Eine kleine Stadt in Deutschland - John le Carré - E-Book

Eine kleine Stadt in Deutschland E-Book

John Le Carré

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Beschreibung

Alle Romane von John le Carré jetzt als E-Book! - Bonn in den 60er Jahren: Ein kleiner Beamter der britischen Botschaft verschwindet - und mit ihm ein äußerst brisantes Geheimdossier. Auf ihn angesetzt wird Alan Turner, ein Beamter der Londoner Spionageabwehr. Doch dieser erkennt bald, daß auch er nur ein Spielball der politischen Mächte ist.

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Das Buch

Bonn-Bad Godesberg im Jahr 1968: Leo Harting, ein kleiner Angestellter der britischen Botschaft, wird vermißt – und mit ihm 43 Aktenordner. Der Inhalt dieses streng geheimen Dossiers ist brisant und könnte Englands Chancen, dem Europäischen Markt beizutreten, beeinträchtigen. Alan Turner von der Londoner Spionageabwehr kann kaum glauben, daß Harting in zwanzig Jahren kein einziges Mal überprüft wurde; offenbar war dieser die Unauffälligkeit in Person. Turner nimmt Hartings Spur auf. Doch schon bald müssen Jäger und Gejagter erkennen, daß sie das gleiche Ziel verfolgen und daß sie eigentlich Rächer sind, Außenseiter und Verratene der etablierten Macht.

John le Carré hat in diesem Roman seine Zeit im diplomatischen Dienst in Deutschland inmitten des Kalten Krieges reflektiert und zeigt Bonn, »wie es nur ein Eingeweihter so nüchtern und grausam schildern kann.« (Frankfurter Neue Presse)

Der Autor

John le Carré, am 19. Oktober 1931 in Poole, Dorset, geboren, war nach seinem Studium in Bern und Oxford in den sechziger Jahren in diplomatischen Diensten u. a. in Bonn und Hamburg tätig. Sein Roman Der Spion, der aus der Kälte kam machte ihn 1963 weltbekannt. Zahlreiche seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Der Autor lebt mit seiner Frau in Cornwall und London.

Von John le Carré sind in unserem Hause bereits erschienen:

Absolute Freunde · Agent in eigener Sache · Dame, König, As, Spion · Das Rußlandhaus · Der ewige Gärtner · Der heimliche Gefährte · Der Nachtmanager · Der Spion, der aus der Kälte kam · Der Schneider von Panama · Der wachsame Träumer · Die Libelle · Ein blendender Spion · Ein guter Soldat · Ein Mord erster Klasse · Eine Art Held · Eine kleine Stadt in Deutschland · Empfindliche Wahrheit · Geheime Melodie · Krieg im Spiegel · Marionetten · Schatten von gestern · Single & Single · Unser Spiel · Verräter wie wir

John le Carré

Eine kleine Stadt in Deutschland

Roman

Aus dem Englischen vonDietrich Schlegel und Walther Puchwein

List Taschenbuch

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ISBN 978-3-8437-0852-4

Ungekürzte Ausgabe im List Taschenbuch

1. Auflage Mai 2005

3. Auflage 2010

© für die deutsche Ausgabe by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2005

© für die deutsche Ausgabe by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG,

München 2002/List Verlag

© 1968 by Le Carré Productions

Titel der englischen Originalausgabe: A Small Town in Germany

(Hodder and Stoughton, London)

Mit freundlicher Genehmigung Paul Zsolnay Verlag, Wien

Umschlaggestaltung: Sabine Wimmer, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

E-Book: CPI – Clausen & Bosse, Leck

PROLOG

JÄGER UND GEJAGTER

Zehn vor Mitternacht: ein frommer Freitag im Mai. Feiner Flußnebel lag über dem Marktplatz. Bonn glich einer Stadt auf dem Balkan, schmutzig und geheimnisvoll, überzogen mit Straßenbahndrähten. Bonn glich einem dunklen Haus, in dem jemand gestorben war, einem mit katholischem Schwarz drapierten und von Polizisten bewachten Haus. Ihre Ledermäntel glänzten im Licht der Straßenlampen, die schwarzen Fahnen schwebten über ihnen wie Vögel. Es schien, daß alle außer ihnen den Alarm gehört hatten und geflüchtet waren. Hin und wieder flitzte ein Auto, hastete ein Fußgänger vorüber, und wie Kielwasser folgte ihnen die Stille. Eine Straßenbahn klingelte, aber in der Ferne. Im Lebensmittelgeschäft kündete ein handgeschriebenes Schild auf einer Pyramide aus Büchsen den Notstand an: »Jetzt Vorrat anlegen!« Zwischen den Krümeln proklamierten Marzipanschweinchen, die nackten Mäusen glichen, den vergessenen heiligen Tag.

Nur die Plakate sprachen. Von Bäumen und Straßenlampen kämpften sie ihren vergeblichen Kampf, jedes in derselben Höhe, als wäre das Vorschrift; sie waren in leuchtenden Farben gedruckt, auf Hartfaserplatten aufgezogen, mit dünnen Streifen schwarzen Fahnentuchs drapiert; und sie stürzten auf ihn ein, während er vorbeihastete. »Schickt die Fremdarbeiter heim!« – »Schafft uns die Hure Bonn vom Hals!« – »Erst Deutschland vereinigen – dann Europa!« Und darüber war das größte Plakat als riesiges Transparent quer über die Straße gespannt: »Öffnung nach Osten, der Westen hat versagt.« Seine dunklen Augen schenkten den Plakaten keine Beachtung. Ein Polizist in Stiefeln stampfte auf, schnitt eine Grimasse und machte dabei einen faulen Witz über das Wetter; ein anderer rief ihn an, aber eher beiläufig; und einer sagte »Guten Abend«, aber er erwiderte nicht; denn er hatte nichts im Sinn als die untersetzte Gestalt, die hundert Schritte vor ihm eilig die weite Allee hinuntertrabte, jetzt im Schatten einer schwarzen Fahne verschwindend, gleich darauf vom talgigen Licht der Straßenlampe wieder hervorgezogen.

