Beschreibung

Cassie liebt Henry, Henry liebt Cassie – so viel ist sicher. Den funkelnden Verlobungsring von Tiffany hat er ihr schon angesteckt. Doch etwas lässt Cassie zögern. Als Henrys junge Cousine Gem verkündet, sie wolle im Eiltempo ihren Freund heiraten, ist seine Familie wenig begeistert, und Cassie lässt sich überreden, die Hochzeit zu verhindern. Insgeheim erhofft sie sich von der Reise nach Cornwall aber auch, Zeit zu finden, um über ihre Beziehung nachzudenken. Doch dann taucht zwischen malerischen Cottages und leuchtenden Blütenmeeren ein alter Bekannter auf, und Cassie erkennt, dass sie sich erst ihrer Vergangenheit stellen muss ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 691


Buch

Cassie und Henry sind verlobt! Cassie trägt einen funkelnden Ring von Tiffany, und Henry drängt darauf, einen Termin für die Hochzeit zu finden. Doch Cassie zögert, auch wenn sie selbst nicht genau weiß, warum. Henrys junge, ungestüme Cousine Gem hingegen hat es eiliger: Sie verkündet, sie wolle im Eiltempo ihren Freund heiraten, und zwar in der kleinen Kapelle in Cornwall, in der auch schon ihre Eltern sich trauten. Henrys Familie reagiert wenig begeistert, und sie schaffen es sogar, Cassie zu überreden, die Hochzeit zu verhindern. Da Henry den Sommer über auf einem Forschungsschiff im Pazifik arbeitet, reist Cassie alleine nach Cornwall. Insgeheim erhofft sie sich, hier Zeit zu finden, um über ihre Beziehung nachzudenken. Doch dann taucht ein alter Bekannter auf – und Cassie erkennt, dass sie sich erst ihrer Vergangenheit stellen muss …

Weitere Informationen zu Karen Swan

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

KAREN SWAN

Sommerhaus

mit Meerblick

Roman

Übersetzt

von Gertrud Wittich

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

»Summer at Tiffany’s« bei Pan Books,

an imprint of Pan Macmillan, London.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2017

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Karen Swan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: gettyimages/Denise Taylor

em · Herstellung: kw

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-21063-2V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Plum.

Bunny. Tiefschnee-Eisbär.

Never apart. Always in my heart.

Nie getrennt. Immer im Herzen.

1. Kapitel

New York, Ende März

Mit großen Augen schaute Cassie zu dem Eisbären auf. Er stand aufrecht auf den Hinterbeinen und blickte zähnefletschend, die riesigen Pfoten wie ein Boxer erhoben, auf sie hinab. Zweieinhalb Meter groß und dieser leere, glasige Blick – Cassie konnte die Augen kaum von ihm abwenden. Seit acht Jahren stand er schon hier, doch das beeinträchtigte seine einschüchternde Erhabenheit in keiner Weise: Er beherrschte unzweifelhaft den ganzen Saal. Langstielige Gläser mit funkelndem Champagner in den Händen, huschten die Blicke der Anwesenden immer wieder ehrfürchtig zu ihm hin, und gelegentlich strich eine schlanke, beringte, gepflegte Hand bewundernd über sein dichtes weißes Fell, das den kostbaren Abendroben der in Samt und Seide gekleideten Gäste in nichts nachstand.

Eine beeindruckende Gewölbedecke überspannte den Saal. Filigrane Kristalllüster verbreiteten weiches bernsteinfarbenes Licht, in dessen Schein die holzgetäfelten Wände sanft schimmerten. Ausgebleichte Orientteppiche dämpften das Geräusch von Füßen, die eher an robustes Schuhwerk, wasserfeste Socken und Steigeisen gewöhnt waren, als an Lackschuhe und Smoking.

Cassies Blick fiel wieder auf Henry, die zweitinteressanteste Persönlichkeit im Saal – wenn man den Eisbären mitzählte. Er war von Gratulanten umringt, die ihm lachend auf die Schultern klopften und ihn zu seiner Aufnahme in den altehrwürdigen Explorer’s Club beglückwünschten. Mit aufmerksamen Mienen und konzentriert gerunzelten Brauen lauschten sie seinen Berichten über seine letzte Forschungsreise, eine Trekkingtour durch das Kurama-Gebirge von Usbekistan, der er auch seine Aufnahme als neues Mitglied in den Traditionsklub verdankte. Das war der Grund für ihren viertägigen Abstecher ins spätwinterlich kalte New York.

Außerhalb der altmodischen Sprossenfenster peitschte Eisregen herab, Schneematsch behinderte die Verkehrsströme durch die East 70th Street. Die Atmosphäre im Saal bildete einen eigenartigen Kontrast zum hektischen Leben in einer modernen Großstadt – gedämpfte Stimmen zwischen beeindruckenden Tiertrophäen aus einer längst vergangenen Zeit: ein sprungbereit geduckter Gepard; rechts und links vom offenen Kamin zwei mächtige Elefantenstoßzähne. Eine alte Zeit, die einst eine neue gewesen war, eine Zeit des Aufbruchs zu neuen Ufern, zur Entdeckung neuer Welten. Welche Ironie, dachte Cassie. Memento mori. Nichts bleibt, wie es ist. Das Leben ist immer in Bewegung. Was heute neu ist, ist morgen bereits veraltet.

Das wusste wahrscheinlich niemand besser als die hier Anwesenden. Unten schien eine Tür aufgegangen zu sein, denn ein Windstoß strich über die Clubfahne, die wie ein Gobelin an der Wand befestigt war. Drei diagonale Streifen, rot, weiß und blau, in der Mitte eine Kompassrose auf weißem Grund, flankiert von den Buchstaben E und C. Cassie kannte die Fahne gut.

»Hast du gewusst, dass diese Fahne von den ersten Polarforschern gehisst wurde? Auf beiden Polen, dem Nord- und dem Südpol?«, erzählte Brett, der mit frischen Drinks in der Hand zu ihnen stieß und Cassies Blick bemerkte. »Und auf dem Gipfel des Mount Everest und obendrein auf dem Mond?«

Schmunzelnd nahm Cassie ihr Glas entgegen. »Na, genau genommen nicht diese Flagge. Aber klar weiß ich das. Ich wäre ja eine schöne Verlobte, wenn ich nicht wüsste, wie die Hauptstadt von Tadschikistan heißt oder welche Währung man in Peru verwendet, ganz zu schweigen vom genauen Datum der ersten Mondlandung. Henry würde mich nicht mehr ansehen, wenn ich nicht mal die Flagge des Explorer’s Club erkennen würde!«

Kelly lachte. »Ach was! Solange du Kleider wie dieses trägst, würde es ihn nicht mal scheren, wenn du den Union Jack nicht vom dänischen Dannebrog unterscheiden könntest!« Sie wies mit einem anerkennenden Nicken auf Cassies bodenlanges, schulterfreies Schlauchkleid aus rotem Taft, das mit einer Reihe von zierlichen kleinen Schleifchen am Mieder besetzt war. Cassie konnte noch immer nicht recht fassen, dass Henry das Valentino-Kleid kurzerhand für sie gekauft hatte, nachdem sie es im Schaufenster einer teuren Boutique an der Madison entdeckt hatten. Das war so gar nicht seine Art. Ganz abgesehen davon, dass sie sich eine solche Ausgabe kaum leisten konnten. Als Forscher und Entdecker bezog Henry kein regelmäßiges Gehalt, man musste sehen, wie man zurechtkam, es gab sowohl fette als auch magere Zeiten. Der heutige Abend war zwar eine große Auszeichnung für Henry, aber satt wurden sie davon noch lange nicht. Erst wenn es ihm gelang, sich die in Aussicht gestellte Fördersumme von 120.000 Dollar für seine nächste Expedition zu sichern (eine Erforschung noch unbekannter Unterwasserregionen in der Arktis), käme wieder etwas Geld in die Haushaltskasse. Henry rechnete sich gute Chancen aus, die Clubfahne auf die Reise mitnehmen zu dürfen, ein ganz besonderer Gunstbeweis, den der Club nur einmal jährlich an die »würdigste« Expedition vergab. Da sich auch die UN mit ihrem Umweltschutzprogramm an dem Projekt interessiert zeigten – vorausgesetzt, der Film mit seinen wichtigen neuen Daten und Erkenntnissen würde rechtzeitig auf der nächsten Klimakonferenz gezeigt werden können –, bestanden gute Aussichten auf bessere Zeiten.

»Danke! Rot trage ich gewöhnlich nie.«

»Das solltest du aber. Es ist deine Farbe, steht dir ausgezeichnet«, bemerkte Kelly auf ihre offene Art. Kellys Lieblingsfarbe war Schwarz. Sie trug ausschließlich Schwarz. Gelegentlich auch Anthrazit. Oder Marineblau. Aber das waren die einzigen Ausnahmen. Heute Abend war sie in einem enganliegenden schwarzen Schlauchkleid von Alexander Wang erschienen – der Inbegriff von urbanem Schick. Das lange schwarze Haar fiel ihr in sorgfältig geglätteter, seidenmatter Fülle über Schultern und Rücken. Ihr einziges farbliches Zugeständnis war der knallrote Lippenstift. Keine Frau der Welt – ob aus Osaka, Ottawa, Oman oder Ohio – hätte übersehen können, dass Kelly im »Big Apple« beheimatet war: Sie trug die Stadt im Gesicht, in den Haaren, in der Kleidung und Gestik, in der Art, wie sie sprach, ja sogar wie sie lachte.

