Ein zerbrochenes Leben - Judence Kayitesi - E-Book

Ein zerbrochenes Leben E-Book

Judence Kayitesi

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Beschreibung

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil erzählt Judence Kayitesi wie sie als Kind aufgewachsen ist. Im zweiten Teil ist sie als 11-jähriges Mädchen mitten im Völkermord an den Tutsi 1994 in Ruanda und beschreibt was ihr widerfahren ist. Im letzten Teil geht es um ihr Leben nach dem Völkermord an den Tutsi 1994 in Ruanda.

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Seitenzahl: 103

Veröffentlichungsjahr: 2022

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In liebevollem Gedenken an

meinen Vater Callixte Kabarari,

meine Mutter Genevieve Mugorewabera,

meine Schwester Jeanette Uwamahoro,

meinen Bruder Phocas Baganizi und

alle anderen Unschuldigen die im Völkermord gegen die Tutsi 1994 in Ruanda ermordet wurden.

Dieses Buch ist gewidmet

meinen Brüdern und

meiner Tante,

die überlebt haben und

meinen Kindern.

JUDENCE KAYITESI

EINE ÜBERLEBENDE DES

VÖLKERMORDES AN DEN TUTSI 1994 IN RUANDA

Inhaltsverzeichnis

Meine Kindheit

Meine Schulzeit

Länder Information Ruanda

Der Völkermord in Ruanda 1994

Was in Ruanda geschah

Wie meine Familie getötet wurde

Nach dem Völkermord

Meine Ehe

Mein Leben in Deutschland seit 2010

Besuch in Ruanda – Rückkehr nach Museke

Vergessen und vergeben

Die Folgen des Genozids

Wie ich auf die Idee kam, ein Buch zu schreiben

An alle ruandischen Überlebenden

Danksagung

Vorwort

Dies ist die Geschichte von Judence Kayitesi. Sie kommt aus Ruanda. Sie ist eine Tutsi. Um verstehen zu können, was 1994 dort passierte und was als „Völkermord an den Tutsi 1994 in Ruanda“ in die Geschichte eingegangen ist, muss man die Geschichte dieses Landes und seiner Menschen kennen.

Ruanda ist ein sehr kleines afrikanisches Land, gelegen in der Mitte Afrikas, kurz unterhalb des Äquators. Flächenmäßig ist es kleiner als Baden-Württemberg. Mit knapp dreizehn Millionen Einwohnern leben dort nur wenig mehr Menschen als in diesem Bundesland. Trotzdem ist Ruanda einer der am dichtesten bevölkerten Staaten Afrikas.

Seit etwas dem 15. Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts was Ruanda eine Monarchie. Sie wurde gegründet durch das viehzüchtende Volk der Tutsi, die auch die herrschende Klasse, so etwas wie den Adel, stellten. Einem lokalen Herrscher war es gelungen, mehrere seiner Nachbarn zu unterwerfen. Das Königreich Banyarwanda, oder Königreich Ruanda, umfasste damals weitaus mehr als die Fläche der heutigen Republik Ruanda.

Über 80 Prozent also die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, waren Angehörige des ackerbautreibenden Volkes der Hutu. Obwohl einige Hutu unter dem Adel anzutreffen waren, bildeten die Tutsi die Oberschicht des Landes. Zwar fand eine Vermischung der Volksgruppen statt, aber die Hutu blieben zumeist arme Bauern. Ein Hutu, der eine gewisse Anzahl Rinder besaß, konnte in die Gruppe der Tutsi aufgenommen werden. Im Allgemeinen waren die Könige, die Mwami, Angehörige der Tutsi.

Ursprünglich besaßen die Tutsi die militärische Macht, während den Hutu übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden. Aufgrund dieser Eigenschaft bestand der Beratungsstab, der Abiiru des Mwami ausschließlich aus Hutu und übte großen Einfluss aus. Dies war ein funktionierendes und einigermaßen gerechtes System, das das Leben zwischen Hutu und Tutsi regelte. In der Mitte des 18. Jahrhunderts jedoch verlor der Abiiru zunehmend an Bedeutung.

Als die Tutsi-Könige ihre Macht und Autorität zentralisierten, ernannten sie Häuptlinge und verteilten Land nach Gutdünken an Personen, meist an Tutsi. Sie versäumten damit die Möglichkeit, eine gerechtere Verteilung des Landes vorzunehmen, denn es gab viele erbliche Häuptlinge, die Hutu waren und davon profitiert hätten.

Die Umverteilung des Landes geschah zwischen 1860 und 1895 auf Erlass von Mwami Rwabugiri und führte zu einem Herrschaftssystem, bei dem die Hutu den Tutsi-Häuptlingen Arbeitsdienste leisten mussten. Dieses System brachte den Hutu erstmals den Status von Leibeigenen ein. Die Tutsi-Häuptlinge waren so etwas wie ihre feudalen Grundherren.

