Ein Mörder kehrt heim - Christian Ditfurth - E-Book

Ein Mörder kehrt heim E-Book

Christian Ditfurth

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Beschreibung

Hilfsbereitschaft ist gefährlich. Vor allem, wenn eine schöne Frau einen um einen klitzekleinen Gefallen bittet. Prompt hat Matti die Leiche eines alten Freundes vor den Füßen und die Polizei an den Hacken. Und die schöne Frau verschwindet. Matti fährt Taxi in Berlin und lebt zusammen mit Twiggy und Dornröschen in der Okerstraßen-WG in Neukölln. Und landet als Hauptverdächtiger im Knast. Die Leiche heißt Georg und war Terrorist. Er gehörte zu den wenigen RAF-Untergrundkämpfern, die der Polizei entkommen konnten. Was wollte Georg in Berlin? Eine Bank überfallen, um die Altersversorgung aufzustocken? Welche Rolle spielt seine Tochter Anja, in die Matti sich verliebt hat? Welche Geschäfte treiben die alten Stasi-Genossen, zu denen Georgs Spur führt? Die WG begreift, dass hinter allen Rätseln ein großer Coup steckt. Sie müssen ihn aufdecken und Georgs Mörder finden. Sonst vermodert Matti hinter Gittern.

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>Informationen über dieses Buch:www.cditfurth.de

Copyright © 2013 by carl’s books in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Covergestaltung: semper smile

Covermotiv: H. & D. Zielske / LOOK-foto

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10923-3V004

www.carlsbooks.de

Marschiert die Truppe durch schwieriges und unwegsames Gelände mit feuchten Niederungen und Schilfrohr oder durch Berge und Wälder mit dichtem Unterholz, ist größte Vorsicht geboten und die Umgebung immer wieder zu durchkämmen, denn dies sind die Orte, an denen Hinterhalte gelegt werden und Kundschafter lauern.

Sunzi

Die Kapitelüberschriften sind Song-Titel von Traffic.

Prolog

Ein idealer Ort für einen Mord.

Es war helllichter Tag, aber im Wald dämmerte es. Der Boden dampfte. Es war kalt, doch die Frau schwitzte. Der Mann folgte ihr mit einem Schritt Abstand, die Pistole in der Hand. Ein Ast knackte. Die Autobahn rauschte. Ab und zu ratterte fernab ein Zug über Gleise. Am Himmel heulten Flugzeuge, die auf dem Frankfurter Flughafen landeten oder starteten.

Ein idealer Tag für einen Mord.

Der Mann hatte sie am Hauptbahnhof abgeholt und nur gesagt: »Wir fahren zum Depot.«

Daran klammerte sie sich, obwohl sie bald ahnte, dass er sie täuschte. Er hätte sagen müssen: Ich muss dich hinrichten. Du hast uns verraten. Und wenn du es nicht schon hast, wirst du es tun. Das musst du verstehen. Aber er hatte gesagt: »Wir fahren zum Depot.«

In Depots versteckten sie Waffen und Pässe. Sie selbst hatte geholfen, geheime Lager einzurichten.

Ein Uhu klagte.

»Weiter, wir sind gleich da.« Der Mann sprach hastig. »Dorthin. Du siehst die Tanne mit dem Fleck?«

Sie sah den Stamm, an dem Rinde fehlte.

Er hat sich schon einen Platz ausgesucht, dachte sie. Er hat es vorbereitet. So was musste man planen. Hier würde niemand den Schuss hören. Vögel zwitscherten. Ein Specht hämmerte.

Vorn riss die grüne Decke auf, die Sonne zeichnete helle Flecken auf dem Boden. Der war weich, moosig. Ein Pfeifen irgendwoher.

Kein schlechter Platz zum Sterben.

»Weiter«, sagte der Mann.

Als sie am Stamm waren, sagte er: »So, jetzt rechts, da hinunter.«

Sie sah die Kuhle, laubbedeckt. Am Tiefpunkt war es schwarz, feucht. Was hier geschah, konnte niemand sehen, nicht einmal ein Spaziergänger, der die Waldwege verlassen hatte. Es sei denn, er stand am Rand der Kuhle. Aber da stand niemand, und niemand würde ihr helfen. Warum auch? Sie hatte Banken überfallen und Menschen getötet. Nicht selbst getötet, aber dabei geholfen, und das war das Gleiche. Nun war sie dran mit Sterben. Der Gedanke tröstete sie. Jeder hatte seine Zeit. Sie stapfte in die Kuhle, der Mann blieb dicht hinter ihr. Sie hörte seinen Atem. Sie waren weit gelaufen auf tiefem Waldboden.

Als Kind hatte sie gern im Grunewald gespielt. Es hatte so gerochen wie hier, und die Luft war neblig gewesen von der Nässe, die aus dem Boden dampfte, wenn die Sonne ihn wärmte. Die Luft war modrig, schwer. Der Bodennebel dämpfte die Geräusche, alles klang fern.

»Stehen bleiben!«, befahl der Mann. Er blickte sie mit stumpfen Augen von der Seite an, schüttelte den Kopf, als hätte er ein lautloses Selbstgespräch beendet und zog die Pistole.

Sie kniete sich nieder, und er trat hinter sie.

Sie kannte das Geräusch, wenn der Pistolenhahn gespannt wurde.

1: Empty Pages

Robbi saß auf der Küchenfensterbank. Sein schwarz-weißes Fell glänzte in der Sonne. Der Kater gähnte und streckte sich. Plötzlich erstarrte er. Dann folgten seine Augen einer Fliege, die um ihn herumkurvte, als wäre sie ein Flugzeug und er King Kong auf der Spitze des Empire State Building. Robbi wartete, bis sich die Fliege an die Scheibe gesetzt hatte. Er schlug ansatzlos zu und steckte sich das Insekt ins Maul. Er kaute länger, als die Portion es hergab. Zufrieden machte er sich lang auf der Fensterbank.

»Hast du toll gemacht«, sagte Twiggy. Er nahm einen Schluck von seinem Morgenkaffee, ohne seine Lektüre zu unterbrechen. »Der Innensenator ist stolz«, sagte er. »Seiner Taktik sei es zu verdanken, dass es am 1. Mai vergleichsweise ruhig geblieben sei.«

»Kein Wunder«, erwiderte Matti, der den Politikteil der Berliner Zeitung las. »Bullen, überall Bullen.«

»Von wegen neue Taktik«, erklärte Dornröschen mit vollem Mund. »Er hat nur nachgemacht, was der Vorgänger sich ausgedacht hatte. Dabei hat er den immer als Weichei angepisst, als er noch Oppositionsführer war.«

»Innensenator bleibt Innensenator, egal, wie er heißt«, brummte Matti. »Vielleicht kriege ich heute auch noch mal den Berlinteil?«

»Wird ein Politiker Innensenator, verwandelt er sich in einen Bullenknüppel in Menschengestalt«, antwortete Dornröschen, während sie in ihrem Teebecher rührte.

Es war ein schöner Morgen. Die Maisonne wärmte die Küche. Matti freute sich fast, gleich in die Manitiusstraße zu radeln, wo sein Chef Ülcan eine Taxiklitsche betrieb und unbeirrbar glaubte, dass alles, was er tat, nur dem Wohl seiner Fahrer diente. Die ihn zum Dank nach Strich und Faden betrogen. Da aber Mohammed ihn mahnte, barmherzig zu sein, hatte Ülcan noch nie einen seiner Lenkradknechte rausgeschmissen. Obwohl dieses Pack es tausendfach verdient hätte. Matti stellte sich vor, wie er den Steinzeit-Daimler durch die Stadt steuerte, die milde Luft in der Nase, die blühenden Bäume und Büsche vor Augen. Und die schon sommerlich gekleideten Frauen im Blick.

Dornröschen hatte am Abend erzählt, dass es in ihrer Stadtteilzeitung gerade gut lief, das Blättchen war also nicht praktisch, sondern nur theoretisch pleite, was die WG als epochalen Fortschritt pries. Dornröschen war die Chefin in der Redaktion, in der es natürlich keinen Chef gab.

Twiggy hatte sich wieder in der Nacht herumgetrieben und war mit einem Karton feinsten Espressokaffees heimgekehrt. Im Vorratsschrank hatte er Dosen mit Thunfischkatzenfutter getürmt, und so war auch Robbi zufrieden. Matti fiel ein, dass sie in letzter Zeit Momente der Sorgenlosigkeit erlebt hatten. Es war zu gut, um wahr zu sein.

Wie zur Bestätigung klingelte das Telefon im Flur. Niemand bewegte sich. Es klingelte wieder. Matti warf einen Blick zu Dornröschen, die hatte sich das Feuilleton geschnappt und rümpfte die Nase. Twiggy hob den Kater auf seinen Schoß. Beim fünften Klingeln schnaufte Matti empört und latschte in den Flur.

»Ja?«, fragte er unwillig.

»Spreche ich mit Matthias Jelonek?« Eine Frauenstimme, jung, aufgeregt.

»Ja, mit wem spreche ich?«

»Anja Barth.«

»Und was wollen Sie?«

»Mit dir reden.«

»Aha. Worüber? Warum?«

»Das würde ich dir lieber nicht am Telefon erzählen.«

»Woher hast du meine Nummer?«

»Nicht am Telefon.«

In der Stimme lag ein Drängen. Sie musste ihn um jeden Preis sprechen.

