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Jede der vorliegenden Geschichten war im Schnitt ein Jahr lang kostenlos auf Internet zu lesen. Die Kommentare der Leser/innen – mal waren es nur wenige, mal waren es mehr – haben mir beim nachträglichen Lektorieren, das zur Druckausgabe führte, sehr geholfen. Nicht allein, um Tippfehler auszumerzen, sondern auch, um gefällige Formulierungen zu streichen bzw. zu ersetzen, und um zur besseren Verständlichkeit der Geschichten beizutragen, die mir allesamt am Herzen liegen. Dank an alle, die sich in der Vergangenheit die Zeit genommen haben, in diesen Geschichten zu blättern. Ihnen allen sei dieser Sammelband gewidmet.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Ich liebe es, in Büchern zu blättern. Ich liebe den Geruch des bedruckten Papiers, das Rascheln der Seiten, die Buchrücken, die aneinander gereiht in einem Regal von Kindesbeinen an stets etwas Geheimnisvolles für mich hatten und mir andere, neue Welten eröffneten. In der städtischen Bibliothek meiner Heimatstadt habe ich als Kind Lesen gelernt, noch bevor das ABC der ersten Klasse mit Kreide an die Tafel geschrieben wurde. Die Ausleihe von Büchern war kostenlos gewesen, in ihrer Anzahl beschränkt und von bestimmter Dauer. Noch heute sehe ich die ergraute Bibliothekarin „Fräulein Herbst“ vor mir, zu jeder Auskunft und Hilfestellung bereit, und wie sie bei der Buchrückgabe mit ihrem neugierigen Gesicht einen Kommentar von uns erwartete, wie das und jenes gefallen hatte, insbesondere, wenn sie es war, die die Bücher empfohlen hatte, die nun ausgelesen und mit einigen Eselsecken mehr vor ihr lagen.
Die virtualisierte und globalisierte Welt hat an dieser an Papier gebundenen Buchromantik nichts geändert. Immer noch sind bis zur Decke gefüllte Buchläden und Bibliotheken heilige Hallen für mich. Ein für mich unerklärtes, woanders nicht erlebbares Gefühl unendlichen Reichtums stellt sich bei mir ein, gemischt mit herzklopfender Dankbarkeit, an all jene gerichtet, die dafür sorgen, dass es so etwas Fossiles allem Virtuellen zum Trotz dennoch geben darf. Wie lange noch?
Aus diesen Zeilen wird verständlich, warum mich die Veröffentlichung eines Sammelbandes von Kurzgeschichten im käuflichen E-Book Format Überwindung gekostet hat.
Ich hätte es nicht getan, wenn nicht für „Papierromantiker“ wie mich auch eine gedruckte Ausgabe vorläge, die leichterhand im Internethandel zu erstehen ist:
„Windstille und anderes“, broschiert, 165 Seiten. ISBN 9781-4848-04520
Möglich geworden ist diese gedruckte Ausgabe durch einen neuen „Superdrucker“, der in Minutenstelle eine digitale Vorgabe ohne Menschenhand in ein Buch verwandelt. In unendlicher Anzahl – solange das Papier reicht -, und in ungeminderter Qualität, da er nicht mit einer Druckplatte wie beim Offset-Druck rotiert, sondern bei jedem Nachdruck immer wieder ein neues Bild erzeugt.
Nur – obwohl bei dem Vertreiber meines Sammelbandes „auf Lager“ steht, gibt es das Buch nicht. Noch nicht. Erst bei Bestellung (und Bezahlung) des Buches wird es gedruckt und geht in den Versand. „Print on demand“ heißt dieses Prinzip von der CreatSpace Ltd, die Software und Drucker liefert, und die „Amazon GmbH“, die für den Vertrieb sorgt.
So wird also mein Büchlein trotz seines raschelnden Papiers nie in einer der o.g. heiligen Hallen stehen, sondern per Online-Klick umweglos direkt in den Briefkasten des Lesers befördert. Es sei denn, es gelingt ihm durch die Hintertür der Einzug in ein Antiquariat, mit Eselsecken und hoffentlich aus-, aber nicht leer gelesen.
Jede der vorliegenden Geschichten war im Schnitt ein Jahr lang kostenlos auf Internet zu lesen. Die Kommentare der Leser/innen – mal waren es nur wenige, mal waren es mehr – haben mir beim nachträglichen Lektorieren, das zur Druckausgabe führte, sehr geholfen. Nicht allein, um Tippfehler auszumerzen, sondern auch, um gefällige Formulierungen zu streichen bzw. zu ersetzen, und um zur besseren Verständlichkeit der Geschichten beizutragen, die mir allesamt am Herzen liegen.
