Ein Mord erster Klasse - John le Carré - E-Book

Ein Mord erster Klasse E-Book

John Le Carré

0,0
7,49 €

oder
Beschreibung

Alle Romane von John le Carré jetzt als E-Book! - Der zweite Roman, den John le Carré veröffentlichte, ist ein klassischer Krimi und ein präzises Gesellschaftsporträt zugleich. Sein Held George Smiley, aus dem Geheimdienst ausgeschieden und zur Zeit Zivilist, wird von einer alten Bekannten um Hilfe gebeten. Smiley soll die junge Ehefrau eines Professors in einem Eliteinternat schützen, die um ihr Leben fürchtet. Doch ehe er tätig werden kann, ist die Frau bereits tot. Verdächtig ist zunächst ihr Ehemann, aber George Smiley stößt bald auf ganz andere Spuren. Es scheint, dass die Tote von vielen gehasst wurde ... - »wunderbar intelligent, satirisch und geistreich« Observer

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Das Buch

So vornehm die Sitten im Eliteinternat Carne auch scheinen: Hinter den Fassaden dieser klassenbewußten Gesellschaft tun sich Abgründe auf. Und Stella, die Frau eines jungen Professors, ist allen ein Dorn im Auge. Als sie von ihrem Mann tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht zunächst auf ihn – einen Ehrgeizling aus einfachen Verhältnissen, dem man seinen Platz in der strengen Hierarchie von Carne mißgönnt. George Smiley nimmt sich des Falls auf eigene Faust an, ohne zu ahnen, mit welch schwer zu durchschauenden Charakteren und rüden Spielregeln er es in Carne zu tun bekommt. Faszinierende Milieuschilderungen und subtile Psychogramme machen diesen Krimi zu einem literarischen Thriller erster Klasse.

Der Autor

John le Carré, am 19.Oktober 1931 in Poole, Dorset, geboren, war nach seinem Studium in Bern und Oxford in den sechziger Jahren in diplomatischen Diensten u.a. in Bonn und Hamburg tätig. Sein Roman Der Spion, der aus der Kälte kam machte ihn 1963 weltbekannt. Zahlreiche seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Der Autor lebt mit seiner Frau in Cornwall.

Von John le Carré sind in unserem Hause bereits erschienen:

Absolute Freunde · Agent in eigener Sache · Dame, König, As, Spion · Das Rußlandhaus · Der ewige Gärtner · Der heimliche Gefährte · Der Nachtmanager · Der Spion, der aus der Kälte kam · Der Schneider von Panama · Der wachsame Träumer · Die Libelle · Ein blendender Spion · Ein guter Soldat · Ein Mord erster Klasse · Eine Art Held · Eine kleine Stadt in Deutschland · Empfindliche Wahrheit · Geheime Melodie · Krieg im Spiegel · Marionetten · Schatten von gestern · Single & Single · Unser Spiel · Verräter wie wir

John le Carré

Ein Mord erster Klasse

Roman

Aus dem Englischen von Hans Bütow

List Taschenbuch

Besuchen Sie uns im Internet:

www.ullstein-buchverlage.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

ISBN 978-3-8437-0844-9

1. Auflage Dezember 2004

© 2004 für die deutsche Ausgabe by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

© 1962 by Le Carré Productions

Titel der englischen Originalausgabe: A Murder of Quality

(Victor Gollancz Ltd., London)

Übersetzung: Hans Bütow Mit freundlicher Genehmigung Paul Zsolnay Verlag, Wien

Umschlaggestaltung: Sabine Wimmer, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

E-Book: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Für Ann

Es gibt wahrscheinlich ein Dutzend großer Schulen, von denen man mit Überzeugung versichern wird, daß nur sie für Carne als Vorbild gedient hatten. Aber wer in ihnen nach den D’Arcys, Fieldings und Hechts Ausschau hält, wird vergeblich suchen.

JOHN LE CARRÉ

1 Schwarze Kerzen

Die Bedeutung von Carne School führt man allgemein auf Eduard VI. zurück, und dessen pädagogischer Eifer wird von der Geschichtsschreibung eigentlich dem Herzog von Somerset zugeschrieben. Aber Carne zieht das Ansehen des Monarchen der fragwürdigen Politik seines Beraters vor und gewinnt Kraft aus der Überzeugung, daß große Schulen, wie Tudor-Könige, im Himmel geweiht wurden.