Unter Mwami Rwabugiri wurde Ruanda ein expansionistischer Staat. Alle neu eroberten Völker wurden von nun an offiziell als Hutu klassifiziert. Der Staat machte sich nicht die Mühe, die ethnischen Identitäten der Volksgruppen wahrzunehmen oder gar anzuerkennen. Der Begriff Hutu wurde dadurch zu einem Begriff, der gleichzeitig die Unterwerfung beinhaltete. Die Hutu waren sozial und politisch entrechtet.

Die Bezeichnung Hutu und Tutsi waren aber trotzdem über all die Jahrzehnte sozioökonomischer und nicht ethnischer Natur. Man konnte das Kwihutura oder das Hututum „loswerden“, indem man innerhalb der sozialen Hierarchie aufstieg und Reichtum anhäufte.

Ende des 19. Jahrhunderts geriet das Königreich Ruanda in den Einflussbereich europäischer Mächte. Mit dem „Wettlauf um Afrika“, der „Kolonialisierung des afrikanischen Kontinentes in der Hochphase des Imperialismus zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg“, setzte schrittweise etwa um 1897 eine indirekte Kolonialherrschaft Deutschlands als Teil Deutsch-Ostafrikas ein.

Während des 1. Weltkrieges und nach militärischen Auseinandersetzungen stand Ruanda ab 1920 unter belgischer Verwaltung im Auftrag des Völkerbundes. Sowohl die Deutschen wie auch die Belgier nutzten die vor Ort bestehenden Machtstrukturen. Zunächst stützten sie sich auf den Einfluss der Tutsi und räumten diesen Sonderprivilegien ein. Als das auf Dauer problematisch wurde, bevorzugte man die Hutu. Damit wurde die Abneigung zwischen Hutu und Tutsi immer weiter angestachelt.

Die Bezeichnung Hutu oder Tutsi musste damals in den Pass eingetragen werden.

Im Jahre 1961 fand ein Volksentscheid statt, bei dem die Wähler mit großer Mehrheit gegen den König stimmten und sich für die Umwandlung Ruandas in eine Republik entschieden. Nach der Unabhängigkeit am 1. Juli 1962 gab es eine erste (1962 - 1973) und dann eine zweite Republik (1973 - 1994).

Vor allem zur Zeit der ersten Republik war es in Ruanda zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi gekommen. Schon damals gab es Massaker an den Tutsi. Vorwiegend Männer wurden damals getötet. Frauen und Kinder hat man meistens, nicht immer, verschont. Daraufhin kam es zu Vertreibungen und Fluchtbewegungen von Tutsi. Eine große Anzahl von ihnen war danach an der Rückkehr nach Ruanda gehindert und lebte jahrzehntelang in den Nachbarländern Uganda, Burundi, Tansania und der Demokratischen Republik Kongo, zum Teil auch in Kenia. Dort wurde die Ruandische Patriotische Front (RPF) gegründet.

Zugespitzt hat sich die Lage in den frühen 1990er Jahren. Am 1. Oktober 1990 griff die RPF, in der Exil-Ruander aus Uganda stark vertreten waren, das Land an, um militärisch die Rückkehr der Flüchtlinge zu erzwingen. Sie besetzten Teile des Nordens des Landes (in Byumba und Mutara). International vermittelte Verhandlungen führten zunächst zu einem Waffenstillstand im Juli 1992. Nach dem „Friedensvertrag von Arusha“ im Januar 1993 kam es aber mehr oder weniger zu einer politischen Blockade der Umsetzung der Vereinbarung des Friedensvertrags. Radikale Kräfte waren nicht zur Kooperation mit dem Gegner in Regierung, Parlament und Armee bereit.

Anfang der 1990er Jahre fing die Hutu-Regierung an, die Massaker und damit den Genozid vorzubereiten. Die Propaganda verbreitete, dass alle Tutsi Kakerlaken seien und ausgerottet gehören. Beinahe täglich liefen Hasssendungen im Radio. Und es wurden junge Leute zum Töten ausgebildet. Es wurde ihnen erklärt, wie sie mit den Macheten zuschlagen müssen, um jemanden lebensgefährlich zu verletzen.

Der Genozid mit abscheulichen Massakern erstreckte sich auf die gesamte Fläche Ruandas. Es passierte in jedem Dorf und in jeder Stadt. Beinahe 1 Million Menschen kamen ums Leben. Die Hutu besaßen Listen mit den Namen aller Tutsi. Sie waren gut informiert und wussten über jeden Tutsi Bescheid. Sie hatten auf den Listen sogar notiert, wo sich jemand verstecken könnte.

An den Massakern haben sich alle möglichen Menschen beteiligt: Junge Männer, ältere Männer, teilweise sogar erst 11- oder 12-jährige Kinder. Auch Frauen haben getötet.

