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Ein guter Mensch war man nicht, weil man nichts Böses tut. Auch wird man nicht als guter, sondern als Mensch geboren. Anschließend ergibt sich alles. Was und wie, hängt von der Beschaffenheit der Wiege ab, und von denen, die sie schaukeln. Bis man eines Tages ist, was man ist. Veränderungen sind zwar noch möglich, haben jedoch Grenzen.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
“Print on Demand” ISNB 9781 4848 75698
Alle Rechte Vorbehalten
Copyright bei
Lothar Gunter Wiegratz
13100 Aix-en-Provence
„Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“
(Johann Wolfgang von Goethe („Faust“)
Im Flunch mustert mich ein Mann. Anfang dreißig, schätze ich, offenbar der Vater der beiden Jungen, die die großen Gabeln am Stiel in ihren Fäustchen halten und mit ihnen beliebig in den Fritten herumstochern. Ihre Beine stecken in kurzen Hosen, die Füße reichen noch nicht auf den Boden. Ich sehe, wie er mich beobachtet, wie er kurz seine Söhne zurechtweist, die an der Ketchupflasche aus Plastik herumdrücken. Kennt er mich? Er ist unrasiert, trägt ein verblasstes T-Shirt, auf das das Zeichen eines Fußballvereins gedruckt ist.
Ich wechsle einige Worte mit meiner Frau. Wir wollen nachher in der Innenstadt auf Schnäppchenjagd gehen. Sie erhofft eine neue Handtasche, ich will nach neuen Sandalen Ausschau halten.
Er beobachtet mich immer noch. Die Jungen fordern offensichtlich einen Nachtisch. Sie deuten mit ihren kleinen Händen auf die Theke, an der die Eisportionen serviert werden. Vor- und Hauptspeise gibt es als Selbstbedienung und sind im Preis inbegriffen. Die Nachspeise nicht.
Vielleicht erklärt er jetzt den Jungen, dass das Eis keine gute Idee sei, jedenfalls spricht er, den Blick auf mich gerichtet, auf die Kinder ein. Und dann erinnere ich mich. Ich erkenne ihn an den kleinen, weißen Bläschen, die sich an seinen Mundwinkeln bilden.
Es mochte fünf, sechs Jahre her sein. Ich war mit einer Freundin durch die Fußgängerzone der Innenstadt geschlendert, als uns eine Menschenansammlung vor dem einzigen Sportgeschäft der Stadt aufgefallen war. Dreißig, vierzig Männer und Frauen in luftiger Freizeitkleidung, Einkaufstaschen und Kinder an den Händen, hatten einen Halbkreis um zwei Polizisten gebildet, die auf eine ärmlich gekleidete, wohl ausländische Frau einredeten. Sie stand in einem weiten, bunten Rock vor den Beamten, das Schaufenster mit einer Adidas-Sonderaktion im Rücken. Sie war erregt, fuchtelte mit Armen und Händen und schrie Unverständliches.
Wir näherten uns der Menge. Die zwei Polizisten, junge Männer, kaum älter als ich, hatten unter ihren Mützen die Harre kurz geschoren. Sie trugen gebügelte Uniformen, ihre Pistolen glänzten in den Halftern. Bürgernah waren sie zu Fuß auf Streife gewesen. Im Einkaufstrubel galt die Furcht vor Taschendieben als ein berechtigtes Gefühl, seit Rumänen und andere Zigeuner zum Thema des Wahlkampfes geworden waren.
Während der eine Beamte in ein Funkgerät sprach und einen Krankenwagen – oder Verstärkung? - anforderte, ging dem anderen plötzlich die Geduld aus. Weit holte er mit einem Arm aus und versetzte der schreienden Frau eine schallende Ohrfeige. Der Schlag war so heftig, dass die Frau, nun stumm, zur Seite taumelte und nur mit Mühe auf den Beinen blieb.