»Ich weiß nicht«, sagte Matti. »Ich kenne dich nicht.«

»Aber du kennst … Ingeborg.«

»Hm.«

»Ihr habt euch wegen ihr gestritten, am 17. Januar 1972, auf einer der letzten Redaktionssitzungen der Agit 883. Mehr kann ich jetzt nicht sagen.«

Matti überlegte kurz. Nein, das war keine Falle oder eine verdammt gute. »Kann ich dich zurückrufen?«

»Ja.« Sie nannte eine Handynummer.

»Ingeborg, Ingeborg, da war doch was?«, sagte Matti, als er wieder am Küchentisch saß.

Twiggy runzelte die Stirn. Dornröschen kratzte sich hinterm Ohr und gähnte. Sie trug das rote Seidenkleid, das ihr so gut stand, und guckte Matti durch die runden Gläser ihrer silbrigen Brille fragend an.

»Nachname ist vielleicht Barth. Jedenfalls nannte sich die Frau am Telefon so und behauptete, Ingeborgs Tochter zu sein. Sie sagte, ich hätte mich wegen Ingeborg auf einer Redaktionskonferenz von Agit 883 gefetzt. Sie konnte sogar das Datum nennen. 17. Januar 1972.«

»Kurz vor Ultimo also. Was war da?«, fragte Twiggy.

»Keine Ahnung«, erwiderte Matti.

»Und mit wem sollst du dich gefetzt haben?«

Matti zuckte mit den Achseln.

»Ihr habt wohl Alzheimer«, sagte Dornröschen. Sie lachte. »Ingeborg Barth, die kennen wir. Wenigstens den Namen. Die gehörte zur RAF. War aber eher ein kleines Licht. Irgendwann, 1972 glaube ich, ist sie verschwunden. Und nicht mehr aufgetaucht.«

Twiggy schlug sich an die Stirn. »Und keiner wusste, was mit der passiert ist.«

»Genau«, sagte Dornröschen. »Mal hieß es, Baader habe sie erschossen, weil sie auspacken wollte. Dann hieß es, sie sei abgetaucht, Bagdad oder so. Hat jedenfalls ein Kronzeuge behauptet.«

»Wegen der soll ich mich gestritten haben, sagt diese Anja. Ich kann mich echt nicht erinnern. Aber Barth, jetzt weiß ich es auch wieder.« Er hatte es verdrängt, klare Sache. Matti versuchte sich zu entsinnen, worum es auf dieser Redaktionssitzung gegangen sein konnte. Aber er kam nicht drauf. Wahrscheinlich um den bewaffneten Kampf, revolutionäre Gewalt oder die Anmaßung, anstelle der Arbeiterklasse zu kämpfen. Es kam ihm unendlich lang her vor. Er hatte an einigen dieser für alle offenen Zusammenkünfte teilgenommen, auf denen die Basis entschied, was in der Anarchozeitschrift erschien. Aber er war erst in der Endphase dazugestoßen, bald danach war das Blatt eingeschlafen.

Robbi begann laut zu schnurren. Twiggy kraulte, was das Zeug hielt.

»Und wenn das eine Provokation ist? Die Bullen haben noch eine Rechnung offen mit uns«, sagte Matti.

»Quatsch«, sagte Dornröschen. »Wir haben mit dieser Geschichte doch nichts zu tun, oder?«

Twiggy verzog den Mund.

Matti schüttelte den Kopf, Twiggy mit Verzögerung auch.

»Hm. Eigentlich spricht nichts dagegen, dass du dir die Dame mal anschaust«, sagte Dornröschen. »Oder auch nicht.«

»Vielen, vielen Dank für die Genehmigung«, sagte Matti. Twiggy grinste.

Dornröschen lächelte. Sie war in der gnädigen Phase ihrer schnippischen Periode.

Er sah sie kommen, als sie auf dem Kreisweg an der Skulptur Schreitender Mensch vorbeiging und sich dem Ausgang des Görlitzer Parks an der Oppelner Straße näherte. Ihr Blick suchte ihn. Sie trug Jeans, Turnschuhe und eine Trainingsjacke und sah verdammt gut aus. Ihre Mutter war eine Schönheit gewesen. Matti hatte im Internet Bilder gefunden, die es bewiesen. Und er konnte sich schemenhaft an ihr Aussehen erinnern. Es war Anjas Vorschlag gewesen, sich hier zu treffen. Matti erinnerte die Geheimnistuerei an die Zeit, als die WG fast in den Untergrund abgetaucht wäre. Als sie schon ein Waffenversteck eingerichtet hatten, aus dem sie Jahrzehnte später die drei Makarows holten, die seitdem unter der Fensterbank in der Küche lagen.

»Ich werde dich erkennen«, hatte Anja gesagt, und sie erkannte ihn. Sie war einen halben Kopf kleiner als er, als sie ihm die Hand gab. »Wollen wir ein Stück gehen?«

Sie schlenderten in Richtung Parkteich.

»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll«, sagte sie. »Es ist verworren.«

»Am Anfang«, sagte Matti trocken.

Sie hatte ein feines Profil, betont durch kurze blonde Haare. Sie lachte leise. »Also am Anfang. Du kennst die Geschichte meiner Mutter.« Das war keine Frage. Sie blickte ihn kurz an von der Seite, und er nickte.

»Sie ist verschwunden. Angeblich hat Baader sie ermordet. Aber das kann auch Tarnung sein, und sie ist untergetaucht. Baader traut man alles zu, und er kann nicht widersprechen.«

Matti nickte. »Hast du jemals von ihr gehört?«

»Nie. Kein Zeichen.«

»Eine Mutter, die ihre Tochter im Stich lässt.«

»Hat Ulrike doch auch gemacht. Was zählen die eigenen Kinder, wenn es um die Weltrevolution geht? Aber deswegen wollte ich dich nicht sprechen. Es geht um was anderes, auch wenn es damit zu tun hat.«

Matti blickte sie neugierig an. Sie versank in sich, während sie neben ihm ging.

Auf dem Fußballplatz wurde gekickt. Auf Bänken hockten Schwarzafrikaner, auch eine Frau mit Kinderwagen, zwei Jungs alberten herum. Ein Mann in indischer Kleidung saß mitten im Müll, den die Griller zur Freude der Nebelkrähen hinterlassen hatten, und lehnte sich an einen Baum. Ein paar Meter neben ihm jonglierte ein schwarzlockiger Mann mit Keulen.

»Mich hat jemand angerufen. Er nannte sich Michael. Und er hat gesagt, er sei mein Vater.«

»Mal von ihm gehört?«, fragte Matti.

Sie schüttelte den Kopf.

»Aber du hast einen Vater?«

»Klar, der wohnt in Berlin. Ich besuche ihn regelmäßig. Seine Frau ist wie eine Mutter für mich.«

»Und was sagt dein Vater dazu, dass sich dieser Michael gemeldet hat?«

»Ich hab’s ihm nicht gesagt. Vielleicht ist Michael ein Spinner. Aber er hat gesagt, ich soll dich fragen. Er kannte deinen Namen.«

Matti überlegte. »Ich kenne keinen Michael.«

Sie lachte bitter. »Das ist ja auch nicht sein richtiger Name. Er sagte: Geh zu Matthias Jelonek, wenn’s den noch gibt. Und sag ihm einen schönen Gruß von Georg, mit dem er dereinst im Terzo Mondo Pizza Margherita gegessen hat.«

Matti blieb stehen. Am Wegrand stand ein Pärchen eng umschlungen. Weitab hupte es.

»Was ist?«, fragte sie. Sie war einen Schritt weitergegangen und drehte sich zu ihm um. »Kennst du diesen Georg?«

»Ja«, sagte Matti. Er hatte ihn vergessen, und das war gut gewesen. Georg Westreich, der das Gespräch mit Matti suchte, der ihn ein-, zweimal im Monat zum Pizzaessen einlud. Georg war bei der Schwarzen Hilfe gewesen und auch sonst gut dabei. Vielleicht sah er in Matti einen Genossen mit Perspektive. Vielleicht war es auch einfacher, und er wollte den jungen Typen vom Dorf beeindrucken, weil er sonst niemanden beeindrucken konnte. Matti war gerade nach Westberlin gekommen, um der Bundeswehr zu entgehen. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und war immer knapp bei Kasse. Und es beeindruckte ihn, jedenfalls am Anfang. Für Georg fanden die Genossen im Terzo Mondo immer einen Platz. Er durfte anschreiben lassen in der Kneipe in der Grolmanstraße. Ein schlaksiger, eckiger Typ, mit roten Haaren, unrasiert, spitzes Kinn. Der immer redete, pausenlos, mit feuchter Aussprache. Er hatte einer Genossin ein Kindgemacht. Das hatte er Matti erzählt. Aber nicht, wem. Jetzt wusste er es.

»Wann bist du geboren?«, fragte er Anja.

»14. Januar 1972.«

»Und wann ist deine Mutter verschwunden?«

»Ein paar Wochen nach meiner Geburt.«

»Die Mutter verschwunden, der Vater offenbar auch«, sagte Matti versonnen.

»Vielleicht.«

»Und der Mann, der all die Jahre dein Vater war, weiß nichts?«

»Ich glaube nicht. Er war mit meiner Mutter zusammen, als ich gezeugt wurde. Im Prinzip jedenfalls. Wäre nicht das erste Mal, dass eine Frau ein Kind von einem Mann kriegt, während sie eine Beziehung mit einem anderen hat.«

»Das sagt nichts.«

»Stimmt.«

Sie gingen ein paar Schritte.