Seine Größe ist tatsächlich fast so etwas wie ein Wunder. Von obskuren Mönchen gegründet, von einem kränklichen Kinder-König dotiert, von einem viktorianischen Tyrannen der Vergessenheit entrissen, hatte Carne seinen Kragen zurechtgerückt, seine bäuerlichen Hände und Gesichtszüge geschrubbt, und sich den Höfen des zwanzigsten Jahrhunderts im vollen Glanz präsentiert. Und im Handumdrehen wurde der Bauerntölpel aus Dorset der Liebling Londons: Dick Whittington war arriviert. Carne besaß Urkunden in lateinischer Sprache, Siegel in Wachs und Pfründe hinter der Abtei. Carne hatte Landbesitz, Kreuzgänge und den Holzwurm, einen Auspeitschblock und eine Zeile im Domesday Book*[*Auch ›Liber iudicarius Angliae‹ (Buch des Jüngsten Gerichts), das erste englische Grund-, Kataster- und Steuerbuch, durch königliche Kommissare abgefaßt (1083 bis 1086).] – was brauchte es also mehr, die Söhne der Reichen zu unterrichten?

Und sie kamen; jedes Semester kamen sie (denn Trimester sind nicht nobel), so daß die Züge einen ganzen Nachmittag lang traurige Gruppen von schwarzröckigen Jungen auf den Stationsbahnsteig entluden. Sie kamen in großen Autos, die von düsterer Sauberkeit glänzten. Sie kamen, um den armen König Eduard zu begraben, Handkarren durch die kopfsteingepflasterten Straßen zerrend, oder mit Proviantschachteln wie kleinen Särgen. Einige trugen Talare und sahen darin beim Gehen wie Krähen aus oder wie schwarze Engel, die zum Begräbnis gekommen sind. Manche folgten einzeln wie Statisten bei einer Beerdigung nach, und man konnte das Klippklapp ihrer Stiefel beim Gehen hören. In Carne waren sie immer in Trauer; die kleinen Jungen, weil sie bleiben, und die großen, weil sie abgehen mußten, die Lehrer, weil Trauer respektabel war, und die Ehefrauen, weil Respektabilität unterbezahlt war; und jetzt, da das Fastensemester (wie das Ostertrimester genannt wurde) zu Ende ging, hatte sich wie eh und je die Wolke der Düsternis entschlossen über die grauen Türme von Carne gesenkt.

Düsternis und die Kälte. Die Kälte war beißend und scharf wie Feuerstein. Sie schnitt in die Gesichter der Jungen, als sie sich nach dem Schulmatch langsam von den verlassenen Sportplätzen entfernten. Sie durchdrang ihre schwarzen Überzieher und verwandelte ihre steifen, spitzen Kragen zu eisigen Halsreifen. Verfroren trotteten sie vom Platz zu der langen, ummauerten Straße, die zum größten Süßwarenladen der Stadt führte; die Reihe verringerte sich allmählich zu Gruppen, die Gruppen zu Paaren.

Zwei Jungen, die noch verfrorener aussahen als die übrigen, überquerten die Straße und gingen einen schmalen Pfad entlang, der zu einem entfernten, aber weniger überlaufenen Süßwarenladen führte.

»Ich sterbe, wenn ich noch einmal bei einem von diesen biestigen Rugbyspielen Zusehen muß. Der Krach ist ja phantastisch!« sagte der eine. Er war groß, blond, und hieß Caley.

»Die schreien nur deswegen, weil die Pauker vom Pavillon aus Zusehen«, erwiderte der andere, »deswegen muß jedes Internat Zusammenhalten. Damit die Hauspauker damit angeben können, wie laut ihre Internate schreien.«

»Was sagst du zu Rode?« fragte Caley. »Warum steht er bei uns und animiert uns zum Schreien? Er ist doch kein Hauspauker, nur ’n verdammter Hilfslehrer.«

»Der schmeißt sich doch die ganze Zeit an die Hauspauker ran. Du kannst ihn auf dem Hof sehen, wie er zwischen den Unterrichtsstunden um die hohen Tiere herumscharwenzelt. Alle jüngeren Lehrer tun das.« Caleys Gefährte war ein zynischer Rotschopf namens Perkins, Präfekt von Fieldings Haus.