Nicht dass sie heute Abend sonderlich oft lachte. Sie und ihr Mann Brett – mit dem sie seit zwei Jahren verheiratet war – wirkten bedrückt und schweigsam, was sie hastig zu verbergen versuchten, sobald sie sich beobachtet fühlten. Cassie hatte ein flaues Gefühl im Magen. Als frisch Geschiedene kannte sie die Anzeichen nur zu gut: das gezwungene Lächeln, die aufgesetzt wirkende Begeisterung, die Art, wie sie persönliche Fragen abblockten und mit Gegenfragen von sich abzulenken versuchten.

Leider hatte Cassie bisher einfach keine Gelegenheit gehabt, richtig mit Kelly zu reden. In den drei Tagen, seit sie hier war, waren sie bei zwei Mittagessen und auf fünf Partys gewesen, und der heutige Abend war ihr dritter Empfang. Cassie war zum Umfallen müde, da half nicht mal die belebende Wirkung eines knallroten Viertausend-Dollar-Kleids oder die modische Frisur, die Bas, ihr Haarstylist und bester Kumpel, ein wahrer Meister in der Handhabung von Bürste und Föhn, gezaubert hatte: Ihr blondes Haar war zu einem glänzenden glatten Pferdeschwanz zusammengefasst. Cassie, die unter einem fürchterlichen Jetlag litt, hatte sich keine Sekunde ausruhen können. Ein Event jagte den anderen, eine Party die nächste. Neben Henrys Verpflichtungen und Empfängen (er traf sich mit zahllosen Freunden und Bekannten, immer auf der Suche nach einem Sponsor) hatten Brett und Kelly ein gnadenloses Unterhaltungsprogramm auf die Beine gestellt. Morgen wollten sie wieder zurückfliegen. Cassie hatte eigentlich vorgehabt, sich während des langen Flugs einen Spielfilm nach dem anderen reinzuziehen, doch nun sehnte sie sich nur noch danach, den gesamten Flug zu verschlafen.

»Du siehst müde aus«, bemerkte Kelly, der auffiel, wie Cassie krampfhaft das Gähnen unterdrückte.

»Ich? Nö, mir geht’s gut«, wehrte Cassie automatisch ab. Ihr viermonatiger Aufenthalt in New York vor zwei Jahren hatte sie gelehrt, dass Worte wie »Müdigkeit« oder »Erschöpfung« in Kellys Vokabular nichts verloren hatten und einem Kapitalverbrechen gleichkamen.

»Also, ich bin jedenfalls total erledigt. Ich halte es in diesen Schuhen keine halbe Stunde länger aus; ich hab schon Blasen.«

Cassie – und Brett – fiel fast die Kinnlade runter. Erledigt? Schuhe, die drückten? Brett hätte nicht erstaunter sein können, wenn seine Frau von ihm verlangt hätte, sie ab jetzt Bob zu nennen.

»Tja, also …«, stammelte Brett verblüfft.

»Ehrlich, wenn ihr gehen wollt, dann geht ruhig. Meinetwegen müsst ihr wirklich nicht bleiben. Ich warte einfach hier auf Henry, lange wird er ja nicht mehr brauchen. Außerdem wollte ich sowieso noch mal mit dem Kerl reden, der beim Dinner mein Tischnachbar war – er hat erzählt, dass er erst vor kurzem von einer Expedition zu allen acht Polen der Erde zurückgekehrt ist.«

»Es gibt acht?«, fragte Brett überrascht.

Cassie zuckte die Achseln. »Scheint so. Wer hätte das gedacht, was?« Sie berührte Kellys Arm. »Geht’s dir gut?«

»Ja klar. Hab bloß eine stressige Woche hinter mir.« Kelly sah blass aus. Das Lächeln schien sie Mühe zu kosten.

»Ah, der Mann der Stunde!«, rief Brett munter.

»Was geht ab?« Henry schlang lächelnd den Arm um Cassies zierliche Taille und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Misstrauisch musterte er ihre übertrieben munteren Mienen. »Was ist? Was habt ihr? O nein, sagt bloß nicht, ihr langweilt euch zu Tode! Es war der alte Mayhew, stimmt’s? Er belästigt jeden mit seinen uralten Geschichten von seiner Expedition zum Chimborazo. Ich weiß – nicht jeden interessiert, dass das der Ort ist, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt liegt …«

»Überhaupt nicht!«, protestierte Kelly. »Ich habe heute Abend mehr interessante Menschen getroffen als in meiner Branche in einem Jahr! Ach was, in zehn! Alles, worüber die reden wollen, sind irgendwelche neuen Luxusresorts in der Karibik. Deine Leute dagegen sind echt cool, Henry-Boy.« Sie zwinkerte ihm zu.

Aber so leicht ließ Henry sich nicht täuschen. »Warum dann die ausweichenden Blicke? Wie Füchse, die man beim Hühnerstehlen erwischt hat.«

Brett lachte. »Ach was! Aber jetzt erzähl mal, kriegt ihr die Fahne? Wie ist es gelaufen?«

Henry grinste breit, und Cassie schmolz dahin. Sie konnte sich noch immer nicht an ihm sattsehen: sein welliges dunkelblondes Haar, das im Nacken schon ein wenig lang wurde, sich über seinen Ohren lockte und an den Schläfen immer ein wenig abstand. Seine Wimpern, die geradezu ungerecht lang waren und wache eisblaue Augen überschatteten, mit denen er ihre Gedanken lesen zu können schien, dazu seine ganzjährige Bräune, die er einem Leben unter freiem Himmel zu verdanken hatte. Wenn man all das zusammennahm und ein mitternachtsblaues Smoking-Jackett aus Samt hinzufügte, war’s kein Wunder, dass ihr das Atmen schwerfiel.

Sie schob ihre kleinere Hand in seine, wie eine Haselmaus, die sich in ihr Nest kuschelt. Er drückte sie liebevoll und zärtlich, mit einer Verheißung auf die restlichen Stunden der Nacht.

»Wir haben ein Treffen im Juni in London vereinbart. Es liegt zwar noch eine andere Bewerbung vor, aber da ich ja jetzt ihr neuestes Mitglied bin …« Er senkte verschwörerisch die Stimme. »… Ist die Sache schon so gut wie geritzt.«

»He, Mann, das ist toll!« Brett strahlte aufrichtig. Er selbst war Börsenmakler und verdiente das Vierfache von dem, was Henry in einem Jahr machte, aber er inhalierte jede von Henrys Geschichten und gesammelten Heldentaten und Abenteuern, als wären sie reiner Sauerstoff.

Kelly legte beschwichtigend die Hand auf Bretts Arm. »Würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages einfach alles hinschmeißt und sich als Freiwilliger zu einer deiner Expeditionen meldet«, bemerkte sie sarkastisch. »Aber wir müssen schließlich eine HYPOTHEK abzahlen, klar?« Sie sprach es so deutlich aus, als müsste sie durch Panzerglas mit ihm kommunizieren.

»He! Ich kenne meine Grenzen! Henry mag damit ja seinen Lebensunterhalt verdienen, aber wenn ich verkünden würde, ich wolle den tiefsten Punkt des Ozeans erforschen, dann würden sie mir einen Zementblock an die Füße binden und mir einen Schubs von der Mole geben anstatt hundert Riesen Fördergeld!«

Alle lachten.

»Mann, es ist nicht ganz so toll, wie es sich anhört«, meinte Henry mit seiner typischen Bescheidenheit. »Ein regelmäßiges Einkommen ist nicht zu verachten. Früher war’s leichter, da hat es mir nichts ausgemacht, wenn ich zwischendurch mal nichts verdient hab. Ich konnte bei Suze und Arch auf der Couch pennen und mich von trockenem Brot ernähren, aber jetzt …«

»Jetzt, wo du mit einer wunderschönen Frau verlobt bist, die nur das Beste gewöhnt ist …« Kelly zwinkerte Cassie zu. »Apropos verlobt – habt ihr schon einen Hochzeitstermin? Oder wie lange wollt ihr es noch spannend machen?«

Cassie stöhnte. »Nicht du auch noch!«

Kelly lachte. »Was? Ich brauche einen Vorwand, um mir ein richtig tolles Kleid zu kaufen, okay?«

»Sobald wir’s wissen, werdet ihr es erfahren.«

Kelly betrachtete Henry mit hochgezogener Braue. »Unfassbar, nicht? Seit zwei Jahren ist sie mit dir verlobt und will noch immer erobert werden!«

»Wem sagst du das«, meinte Henry trocken.

»Hast du mit allen geredet, mit denen du reden wolltest?«, erkundigte sich Cassie.

»Du versuchst doch nicht etwa das Thema zu wechseln, Madame?«, fragte Kelly mit einem diebischen Funkeln in den Augen.

»Nein! Ich wollte bloß wissen, ob wir gehen können. Du hast doch gesagt, dass dir die Füße wehtun!«

Kelly zuckte übertrieben zusammen, als hätte Cassie sie auf frischer Tat ertappt.

»Wusste ich’s doch! Ihr seid total angeödet«, bemerkte Henry mit einem traurigen Kopfschütteln. »Nein!«, schallte ihm sofort aus allen Richtungen entgegen.

»Wahrscheinlich hat euch Cornell mit seinen Biosphärenreservaten am Baikalsee und am Genfer See genervt. Er ist ganz besessen davon. Seid ehrlich.«

Wieder verneinte die Runde.