Weder hatte die Dunkelheit aus ihrem Kommen noch der graue Tag aus seinem Gehen eine Zeremonie gemacht, aber die Nacht war frisch und roch nach Winter. Während der meisten Monate ist Bonn kein Ort für Jahreszeiten; Klima gibt’s nur zu Hause, ein Klima für Kopfschmerzen, warm und flau wie in Flaschen abgefülltes Wasser, ein Klima des Wartens, des bitteren Geschmacks, der vom langsam fließenden Strom aufsteigt, des mühseligen und zaghaften Wachstums, und die Luft ist ein erschöpfter Wind, der auf die Ebene niederfällt, und wenn die Dämmerung kommt, ist sie nichts als ein Dunkeln des Nebels vom Tage, ein Entflammen der Leuchtröhren in den lärmerfüllten Straßen. Aber in dieser Frühlingsnacht war der Winter wieder zu Besuch gekommen, war er unter dem Schutz der räuberischen Dunkelheit das Rheintal hinaufgeschlüpft und trieb die beiden zur Eile an, schmerzte sie mit seiner unerwarteten Kälte. Dem kleineren Mann, der sich mühte voranzukommen, kamen vor Kälte die Tränen.

Die Allee machte eine Biegung und führte sie vorbei an den gelben Mauern der Universität. »Demokraten! Hängt den Pressebaron!« – »Die Welt gehört den Jungen!« – »Laßt die kleinen englischen Lords nur betteln!« – »Axel Springer an den Galgen!« – »Lang lebe Axel Springer!« – »Protest ist Freiheit.« Diese Plakate waren Holzschnitte, auf einer Studentenpresse gedruckt. Droben glitzerte das junge Laubwerk wie ein durchlöcherter Baldachin aus grünem Glas. Hier waren die Lampen heller, es gab weniger Polizisten. Die Männer schritten weiter voran, weder schneller noch langsamer; der erste geschäftig, mit der Eile eines Gerichtsdieners. Er ging schnell, doch sein Gang wirkte unnatürlich und linkisch, als wäre er von einem Podest herabgestiegen, er bewegte sich voll Würde, ein deutscher Bürger. Seine Arme schwangen in knapper Bewegung, sein Rücken war gerade. Wußte er, daß ihn jemand verfolgte? Den Kopf hielt er selbstbewußt steif, aber dieses Selbstbewußtsein stand ihm schlecht zu Gesicht. Ein Mann, vorwärtsgezogen durch das, was er sah? Oder getrieben durch das, was hinter ihm lag? War es dann Furcht, die ihn davon abhielt, sich umzudrehen? Ein Mann von Format blickt eben nicht zurück. Der zweite Mann schritt leichtfüßig aus. Ein Irrwisch, schwerelos wie die Dunkelheit, der durch die Schatten schlüpfte wie durch ein Netz: ein Hofnarr, der sich an einen Höfling heranmacht.

Sie kamen in eine schmale Gasse; die Luft war durchdrungen von dem Geruch verdorbenen Essens. Noch einmal schrien die Wände sie an, jetzt in der verräterischen Liturgie der deutschen Anzeigenwerbung: »Starke Männer trinken Bier!« – »Wissen ist Macht, lest Molden-Bücher!« Hier verschmolz zum erstenmal das Echo ihrer Schritte drohend; hier schien der Mann von Format erstmals aufzuschrecken und die Gefahr hinter sich zu spüren. Es war nicht mehr als ein Abweichen, eine winzige Ungenauigkeit in dem entschlossenen Rhythmus seines würdevollen Marsches; aber das brachte ihn an den Rand des Bürgersteigs, weg von der Dunkelheit der Mauern, und er schien Erleichterung zu empfinden, dort, wo es heller war und wo das Licht der Straßenlampen und die Polizisten ihn beschützen konnten. Doch sein Verfolger ließ nicht locker. »Wir treffen uns in Hannover!« schrien die Plakate. »Karfeld spricht in Hannover!« – »Wir treffen uns am Sonntag in Hannover!«

Eine leere Straßenbahn rollte vorbei, ihre Fenster waren durch aufgeklebtes Maschennetz geschützt. Eine einzelne Kirchenglocke begann ihr monotones Geläute, ein Klagelied für die christliche Tugend in einer leeren Stadt. Sie gingen weiter, mit weniger Abstand, aber der vorn schaute noch immer nicht zurück. Sie bogen um eine weitere Ecke; wie ein dünner Metallstab ragte vor ihnen die Turmspitze des Münsters gegen den leeren Himmel. Zögernd wurde das erste Geläut von anderen Glocken erwidert, bis sich über die ganze Stadt eine getragene Kakophonie harmonisch nicht abgestimmter Glockenspiele erhob. Ein Angelusgeläut? Ein Luftangriff? Ein junger Polizist im Eingang eines Sportgeschäfts entblößte das Haupt. Im Vorbau der Kathedrale brannte eine Kerze in einer roten Glasschale; auf der einen Seite befand sich ein Laden mit religiösem Schrifttum. Der untersetzte Mann hielt inne, beugte sich vor, als ob er etwas im Schaufenster genauer betrachten wollte, blickte schnell die Straße hinunter; und in diesem Moment beleuchtete das Licht aus dem Schaufenster voll seine Gesichtszüge. Der kleinere Mann rannte vorwärts; blieb stehen, lief wieder vorwärts – und kam zu spät.

Die Limousine hatte angehalten, ein Opel Rekord, gesteuert von einem bleichen Mann, den die dunklen Scheiben verbargen. Die hintere Tür öffnete und schloß sich; schwerfällig setzte sich der Wagen in Bewegung, gewann Tempo, taub für den einzigen Aufschrei der Wut, der Anklage und der bitteren Enttäuschung; gewaltsam entrang er sich der Brust des Verfolgers, hallte durch die leere Straße und erstarb sofort wieder. Der Polizist wirbelte herum und ließ seine Taschenlampe aufleuchten. Von ihrem Strahl festgehalten, blieb der kleine Mann bewegungslos stehen; er starrte der Limousine nach. Über das Kopfsteinpflaster rüttelnd, auf den nassen Straßenbahnschienen schleudernd, die Verkehrsampeln mißachtend, war sie verschwunden, nach Westen, hinüber zu den beleuchteten Hügeln.