»Aber bewiesen ist gar nichts. Kann trotzdem sein, dass dein Vater … also, dass der Mann, der dich aufgezogen hat, dein richtiger Vater ist. Am Telefon kann man viel behaupten.«

»Michael alias Georg hat gesagt, ich sei gezeugt worden, als meine Mutter und Kurt … so heißt mein Vater … eine Krise hatten. Angeblich. Und da hat meine Mutter was mit diesem Georg angefangen. Kurz nur, aber für mich hat es gereicht.«

»Man könnte es leicht überprüfen. Gentest, und alles ist klar«, sagte Matti. Und fragte sich, wie eine Frau wie Ingeborg etwas mit Georg anfangen konnte.

»Kurt ist mein Vater, da brauche ich keinen Gentest. Ich bin vierzig, mir könnte das alles egal sein. Was zählt schon die Blutsverwandtschaft, wenn man so einen Vater hat wie Kurt?«

»Aber es beschäftigt dich doch«, sagte Matti.

»Ja, das ist komisch, nicht wahr?«

Ein Haufen Kinder lärmte vorbei. Das Geschrei einer Kindergärtnerin übertönte alles. Sie brüllte Anweisungen über den Park, aber die Horde scherte sich nicht darum.

»Wer ist dieser Georg?«, fragte sie.

Sie querten die Brücke über das Görlitzer Ufer. Ein Ausflugsschiff fuhr auf dem Landwehrkanal unter ihnen. Die Stimme des Reiseführers hallte.

»Eines Tages war er weg. Ich hatte eine Verabredung mit ihm, aber er kam nicht. Weil ich mir Sorgen machte – er war sonst pünktlich –, ging ich zu seiner WG, aber die hatte ihn auch nicht mehr gesehen. Einfach verschwunden. Bis er auf Fahndungsplakaten auftauchte. Als Terrorist.«

»Was hat er getan?«

»Banküberfälle, Bombenanschläge auf US-Kasernen. Sie haben ihm auch einen Mord angehängt. Westreich und Genossen wollten einen Richter entführen, aber der wehrte sich, und irgendeiner verlor die Nerven und schoss.«

»Mord würde erklären, warum er sich nicht mehr gemeldet hat«, sagte sie. »Insofern bestätigt er den Vorwurf durch sein Verhalten.«

»Sieht so aus auf den ersten Blick. Aber vielleicht wollte er sich nicht für einen Mord einsperren lassen, den er nicht begangen hat. Stell dir vor: Die schnappen sich den Richter, und einer erschießt ihn, obwohl sie vorher abgesprochen hatten, dass auf keinen Fall geschossen wird. Wenn ich mich an die Stammheimer Urteile erinnere, würde ich auch Angst kriegen.«

»Er will mich treffen.«

»Wo?«

»Hier, in Berlin. Deshalb hat er angerufen.«

»Aber nach ihm wird doch bestimmt noch gefahndet.«

»Ja, kann man auf der BKA-Website lesen.«

»Warum kommt er dann?«

»Er sagt, er habe was zu erledigen. Und vorher wolle er mich sehen.«

»Was hat er vor?«

»Ich weiß es nicht.«

»Er will dich sehen, und dann will er irgendwas erledigen?«

»Ja. So habe ich es verstanden.«

Links lag der Gebäudekomplex des Bundeskriminalamts und des Antiterrorzentrums. Matti deutete hin. »Vielleicht weil er dort auspacken will?«

»Was ist dort?«

»Das Reichssicherheitshauptamt 2.0«, sagte Matti.

»Wie bitte?«

»Wir nennen das in der WG so. Hier haben sich VS und BKA gemeinsam verbunkert.«

»Ach so.« Sie lachte kurz.

»Will er aussagen, was meinst du?«, fragte Matti.

»Hab ich mir auch schon überlegt.«

»Oder er will etwas Gefährliches tun und weiß nicht, ob er dich danach noch treffen kann.«

»Weil er vielleicht tot ist?«

»Könnte doch sein, er plant einen Banküberfall, weil ihm die Knete ausgeht. Und will dann schnell wieder abtauchen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Dazu muss er nicht nach Berlin kommen. Banken gibt es überall. Ich glaube, er geht zum Staatsanwalt. Kronzeuge, so was.«

»Es sei denn, er hat nur in Berlin Genossen gefunden, die mitmachen«, warf Matti ein.

»Er war seit Jahrzehnten nicht mehr in Berlin«, sagte sie.

»Vielleicht, vielleicht nicht.«

Sie gingen schweigend ein paar Schritte.

»Ist schon seltsam, du hättest am Telefon ja sagen können: Lass mich in Ruhe!«, sagte Matti.

»Ja, hätte ich vielleicht tun sollen. Aber ich konnte nicht.«

»Scheiß Gene«, sagte Matti.

Sie lachte leise. »Ich verstehe es selbst nicht. Du sagst, Georg sei dein Freund gewesen?«

»So würde ich das nicht nennen. Er war ein bisschen älter als ich und schon eine Weile in Berlin. Er kannte die Szene gut, und ich kam vom Dorf. Da hat es ihm gefallen, den erfahrenen Genossen raushängen zu lassen. Aber gewiss, er hat mir geholfen.«

»Und die Essenseinladungen?«

»Er wusste, dass ich knapp bei Kasse war. Und es gefiel ihm, sich großzügig zu zeigen. Er wollte, dass die anderen ihn im besten Licht sahen.«

»Ein Angeber?«

»Nicht so krass. Aber er suchte Anerkennung.«

»Warum hat er mich an dich verwiesen? Du warst ja bei meiner Zeugung nicht dabei. Oder doch?« Ihr Gesicht färbte sich rosa.

Matti lachte. »Nein, so war es nun auch nicht. Ich soll dir bestimmt nur bestätigen, dass es ihn gibt, dass es möglich ist und dass er nicht verrückt ist.«

»Mein Vater, der Terrorist«, sagte sie.

Matti tat sie leid. Bis vor ein paar Tagen waren die Dinge einfach für sie gewesen. Sie hatte schon verkraften müssen, dass ihre Mutter sie im Stich ließ. Und jetzt konnte sich herausstellen, dass sie bei fremden Leuten aufgewachsen war. »Aber du wirst ihn treffen?«

»Ja«, sagte sie.

»Und was dann?«

»Keine Ahnung.«

»Soll ich mitkommen?«

Sie schwieg lange. Radfahrer zockelten vorbei, vorneweg ein Reiseführer, der vom Mauerweg erzählte. »Hier am Westufer verlief die Grenze«, rief er über die Schulter.

»Nein, besser nicht. Ich kann auf mich selbst aufpassen … Entschuldigung, war nicht so gemeint.«

Matti winkte ab. »Aber du rufst mich an, wenn du ihn gesehen hast, ja?«

Sie nickte. »Klar.«

»Was machst du eigentlich sonst so?«

»Wie meinst du das?«

»Beruf …«

»Öffentlichkeitsarbeit für Plattenfirmen, mal ein Artikel in Zitty oder Tip. Auch mal Radio.«

Matti hat das Gespräch noch im Kopf, als er zwei Tage später am Hauptbahnhof auf Fahrgäste wartete. Er hatte die Nachtschicht von Aldi-Klaus übernommen, weil der genölt hatte, er sei schon so oft für Matti eingesprungen. Und nun habe er die Frau seines Lebens kennengelernt, und gerade in dieser Nacht entscheide sich alles. Da müsse Matti für ihn fahren.

Ein Trupp besoffener Touristen in Anoraks lärmte vorbei. Matti kurbelte das Seitenfenster hoch und lehnte sich zurück. Eine merkwürdige Geschichte, dachte er. Alles war so weit weg, und jetzt holte es ihn doch ein. In Anjas Haut möchte ich nicht stecken. Eigentlich konnte Westreich ihr egal sein. Und der hätte sich besser nicht gemeldet. Was hatte sie davon, nach vierzig Jahren ihren leiblichen Vater kennenzulernen, wenn er es denn war? Matti stellte sich vor, wie Westreich irgendwo im Nahen Osten untergetaucht war und dort mehr vegetierte als lebte. Hatte er Ingeborg dort wiedergetroffen? Waren sie ein Paar? Anjas Eltern. Wenn es stimmte, dass sie in Bagdad lebte, wie hatte sie die Kriege überstanden? Wie die Sanktionen des Westens gegen Saddam Hussein, die das Volk ins Elend stürzten, nicht aber den Machthaber und seine Satrapen? Wie kamen sie klar in einer so fremden Welt? Wie sollten sie sich politisch engagieren? Wie ihre kulturellen Bedürfnisse stillen?

Er rollte einen Platz nach vorn.

Vermutlich war Ingeborg längst tot. Sie war nicht zurückgekommen, als das BKA sie von der Fahndungsliste gestrichen hatte. Aber vielleicht fürchtete sie, dass noch etwas herauskommen könnte, das ihr ein paar Jahre Knast einbrachte.

In der Mittelablage lag das gelbe Bändchen mit den Sprüchen von Konfuzius. Im Handschuhfach würde er Laozi finden. Auf dem Beifahrersitz wartete Sunzis »Kunst des Krieges«. Nachdem er mit der Chinamarotte angefangen hatte, konnte er nicht mehr aufhören. Es war die richtige Literatur für einen Taxifahrer, kurze Texte, deren Lektüre er jederzeit unterbrechen konnte. Und Weisheiten, die so ziemlich immer und überall galten.