Dank an alle, die sich in der Vergangenheit die Zeit genommen haben, in diesen Geschichten zu blättern. Ihnen allen sei dieser Sammelband gewidmet.
Lothar Gunter Wiegratz
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Autors zulässig. Das gilt für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Handlungen und Personen der vorliegenden Geschichten sind frei erfunden. So zumindest der obligatorische Standardsatz. Nur bei der „Windstille“ ist sich der Autor nicht ganz sicher, auch bei dem „Unbekannten Soldaten“ meint er, dass die Wirklichkeit die Hand im Spiel hat. So weit hergeholt scheinen ihm das alles jedenfalls nicht So manches im Leben liegt näher, als wir es uns eingestehen möchten. Doch das bleibt dem Leser vorbehalten.
Nun ist es also soweit. Ich gebe auf, mich mitteilen zu wollen. Mit dem Finger, dem Augenschlag, der gerunzelten Stirn. Nichts gehorcht mir mehr, und um mich herum sitzen die, die mir angehören, auf den wenigen Stühlen. Auf dem Bettrand, der Fensterbank. Meine Augen sind geschlossen, doch ich spüre und höre sie. Überdeutlich. Ihr Schweigen ist betreten. Jemand knackt mit den Gelenken als bräche ein Ast. Der raschelnde Kittel der Schwester beschäftigt sich nicht mehr mit mir. Nicht mit den Schläuchen an meinen Armen, der Maske auf meinem Mund, dem Kissen hinter meinem beschädigten Kopf. Sondern reicht den sitzenden Angehörigen Wasserbecher aus Plastik. Die, halb geleert, zwischen den Fingern krachen. Auch daran merke ich, dass es soweit ist. Die Übrigbleibenden gewinnen ihre Bedeutung zurück. Jemand schnäuzt sich. Sie warten. Ich warte. Ein Taschentuch rutscht aus fahrigen Händen und fällt auf den Boden. Als es mit seinen Fasern unsäglich langsam die kalten Kacheln berührt, dröhnt es in meinen Ohren.
Der Mann vor mir am blütenweißen Tisch hat seinen grauen Filzhut in den Nacken geschoben. Er streift mit dem dicht behaarten Handrücken eine bordeauxrote Serviette glatt und blickt zu mir auf. Er lächelt. Sein pechschwarzes Hemd ist kurzärmelig. Die oberen Knöpfe sind gelöst. Ich sehe auf dem bis zum Kehlkopf hinaufragenden Brusthaarteppich eine dicke, goldene Kette hängen. So sieht ein Mafiosi aus, denke ich, und glaube an ein Déjà-vu. Wo hatte ich diesen Mann schon einmal gesehen? Ich blicke an mir herunter, sehe mich aber nicht. Meine Hände, Arme liegen nicht auf dem Tisch. Mir ist heiß.
„Cool bleiben“, sagt der Mann, da er offenbar meine Beunruhigung spürt. Er legt die gefaltete Serviette neben sich und ergreift die, die ich vor mir liegen sehe. Entfaltet sie, streicht sie glatt mit den gleichen, routinierten Bewegungen.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragt er, nun ohne aufzusehen.
„Wo sind wir?“ Ich blicke mich in dem Café um. Ein Tresen, Flaschen aufgereiht in gläsernen Regalen, ein Ventilator, der an der Stuckdecke hängt. Und sich gelangweilt dreht. Auf den Hockern vor dem Tresen sitzen zwei Männer, zwischen ihnen eine Frau. Sie haben uns den Rücken zugedreht.
„Erinnern Sie sich nicht?“, fragt der Mann mit dem Filzhut im Nacken und legt die Serviette gefaltet vor mich. Déjà-vu, wie gesagt.
„Nein, nicht richtig.“ Ich möchte mein Hemd aufknöpfen, ich spüre den Schweiß auf meiner Stirn.
„Immer das gleiche“, sagt er Mann vor mir und seufzt enttäuscht. Er winkt die junge Bedienung zu sich heran, die artig, ein Häubchen auf dem Kopf, die Hände auf ihr knappes Rüschenschürzchen gefaltet, in weißen Kniestrümpfen und flachen Lackschuhen neben dem Tresen auf Bestellungen gewartet hat. Nun steht sie neben ihm, verliert keinen Augenblick mit mir. „Bring mir noch welche“, bittet er sie in väterlichem Ton. Sie macht einen Knicks und verschwindet hinter der Tür, an der ich das Schild „Küche“ lese. Augenblicke später kommt sie zu unserem Tisch zurück, einen Stapel bordeauxroter Servietten auf den Unterarmen. Bevor sie sie neben ihn legt, beugt sie sich zu ihm hinunter und tuschelt ihm etwas ins Ohr.
