Sterne über Rom - Karen Swan - E-Book

Sterne über Rom E-Book

Karen Swan

0,0
9,99 €

Beschreibung

Die Engländerin Cesca lebt in Rom und betreibt einen erfolgreichen Blog, der eine Hommage an die ewige Stadt und das Dolce Vita ist. Als sie Bekanntschaft mit ihrer Nachbarin macht, der berühmten Viscontessa Elena, sind sich beide sofort sympathisch. Nach einiger Zeit willigt Cesca sogar ein, Elenas Memoiren zu verfassen. Doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr beschleicht Cesca das Gefühl, dass Elena etwas vor ihr verbirgt. Als auf einer Baustelle ein wertvoller Diamantring gefunden wird, der angeblich Elena gehört, stellt Cesca zusammen mit dem attraktiven Archäologen Nico Nachforschungen an – und fördert ein tragisches Geheimnis zu Tage ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 625




Buch

Die Engländerin Francesca, die von allen nur Cesca ­genannt wird, arbeitet als Stadtführerin und zeigt Touristen die schönsten Orte Roms. Außerdem führt sie den erfolgreichen Blog Römische Liebschaften, eine Online-­Hommage an die Ewige Stadt und das Dolce Vita. Als sie eine gestohlene Handtasche findet, macht sie Bekanntschaft mit der Besitzerin – bei der es sich um niemand Geringeren als die berühmte Viscontessa Elena dei Damiani Pignatelli della Mirandola handelt. Die beiden Frauen sind sich sofort sympathisch, und Cesca lauscht gebannt den Geschichten aus Elenas bewegtem Leben. Sie willigt sogar ein, Elenas Memoiren zu verfassen. Doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr beschleicht Cesca das Gefühl, dass Elena ein großes Geheimnis verbirgt. Und als auf einer Baustelle ein Diamantring von unschätzbarem Wert ­gefunden wird, der angeblich Elena gehört, beginnt Cesca mithilfe des unverschämt attraktiven Archäologen Nico der Wahrheit auf den Grund zu gehen …

Weitere Informationen zu Karen Swan sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Karen Swan

Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Rome Affair« bei Pan Books, an imprint of Pan Macmillan, London. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung März 2019 Copyright © der Originalausgabe 2017 by Karen Swan Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: plainpicture / Mihaela Ninic; FinePic®, München Redaktion: Ann-Catherine Geuder em · Herstellung: kw Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-22289-5V001 www.goldmann-verlag.de Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Wol – den eigentlichen Verfasser dieses Buches

Prolog

Rom, November 1989

Darling?«

Er klopfte an die Tür ihrer Suite und lauschte, konnte aber nichts hören, weder Wasserrauschen aus der Dusche noch das gedämpfte Auf- und Zugehen von Schubladen oder das leise Vor-sich-hin-Summen, das verriet, dass sie beim Ankleiden war. »Elena?«

Er wartete noch einen Moment, ehe er eintrat. Die Vorhänge waren nicht zugezogen, aber die Nachttischlampe brannte, und eine kleine Vertiefung im Kissen verriet, wo ihr Kopf gelegen hatte.

Schmunzelnd wollte er sich schon abwenden, als sein Blick auf einen Gegenstand fiel, der nicht übersehen werden wollte und auch jetzt die gewünschte Wirkung erzielte. Er trat an die Frisierkommode und nahm den Ring zur Hand. Er war noch warm, sie konnte ihn noch nicht lange abgelegt haben, wahrscheinlich hatte sie vergessen, ihn nach der Morgentoilette wieder auf den Finger zu streifen. Er rieb mit dem Daumen über die Steine und küsste sie, dann schob er den Ring in seine Jackentasche und beschloss, in der Bibliothek nach ihr zu suchen.

Bestimmt war sie …

Der kleine Zettel lag unter einem Whiskyglas, das wie ein Vergrößerungsglas wirkte. Er kannte diese Schrift. Erschrocken riss er den Zettel hervor, überflog ihn, schnappte nach Luft, als er begriff.

Dann rannte er los.

1. Kapitel

Rom, Juli 2017

Die Spatzen und der bernsteinfarbene Sonnenuntergang, das hat sie geschrieben«, las Matteo vor und legte sein Handy beiseite.

»Das gefällt dir an Rom am besten? Im Ernst?«, fragte Alessandra ungläubig.

»Ja, und dieser Artikel hat sogar mehr Likes gekriegt als jeder andere, stellt euch vor!« Cesca warf lachend die Arme hoch.

»Also, die meisten Menschen würden sagen, das Kolosseum oder das Forum Romanum oder das Pantheon«, erwiderte Alé spöttisch. »Sogar die Rosenverkäufer an der Spanischen Treppe hätten mehr Chancen als die räudigen braunen Spatzen, die einem das Essen vom Teller picken.«

»Ja, aber die meisten Menschen sind eben einfallslos. Ich reihe mich nicht in die Masse ein. Ich bin kein Klischee. Vielleicht gefällt den Leuten ja deshalb mein kleiner Blog so gut.«

»Von wegen klein«, warf Matteo trocken ein. »Du hast ja mittlerweile so viele Follower, dass bald die Werbeindustrie anklopfen wird. Und dann machst du das große Geld.«

»Ach ja? Wenn sie sich bloß beeilen würden …«, meinte Cesca zynisch.

Aber es stimmte, ihr Blog, den sie »Römische Liebschaften« nannte, traf offenbar einen Nerv. Ihre Online-Hommage an die Wiege der Alten Welt, an Pecorino und la dolce vita fand immer mehr begeisterte Leser, Cesca konnte es selbst kaum fassen. Nach den ersten schüchternen Anfängen vor sieben Monaten hatte sie nun ihren Stil und ihren Ton gefunden. Sie schrieb über alles Mögliche, über die Bienenstöcke in den Bergen des Aventin, wo hervorragender Honig erzeugt wurde, über kleine Hinterhofläden, die sie begeisterten, und über das, was sie bei ihrer Arbeit als Fremdenführerin täglich erlebte.

Guido grinste, seine Glatze schimmerte im goldenen Laternenschein. »Na, jetzt wissen wir wenigstens, warum du deinen knochentrockenen Job als Rechtsanwältin aufgegeben und London verlassen hast. Niemand, der so poetisch über unser Rom schreibt, kann im Labyrinth des englischen Rechtssystems sein Glück finden.«

»Danke, Guido«, sagte Cesca und hob ihr Glas. »Darauf lasst uns anstoßen.«

Sie leerten ihre Grappagläser und lehnten sich mit einem entspannten Lächeln zurück. Es war eine samtig warme, sternenklare Nacht, in der Luft lag ein betäubender Duft von Jasmin. In dem Restaurant auf der kleinen Piazza war jeder Tisch besetzt. Sie hatten sich satt gegessen, an Meeresfrüchten und Pasta, und es war bereits nach zehn Uhr, aber das war für römische Verhältnisse noch nicht sehr spät. Auch für Cesca nicht, die sich inzwischen an den Lebensrhythmus angepasst hatte.

»Und was jetzt? Sollen wir ins Zizi gehen?«, schlug Alé vor und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Sie hob ihre schlanken, nackten Arme und fasste ihr langes dunkles Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. »Heute spielt eine Rockband. Es ist die aus Rock in Roma, wir haben sie im Juni gesehen, wisst ihr noch?«

»Was, die mit diesen heißen Leadsängern?« Matteo beugte sich interessiert vor, wie stets, wenn die Rede auf attraktive Frauen kam.

»Ich fand ihn jedenfalls heiß«, sagte Alé lachend und ließ ihre Haarmähne wieder auf ihre Schultern fallen. »Aber dass du auch auf Bärte stehst, ist mir neu.«

Alle lachten und bewarfen Matteo, der betreten den Kopf hängen ließ, mit ihren Papierservietten. »Ich dachte, du meinst die …«

»Die drei Schwestern, ich weiß.«

»Also, ich hätte nichts gegen das Zizi einzuwenden«, meinte Guido. Er stand nämlich durchaus auf Bärte.

»Ohne mich, fürchte ich«, seufzte Cesca. Sie beugte sich zur Seite und griff nach ihrer Handtasche, die sie neben ihrem Stuhl abgestellt hatte. »Ich hab morgen früh um sechs eine Führung, was heißt, dass ich um fünf aufstehen muss.«

»Och, wie langweilig«, murrte Alé und sah zu, wie Cesca die Rechnung vom Teller nahm und, an ihrer Lippe kauend, ihren Anteil ausrechnete.

»Du sagst es«, erwiderte Cesca, als sie fertig gerechnet hatte, und verdrehte die Augen. »Aber die Miete will nun mal bezahlt werden.«

Alé schnalzte missbilligend. »Dass du für diese Bruchbude überhaupt was bezahlen musst, ist eine Frechheit!« Sie schenkte dem Kellner ein laszives Lächeln, der gerade mit einer weiteren Runde Verdauungsschnäpsen auftauchte.

»Also, ich finde meine kleine Bude charmant und gemütlich. Du würdest nicht glauben, was ich für das Gleiche in London berappen müsste. Hier ist zumindest alles so …« Cesca überlegte stirnrunzelnd. »Was heißt eigentlich ›malerisch‹ auf Italienisch?«

Die Antwort erfolgte prompt im Chor.

»Ach, so nennt man das also.« Cesca nickte und kramte in ihrer Brieftasche den passenden Betrag zusammen. Ihr Italienisch ließ leider immer noch zu wünschen übrig, was hauptsächlich daran lag, dass ihre Freunde so gut Englisch sprachen und sie daher nur selten gefordert wurde. Eigentlich hätte sie sie bitten müssen, ausschließlich Italienisch mit ihr zu sprechen, damit sie vorankam. Aber vermutlich hätten sie dann nur halb so viel Spaß.

