopf zu heben. Mabel kniete neben ihr, den Daumen im Mund, und spielte mit einer Strähne von Natashas langen blonden Haaren.

»Ich hab Hunger.«

»Mmm?«, brummte Natasha und versuchte, zu sich zu kommen. Ihr tief in die Matratze eingesunkener Körper fühlte sich bleischwer an.

Auf der anderen Seite des Bettes schnarchte Rob. Natasha hatte ihn nicht kommen hören. Normalerweise schlief er eng an sie geschmiegt, aber letzte Nacht hatte ihr Töchterchen zwischen ihnen gelegen und es verhindert. Deshalb hatte sie wohl auch so gut geschlafen.

Mabel patschte ihr mit einem klebrigen Händchen ins Gesicht.

»Hab Hunger, Mummy.«

Natasha runzelte die Stirn. »Was hast du denn da an deiner …?«

Sie griff nach Mabels Hand und betrachtete sie genauer. Ein körniges, hellblaues, gelartiges Zeug klebte an ihren Fingern.

Schlagartig war Natasha hellwach und fuhr hoch. »Was hast du gemacht, Mabel? Was ist das für Zeug?«

Mabel guckte sie groß an.

»Mummy ist dir nicht böse, Schatz. Zeig mir einfach, was du gemacht hast. Hast du gespielt?«

Mabel krabbelte über das Bett und rutschte am Fußende herunter. Natasha beobachtete sie mit wachsendem Unbehagen. Sie musste aufgestanden sein, ohne dass sie oder Rob es bemerkt hatten. Wenn sie die Kleine in ihr Reisebettchen mit den hohen Seitenteilen gelegt hätten …

Sie warf die Decke zurück und folgte ihrer Tochter durch das Wohnzimmer in die Küche, in die sie gestern Abend vor lauter Müdigkeit keinen einzigen Blick geworfen hatte. Eigentlich hätte sie der Traum eines jeden Minimalisten sein sollen: matt anthrazitgraue Schränke und eine schwarze Specksteinarbeitsplatte, auf der lediglich eine teure Kaffeemaschine stand. In Wirklichkeit war sie der Albtraum jeder Mutter. Mabel hatte den Schrank unter der Spüle geöffnet und alles herausgerissen. Rote und gelbe Spülmaschinentabs lagen kunterbunt durcheinander; aus einer umgekippten Flasche Spülmittel sickerte grüne Flüssigkeit, und der Inhalt einer aufgerissenen Packung Spülmaschinensalz vermischte sich mit dem Spülmittel.

Auf einmal begriff Natasha, woher das klebrige Zeug an den Fingern ihrer Tochter kam. Sie riss sie hoch und wusch ihr die Hände unter fließendem Wasser ab.

»Hast du dir die Finger in den Mund gesteckt, Mabel?«

Mabel, sichtlich verwirrt wegen der plötzlichen Hektik und der nicht mehr schläfrigen, sondern jetzt strengen Stimme ihrer Mutter, blinzelte überrascht.

»Mach den Mund auf, Mabel, lass Mummy mal nachsehen.«

Natasha öffnete mit sanfter Gewalt den kleinen Kiefer und spähte hinein. Keine schaumigen Bläschen, kein verdächtiger Geruch. Sie ergriff die nassen Finger und drückte sie an ihre Wange.

»Mabel, Schätzchen, hast du dir die Finger in den Mund gesteckt? Sag es mir.«

Mabel machte große Augen.

»Hast du von den Sachen da auf dem Boden irgendwas gegessen?«

»Nein, Mummy.«

»Bist du sicher? Denn wenn doch, würde dir furchtbar schlecht werden. Und das will Mummy nicht.«

»Ich hab Hunger.«

»Ich weiß, aber …« Sie seufzte. Sie wusste nicht einmal, wo die nächste Kindernotaufnahme war. So durfte ihr Urlaub nicht enden. Oder ihr Tag beginnen. »Rob!«

Mit Mabel im Arm lief sie zurück ins Schlafzimmer. Rob lag mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Rücken und schlief den Schlaf des Gerechten.