»Wir sind unheimlich stolz auf dich.« Kelly tätschelte ihm die Schulter. »Vom heutigen Abend werde ich noch monatelang zehren, glaub mir.«

Henry seufzte zerknirscht. »Na ja, ich bin für heute jedenfalls fertig. Ich besitze eine neue Krawatte« – er holte eine Clubkrawatte aus einer Tasche seines Smokings –, »habe einen vollen Magen und einen üppigen Zuschuss in Aussicht. Wie wär’s mit einem Schlummertrunk? Ich kenne da eine tolle kleine Bar im Village, da kriegt man fünfzig Jahre alten Malt-Whisky.«

»Gute Idee!«, meinte Kelly. Ihre wunden Füße waren offenbar vergessen.

Cassie fragte sich, wie die Leute reagieren würden, wenn sie und Kelly in ihren bodenlangen Uptown-Roben in einer Downtown-Bar aufkreuzten. Doch im selben Moment hörte sie auf sich Sorgen zu machen. Sie hatten ja Henry dabei – und der hatte im Jemen sogar mal einen Mann um den Finger wickeln können, der ihm eine Uzi unter die Nase gehalten hatte.

»Na gut.« Cassie drückte Henrys Arm und lehnte sich mit einem müden Lächeln an ihn.

Brett ging nach draußen, um ein Taxi anzuhalten, während Henry ihre Mäntel von der Garderobe holte. Kelly hatte Cassie eine schwarze Kunstpelz-Stola geliehen, die zwar schick aussah, aber praktisch null Wirkung gegen die Kälte hatte. Immerhin waren ihre nackten Schultern bedeckt, und sie mussten ja lediglich von der Tür zur Gehwegkante sprinten, wo hoffentlich das Taxi bereitstand.

»Alles klar, Leute!«, rief Brett ihnen von draußen zu. Henry hielt den Damen die Tür des alten jakobinischen Hauses auf, und Kelly stürzte als Erste los, durch die wild tanzenden Schneeflocken. Der Asphalt schimmerte nass im Licht der Straßenlampen und der Taxischeinwerfer, die mit ausgeschaltetem Schild langsam durch den Schneematsch an ihnen vorbeifuhren. Es war noch viel kälter, als Cassie erwartet hatte. Bibbernd schlang sie die Arme um den Oberkörper und sah zu, wie Kelly einstieg und in ihrem engen Kleid mühsam über den Sitz rutschte, um Platz zu machen. Ein Windstoß fuhr Cassie von vorne in die Beine und blähte den Rock ihres Kleids wie ein rotes Segel auf.

Cassie quietschte. »Mein Gott! Was für ein Wetter!«

Im nächsten Moment wurde sie von der Wärme von Henrys Smoking-Jackett eingehüllt und krallte dankbar die eisigen Finger in den dicken Samtstoff. Henry gab ihr einen Kuss auf den Schwanenhals, den sie willig entblößte. Er hielt sie fest umschlungen, und sie schmiegte sich genießerisch mit dem Rücken an ihn.

»Schlechtes Wetter gibt’s nicht …«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Bloß schlechte Kleidung«, beendete sie seinen Satz. Sie kannte den Spruch, er stammte von einem seiner Idole, Sir Ranulph Fiennes. Ja, sie war wirklich eine sehr gute Verlobte.

Er lachte beeindruckt auf, und sie warf ihm einen kessen Blick zu, selbst ein wenig stolz auf sich. Gerade wollte sie einsteigen, als ihr Blick auf ein langsam vorbeifahrendes Taxi fiel. Ein blasses Gesicht hinter der verregneten Scheibe schaute zu ihnen herüber. Schaute sie an.

Cassie erstarrte. O nein. Nein, nein, unmöglich. In einer Stadt, in der neunzehn Millionen Menschen lebten, musste sie ausgerechnet der Person begegnen, die sie am allerwenigsten sehen wollte. Sie täuschte sich, das musste es sein. Der starke Regen trübte die Sicht, es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können. Ein flüchtiger Eindruck, mehr war es nicht gewesen.

Und dennoch … sie war bekannt dafür, dass sie Leute aus den Augenwinkeln erkannte, nur an ihrem Gang.

»Cass? Alles in Ordnung?«

Henry hielt besorgt ihren Arm. Sie merkte, dass sie mitten im Einsteigen erstarrt war, einen Fuß angehoben.

»Ja, klar«, stieß sie verwirrt hervor und ließ sich neben Kelly auf den Rücksitz fallen.

Henry stieg ein und schlug die Tür mit einem dumpfen Knall zu. Sein Oberschenkel drückte warm gegen ihr Bein, aber es half nicht viel. Ihr war der kalte Schrecken in die Glieder gefahren, und sie erschauderte von Kopf bis Fuß.

»Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen«, witzelte Kelly.

Wenn sie wüsste, wie recht sie hat, dachte Cassie.

2. Kapitel

Drei Monate später

Der Morgen dämmerte, und es wurde langsam hell. Durch das hochgeschobene Schlafzimmerfenster hörte sie die Meisen im Holzapfelbaum wie verrückt zwitschern. Sie regte sich träge und räkelte sich. Eine frische Brise strich über ihre nackte Haut. Henrys Hand lag schlaff in ihrer Taillenbeuge. Seine Finger zuckten, als er spürte, wie sich ihre Muskeln spannten, dann blieben sie still auf ihren sanften Kurven liegen, die er so an ihr mochte.

Ihre Lider flatterten ein paarmal wie die Flügel eines frisch geschlüpften Schmetterlings, dann blinzelte sie zu dem blühenden Baum hinaus, der vor ihren Augen erst allmählich scharfe Konturen annahm. Die Vorhänge wurden nie zugezogen, sie wollten es so. Aber Cassie brauchte sich gar nicht ans Fenster zu stellen und runterzuschauen, um zu wissen, dass im Garten bereits Breezy auf der Lauer lag, die Katze von Mrs Jenkins aus dem zweiten Stock. Breezy hoffte immer, dass einer der plumpen kleinen Vögel so unvorsichtig sein und auf den Rasen unter dem Baum herunterflattern würde, um nach Würmern zu picken.

Ein strahlend blauer Himmel lag über London, auf dem sich nur ein paar duftige weiße Schleierwölkchen abzeichneten, und schon jetzt versprach der Tag heiß zu werden. Auch auf der breiten Straße, die am Embankment, am Ufer der Themse, entlangführte, belebte sich der Verkehr. Cassie seufzte schläfrig, sie hatte sich mittlerweile an den Lärm gewöhnt.

Ein Luftzug fuhr herein und wirbelte einen Stoß Blätter auf, die auf einem wackeligen Bücherstapel lagen, der sich auf dem Teppich türmte. Sanft segelten die Blätter auf den Boden und legten sich wie Trittsteine auf den Kokosfaserteppich. Cassie ließ den Blick träge durchs Zimmer schweifen. Der Fußteil des gusseisernen Bettgestells war unter einem Haufen Kleidung begraben. Das Gemälde, das sie auf der Affordable Art Fair im Battersea Park erstanden hatten, lehnte an der Wand – Henry hatte noch immer keine Zeit gehabt, die passenden Aufhänger zu besorgen. Dagegen stand der Strauß kleiner weißrosa Teerosen, den er ihr letzte Woche mitgebracht hatte, noch üppig und frisch in der Vase auf der Kommode. Der pastellblaue Anstrich des Schlafzimmers harmonierte perfekt mit der Farbe des Himmels – zumindest um diese Tageszeit. Ihr Blick blieb an einem Foto auf dem Nachttisch hängen. Es war vor zwei Jahren auf Kellys Hochzeit gemacht worden, dem Tag, an dem sie und Henry endlich zusammengekommen waren. Sie hatte die Arme um seinen Hals geschlungen, und beide strahlten mit tigerhell funkelnden Augen in die Kamera, fast als wäre es ihre Hochzeit und nicht die von Brett und Kelly.

Ein seliges Lächeln auf den Lippen, ließ sie die Augen langsam wieder zufallen. Ihr neues Zuhause.

Obwohl es natürlich alles andere als perfekt war. Vor allem war es zu klein – das gab sie mittlerweile selbst zu, wenn auch widerwillig. Aber nachdem sie zehn Jahre lang in einem schottischen Schloss gefangen gehalten worden war (ihre erste Ehe), erschien ihr die kleine Zweizimmerwohnung im Herzen von London wie das wiedergefundene Paradies. Sie fand sie einfach nur »süß« und »gemütlich«, sie liebte es, sich in einem von Henrys Pullis ans Kaminfeuer zu setzen, einen Teller Chili con Carne auf dem Schoß. Alles weitere, so meinte sie bei der Besichtigung, würde sich »schon ergeben«. Sie versprach hoch und heilig, sich einzuschränken, unnötigen Ballast abzuwerfen und »minimalistisch« zu leben. Wenn ihre gescheiterte Ehe sie etwas gelehrt hatte, dann dass Geld und Güter nicht glücklich machen, vor allem »hinterher« nicht, wenn das Gezerre um meine Sitzgarnitur, deinen Spiegel, mein Tafelsilber losgeht … Und was Henry betraf, der schätzte die freie Natur und ein abenteuerliches Leben ohnehin tausendmal höher ein als irgendwelche Sachwerte. (Obwohl: Den riesigen Plasmafernseher, der im Wohnzimmer fast eine ganze Wand einnahm, mochte er dann doch, ebenso seine PlayStation 4; wenn er an Samstagen Rugbyspiele guckte, kam sie sich in ihrem kleinen Wohnzimmer manchmal vor, als befänden sie sich in einer Zuschauerbox im Rugbystadion in Twickenham, wo seine Lieblingsmannschaft spielte.)