»Weißt du noch, dass dir nachts mal eine Kakerlake übers Gesicht gelaufen ist?«, erinnerte sich Alé mit Schaudern.

»Ja, aber das war nur ein Mal und auch nur in der ersten Woche. Vermutlich hab ich sie inzwischen verscheucht.«

»Das elektrische Licht flackert, wenn man im Raum auf und ab geht«, fügte Matteo hinzu. »Und da drin steht noch ein uralter Schwarzweißfernseher! Sicher der einzige, den es in Italien noch gibt.«

»In ganz Europa«, berichtigte Guido.

Matteo schaute ihn an. »Stimmt.«

»Außerdem riecht’s wie in einem Pferdestall.« Alé kräuselte angeekelt die Nase.

»Dagegen gibt’s schließlich Duftkerzen«, meinte Cesca ungerührt. »Und der Schwarzweißfernseher ist ein Designstatement, das findet jeder – so wie Guidos Craftbiere und sein Hipsterbart.« Sie kraulte grinsend Guidos Bart, als wäre er ein irischer Terrier. Sie kannte ihn nicht anders, konnte ihn sich rasiert gar nicht vorstellen. Er würde ihr geradezu nackt vorkommen. »Außerdem hab ich eine Badewanne und …«

»Igitt!« Matteo verzog das Gesicht. »Was findet ihr Engländer nur dabei, in eurem eigenen Schmutzwasser zu sitzen?«

»Es entspannt! Ich möchte dich mal in einem englischen Winter erleben, da würdest du mit Freuden in deiner eigenen Brühe sitzen! Ein heißes Bad war oft das Einzige, das mich warm gehalten hat, als ich noch auf der Uni war.« Sie holte tief Luft und sah, wie sich alle grinsend freuten, dass sie sich so aufregte. »Außerdem lebt ihr ja selbst nicht gerade in Luxuswohnungen, oder?«, schmollte sie, während sich die anderen bogen vor Lachen.

»Ach komm, bleib noch ein bisschen. Wenigstens noch auf einen Drink«, bat Alé.

»Nein, im Ernst, das ist unmöglich.« Cesca beugte sich vor und küsste sie der Reihe nach. »Ich hab in letzter Zeit schon zu oft geschludert, und ihr wisst ja, wie ich morgens bin.«

»Ich wünschte, ich wüsste es.« Matteo streckte sich und zeigte seine beeindruckenden Muskeln.

»Du bist einfach unverbesserlich«, erwiderte Cesca lachend. »Aber ich brauche diesen Job. Ich hab von der ganzen Lauferei schon Löcher in den Schuhen, und neue kann ich mir nicht leisten.« Wie zum Beweis hob sie ihre gelben Converse und zeigte ihnen die dünnen Sohlen.

»Aber den Wein im Restaurant kannst du dir offenbar schon noch leisten«, meinte Guido und legte demonstrativ eine der Flaschen, die auf dem Tisch standen, um.

»Na klar, es gibt schließlich Prioritäten, Baby«, scherzte sie.

»Ich dachte, deine Schuhe müssen so sein«, sagte Matteo. »Du weißt schon, sie passen zum Rest deiner Aufmachung.« Er beäugte sie skeptisch.

»He! Bloß weil du kein Auge für Vintage-Klamotten hast!«, sprang Alé ihrer Freundin solidarisch bei. »Bei dir muss doch immer alles brandneu und von Gucci sein, alles andere ist Müll für dich.«

Matteos Blick richtete sich vielsagend auf das Loch in der Seitennaht von Cescas weißer Belle-Époque-Rüschenbluse. Sie deckte es mit der Hand zu. »Du weißt ja, wie man sagt: nicht gebraucht, sondern geliebt.« Lachend setzte sie ihren ebenfalls schon ein wenig angeknabbert aussehenden Panamahut auf, der über der Sitzlehne gehangen hatte. Dann warf sie Handküsse in die Runde. »Bis dann, Freunde. Ihr seid die Besten! Man sieht sich!« Winkend ging sie davon. Die anderen diskutierten bereits lautstark darüber, wo es denn nun noch hingehen solle.

Der Heimweg war nicht lang. In Rom lag irgendwie alles in Fußnähe. Sie überquerte die Piazza San Cosima, an deren Rändern die Verkaufstische für den morgigen Markttag aufeinandergestapelt und mit Ketten gesichert worden waren, und tauchte ins Gewirr der schmalen Gassen und Gässchen ein mit ihren jasmin- und efeubewachsenen Fassaden. Überall schlenderten Menschen umher oder saßen vor den Restaurants und Kneipen, deren Tische an den Wänden klebten, damit die Airport-Limousinen noch durchkamen. Dazwischen standen, dicht an dicht wie Dominosteine, lange Reihen von Vespas und Scootern. Aus fast jedem offenen Fenster drang Musik.

Ihre kleine Wohnung lag im Centro Storico, versteckt im Labyrinth der Gässchen zwischen der Piazza Navona und dem Campo de’ Fiori. Es war zwar nicht die feinste Gegend – nicht so schick wie die Apartments ihrer Freunde im hippen Trastevere, wo sich Künstler und Designer die Klinke in die Hand gaben, wo es jede Menge Nachtclubs und Kneipen und trendige Pop-up-Lokale gab – und sie mochte allein durch ihre Anwesenheit den Altersdurchschnitt der Bewohner um vierzig Jahre hochgetrieben haben, aber es lag zentral, und das war für ihren Job äußerst praktisch. Sie war beruflich täglich so viel zu Fuß unterwegs, dass sie nicht auch noch einen langen Heimweg in Kauf nehmen wollte.

Außerdem lag es ihr nicht, sich den gängigen Strömungen anzuschließen, das hatte es noch nie. Ihre Vintage-Klamotten waren noch das wenigste. Sie hatte schon als Teenager gern Patti Smith und Carly Simon gehört, während ihre Altersgenossen auf McFly standen. Auch hatte sie sich rasch damit abgefunden, dass sich ihr ungebärdiges rotblondes Haar (okay, karottenrot) keinem Fashion-Diktat unterwerfen ließ, und mit ihren eins neunundsiebzig war sie sowieso zu groß, um in der Menge untertauchen zu können. Gut, sie hatte Kakerlaken in der Wohnung und zerfranste alte Stromleitungen, dafür aber auch türkisgrüne Fliesen im Bad, die original aus den Sechzigerjahren stammten. Und eine Zinnbadewanne. Von ihrer winzigen Dachterrasse aus – nicht größer als ihr Esstisch – hatte man einen fantastischen Blick über rote Ziegeldächer und nicht weniger als sieben Kirchtürme! Sie liebte es, am Sonntagmorgen zuzusehen, wie die Glocken wild durcheinanderschwangen. Am besten jedoch war vielleicht die Tatsache, dass ihr Haus an einem ruhigen kleinen Platz lag, abseits der belebten Piazza Angelica, auf dem sie obendrein alles fand, was sie zum Leben brauchte: in einer Ecke eine schattige kleine Osteria, gegenüber eine Take-away-Pizzeria und obendrein gleich nebenan, im Nachbarhaus, die beste Bäckerei von Rom. Neben der Osteria wuchs ein buschiger Feigenbaum, und in der Mitte des kleinen Platzes stand ein Olivenbäumchen, dessen Äste sich sanft wie eine Hulatänzerin in der Sommerbrise wiegten. Dieser Ort hatte sich vom ersten Moment an wie ein Zuhause für sie angefühlt.

Während sie durch eine lange Gasse ging, öffneten sich links und rechts immer wieder quadratische kleine Piazzas, die den Blick auf den sternenbeschienenen Himmel freigaben und die schläfrigen Fenster in silbriges Mondlicht tauchten. Lautlos ging sie in ihren schäbigen Turnschuhen übers mondbeschienene Kopfsteinpflaster, in Gedanken bei der morgigen Führung und den Anekdoten, die sie bereithalten musste, damit sie ein Erfolg wurde. Die Tatsache, dass sie jetzt hier lebte und diesen Job machte, war immer noch ein wenig ungewohnt, obwohl sich ihr altes Leben mittlerweile anfühlte wie ein ferner, unwirklicher Traum, eine Geschichte aus dritter Hand, die sie weder charakterisierte noch definierte.

Sie bog in ihren kleinen Platz ein, die Piazzetta Palombella, und passierte die immer gut besuchte Osteria, obwohl man dort nicht reservieren konnte und es auch weder eine Tageskarte noch überhaupt eine Speisekarte gab. Signora Accardo servierte einfach das, was ihr Mann an dem Tag in der Küche gezaubert hatte. Cesca hob grüßend die Hand, als sie an der Osteria vorbeikam, wo die Signora in der traditionellen bodenlangen schwarzen Kellnerschürze mit einem Armvoll schmutziger Teller in Richtung Küche eilte.