»Ich bin bei Rode zum Tee gewesen«, sagte Caley.

»Rode ist die Hölle. Trägt braune Schuhe. Wie war denn der Tee?«

»Trüb. Komisch, wie Tee sie bloßstellt. Mrs.Rode ist aber ganz passabel – hausbacken, auf plebejische Art: Spitzendeckchen und Porzellanvögel. Ihr Essen ist gut; Frauenverein, aber gut.«

»Rode leitet nächstes Semester das Offiziersausbildungscorps. Das wird der Sache die Krone aufsetzen. Er ist so eifrig, springt ständig herum. Man merkt, daß er kein Gentleman ist. Du weißt doch, welche Schule er besucht hat?«

»Nein.«

»Branxome, öffentliche Schule. Fielding erzählte es meiner Mama, als sie im letzten Semester von Singapur rüberkam.

»Mein Gott! Wo liegt denn Branxome?«

»An der Küste. Bei Bournemouth. Ich bin noch bei niemandem zum Tee gewesen, außer bei Fielding.« Perkins fügte nach einer kleinen Pause hinzu: »Man kriegt geröstete Kastanien und kleine Teekuchen. Man darf ihm nicht danken, weißt du. Er sagt, Gefühlsduselei ist nur für die unteren Klassen. Typisch für Fielding. Er benimmt sich gar nicht wie ein Pauker. Ich glaube, Jungen langweilen ihn. Das ganze Haus geht einmal im Semester zu ihm zum Tee, er lädt uns abwechselnd ein, jedesmal vier; mit den meisten Leuten spricht er nur bei diesem Anlaß.«

Schweigend gingen sie eine Weile weiter, bis Perkins sagte: »Fielding gibt heute abend wieder ’ne Dinnerparty.«

»Er gibt sehr an neuerdings«, sagte Caley mißbilligend. »Ich nehme an, der Fraß in seinem Haus ist schlimmer denn je?«

»Es ist sein letztes Semester, bevor er pensioniert wird. Gegen Ende des Semesters lädt er jeden Pauker und alle Frauen einzeln ein. Schwarze Kerzen jeden Abend. Aus Trauer. Die Hölle ist verschwenderisch.«

»Ja, ich nehme an, es ist eine Art Geste.«

»Mein alter Herr sagte, er ist nicht normal.«

Sie überquerten die Straße und verschwanden im Süßwarenladen, wo sie fortfuhren, die gewichtigen Angelegenheiten von Mr.Terence Fielding zu erörtern, bis Perkins widerstrebend ihr Zusammensein beendete. Da er in Mathe eine Niete war, war er unglücklicherweise genötigt, hier Nachhilfeunterricht zu nehmen.

Die Dinnerparty, auf die Perkins an diesem Nachmittag angespielt hatte, näherte sich ihrem Ende. Mr.Terence Fielding, rangältester Internatsleiter von Carne, gönnte sich noch etwas Portwein und schob die Kristallflasche verdrießlich nach links. Es war sein Portwein, der beste, den er hatte. Es gab von diesem besten noch genug, um das Semester durchzuhalten – und was dann geschah, war ihm völlig egal. Er fühlte sich etwas müde, nachdem er beim Spiel zugesehen hatte, ein wenig betrunken und etwas gelangweilt von Shane Hecht und ihrem Mann. Shane war so häßlich. Massiv und besitzergreifend, wie eine verblühte Walküre. All das schwarze Haar. Er hätte jemand anderen einladen sollen. Die Snows zum Beispiel, aber er war zu klug. Oder Felix D’Arcy, aber D’Arcy fiel einem ins Wort. Na gut, etwas später würde er Charles Hecht ärgern; Hecht würde beleidigt sein und früh aufbrechen.

Hecht rückte nervös herum, wollte seine Pfeife anzünden, aber Fielding würde das unter keinen Umständen dulden. Hecht konnte eine Zigarre haben, wenn er rauchen wollte. Aber seine Pfeife hatte in seiner Smokingtasche zu bleiben, wohin sie gehörte oder nicht gehörte, und sein athletisches Profil konnte ohne diese Verzierung bleiben.