»Wer sind Sie?«

Der Strahl der Taschenlampe fiel auf den Mantel aus englischem Tweed, zu schwer für so einen kleinen Mann, die teuren, geschmackvollen Schuhe voll Schmutz, die aufgerissenen dunklen Augen.

»Wer sind Sie?« wiederholte der Polizist; denn die Glocken klangen von allen Seiten, und ihr Echo hallte unheimlich nach.

Eine schmale Hand verschwand in den Falten des Mantels und tauchte mit einer Lederbrieftasche wieder auf. Der Polizist nahm sie behutsam entgegen, löste den Verschluß, während er mit seiner Taschenlampe und der schwarzen Pistole, die er ungeschickt mit der Linken umklammert hielt, herumjonglierte.

»Was war los?« fragte der Polizist, als er die Brieftasche zurückreichte. »Warum haben Sie geschrien?«

Der kleine Mann gab keine Antwort. Er war einige Schritte den Bürgersteig entlanggegangen.

»Haben Sie ihn nie vorher gesehen?« fragte er, noch immer dem Wagen nachblickend. »Sie wissen nicht, wer er war?« Er sprach sanft, als ob es oben im Haus schlafende Kinder gäbe; eine verwundbare Stimme, voll Achtung vor der Stille.

»Nein.«

Ein verbindliches Lächeln erhellte das scharfgeschnittene, faltige Gesicht. »Verzeihung. Ich habe mich dummerweise geirrt. Ich dachte, er wäre es.« Sein Akzent war weder völlig englisch noch völlig deutsch, sondern ein selbsterwähltes Niemandsland, gefunden und angesiedelt zwischen beiden Sprachen. Und er würde ihn, so schien er zu sagen, ein bißchen in die eine oder die andere Richtung verschieben, falls er dem Zuhörer Unbequemlichkeit bereiten sollte.

»Es liegt an der Jahreszeit«, sagte der kleine Mann, entschlossen, eine Unterhaltung zu beginnen. »Die plötzliche Kälte, man achtet mehr auf die Leute.« Er hatte eine Blechschachtel mit kleinen holländischen Zigarren geöffnet und hielt sie dem Polizisten hin. Da der Polizist ablehnte, zündete er sich selbst eine an.

»Die Unruhen sind schuld«, erwiderte der Polizist langsam, »die Fahnen, die Parolen. Wir sind jetzt alle nervös. Diese Woche Hannover, letzte Woche Frankfurt. Das stört Ruhe und Ordnung.« Er war ein junger Mann und hatte sich für seinen Beruf vorbereitet. »Man sollte durchgreifen, sie verbieten«, fügte er hinzu, die allgemeine Ansicht wiederholend. »Wie die Kommunisten.«

Er grüßte lässig, der Fremde lächelte nochmals, ein letztes rührendes Lächeln, als suche es Schutz bei einem Freund, ehe es zögernd verschwand. Und schon war er gegangen. Der Polizist blieb stehen und lauschte aufmerksam den verhallenden Schritten. Jetzt hielten sie an, erklangen wieder, schneller und – bildete er sich das ein? – entschlossener als zuvor. Einen Augenblick lang grübelte er nach. In Bonn, dachte er mit einem unhörbaren Seufzer, dem schwerelosen Tritt des Fremden nachlauschend, sind sogar die Fliegen beamtet.

Er nahm sein Notizbuch heraus und schrieb sorgfältig Zeit, Ort und Art des Zwischenfalls hinein. Er war kein rasch denkender Mann, aber er wurde wegen seiner Gründlichkeit geschätzt. Nachdem er das getan hatte, fügte er die Nummer des Wagens hinzu, die aus irgendwelchen Gründen in seinem Gedächtnis haftengelieben war. Plötzlich hielt er inne und starrte auf das, was er geschrieben hatte, auf den Namen und die Autonummer, und er dachte an den untersetzten Mann und an seinen ausholenden Marsch-Schritt, und sein Herz begann wie rasend zu schlagen. Er dachte an die Anweisung – ›Geheim‹ –, die er an der Anschlagtafel des Aufenthaltsraums gelesen hatte, und an das undeutliche kleine Foto, das so alt war. Mit dem Notizbuch noch in der Hand, rannte er, so schnell es seine Stiefel erlaubten, zum Telefonhäuschen.

Way over there in aSmall town in GermanyThere lived a shoemakerSchumann was his nameIch bin ein Musikantich bin für das VaterlandI have a big bass drumAnd this is how I play!

Ein Trinklied, wie es mit obszönen Variationennach der Melodie von Schuberts Militärmarschin Deutschland zur Besatzungszeitin den Messen der britischen Armeegesungen wurde.

1

MR. MEADOWES UND MR. CORK

»Warum steigen Sie nicht aus und laufen? Ich würde es tun, wenn ich so jung wäre wie Sie. Geht schneller, als abzuwarten, bis sich dieses Gesindel verläuft.«

»Ich schaff’s schon«, sagte Cork, der Chiffreur, ein Albino, und betrachtete besorgt den älteren Mann neben sich auf dem Fahrersitz. »Wir müssen uns eben allmählich beeilen«, fügte er beschwichtigend hinzu. Cork war ein Cockney, blitzgescheit, und er machte sich Sorgen, weil Meadowes so aufgebracht war. »Wir werden es einfach über uns ergehen lassen müssen, was, Arthur?«

»Ich würde gern die ganze verfluchte Bande in den Rhein werfen.«

»Hören Sie, das ist doch nicht Ihr Ernst.«

Es war Samstagmorgen, neun Uhr. Die Straße von Friesdorf zur Botschaft war vollgepfropft mit Wagen der Protestierer, Fotos des Führers der ›Bewegung‹ säumten die Bürgersteige, und die Transparente waren über die Straße gespannt wie Losungen bei einer Kundgebung: ›Der Westen hat uns betrogen – Die Deutschen können ohne Scham nach Osten blicken.‹ – ›Schluß jetzt mit der Coca-Cola-Kultur!‹ Mitten in der langen Kolonne saßen Cork und Meadowes fest wie bei Windstille, während sich um sie herum das Getöse der Hupen in unaufhörlichem Konzert erhob. Manchmal ertönten sie in Serien, die sich von der Spitze der Kolonne langsam nach hinten fortpflanzten, so daß ihr Geheul wie ein Flugzeug über ihre Köpfe hinwegging – manchmal im Unisono, lang kurz lang, K für Karfeld, unseren gewählten Führer; und manchmal konnte jeder hupen, wie er wollte, um sich einzustimmen für die Symphonie.