Vor der Pizzeria gegenüber hatte sich wie üblich eine Menschenschlange gebildet. Stimmengewirr, Applaus und anerkennende Pfiffe drangen heraus, denn dort wurde mit akrobatischem Geschick der Pizzateig in die Luft geworfen, ausgezogen und dann mit langen Brotschaufeln in den Ofen geschoben, aus dem ein dämonischer roter Schein auf den Platz fiel. Der Laden gehörte Franco Luciano, einem pizzaiolo der dritten Generation, dessen Geschäft nun von seinen sechs Söhnen geleitet wurde. Die sechs jungen Männer waren eine ebenso große Attraktion wie der berühmte Pizzateig der Lucianos. Cesca fiel es immer noch schwer, sie auseinanderzuhalten oder sich ihre Namen zu merken. Alle hatten dichtes schwarzes Haar, strahlend weiße Zähne, braune Augen und olivbraune Haut. In weißem T-Shirt und langer Schürze schlüpften sie mühelos durchs Gedränge, kneteten klatschend den Teig und warfen unter Gejohle die hauchdünnen Fladen mit wogenden Muskeln bis fast an die Decke. Cesca hatte den Verdacht, dass sie eher fließend Italienisch sprechen lernen würde, als die sechs auseinanderzuhalten. Die Brüder arbeiteten rein nach Instinkt, sie handhabten die drei Meter langen Brotschieber, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Hier erlebte Cesca zum ersten Mal, dass die traditionelle Herstellung der Pizza im Grunde eine Kunst war, vor allem was die Zubereitung und Verarbeitung des Teigs betraf.

Ricci, Francos Ältester, wuchtete gerade eine Abfalltonne nach draußen und rief einen lauten Gruß. Cesca winkte ihm zu. Sie freute sich über die warmherzige Selbstverständlichkeit, mit der sie hier aufgenommen worden war.

Dann erklomm sie die Steintreppe, die an der Hauswand zu ihrer Wohnung hinaufführte. Dabei musste sie den vielen Blumentöpfen voller blühender Geranien ausweichen, die ihre Hauswirtin, Signora Dutti, auf jeder Stufe verteilt hatte. Die Witwe bewohnte die Erdgeschosswohnung. In den letzten sieben Monaten war Cesca jeden Morgen davon erwacht, wie Signora Dutti um Punkt sieben Uhr vierzig die Stufen fegte und dabei die Tontöpfe anhob und wieder abstellte, ein melodiöses Klimpern, ähnlich dem Klappern der Teetassen daheim in England.

In ihrer kleinen Wohnung war es kühl und dunkel. Die schönen alten, handgefertigten Spitzenvorhänge hingen schlaff vor den zugeklappten Fensterläden. Sie öffnete die Läden, um die frische Nachtluft in den abgestandenen kleinen Raum hineinzulassen. Dann schlüpfte sie aus ihren Turnschuhen und schritt barfuß über die kühlen Terracottafliesen zu der winzigen Küchenzeile im hinteren Teil des Wohnraums. Sie schenkte sich ein Glas Wasser ein und schnitt sich auf einem Tellerchen einen Pfirsich auf. Dann schaltete sie den Fernseher ein und knipste sich durch die Kanäle, bis sie auf die Wiederholung einer alten Commissario-Montalbano-Folge stieß. Sie ging ins Bad und drehte den Hahn auf, um sich, wie jeden Abend, ein Bad einzulassen. Sollten sich ihre Freunde ruhig über sie lustig machen, aber das gehörte nun einmal zu ihrem abendlichen Ritual.

Auf der Sofakante sitzend aß sie entspannt ihren Pfirsich und schaute sich die Schießerei im Fernsehen an. Sie hatte den Ton abgedreht, damit sie das einlaufende Wasser hören konnte, dessen Geräusch mit zunehmender Menge dumpfer wurde. Sie konnte hören, wann genug Wasser eingelaufen war. Als es so weit war, ging sie und drehte den Hahn zu.

Mit dem Pfirsichkern auf dem nun leeren Teller ging sie zurück zur Küchenzeile, spülte den Teller unter laufendem Wasser ab und verknotete dann die Abfalltüte. Vorsichtig hob sie sie aus dem Eimer, denn sie war brechend voll und ziemlich schwer – offenbar war doch noch ein bisschen zu viel Milch in dem Müslirest gewesen, den sie heute Morgen aus der Schüssel in den Abfall gekratzt hatte –, und ging damit zur Haustür. Sie schlüpfte in ihre Turnschuhe, wobei sie die Fersen heruntertrat, um sie nicht extra auf- und wieder zuschnüren zu müssen, und warf einen Blick hinter sich. Ja, da war eine Spur aus dicken Milchtropfen, die sich über die Fliesen zog. Mit einem ungehaltenen Zungenschnalzen hob sie den Beutel wieder an und eilte so schnell sie konnte die Steinstufen hinab. Dabei stieß sie versehentlich mit der Mülltüte einen Blumentopf um, und Erde spritzte auf die Stufen.

Fluchend bog sie nach links in die schmale Gasse zwischen ihrem Haus und der Bäckerei ein. Sie schob den Deckel der großen Tonne hoch und hielt wegen des Gestanks die Luft an. Gerade als sie ihre Tüte hineinwuchten wollte, fiel ihr Blick auf etwas, das sie innehalten und den angehaltenen Atem wieder ausströmen ließ. Stirnrunzelnd stellte sie ihre Tüte neben sich ab, griff in die Tonne und holte eine Handtasche heraus. Eine brandneue Handtasche und teuer noch dazu, wie es aussah. Es war eine Art Clutch aus zartem pudergrauem Leder, mit steifen Seiten und einer Verzierung aus Schlingstichen an den Rändern. Sie war keine Fashion-Expertin, aber selbst sie konnte sehen, dass diese Tasche, mit ihrem Bambusverschluss, eine Gucci sein musste (daheim gehörte eine Handtasche von Gucci, Prada oder Celine – der Heiligen Dreifaltigkeit der Mode – zu den Statussymbolen der weiblichen Mitglieder der Anwaltskaste, zumindest der besser verdienenden, und wurde gerne über dem Unterarm getragen, da andere Statussymbole, wie Rolex, Maßanzug oder die vierzehntägige Auffrischung der Hersheson-Highlights unter Robe und Perücke verborgen blieben). Sie rieb mit dem Daumen übers Leder – es war ganz weich und zart, sicher Kalbsleder. Wie eine Imitation sah es nicht aus und roch auch nicht so, wie sie feststellte, als sie prüfend daran schnupperte. Was um alles in der Welt hatte so eine Tasche in einer Mülltonne zu suchen?

Der Grund wurde ihr schlagartig klar.

Sie vergaß den schweren, tropfenden Müllsack neben sich und ließ die Handtasche gespannt aufschnappen. Im Gegensatz zu ihrer, in der sich aller möglicher Plunder befand, war hier nur das Allernötigste vorhanden: eine Haarbürste (ohne ein einziges Haar zwischen den Borsten), ein Chanel-Les-Beiges-Gesichtspuder, eine Mini-Parfümflasche von Annick Goutal, eine silberne Geldspange mit Visitenkarten … aber weder ein Handy noch eine Geldbörse. Das war auffällig. Nun, der Dieb würde sich Letzteres geschnappt und den Rest des ihn belastenden Diebesguts so schnell wie möglich entsorgt haben, natürlich.

Und dennoch: Diese Tasche war auch ohne Bargeld oder Kreditkarten wohl an die tausend Euro wert. Aber wie die Besitzerin ausfindig machen, wenn es keine Identifizierung gab? Was tun? Bei der Polizei abgeben. Aber wäre die überhaupt in der Lage, die Besitzerin ausfindig zu machen? Oder die Tasche behalten? Sie hatte sie schließlich gefunden, nicht wahr? Obwohl so ein teures Stück eigentlich gar nicht zu ihr passte. Sie konnte sich nicht vorstellen, mit so einer Handtasche herumzulaufen. Die gehörte eher zu einer Frau, die sich täglich frisieren ließ und für die eine Maniküre zu den Lebensnotwendigkeiten gehörte, eine, die schon beim Frühstück Diamantringe trug. Ob sie sie vielleicht verkaufen sollte? Das Geld konnte sie jedenfalls gut gebrauchen und …

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Vielleicht hatte diese Tasche ja eine Art Seriennummer, mit der man sie zu ihrer Besitzerin zurückverfolgen könnte? So wie eine Rolex oder ein Auto? Eine Seniorpartnerin in der Kanzlei, in der sie gearbeitet hatte, besaß eine Hermès-Birkin-Tasche, zu der eine kleine Karte mit Authentifizierungsziffern gehörte. Vielleicht besaß diese Tasche ja etwas Ähnliches? Dann könnte sie sie zurückgeben, eine Lösung, mit der sie sich wohler fühlte, denn es widerstrebte ihr, vom Unglück anderer zu profitieren.

Sie öffnete den Reißverschluss der Futtertasche, obwohl es nicht so aussah, als ob sich etwas darin befände. Aber tatsächlich fand sie einen kleinen Briefumschlag. Sie nahm ihn heraus. Er bestand aus pastellblauem Briefpapier, war ungeöffnet und an den Rändern und Kanten abgegriffen und abgestoßen. Mit eleganter Handschrift stand darauf der Name Elena.

Cesca biss sich auf die Lippe. War das der Name der Frau, der die Tasche gehörte? Oder war das nur die Empfängerin des Briefes, aber nicht die Besitzerin der Tasche?

»Buona notte, Cesca.«

Sie hob den Kopf und erblickte Signora Dutti, die nun, da die Tageshitze nachließ, die durstigen Geranien wässerte. Sie trug wie üblich ihren dunkelblauen Hausmantel und ein Haarnetz über Lockenwicklern. Ihre Füße steckten in einem Paar bequemer alter Scholl-Sandalen.

»Buona notte, Signora«, erwiderte Cesca lächelnd und winkte der alten Dame ohne zu überlegen mit der Handtasche zu. Diese erregte prompt die Aufmerksamkeit ihrer Vermieterin.

