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Sie wusste schnell, sie war schön. Sie lernte es von den Blicken, die sie trafen, den Worten, die zu ihr sprachen, von der Aufmerksamkeit, die ihrer Schönheit galt. Es bedurfte nicht viel, diesen Vorteil auszubauen. Ein Lidstrich, die Lippen nachgezogen, das Weiß ihres Lächelns grenzte an Reklame. (Auszug aus "Vergängliches Herz")
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Druckausgabe verfügbar als unter der
ISBN 9781 484831199
Alle Rechte Vorbehalten
Copyright bei
Lothar Gunter Wiegratz
13100 Aix-en-Provence
Frankreich
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„Zu vieles missriet ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte! Dass er aber Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür, dass sie ihm schlecht gerieten, das war eine Sünde wider den guten Geschmack.“ (Friedrich Nietzsche, Zarathrustra IV)
Es war zu einer Zeit, als Himmel und Erde sich sehr nahe standen. Die Tage waren kurz, das Licht wurde knapp. Eine allgemeine Bedrängnis fragte nach Wärme. Ein einziges Herz wog bereits unermesslich viel.
Sie wusste schnell, sie war schön. Sie lernte es von den Blicken, die sie trafen, den Worten, die zu ihr sprachen, von der Aufmerksamkeit, die ihrer Schönheit galt. Es bedurfte nicht viel, diesen Vorteil auszubauen. Ein Lidstrich, die Lippen nachgezogen, das Weiß ihres Lächelns grenzte an Reklame.
Derart fürs Leben gewappnet, vernachlässigte sie viel und gab vieles früh auf. Die Schule, die Freundin, den Freund, den Beruf. Nichts und niemand hatte Zeit, in ihr Wurzeln zu schlagen. Nichts und niemand machte sie bodenständig. Zu Anfang bewegte sie sich mit Anmut. Dann mit Leichtigkeit. Dann nahm sie alles und jeden auf die leichte Schulter. Die Herzen flogen ihr zu. Sie fing sie auf und nahm sie als Bestätigung dessen, was sie im Spiegel sah.
Wurzellos war sie überall und nirgendwo daheim. Wenn Wind war, hielt sie sich an einem Herzen fest. Eine Weile. Wurde Sturm angesagt, flüchtete sie sich in das erstbeste Haus. Freundschaft hatte wenig Gewicht. Sie schloss sie mit vielen. Sie zeigte sich zugänglich, in jeder Art. Sie war schlicht einfach. Und doch bekam sie niemand zu fassen.
Es war eine düstere Zeit gewesen, in der sie ein Licht war. Ihre Tage wurden weniger, niemand und nichts standen ihr nahe. Ein einsames Bangen fragte nach Wärme. Kein einziges Herz mehr zeigte sich ihr. Der Spiegel wurde taub. Es war spät. Kaum merkbar der Wind, der sie fort hauchte. Nichts, woran sie sich hätte klammern können.
„Tss, tss, tss, Frauen“, tuschelt mein Frisör. „Die sind der festen Überzeugung, dass nichts unmöglich ist. Schauen Sie mal hinter sich, im Spiegel. Sieht aus wie sechzig, will auf vierzig machen und sagt, sie fühle sich wie dreißig. Tss, tss, tss.“ „Sagen Sie mal, Karim, warum sieht man im Spiegel eines Frisörs immer so bescheuert aus?“
Karim mit tiefschwarzem Bürstenschnitt kämmt in mir herum, den kleinen Finger der Hand gespreizt, die den Kamm hält.
„Hier“, helfe ich ihm und deute mit dem Zeigefinger auf die Geheimratsecke rechts an meiner Stirn, „hier ist der Scheitel.“
Er antwortet nicht, vergleicht mein Spiegelbild mit meinem Kopf. „Sie sollten den Scheitel auf der anderen Seite tragen“, schlägt er vor, als erkläre dies den bescheuerten Eindruck. Schon schiebt er die Haarmasse auf die andere Seite, zieht mit dem Kamm einen Strich und hält erwartungsvoll inne. Mein Bild sieht immer noch bescheuert aus.
„Und?“, fragt er, „ist es so nicht besser? Die Lücke ist verschwunden.“
Karim hatte sich mir vorstellt, als die Reihe an mir war. Er hatte einer älteren Frau die Haube aufgestülpt, an einer Eieruhr die Zeit eingestellt und sich an der Hose die Hände abgerieben, bevor auf mich zutrat. Ich hatte die zerfledderte Illustrierte mit dem Artikel „Besser Essen für ein besseres Leben“ auf den Glastisch zurückgelegt und mich erhoben.
„Mein Name ist Karim. Ich werde mich um Sie kümmern.“