Die anfängliche Begeisterung und die guten Vorsätze waren zwar noch nicht ganz verflogen, aber doch ein wenig mit der harten Realität von einem Leben zu zweit in einer fünfundsechzig Quadratmeter großen Dachwohnung in der teuren Londoner Innenstadt kollidiert. Hinzu kam, dass sie beide unkonventionelle Berufe ausübten, was noch zur Beengtheit beitrug: Als Forscher brauchte Henry natürlich alle möglichen Ausrüstungsgegenstände, die er in der Wohnung unterbringen musste. Seine Steigeisen und Eispickel lagen unter dem Bett, und die meterlangen leuchtend bunten Kletterseile hingen aufgerollt an Haken zwischen den Wandbildern. Cassie wiederum hatte zusammen mit einer Geschäftspartnerin eine Art Partyservice gegründet, Eat ’n’ Mess, Picknicks auf nostalgische Art, mit altmodischen Picknickkoffern und echtem Porzellan (keine Pappbecher!), für die sich vor allem der Londoner Geldadel begeisterte. Aber auch das musste natürlich irgendwie in der kleinen Wohnung Platz finden, sodass – in einer Art Umkehrung zu Kelly, die, als sie noch ledig war, ihre Kaschmirpullis im Backofen ihres winzigen Hochhausapartments im teuren Manhattan untergebracht hatte – Cassie ihre Backbleche und Töpfe im Kleiderschrank verstauen musste, wo eigentlich ihre Jeans und Pullis hingehörten. Statt Hutschachteln fand man bei ihr Tortenschachteln, ihr Make-up hatte eine Notunterkunft in der Besteckschublade gefunden, und anstelle eines Esstischs stand in der Küche ein Stapel hochwertiger Picknickkörbe aus Weidenruten mit Verschlüssen aus Echtleder und Messingschnallen, im Innendeckel karierte Picknickdecken festgeschnallt.

Aus diesem Grund blieb ihnen nichts anderes übrig, als Gäste zum Essen auf die Feuerleiter hinauszuschicken, wo sie, den Teller auf dem Schoß balancierend, auf den Stufen saßen (oder auf dem begehrtesten Sitzplatz: dem umgedrehten gelben Löscheimer). Ihre Dinnerpartys waren mittlerweile legendär, sowohl bei ihren Gästen als auch bei den Nachbarn.

Doch obwohl nicht viel Platz war, liebte Cassie ihr kleines Reich. Das Wohnzimmer ging nach Westen, und die magnolienweißen Wände reflektierten das Abendlicht in einem weichen beige-rosa Schimmer. Die Wohnung hatte insgesamt vier Fenster, und auf jedem Fensterbrett standen Kräuter: Auf dem Sims im Schlafzimmer der Basilikum, weil der Duft Henry an Italien erinnerte, wo es vor zwei Jahren beinahe zwischen ihnen »passiert« wäre. Er wolle nie vergessen, behauptete er, wie quälend es für ihn gewesen sei, sie in seiner Nähe zu haben und doch nicht haben zu können. Auf dem Sims im Badezimmer stand ein Topf Lavendel, der erinnerte Henry an zu Hause und an den Garten seiner Mutter – in dem es dann tatsächlich »passiert« war; im Wohnzimmerfenster stand Kamille, die für ihre Romanze (bei der die Sprache der Blumen eine große Rolle gespielt hatte) ebenfalls von großer Bedeutung war und mit deren Blüten Cassie gerne Tee kochte, und im Küchenfenster schließlich standen Thymian und Rosmarin, die klassischen Gewürzkräuter.

Ja, sie liebte ihr kleines Zuhause, und sie liebte Henry. Sie liebte das Chaos, die Unordnung, das unorthodoxe, freie Leben mit ihm. Er regte sich neben ihr, zog sie seufzend an sich, Haut an Haut, sodass nicht mal mehr ein Windstoß zwischen ihnen Platz fand.

Ihre Lider senkten sich schon wieder, als ihr Blick auf den Nachttischwecker fiel.

»Ach du heilige Scheiße!« Sie fuhr hoch und warf die Decke zurück.

»Wasis …«, nuschelte Henry, dessen zerzauster Haarschopf aus den Tiefen des Kopfkissens auftauchte. Aber Cassie rannte bereits splitternackt raus in die Diele, wo in der Schublade unter dem Garderobenspiegel ihre Unterwäsche untergebracht war. »Wir haben verschlafen!«

Wie war das möglich? Das war jetzt schon das dritte Mal in fünf Tagen. Sie mussten endlich anfangen, früher ins Bett zu gehen. Sie waren dreißig und nicht mehr Anfang zwanzig, keine jungen Hüpfer mehr. Sie standen mit beiden Beinen im Leben, hatten einen Beruf und konnten sich nicht mehr nonstop die Nächte um die Ohren schlagen.

Bloß gut, dass keiner von ihnen einen Bürojob hatte, sonst hätte man sie längst gefeuert.

»Henry, steh auf, du bist spät dran!«, rief sie ihm über die Schulter zu. In Momenten wie diesen wünschte sie wirklich, sie hätte einen ordentlichen Kleiderschrank und müsste ihre Sachen nicht erst in der ganzen Wohnung zusammensuchen.

Henry setzte sich verschlafen auf. Die Bettdecke rutschte ein Stück zur Seite, und man konnte seine breiten Schultern und den muskulösen Oberkörper bis runter zum geriffelten Waschbrettbauch sehen. Er warf einen verschwommenen Blick auf den Wecker und riss entsetzt die Augen auf.

»Ach du Scheiße!«, rief nun auch er und sprang mit einem Satz aus dem Bett. Leider landete er auf einem der losen Blätter, rutschte aus und konnte sich gerade noch am Türknauf festhalten, wobei er fast im Spagat landete. Auch das noch! Hoffentlich hatte er sich nicht den Oberschenkelmuskel gezerrt.

»Fang!« Cassie warf ihm eine saubere Boxershorts zu. Seinen Anzug hatte er glücklicherweise schon gestern rausgehängt und musste jetzt nur noch hineinschlüpfen. Er rückte bereits seine Krawatte gerade, da suchte Cassie noch immer nach dem passenden Oberteil zu ihrer Jeans – das rote Holzfällerhemd, ach ja, da war’s.

»Cass, komm schon, beeil dich«, drängte Henry und zurrte dabei seine Armbanduhr fest. »Ich kann nicht warten, das weißt du. Wenn du nicht fertig bist, muss ich ohne dich los.«

»Schon gut, ich hab’s gleich. Ich komme!« Keuchend schnürte sie die Doppelschleife an ihren Turnschuhen fest und richtete sich auf. Gemeinsam rannten sie durch die Diele zur Haustür.

»Du meinst, so wie letzte Nacht?« Er hielt ihr mit einem anzüglichen Grinsen die Tür auf. »Also, das war der Hammer, fandest du n…«

»Ach, halt die Klappe!« Lachend sprang sie die Treppe hinunter, es waren vier Stockwerke bis zur Straße.

Als sie elf Minuten später keuchend an ihrem Ziel eintrafen, blieben ihnen gerade mal neunzig Sekunden.

Archie kam mit wehendem Rotschopf auf sie zugestürmt – er brauchte dringend einen Haarschnitt, er sah aus wie ein ältlicher Pumuckl – und schimpfte: »Also ihr habt Nerven!« Sie hatten sich an der Victoria Station verabredet, District Line, Richtung Westen, zum Zug um vier Minuten nach acht. Dreißig oder vierzig andere waren bereits eingetroffen, alles Bürohengste – Banker und Börsenmakler –, alle in Anzug und Krawatte, und alle trugen Turnschuhe zum Anzug – ein etwas eigenartiger Anblick. »Hätte fast ’nen Herzanfall gekriegt! Ich dachte schon, ich muss das Rennen ganz allein machen.«

»Keine Sorge, Alter, du bist nicht allein, ich bin bei dir!« Henry klopfte seinem Freund beschwichtigend auf die Schulter.

»Fragt sich bloß, wie lange«, murrte Archie und lockerte seine Krawatte. Dann überprüfte er den Sitz seiner roten Hosenträger. »Hatte schon Angst, ich müsste Suze als Laufpartnerin nehmen.«

Henry lachte. Suze war seine Schwester und Archies treu sorgende Gattin. Darüber hinaus hatte sie in der Familie die Hosen an. Gerade rangelte sie mit ihrer zweijährigen kleinen Tochter, Velvet, die im Moment dummerweise eine Beißphase durchmachte und die Beine der Umstehenden mit begehrlichen Blicken beäugte.

Die U-Bahn sauste heran und fuhr mit quietschenden Bremsen in die Haltestelle ein. Die Türen öffneten sich zischend, und die Wartenden stürzten sich wie eine wilde Büffelherde in die Waggons. Glücklicherweise waren die Wagen einigermaßen leer, da sie stadtauswärts fuhren und so den morgendlichen Berufsverkehr umgingen.

Cassie begrüßte die verärgerte Suze mit einem Kuss auf die Wange und nahm ihr Velvet ab, die der geliebten Tante »Kiss-Kiss« bereits die molligen Ärmchen entgegenstreckte. Beide setzten sich, und das Kind machte es sich auf Cassies Schoß bequem.

»Schon wieder verschlafen, was?«, bemerkte Suzy mit ironischem Unterton. Sie wusste genau, warum Cassie und Henry ständig zu spät kamen.