»Ach.« Cesca lief rasch zu ihr. »Ich hab die hier gerade in der Mülltonne gefunden.«

Signora Dutti schüttelte mit einem missbilligenden Zungenschnalzen den Kopf. »Diese Diebe!« Sie stellte die Gießkanne beiseite und nahm Cesca die Tasche mit ihren altersfleckigen, faltigen Händen ab, die einen Kontrast zu dem glatten, weichen Leder der Tasche bildeten.

»Ja, und die Wertsachen haben sie natürlich mitgenommen: Brieftasche, Handy … Aber die Tasche selbst ist auch sehr wertvoll, irgendjemand wird sie bestimmt vermissen. Und dann hab ich auch noch das hier gefunden.« Sie hielt den Brief hoch.

Als Signora Duttis Blick auf den Namen fiel, veränderte sich schlagartig ihre Miene.

»Sie wissen wohl nicht zufällig, wer diese Elena sein könnte?« Cesca zog die Nase kraus. »Nein, das wäre ja so, als würde man eine Nadel …« Als sie die zufriedene, ja fast selbstgefällige Miene ihrer Vermieterin bemerkte, brach sie abrupt ab. »Sie wissen es tatsächlich? Im Ernst?«

Signora Dutti nickte. Dann hob sie ganz langsam den Arm und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den blassblauen Palazzo auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Platzes. Er besaß hellbeige gestrichene Fensterläden, die sämtlich geschlossen waren. Es waren vierundzwanzig Fenster, sechs auf jedem Stockwerk. Und das war nicht einmal die Vorderseite, die wies auf die Piazza Angelica. Nein, dies hier war die rechte Seitenfront, und in den sieben Monaten, in denen sie schon hier lebte, hatte sie nie erlebt, dass auch nur ein einziger Fensterladen geöffnet worden war, zumindest nicht auf dieser Seite des Palazzos. Auch hatte sie noch nie jemanden daraus hervorkommen oder hineingehen sehen.

»Sie wohnt da drinnen?«

Signora Dutti nickte mit einem rätselhaften Ausdruck in ihren dunklen Augen. »Sie wohnt da drinnen.«

2. Kapitel

Auf der Piazza Angelica, der sie momentan den Rücken zuwandte, funkelten vereinzelte Lichtpfützen. Vespas standen in militärisch präziser Formation an den Seiten des großen Platzes. Die römische Jugend hatte sich in der Mitte um den prächtigen Springbrunnen versammelt, der sie anzuziehen schien wie Motten das Licht.

Cesca stand auf den Eingangsstufen des Palazzos und lauschte dem Bimmeln der Türglocke, das sich in den Tiefen des trutzigen Gebäudes verlor. Hier in seinem Schatten, das Gesicht nur einen halben Meter von der beeindruckenden Fassade entfernt, kam sie sich klein wie eine Ameise vor. Das war kein normales »Haus«, in dem man sich wohlfühlen konnte, Gebäude wie dieses beherbergten meist Ministerien oder Behörden. Wer wohnte heutzutage noch in so einem Palast? Darin hatten doch an die hundert Familien Platz, man konnte eine Schule daraus machen oder ein Krankenhaus. Irgendetwas Sinnvolles, Nützliches.

Die Handtasche nervös umklammert, schaute sie zum Türstock auf, der sich fünf Meter höher über ihr wölbte. Was für eine Eingangstür! Sie entdeckte eine auf sie gerichtete Überwachungskamera; ihre Nervosität wuchs. Sie wünschte, sie hätte sich die Zeit genommen, ihren Panamahut aufzusetzen, ohne den sie hier bei dieser Hitze fast nirgends hinging. Aus dem Augenwinkel sah sie Signora Dutti an der Ecke neben dem Feigenbaum stehen und gespannt zu ihr herüberstarren. Die Neugier der Frau machte Cesca noch nervöser. Was war so interessant daran, hier zu klingeln und eine gestohlene Handtasche abzuliefern?

Als sich nichts rührte, wandte sie sich zum Gehen um. Sie blickte zu ihrer Nachbarin hinüber und zuckte die Schultern, als wolle sie sagen, »versucht habe ich’s ja«. In diesem Moment ging die Tür auf, und sie sah sich mit einem Mann mittleren Alters in schwarzer Hose und weißer Hausjacke konfrontiert, ähnlich wie die eines Kochs. Er trug eine Schildpattbrille und verzog keine Miene. Sein unheimlich glattes Gesicht wirkte starr wie eine Totenmaske.

Er blickte Cesca fragend an; sein scharfer Blick registrierte sofort das kleine Loch in ihrer Bluse, die abgetretenen gelben Tennisschuhe, die plattgelatschten Hacken. Er wuchs sogleich um mehrere Zentimeter. »Sie wünschen?« Als sie nicht unmittelbar antwortete, fuhr er sie barsch an: »Es ist schon spät. Was wollen Sie?«

Cesca wurde erst jetzt klar, dass er recht hatte: Es war schon nach elf; sie musste dringend ins Bett, ihr blieben nur noch fünf Stunden Schlaf. »Ja, tut mir leid, aber ich dachte mir, Sie wollten die hier vielleicht so schnell wie möglich wiederhaben.« Sie hielt ihm die Gucci-Handtasche hin.

Der Mann wirkte zunächst verblüfft, dann zornig. Er packte sie beim Ellbogen und riss ihr die Tasche aus der Hand. Cesca schnappte erschrocken nach Luft.

»Sie haben ja keine Ahnung, was Sie angerichtet haben! Gehören Sie etwa auch zu dieser Bande?« Er trat hinaus auf die oberste Treppenstufe und blickte sich grimmig um.

»W-was?«, stammelte Cesca und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.

Sein Blick richtete sich wieder voller Verachtung, ja Ekel auf sie, der Griff um ihren Arm verstärkte sich noch. »Diese Bande, die diese Tasche gestohlen hat. Falls Sie glauben, Sie könnten noch mehr herausholen, indem Sie uns das zurückbringen, was Sie zuvor selbst gestohlen haben, dann …«

»Was? Nein!« Ihre Vehemenz überraschte nicht nur ihn, sondern auch sie selbst. Was fiel diesem Kerl eigentlich ein? Er hielt sie für eine Diebin! Er hielt ihren Vintage-Schick für Lumpen? »Wie können Sie es wagen! Ich wohne um die Ecke – und ich habe diese Tasche hier in meiner Mülltonne gefunden!« Sie riss sich mit einem Ruck los. »Signora Dutti, meine Vermieterin, sagte mir, dass hier eine gewisse Elena lebt, und da bin ich hergekommen, um die Tasche zurückzugeben, das ist alles.« Erzürnt fuhr sie fort: »Ich wollte Ihnen nur einen Gefallen tun!« Verbittert wandte sie sich ab und stapfte die Stufen hinab.

Sie war keine fünf Schritte weit gekommen, als er ihr nachrief: »Warten Sie!«

Sie wandte sich halb zu ihm um. Er hatte die – nun geöffnete Tasche – in den Händen. »Wenn Sie mir bitte folgen würden.«

Was? Wozu? Wohin ging er? Falls er glaubte, sie würde dieses Haus betreten …

He, Moment mal, wo war er hin?

Sie rannte wieder zur Eingangstür hinauf und starrte in die finstere, höhlenartige Eingangshalle. Der Mann war nirgends zu sehen.

»Hallo?«, rief sie hallend in den Raum hinein. Als niemand antwortete, trat sie über die Schwelle und rief erneut. Der Korridor erstreckte sich über sechzig Meter nach rechts und links in beide Richtungen. Es war hier um ganze fünf Grad kühler als draußen. Die Hitze prallte an den dicken Mauern ab. Sie warf einen Blick zurück auf die lärmenden Jugendlichen am Brunnen. Ihre lachenden Gesichter erstrahlten in der bläulich schimmernden Beleuchtung. Deren Abend verlief zumindest ganz nach Programm.

Sie hörte die sich rasch entfernenden Schritte auf den Fliesen und eilte in diese Richtung. Eine lange Galerie erstreckte sich vor ihr, und sie sah den Mann weiter vorne gerade noch um eine Ecke biegen.

Ihr blieb keine Zeit zum Schauen, obwohl es wahnsinnig viel zu sehen gab. Der erfahrene Blick der Fremdenführerin erfasste dennoch im Vorbeilaufen etliche Details: die herrlichen Deckenfresken, die barocken goldenen Bilderrahmen und die Bilder selbst, eine wahre Pracht von Renaissance-Gemälden, die an Drähten an den Wänden hingen.

Sie bog um die Ecke und erblickte eine lange Steintreppe, die sie, zwei Stufen auf einmal nehmend, hinaufeilte. Bald schon geriet sie außer Atem – die Treppe zog sich über mehrere Stockwerke und war, trotz eines prächtigen Lüsters, der von der Decke hing, nur spärlich beleuchtet. Da sie auf ihre Fußspitzen achtete, um nicht ins Stolpern zu geraten, erblickte sie die schwarzen Lackschuhe, die sie oben erwarteten, erst in letzter Sekunde.

»Huch!« Sie prallte zurück und wäre um ein Haar rückwärts die Treppe hinuntergepurzelt, wäre der Arm des Mannes nicht vorgeschnellt und hätte sie erneut gepackt, diesmal jedoch in anderer Absicht. Als sie sich aufrichtete, sah der Mann sie mit unbewegter Miene an.

»Hier entlang.«

Er ging vor, die Handtasche unter dem Arm. Das sah irgendwie komisch aus, und Cesca musste grinsen, obwohl sie noch immer vollkommen verwirrt über den Gang der Ereignisse war.