»Zigarre, Hecht?«

»Nein, danke, Fielding. Hättest du etwas dagegen, wenn ich …«

»Ich kann die Zigarre empfehlen. Der junge Havelake schickte sie aus Havanna. Sein Vater ist dort Botschafter.«

»Ja, mein Lieber«, sagte Shane nachsichtig. »Vivian Havelake war in Charles’ Abteilung, als Charles die Kadetten kommandierte.«

»Guter Junge, Havelake«, bemerkte Hecht und preßte die Lippen zusammen, um zu zeigen, daß er ein strenger Richter war.

»Es ist doch amüsant, wie sich die Dinge geändert haben.« Shane Hecht sagte dies rasch, mit einem etwas hölzernen Lächeln, als sei es nicht wirklich amüsant. »Solch eine trübe Welt, in der wir jetzt leben. Ich erinnere mich an die Zeit vor dem Krieg, als Charles das Corps auf einem Schimmel inspizierte. So etwas tut man heute nicht mehr, oder? Ich habe nichts gegen Mr.Iredale als Kommandanten, gar nichts. In welchem Regiment war er doch bloß, Terence, weißt du’s? Ich bin sicher, er macht es sehr gut, was immer sie jetzt im Ausbildungscorps tun – er kommt mit den Jungen so gut zurecht, nicht? Seine Frau ist eine so nette Person … Ich frage mich nur, wieso sie nie ihr Personal halten können. Ich höre, Mr.Rode wird im nächsten Semester beim Corps aushelfen.«

»Armer kleiner Rode«, sagte Fielding langsam; »rennt herum wie ein junger Hund und versucht, seine Brötchen zu verdienen. Er strengt sich so an; habt ihr ihn bei Schulwettkämpfen brüllen hören? Er hatte noch nie ein Rugby spiel gesehen, bevor er hierherkam. In den öffentlichen Schulen spielen sie ja kein Rugby – immer nur Fußball. Erinnerst du dich, als er hier ankam, Charles? Es war faszinierend. Zuerst war er sehr bescheiden und nahm alles in sich auf: die Spiele, die Ausdrucksweise, die Manieren. Dann war es eines Tages, als hätte er reden gelernt, und er redete unsere Sprache. Es war erstaunlich, wie eine Schönheitsoperation. Es war natürlich Felix D’Arcys Werk – ich habe nie etwas Ähnliches gesehen.«

»Die liebe Mrs.Rode«, sagte Shane Hecht mit jener abstrakten Unbestimmtheit, die sie für ihre giftigsten Aussprüche reservierte: »So süß … und solch simpler Geschmack, findest du nicht? Ich meine, wem sonst wäre es auch nur im Traum eingefallen, diese Porzellan-Enten an die Wand zu stellen? Die größeren vorne und die kleineren dahinter. Reizend, findet ihr nicht? Wie in einem dieser Teeläden. Wo sie die nur gekauft hat? Ich muß sie einmal fragen. Ich habe gehört, ihr Vater lebt bei Bournemouth. Es muß sehr einsam für ihn sein, meint ihr nicht? So ein vulgärer Ort; niemand, mit dem man sprechen kann.«

Fielding lehnte sich zurück und überblickte seine eigene Tafel. Das Silber war gut. Das beste in Carne, hatte er sagen hören, und er war geneigt, dem zuzustimmen. In diesem Semester verwendete er nur schwarze Kerzen. An derartige Einzelheiten erinnerten sich die Leute, wenn man abgegangen war: »Der gute alte Terence – wunderbarer Gastgeber. Er lud jedes Mitglied des Lehrkörpers während seines letzten Semesters ein, wissen Sie, auch die Ehefrauen. Schwarze Kerzen, eigentlich rührend. Es brach ihm das Herz, daß er sein Haus aufgeben mußte.« Aber er mußte Charles Hecht ärgern. Shane würde das begrüßen. Sie würde ihn dabei anfeuern, weil sie Charles haßte, weil sie in ihrem großen, häßlichen Körper so listig war wie eine Schlange.