Die Wucht des reißenden Wassers, mit der es den Stein treibt, rührt von seiner geballten Kraft. Die Wucht des Raubvogels, mit der er die Beute schlägt, stammt von der Koordination seiner Bewegungen.

Das Handy klingelte um 6 Uhr 10, kurz vor Schichtende. Eine unbekannte Nummer. Er nahm das Gespräch an.

»Matti, du musst kommen! Sofort!«, kreischte Anja. »Komm, schnell!«

»Wohin?«

»Volkspark Friedrichshain … am Teich, ich weiß den Namen nicht! Hier ist auch so ein Café …«

»Ist gut, ist gut. Bin schon unterwegs.«

Er scherte aus der Warteschlange aus und raste los wie ein Besengter. Er überhörte das wütende Gehupe, erwischte zwei Ampeln bei Hell- und eine bei Dunkelrot, sah im Rückspiegel schemenhaft, wie ein Radfahrer trudelte, und legte die Vorfahrtsregeln eigensinniger aus denn je. Er raste Am Friedrichshain entlang, vorbei am Kino bis zum Sträßchen, das in den Park hineinführte. Die rot-weiße Schranke war oben, und er fuhr in Richtung Café Schoenbrunn. Davor stellte er das Taxi ab mit quietschender Bremse, sprang aus dem Wagen, knallte die Tür zu und rannte zum Teich. Es war menschenleer. Schwarze Wolken verdunkelten die Morgendämmerung. Anja saß neben einem Busch am Ufer auf dem Boden, das Gesicht in den Händen vergraben. Etwa zwei Meter neben ihr lag ein Mann. Auf dem Rücken. Zwischen ihr und dem Mann auf dem Boden stand ein Typ im Jogginganzug, das Handy am Ohr. Er wies Matti mit der Hand ab. Und dem kroch der blöde Gedanke ins Hirn, dass alte Männer nicht in Laufklamotten passten. »Polizei? Hier liegt eine Leiche. Am Großen Teich, Volkspark Friedrichshain … nein, ich achte drauf, dass niemand etwas anfasst.« Als Matti neben ihr stand, sah er, dass der Mann auf dem Boden ein Loch im Kopf hatte. Blut sickerte aus dem Loch über das bleiche Gesicht unter kurzen, leuchtend roten Haaren. Er hatte nicht zugenommen, hatte immer noch das kantige Gesicht, wenn auch mit Falten. Das Kinn ragte zum Himmel.

Er starrte auf das Loch. Sie schluchzte. Als sie den Kopf hob, sah er ihre rot geweinten Augen. Ihre Unterlippe zitterte. Sie blickte zur Leiche, als müsste sie sich vergewissern, dass der Mann tot war. Er kniete sich zu ihr und nahm ihre Hand.

»Das ist er. Mein Vater. Er hat es gesagt.«

»Hast du die Polizei gerufen?«

Sie schüttelte den Kopf und wies auf den Mann im Jogginganzug.

Matti holte sein Handy aus der Hosentasche und wählte Hauptkommissar Schmelzers Privatnummer.

»Ja?«, sagte Schmelzer, nachdem es lang geklingelt hatte. Er klang unwirsch. Matti befriedigte es, dass er ihn wecken konnte.

»Jelonek. Kommen Sie zum Volkspark Friedrichshain. Am Großen Teich, da liegt eine Leiche. Erschossen. Ein Passant hat das schon gemeldet, aber man weiß ja nicht …«

Schmelzer schnaufte. »Lassen Sie alles, wie es ist. Verändern Sie bloß nichts. Wir sind gleich vor Ort.«

Matti trennte das Gespräch und nahm Anjas Hand. »Komm.« Und zum Jogger sagte er: »Achten Sie auf die Leiche, ja?«

Der Jogger nickte. Er war hier der Chef.

Sie ließ sich führen wie eine Puppe. Ihre Hände zitterten. Sie gingen zum Café. Es hatte noch geschlossen.

Matti stellte zwei Stühle auf.

»Was ist passiert?«, fragte er, als sie sich gesetzt hatten.

»Wir haben uns … hier getroffen …«

»Um diese Zeit?«

»Ja.« Sie guckte auf die Armbanduhr. »Um sechs Uhr.«

Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Hängetasche und trocknete sich die Augen.

»Er hat dich angerufen?«

»Ja, heute früh.«

»Und sich mit dir hier verabredet?«

Sie nickte.

Ein Turboradler raste vorbei auf einem Gerät, das fast unsichtbar war, so dünn waren Rahmen und Reifen.

Ihm fiel ein, dass es unklug sein könnte, dem Jogger das Aufpassen allein zu überlassen. Der Typ war nicht mehr ganz frisch. Vielleicht kippte er um vor Schreck. Und wenn dann ein Hund oder die Krähen, Berlins heimliche Herrscher … Aber der Laufgreis schien noch halbwegs fit zu sein. Den würde nicht gerade jetzt der Infarkt einholen, vor dem er weglief. Der würde die Leiche bewachen, bis die Staatsmacht anrollte. Die Bullen waren sowieso gleich da, und die sollten sich um den Toten kümmern. Matti spürte in sich ein ungeheures Erschrecken. Das war nicht sein erster Toter, aber er würde sich nie an den Anblick gewöhnen. Nicht an das Loch im Kopf und das Blut.

Ein Motor heulte irgendwo auf, dann war es wieder still.

Ein Pärchen in Supersportklamotten hüpfte mehr auf dem Asphaltweg, als dass es lief. Er trug einen mächtigen Sportcomputer am Handgelenk und hatte sich Hörer in die Ohren gestopft. Sie sah genauso aus, ließ man außer acht, dass sie kleiner war und zur Magersucht neigte. Sie merkten gar nicht, dass hier ein Mord geschehen war.

»Seid ihr dann zum Teich gegangen?«

»Nein.« Anja schüttelte heftig den Kopf.

»Aber er liegt da.«

»Ja.«

»Wie kommt er zum Teich?«

» Wir sind umhergelaufen, weiß gar nicht mehr, wo. Sein Handy klingelte …«

»Hat ihn jemand dorthin bestellt?«

»Ja … offenbar.«

»Was hat er gesagt, als er angerufen wurde?«

»Er war erst überrascht. Und dann hat er gestottert. Irgendwas wie ›Du hier?‹, und dann hat er gesagt: ›Fünf Minuten nur. Gut, eigentlich habe ich keine Zeit.‹« Sie schluchzte.

Matti hörte das Geheul der Bullensirenen. »Und dann ist er zum Teich gegangen.«

»Ja, und verschwunden.«

»Und hat er gesagt, warum er weggeht?«

Sie überlegte. »Nein, also … Ich komm gleich wieder, mehr nicht.«

Ein blau-weiß lackierter BMW mit Blaulicht raste vorbei zum Teich. Ihm folgten ein Notarztwagen und weitere Autos. Aus einem Zivil-Passat stieg Schmelzer. Matti sah ihn zum Teich gehen. Er stand auf. »Warte hier, ich komm gleich wieder.«

Matti lief Schmelzer nach. Als er ihn erreicht hatte, sagte er: »Ich bring Sie hin.«

Schmelzer staunte ihn an. »Sie sind nicht bei der Leiche geblieben?«

»Ich bin doch nicht Ihr Leichenwächter.« Schmelzer schnaubte und folgte Matti. »Gleich sind wir da.«

»Woher wissen Sie, dass es eine Leiche ist? Vielleicht schläft er nur.«

»Herr Schmelzer, halten Sie mich für bekloppt? Der hat ein Loch im Kopf. Überall Blut. Reicht das als Auskunft?«

Der Fundort lag fast genau gegenüber vom Zugang zum Teich. Matti entdeckte den Busch, neben dem Anja gesessen hatte. Er blickte sich um, ging ein paar Schritte in diese Richtung, ein paar in eine andere, schüttelte den Kopf, spürte, wie ihm heiß wurde und kalt. Der Jogger war weg.

»Ja, und wo ist nun IhreLeiche, Herr Jelonek?« Das klang ein bisschen so wie: Ich hab’s doch gleich gewusst.

Die Leiche war verschwunden. Matti fand Abdrücke im Gras. Da hatte Anja gesessen, dort Westreich gelegen. »Die Leiche war hier.« Er deutete auf die Stelle.

Schmelzer blickte ihn streng an. Seine Bullenherde hatte sich am Ufer aufgebaut. »Sie wollen mich jetzt aber nicht verarschen?«

Matti schüttelte den Kopf. »Verdammt, wo ist sie?« Er hatte Georg gesehen. Anja hatte ihn gefunden. Georg hatte ein Loch im Kopf gehabt. Jemand hatte ihn erschossen.

Schmelzer wendete sich an seine Bullen. »Schauen Sie sich mal um. Vielleicht gibt es Leute, die schon so früh spazieren gehen. Oder von einer Party heimkommen. Vielleicht hat jemand was gehört. Einen Schuss. Oder was gesehen. Auffällige Leute. Und so weiter.« Die Bullen zogen los.

»Das ist jetzt keiner von Ihren albernen Tricks, mit denen Sie die Bullen zu ärgern pflegen?«, fragte Schmelzer und guckte sich um, als suchte er eine versteckte Kamera.

»Nicht wir haben Sie provoziert, Sie rennen uns dauernd die Bude ein zur Gestapo-Zeit«, erwiderte Matti.