Sie folgte ihm durch eine Reihe von weiteren langgestreckten Galerien, durch einen Salon nach dem anderen, alle mit geschlossenen Fensterläden. Sie konnte sehen, dass die Gemälde Museumswert hatten: Caravaggio, Raphael, Velázquez, Tizian. Sie schritt über kostbare Seidenteppiche, und auch die Wände waren mit Seidentapeten in kräftigen Farben bespannt: granatrot, Peridot, malachitgrün … Nicht ihr Stil, bestimmt nicht, aber nichtsdestotrotz beeindruckend. Das Innere des Palazzos war viel, viel prächtiger, als es die schlichte Fassade vermuten ließ.

Es gab viel zu sehen, aber nichts zu hören: Der ausgelassene Lärm von der großen Piazza wurde von den dicken, festungsähnlichen Mauern verschluckt, und auch die Hitze des Tages fand hier keinen Zutritt. Doch nach einiger Zeit drang ein anderes Geräusch wie Wellen an ihr Ohr: Musik. War das … war das nicht La Traviata?

Der Mann – der Butler, wie Cesca vermutete – hielt vor einer breiten, zweiflügeligen Tür an. Er wandte sich zu ihr um. »Wenn Sie bitte hier warten möchten.«

Cesca blinzelte verwirrt. Der Mann verschwand mit der Tasche unterm Arm in dem dahinterliegenden Raum. Ein herrlicher Sopran drang heraus, ehe sich die Tür hinter ihm schloss.

Cesca drehte sich einmal im Kreis und blickte sich in diesem »Vorzimmer« um. Die Wände waren, es ließ sich nicht anders beschreiben, in einem absinthgrünen Ton gehalten; an einer Wand hing das riesige Porträt eines Kardinals, und vor der gegenüberliegenden Wand standen auf Sockeln mehrere Marmorbüsten, daneben eine Sitzgruppe mit vergoldeten Stühlen und rubinroten Samtpolstern. Cesca war das Ganze einfach zu erdrückend in seiner Farbenpracht. Alles hier wirkte schwer, gediegen. Wo blieb die Leichtigkeit, wo das Licht? Sie sehnte sich geradezu nach einem leichten Baumwollstoff anstelle von schwerer Seide; nach hellem, luftigem Leinen statt dickem Samt. Sie kam sich regelrecht erdrückt vor von der Last der Geschichte, die auf diesem Palast ruhte wie etwas Lebendiges.

Sie schloss die Augen und nickte mit dem Kopf im Takt zur Musik – doch dann wurde ihr jäh klar, dass die Musik aufgehört hatte. Sie schlug die Augen auf und fuhr herum. Die Tür hatte sich erneut geöffnet, und der Butler stand reglos im Türstock und musterte sie.

Sie hörte auf zu nicken.

»Die Principessa wird Sie jetzt empfangen.«

… Principessa?

Er trat beiseite, was wohl die Aufforderung an sie sein sollte einzutreten. Nach kurzem Zögern gehorchten ihre Füße. Sie trat ein. Und blieb erneut abrupt stehen. Im Gegensatz zur opulenten, überladenen Farbenpracht der anderen Räume war dieser hier – man konnte ihn fast einen Saal nennen, er war drei Meter hoch und mindestens zehn Meter im Quadrat – geradezu schockierend schlicht. Hier herrschte ein brutaler Minimalismus: In der Raummitte standen zwei große weiße Leinensofas auf einem knöcheltiefen elfenbeinweißen Schaffell-Berberteppich, was wirkte, als schwebten sie auf einer Wolke. An den Wänden hingen drei riesige abstrakte Gemälde mit starken schwarzen Akzenten. Alles war übergroß: nicht nur die Sofas, auf denen bestimmt je acht Personen Platz gefunden hätten, auch der zwei Meter hohe Kamin, dessen Marmor-Trumeau bis zur Decke reichte. Zwischen den deckenhohen Fenstern, die die zwei Längsseiten des Raumes zierten, standen große weiße Korallenskulpturen; einige wirkten wie Calla-Lilien, andere wiederum wie filigrane, auf einem Webstuhl gewebte Spitze, sich auffächernd wie Flügel.

Cesca merkte zwar, dass ihr der Mund offen stand, war aber zu verdattert, um ihn wieder zu schließen. Dieser Raum, nach all der Opulenz, war, als würde man nach der Sauna in ein kühles Becken springen.

»So geht es mir auch immer, meine Liebe.« Die Stimme mit der amerikanischen Aussprache war leise wie ein Hauch. Cesca drehte sich um und sah eine Frau, die zuvor an einer der Fensterfronten gestanden hatte, auf sich zukommen. »Wenn ich die Goldgalerie durchquere, muss ich jedes Mal meine Sonnenbrille aufsetzen, oder ich bekomme Pickel, stimmt’s nicht, Alberto?«

Der Butler nickte, aber Cesca beachtete ihn nicht: Sie konnte die Augen nicht von der Frau abwenden, die auf sie zuschritt. Sie trug einen elfenbeinfarbenen Seidenpyjama und darüber einen khakifarbenen japanischen Seidenkimono. Sie war winzig wie ein Vögelchen und stützte sich auf einen Gehstock mit handgeschnitztem Griff. Ihr graues Haar war in weiche Wellen gelegt, und auf ihrer Nasenspitze saß eine diskrete kleine Halbmondbrille. Die Frau besaß das zarteste Knochengerüst, das Cesca je gesehen hatte, sie wirkte wie aus Glas gesponnen. Hohe Wangenknochen und eine schmale, stolze Nase rundeten das Bild ab. Das leise Beben der Nüstern verriet eine gewisse Hochmut und Arroganz. Die Haut um ihre Kieferknochen war straff und fest, wie bei einem jüngeren Menschen. Was Cesca jedoch am meisten beeindruckte, waren ihre Augen, nicht grün, nicht blau, sondern ein leuchtendes Seladongrün, wie ein philippinischer Bergsee.

Lautlos kam sie über den dicken Teppich auf Cesca zu, der Saum ihrer Pyjamahose streifte über den Flor. Sie reichte Cesca kaum bis zur Schulter. Die alte Dame streckte Cesca auf eine Weise die Hand entgegen, dass diese nicht wusste, ob sie sie küssen oder schütteln sollte. Sie entschied sich für die pragmatische Lösung und schüttelte sie. Zu ihrer Überraschung legte die Frau – nein, die Prinzessin! – ihre andere Hand voller Zuneigung auf Cescas. »Wie soll ich Ihnen je danken?«

Cesca klappte den Mund zu. Die Tasche. Sie meinte natürlich die Handtasche. »Ach, das ist doch nichts.«

Die Frau lächelte. »Oh doch. Sie haben mir einen größeren Gefallen erwiesen, als Sie ahnen können. Ich war den ganzen Tag lang vollkommen verzweifelt. Der Inhalt dieser Tasche ist mir unglaublich viel wert.«

Cesca runzelte die Stirn. Hatte der Butler ihr denn nicht erklärt, dass Brieftasche und Geld fehlten? »Aber … ich fürchte, die Tasche wurde ausgeplündert. Bargeld, Kreditkarten, Sie wissen schon …«

Die Frau lächelte, als spiele Geld keine Rolle. »Kommen Sie doch, setzen wir uns. Ich würde Sie gerne ein wenig besser kennenlernen. Möchten Sie etwas zu trinken?« Bevor Cesca antworten konnte, befahl sie dem Butler: »Alberto, bringen Sie uns bitte zwei Bellinis.«

Cesca und die Prinzessin machten sich auf den langen Weg (zumindest kam es Cesca so vor) zu den Sofas. Hinter ihnen ging mit einem dezenten Klicken die Tür zu.

»Sagen Sie mir doch bitte, wie Sie heißen«, forderte die Prinzessin sie auf und ließ sich dabei auf einem der Sofas nieder. Sie bat Cesca mit einer anmutigen Armbewegung, ebenfalls Platz zu nehmen.

»Francesca Hackett«, antwortete Cesca. Warum roch es hier nur so gut? Sie konnte nirgends Blumen oder Duftkerzen sehen. »Aber alle nennen mich Cesca, manchmal auch Chess.«

»Und ich bin Viscontessa Elena dei Damiani Pignatelli della Mirandola, aber alle nennen mich Elena. Manchmal auch Laney.« Sie lachte, ein ebenso verblüffender Laut wie die Tatsache, dass es in diesem Palazzo einen solchen Raum gab. Es war ein heiseres, sinnliches Lachen, das eigentlich zu einer doppelt so großen und halb so alten Frau gehört hätte, die außerdem Kettenraucherin war.

»Viscontessa? Aber Ihr Butler hat Sie als Prinzessin bezeichnet.«

»Ach ja?« Sie seufzte. »Ich wünschte, er würde damit aufhören. Sie müssen ihn auf dem falschen Fuß erwischt haben. Alberto kann ein bisschen stachelig werden, wenn man nicht weiß, wie man mit ihm umzugehen hat. Er ist viel großspuriger als ich. Ich bevorzuge den bescheideneren Titel Viscontessa. Denn wer will schon angeben?«

Cescas Augenbrauen schossen in die Höhe. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie sowohl eine Viscontessa als auch eine Prinzessin sind?«

»Eine zweifache Prinzessin sogar! Hinzu kommen zwei Herzogtümer und fünf Markgrafschaften …« Sie verdrehte die Augen. »Ach, die Liste ist endlos. Wer soll sich das merken. Ich glaube, es sind insgesamt elf Titel.«

Cesca wurde sich bewusst, dass sie ihr Gegenüber schon wieder mit offenem Mund anstarrte. Jetzt wurde ihr allerdings klar, warum Signora Dutti über die Aussicht, dass sie den Palast betreten und dieser Frau begegnen würde, so erregt gewesen war. Eine Gucci-Tasche war in einem solchen Anwesen wohl nur eine bessere Plastiktüte. »Aber Sie sind Amerikanerin.«

»Das ist richtig. Ich habe in den römischen Hochadel eingeheiratet. Was tut man nicht alles aus Liebe, nicht wahr?« Ihr Tonfall war einladend und freundlich.