»Rob!«, blaffte sie.

Er erschrak so heftig, dass es beinah komisch war.

»Hä? Was ist los? Ist was passiert?«

Sein Blick fokussierte sich langsam auf seine Frau und seine Tochter. Er ächzte und griff sich mechanisch an den Kopf.

»Mabel hat die Küchenschränke aufgemacht und sämtliche Putzmittel herausgerissen. Sie hatte eine Mischung aus Spülmittel und Spülmaschinensalz an den Händen, und ich weiß nicht, ob sie das Zeug auch gegessen hat!«

Rob schwieg verwirrt. Offenbar brauchte er einen Moment, um diese Flut von Informationen zu verarbeiten. Er ächzte erneut und wirkte blass unter seiner Bräune.

»Wie viel hast du gestern Abend eigentlich getrunken?«, fragte sie finster.

Er ignorierte die Frage und sammelte sich allmählich.

»Wenn sie etwas davon geschluckt hätte, würde sie es doch erbrechen, oder?«, meinte er und stützte sich auf die Ellenbogen.

Natashas Blick wanderte zu seinem Waschbrettbauch. Die Haare standen ihm vom Kopf ab, und er hatte den benebelten Blick eines aus dem Schlaf Gerissenen, aber er sah immer noch besser aus als die meisten Männer in ihrer Bestform.

»Musste sie spucken?«

»Nein, aber sie hat Hunger. Deshalb hab ich Angst, sie könnte etwas davon gegessen haben.«

Er zog die Nase kraus. »Sie hätte es bestimmt gleich wieder ausgespuckt. Überleg mal, wie das schmecken muss. Das kriegst du nicht runter.«

»Kleine Kinder sollte man nicht unterschätzen. Die stecken sich alles in den Mund.« Sie musterte Mabel, die auf ihrer Hüfte saß, und suchte nach Anzeichen einer Vergiftung. »Sollen wir sie nicht vorsichtshalber in die Kindernotaufnahme bringen?«

»Nats, wenn sie Spülmaschinensalz geschluckt hätte, wüssten wir das. Dann würde jetzt der letzte Spülgang laufen.« Er lachte leise über seinen Witz.

»Das ist nicht komisch!«, wies sie ihn scharf zurecht, obwohl sie zugeben musste, dass er nicht ganz unrecht hatte.

»Außerdem müssen wir unseren Flieger kriegen. Falls sie irgendwelche Symptome zeigt, rufen wir zu Hause den Notarzt. Wie spät ist es eigentlich?«

Als er sich zur Seite streckte, um nach seinem Smartphone zu greifen, präsentierte er seine eindrucksvolle sonnengebräunte Rücken- und Bauchmuskulatur. Kein Wunder, dass Mabel schon in den Flitterwochen gezeugt worden war.

Er zuckte zusammen, und sie erstarrte unwillkürlich, als sie eine böse Vorahnung überkam. Rob starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.

»Nats, es ist fünf vor elf!«

Was? Sie wich einen Schritt zurück. Unmöglich! Es war doch immer noch dämmrig im Zimmer.

Sie rannte zum Fenster und riss die Vorhänge auf. Es schneite, und der tief hängende graue Himmel ließ keine Helligkeit durch. Auf der anderen Straßenseite brannte Licht in einigen Wohnungen.

»Fuck! Dann war unser Wagen da und ist wieder weggefahren!«, rief Rob, warf sein Handy hin und sprang aus dem Bett.

»Aber wieso haben wir verschlafen? Hast du den Wecker denn nicht gestellt?«

Natasha schaute zu, wie er in seine Jeans stieg, sich das noch zugeknöpfte Hemd vom Vortag über den Kopf streifte und in seine Schuhe schlüpfte. Das Ganze dauerte nicht einmal eine Minute, während sie immer noch im Pyjama dastand, Mabel auf dem Arm.