»Was, zum Teufel, wollen die denn damit? Mit all dem Geschrei? Die meisten von ihnen brauchen nichts als einen ordentlichen Haarschnitt, verflucht noch mal, eine tüchtige Tracht Prügel und zurück zur Schule.«

»Es sind die Bauern. Ich hab’s Ihnen doch gesagt. Sie belagern den Bundestag.«

»Bauern? Die da? Die würden ja sterben, wenn sie auf dem Feld arbeiten müßten, die meisten von ihnen. Kinder sind das. Schauen Sie sich bloß diese Kerle an. Ekelhaft nenne ich so was.«

Rechts von ihnen saßen drei Studenten in einem roten Volkswagen, zwei Jungen und ein Mädchen. Der Fahrer trug eine Lederjacke und sehr lange Haare, und er starrte gespannt durch die Windschutzscheibe auf das Auto vor ihm, seine schlanke Handfläche schwebte über dem Steuerrad und wartete auf das Signal zum Hupen. Die beiden anderen hielten einander umschlungen und küßten sich gierig.

»Das sind die Komparsen«, sagte Cork. »Für die ist’s ein Jux. Kennen Sie den Slogan der Studenten: ›Die Freiheit liegt im Kampf‹? Gar nicht so anders als bei uns zu Hause, was? Wissen Sie, was sie gestern abend erst am Grosvenor Square getrieben haben?« fragte Cork und versuchte noch einmal, das Thema zu wechseln. »Wenn das Bildung ist, bleib’ ich lieber dumm.«

Aber Meadowes ließ sich nicht ablenken.

»Sie sollten die Wehrpflicht einführen«, erklärte er und starrte wütend auf den Volkswagen. »Da würden sie Augen machen.«

»Die haben sie schon. Schon seit zwanzig Jahren oder länger.« Er spürte, daß sich Meadowes allmählich beruhigte, und wählte das Thema, das ihn am ehesten aufheitern würde. »Übrigens, wie war eigentlich Myras Geburtstagsparty? War’s ’ne gute Schau? Die hat sie doch sicher genossen.«

Aber aus irgendwelchen Gründen ließ diese Frage Meadowes nur noch tiefer in Trübsinn verfallen, und Cork hielt es daher für klüger zu schweigen. Er hatte alles versucht, doch ohne Erfolg. Meadowes war ein anständiger, ein rechtgläubiger Kerl, von jener Sorte, die es nicht mehr gibt, und wert, daß man sich seiner annahm; aber obwohl Cork ihn wie ein Sohn verehrte, gab es eine Grenze. Er hatte von dem neuen Rover gesprochen, den Meadowes für die Zeit nach seiner Pensionierung gekauft hatte, steuerfrei und mit zehn Prozent Rabatt. Er hatte die Form des Wagens, Komfort und Ausstattung bewundert, bis er blau im Gesicht war, und hatte nicht mehr Dank für seine Mühe geerntet als ein Grunzen. Er hatte von dem ›Automobilklub der Verbannten‹ angefangen, dessen begeistertes Mitglied Meadowes war, er hatte von den Commonwealth-Wettkämpfen für Kinder geredet, die sie am Nachmittag im Park der Botschaft abhalten wollten. Und nun hatte er es sogar mit der großen Party vom vergangenen Abend versucht, an der sie lieber nicht teilgenommen hatten, weil Janets Baby bald kam; und was Cork betraf, so hatte er sein Repertoire erschöpft. Meadowes konnte ihn gern haben. Ohne Urlaub, überlegte Cork, ohne einen langen, sonnigen Urlaub, weit weg von Karfeld und den Verhandlungen in Brüssel, weit weg von seiner Tochter Myra, würde Meadowes überschnappen.

»Übrigens«, versuchte Cork es ein letztes Mal, »holländische Shell-Aktien sind wieder einen Shilling gestiegen.«

»Und Guest Keen ist drei ’runter.«

Cork hatte entschlossen in nichtbritische Aktien investiert, aber Meadowes zog es vor, den Preis des Patriotismus zu zahlen.

»Nach Brüssel werden sie alle wieder steigen, machen Sie sich keine Sorgen.«

»Wen wollen Sie verkohlen? Die Verhandlungen sind so gut wie gestorben, oder nicht? Ich bin vielleicht nicht so intelligent wie Sie, aber lesen kann ich noch, verstehen Sie?«

Meadowes hatte allen Grund, mißmutig zu sein; Cork wäre der letzte gewesen, der das abgestritten hätte. Ganz abgesehen davon, daß er in britischen Stahl investiert hatte, war er vier Jahre in Warschau gewesen und fast ohne Urlaub nach Bonn gekommen. Das hätte jedem gereicht. Er war auf seinem letzten Posten und sollte im Herbst pensioniert werden, und nach Corks Erfahrung verschlechterte das die Laune um so mehr, je näher der Tag kam, statt sie zu bessern. Ganz zu schweigen, daß er ein Nervenbündel von Tochter hatte: Myra Meadowes war zwar auf dem Wege der Besserung, zweifellos, aber wenn man nur die Hälfte von dem glaubte, was von ihr erzählt wurde, dann würde ihre Genesung noch lange dauern.

Dazu kam noch die Verantwortung als Archivar der Politischen Abteilung der Botschaft, das heißt die Führung eines politischen Archivs während der ärgsten Krise, so weit man zurückdenken konnte – da hatte man genug zu knacken. Sogar Cork in der Geborgenheit des Chiffrierraums hatte den Windstoß ein bißchen gespürt; vor allem den zusätzlichen Nachrichtenverkehr, die Überstunden und Janets bevorstehende Niederkunft und die Aufträge, die man für fast jeden aus der Politischen Abteilung schon gestern hätte erledigen sollen. Und seine eigene Erfahrung, das wußte er wohl, war nichts im Vergleich mit dem, was der alte Arthur zu bewältigen hatte. Daß es jetzt aus allen Richtungen blies, fand Cork, das warf einen um. Man wußte nie, wo es das nächstemal losgehen würde. Eben erst hatte man eine dringende Antwort über die Unruhen in Bremen hinausgejagt, oder über die morgige Versammlung in Hannover, da kommen sie dir am nächsten Tag mit der Goldkrise oder mit Brüssel oder mit weiteren Millionenanleihen in Frankfurt und Zürich; und wenn es schon im Chiffrierraum hart herging, so war es noch härter für jene, die die Dokumente aufspüren, die einzelnen Analysen registrieren, die Neueingänge bezeichnen und wieder in den Kreislauf zurückleiten mußten … was ihn aus irgendeinem Grunde daran erinnerte, daß er seinen Börsenmakler anrufen mußte.