Cesca wusste nicht, was sie sagen sollte; sie selbst war noch nie wirklich verliebt gewesen. Sie lehnte sich zurück und ließ ihren Blick erneut durch den großen Raum schweifen. Jetzt fielen ihr Dinge auf, die sie eingangs übersehen hatte, wie zum Beispiel die Beistelltische neben den Sofas, die aus herrlich verdrehtem, poliertem Holz bestanden und mit funkelnden Halbedelsteinen besetzt waren; auf einer Sofalehne lag eine flauschige weiße Alpakadecke, und in einer Ecke stand in einem großen Topf ein blühendes Orangenbäumchen.

»Aber genug von mir, ich würde mich weit mehr für Sie interessieren.« Ihre Augen verengten sich nachdenklich. »Denn ich glaube, Sie sind doch tatsächlich das Mädchen mit dem Strohhut.«

»Wie bitte?« Cesca blickte Elena verblüfft an. Diese musterte sie mit großem Interesse.

»Sie haben doch gewöhnlich einen Panamahut auf.«

»Ja, das stimmt!«

Die Viscontessa, die ahnte, was in Cesca vorging, fuhr erklärend fort: »Ich bin nicht mehr so mobil wie früher; ich verbringe viel Zeit damit, von einem der Fenster dem Treiben auf der Piazza zuzuschauen.« Sie schmunzelte. »Ich habe Sie schon oft in Ihrem Hut vorbeilaufen sehen und mich gefragt, wie Sie wohl aussehen. Man konnte unter dem Hut ja nur Ihr Haar erkennen.«

Cesca rieb sich verlegen über ihre nackten, sommersprossigen Arme. Sie war noch fast genauso blass wie vor sieben Monaten, als sie an einem regnerischen Novembertag hier ankam. »Ich muss einen Hut tragen, meine Haut ist sehr empfindlich. Ich würde sonst einen fürchterlichen Sonnenbrand kriegen.«

»Das ist es wert. Sie sind einfach unübersehbar – wie eine lodernde Flamme. Man erkennt Sie gleich, wenn Sie auf die Piazza einbiegen.«

Cesca lächelte verlegen. »Das sagen meine Gruppen auch immer. Hat wohl doch seine Vorteile.«

»Ihre Gruppen?«

»Ich bin Fremdenführerin.«

»Ach, das überrascht mich.« Die Viscontessa musterte Cesca neugierig. »Machen Sie das gern?«

Cesca zuckte die Schultern. »Ich kann damit meinen Lebensunterhalt bestreiten. Und man begegnet mitunter einigen wirklich interessanten Menschen. Aber ich schreibe auch einen Blog. Das ist es wohl, was mich am meisten fesselt.«

»Ein Blog«, wiederholte die Viscontessa verständnislos.

»Das ist eine Art Online-Tagebuch, eine Art Internet-Journal. Ich nenne es Römische Liebschaften, und ich schreibe darin über alles, was mir so in der Stadt begegnet, was mich begeistert, was ich liebe. Rom ist eine historische Schatzkiste, voll faszinierender Geschichten und Bauten.«

»Ja, das stimmt. Wir brauchen uns ja nur hier umzusehen.« Die Principessa deutete mit einer ausholenden Armbewegung auf ihre Umgebung, den prächtigen Renaissance-Palast, in dem sie sich befanden. »Haben Sie denn viele Leser?«

»Dreiundvierzigtausend.«

»Ach du meine Güte! Und die antworten jedes Mal, wenn Sie etwas schreiben?«

»Nein, Gott sei Dank nicht!«, sagte Cesca lachend. »Aber so viele sind das eigentlich gar nicht. Die größten Blogs haben mehrere Millionen Follower. Oder Leser.«

»Ach, tatsächlich?« Die Viscontessa war sichtlich fasziniert. »Und wie oft schreiben Sie etwas?«

»Manche tun das täglich, um bessere Suchmaschinen-Resultate zu erzielen, aber ich poste nur einmal wöchentlich. Ich möchte mich nicht unter Druck setzen und mir Sorgen machen müssen, ob ich etwas zu schreiben habe oder nicht. Das Ganze ist als Hommage an Rom gedacht und an alles, was ich an dieser Stadt so liebe. Ich glaube, meine Leser wissen, dass es authentisch ist – sie wissen, dass ich nur dann über etwas schreibe, wenn ich aufrichtig davon überzeugt bin.«

»Dann sind Sie also in Wirklichkeit Schriftstellerin.«

Cesca ließ sich das einen Moment lang durch den Kopf gehen. Dann nickte sie. »Hm-ja, ich glaube das könnte man so sagen.«

Elena nickte. In diesem Moment tauchte Alberto mit den Getränken auf, die er auf dem sprichwörtlichen Silbertablett servierte. Cescas Blick huschte kurz zu ihm hin, als er ihren Bellini auf dem Tischchen neben ihr absetzte, das er zuvor mit einem sauberen Tuch abwischte. »Und was führt Sie nach Rom?«

Cescas Herz setzte, wie immer, wenn ihr jemand diese Frage stellte, einen Schlag lang aus. »Ach, Rom ist ganz einfach meine Lieblingsstadt. Ich hab mich als Kind in sie verliebt, nachdem ich den Film Ein Herz und eine Krone gesehen habe. Und als ich dann herkam, war es genau so, wie ich es mir immer erträumt habe.«

Die Viscontessa nickte lächelnd und musterte Cesca mit ihren außergewöhnlichen Augen, musterte das ungeschminkte Gesicht ihres Gegenübers, das wilde rote Haar, das sie, in Vorbereitung auf ihr Bad, hochgebunden hatte, ihre ungewöhnliche Kleidung.

»Und Sie«, erkundigte sich Cesca höflich, »arbeiten Sie auch?« Sie nahm einen Schluck aus dem kalten, mit Tropfen beschlagenen Glas.

»Ich?« Die Viscontessa schwieg einen Moment, als müsse sie erst überlegen. »Nun, man könnte wohl sagen, dass ich mich dieser Tage als Malerin bezeichne.«

»Ach ja? Welche Art von Malerei?«, erkundigte sich Cesca und nippte erneut an ihrem Bellini. Vor einer Stunde hatte sie noch mit ihren Freunden in einem In-Lokal in Trastevere gesessen, und jetzt nahm sie Drinks mit einer Prinzessin! Kaum zu fassen.

»Überwiegend Landschaften«, erwiderte die Viscontessa, und ihr Blick ließ ihren Gast dabei nicht los. »Gelegentlich auch Porträts. Sie gäben ein wundervolles Motiv ab. Dieses herrliche Haar.«

»Ach was …«, Cesca schüttelte verlegen den Kopf. Etwas Schlimmeres hätte sie sich kaum vorstellen können. »Sind das … haben Sie die gemalt?« Sie deutete auf die riesigen Leinwände.

»Leider nein. Ich wünschte, ich wäre so talentiert. Nein, ich bin einfach nur eine alberne alte Frau, die glaubt, sie könnte malen.«

Elenas Bescheidenheit war zwar charmant, aber auch ein wenig aufgesetzt, wie Cesca fand. Wahrscheinlich wollte sie damit erreichen, dass sich ihr Gast wohlfühlte. Wie alt war die Viscontessa eigentlich wirklich? Ihre Haut war noch ganz zart, wahrscheinlich das Ergebnis von aufwendiger, schon in der Kindheit begonnener Pflege. Anfang siebzig?

Die Hand der Viscontessa begann auf einmal heftig zu zittern, und ihr Getränk schwappte gefährlich nahe an den Glasrand. Cesca hielt unwillkürlich den Atem an: Diese Sofas vertrugen wirklich keine Flecken, der Teppich ebenso wenig. Aber Alberto war bereits herbeigeeilt und nahm der alten Frau behutsam das Glas ab.

»Ach, um Himmels willen«, brummte Elena verstimmt und wedelte den überfürsorglichen Alberto beiseite.