»Doch, ich glaub schon«, antwortete er und kratzte sich am Kopf. »Wahrscheinlich war das Smartphone auf lautlos gestellt oder so was. Hör zu, ich geh runter und versuche, ein Taxi anzuhalten. Ihr zwei zieht euch schnell an, und wir treffen uns unten.«

»Aber …«

Hastig zog er den Reißverschluss des Koffers zu und schnappte sich das Reisebettchen. »Das nehme ich schon mal mit runter.«

»Aber unsere Sachen!«

»Zieh an, was du gestern angehabt hast, und klemm dir den Pyjama unter den Arm. Wir stopfen ihn ins Handgepäck.« Bevor sie auch nur ein Wort entgegnen konnte, stürmte Rob auch schon aus dem Zimmer. Er hatte nicht einmal gesehen, wie es in der Küche aussah! Sie konnten die Wohnung doch nicht in diesem Zustand zurücklassen. Aber wenn sie ihren Flieger noch erwischen wollten …

»O mein Gott!«, wimmerte Natasha.

Sie setzte Mabel aufs Bett, sammelte ihre Sachen vom Fußboden auf und stieg hektisch hinein, den Slip verkehrt herum und das Kleid falsch zugeknöpft.

»Warum bist du traurig, Mummy?«, wollte Mabel wissen, als sich Natasha aufs Bett fallen ließ und versuchte, die Schnürsenkel zu öffnen. Gestern Abend hatte sie die Turnschuhe mühelos von den Füßen gestreift, aber jetzt hätte es einen Houdini gebraucht, um die Knoten zu lösen.

Natasha zwang sich zu einem starren Lächeln. »Mummy ist nicht traurig, Schatz, nur ein bisschen in Eile. Wenn wir uns nicht beeilen, wird das Flugzeug ohne uns abfliegen.«

»Ich hab Hunger.«

»Ich weiß, Schätzchen. Am Flughafen besorgen wir dir gleich was zu essen, versprochen.«

»Hab jetzt Hunger.«

»Ich weiß, Süße, es dauert nur noch ein paar Minuten, okay?« Im Geist ging sie hektisch die Snacks durch, die sie möglicherweise in ihrer Handtasche hatte. Ein kleiner Babybel? Eine Tüte Rosinen? Ein paar Sesamkekse?

Sie hob Mabel hoch, lief ins Bad und setzte sie aufs Klo.

»Mach Pipi, Schatz. So schnell du kannst, hörst du? Wenn wir im Auto sind, können wir nicht mehr anhalten.«

»Aber ich muss nicht.« Mabels Stimme begann weinerlich zu klingen. Der Stress ihrer Eltern forderte seinen Tribut.

»Nicht? Hast du denn schon Pipi gemacht?«

Aber wie hätte das gehen sollen? Es gab keinen Tritt zum Hochklettern und kein Töpfchen. Das verhieß nichts Gutes …

»Mabel? Sag Mummy, wo du hingemacht hast.«

Mabels Unterlippe zitterte.

»Nicht weinen, Schatz, Mummy ist nicht sauer. Ich muss nur wissen, ob ich was wegputzen muss, bevor wir gehen.« Sie konnten die Wohnung unmöglich so verlassen. Das ging einfach nicht.

Sie hob Mabel von der Kloschüssel und setzte sich selbst darauf. Robs Waschbeutel stand noch auf der Ablage, daneben Rasierapparat, Zahnbürste und Zahnpasta. Sie drückte die Spülung, wusch sich die Hände und stopfte alles in den Beutel.

»Okay.« Sie wuchtete Mabel wieder auf ihre Hüfte und lief ins Schlafzimmer zurück, wo sie den Kulturbeutel auf ihren Pyjama warf. »Wo hast du denn Pipi gemacht, hm, Schätzchen?«, fragte sie in ihrer besten gut gelaunten, unbekümmerten, absolut stressfreien Singsangstimme.