»Das machen wir doch schon eine Weile nicht mehr«, sagte Schmelzer mit spöttischem Unterton. »Nun übertreiben Sie mal nicht. Außerdem hatten wir einen guten Grund, schließlich gibt es Hinweise darauf, dass Sie gesuchten Terroristen Unterschlupf gewährt haben.«

»Wegen eines Haares? Oder was war das noch mal?«

»Sie wissen genau, wen und was ich meine, Herr Jelonek.«

»Bevor Sie jetzt weiter den Märchenonkel geben, kümmere ich mich um Anja.«

»Wer ist Anja?«

»Die Tochter der Leiche. Die sitzt am Café und ist fix und fertig. Sie hat den Toten gefunden.«

»Die Leiche soll ihr Vater sein?«, fragte Schmelzer ungläubig.

»Sagt sie.«

»Und dann werden Sie uns vielleicht den Namen des unsichtbaren Opfers nennen können?«

»Georg Westreich.«

Schmelzer überlegte. »Westreich, Westreich … der von der Richter-Entführung?«

»Vielleicht.«

»Den suchen wir immer noch. Und Sie haben gewusst, dass er in Berlin ist? Sie hätten uns informieren müssen. Sie haben sich strafbar gemacht.«

»Bleiben Sie auf dem Teppich, Herr Wachtmeister. Ich habe bis eben nichts gewusst. Bis Anja mich anrief. Und dann habe ich Sie angerufen. Aber Sie glauben mir kein Wort. Stattdessen verdächtigen Sie mich. Beim nächsten Mal erfahren Sie nichts.«

Schmelzer lachte.

»Jetzt mal ernst, was haben Sie Westreich vorzuwerfen, was nicht schon verjährt ist?«, fragte Matti.

»Mord«, sagte Schmelzer fast lässig.

»Beihilfe, mehr war das nicht«, sagte Matti. »Wenn überhaupt. Sie wissen doch gar nicht, ob der geschossen hat.«

»Das ist egal«, sagte Schmelzer. »Er war dabei, das reicht.«

»Eine komische Rechtsprechung. Die Gerichte haben reihenweise KZ-Wärter gestreichelt, weil sie denen keinen … wie heißt es so schön … persönlichen Tatbeitrag nachweisen konnten, der übers Normalmorden hinausging. Aber wenn es gegen links geht, kommt es aufsolche Lappalien nicht an.«

»Ach, Herr Jelonek. Sie immer mit Ihren Haarspaltereien. Da seid ihr Linken wirklich unschlagbar.«

Matti wandte sich ab und ging zurück zum Café. Zweifel an Anjas Darstellung mehrten sich. Aber warum sollte sie dieses Theater aufführen? Was hätte sie davon? Außerdem hatte er Westreichs Leiche doch gesehen. Und es klang plausibel, dass Georg seine Tochter sehen wollte, bevor er im Knast verschwand. Oder was immer er vorhatte. Aber bestimmt wollte er ihr seine Geschichte erzählen, bevor die Zeitungen sie breittraten. Und ihre Geschichte wollte er ihr auch erzählen. Matti überlegte, wie er es auffassen würde, wenn einer käme und sagte, deine Mutter ist abgetaucht und hat dich weggeben, und der Mann, den du für deinen Vater hältst, ist nicht dein Vater. Ich bin dein Vater, und ich habe mich genauso wenig um dich geschert wie deine Mutter. Der revolutionäre Kampf war mir wichtiger als du.

Bei Anja saß eine Frau mit kurzen grauen Haaren und redete auf sie ein. Als Matti näher war, hörte er Satzfetzen: »Versuchen Sie ruhig zu atmen … Weinen ist gut …«

Anja schaute auf und blickte zu Matti. Der schüttelte den Kopf. »Er ist verschwunden. Einfach weg.«

Anja guckte ihn fassungslos an.

»Guten Tag, ich bin Helga Gruber, Psychologin.« Sie hatte warme Augen.

Wo kam die plötzlich her? Er reichte ihr die Hand. »Ich bin ein Freund …«

»Ich weiß, Herr Jelonek. Verschwunden, sagen Sie? Das ist ja merkwürdig … Setzen Sie sich doch zu uns.«

Matti zog einen Stuhl heran.

Anja war leichenblass, hatte sich aber anscheinend beruhigt. Sie blickte Matti an.

»Die Bullen suchen Spuren und Zeugen. Vielleicht finden sie was.«

»Man kann doch nicht einfach so eine Leiche wegtragen, ohne dass es jemandem auffällt«, sagte Anja.

Matti zuckte mit den Achseln. »Tja, sollte man glauben.«

»Du hast doch auch gesehen, dass es … Georg war?«

»Ja. Das war er. So viel Ähnlichkeit gibt’s nur bei eineiigen Zwillingen. Aber Georg hatte keine Geschwister.«

Frau Gruber hörte zu.

Matti wandte sich an sie: »Wir haben uns das nicht eingebildet. Da lag eine Leiche. Und sie sah aus wie Westreich. Außerdem war da noch ein Jogger.«

»Ja, das glaube ich Ihnen. Und wo ist der Jogger jetzt?«

»Weg. Wie ich die Bullen kenne, wittern die einen Trick, eine Provokation.«

Frau Gruber lächelte. »Vielleicht haben die Polizisten mit so was Erfahrungen machen müssen?«

»Ich erfinde doch keine Leiche. Und sie« – ein Blick zu Anja, dann zurück zu Frau Gruber – »schon gar nicht. Was für einen Sinn soll es haben, dass Anja den Bullen weismacht, sie habe die Leiche ihres Vaters gefunden?«

»Das frage ich mich auch«, sagte Schmelzer.

Matti erschrak. Der Oberbulle stand plötzlich am Tisch, einen Jungbullen im Schlepptau.

»Wir haben keine Spuren gefunden. Bisher. Die Kriminaltechniker grasen jetzt alles ab, im wahrsten Sinn des Wortes. Aber die finden wahrscheinlich auch nichts.«

»Dann sollten sie besser suchen. Da müssen doch Blutspuren sein«, sagte Matti. Ein Blick zu Anja, aber die war weit weg.

»Wenn die Leiche auf dem Rücken lag und die Kugel im Kopf steckt …«

Anja erhob sich und rannte zur Kneipe.

Frau Gruber schüttelte den Kopf und folgte ihr.

»Da muss es Abdrücke geben. Von der Leiche und dem- oder denjenigen, die sie weggetragen haben.«

»Überall sind Abdrücke, Herr Jelonek«, sagte Schmelzer überheblich. »Sie können gern glauben, dass wir von unserer Arbeit nichts verstehen.«

»Ist ja gut«, sagte Matti. »Also keine Abdrücke?«

»Lauter Abdrücke, überall. Wenn es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, liegen und laufen hier jeden Tag Hunderte von Leuten herum. Und alle hinterlassen Abdrücke.«

Matti winkte ab. »Sie wollen uns nicht glauben. Aber es gibt einen Zeugen.« Er berichtete von dem Jogger. »Der hat Sie als Erster angerufen.«

»Das ist doch Unsinn, Herr Jelonek. Niemand hat angerufen außer Ihnen.«

»Sie fürchten, dass wir Sie hereinlegen.«

»Das traue ich Ihnen zu. In der Tat.«

»Aber warum sollte Anja Sie hereinlegen?«

»Weil ich auf Sie nicht mehr hereinfalle? Vielleicht deswegen?«

»Sie meinen, Anja lügt?«

»Ich weiß es nicht. Das ist auch nicht so wichtig. Nur wenn wir herausfinden, dass Sie uns linken wollen, schicke ich Ihnen die Rechnung für den Einsatz. Plus Vergnügungssteuer.« Er zögerte, dann sagte er: »Gut, können Sie diesen Jogger beschreiben?«

Matti überlegte. »Jogginganzug, grau vielleicht. Weiße Laufschuhe …«

»War er groß oder klein?«

»So mittel, vielleicht einsfünfundsiebzig …«

»Nein, mindestens einsachtzig«, sagte Anja. Sie war zurückgekehrt.

»Haarfarbe?«

»Halb lang, blond, also dunkelblond.«

»Dunkelbraun«, sagte Anja. »Und er hatte eine Sportmütze auf.«

»Nein, ein Schweißband«, sagte Matti.

»Alter?«

»Über sechzig«, sagte Matti.

»Stimmt«, sagte Anja. »Vielleicht noch älter.«

Schmelzer stöhnte. »Vielen Dank. Wir lassen gleich ein Phantombild zeichnen.«

»Aber …«, sagte der Jungbulle.

»Nichts aber«, schnauzte Schmelzer, tippte sich an die Stirn und zog ab. Der Jungbulle trabte staunend hinterher.

Twiggy schüttelte den Kopf. »Das gibt’s nicht. Eine Leiche im Volkspark. Westreichs Leiche. Mann, Mann, Mann. Und dieser Jogger …«

Matti hatte Anja nach Kreuzberg gebracht, wo sie in der Mittenwalder Straße wohnte. Twiggy und Robbi hatten im Bett gedöst, standen aber auf, als sie Matti in der Küche hörten. »Lange Schicht heute?«, hatte Twiggy gefragt, und Matti hatte erzählt, was passiert war.

»Vielleicht hat euch jemand eine Leichenattrappe hingelegt?«, sagte er, als er sich halbwegs vom Schrecken erholt hatte.