Cesca, die das Gefühl hatte, schon viel zu lange geblieben zu sein, erhob sich. »Ich sollte jetzt wirklich gehen. Es ist spät, und ich habe Sie schon viel zu lange aufgehalten.«

»Unsinn.« Elena lächelte zittrig, erhob sich aber ebenfalls. »Ich wünschte, ich hätte Ihnen mehr anbieten können, als nur ein Glas zu trinken. Wenn Sie früher gekommen wären, hätte ich Sie zum Abendessen einladen können.«

»Das ist wirklich nett von Ihnen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Es tut mir nur leid, dass man Ihnen die Handtasche gestohlen hat, das ist alles. Ich hoffe, Sie haben Ihre Kreditkarten sperren lassen?«

Das winkte die Viscontessa erneut mit einer wegwerfenden Handbewegung beiseite. »Das Einzige, was mir etwas bedeutet hat, befand sich noch in der Tasche. Ein Brief von meinem geliebten verschiedenen Gatten, den er mir vor fünfzehn Jahren auf dem Sterbebett schrieb. Ich trage ihn seitdem immer bei mir.«

»Vor fünfzehn Jahren …« Cesca stockte verwirrt. »Verzeihen Sie mir, ich will nicht neugierig sein, aber ich hatte in den Seitentaschen einen Hinweis auf Ihre Identität gesucht und nahm den Brief heraus. Er ist noch ungeöffnet.«

»Oh, nun ja, ich habe ihn noch nicht gelesen«, erklärte die Viscontessa in einem Tonfall, als wäre ein solches Ansinnen vorschnell. »Ich behalte ihn seit fünfzehn Jahren bei mir und warte auf den richtigen Moment, um ihn zu öffnen. Ich weiß, das klingt albern, aber … ich fürchte, wenn ich ihn einmal geöffnet habe, wäre der letzte Rest einer Kommunikation zwischen uns vorbei. Auf diese Weise gibt es immer noch etwas Ungesagtes. Es gibt mir einen Grund, morgens aufzustehen. Jeden Tag frage ich mich, ob heute vielleicht der Tag ist, an dem ich ihn endlich öffnen werde.«

Cesca wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie trug seit fünfzehn Jahren einen Liebesbrief mit sich herum? »Aber vielleicht ist heute ja wirklich der Tag«, sagte sie achselzuckend. »Beinahe hätten Sie ihn verloren, ohne ihn gelesen zu haben. Ohne seine letzten Worte zu kennen.«

Die Viscontessa nickte. »Vielleicht haben Sie recht. Ich stehe in Ihrer Schuld, Miss Hackett.«

»O nein, ehrlich, keine Ursache.«

»Nun, ich bin froh, dass ich Ihnen zumindest eine kleine Entschädigung anbieten kann. Alberto?« Ihr Blick huschte über Cescas Schulter hinweg zu dem Butler. Cesca drehte sich um und sah den dicken Umschlag in der Hand des Mannes.

Eine Belohnung? Cesca riss die Augen auf, schüttelte jedoch gleichzeitig den Kopf. Wie dick der Umschlag war! »Das ist nicht nötig, ehrlich.«

»Ich möchte es aber gern.«

Cesca ebenfalls, aber sie durfte das nicht annehmen. »Es geht ums Prinzip. Man sollte keinen Menschen dafür belohnen, dass er einem anderen sein rechtmäßiges Eigentum zurückerstattet.«

Das verblüffte die Viscontessa. »Aber das sind fünftausend Euro. Die können Sie doch sicher gut gebrauchen?«

Cesca schlucke. Allerdings. Damit wäre ihre Miete auf Monate hinaus gesichert. Dennoch wusste sie, dass sie das Geld nicht annehmen konnte. So etwas lag ihr einfach nicht. »Nein, danke.«

Die Miene der Viscontessa veränderte sich unmerklich. »Menschen mit Prinzipien begegne ich nur selten.«

Cesca bot der Viscontessa die Hand, aber ohne Doppeldeutigkeit: Sie hielt ihre Handfläche vertikal, nicht horizontal, als wolle sie sie geküsst haben. Bei Cescas Händedruck wusste man, woran man war. »Es war mir eine Freude Sie kennenzulernen, Viscontessa.«

»Bitte, nennen Sie mich Elena«, entgegnete diese und musterte Cesca mit einer Mischung aus Verblüffung und Faszination.

»Sie haben ein wirklich schönes Heim«, fügte Cesca tapfer hinzu.

Elena lachte über diese Beschreibung, ein ebenso überraschendes Lachen wie vorhin. »Ja, ganz nett, oder?«, untertrieb sie. »Ich muss sagen, es freut mich sehr, Sie endlich kennengelernt zu haben.«

Alberto hielt die Tür auf. Jetzt musste sie sich auf den Rückweg machen, durch die endlosen Galerien und Salons mit ihren absinthgrünen Tapeten und güldenem Mobiliar. Ihr graute fast ein wenig davor. Dieser große Raum hier war leicht und luftig, ja meditativ. Aber der Rest des Palazzos verursachte Kopfschmerzen. Sie holte tief Luft, wie um sich zu wappnen für diese geschichtslastige Welt, wo die Vergangenheit die Gegenwart dominierte, eine Welt, errichtet aus Lügen und Geheimnissen.

3. Kapitel

Sie fuhr nach Atem ringend hoch wie eine Ertrinkende, als wäre sie von einem Schlag, einem Schuss getroffen worden. Es war ein gewaltsames Erwachen, als würde einem die Seele aus dem Leib gerissen werden. Sie saß aufrecht im Bett, das Laken um die Hüften gewickelt. Ihr Herz hämmerte wie ein panisch flatternder Vogel in einem Käfig, ihre Muskeln zitterten von dem jähen Schock, mit dem sie vom Schlummer ins Bewusstsein gerissen worden war.

Mit blinden Augen starrte sie auf die stumpfen Schatten, versuchte die schrecklichen Bilder vor ihrem inneren Auge zu vertreiben. Aber das war unmöglich; sie waren in ihr Bewusstsein eingebrannt wie eine Tätowierung, die man nicht mehr abbekam, egal wie heftig man daran rieb oder kratzte. Sie waren jetzt ein Teil von ihr, wie ein an die Fersen genähter Schatten, der jede Nacht, beim Aufgang des Mondes und sobald sie ihre Augen schloss, zum Leben erwachte.

Sie legte sich wieder hin, rollte sich auf die Seite und zog die Knie an, das Laken bis zu den Schultern hochgezogen. Es gab kein Entkommen von dieser Heimsuchung. In der Gewissheit, dass es bald wieder geschehen würde und dass das nur recht und billig war, schloss sie erneut die Lider.

Sie hatte es nicht anders verdient. Dies war die Strafe für das, was sie angerichtet hatte.

Das Geräusch des Besens, mit dem die Stufen gekehrt wurden, das Klirren der Geranientöpfe, war wirkungsvoller als jeder Wecker. Cesca fuhr erschrocken aus dem Schlaf. Sie musste nicht auf ihr Handy sehen, um zu wissen, dass es sieben Uhr vierzig war, tat es aber trotzdem. Als sie sah, dass der Weckalarm deaktiviert war, stieß sie einen spitzen Schrei aus.

»O nein! Nein, nein, nein«, wimmerte sie und warf die Decke zurück. Sie sprang aus dem Bett und schlüpfte in die Klamotten von gestern: Rüschenbluse, bodenlanger Blümchenrock, abgetretene gelbe Turnschuhe. Fürs Zähneputzen oder gar Kämmen blieb keine Zeit. Sie schnappte sich ihren Panama und war neunzig Sekunden, nachdem sie die Augen aufgeschlagen hatte, aus der Tür.

»Buongiorno!«, rief sie Signora Dutti im Vorbeigehen zu, während sie sich linkisch an ihr vorbeizwängte. Die alte Dame hob bei ihrem Auftauchen erwartungsvoll den Kopf. Cesca wusste, dass sie wild auf Neuigkeiten über ihre gestrige »Audienz« im Palazzo war, aber dafür blieb jetzt keine Zeit. »Tut mir leid, ich bin spät dran. Wirklich, wirklich spät dran!«, rief sie noch über ihre Schulter.

Sie flog nur so über die stille kleine Piazzetta Palombella. An der Pizzeria war noch die Metalljalousie runtergelassen, und vor der kleinen Osteria waren Tische und Stühle aufgestapelt. Nur aus der Bäckerei nebenan drang bereits ein himmlischer Duft. Mit einer Hand ihren Hut festhaltend sprintete sie über die Piazza Angelica. Für den blauen Palazzo hatte sie heute keinen Blick übrig. Auf dem Brunnen in der Mitte standen noch einige Bierflaschen, aber das waren die einzigen Überbleibsel der gestrigen Partynacht. Doch im Gegensatz zu ihrer winzigen Oase der Ruhe abseits des Platzes herrschte hier bereits rege Geschäftigkeit. Ein Straßenfeger schob seinen Karren übers Kopfsteinpflaster, und zwei Carabinieri machten im mit Kordeln abgetrennten Fußgängerbereich um den Platz herum ihre Runde. Am lebhaftesten ging es jedoch in der Mitte zu, wo die Marktstände bereits wieder aufgebaut worden waren und Verkäufer ihre Blumentöpfe terrassenförmig anordneten, in offenen Schachteln bunte Nudeln in allen möglichen Farben und Formen feilboten oder Trauben von Chilischoten oder Ketten von Würsten an Schnüren über ihren Ständen aufhängten.

Sie hatte sich gleich zu Anfang, als sie herzog, in den geschäftigen Markt verliebt. Er war zwar jetzt ein gewohnter Anblick, aber in der ersten Zeit hatte sie kaum genug bekommen können von den Farben, dem bunten Lärm und den Gerüchen (einige himmlisch, andere weniger). Für sie war es der eigentlich überflüssige Beweis dafür, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und hier, in diesem fremden Land, wo alles so bunt und chaotisch und lebendig war und sich in keine Schublade zwängen ließ, einen Neuanfang zu wagen. Hier fand sie die Freiheit, die sie brauchte, die Chance, zu entkommen und jemand anderer zu werden. Jemand Besserer.

Sie flitzte mit ihren langen weißen Beinen von Schatten zu Schatten, bereits jetzt brannte die Sonne heiß herab. Sie sprang über niedrige Poller und Ketten, wand sich zwischen Scootern hindurch, von Piazza zu Gasse zu Piazza. Schließlich schoss sie auf die Via del Corso hinaus, auf der der Berufsverkehr wie ein Gewitter vorbeidonnerte. Keuchend tauchte sie in der Menge unter, raste zwischen Autos hindurch, die sich an Ampeln stauten, und verschwand erneut im Gassengewirr auf der anderen Seite. Sie ließ eine Mercedes-Airport-Limousine, die sich mit nur dreißig Zentimetern Seitenabstand durch ein Gässchen quälte, hinter sich und sprengte eine Gruppe von chinesischen Touristen auseinander, die alle identische rote Kappen trugen und von einem Fremdenführer dirigiert wurden. Als sie gerade in der Mitte einer Straße lief, bog ein Scooter um die Ecke und kam mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf sie zu.