Cassie formte mit den Lippen ein sarkastisches »Haha«. Im Wagen herrschte eine ausufernde Stimmung. Jacketts wurden ausgezogen, Krawatten gelockert, weiße Hemdsärmel hochgekrempelt. Die Gruppe um Archie stimmte Seemannslieder an (Cassie hatte keine Ahnung, warum). Einige reckten und dehnten sich und joggten auf der Stelle. Die übrigen Passagiere verfolgten das Ganze verblüfft, aber mit gewohnter britischer Zurückhaltung.

»Mann, das ist ja hier der reinste Sonntagsausflug«, beschwerte sich Suzy. Sie rümpfte die Nase, denn irgendwo weiter vorne kramte jemand ein Frühstück von McDonald’s hervor, dessen Aroma das gesamte Zugabteil erfüllte. »Ich schwör’s dir, das ist das allerletzte Mal, dass ich das mitmache …«

»Ach, das sagst du jedes Jahr«, meinte Cassie. Sie neigte mitfühlend den Kopf. »Aber Arch ist diesmal so wild entschlossen, es zu schaffen. Wäre doch jammerschade, wenn du’s verpassen würdest.«

»Ach, er wird es nie schaffen«, gestand Suzy mit gedämpfter Stimme. »Seine Vorstellung von einem Training besteht darin, zum Pub zu joggen, Einkehrschwung und wieder zurück.«

Cassie schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, diesmal schafft er’s, ganz bestimmt, das fühle ich.«

»Hauptsache eine von uns fühlt etwas.«

Cassie wippte Velvet auf dem Schoß auf und ab und sang ihr leise das Titellied aus Sleeping Beauty – Dornröschen in der Disneyversion – vor, Velvets aktuellem Lieblingsfilm, während der Zug ratternd und ruckelnd durch den Tunnel fuhr. Ein anschwellendes Quietschen der Bremsen kündigte die nächste Haltestelle an. Das unverkennbare runde Schild der Londoner U-Bahn sauste als rot-weiße Schliere an den Fenstern vorbei, bis es mit dem Langsamwerden des Zugs schließlich Gestalt annahm. An den gekachelten Tunnelwänden stand in großen roten Lettern »South Kensington«.

Die Türen öffneten sich zischend, doch die meisten der auf dem Bahnsteig Wartenden warfen nur einen kurzen Blick auf das Halligalli in ihrem Waggon – eine Gruppe hemdsärmeliger Börsenmakler stimmte gerade einen Haka, einen Maori-Kriegstanz, an oder versuchte es zumindest – und bestiegen lieber die Nachbarabteile.

»Gleich sind wir da«, bemerkte Archie, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Er machte ein paar zweifelhafte Stretchingübungen, dann kam er zu ihnen her und strich seiner kleinen Tochter liebevoll übers weißblonde Haar. »Na, gibst du deinem Daddy ein Küsschen?« Er beugte sich vor und wartete mit karpfenähnlich geschürzten Lippen auf eine Reaktion des Töchterchens, die jedoch leider ausblieb.

Die Ehegattin zeigte kaum mehr Begeisterung. Suze zupfte erst noch an Archies Hosenklammern herum, die er an die Hosensäume geklemmt hatte, um den »Windwiderstand zu reduzieren«, wie er behauptete, dann vergewisserte sie sich, dass er seine Brustwarzen mit Vaseline eingecremt hatte, damit ihn die Hosenträger nicht aufrieben – ein Desaster, das sich mit einer solchen Vorsichtsmaßnahme beim letzten Mal hätte vermeiden lassen können. Erst dann gab sie ihm einen energischen Schmatz auf die Lippen.

»Bereit, Kumpel?« Henry krempelte sich die Hemdsärmel hoch. Jacke und Aktentasche übergab er mit einem Kuss an Cassie. Schon war das anschwellende Quietschen der Bremsen wieder zu hören, da berührte Henry Cassies Nasenspitze, sein Blick verharrte kurz auf ihrem Mund, schließlich sagte er: »Und du, du rührst dich nicht vom Fleck, verstanden?« Er zwinkerte ihr zu, dann wandte er sich ab und schloss sich dem Gedrängel an den Türen an.

»Klar, was sonst«, seufzte sie und drückte seine Jacke sehnsüchtig an sich.

Die Türen öffneten sich mit dem charakteristischen Zischen, und schon ergoss sich die Flut der Anzugträger aus dem Abteil auf die Plattform. Mit flatternden Krawatten und pumpenden Armen stürmten sie zur Treppe, die direkt neben ihrem Waggon nach oben führte, weshalb sie auch in diesen Teil des Zuges eingestiegen waren. Cassie konnte nicht anders, sie trat an die offene Tür und schaute Henry nach, der sich natürlich an der Spitze befand. Archie dagegen bildete eins der Schlusslichter. Ihr kam es vor, als hätte er schon Seitenstechen, bevor er oben angekommen war. Kurz drauf waren sie verschwunden, obwohl man sie noch eine Zeitlang hören konnte.

Cassie zog sich wieder in den Waggon zurück. Er war nun beinahe leer, die verbliebenen Passagiere hatten sich erleichtert zurückgelehnt und vertieften sich wieder in ihre Zeitungen oder Smartphones. Der Bahnwärter hielt sein Paddel hoch, einige hopsten noch in letzter Sekunde hinein, dann stieß er in seine Trillerpfeife, die Türen schlossen sich, und der Zug fuhr wieder los.

Suzy hob die riesige Wickeltasche vom Sitz, die größer war als das Kind, für das die Windeln vorgesehen waren, und machte den Platz frei, den sie für ihre Freundin »reserviert« hatte. Cassie setzte sich und übergab Velvet wieder ihrer Mutter. Dann legte sie Henrys Jackett sauber zusammen, damit es keine Falten bekam, und warf einen Blick in seine Aktentasche, um sich zu vergewissern, dass er in der Eile nichts vergessen hatte, vor allem nicht das iPad mit seinen Notizen.

»Wann ist das Meeting?«, erkundigte sich Suzy.

»Um neun.«

»Wie bitte?! Um neun? Wie will er sich da vorher noch frisch machen?«

»Gar nicht. Es findet bei einem Frühstück im Hurlingham statt.« Der Londoner Sitz des renommierten Forscherclubs befand sich in Fulham, unweit des Themseufers, nur zwei U-Bahn-Stationen vom Zielort dieses albernen Rennens entfernt.

Suzy konnte nur den Kopf schütteln. »Ihr habt echt eine Vollmeise, du und Henry. Ich dachte, von diesem Treffen hängt die ganze Arktis-Expedition ab?«

»Tut sie auch«, murmelte Cassie und überprüfte, ob das iPad noch genügend Saft im Akku hatte.

»Und er dachte, es ist eine gute Idee, vorher noch ein kleines Rennen à la Die Stunde des Siegers zu absolvieren, wie?«

Cassie schmunzelte. Das Rennen fand zu Ehren von Roger Bannister statt, einem britischen Mittelstreckenläufer, dem es 1954 als erstem Menschen gelang, die englische Meile in unter vier Minuten zu laufen. Normalerweise fand das Rennen am Jahrestag statt, dem 6. Mai, doch diesmal hatte Henry das Ganze wegen anderweitiger Verpflichtungen (hauptsächlich dem Zusammentrommeln von Sponsoren und Teammitgliedern für die Tauchexpedition) mehrmals verschieben müssen. Er konnte es sich nicht leisten, das Rennen wegen eines Meetings abzusagen, da die Expedition unmittelbar bevorstand und er bald für längere Zeit außer Landes sein würde. »Er geht davon aus, dass sie schon Verständnis haben werden, falls er sich ein bisschen verspätet.«

»Na hoffentlich. Hat er nicht gesagt, dass es noch einen anderen Bewerber um das Fördergeld gibt?«

»Ja, schon, aber es ist so gut wie abgemacht, dass er’s kriegt. Reine Formsache.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, meinte Suzy besänftigt. »Aber spinnen tut ihr schon.«

»Ich weiß«, seufzte Cassie. Ganz automatisch streckte sie die Hand aus und streichelte Velvets runde Wange. Die Kleine war ein verträumtes Kind, von ihrem Vater hatte sie die Grübchen geerbt und von der Mutter das helle Haar und die großen dunklen Augen (wegen dieser rehbraunen Samtaugen wurde sie bei ihrem zweiten Vornamen, Velvet, genannt und nicht Clemency, wie sie eigentlich getauft worden war, oder »Cupcake« – ein Spitzname, der noch aus der Schwangerschaft stammte).

»Was ist los? Du wirkst unheimlich nachdenklich«, meinte Suzy mit diebischer Genugtuung.

Cassies Hand zuckte zurück. »Ach was!«, rief sie mit einer Heftigkeit, als hätte man ihr wer weiß was an den Kopf geworfen.

»Ja, was dann?«

»Ich habe bloß überlegt, wie ich dich dazu bringen könnte, deine Tochter an Vera Wang zu vermieten – als Blumenkind.«

»Ha! Der Gedanke ist mir selbst schon gekommen, ob du’s glaubst oder nicht!« Etwas in Suzys Stimme ließ bei Cassie sämtliche Alarmglocken klingeln.

»Wieso? Das Geschäft läuft doch gut, oder?«

Suzy war professionelle Hochzeitsplanerin und richtete Hochzeiten für die schicksten, kosmopolitischsten Bräute aus den Nobelvierteln von London aus. Die bittere Pille allerdings war, dass diese Frauen oft unglaublich verwöhnt waren und haarsträubende Forderungen stellten, die Suzy mit schöner Regelmäßigkeit in den Wahnsinn trieben. Aber in letzter Zeit wirkte Suze gar nicht mehr so überarbeitet wie früher.