»Warum sollte das einer tun? Solche Attrappen gibt’s nicht. Das war eine echte Leiche. Irgendwer hat die dann weggeschafft. Der Jogger …«

»Wer sonst?«

»Aber woher soll der gewusst haben, dass wir ihn mit der Leiche allein lassen würden?«

»Der hat Westreich erschossen, mit Schalldämpfer wahrscheinlich, und wollte ihn wegtragen, als ihr gekommen seid. Er hat auf unschuldig gemacht und seine Chance genutzt, als ihr zum Café gegangen seid. Ihr seid gegangen, und da hat sich ihm unverhofft die Chance geboten, die Leiche doch noch abzutransportieren.«

Matti nickte. Das war eine gute Erklärung. Nur, stimmte sie?

»Aber wer war der Jogger? Und warum sollte er Westreich erschossen haben?«, fragte Twiggy, nachdem sie eine Zeit lang geschwiegen hatten.

»Hängt wohl davon ab, was er vorhatte.«

»Wenn er auspacken wollte, war’s ein Genosse von früher, der Schiss hatte«, sagte Twiggy nachdenklich. »Es laufen ja noch ein paar Leute herum, von denen niemand weiß, dass sie bei der RAF waren. Die Anschläge gemacht haben, ohne Spuren zu hinterlassen.«

»So, wie Westreichs Leiche spurlos verschwunden ist. Ich wette, die Bullen finden nichts.«

»Und dann?«, fragte Twiggy.

Es klingelte an der Wohnungstür.

»Irgendein Depp hat wieder die Haustür nicht geschlossen«, schimpfte Twiggy.

»Oder es sind schon die Bullen, die uns mal wieder überraschen wollen«, sagte Matti und ging in den Flur.

Anja stand verschwitzt vor der Tür. »Ich halt es nicht aus allein.«

Matti verkniff sich die Frage, ob sie nicht Freunde und ihre Eltern hatte, und trat beiseite. Anja stürzte in die Küche, sagte »Tag!« zu Twiggy und setzte sich auf Mattis Stuhl.

Matti stellte sich an den Tisch, dann nahm er Dornröschens Platz. Anja hatte den Schock offenbar verdaut, ihr Gesicht hatte wieder Farbe, und ihre Augen blickten lebhaft umher. Schnell orientierte sie sich in der Küche.

Als Robbi hereinschlich, rief sie: »Wie süß, ihr habt eine Katze!«

Robbi schüttelte sich, dann starrte er sie an, und sie starrte zurück.

»Miez! Miez!«, gurrte sie. Matti fragte sich, wann Robbi ihr das Gesicht zerkratzen oder Twiggy sie erwürgen würde. Doch Twiggy saß erstarrt auf seinem Stuhl und glotzte. Robbi juckte sich mit der hinteren Tatze am Ohr, kniff die Augen zusammen, öffnete sie und fixierte Anja wie ein Beutetier, das er in der nächsten Sekunde zerreißen würde. Er wiegte seinen Körper hin und her. Endlich sprang er, erst auf den Tisch und dann auf Anjas Schoß. Er drehte sich auf den Rücken und streckte ihr den Bauch hin. Anja begann zu kraulen, und Robbi röchelte genüsslich.

Twiggy erbleichte, klimperte mit den Augen und schnaufte. Matti fürchtete den Tobsuchtsanfall, aber nichts geschah.

Nur Robbi gab Geräusche von sich.

»War die Polizei schon bei euch?«, fragte Anja, ohne ihre Augen vom Kater abzuwenden.

»Nein … nein«, stammelte Matti.

»Wenn die glauben, dass wir lügen, was machen wir dann?«

»Weiß nicht«, sagte Matti. »Warten wir ab, was den Bullen einfällt.«

»Hm.«

Twiggy hatte Flecken auf den Wangen, das hatte Matti noch nie gesehen. Und sie hatten genug Mist erlebt, der einem Flecken auf die Wangen treiben konnte. Matti öffnete den Kühlschrank und holte zwei Flaschen Bier heraus. Eine stellte er geöffnet vor Twiggy, aus der anderen nahm er einen kräftigen Schluck.

Anja beschäftigte sich mit Robbi, Robbi beschäftigte sich mit Anja, und die beiden Jungs schauten zu. Endlich bemerkte Twiggy die Flasche und trank sie in einem Zug aus. Matti nahm die leere Flasche und stellte eine neue vor Twiggy. Er hoffte, dass nichts Schlimmes passieren würde, solange Twiggy beschäftigt war. Bier beruhigte. Matti bildete sich ein, dass Twiggy innerlich knurrte wie ein waidwunder Tiger. Die waren am gefährlichsten. Twiggy trank wieder einen Schluck, aber immerhin war die Flasche nicht leer, als er sie abstellte. Dann erhob er sich und verschwand in seinem Zimmer. Die Tür knallte.

***

Es tröpfelt nur noch, und du musst dauernd pinkeln gehen. Du quälst dich hoch in der Nacht und stakst zum Klo. Fünfmal, zehnmal. Wenn du morgens aufwachst nach einer Scheißnacht, kriegst du die Gelenke kaum gebeugt. Wie eingerastet. Das Knie schmerzt höllisch. Du humpelst erst einmal und musst gegen den Schmerz anlaufen. Nach ein paar Minuten bewegt es sich wieder, ohne dass du bei jedem Beugen und Strecken stöhnen musst. Von der Anstrengung fängst du an zu keuchen. Die Lunge rasselt. Im Hals schmerzt es, weil das Zahnfleisch brennt. Die Entzündung ist fast chronisch. Die Zähne liegen aufdem Nachttisch. Wenn du sie in den Mund steckst, drückt es. Mindestens an drei Stellen. Die Hand zittert heute stark. Und den ganzen Vormittag noch plagen dich die Nachwehen der Träume. Die Schatten. Fetzen von dem, wie es früher war. Erst mittags, wenn dieses Mädchen mit dem Essen kommt, fliegt die Angst weg. Aber nicht ohne vorher zu sagen, dass sie wiederkommt. In der Nacht. In jeder Nacht.

Das Mädchen ist klein, vielleicht fünfundzwanzig, sie hat einen großen Busen. Manchmal trägt sie keinen BH. Das erinnert dich daran, dass es mit den Frauen vorbei ist. Das zeigt schon der Blick, den dir die Kleine schenkt. Mitleid, nur noch Mitleid. Für sie bist du kein Mann, sondern ein Etwas. Eigentlich ist es mit allem vorbei. Wenn du lesen willst, setzt du diese Brille aufmit den schweren Gläsern und schläfst nach fünfMinuten ein. Die Musik klingt wie durch zwei Türen. Als hätten sie dir Ohrstöpsel eingenäht. Wenn du das Haus verlässt und gehst, brauchst du einen Stock. Du hast eine Mütze aufdem Kopf, aber keine Haare. Deine Haut ist faltig und fleckig. Deine Augen tränen. Wenn Kinder dich sehen, sagen sie Opa.

Dein Leben ist vorbei. Du vegetierst nur noch. Zeit, abzutreten. Es ist die Feigheit, die dich am Leben hält. Oder an dem, was davon übrig ist.

Du bist zwar von gestern, aber nicht dumm. Dir fehlen Reflexe, dafür hast du Erfahrung. Dein Gedächtnis arbeitet langsam, aber gründlich. Du kannst Zeichen deuten. Seit drei, vier Wochen, vielleicht länger, treiben sich hier Leute herum, die du vorher nicht gesehen hast. Fast jeden Tag siehst du einen, dann siehst du einen anderen, dann wieder den vom ersten Mal. Es sind mindestens drei Typen. Sie sind auch nicht mehr jung, aber gut beieinander. Sie tun so, als wären sie Spaziergänger. Einer rennt manchmal im Trainingsanzug umher. Alle wechseln die Kleidung, nie haben sie an zwei Tagen das Gleiche an. Sie wollen nicht auffallen, das fällt dir auf. Sie beschatten jemanden hier. Sie können den Weg hinunterschauen und sehen jederzeit, wann einer unterwegs ist. Einer von den Nachbarn. Oder sie meinen dich. Aber wenn sie dich meinen, warum? Was könnte jemand von dir wollen? Kurz vorm Grab.

2: Vagabond Virgin

Der Gettoblaster in der Küche ließ Steve Winwood Shanghai Noodle Factory singen. Die Traffic-CD hatte Platten-Rosi der WG geschenkt. Aber Rosi war tot, genauso wie Antifa-Konny und Zirkel-Norbi. Seit einiger Zeit wurde die WG immer wieder in Verbrechen verwickelt. Als wäre ein böser Geist über sie gekommen, der sie zwang, Kriminalfälle zu lösen, wenn Matti, Dornröschen und Twiggy nicht selbst zu Opfern werden wollten. Daran dachte Matti, als die Wohnungstür klackte und Dornröschen in die Küche schlich. Sie schien nicht überrascht von Anjas Besuch, oder sie ließ sich nichts anmerken. Sie schnaufte vom Treppensteigen und setzte sich zu Matti und Anja an den Tisch. Ihr Blick verharrte ein paar Sekunden bei Robbi, der sich durchwalken ließ wie ein Kuscheltiger.

»Wo ist Twiggy?«

Matti deutete in die Richtung von Twiggys Zimmertür.

»Dicke Luft?«

Mattis Zeigefinger deutete auf Robbi.

»Puh!«

Sie begann sich einen Tee zu kochen.

»Mach ich was falsch?«, fragte Anja.

Matti grinste. Dornröschen blickte über die Schulter auf Robbi.

»Nein«, sagte Matti.

Dornröschen kicherte.

Twiggys Zimmertür klappte, und er schielte missmutig in die Küche. Er lehnte sich an den Küchenschrank und mühte sich, Robbi nicht anzublicken.