Cesca quiekte erschrocken auf. Nach rechts konnte sie nicht ausweichen, weil dort ein Auto parkte, also blieb nur links, nur dass dort eine Kette war, die die den Gehsteig abgrenzenden Poller verband. Und so fiel sie plumpsend aufs Gesäß, wobei sie allerdings noch einen guten Blick auf den Fahrer erhaschte – Mitte dreißig, sportlich, marineblaue Cargoshorts und ein Poloshirt, das früher einmal weiß gewesen war. Sein Bizeps drohte die Ärmel zu sprengen. Dazu längliches, glattes braunes Haar, das unter seinem Helm hervorlugte. Am auffälligsten war jedoch der arrogante Blick, mit dem er sie im Vorbeifahren maß – als wäre es nur recht und billig, dass sie sich auf eine Kette warf, um ihn vorbeizulassen.

»He! Verdammter Hooligan!«, brüllte sie, automatisch in ihre Muttersprache verfallend. Die italienischen Flüche kamen ihr noch nicht so leicht von der Zunge, schon gar nicht in einer überraschenden Situation wie dieser. Aber der Kerl fuhr einfach weiter. »Nicht zu fassen«, murmelte sie seinem entschwindenden Scooter hinterher.

Sie blieb einen Moment lang verdattert auf dem Pflaster sitzen, das sich kühl unter dem Hintern anfühlte. Dann fiel ihr wieder ein, wohin sie unterwegs und warum sie so in Eile  war. Sie hatte sich das Knie aufgeschlagen, es blutete, und sie hatte jetzt auch Seitenstechen, aber das war unwichtig. Darum konnte sie sich später kümmern. Los.

Ohne auf das schmerzhafte Pochen in ihrem Knie zu achten, rannte sie weiter, auch wenn es im Grunde keine Rolle spielte, ob sie jetzt noch ein, zwei Minuten länger brauchte. Sie war ganze zwei Stunden zu spät dran! Sie würde genau dann ankommen, wenn ihre Führung zu Ende ging. Natürlich wäre längst für Ersatz gesorgt worden.

Sie bog um die Ecke und überquerte die Piazza di Trevi mit dem berühmten Brunnen, dessen Wassermassen herabbrausten wie ein Wasserfall, aber auf dem Platz selbst war es noch relativ still. Aus diesem Grund waren die Sunrise-Touren eingeführt worden: Nur um diese Tageszeit konnte man die Monumente und Gebäude ungehindert von Touristenmassen, lärmenden Straßenverkäufern und sonstigem Volk bewundern. Sie rannte an den Stufen und an der mächtigen Neptun-Statue vorbei und weiter bis zu dem winzigen Gebäude gleich um die Ecke, an dem täglich Tausende achtlos vorbeigingen. Aber jetzt blieb keine Zeit für Schönheit, für Kunst, für …

Sonia saß bereits in ihrer Glasbox am Eingang, wo sie Tickets verkaufte. Bei Cescas atemlosem Auftauchen wies sie mit dem Kopf nach drinnen. »Er ist im Büro«, sagte sie mit einem mitfühlenden Blick.

»Danke, Sonia«, keuchte Cesca und joggte an dem kleinen Kino vorbei, bei dessen Errichtung man die verschütteten Ruinen überhaupt erst entdeckt hatte. Sie lief die gusseiserne Wendeltreppe hinab und betrat nun die Città dell’ Acqua, wie der unterirdische Bereich genannt wurde. Er war gut ausgeleuchtet, man konnte deutlich den Kontrast zwischen den glatten Fundamenten der modernen Gebäude und den unregelmäßigen Ziegelmauern der uralten Behausungen erkennen – Behausungen, die selbst jetzt noch überall unter den Straßen von Rom existierten. Die wenigsten Römer, geschweige denn Touristen, hatten eine Ahnung, wie viel von der alten Architektur, die die Stadt geformt hatte, noch unter den Straßen vorhanden war. Durch Stollen und Bogengänge verlief ein uraltes Aquädukt, das Acqua Vergine, 19 v. Chr. vom römischen Staatsmann Marcus Agrippa erbaut. Seit über zweitausend Jahren belieferte es die Stadt mit reinem Trinkwasser, was kaum jemand von den Tausenden wusste, die jährlich den darüber gelegenen Fontana di Trevi besuchten. Sie schon. Sie liebte diese Stadt und kannte sie ober- und unterirdisch.

Cesca rannte leichtfüßig durch die schmalen terrassierten Gassen – uralte Straßen, die jetzt nirgendwo mehr hinführten –, hatte aber ausnahmsweise keinen Blick übrig für die flachen, handgefertigten Backsteine, mit denen einstmals Basiliken und Stadien errichtet worden waren – übriggeblieben waren nur noch bröckelnde steinerne Bogen, die die unterirdischen Gassen überspannten. Ihr Blick war auf die offen stehende Tür des Büros gerichtet. Es schien fast, als würde ihr Chef sie bereits erwarten.

»Giovanni, es tut mir so schrecklich leid!« Sie hielt sich keuchend am Türrahmen fest. Dann nahm sie den Hut ab, damit er den zerknirschten Ausdruck auf ihrem Gesicht auch gut sehen konnte.

Er musterte sie mit einem traurigen Dackelblick, und seine Miene zeigte womöglich noch mehr Bedauern als ihre. »Francesca, schau, wie spät es ist. Schau, wie spät es ist!« Seine runden Augen musterten sie vorwurfsvoll, und er tippte auf seine Uhr.

»Ich weiß, und es tut mir schrecklich leid, aber ich kann nichts dafür. Ehrlich«, stammelte sie und kam atemlos in den Raum gestolpert. »Ich werde die nächste Führung übernehmen, okay? Wer ist für mich eingesprungen? Ich kann ja dessen Schicht übernehmen.«

Er schüttelte den Kopf. »Fran…«

»Nein, warten Sie, ich werde gleich zwei Schichten übernehmen.« Sie ließ sich kraftlos auf einen Klappstuhl sinken. »Das ist das Mindeste, was ich tun kann.«

»Es ist zu spät, Francesca.«

»Ich weiß, und es tut mir schrecklich leid. Aber jetzt bin ich ja da. Ich werde es wiedergutmachen, versprochen. Sagen Sie mir, was ich tun kann.«

»Sie hätten schon vor zwei Stunden hier sein sollen.«

Cesca bekam Angst. Gewöhnlich war er leichter zu beschwichtigen. Er hatte zwar mit achtzehn geheiratet und liebte (und fürchtete) seine Frau über alles, aber Cesca wusste, dass er eine kleine Schwäche für sie hatte. Es lag an ihrem Haar. Sie stach heraus wie ein Polarfuchs am Mittelmeer. »Ich weiß, aber meine Vermieterin, wissen Sie, sie … sie ist gestürzt.« Cesca warf ihr Haar in den Nacken.

Er verfolgte die Bewegung wie in Zeitlupe. »Was, zwei Stunden lang?«

»Ja, ich … ich musste sie ins Krankenhaus bringen.«

Er musterte sie prüfend. »Und da konnten Sie nicht mal anrufen?«

Cesca presste die Hand aufs Herz. »Ich hab kein Wort rausgebracht, all das Blut … einfach schrecklich.«

Giovanni zog skeptisch die Brauen hoch. »Aber jetzt hat sie sich wie durch ein Wunder wieder erholt? Wie nach dem Brand?«

Cesca schluckte. »Ach, das war nur ein kleines Feuer …«

»Sie sagten, das ganze Gebäude hätte niederbrennen können.«

»Ja, können, Giovanni, können. Aber ich hatte ja noch gerade rechtzeitig den Kerzenrauch gesehen und konnte das Feuer löschen, ehe es noch mehr um sich griff.«

Arme Signora Dutti: Wenn sie wüsste, was für ein aufregendes Leben sie dem Anschein nach auf der jenseitigen Seite der Via del Corso führte. In Wahrheit war sie nicht unterzukriegen, standhaft wie das Pantheon, und verließ die Piazzetta so gut wie nie, außer um zum Markt auf der benachbarten Piazza zu gehen. Das Highlight ihres Tages bestand darin, am späten Nachmittag vor ihrem Häuschen zu sitzen, ein gemütliches Schwätzchen mit Signora Accardo zu halten und sich dabei die vorbeikommenden Touristen anzuschauen.

Giovanni seufzte. »Cesca …«

»Bitte, Giovanni«, rief Cesca, die jetzt in Panik geriet, weil er noch immer kein Erbarmen zeigte. Es stimmte ja, sie hatte es in den letzten Wochen ein wenig übertrieben – hatte vergessen ihr Handy aufzuladen oder auf den letzten Limoncello zu verzichten. Ihre Nächte waren ohnehin kurz und wurden überdies immer wieder von Albträumen gestört. Außerdem war sie, wenn sie ehrlich war, vom zunehmenden Erfolg ihres Blogs abgelenkt gewesen und hatte ihrem Job nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Aber sie brauchte ihn dringend. Die Rechnung war einfach: keine Führungen – keine Miete – kein Blog. Keine Römischen Liebschaften. Kein Rom mehr.

»Cesca, das ist jetzt das dritte Mal in diesem Monat.«

»Ich weiß, aber ich kann doch nichts dafür.«