Cassies Freundin schaute sich verstohlen im Zugabteil um, als wollte sie sich erst überzeugen, dass sie nicht belauscht wurden. »Houston, wir haben ein Problem«, meinte sie dann regelrecht kleinlaut.

»Ein Problem? Was denn für ein Problem?«

»Eins, dessen Tragweite mir jetzt erst richtig klar wird.« Suzy schüttelte den Kopf und wickelte sich zerstreut eine Locke von Velvets Haar um den Finger. »Erinnerst du dich noch an Archies letzten Weihnachtsbonus von der Bank? Ein Paar Hosen?«

»Ja, klar.« Wie könnte sie das vergessen! Suzy hatte getobt wie ein verwundeter Büffel, und Henry hatte sich Archie geschnappt und aus der Schusslinie gezerrt, runter zum Pub, um den Kummer zu ertränken, während Suze sich über die Undankbarkeit und Unverfrorenheit der Firma ausließ.

»Na ja, ich dachte, er bräuchte nur seine Fühler ausstrecken, ein paar Anrufe machen, und die Sache wäre geritzt. Von wegen! Ich kann dir nicht sagen, wie viele Headhunter er schon kontaktiert hat – nichts. Er findet einfach nichts. In der Branche ist im Moment tote Hose. Archie weiß keinen Ausweg mehr, das Ganze stresst ihn total.«

Cassie hatte keine Ahnung von den Bauchkrämpfen, die die Bankenwelt gerade durchmachte, selbstverschuldet oder nicht. »Aber heiraten tun die Leute doch immer, oder? Ich meine, dein Geschäft betrifft das doch nicht?«

Der Zug hielt an. Cassie hob den Kopf und blickte nach draußen. Earls Court. Der Zug war mittlerweile fast leer. Kam da nicht erst noch Gloucester Road? Sie mussten den Halt passiert haben, ohne dass sie es bemerkt hatte.

»Ich hatte ja keine Ahnung, wie ernst es bei Archie ist, er hat sich mir gegenüber nichts anmerken lassen. Und ich hatte den Kopf voll mit Velvet …« Sie gab ihrem Töchterchen einen Kuss aufs Haar und schloss automatisch die Augen, um ihren Duft einzuatmen. »Ich habe weniger Aufträge angenommen, weil ich mich um Velvet kümmern wollte.« Sie schaute Cassie mit ihren großen rehbraunen Augen ungewöhnlich ängstlich an. »Ich habe versucht aus meinen Fehlern zu lernen, weißt du, ich wollte den Arbeitsstress reduzieren. Mich mehr um das Kind kümmern. Du weißt ja, wie stressig es in der Schwangerschaft war.«

Der Zug fuhr los, und Cassie tätschelte beschwichtigend Suzys Arm. »Klar weiß ich das noch. Du hast die richtige Entscheidung getroffen! Das Kind hat Vorrang.« Velvet war mehrere Wochen zu früh zur Welt gekommen, weil Suzy sich mit ihren Hochzeiten derart aufgerieben hatte, insbesondere der von Kelly.

»Ich weiß nicht, Cass, allmählich kommen mir Zweifel. Ich habe kaum noch Anfragen, das Telefon steht seit Wochen still. Ich glaube, es hat sich herumgesprochen, dass ich eine Babypause mache, und jetzt glauben sie, ich nehme keine Aufträge mehr an. Dabei wollte ich nur ein bisschen kürzertreten. Samstag in einer Woche habe ich noch eine Hochzeit, danach nichts mehr.«

»Nichts?«, fragte Cassie ungläubig.

»Nichts. Ich weiß gar nicht, was ich noch mit Marie anfangen soll, es gibt nichts mehr für sie zu tun. Neulich habe ich sie gebeten, die Brautmagazine nach Farben zu ordnen!« Suzy schluckte. »Aber das ist noch nicht alles. Wir … wir können vielleicht bald unsere Hypothek nicht mehr bezahlen. Arch meint, wir werden das Haus vielleicht verkaufen müssen.«

»O nein, Suze!« Cassie packte ihre Freundin erschrocken beim Handgelenk.

»Du darfst kein Sterbenswort verraten, Cass, hörst du?«, drängte Suzy ihre Freundin. »Wenn Arch darüber reden will, wird er’s tun. Aber er bringt mich um, wenn er rauskriegt, dass ich dich ins Vertrauen gezogen habe.«

»Ich sage nichts, versprochen.«

Sie schwiegen eine Zeitlang, während der Zug rumpelnd dahinfuhr.

»Aber was willst du jetzt tun?«, erkundigte sich Cassie.

»Keine Ahnung. Am London Eye rumhängen und jedem Pärchen, das mit einer leeren Sektflasche und einem Strauß Rosen aus der Gondel steigt, eine von meinen Karten in die Hand drücken?«

»Aber deine Lieferanten und Kontakte können doch sicher für dich die Werbetrommel rühren, oder?«

»Das bringt nicht viel. Wenn jemand Blumen bestellt oder Hotels kontaktiert, hat er doch meist bereits einen Hochzeitsplaner.«

»Ach ja, da hast du wohl recht.« Cassie biss sich auf die Lippe. »Also, ich könnte ja mal die Augen für dich offen halten. Morgen sind wir beim Rennen in Ascot, danach steht der Polo Gold Cup an. Da werden doch sicher jede Menge Heiratsanträge gemacht! Ich kann ja einen Stapel von deinen Karten an unserem Stand auslegen.«

Suzy zog eine Augenbraue hoch. »Oder du könntest in die Gänge kommen und meinen umwerfenden Bruder heiraten? Wie wäre das? Das wäre mal eine Hochzeit, die ich liebend gerne ausrichten würde!«

»Wir haben im Moment keine Zeit für eine aufwendige Hochzeitsplanung. Henry düst bald ab in die Arktis, und ich bin für die nächsten fünf Jahre ausgebucht. Zumindest was Ascot betrifft.«

Jetzt fasste Suzy Cassie beim Arm. »Aber genau deshalb heuert man doch einen Hochzeitsplaner an! Damit der einem all das abnimmt.«

Cassie musste grinsen. »Suze, ich lasse keinen an meine Hochzeitsplanung ran außer dich! Das verspreche ich dir hoch und heilig. Nicht mal meine Mutter.« Sie runzelte die Stirn. »Vor allem nicht meine Mutter! Die würde mich in ein goldenes Brautkleid stecken wollen.«

Suze seufzte niedergeschlagen. »Ach, Cass, ich weiß nicht. Wie soll ich andere dazu kriegen, sich die Hochzeit von mir planen zu lassen, wenn ich nicht mal meine beste Freundin dazu bewegen kann, meinen umwerfend gutaussehenden kleinen Bruder zu heiraten?«

Cassie zuckte die Achseln. »Wir lieben uns. Daran liegt’s jedenfalls nicht.«

»Als ob ich das nicht wüsste! Ist ja kaum zu übersehen. Ihr hängt an den Lippen zusammen wie zwei Saugnäpfe!«

Der Zug hielt erneut. West Brompton. Die Bahn hatte den Tunnel verlassen und fuhr nun oberirdisch weiter. Cassies Blick schweifte über die Dächer von London, über die Kamine, die Taubennester. Am Himmel zogen aufgeblähte weiße Wolken vorbei wie übergroße Federbetten.

Außer ihnen saßen mittlerweile nur noch zwei Teenager im Abteil, ganz hinten, sie hatten ihre Füße auf die Sitze gelegt – Suzy hatte im Moment andere Sorgen, sonst hätte sie den beiden längst den Marsch geblasen (sie hasste schmutzige Sitze) –, und zwei Reihen weiter ein Mann im Anzug, der auf seinem iPad Candy Crush spielte. Ob er seine Haltestelle verpasst hatte? Das hier schien jedenfalls eine reine Wohngegend zu sein.

Velvet begann zu zappeln, und Suze hatte Mühe, sie auf dem Schoß zu halten. Ein leerer U-Bahn-Zug ist nun mal nicht so interessant wie ein voller. Suzy griff in die Tasche und holte eine kleine Tupperbox mit Karottensticks hervor. Sie drückte einen davon in die eifrig ausgestreckten Händchen ihrer Tochter.

Die Türen schlossen sich, und der Zug fuhr weiter. Cassie war mit den Gedanken noch ganz bei Suzys Problemen.

»Dann seid ihr also in Ascot vertreten, ja?«, versuchte Suzy das Gespräch wieder in Gang zu bringen. »Ein großer Auftrag, sagst du?«

»Äh … ja. Ja, stimmt. Sechzig Gedecke und drei Mahlzeiten: Sektfrühstück, Lunch und High Tea. Ich muss heute noch hundertachtzig Eclairs backen. Aber erst muss ich den Wagen aus der Werkstatt holen.«

Der cremefarbene Morris Minor war Cassies ganzer Stolz – obwohl sich Henrys Warnungen in Bezug auf die Anfälligkeit des alten Kleinwagens als wahr erwiesen hatten. Er musste regelmäßig zum »Check-up« in die Werkstatt. Mittlerweile kannte sie Jim, den Mechaniker, so gut, dass sie ihm eine Dose selbst gemachte Macarons mitbrachte, wenn ein Geburtstag in seiner Familie anstand. Henry hatte versucht ihr den Wagen auszureden und stattdessen zu einem neuen VW Golf geraten, aber sie war derart hingerissen gewesen von dem kleinen Oldtimer, der so »süß« und »schnuckelig« war (wie ihre winzige Wohnung), so »Fifties« und so gut zu ihrem Picknickstand mit seiner altmodischen Markise passte, dass seine Einwände auf taube Ohren stießen.