Sie gingen ins Wohnzimmer hinüber, und dieses Mal fiel Natasha sofort die kleine Pfütze an den Vorhängen auf. Gefährlich nah an den Vorhängen.

»Oh! Okay. Okidoki.« Sie setzte Mabel ab und rannte in die Küche, wo sie abbremste, um auf dem glitschigen Boden nicht auszurutschen, und schaute sich hektisch nach einem Putzlappen oder einem Mopp um. »Wo ist der verfluchte Mopp?«

Im Schlafzimmer klingelte ihr Handy. Das konnte nur Rob sein. Anscheinend hatte er ein Taxi gefunden.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

Sie schnappte sich eine Rolle Küchenpapier, raste zurück und wischte die Pfütze auf, wobei sie sorgfältig darauf achtete, dass die Vorhänge nicht mit dem Urin in Berührung kamen.

Inzwischen weinte Mabel.

»Alles gut, Schatz«, beruhigte Natasha sie so unaufgeregt wie möglich. »Alles erledigt, siehst du? Alles wieder gut.«

Sie lief in die Küche zurück, warf die nassen Papiertücher in den Mülleimer, schnappte das Spülmaschinensalz und das Spülmittel und stellte beides in den Unterschrank zurück. Noch eine Handvoll Spülmaschinentabs in die Packung, aber mehr schaffte sie nicht. Ihr Handy klingelte ununterbrochen. Rob war eindeutig gestresst.

Sie nahm Mabel auf den Arm, klemmte sich Pyjama und Waschbeutel unter den Ellenbogen und drückte auf die Antworten-Taste, während sie die Wohnungstür aufriss und zum Fahrstuhl stürmte.

»Ja, ja, ich komme schon! Ich mach, so schnell ich kann, Rob!«, schrie sie, als er schnauzte, dass die Maschine ohne sie abfliegen werde.

Die Fahrstuhltür schloss sich im gleichen Moment, in dem die Wohnungstür zufiel. Natasha legte die Hand auf Mabels Hinterkopf und redete tröstend auf sie ein, während der Fahrstuhl nach unten glitt.

Das war nicht der exklusive Abschluss ihrer Ferienreise gewesen, den sie geplant hatten, aber sie würde sich ihren Traumurlaub nicht davon vermiesen lassen. Alles war perfekt gewesen. Einfach perfekt.

2. Kapitel

Vier Stunden später

Duffy stand auf der Straße, den Kopf in den Nacken gelegt, und schaute an dem Gebäude hinauf, blinzelnd, weil ihm Schneeflocken in die Augen trieben und an seinen Wimpern klebten. Das helle Senfgelb des Hauses schien über viele Jahrzehnte vom Regen abgewaschen worden zu sein. Zwischen den hohen Fenstern prangten Kapitelle, und unter dem steilen Dach verbargen sich ausgebaute Zimmer. Es wirkte, als sei es in Würde gealtert, wie ein betagter General, der immer noch seine Auszeichnungen trug.

Das musste es sein. Er las noch einmal die Mail auf seinem Smartphone.

Gegenüber ist eine Bushaltestelle.

Er drehte sich um, und da war sie. Eine alte Frau saß auf der Bank im Wartehäuschen, ihren Einkaufstrolley neben sich. Die Kälte schien ihr nichts auszumachen.

Direkt vor dem Haus ist ein Fahrradständer.

Ja, hier war er richtig.

Duffy ging die Stufen hinauf und guckte wieder auf die Mail. Adresse, abgehakt. Anweisungen, wie er hineinkam … Er hatte einen Code für einen Schlüsselkasten erhalten, in dem sich der Wohnungsschlüssel befand, aber – sein Blick wanderte über die alten Mauern – hier draußen war nichts. Und Otto Huber, der Wohnungseigentümer, war übers Wochenende verreist.