Wenn die rebellierenden Arbeiter von Krupp so weitermachen würden wie bisher, dann würde er sich einmal Schwedenstahl vorknöpfen, gerade nur mal kurz ’rein und dann wieder ’raus, fürs Konto des Babys …

»Hallo«, sagte Cork, und sein Gesicht hellte sich auf, »kriegen wohl ’nen kleinen Krach, was?«

Zwei Polizisten waren vom Gehsteig heruntergestiegen, um einem vierschrötigen Bauern in einem Mercedes Diesel Vorhaltungen zu machen. Erst drehte er das Fenster herunter und schrie sie an, dann öffnete er die Tür und schrie sie noch einmal an. Ganz plötzlich war die Polizei verschwunden. Cork gähnte vor Enttäuschung.

Einst, erinnerte sich Cork wehmütig, kamen die Paniken schön der Reihe nach. Man machte Geschrei wegen des Korridors nach Berlin, russische Hubschrauber flogen über die Grenze, ein Hin und Her mit dem Vier-Mächte-Lenkungsausschuß in Washington. Oder es gab Intrigen: eine verdächtige diplomatische Initiative der Deutschen in Moskau, die im Keim erstickt werden mußte, ein verdächtiges Spiel mit dem Rhodesien-Embargo, ein vertuschter Aufruhr bei der Rheinarmee in Minden. Das war es. Man schlang sein Essen hinunter, nahm seine Arbeit in Angriff und blieb, bis der Job erledigt war, und man ging nach Hause als freier Mann. Das war’s, daraus bestand das Leben, das war Bonn. Ob man nun einer von den Diplomaten war wie de Lisle oder einer von den anderen, den Nicht-Diplomaten hinter der mit grünem Filz überzogenen Tür – die Szene war dieselbe: ein bißchen Dramatik, eine Menge leeres Geschwätz, dann ein bißchen die Börse beleben, zurück zur Langeweile und weiter zur nächsten Postsendung.

Bis Karfeld kam. Cork starrte trübselig auf die Plakate. Bis Karfeld auftauchte. Neun Monate, überlegte er – die riesigen Gesichtszüge waren plump und leblos und trugen eine anmaßende Offenheit zur Schau –, neun Monate, seit Arthur Meadowes mit der Nachricht von den Demonstrationen in Kiel durch die Verbindungstür zum Archiv gestürzt kam, die überraschende Nominierung, das Sit-in der Studenten und das kleine bißchen an Gewalttätigkeiten, das sie schon von solchen Ereignissen erwarteten. Wer hatte es damals begriffen? Einige sozialistische Gegendemonstranten. Einer wurde zu Tode geprügelt, einer gesteinigt … so was schockierte sie früher einmal. Sie hatten noch keine Ahnung, damals. Gott, dachte er, es ist, als wären seither zehn Jahre vergangen –, aber Cork wußte fast auf die Stunde genau, wie lange es her war.

Kiel, das war der Morgen, an dem der Botschaftsarzt erklärte, daß Janet schwanger sei. Von jenem Tage an war alles wie verwandelt. Wieder begann das wilde Hupkonzert, die Autoschlange setzte sich ruckartig in Bewegung und kam ebenso plötzlich, in verschiedenen Tonlagen trompetend und kreischend, wieder zum Stehen. »Irgendwas ’rausgekriegt über die Dokumente?« forschte Cork. Jetzt glaubte er zu wissen, was Meadowes Sorgen bereitete.

»Nein.«

»Aktenkarren wieder aufgetaucht?«

»Nein, der Karren tauchte nicht wieder auf.«

Kugellager, kam es Cork plötzlich in den Sinn, eine hübsche kleine schwedische Gesellschaft mit Unternehmungsgeist und fortschrittlicher Einstellung, eine Firma, die wirklich in der Lage ist, schnell auf den Markt zu kommen … Mit zweihundert Pfund einsteigen, und wir sind aus dem Wasser …

»Na, kommen Sie schon, Arthur, lassen Sie sich nicht unterkriegen. Begreifen Sie doch, daß Sie jetzt nicht mehr in Warschau, sondern in Bonn sind. Wissen Sie, wie viele Tassen in der Kantine verschwunden sind, allein in den letzten sechs Wochen? Nicht zerbrochen, müssen Sie bedenken, sondern ganz einfach weg: vierundzwanzig.«

Meadowes zeigte sich nicht beeindruckt.

»Wer klaut schon eine Botschaftstasse? Niemand. Die Leute sind einfach zerstreut. Das passiert überall. Mit Akten ist es dasselbe.«

»Tassen sind nicht geheim, das ist der Unterschied.«

»Auch Aktenkarren nicht, wenn man’s bedenkt«, plädierte Cork. »Auch nicht der elektrische Heizofen mit den zwei Spiralen, über dessen Verschwinden aus dem Konferenzraum die Verwaltung tobt. Auch nicht die Breitwagen-Schreibmaschine aus dem Schreibsaal, auch nicht – hören Sie mal, Arthur, Ihnen kann niemand die Schuld in die Schuhe schieben, nicht, wenn soviel los ist, warum tun Sie es? Sie wissen, wie Diplomaten sind, wenn sie Telegramme entwerfen müssen. Sehen Sie sich de Lisle an, sehen Sie sich Gaveston an: Träumer. Ich sage nicht, daß sie nicht Genies sind, aber die meiste Zeit wissen sie nicht, wo sie sind, ihre Köpfe stecken in den Wolken. Man kann nicht Sie deswegen beschuldigen.«

»Ich kann beschuldigt werden. Ich bin verantwortlich.«

»Gut, quälen Sie sich nur selbst«, fauchte Cork, dessen Geduld erschöpft war. »Jedenfalls ist es Bradfields Verantwortung, nicht Ihre. Er ist Chef der Politischen Abteilung, er ist verantwortlich für die Sicherheit.«

Mit diesem abschließenden Kommentar versenkte sich Cork erneut in die reizlose Umgebung. Karfeld, so fand er, hatte allerhand auf dem Kerbholz.