„Sagte ich doch, immer das gleiche“, wiederholt er und nickt mit dem Kopf zu den drei am Tresen sitzenden Personen. Ich sehe, wie der Mann rechts neben der Frau über deren Kopf hinweg erregt auf den anderen Mann einredet. „Streit“, stellt der Filzhut resigniert fest, „wie gehabt.“
Auch das kommt mir bekannt vor, und plötzlich ahne ich, was folgen wird.
„Also, eine neue Runde.“ Der Filzhut nimmt eine Serviette vom Stapel und entfaltet sie. „Alles noch mal von vorne. Wie gehabt. Das sechste Mal.“
„Können wir es dieses Mal nicht anders machen?“, schlage ich bittend vor.
Er hält in seiner Geste inne, die Serviette zerknüllt in der Hand. „Wir?“, fragt er fast zornig. „Was kann ich dafür, dass Sie schon wieder vor mir sitzen, genau wie damals. Es ist Ihr Leben, nicht meines. An Ihnen, es so zu ändern, dass wir uns nicht wiedersehen. Jedenfalls nicht so. Also, eine neue Runde?“
„Alles noch einmal? Von vorne bis zu diesem Ende hier?“
„Alles noch einmal. Ob Sie hier landen, hängt allein von Ihnen ab.“
„Nein!“
„Was nein? Es hängt nicht von ihnen ab?“
„Doch doch, ich meine, ein wenig hab ich auf Ihre Hilfe gehofft.“
„Mensch, seid Ihr denn alle meschugge? Ich bin nichts, ich kann nichts. Ich bin eine Einbildung. Ich komme ja kaum mit meinen Servietten zurecht.“
„Sie haben mich fünfmal zurückgeschickt.“
„Ich? Sie waren es, der zurück wollte!“
„Sie hatten mich gefragt, ob ich will.“
„Ich hatte Sie daran erinnert, dass Sie es wollen müssen, mehr nicht.“
„Nicht alles noch einmal.“
„War es denn so schlecht?“
„Nein, nein, vieles war schön. Wunderschön sogar. Manches weniger. Aber alles noch mal? Das ganze Leben bis ins kleinste Detail? Nein!“
„Sie wollen nicht mehr?“
„Ich will nicht mehr.“
Der Filzhut schüttelt den Kopf. „Das soll einer verstehen. Andere würden sich freuen, wenn sie solch eine Chance bekämen.“
„Dann sollen sie andere wahrnehmen, nicht ich.“
„Sie haben fünf Mal ja gesagt.“
„Heute sage ich nein.“
Die junge Bedienung kommt an unseren Tisch zurück, würdigt mich erneut keines Blicks. „Jetzt mach doch was“, fleht sie den Filzhut an und wringt ihre Hände. „Du bist der einzige, der…“
„Quatsch“, unterbricht er sie barsch und streicht an der Serviette herum. „Du siehst doch, ich habe zu tun.“
Die Frau am Tresen hat dem Mann links neben ihr den Arm um die Hüfte gelegt und zieht ihn zärtlich an sich heran.
Der andere Mann steht wütend auf und knallt mit der flachen Hand einen Geldschein auf den Tresen.
„Jetzt mach doch endlich was!“, schreit die Bedienung verzweifelt den Filzhut an. Dieser bügelt lässig mit dem Handrücken die Serviette glatt und schweigt.
Der Mann, der rechts neben der Frau gesessen hatte, reißt wutschnaubend eine Jacke vom Mantelständer und stürmt zur Tür hinaus. Auf der Mitte der Fahrbahn angekommen, läuft ihm die junge Bedienung, jetzt weinend, nach. Der Wind zerrt trotzig an ihrem kleinen Häubchen, will es ihr vom Kopf wehen, und plötzlich ruft sie meinen Namen. Erstaunt bleibt der Mann stehen und dreht sich zu ihr um. Er sieht, wie das Häubchen ihm entgegen trudelt.
„Nun?“, fragt der Filzhut mich und blickt, wie beiläufig, auf den Mann auf der Fahrbahn. „Endgültig?“
„Ja“, antworte ich entschlossen. „Endgültig.“
Ein eiliger Wagen biegt mit quietschenden Reifen in die Straße ein, als der Mann sich, unsäglich langsam, zu dem Häubchen bückt, nach ihm greift und es verfehlt.
Jemand, hinter dem Steuer Mund und Augen weit aufgerissen, lässt mir keine weitere Wahl.