Er starrte die Namen neben den Klingelknöpfen an. Vielleicht würde ihm Slesinski aus Nummer sieben aufmachen?

Duffy streckte schon die Hand nach der Klingel aus, als die Haustür aufging und eine hübsche junge Frau in Leggings und Stiefeln heraustrat. Sie hatte dunkle Haare, unglaubliche haselnussbraune Augen und Sommersprossen auf der Nase. Ihre Schönheit traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube.

»Danke«, sagte er auf Deutsch – er sprach nur ein paar Brocken –, als sie ihm die Tür aufhielt.

Ihr Mund verzog sich zu einem trägen Lächeln, und da erst wurde ihm bewusst, dass er sie anstarrte.

»Huber?«, fragte sie, während sie ihn von Kopf bis Fuß musterte.

Ob er in seinen Jeans und der Daunenjacke wie ein typischer Tourist aussah?

»Ja«, bestätigte er.

»Vierter Stock«, sagte sie in perfektem Englisch.

»Danke.«

»Gern geschehen.« Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber wieder zu ihm um. »Sind Sie das erste Mal in Wien?«

»Ja.«

»Und wie lange bleiben Sie?«

Duffy gab es auf, so zu tun, als hätte er noch mehr Deutsch auf Lager.

»Nur heute Nacht«, antwortete er auf Englisch. »Morgen fliege ich weiter.«

»Hm, das ist aber schade«, entgegnete sie monoton und legte den Kopf schief. »Wien hat so viel mehr zu bieten, als man an einem einzigen Abend sehen kann.«

Flirtete sie etwa mit ihm?

»Ich würde schon länger bleiben, wenn ich könnte.« Garantiert.

»Aber Sie können nicht.« Ihre Brauen zuckten nach oben, als würde sie das nicht zum ersten Mal hören. Ihr Blick hatte etwas Wissendes, und in ihren Worten lag etwas Suggestives.

»Wohnen Sie hier?«, fragte er, um sie weiter in ein Gespräch zu verwickeln, da sie es ja offenbar nicht eilig hatte.

»Nummer vier«, antwortete sie achselzuckend.

Sie hätte auch einfach Ja sagen können. Er spürte, wie ein Lächeln seine Augen erreichte.

»Ihnen geht das ständige Kommen und Gehen im vierten Stock bestimmt auf die Nerven, oder?«

»Normalerweise schon, aber nicht immer.« Sie hielt seinem Blick stand. Vermutlich wusste sie um die Faszination, die ihre Schönheit auf andere ausübte. Mit einem geheimnisvollen Lächeln wandte sie sich langsam ab. »Hüten Sie sich vor der Katze. Sie kratzt.«

Duffy überlegte, was er sagen könnte, um sie aufzuhalten, doch da er seit einer Ewigkeit nicht mehr geflirtet hatte, durchforstete er sein Gehirn vergeblich. Wo sie an einem Sonntagnachmittag wohl hinging? Ins Fitnessstudio? In den Supermarkt? Würde sie bald zurückkommen?

Er schaute ihr nach und verspürte ein kurzes Triumphgefühl, als sie sich, rätselhaft lächelnd, einmal zu ihm umdrehte. Dann betrat er die Eingangshalle, die eine Aura von verblasstem Glanz verströmte. Schäbige Antiquitäten standen neben funktionalen Möbeln, die für die Verwaltung eines Mehrfamilienhauses unumgänglich waren.

Obwohl es einen Fahrstuhl gab, stürmte er, in Gedanken immer noch bei der wunderschönen Hausbewohnerin, mit großen Sätzen die Treppe hinauf.

Der Kasten ließ sich mit dem Code problemlos öffnen. Er nahm den Schlüssel heraus, schloss die Wohnungstür auf und ging auf leisen Sohlen hinein.