»Haben die Bullen was Neues?«, fragte Matti.

»Das wollte ich dich fragen«, erwiderte Anja und zog Robbi am Ohr. »Dir ziehe ich jetzt die Ohren lang«, sagte sie in einer Art Babysprache. Robbi streckte sein Vorderbein in die Luft und schnurrte gnadenlos weiter. »Oder den Schwanz?«, flüsterte sie. Robbi hätte sich von ihr alles lang ziehen lassen.

»Wir haben nichts gehört von denen, rechnen aber sekündlich mit ihrem Einflug.«

Anja kicherte und zwickte Robbi in den Bauch.

»Aber ich kann dir jetzt schon sagen, was die Bullen uns verraten. Nichts. Es gibt keine Leiche, keine Spuren, gar nichts. Alles eine Provokation der WG.«

»Ihr habt die schon ziemlich geärgert«, sagte Anja.

»Die ärgern uns«, sagte Dornröschen. »Ein paar Jahre lang haben die alle paar Monate die Wohnung auf den Kopf gestellt, weil sie dachten, unterm Teppich in meinem Zimmer versteckten sich Terroristen. Und wir hätten den Genossen ein bisschen … geholfen.«

Anja kicherte wieder. Sie kam Matti viel jünger vor, wenn sie lachte. Offenbar war sie gut im Verdrängen.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Anja.

Die drei guckten sie erstaunt an.

»Was sollen wir denn tun?«, fragte Dornröschen.

»Na, rauskriegen, was faul ist. Wer Georg umgebracht hat.«

»Ach, du lieber Himmel!«, schnaubte Twiggy.

Immerhin hatte er nicht seine Stimme verloren.

»Wir haben zuletzt einiges an der Backe gehabt«, sagte Matti. »Unsere Lust am Detektivspielen hat schwer gelitten.«

»Ein Spiel ist das nicht.« Anja klang energisch. »Mein Vater wurde ermordet. Und dein Freund!« Ein dunkelroter Fingernagel zeigte auf ihn.

»Freund? Ich weiß nicht«, brummte Matti.

Natürlich klingelte es jetzt energisch an der Tür.

»Wurde ja auch Zeit«, sagte Twiggy und ging gemächlichen Schritts zur Wohnungstür. Er wartete aus Prinzip, bis es noch einmal klingelte, lang und böse. Dann öffnete er die Tür. »Ach, der Herr Schmelzer. Mit Verstärkung, welch Freude.«

Schmelzer trug seine Halbglatze in den Flur. Eine daraufgeklebte Haarsträhne betonte die Blöße mehr, als dass sie die verdeckte. Ihm folgte ein Jungbulle mit Bürstenhaarschnitt, der ihm in einer Muckibude zugelaufen sein musste. Matti erinnerte sich, dass der Typ den Hauptkommissar schon einmal begleitet hatte.

»Sie fühlen sich schon richtig heimisch bei uns«, sagte Dornröschen, als die Bullen die Küche betraten. Twiggy stand grinsend hinter ihnen. Beim nächsten Mal, wenn er die Krise kriegt, ruf ich einfach Schmelzer, dachte Matti.

»Nun, Herr Hauptkommissar, leider sind alle Stühle besetzt«, sagte Dornröschen.

Schmelzer ließ seinen Blick kurz bei Anja und Robbi verharren, dann atmete er hörbar ein und wieder aus. »Sie haben uns einen Bären aufgebunden, Herr Jelonek. Und Sie auch, Frau Barth. Und jetzt sitzen Sie hier, um das zu feiern, oder was?«, schnauzte er.

»Wir würden unserer Polizei nie einen Bären aufbinden«, sagte Dornröschen zuckersüß und gähnte.

»Ja, ja.« Schmelzer winkte ab. »Vielleicht erzählen Sie uns einfach mal, was es mit der Leichengeschichte auf sich hat. Wollen Sie uns vorgaukeln, dass Westreich tot ist? Sie wissen, was es bedeutet, wenn Sie einem Straftäter helfen?«

»Herrgott«, sagte Matti. »Wir haben diese Leiche gesehen. Wenn Sie zu blöd sind …«

»Reißen Sie sich zusammen!«, schimpfte der Jungbulle mit rotem Gesicht.

»Reg dich ab, Kleiner«, sagte Dornröschen. »Ist nicht gut für die Gesundheit. Lass das mal die Erwachsenen klären. Wenn du groß bist, darfst du mitreden.«

Der Jungbulle lief dunkelrot an, aber bevor er explodierte, tippte Schmelzer ihm auf die Schulter. Der Jungbulle implodierte lautlos.

»Sie haben keine Spur gefunden?«, fragte Anja.

»Nichts«, sagte Schmelzer. »Kein Wunder, wenn alle Welt dort herumtrampelt. Wenn es überhaupt eine Spur gibt. Keine Leiche, keine Spuren. Logisch, oder?«

»Und der Jogger?«

»Wir wissen nichts von einem Jogger.«

»Der stand neben der Leiche!«, sagte Matti.

»Der hat die Leiche gefunden und Sie gerufen«, sagte Anja.

Schmelzer schüttelte den Kopf. »Wir haben nur einen Anruf bekommen. Und der stammt von diesem Herrn« – ein böser Blick zu Matti –, »der sich offenbar revanchieren wollte.«

»Der Jogger war der Mörder«, sagte Twiggy. »Und der hat auch die Leiche weggeschafft.«

Nach einem Augenblick des Schweigens fragte Dornröschen: »Sie haben doch auch nach Hautpartikeln und Haaren gesucht?«

»Sie müssen mir jetzt keinen Nachhilfeunterricht in Kriminalistik geben. Da war eben nichts. Außerdem würden uns Hautpartikel und Haare nur helfen, wenn wir Vergleichsmaterial hätten. Also: Solange wir keine Spur von der Leiche haben, glauben wir nicht, dass es sie gibt. Sie hätten auf sie aufpassen sollen. Aber es wird schon einen Grund haben, dass Sie nicht aufgepasst haben, nicht wahr? Glauben Sie bloß nicht, dass Sie Ihren Freund Westreich mit so einer Nummer von der Fahndungsliste kriegen. Ist unter Ihrem Niveau, finden Sie nicht auch?«

»Wenn ich auch was sagen darf?« Twiggy meldete sich im Rücken der Bullen, als säße er auf der Schulbank. Die beiden Polizisten drehten sich zu ihm um. »Bei den letzten beiden Gelegenheiten, als Sie uns hätten glauben müssen, haben Sie erbärmlich versagt, finden Sie nicht auch? Sie wollen es nicht lernen.«

»Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn«, sagte Schmelzer. »Was Sie da unternehmen, ist strafbar. Sie waren doch auch ein Genosse von Westreich. Und jetzt hat der die Nase voll vom Libanon, das kann ich ja verstehen, Staub und Sand und immer dieses Gedudel, das die Orientalen mit Musik verwechseln … und da braucht er eine neue Identität und will vorher noch schnell sterben, damit die blöden Bullen ihm nicht auf die Schliche kommen. Für wie dumm halten Sie uns?«

»Diese Frage möchte ich nicht beantworten. Das würde die Stimmung nur weiter belasten«, sagte Dornröschen. »Wenn Matti sagt, dass er Westreichs Leiche gesehen hat, ist Georg tot. Ende der Durchsage.«

Schmelzer runzelte die Stirn so, dass Matti fürchtete, die Haarsträhne könnte rutschen. »Ich glaube, diesmal haben Sie überzogen. Wie gesagt: keine Spuren, keine Leiche. Aber Sie haben ein Theater inszeniert, um die Polizei in die Irre zu führen. Sie arbeiten mit Westreich zusammen. Das haben Sie früher getan, und heute tun Sie es wieder. Herr Jelonek, Ihre RAF hat zwar die Freundlichkeit besessen, sich aufzulösen. Aber es laufen noch genug Terroristen frei herum, die wir gerne einsperren würden.«

»Sie haben sie doch nicht mehr alle«, sagte Matti.

»Sie können sich einen Weg ersparen, wenn Sie gleich aussagen. Im anderen Fall kriegen Sie eine Vorladung.«

»Das ist eine Frechheit!«, kreischte Anja. Robbi zuckte zusammen und flitzte in Twiggys Zimmer. Der Jungbulle konnte gar nicht so schnell glotzen. »Mein Vater wurde ermordet, und Sie reden so eine Scheiße.«

Der Jungbulle glotzte sie an. Schmelzer räusperte sich. »Wie kommen Sie denn darauf, dass Westreich Ihr Vater ist? Können Sie das beweisen? Steht das in Ihrer Geburtsurkunde? Nein, das tut es nicht. Wir haben das schon überprüft. Und welche Rolle spielen Sie in diesem Theaterstück, Frau Barth? Überhaupt, was soll es sein: Tragödie, Komödie? Ist das was Genetisches bei Ihnen? Mutter Terroristin …«

»Raus!«, donnerte Twiggy.