Fielding sah Hecht an, und dann Hechts Frau, und sie lächelte zurück, das langsame, verkommene Lächeln einer Hure. Einen Augenblick stellte sich Fielding vor, wie Hecht in dem dicken Körper wühlte: Es war eine Szene, die an Lautrec gemahnte … ja, das war’s! Charles, aufgeblasen und zylinderbehütet, steif auf der Plüschbettdecke sitzend; sie massiv, hängebrüstig und gelangweilt. Das Bild gefiel ihm: Pervers, den Dummkopf Hecht aus der spartanischen Sauberkeit Carnes in die Pariser Bordelle des neunzehnten Jahrhunderts zu versetzen …

Fielding begann zu sprechen, oder vielmehr mit jenem Anschein freundlicher Objektivität, den Hecht, wie er wußte, verabscheute, zu dozieren.

»Wenn ich auf meine dreißig Jahre in Carne zurückblicke, so wird mir bewußt, daß ich noch weniger erreicht habe als ein Straßenkehrer.« Sie beobachteten ihn jetzt. »Ich pflegte einen Straßenkehrer als eine im Vergleich zu mir inferiore Person zu betrachten. Nun bezweifle ich das. Etwas ist schmutzig, er macht es sauber, und der Zustand der Welt ist verbessert. Aber ich – was habe ich getan? Ich habe die Stellung einer herrschenden Klasse verteidigt, die sich weder durch Begabung noch Kultur oder Geist auszeichnet; habe für eine weitere Generation die Konventionen eines toten Zeitalters lebendig erhalten.«

Hecht, der die Kunst, Fielding nicht zuzuhören, nie bis zur Vollendung gebracht hatte, wurde rot und wetzte am anderen Tischende nervös herum.

»Lehren wir sie denn nicht, Fielding? Wie steht’s denn mit unseren Erfolgen, unseren Stipendien?«

»Ich habe nie in meinem Leben einen Jungen etwas gelehrt, Charles. Gewöhnlich war der Junge nicht klug genug; manchmal war ich’s nicht. Siehst du, bei den meisten Jungen erlischt die Aufnahmefähigkeit in der Pubertät. Bei einigen hält sie an; aber wo wir sie finden, geben wir in Carne uns alle Mühe, sie abzuwürgen. Wenn sie unsere Anstrengungen überlebt, gewinnt der Junge ein Stipendium … Habe Nachsicht mit mir, Shane; es ist mein letztes Semester.«

»Letztes Semester oder nicht, du übertreibst, Fielding«, sagte Hecht zornig.

»Das ist in Carne Tradition. Diese Erfolge, wie du sie nennst, sind die Fehlschläge, sind die seltenen Jungen, die die Lehren von Carne nicht aufgenommen haben. Sie haben den Kult der Mittelmäßigkeit ignoriert. Wir können nichts für sie tun. Aber für die übrigen – die verwirrten kleinen Kleriker und die blinden kleinen Soldaten –, für die ist die Wahrheit von Carne an die Wand geschrieben, und sie hassen uns.«

Hecht lachte etwas schwerfällig.

»Warum kommen dann so viele zurück, wenn sie uns so sehr hassen? Warum erinnern sie sich an uns und kommen uns besuchen?«

»Weil wir, mein lieber Charles, die Schrift an der Wand sind! Die einzige Lehre von Carne, die sie nie vergessen. Sie kommen zurück, um uns zu lesen, siehst du das nicht? Von uns haben sie das Geheimnis des Lebens erlernt: daß wir alt werden, ohne weise zu werden. Sie haben erkannt, daß sich nichts ereignete, als wir erwachsen wurden: kein blendendes Licht auf der Straße nach Damaskus, kein plötzliches Gefühl der Reife!« Fielding legte den Kopf zurück und blickte zum derben viktorianischen Fries an der Decke hinauf, und zum Schmutzring um die Lampenrosette. »Wir sind nur ein bißchen älter geworden. Wir haben dieselben Witze gemacht, dieselben Gedanken gedacht, dieselben Dinge gewollt. Jahraus, jahrein, Hecht, waren wir dieselben, nicht weiser, nicht besser; wir haben in den letzten fünfzig Jahren unseres Lebens alle zusammen nicht einen selbständigen Gedanken gehabt. Sie fanden heraus, was für ein Schwindel das alles war, Carne und wir: unsere akademische Kleidung, unsere Klassenzimmerscherze, unsere schlauen kleinen Angebote, sie zu beraten. Und deswegen kommen sie Jahr für Jahr zurück aus ihrem komplizierten, sterilen Leben, um dich und mich, Hecht, fasziniert zu betrachten; wie Kinder, die an einem Grab nach dem Geheimnis von Leben und Tod suchen. O ja, das haben sie von uns gelernt.«