Es roch streng nach Putzmitteln. Amüsiert betrachtete er die stark stilisierte Einrichtung. Das Ganze wirkte auf ihn wie das Filmset eines Doris-Day-Films.

Schulterzuckend streifte er seinen Rucksack ab, ließ ihn auf den Boden fallen und wanderte durch die Räume. An einer Wand des marineblauen Schlafzimmers hing ein Neonschriftzug, der wohl einen künstlerischen Akzent setzen sollte, aber einfach nur kitschig wirkte.

Er warf einen Blick ins Bad: Fliesen mit Marmoreffekt, bodengleiche Dusche, keine Wanne, dicke, flauschige Handtücher. Es war groß und sauber. In der Küche, die auf der anderen Seite des Wohnzimmers lag, waren sämtliche Utensilien in den Schränken verborgen, sodass die Zubereitung einer Mahlzeit der Suche nach Wegen aus einem Escape Room glich.

Er öffnete den Schrank neben dem Durchgang und fand ein Bügelbrett und einen Mopp darin. Auf der Arbeitsfläche stand eine Kaffeemaschine, aber kein Wasserkessel. Herr Huber war eindeutig kein Teetrinker. Einen Toaster konnte er auch nicht entdecken, was schade war, weil er extra ein kleines Glas Marmite mitgenommen hatte. Die Würzpaste war das Einzige von zu Hause, auf das er nicht verzichten mochte.

In der Jackentasche klingelte sein Handy.

»Und, bist du drin?«, fragte eine Stimme mit leichtem Akzent. Keine Einleitung.

»Ja, bin ich«, antwortete Duffy. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen schlenderte er ins Wohnzimmer zurück.

»Und?«

»Und es ist der Traum jeder amerikanischen Vorstadthausfrau aus den Fünfzigerjahren«, erwiderte er und strich leicht über einen mit Marabufedern verzierten Lampenschirm. Der Messingfuß war wie das Bein eines Flamingos geformt.

»Schalt auf Video«, befahl die Anruferin. »Das will ich sehen.«

Er gehorchte und schwenkte die Handykamera durchs Zimmer. Ein Ausruf des Abscheus, dann: »Uuh, wirklich wunderschön. Noch besser als auf den Fotos.«

»Die reinste Verschwendung. Ich hab dir doch gesagt, ein Einzimmerapartment würde mir vollkommen reichen.«

Er trat ans Fenster und schaute auf die Straße hinunter. Es schneite heftig. Die alte Frau wartete immer noch auf den Bus. Ein Teenager in einer »North Face«-Pufferjacke schlenderte vorbei und nickte rhythmisch zur Musik aus seinen Airpods. Keine Spur von der jungen Frau aus Nummer vier.

»Es ist doch nur für eine Nacht«, ergänzte er.

»Genau deshalb hab ich die Wohnung ja ausgesucht«, erklärte sie. »Ich dachte, eine letzte Nacht Komfort und Luxus würde dir guttun.«

Duffy wandte sich vom Fenster ab. Selbst wenn er sich nur hinsetzte, würde es danach unordentlich aussehen. Er tat es trotzdem. Dann lehnte er das Handy an eine ananasförmige Keramikvase auf dem Couchtisch, schnürte seine Stiefel auf, schälte sich aus seiner federleichten Daunenjacke und ließ sich in die Sofapolster fallen.

»Es war total nett von dir, dass du die Wohnung für mich gebucht hast, Anya«, sagte er höflich und sah die frustrierte Blondine auf dem Bildschirm an. »Ich weiß das zu schätzen.«

Man konnte das »Aber« hören, das in seiner Versicherung mitschwang.

Ein zartes Seufzen wehte ins Zimmer. »Kein Wunder, dass wir Schluss gemacht haben.«

»Du hast einen Mann verdient, der Pratesi von … Pappardelle unterscheiden kann.« Er legte die Stirn in Falten. Passte das?