Der Anblick, der sich Cork bot, hätte niemanden, was er auch auf dem Herzen hatte, aufgeheitert. Das Wetter war fürchterlich. Ein blasser Rheinland-Nebel lag wie ein Hauch auf einem Spiegel über der ganzen künstlich geschaffenen Wildnis der Beamtenstadt Bonn. Riesige, noch unfertige Gebäude ragten düster aus den unbebauten Feldern auf. Vor ihm stand die Britische Botschaft auf braunem Heideland wie ein Hilfslazarett im Zwielicht der Schlacht; sämtliche Fenster waren erleuchtet. Über dem Eingangstor hing schlaff der merkwürdigerweise auf halbmast gesetzte Union Jack. Darunter stand ein Schwarm deutscher Polizisten.

Allein die Wahl Bonns als Wartesaal für Berlin war immer schon eine Ungereimtheit, jetzt ist sie ein Mißbrauch. Wohl kein anderes Volk als die Deutschen hätte es fertiggebracht, einen Kanzler zu wählen und ihm dann die Hauptstadt vor die Tür zu bringen. Um Unterkünfte für die zuziehenden Diplomaten, Politiker und Regierungsbeamten (die diese unerwartete Ehrung mit sich brachte) zu schaffen, und auch um sie in einer gewissen Entfernung zu halten, haben die Bonner eine ganze Vorstadt außerhalb der Stadtmauern gebaut. Durch deren südlichen Teil versuchte sich jetzt der Verkehr hindurchzuwinden: ein Wirrwarr von schwerfälligen Türmen und niedrigen, modernen Behausungen, die sich die zweispurige Fahrstraße entlangzogen, fast bis zu der freundlichen Sanatoriumssiedlung Bad Godesberg, deren Hauptindustrie einst die Abfüllung von Selterswasser war und heute die Diplomatie ist. Wohl gestattete Bonn, daß einige Ministerien in der Stadt selbst ihr imitiertes Mauerwerk den kopfsteingepflasterten Höfen zugesellten; es stimmt auch, daß einige Botschaften in Bad Godesberg sind, aber der Sitz der Bundesregierung und der großen Mehrheit der rund neunzig bei ihr akkreditierten Auslandsvertretungen, ganz zu schweigen von den Lobbyisten, der Presse, den politischen Parteien, den Flüchtlingsorganisationen, den offiziellen Residenzen der Würdenträger der Bundesländer, dem Kuratorium Unteilbares Deutschland und dem ganzen bürokratischen Überbau der provisorischen Hauptstadt Westdeutschlands, befindet sich zu beiden Seiten dieser einen Straße, dieser Schlagader zwischen dem früheren Sitz des Bischofs von Köln und den wilhelminischen Villen eines rheinischen Badeortes.

Mit diesem unnatürlichen Haupt-Dorf, diesem Insel-Staat, dem sowohl politische Identität als auch ein gesellschaftliches Hinterland fehlt und der sich auf Dauer zum Provisorium verpflichtet hat, ist die Britische Botschaft untrennbar verbunden. Man stelle sich den stillosen Gebäudeblock einer Fabrik vor, der sich nach und nach wuchernd ausgebreitet hat, die Art von Bauwerk, die man zu Dutzenden an Londons Westumfahrung sieht, gewöhnlich mit dem Symbol ihres Produkts auf dem Dach, man male darüber einen trüben rheinischen Himmel, füge eine undefinierbare Andeutung von Nazi-Architektur hinzu, nur einen Hauch, nicht mehr, und errichte auf dem freien Feld dahinter zwei verwitterte Fußballtore zur Erholung für Ungewaschene, und man hat mit ziemlicher Genauigkeit Geist und Stärke Englands in der Bundesrepublik porträtiert. Mit einem weit ausgestreckten Flügel hält es die Vergangenheit nieder, mit einem zweiten glättet es die Gegenwart, während ein drittes Glied ängstlich die feuchte rheinische Erde durchwühlt, auf der Suche nach der verborgenen Zukunft. Errichtet, während die Besetzung ihrem frühzeitigen Ende entgegenging, spiegelt das Botschaftsgebäude genau jene tölpische Selbstverleugnung: ein steinernes Gesicht blickt den früheren Feind an, ein graues Lächeln gilt dem gegenwärtigen Verbündeten. Als sie schließlich durch das Tor der Botschaft kamen, lag zu Corks Linken das Hauptquartier des Roten Kreuzes, zu seiner Rechten eine Mercedes-Fabrik, hinter ihm, jenseits der Straße, die Baracke der Sozialdemokraten und ein Coca-Cola-Depot. Die Botschaft ist von dieser unwahrscheinlichen Nachbarschaft durch einen Streifen mit Sauerampfer und nacktem Lehm bedeckten Brachlandes abgeschnitten, das flach zum verwahrlosten Rhein abfällt. Dieses Gelände ist als Bonns Grüngürtel bekannt und Gegenstand großen Stolzes der Stadtplaner.

Vielleicht werden sie eines Tages alle nach Berlin übersiedeln; von dieser Möglichkeit wird sogar in Bonn gelegentlich gesprochen. Vielleicht wird eines Tages das ganze graue Gebirge über die Autobahn davonschlüpfen und sich in aller Stille auf den feuchten Parkplätzen vor dem ausgebrannten Reichstag niederlassen. Bis das geschieht, werden diese Betonzelte nicht abgebrochen, diskret provisorisch aus Achtung vor dem Traum, diskret permanent aus Achtung vor der Wirklichkeit, sie werden bestehen bleiben, sich vermehren und wachsen, denn in Bonn hat die Bewegung den Fortschritt ersetzt, und alles, was nicht wachsen will, muß sterben.