Hecht sah Fielding einen Augenblick lang schweigend an.

»Die Flasche, Hecht?« sagte Fielding leichthin, versöhnlich, aber Hechts Augen waren noch auf ihn gerichtet.

»Wenn das ein Scherz sein soll …« begann er, und seine Frau bemerkte befriedigt, daß er zornig war.

»Ich wünschte, ich wüßte es, Charles«, antwortete Fielding mit scheinbarem Ernst. »Ich wünschte wirklich, ich wüßte es. Ich dachte früher, daß es klug sei, Tragödie mit Komödie zu vermengen. Nun wünschte ich, ich könnte sie unterscheiden.« Er fand das eigentlich ganz gut.

Sie tranken den Kaffee im Wohnzimmer, wo Fielding beim Klatsch Zuflucht suchte, aber Hecht ließ sich nicht ablenken. Fielding wünschte fast, er hätte ihn seine Pfeife anzünden lassen. Dann erinnerte er sich seiner Vision von den Hechts in Paris, und das stellte seine frohe Laune wieder her. Er war an diesem Abend wirklich gut gewesen. Es gab Augenblicke, in denen er sich selbst überzeugte.

Während Shane ihren Mantel holte, standen die beiden Männer zusammen in der Halle, aber keiner sprach. Shane kam zurück, eine Hermelinstola, gelb vor Alter, über ihre breiten weißen Schultern drapiert. Sie neigte ihren Kopf nach rechts, lächelte und reichte Fielding die Hand zum Kuß.

»Terence, Darling«, sagte sie, als Fielding ihre dicken Finger küßte, »so liebenswürdig. Und in deinem letzten Semester. Du mußt mit uns essen, ehe du gehst. So traurig. So wenige von uns übrig.« Sie lächelte wieder, mit halb geschlossenen Augen, um eine Gefühlsverwirrung anzudeuten, und folgte dann ihrem Mann auf die Straße. Es war noch immer bitter kalt, Schnee lag in der Luft.

Fielding schloß und verriegelte sorgfältig die Tür hinter ihnen – vielleicht einen Bruchteil früher, als es die Höflichkeit erforderte – und kehrte ins Eßzimmer zurück. Hechts Portweinglas war noch etwa halbvoll. Fielding nahm es und goß den Inhalt sorgsam in die Kristallflasche zurück. Er hoffte, daß Hecht nicht zu aufgebracht war, denn er schätzte es nicht, bei den Leuten unbeliebt zu sein. Er löschte die schwarzen Kerzen, indem er die Dochte zwischen Zeigefinger und Daumen drückte. Dann drehte er das Licht an, nahm ein billiges Notizbuch von der Anrichte und öffnete es. Es enthielt eine Liste seiner Dinnergäste für den Rest des Semesters. Mit seiner Füllfeder machte er ein ordentliches Häkchen an dem Namen Hecht. Die waren erledigt. Am Mittwoch würde er die Rodes bei sich haben. Der Mann hatte einigen Wert, aber sie war natürlich gräßlich … Das war bei Ehepaaren nicht immer so. In der Regel waren die Frauen viel sympathischer.

Er öffnete die Anrichte und nahm eine Flasche Brandy und einen Schwenker heraus. Beide in einer Hand haltend, mit der anderen beim Gehen an der Wand Halt suchend, schlurfte er mürrisch ins Wohnzimmer zurück. Gott! Er fühlte sich plötzlich alt; dieses dünne schmerzhafte Ziehen über der Brust, diese Schwere in den Beinen und Füßen. Solch eine Anstrengung, mit Menschen zusammenzusein – immer Theater zu spielen. Er haßte es, allein zu sein, aber die Menschen langweilten ihn. Alleinsein war wie Müdesein ohne die Fähigkeit, zu schlafen. Irgendein deutscher Dichter hatte das gesagt; er hatte es einmal zitiert: »Du darfst schlafen, aber ich muß tanzen.« Etwas dergleichen.