Der Jungbulle blies sich auf. Doch Schmelzer zuckte mit den Achseln und ging. Im Flur drehte er sich um und sagte: »Die Vorladung finden Sie morgen im Briefkasten. Seien Sie pünktlich, Herr Jelonek und Frau Barth.«

»Denn das Chaos rührt von der Ordnung, die Feigheit rührt von der Tapferkeit, und die Schwäche rührt von der Stärke. Ordnung oder Chaos ist eine Frage der Gliederung, Tapferkeit oder Feigheit eine Frage der Schlagkraft, Stärke oder Schwäche eine Frage der Erscheinung.«

Matti schaute über den Rand des Büchleins in die Nacht am Schlesischen Tor. Die U-Bahn ratterte zur Warschauer Straße. Eine Menschentraube drängte sich am Hamburger-Stand. Männer torkelten über die Kreuzung, manche zusammen mit Frauen, Flaschen in den Händen. Ein Motorrad röhrte von der Köpenicker in die Schlesische Straße. Matti hatte die Seitenfenster geöffnet und roch und hörte Kreuzberg. Der Asphalt wärmte von der Hitze des Tags. Aus dem U-Bahnhof hallte Musik. Als er Sunzi weiterlesen wollte, klopfte es gegen das Seitenfenster hinter dem Beifahrersitz. Ein Pärchen. Als sie hinten einstiegen, sah er, dass ihre Nase von Piercings perforiert war. Er hatte halb lange schwarze Haare, und auf der Hand, die er auf ihr Knie legte, war ein Pentagramm tätowiert. »Kurzstrecke Richtung Simon-Dach-Straße«, sagte der Typ, legte seinen anderen Arm um ihren Hals und griff in den Ausschnitt ihres schwarzen T-Shirts.

Fast hätte Matti geantwortet, dass sie besser dorthin liefen. Es waren zwei Kilometer für vier Euro. Aber er musste sie fahren. Während das Paar die Rückbank mit einer Diskoknutschecke verwechselte, zockelte er zu einer der übelsten Touristenabfüllstraßen Berlins. Kaum hatte er die Oberbaumbrücke überquert, musste er vor einem Pulk bremsen, der von der U-Bahn zur M 10 drängte. Die eine Hälfte war zu besoffen, um gerade zu laufen, die andere mühte sich noch, diesen Zustand zu erreichen. Im Prenzelberg würde die Straßenbahn sie ausspucken und die Leute in die Kneipen und Diskotheken strömen, um sich den Rest zu geben.

Endlich ging es weiter.

»Hier können Sie halten«, sagte der Typ.

Die beiden sprangen aus dem Taxi und rannten davon. Mattis Fuß wollte das Gaspedal herunterdrücken. Aber es war sinnlos. Die beiden waren schon um die Ecke verschwunden. Und sogar wenn sie in die Simon-Dach-Straße abhauten, würde er sie im Trubel kaum finden. Und wenn doch, hätten sie nie in seinem Taxi gesessen, und mindestens zehn Typen derselben Preislage würden bei der seligen Jungfrau Maria schwören, dass die beiden Fahrpreispreller nicht einmal wüssten, was ein Taxi ist. Er wendete und fuhr zurück zum Schlesischen Tor. Unterwegs funkte er der Zentrale seine Position.

Als er dort ankam, wartete Anja. Sie war in Begleitung eines Manns, vielleicht fünf Jahre älter als sie. Er trug eine Lederjacke und Jeans und sah gut aus. Matti spürte Eifersucht und fand sich lächerlich. Die anderen Taxis waren verschwunden, hatten gewiss Touren nach Zehlendorf oder Spandau bekommen. Anja grinste ihn an und winkte.

Er hielt neben ihnen und fragte durchs Seitenfenster: »Wo wollt ihr hin?«

»Ich wollte dich zu einem Bier einladen«, sagte Anja. »Das ist Christoph.«

Matti winkte Christoph zu. »Kaffee«, sagte er. »Das wär okay.« Er stieß zurück und stellte den Wagen direkt hinter dem Taxiplatz ab.

»Wie hast du mich gefunden?«

»Taxizentrale. Irgendwer hat vor Kurzem das Telefon erfunden.«

Sie gingen zur Pizzeria an der Ecke Falckenstein-/Schlesische Straße. Es war kurz vor Mitternacht. Ein Bus fuhr Richtung Treptow, darin nur eine alte Frau und ein Pärchen, sie trug ein gelb glänzendes Kopftuch mit roten Punkten.

Der Kellner kam gleich. Anja und Christoph bestellten Latte macchiato, Matti einen doppelten Espresso und ein Mineralwasser. Kaum war der Kellner gegangen, klopfte Anja auf den Tisch. »Und was machen wir jetzt?«

Matti musterte Christoph.

»Er ist ein Freund. Promoviert in Jura. Ich dachte … vielleicht kann er helfen.«

Nein, sie sind kein Paar, dachte Matti und staunte über die Erleichterung, die diese Erkenntnis ihm verschaffte.

»Ich glaube nicht, dass uns ein Jurist helfen kann«, sagte er bemüht freundlich. »Wenn wir rauskriegen wollen, was los ist, dann helfen eher nichtjuristische Methoden. Wenn wir es rauskriegen wollen.« Er dachte an die Detektei und das Ingenieurbüro, die sie drangekriegt hatten, und an die Typen im Graefekiez, die gerade schlecht schliefen, weil sie ein Mordprozess erwartete. Aber davon hatte die WG nicht viel, die Schweinereien gingen weiter, als wäre nichts geschehen. Kreuzberg wurde gentrifiziert, und die Rüstungsindustrie verkaufte fröhlich Waffen zur gar nicht klammheimlichen Freude der Regierung. Steuersubventionierte atomwaffenfähige U-Boote an Israel und im Zweifelsfall auch an Pakistan. Panzer an Griechenland und in die Türkei, damit die weiter gegeneinander aufrüsten konnten, Pleite hin, Pleite her. Panzer auch an Saudi-Arabien, dessen Militärs die Rebellion in Bahrain plattgewalzt hatten.

»Was ist?«, fragte Anja ungeduldig.

»Ach so, das ist jetzt nicht böse gemeint, aber je mehr von der Sache wissen, desto schwieriger wird es.« Er wusste zwar nicht, was schwieriger würde und ob sie sich überhaupt weiter mit Georgs Leiche beschäftigen sollten. Die Sache hatte mies begonnen und würde mies enden.

»Das kannst du nicht machen«, nölte Anja.

»Wir haben nicht den geringsten Beweis und jetzt schon die Bullen an der Hacke.«

»Du willst dich damit abfinden?«

»Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Wir warten die Vernehmung ab, und dann sehen wir weiter.«

»Ich habe noch keine Vorladung bekommen«, sagte Anja beleidigt. »Ich habe vorhin erst mit Kurt telefoniert.«

»Mach dir keine Sorgen.« Matti grinste. »Du wohnst bei deinen Eltern?«

Sie winkte ab. »Nur offiziell.«

Sie hatten in der WG nicht mehr viel gesprochen über die Sache. Aber genug für Matti, um zu wissen, dass Dornröschen und Twiggy keine Lust mehr hatten, Privatschnüffler in einem schlechten Film abzugeben. Doch gab es Georgs Leiche, und es gab Schmelzers Frechheit, und irgendwo spürte Matti auch eine Pflicht, solidarisch mit Georg zu sein. Und mit Anja. Georg war ein komischer Typ gewesen, aber auch ein alter Genosse.

»Und wenn ihr einen Anwalt beauftragt, der den Staatsanwalt unter Druck setzt?«, fragte Christoph fast unhörbar.

»Ja«, sagte Anja. »Das wär doch was.«

»Nicht mit mir«, sagte Matti. »Das kostet und bringt nichts. Der Staatsanwalt wird freundlich lächeln und erklären: keine Leiche, keine Spuren, kein Fall.«

»Das kann doch nicht sein. Wir leben in einem Rechtsstaat«, maulte Anja.

»Wenn du wüsstest, was wir erlebt haben, wärst du vorsichtiger mit solchen Thesen«, erwiderte Matti.

»Du bist auch so ein Geheimnistuer«, sagte Anja. »Und ein toller Genosse, dem es scheißegal ist, dass mein Vater ermordet wurde.«

»Erstens wissen wir nicht, ob Georg wirklich dein Vater war. Er hat das behauptet. Zweitens ist es mir nicht scheißegal. Drittens bin ich kein Ersatzbulle. Viertens hat die WG nicht die Möglichkeiten, die die Bullen haben. Fünftens nutzt es Georg nichts, wenn wir auch umgebracht werden …«

»Du kneifst«, sagte Anja.

»So ein Quatsch.« Er hätte fast aus dem Nähkästchen geplaudert. Doch dann ärgerte er sich über sich selbst, dass er fast angefangen hätte, Anja seinen Mut beweisen zu wollen. »Wir warten die Vernehmung ab, und dann sehen wir weiter. Ich fühle mich eingeladen«, sagte er, stand auf und ging. In der Tür drehte er sich kurz um und sagte: »Tschüss!«

Es war eine blöde Fahrerei in dieser Nacht. Ihm fiel das Pärchen wieder ein, das ihn um den Fahrpreis betrogen hatte, und er fand, dass die beiden sich glücklich schätzen konnten, ihm in dieser Nacht nicht noch einmal zu begegnen. Als er nach Hause kam, lag schon die Vorladung ins Polizeipräsidium im Briefkasten. Das war die passende Abrundung einer durch und durch verhunzten Nacht.

Zwei Tage später saßen sie in Schmelzers muffigem Büro vor seinem Schreibtisch und er dahinter. Der Jungbulle hockte an der Wand, neben ihm eine strohblonde junge Frau, die sich als Kommissarin Sowieso vorgestellt hatte. Die Augen des Jungbullen klebten an ihrer Oberweite. Anja saß ein wenig eingeschüchtert neben Matti. Sie hatten vorher eilig einen Kaffee getrunken und sich verständigt, dass sie einfach sagen würden, was geschehen war.