Nachdem er den Wagen an der gewohnten Stelle hinter der Kantine geparkt hatte, ging Meadowes – wie immer nach einer Ausfahrt – langsam um ihn herum, drückte die Klinken und überprüfte, ob ein Kiesel die Karosserie beschädigt hatte. Noch tief in Gedanken ging er über den Vorhof zum Eingang, wo zwei britische Militärpolizisten, ein Sergeant und ein Korporal, die Passierscheine prüften. Cork, noch immer beleidigt, folgte mit Abstand, so daß er Meadowes bereits in einem regen Gespräch mit dem Wachtposten fand, als er das Portal erreichte.

»Wer sind Sie denn?« wollte der Sergeant wissen.

»Meadowes vom Archiv. Er arbeitet für mich.« Meadowes versuchte, dem Sergeanten über die Schulter zu blicken, aber der Sergeant hielt die Liste gegen seine Uniform. »Er war krank und deshalb nicht im Dienst. Ich wollte mal nachfragen.«

»Warum steht er dann unter ›Parterre‹?«

»Er hat dort ein Zimmer. Er hat zwei Aufgaben. Zwei verschiedene Jobs. Einen bei mir, einen im Parterre.«

»Nichts«, sagte der Sergeant und schaute von neuem in der Liste nach. Ein Schwarm von Stenotypistinnen mit so kurzen Röcken, wie sie die Frau des Botschafters gerade noch zuließ, eilte die Stufen hinter ihnen hinauf.

Meadowes, noch nicht überzeugt, zögerte. »Sie wollen damit sagen, er ist nicht gekommen?« fragte er mit jener Sanftheit, die Widerspruch herausfordert.

»Genau das meine ich. Nichts eingetragen. Er ist nicht hineingegangen. Er ist nicht hier. Klar?«

Sie folgten den Mädchen in die Halle. Cork nahm ihn am Arm und zog ihn zurück in den Schatten des Gitters vor dem Eingang zum Kellergeschoß.

»Was ist los, Arthur? Was bedrückt Sie? Es geht nicht nur um die fehlenden Dokumente, nicht wahr? Was ist Ihnen über die Leber gelaufen?«

»Nichts ist mir über die Leber gelaufen.«

»Was soll dann das alles mit ›Leo ist krank‹? Er war noch niemals krank.«

Meadowes antwortete nicht.

»Was hat Leo vorgehabt?« fragte Cork voller Argwohn. »Nichts.«

»Warum haben Sie dann nach ihm gefragt? Er kann doch nicht auch verlorengegangen sein. Zum Kuckuck, man hat zwanzig Jahre lang versucht, Leo zu verlieren.«

Cork fühlte, wie Meadowes aus Anständigkeit zögerte, daß er nahe daran war, etwas zu verraten, und wie er sich widerstrebend in sein Gehäuse zurückzog.

»Sie können für Leo nicht verantwortlich gemacht werden. Niemand kann das. Sie können nicht Jedermanns Vater sein, Arthur. Er ist wahrscheinlich unterwegs, um ein paar Benzingutscheine zu verscheuern.«

Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Meadowes ihn auch schon voll Zorn anfuhr.

»Wie können Sie so etwas sagen? Was unterstehen Sie sich! Leo ist nicht von dieser Sorte. Es ist ein Skandal, von jemandem zu behaupten, er würde Benzingutscheine verscheuern, bloß weil er – ein Vertragsangestellter ist.«

Corks Miene sprach Bände, während er Meadowes in sicherem Abstand die ausgetretene Treppe zum ersten Stock folgte. Wenn man einem so mitspielte, dann kam die Pensionierung mit Sechzig keinen Tag zu früh. Corks eigene Pensionierung würde da anders sein. Er träumte davon – und wer tut das nicht? –, auf eine griechische Insel zu flüchten. Kreta, dachte er, Spetsä. Ich könnte es mit Vierzig schaffen, wenn diese Kugellager-Aktien was einbringen. Na ja, jedenfalls mit Fünfundvierzig.

Vom Archiv aus einen Schritt den Korridor entlang lag der Chiffrierraum, und noch einen Schritt weiter das kleine helle Büro, in dem Peter de Lisle saß. Die jungen Männer, die in der Politischen Abteilung arbeiten, stellen die Elite dar. Hier, nirgends sonst, kann sich der weitverbreitete Traum vom brillanten englischen Diplomaten verwirklichen, und in fast niemandem eher als in Peter de Lisle. Er war eine elegante, gertenschlanke, fast schöne Erscheinung und hatte sich seine Jugendlichkeit hartnäckig bis in die frühen Vierziger bewahrt. Er wirkte schlaff bis zur Teilnahmslosigkeit. Diese Lethargie war nicht vorgetäuscht, sie war einfach irreführend. De Lisles Familie hatte in zwei Kriegen schrecklichen Zoll gezahlt, und eine Folge kleiner, doch gewaltsamer Katastrophen hatte sie noch weiter entkräftet. Ein Bruder war bei einem Autounfall umgekommen, ein Onkel hatte Selbstmord begangen, ein zweiter Bruder war während der Ferien bei Penzance in Cornwall ertrunken. So hatte sich de Lisle selbst nach und nach die Energie und die Pflichten eines unwahrscheinlicherweise Überlebenden angeeignet. Er hätte es bei weitem vorgezogen, keinem Ruf folgen zu müssen, schien sein Gehaben auszudrücken; aber da die Dinge nun einmal so gelaufen waren, blieb ihm keine andere Wahl, als sein Amt auszuüben.

Während Meadowes und Cork ihre verschiedenen Reiche betraten, war de Lisle gerade dabei, die Bogen blauen Konzeptpapiers einzusammeln, die in künstlerischem Durcheinander über seinen Tisch verstreut lagen. Nachdem er sie nachlässig einigermaßen in Ordnung gebracht hatte, knöpfte er sich die Weste zu, reckte sich, warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Bild vom Lake Windermere, herausgegeben vom Ministerium für öffentliche Gebäude und Anlagen, mit freundlicher Genehmigung der London, Midland and Scottish Railway, und schlenderte befriedigt zum Treppenabsatz, um den neuen Tag zu begrüßen. Er verweilte noch an dem hohen Fenster, spähte einen Augenblick hinunter auf die gekrümmten Dächer der schwarzen Wagen, die den Bauern gehörten, und auf die kleinen blauen Inseln, dort, wo die Lichter der Polizei aufblitzten.