So bin ich, dachte Fielding. So ist auch Carne; ein alter Satyr, der zur Musik tanzt. Die Musik wurde schneller, und ihre Körper wurden älter, doch sie mußten weitertanzen – in den Kulissen warteten junge Leute. Einmal war es komisch gewesen, die alten Tänze in einer neuen Welt zu tanzen. Er schenkte sich noch etwas Brandy ein. Eigentlich ging er nicht ungern von hier fort, obwohl er irgendwo anders wieder unterrichten mußte.

Aber es hatte seine Reize, Carne … Der Hof der Abtei im Frühling … die Flamingo-Gestalten der Jungen, die auf das Ritual der Andacht warteten … die Ebbe und Flut der Kinder, wie die Jahreszeiten, und die alten Männer, die dazwischen starben. Er wünschte, malen zu können; er würde das Schauspiel von Carne in den falben Brauntönen des Herbstes malen … Was für ein Jammer, dachte Fielding, daß sein Geist, der für Schönheit so empfänglich war, kein schöpferisches Talent besaß.

Er sah auf die Uhr. Viertel vor zwölf. Fast an der Zeit, auszugehen … um zu tanzen, nicht, um zu schlafen.

2 Das Donnerstag-Gefühl

Es war Donnerstagabend, und die »Christliche Stimme‹ war gerade in Druck gegangen. In der Fleet Street war dies kaum ein historisches Ereignis. Der picklige Boten junge, der den zerzausten Stoß von Umbruchseiten mitnahm, zeigte sich nicht dienstwilliger, als unbedingt nötig war, um seine Weihnachtsgratifikation nicht zu gefährden. Und selbst in dieser Hinsicht hatte er gelernt, daß die weltlichen Journale von ›Unipress‹ mehr materielle Wohltat versprachen als die »Christliche Stimme‹; Wohltat stand nämlich genau im Verhältnis zum Absatz.

Miss Brimley, die Herausgeberin der Zeitschrift, rückte das Luftkissen unter sich zurecht und zündete sich eine Zigarette an. Ihre Sekretärin und Redakteurin – die Anstellung schloß beide Verantwortungen ein – gähnte, ließ ihr Aspirinfläschchen in die Handtasche fallen, kämmte ihr gelbliches Haar und sagte Miss Brimley gute Nacht, wie üblich einen Geruch stark parfümierten Puders und einen leeren Papiertücherkarton zurücklassend. Miss Brimley hörte zufrieden das scharfabgehackte Echo ihrer Schritte den Korridor hinunter verklingen. Es gefiel ihr, daß sie endlich, endlich allein war, und sie genoß die plötzliche Leere. Sie mußte sich immer wieder über sich selbst wundern, wie jeder Donnerstagmorgen, wenn sie das riesige ›Unipress‹-Gebäude betrat und etwas lächerlich, gleich einem farblosen Bündel auf einem Luxusdampfer, auf einer Rolltreppe nach der anderen stand, dasselbe leichte Unbehagen mit sich brachte. Jeder wußte, sie hatte die ›Stimme‹ vierzehn Jahre lang herausgebracht, und es gab Leute, die sagten, daß ihr Layout das beste sei, was ›Unipress‹ mache. Und doch verließ sie dieses Donnerstag-Gefühl nie, nie die wache Sorge, daß sie eines Tages, vielleicht schon heute, nicht fertig sein würde, wenn der Botenjunge kam. Sie überlegte oft, was dann wohl passieren würde. Sie hatte von Fehlschlägen anderswo in diesem riesigen Konzern gehört, von Sonderartikeln, die mißbilligt, und von Redakteuren, die getadelt worden waren. Ihr war es ein Rätsel, warum sie die ›Stimme‹ überhaupt beibehielten, mit dem teuren Büro im siebenten Stock und einer Auflage, die, soweit Miss Brimley wußte, kaum die Büroklammern bezahlte.