»Allein die Tatsache, dass du Pratesi kennst, beweist, dass du nicht so ahnungslos bist, wie du dich gern gibst.«

»Kein Kommentar. Wäre ich dir nicht so auf den Geist gegangen, hättest du mich nicht abserviert. Du hättest nie in deinen Jägerbomb-Cocktail geheult und Henrik kennengelernt, du wärst nie hierher zurückgezogen und glücklich geworden … und ich würde mich jetzt nicht mit dir von dieser wundervollen Wohnung aus unterhalten.«

»Ich will aber, dass du auch glücklich wirst, Duff.«

Er legte sich hin und starrte zu der Stuckrosette an der Decke hinauf.

»Ich weiß.« Er lächelte ihr flüchtig zu. »Ich hab’s fest vor, keine Sorge.«

»Hoffentlich«, sagte sie, aber man konnte ihr ansehen, dass sie sich Sorgen machte.

Sie sorgte sich immer um ihn.

Er drehte sich weg.

Sie betrachtete ihn prüfend wie eine Mutter.

»Hast du zugenommen?«, fragte sie und schob ihr Gesicht näher an die Kamera.

»Ich geb mir Mühe. Kann man es sehen?«

»Ein klein wenig.« Eine Pause entstand. »Es tut mir so leid, dass wir nicht da sind. Das Timing könnte nicht schlechter sein.«

»Nicht zu ändern. Wie geht es ihr?«

»Ganz gut. Der Sturz war nicht so schlimm, wie wir zuerst befürchtet haben, aber Henrik hat sich furchtbare Sorgen gemacht.«

»Na klar. Ich meine, sie ist seine Mum. Es ist gut, dass ihr hingefahren seid.«

»Aber jetzt verpasse ich dich.«

»Uns bleibt immer noch Paris«, zitierte er den berühmten Satz aus Casablanca. »WhatsApp, meine ich«, fügte er träge lachend hinzu.

»Ich würde dich vor deiner Abreise so gern noch sehen. Wir sind morgen Nachmittag zurück. Kannst du nicht doch eine Nacht dranhängen?«

»Nein. Dann verpasse ich meinen Anschluss.«

Als er seinen Blick jetzt durch das Zimmer schweifen ließ, konzentrierte er sich auf die Details: die Bose-Lautsprecher in der Decke, die Diptyque-Kerze auf dem Couchtisch, die übergroßen Bildbände, die einen gewissen Sinn für Ästhetik unter Beweis stellen sollten. Der Vorhang bauschte sich am Boden. Offenbar lag etwas dahinter.

»Dann versprich mir wenigstens, dass du dich öfter meldest. Schreib mir so oft, wie du kannst, damit ich weiß, wie du vorankommst. Ich mach mir Sorgen, wenn ich nichts von dir höre, das weißt du doch.«

Sein Blick kehrte zu dem geheimnisvollen Etwas hinter dem Vorhang zurück. Schließlich siegte seine Neugier: Er stand auf und ging hinüber.

»Hä? Ach so, ja klar. Wo es das Netz erlaubt.« Als er den Vorhang zurückschob, kam ein kleines schwarz-weißes Stofftier zum Vorschein.

»Gut. Immerhin etwas.« Anya klang ein wenig besänftigt.

Duffy hob das Plüschtier auf. Was sollte das eigentlich darstellen?

»Aber gerat nicht in Panik, wenn du eine Weile nichts von mir hörst, okay?«

Er drehte es hin und her. Eine Kuh?

Ein Gefühl des Wiedererkennens überkam ihn. Etwas klickte, öffnete sich. Emotionen überrieselten ihn wie Schweißtropfen.

»Was verstehst du unter einer Weile?«

Die Frage drang erst nach ein paar Sekunden zu ihm durch. Er wandte sich der Blondine zu und versuchte, sich auf die Unterhaltung zu konzentrieren.