»Wie geht’s Jim?«

»Sehr gut. Kayla hat es geschafft, auf ihrer Wunschschule einen Platz für die Kinder zu ergattern.«

»Ach ja? Toll«, sagte Suzy nicht sonderlich interessiert, schließlich kannte sie die Leute ja nur vom Hörensagen.

Der Zug wurde langsamer, und sie fuhren in den nächsten Bahnhof ein, Fulham Broadway. Sie hatten ihr Ziel erreicht.

»Da wären wir.« Cassie erhob sich und ging zu einer der Türen. Der Zug kam zum Stehen.

»Wir schon, aber wo bleiben die anderen? Kannst du sie schon sehen?«, fragte Suzy.

Cassie presste ihre Nase an die Scheibe und schielte zum Fußgängerübergang. »Hm … nein, noch nicht … Moment! Da ist er!« Sie lachte laut auf. Henry kam mit wehenden Haaren über die Fußgängerbrücke gerast, seine Krawatte flatterte hinter ihm her wie ein Windsack. Drei Stufen auf einmal nehmend sprang er die Treppe hinunter und kam quietschend vor dem Abteil zu stehen, direkt vor der Tür, an der Cassie stand – die genau in diesem Moment zischend aufging. Angeber.

Henry keuchte, sie starrten einander ein paar Sekunden lang an, dann sagte er grinsend: »Ihr habt euch aber Zeit gelassen!« Er gab ihr einen Schmatz auf den Mund, zog seine Krawatte zurecht und trat in genau denselben Waggon ein, den er vier Haltestellen zuvor verlassen hatte. Mission erfüllt, Tube Sprint im sechsten Jahr in Folge gewonnen.

Im nächsten Augenblick tauchte der Pulk der Nachkommenden auf, die um den zweiten Platz rangelten. Wie Grashüpfer sprangen sie die Treppe zur Plattform hinunter, vier Stufen auf einmal nehmend. Mit lautem Gebrüll preschten sie in den offenen Zug, dann klopften sie einander begeistert auf die Schultern, klatschten sich ab und gratulierten einander zum bestandenen Rennen: Durch siebenundzwanzig belebte Straßen, vorbei an vier U-Bahn-Haltestellen und Tausenden von Passanten hatten sie den 1,5 Meilen langen Parcours bewältigt und den Zug wieder eingeholt.

»Und wo ist Archie abgeblieben?« Suzy erhob sich seufzend, warf sich die Wickeltasche über die Schultern und setzte sich ihre Tochter auf die Hüfte. Die Läufer schienen den Sitzplatz nötiger zu brauchen als sie selbst. »Hat ihn schon jemand gesehen?«

Henry zuckte grinsend mit den Schultern. »Sorry, Schwesterchen, hab leider keine Augen im Hinterkopf.«

Suzy gab ihm eins hinter die Ohren – ihr Vorrecht als große, dreizehn Monate ältere Schwester.

»Bin beim Krankenhaus an ihm vorbeigezogen, falls es jemanden interessiert«, bemerkte einer der anderen Läufer frech und hob sicherheitshalber schützend die Arme vors Gesicht, falls sie auch ihm eine verpassen wollte.

»Reg dich ab, Suze, ich sehe ihn«, sagte Cassie und deutete zur Fußgängerbrücke.

Der Rest der Truppe kam, nun ja, weniger angerannt als angetorkelt, die Augen sorgenvoll auf den wartenden Zug gerichtet.

»Auf geht’s, Arch, hopphopp!«, brüllte Suzy, die die Lungenkapazität eines Pufferfischs besaß. »Du schaffst es!« An Cassie gewandt, sagte sie: »Mein Gott, hoffentlich schafft er’s, wenigstens dieses eine Mal. Damit diese Spinnerei endlich ein Ende hat.«

Henry saugte skeptisch an den Vorderzähnen. »Ich weiß nicht, Suze«, zog er sie auf. »Sieh mal, der Bahnhofswärter hält schon sein Paddel hoch. Sieht nicht gut aus.« Cassie konnte bloß staunen: Henrys Atmung war bereits wieder normal. Er schob den dunkelblonden Lockenschopf aus der Abteiltür. »Archie, du schaffst das, los, pressen!«

»He, er kriegt doch kein verdammtes Baby!«, schimpfte Suze. Archie taumelte, ans Geländer geklammert, die Treppe zum Bahnsteig hinunter.

Das Warnsignal ertönte, das ankündigte, dass sich die Türen schlossen. Suzy lehnte sich automatisch vor, um sie daran zu hindern.

»Komm schon, Arch!«, brüllte sie.

»He, Schummeln gilt nicht!«, rügte Henry und zog Suzy vom Eingang zurück. Die Türen gingen zischend zu.

»Henry!«

»Das wäre nicht fair. Und so will Archie bestimmt nicht gewinnen. Entweder man schafft’s aus eigener Kraft – oder eben nicht. Das weiß Archie sehr wohl.«

Wie zum Beweis dessen, was er gerade gesagt hatte, tauchte ein Läufer zwei Sekunden zu spät am Zug auf und presste erschöpft die Handflächen an die Fensterscheiben. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung und machte sich auf die Fahrt Richtung Themse und nach Putney, das am anderen Ufer lag. Die erfolgreichen Läufer johlten und pfiffen den armen Kerl aus; Henry hielt den Daumen hoch (»Gut gemacht!«) und zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Du hast gut reden, du langer Lulatsch. Wenn ich eins fünfundneunzig groß wäre und Beine hätte, so lang wie ’ne Leiter, täte ich mich auch leichter«, schimpfte Suzy. Sie war sauer, weil sie sich jetzt ein weiteres Jahr lang Archies Gejammer anhören und seine halbherzigen Trainingsversuche würde ertragen müssen.

»Moment mal … da stimmt was nicht«, stieß Cassie hervor. Das brachte den Streit zwischen den Geschwistern abrupt zum Erliegen. Suzy und Henry stürzen ans Fenster. Archie hatte beinahe den Fuß der Treppe erreicht und war wie erstarrt stehen geblieben – was aber nicht daran lag, dass ihm der Zug vor der Nase davonfuhr. Mit starren, weit aufgerissenen Augen blickte er ins Leere, eine Hand am Treppengeländer. Den Zug schien er überhaupt nicht wahrzunehmen.

»Arch?«, flüsterte Suzy. Allen dreien fiel auf einmal auf, wie blass, ja grau Archie im Gesicht war, ein krasser Gegensatz zu den hochroten Köpfen der anderen Läufer. Noch bevor der Zug sie außer Sichtweite transportierte, mussten sie mitansehen, wie er von einer jähen Zuckung erfasst wurde, wie sich sein Gesicht verzerrte, sein Oberkörper erst zurück, dann nach vorne flog und wie er schwer die Treppe hinunterfiel, eine Hand aufs Herz gepresst.

Und während der Zug sich von ihrem sterbenden Mann entfernte, begann Suzy markerschütternd zu schreien.

3. Kapitel

Es war schon nach Mitternacht, als die Tür des Gästezimmers aufging und Henry hereinkam. Cassie, die nicht schlafen konnte und sich ein Hochzeitsfoto der zwei Menschen ansah, die ihr neben Henry am meisten am Herzen lagen, stützte sich auf den Ellbogen und schaute ihren Verlobten mit banger Erwartung an. Aber alles, was sie seiner Miene entnehmen konnte, war völlige Erschöpfung.

»Du sagst es mir am besten gleich«, meinte sie, bevor er den Mund aufmachen konnte. »Hat keinen Zweck, drum rumzureden.«

»Es gibt nichts zu sagen«, entgegnete er und sank auf die Bettkante. Cassie hatte es nicht gewagt, sich auszuziehen und in einen Schlafanzug zu schlüpfen. Sie rechnete damit, jeden Moment mit dem Kind ins Krankenhaus gerufen zu werden, damit Velvet ihren Vater noch ein letztes Mal sehen konnte. Es war einfacher erschienen, mit der Kleinen in Suzys und Archies Wohnung zurückzukehren, wo sich all ihre Sachen befanden, als mit Fläschchen, Windeln, Wechselkleidung und Spielsachen in ihr beengtes Apartment überzusiedeln. Aber hier, wo überall Fotos der kleinen Familie standen, wo alles an Archie und Suzy erinnerte, wurde ihr die Tragweite der Katastrophe nur umso deutlicher. An Schlaf war nicht zu denken, deshalb hatte sie sich kurzerhand in ihren Klamotten aufs Bett gelegt.

Henry entfaltete automatisch die himbeerrote Wolldecke, die am Fuß des Bettes lag, um Cassie damit zuzudecken. Mit dieser Geste versuchte er sich abzulenken von dem Schrecklichen, das heute geschehen war. »Es gibt nichts Neues, er liegt noch immer auf der Intensivstation. Sein Herzschlag ist noch zu sprunghaft und unregelmäßig, als dass man ihn verlegen könnte. Sie wollen ihn über Nacht im Auge behalten.« Er schaute flüchtig zu ihr hin, wandte den Blick aber sofort wieder ab. »Er hat zwei Stunden nach seiner Einlieferung einen zweiten Herzinfarkt gehabt.«

Noch einen? Cassie schlug entsetzt die Hand auf den Mund. Als sie und Suzy es schließlich schafften, zu ihm zurückzugelangen, war jede Farbe aus seinem Gesicht gewichen, und er war grau wie Haferbrei gewesen. Sie hatten zuvor an der U-Bahn-Haltestelle ein Taxi genommen, Henry war sogar den ganzen Weg von Parson’s Green zurückgelaufen, schneller als das Taxi und schneller als der nächste Zug in die Gegenrichtung.