Die ›Stimme‹ war um die Jahrhundertwende von dem alten Lord Landsbury gleichzeitig mit einer nonkonformistischen Tageszeitung und der ›Temperenz-Gazette‹ gegründet worden. Aber die Tageszeitung und die ›Gazette‹ waren seitdem längst eingegangen, und Landsburys Sohn war vor nicht so langer Zeit eines Morgens aufgewacht, um zu erfahren, daß seine ganze Firma, jeder Mann und jede Frau darin, jedes Möbelstück, die gesamte Tinte und jede Büroklammer von ›Unipress‹ aufgekauft worden war.

Das war vor drei Jahren gewesen, und jeden Tag hatte sie auf ihre Entlassung gewartet. Aber die kam nie – keine Anweisung, keine Frage, kein Wort. Und da sie eine vernünftige Frau war, machte sie genauso weiter wie zuvor und hörte auf, sich zu wundern.

Und sie war glücklich. Es war leicht, über die ›Stimme‹ die Nase zu rümpfen. Jede Woche bot sie, demütig und ohne Fanfaren, Beweise für das Eingreifen des Herrn in das Weltgeschehen, erzählte sie in einfachen und ziemlich unwissenschaftlichen Wendungen die Frühgeschichte der Juden und versah in einer Rubrik unter einem Phantasienamen jeden, der deswegen schreiben oder danach fragen mochte, mit mütterlichem Rat. Die ›Stimme‹ befaßte sich kaum mit den rund fünfzig Millionen der Bevölkerung, die nie von ihr gehört hatten. Sie war eine Familienangelegenheit, und anstatt die zu verunglimpfen, die nicht zu ihr gehörten, tat sie lieber ihr Bestes für die, die dazugehörten. Für diese war sie gütig, optimistisch und informativ. Wenn in Indien eine Million Kinder an der Pest starben, konnte man sicher sein, daß der Leitartikel der Woche von der wunderbaren Errettung einer Methodistenfamilie in Kent aus Feuersnot berichtete. Die ›Stimme‹ beriet einen nicht, wie man die zunehmenden Fältchen um die Augen beseitigen oder die sich ausdehnende Figur kontrollieren könne; sie entmutigte einen, wenn man alt war, nicht durch ihre eigene ewige Jugend. Sie gehörte selbst zum mittleren Alter und zur Mittelklasse, sie riet den Mädchen zur Vorsicht und allen Menschen zur Nachsicht. Nonkonformismus ist die konservativste aller Gewohnheiten, und Familien, die die ›Stimme‹ 1903 abonniert hatten, abonnierten sie auch 1960 weiter.

Miss Brimley war nicht ganz das Abbild ihrer Zeitschrift. Das Kriegsgeschick und die Launen der Arbeit in der militärischen Abwehr hatten sie mit dem jüngeren Lord Landsbury zusammengebracht, und in den sechs Kriegsjahren hatten sie tüchtig und unauffällig in einem namenlosen Gebäude in Knightsbridge gearbeitet. Die Wechselfälle des Friedens machten sie beide arbeitslos, doch Landsbury war nicht nur so klug, sondern auch so großzügig, Miss Brimley einen Posten anzubieten. Die ›Stimme‹ hatte während des Krieges ihr Erscheinen eingestellt, und niemand schien erpicht darauf, sie wieder herauszugeben. Zuerst hatte Miss Brimley sich etwas beschämt gefühlt, eine Zeitschrift wiederzubeleben und herauszugeben, die in keiner Weise ihren eigenen vagen Gottesglauben ausdrückte; aber sehr bald, als die rührenden Briefe eintrafen und die Auflage sich erholte, entwickelte sie eine Zuneigung zu ihrer Arbeit – und zu ihren Lesern –, die ihre früheren Bedenken überwog. Die ›Stimme‹ war ihr Leben, und ihre Leser waren ihre Hauptbeschäftigung. Sie bemühte sich, ihre kuriosen, besorgten Fragen zu beantworten, suchte Rat von anderen, wenn sie ihn nicht selbst geben konnte, und wurde mit der Zeit unter einer Handvoll von Decknamen wenn nicht ihr Philosoph, so doch ihre Führerin, Freundin und Mädchen für alles.