»Oh, äh, ein paar Wochen oder so. Ich werde nicht überall Internet haben, also flipp nicht gleich aus.«

»Soll ich dir immer noch die Ergebnisse von Chelsea schicken?«

Er betrachtete das Stofftier. Es war so vertraut! Genau so, wie er es in Erinnerung hatte.

»Ja«, murmelte er zerstreut. »Aber nicht, wenn wir gegen Liverpool verlieren; das tut nur weh. Erspar mir das.«

»Hast du deinen Vater schon angerufen?«

Sein Blick richtete sich reflexartig auf den Bildschirm. Im Hintergrund war eine Stimme zu hören.

»Ist das Henrik?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Lenk nicht ab. Hast du ihn angerufen?«

Er seufzte. »Noch nicht.«

»Aber du fliegst morgen!«

»Ich weiß. Ich werde ihn vom Flughafen aus anrufen.«

»Das ist zu spät.«

»Quatsch! Ich werde stundenlang warten müssen. Dann hab ich wenigstens was zu tun.«

»Versprich mir, dass du ihn anrufst.«

»O Mann …«

»Versprich es mir«, verlangte sie mit Bestimmtheit.

Duffy verdrehte die Augen. »Meinetwegen. Ich verspreche es.«

Sie sagte nichts. Als er wieder aufschaute, blickte er in ein zutiefst beunruhigtes Gesicht.

»Ruf du ihn doch an, wenn du dir solche Sorgen machst«, meinte er achselzuckend. »Dich hat er sowieso immer lieber gemocht als mich.«

»Das ist nicht wahr, und das weißt du auch«, entgegnete sie ruhig.

Man konnte Henrik wieder rufen hören. Jetzt war sie es, die die Augen verdrehte.

»Scheint dringend zu sein.«

»Ja. Ich schau besser mal nach.« Sie schnappte nach Luft, als ihre Blicke sich trafen. »Hör mal, Duff …«

»Ich weiß.«

»Aber …«

»Ich weiß. Mach dir keine Sorgen. Alles in Ordnung. Guck, ich hab jetzt einen Glücksbringer.« Er hielt die Plüschkuh hoch.

»Was ist das denn?« Sie beugte sich lachend vor, bis ihr Gesicht fast den Bildschirm berührte. »Sieht aus wie ein Putzlappen!«

»Vielen Dank! Das könnte ein Doppelgänger von Moodle sein, damit du’s weißt.«

»Ein Doppelgänger von Moodle«, wiederholte sie langsam.

»Jap.«

»Duffy, ich habe keinen blassen Schimmer, wovon du redest.«

Er lachte. »Moodle war Lotties Kuscheltier. Sie hat es überallhin mitgenommen. Buchstäblich überallhin.«

»Und was hast du gehabt?«, fragte sie grinsend. »Einen unsichtbaren Freund?«

Wieder lachte er, dann zuckte er mit den Schultern.

»Ich hatte sie«, erklärte er lapidar.

»Wo hast du das denn her?«

»Ich hab’s hier gefunden, hinter dem Vorhang.« Er sah sie an. »Eine glückliche Fügung, findest du nicht?«

»Eigentlich nicht, nein.« Ekel spiegelte sich auf ihrem Gesicht wider. »Ich würde ja sagen, irgendwo da draußen sucht jetzt ein Kind danach, aber so, wie das Ding aussieht, tippe ich eher auf ein Hundespielzeug.«

Hatte sie recht? Abgenutzt war es, das stimmte; an einigen Stellen war das Florgewebe fast fadenscheinig. Aber selbst wenn es ein Hundespielzeug wäre … Diese unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Stofftier aus seiner Kindheit, jenem, das seine Schwester überallhin mitgeschleppt hatte, auf dem Weg zur Schule oder zum Spielplatz, das sie abends auf ihr Kopfkissen gebettet hatte …