Cassies babyblaue Augen waren groß wie Untertassen. »Und Suze? Wie packt sie’s?« So resolut ihre beste Freundin auch nach außen hin wirkte, darunter schlug ein empfindsames Herz, wie Cassie sehr wohl wusste.

»Spielt mal wieder die Dampfwalze. Als ob nichts sie umhauen könnte«, seufzte Henry. »Sie wacht über ihn wie eine rabiate Glucke, will ganz genau wissen, wozu jeder Schlauch da ist, bevor sie ihn anschließen. Eine Schwester hat aus Versehen das heutige Datum verwechselt, du hättest sehen sollen, wie sie die zusammengepfiffen hat! Hat gemeint, wenn sie nicht mal das Datum von heute wisse, wie solle man ihr dann das Leben eines Menschen anvertrauen?« Er zuckte mit den Schultern, massierte sich das Gesicht. »Wie macht sich Velvet?«

»Gut. Sie schläft.« Cassie hatte sich wie selbstverständlich von dem Moment an um das Kind gekümmert, als Suzy zu Archie in den Krankenwagen gestiegen war. »Sie ist noch zu klein, um das alles zu verstehen. Nur vor dem Schlafengehen, da hat sie nach ihrer Mama gefragt, aber nachdem sie das Fläschchen gekriegt hat, hat sie schnell wieder Ruhe gegeben. Ich dachte erst, ich müsste sie mit zu mir ins Bett nehmen, aber sie ist problemlos in ihrem Kinderbett eingeschlafen.«

»Die Süße. Sie ist zu jung, um …« Henrys Stimme zitterte, er stand kurz vor dem Zusammenbruch.

»Schsch, ich weiß.« Cassie richtete sich auf die Knie auf und nahm ihn in die Arme. Sie wusste, was er sagen wollte: dass Velvet zu jung war, um den Vater zu verlieren. Und dass sie zu jung war, um sich an ihn zu erinnern, falls er jetzt starb.

»Das ist alles meine Schuld«, behauptete er, machte sich von Cassie los, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Henry! Was für ein Unsinn! Wie kannst du so etwas sagen!«

Sein Kopf zuckte hoch. »Das ist kein Unsinn! Cass, ich habe Suzy von der offenen Tür zurückgezerrt. Ich hab sie daran gehindert, den Zug anzuhalten!«

Cassie dachte daran, wie er Suzy davon abgehalten hatte, für Archie die Tür offen zu halten, wie er sie wenig später mit Gewalt daran hindern musste, die Notbremse zu ziehen, wie er ihr mühsam klarmachte, dass sie, so unlogisch es sich auch anhören musste, schneller wieder bei ihm wären, wenn sie von der nächsten Haltestelle zu ihm zurückfuhren, als den Zug in einem Tunnel zum Nothalt zu zwingen. Selbst wenn ihr Mann nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt mit dem Tode rang.

»Du hast genau das Richtige getan. Du hast einen kühlen Kopf bewahrt«, sagte Cassie leise.

Er verneinte grimmig. »Ich habe bei dem Rennen ein zu schnelles Tempo vorgegeben.«

»Nicht du hast das Tempo vorgegeben, sondern der Zug! Ihr hattet nur neuneinhalb Minuten. Der Zug wartet auf niemanden, darum geht’s ja.«

Henry stand auf und lief rastlos auf und ab. »Ich hätte ihn nicht zu diesem Rennen überreden dürfen! Ich hab ihm das Ganze praktisch aufgeschwatzt! Er selbst war gar nicht so scharf darauf.«

Cassie musterte ihn besorgt. »Henry, der einzige Mensch, der Archie zu etwas zwingen kann, ist Suzy, das weiß doch jeder.«

Henry stieß ein trockenes Lachen aus, das mehr einem Bellen glich, und lief weiter auf und ab. »Ich hätte nicht …«

»Henry, hör auf damit! Archie ist nicht gut in Form, und er steht unter einem enormen Druck. Suze hat es mir, während ihr weg wart, anvertraut. Archie wird wahrscheinlich seinen Job bei der Bank verlieren. Sie können die Hypothek für das Haus nicht mehr bezahlen. Das macht ihr schon seit Wochen große Sorgen.«

Henry blieb abrupt stehen. »Wovon redest du da? Davon hat er mir kein Sterbenswort gesagt.«

»Er hat niemandem etwas gesagt.«

Henry starrte Cassie sekundenlang fassungslos an, dann ließ er sich aufs Bett sinken. Diese Nachricht musste er erst einmal verdauen.

Cassie robbte zu ihm hin und begann ihm den Nacken zu massieren. »Hör zu, das wird schon wieder. Er liegt auf der Intensivstation, da können sie sich rund um die Uhr um ihn kümmern. Außerdem ist es jetzt schon vierundzwanzig Stunden her, oder? Es heißt doch, dass dann die größte Gefahr vorbei ist, nicht?«

Es war zwar erst fünfzehn Stunden her, aber darauf wollte keiner von ihnen hinweisen. Sie beide wollten glauben, dass er das Schlimmste überstanden hatte.

Cassie versuchte einen besonders harten Muskel zu lockern und knetete die Fläche zwischen seinen Schulterblättern. Henry stöhnte.

»Komm, leg dich schlafen«, forderte sie ihn auf und gab ihm einen Kuss auf den Nacken. »Du bist völlig erledigt. Sie brauchen uns morgen, da müssen wir wieder einigermaßen bei Kräften sein.«

Henry ließ sich ohne Gegenwehr auf die Matratze drücken und rollte sich, immer noch voller Schuldgefühle, auf die Seite. Cassie deckte ihn mit der himbeerroten Wolldecke zu. Er trug noch seinen Anzug und die Turnschuhe. Ohne die Schnürsenkel zu lösen, zog Cassie ihm die Schuhe von den Füßen, dann schmiegte sie sich von hinten an ihn, legte ihren Arm über seine Hüfte und lauschte seinen langsamen Atemzügen. Innerhalb von Sekunden war er eingeschlafen. Aber draußen vor dem Fenster stand kein Holzapfelbaum, zwitscherten nicht die Meisen, und unwillkürlich fragte sie sich, wie sie sich heute Morgen noch so sicher in ihrer kleinen Welt hatte fühlen können, die, wie sie nun erkennen musste, zerbrechlich war wie feines Porzellan.

Das klobige blaue Gebäude des Chelsea & Westminster Hospital ragte vor ihnen auf, als sie früh am nächsten Morgen mit Velvet auf dem Arm dort auftauchten. Cassie ging, das Kind an sich gedrückt, dicht hinter Henry durch die Schwingtür. In diesem Krankenhaus hätte Velvet eigentlich zur Welt kommen sollen, wäre sie nicht ein paar Wochen zu früh dran gewesen. Cassie war ein paarmal hier gewesen und hatte nur gute Erinnerungen. Sie hatte Suze zu einigen Schwangerschaftsuntersuchungen begleitet, hatte gelacht, wenn diese beim Besteigen der Waage das Gesicht verzog, und auch über ihre komischen Grimassen beim Blutabnehmen. Anschließend waren sie meist Arm in Arm im Starbucks eingekehrt und hatten sich zur Feier des Tages Maxi-Cappuccinos und kalorienreiche Kuchenstücke gegönnt.

Keine von beiden hätte sich vorstellen können, dass sie sich nur zwei Jahre später unter solch schrecklichen Umständen wieder hier einfinden würden.

Henry, der nach anderthalb Stunden Tiefschlaf aufgewacht war und sich den Rest der Nacht herumgewälzt hatte, hämmerte ungehalten auf den Liftknopf. Das Kinn störrisch vorgeschoben, ungeduldig mit dem Fuß wippend, wartete er auf den Aufzug. Sie hatten sich weder die Zeit genommen zu duschen noch zu frühstücken. Cassie warf einen besorgten Blick auf ihn und streichelte Velvet, die erneut nach Papa und Mama fragte, übers Haar.

»Schsch, wir sind gleich da, Schätzchen, nur noch ein paar Minuten«, beruhigte sie die Kleine und rückte sie auf ihrer Hüfte zurecht.

Endlich traf der Lift ein, aber sie mussten zurückweichen, weil ein Patient in einem Rollstuhl herauswollte, der von einem Pfleger geschoben wurde. Henry wartete mühsam beherrscht, dann trat er hastig ein und drückte aggressiv auf den Knopf für ihr Stockwerk. Als sich die Aufzugtüren nicht schnell genug schlossen, schüttelte er frustriert den Kopf.

Cassie berührte beschwichtigend seinen Arm. »Keine Sorge, wenn etwas wäre, hätte man uns angerufen, das weißt du doch.«

Henry war ungewöhnlich bleich, seine Augen blutunterlaufen. Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Cassie versetzte es einen Stich, ihn so zu sehen. Er war sonst immer der Stärkere, derjenige, der alles regelte, der sich nie aus der Ruhe bringen ließ und immer einen kühlen Kopf bewahrte, wenn ringsum das Chaos ausbrach. Er war freundlich und zugänglich, kannte alles und jeden und schloss mühelos Bekanntschaften. Die Temperatur der Sonne? Die Geschwindigkeit einer Pistolenkugel in einem Vakuum? Schallgeschwindigkeit unter Wasser? All diese Fragen konnte er aus dem Effeff beantworten, Cassie hatte es selbst getestet. Mit seinem liebenswerten Grinsen, seiner Vitalität und positiven Lebenseinstellung machte er sich überall Freunde.