Ich kannte meine Freundin erst seit Kurzem. Wir hatten zwar viel geredet, Gemeinsamkeiten entdeckt und eine erste angenehme Nacht zusammen verbracht, aber das meiste von uns lag noch vor uns. Ich bahnte mir entschlossen einen Weg durch die starrende Menge und ging auf den jungen Polizisten zu.
„Das war nicht nötig.“
„Mischen Sie sich nicht ein!“
„Sagen Sie mir Ihren Namen, bitte.“
„Warum? Was geht Sie das an?“ Er roch aus dem Mund. In den Winkeln hatte sich weißer Schaum gebildet.
„Ich werde Sie anzeigen!“
Als der Krankenwagen im Schritttempo und Blaulicht auf uns zugefahren kann, wollte er mir seinen Namen immer noch nicht nennen; auch sein Kollege schwieg, ein wenig betreten. Auf der Brusttasche der Uniform stand jedoch seine Dienstnummer. Demonstrativ notierte ich sie, vor Aufregung zitternd, mit dem Kugelschreiber auf meine Zigarettenschachtel. Ein braungebrannter Zuschauer in hellem Sommeranzug und Strohhut löste sich aus der Menge und stellte sich mir als Zeuge zur Verfügung. Kaum war die nun weinende Frau von den Sanitätern ins Innere des Krankenwagens geführt, zerstreute sich die gaffende Menschentraube und mischte sich in das belebte Treiben des Schlussverkaufs.
Nahezu ein Jahr hatte es gedauert, bis der Postbote mir die Vorladung zum Gericht als Einschreiben vorlegte. Fast hätte ich den Zwischenfall. Ich war als Zeuge geladen. Zum ersten Mal erlebte ich eine Gerichtsverhandlung, mit Staatsanwalt, Verteidiger, Richter, Schöffen und einem Angeklagten, den ich, in Zivilkleidung und mit wuschligem Haar, kaum wiedererkannte. Ich erinnere mich nicht, ob, wie im Kino, das Wort schuldig ausgesprochen wurde. Aus dem Dienst entlassen wurde er, ja, daran erinnere ich mich genau. Und an eine Geldstrafe.
Er erhebt sich als erster. Die Jungen springen von ihren Stühlen und strecken, rechts und links von ihm, dem Vater die Hände entgegen. Sie trippeln mit ihren kurzen Beinen, er hält seinen Schritt kurz. Ein letztes Mal dreht er den Kopf zu mir. Unsere Blicke treffen sich. Ich wende mich ab.
Seit geraumer Zeit schon hatte ich das Gefühl, meine Platte hätte einen Sprung. Alles fing ständig wieder von vorne an, und hörte immer an derselben Stelle wieder auf. Es war kein Vorwärtskommen mehr. Immer nur ein Anfang, nie ein Ende, selbst ein Zwischendurch blieb mir verwehrt.
Als ich in den Nachrichten von einem erneuten Eisenbahnunglück in Indien hörte, im Fernsehen die gleichen Kanonen wie gestern auf die gleichen Menschen schossen und wieder ein entführtes Kind tot aufgefunden wurde, war mir der Rest gegeben. Wenn ich schon an all dem, was vor mir aus dem Bildschirm flimmerte, nichts ändern konnte, dann ändere ich mich eben selbst. Ich beschloss, ein guter Mensch zu werden.
Ein guter Mensch war man nicht, weil man nichts Böses tut. Auch wird man nicht als guter, sondern als Mensch geboren. Anschließend ergibt sich alles. Was und wie, hängt von der Beschaffenheit der Wiege ab, und von denen, die sie schaukeln. Bis man eines Tages ist, was man ist. Veränderungen sind zwar noch möglich, haben jedoch Grenzen.
So oder so ähnlich musste es mir damals durch den Kopf gegangen sein. Mir war klar, ich musste etwas tun, um ein guter Mensch zu sein.
Ob die Strategie, die ich mir hernach ausgeklügelt hatte, die richtige war, lasse ich dahingestellt. Es war die einzige, die mir so spät nachts noch in den Kopf wollte. Und jetzt muss ich sie durchziehen. Ein Mann, ein Wort.