»Sie haben diese Leidenschaft für Eisen«, bemerkte er zu Mickie Crabbe, einem zerzausten, tiefäugigen Geschöpf, dem ein ständiger Kater das Gehen schwermachte. Crabbe erklomm langsam die Treppenstufen, sich mit einer Hand am Geländer absichernd, die schmalen Schultern wie zur Abwehr hochgezogen. »Ich hatte es ganz vergessen. Ich hatte mich ans Blut erinnert, aber das Eisen vergessen.«

»Und ob«, murmelte Crabbe, »und ob«, und seine Stimme schleifte hinter ihm her wie die Fetzen seines eigenen Lebens. Nur seine Haare waren nicht gealtert. Dunkel und üppig wuchsen sie auf seinem kleinen Kopf, als würden sie durch Alkohol gedüngt.

»Die Wettkämpfe«, rief Crabbe und machte unplanmäßig halt, »das verdammte Zelt ist nicht aufgestellt!«

»Sie werden’s schon aufbauen«, versicherte ihm de Lisle freundlich. »Sie wurden durch den Bauernaufstand aufgehalten.«

»Der hintere Weg von der andern Straße her ist leer wie eine Kirche; verdammte Hunnen«, fügte Crabbe vage hinzu, als wäre das ein Gruß, und setzte mühselig seinen eingeschlagenen Weg fort.

De Lisle folgte ihm langsam über den Flur und stieß Tür nach Tür auf, spähte hinein, um einen Namen oder einen Gruß zu rufen, bis er schließlich das Zimmer des Leiters der Politischen Abteilung erreichte. Er klopfte fest an und beugte sich hinein.

»Alle da, Rawley«, sagte er. »Bin fertig, wenn Sie es sind.«

»Ich bin schon fertig.«

»Sagen Sie, Sie haben mir nicht irgendwann meinen elektrischen Ventilator gemaust, was? Er ist ganz und gar verschwunden.«

»Gott sei Dank bin ich kein Kleptomane.«

»Ludwig Siebkron bittet zu einer Besprechung um vier Uhr«, flügte de Lisle ruhig hinzu, »im Innenministerium. Er wollte nicht sagen, weswegen. Ich setzte ihm zu, und er wurde wütend. Er sagte lediglich, er wolle unsere Sicherheitsvorkehrungen diskutieren.«

»Unsere Vorkehrungen sind völlig ausreichend, so wie sie sind. Wir haben sie erst letzte Woche mit ihm diskutiert. Dienstag wird er mit mir zu Abend essen. Ich kann mir nicht vorstellen, was wir noch tun sollten. Die Polizisten wimmeln hier nur so ’rum. Ich lasse nicht zu, daß er aus der Botschaft eine Festung macht.«

Die Stimme war nüchtern und selbstsicher, kultiviert, aber auch militärisch, eine Stimme, die viel unausgedrückt ließ, eine Stimme, die ihre Geheimnisse und ihre Souveränität wahrte, gedehnt und doch beißend knapp.

De Lisle trat einen Schritt in das Zimmer, zog die Tür zu und ließ das Schloß einschnappen.

»Wie lief’s denn gestern nacht?«

»Angemessen. Sie können das Protokoll lesen, wenn Sie wollen. Meadowes bringt es dem Botschafter.«

»Ich nehme an, das war’s, weshalb Siebkron angerufen hat.«

»Ich bin nicht verpflichtet, Siebkron Bericht zu erstatten, noch habe ich das vor. Und ich kann mir nicht vorstellen, warum er zu dieser Zeit anruft, noch, warum er eine Besprechung ansetzt. Ihrer Phantasie kann ich nicht folgen.«

»Wie dem auch sei, ich habe für Sie zugesagt. Es schien mir angebracht.«

»Für wieviel Uhr sind wir vorgeladen?«

»Vier Uhr. Er schickt einen Wagen.«

Bradfield runzelte mißbilligend die Stirn.

»Er macht sich Sorgen wegen des Verkehrs. Er glaubt, eine Eskorte würde die Dinge erleichtern«, sagte de Lisle zur Erklärung.

»Ach so. Ich glaubte für einen Moment, er wollte uns die Ausgaben ersparen.«

Das war ein Scherz, den sie schweigend genossen.

2

»ICH KONNTE IHR GESCHREI DURCH DAS TELEFON HÖREN…«

Die tägliche Konferenz der Politischen Abteilung der Bonner Botschaft findet normalerweise um zehn Uhr statt, zu einer Zeit, die jedem erlaubt, vorher seine Post zu öffnen, einen Blick auf seine Telegramme und seine deutschen Zeitungen zu werfen und sich vielleicht auch von den ermüdenden gesellschaftlichen Verpflichtungen des vergangenen Abends zu erholen. De Lisle verglich ihr Ritual oft mit den Morgengebeten in einer agnostischen Gemeinde: obwohl sie wenig zur Inspiration oder Instruktion beitrug, schlug sie doch den Ton für den Tag an, diente als Anwesenheitsliste und vermittelte ein Gefühl gemeinschaftlicher Aktivität. Früher einmal waren die Samstagskonferenzen halbe Sachen, zu denen man in Sportkleidung ging, wenn man wollte, um die verlorene Distanz von den Dingen wiederzugewinnen oder um sich den Sinn für Muße zu erhalten. Das war nun alles vorbei. Die Samstage wurden in die allgemeine Alarmstimmung einbezogen und der an Wochentagen üblichen Disziplin unterworfen.

Sie traten nacheinander ein, de Lisle an ihrer Spitze. Wie gewöhnlich, begrüßten einige einander, die übrigen nahmen schweigend ihre Plätze auf den im Halbkreis stehenden Stühlen ein, blätterten ihre Bündel farbiger Telegramme durch oder starrten mit leerem Blick durch das große Fenster auf die Überbleibsel ihres Wochenendes. Der Morgennebel war aufgerissen, schwarze Wolken hatten sich über dem hinteren Betonflügel der Botschaft angesammelt; die Antennen auf dem Flachdach standen wie surrealistische Bäume gegen die neue Finsternis.

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