Ende Juli 1994, nach etwa 100 Tagen, war der Völkermord offiziell zu Ende. Es dauerte aber an den verschiedenen Orten unterschiedlich lang, je nachdem, wann die Rebellen der RPF die Gebiete eroberten.

1994 war Judence elf Jahre alt. Sie hat damals schreckliche Dinge erlebt. Es sind Erlebnisse, die wir uns in unserem Leben nicht vorstellen können. Und doch sind sie geschehen und sie hat es überlebt.

Lange konnte sie über ihr Leben und ihre Vergangenheit nicht berichten. Erst jetzt gelingt es ihr mehr und mehr, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Das ist für sie nicht leicht, kostet sie viel Kraft und vor allem unendlich viel Mut. Ihr hilft es aber, mit ihrem Leben besser zurechtzukommen. Und wir müssen sie anhören, denn von Menschen wie Judence und ihren Geschichten können und müssen wir eine Menge lernen.

Claudia Puszkar ist Journalistin und hat die Geschichte von Judence Kayitesi aufgeschrieben.

Meine Kindheit

Mein Name ist Judence Kayitesi und ich bin eine Tutsi. Ich stamme aus dem Dorf Museke in Ruanda. Es gehört zur Gemeinde Cyuga in der Kommune Rutongo und ist etwa 40 Kilometer von Kigali, der Hauptstadt des Landes, entfernt. Nach dem Völkermord wurden viele Ortsnamen geändert. Rutongo heißt heute Gazabo, Cyuga nennt man jetzt Jali.

Museke ist ein ganz kleines Dorf. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dort lebten oder heute leben, viele sind es nicht. Damals, Anfang der 90er Jahre, hatten wir im Dorf keinen Strom und auch kein fließendes Wasser im Haus. Wasser mussten wir aus dem Brunnen holen. Für uns war dies jedoch ganz normal.

Die Leute gingen früh schlafen, wir hatten immer frisches Gemüse und sehr gesundes Essen. Im ganzen Dorf gab es kein Telefon, doch man brauchte es auch nicht. Wir kannten es nicht anders und haben nichts vermisst.

Der Bruder und eine Schwester meines Vaters. Dies ist eines der wenigen Fotos, die von der Familie meines Vaters existieren.

Meine Familie lebte in Museke, also die Familie meines Vaters. Alle waren sehr lange dort ansässig. Schon meine Urgroßeltern hatten in diesem Dorf gelebt.

Meine Großeltern wohnten gleich neben uns. Mein Vater hieß Calixte Kabarari. Er wurde 1953 geboren und war in seiner Familie der älteste unter den Geschwistern. Es waren insgesamt fünf Kinder, zwei Jungen und drei Mädchen. Mein Vater und sein Bruder waren Nachbarn. Alle sind während der Zeit des Völkermords umgekommen.

Meine Mutter hieß Genevieve Mugorewabera. Sie stammte aus einem anderen Dorf der Region Rutongo, aus Kabuye. Als Kind, ich war vielleicht neun Jahre alt, konnte ich allein dorthin laufen. Es muss also sehr nah gewesen sein. Eine andere Möglichkeit als hinzulaufen, gab es damals für uns nicht.

 

Meine Mutter Genevieve Mugorewabera. Es gibt nur noch dieses eine Foto.

Meine Mutter ist 1954 geboren. Sie hatte viele Geschwister. Mulinda Jean Claude hieß der älteste Bruder und Mugorewindinda Godberthe die älteste Schwester. Diese Beiden hatten eine andere Mutter als meine Mutter. Ihre Mutter war gestorben und so hatte mein Großvater meine Großmutter geheiratet. Das erfuhr ich erst nach dem Völkermord. Ich hatte mich immer gewundert, warum die Geschwister sich nicht ähnlich sahen. Meine Mutter beispielsweise hatte eine viel dunklere Haut.

Mein ältester Onkel Mulinda Jean Claude ist schon vor dem Völkermord gestorben. Er war krank, hatte Probleme mit seinem Magen. Er hinterließ seine junge Frau und drei Kinder.

Meine Großmutter bekam folgende Kinder: Mugorewintore Genereuse war die erste, dann kam meine Mutter Mugorewabera Genevieve (Mugore bedeutet: Frau; Wabera bedeutet: weiße Person). Als nächstes wurde der Bruder Niyibizi Innocent, dann die Schwester Ukwishaka Marie Gorethe und als letzter der Bruder Niyonzima Vincent geboren. Mein Onkel Innocent hat nach dem Tod von Claude dessen Frau geheiratet. Die beiden haben sich ineinander verliebt und kamen zusammen.

Meine Großeltern mütterlicherseits (in der vorderen Reihe sitzend) und Angehörige der Familie: das Mädchen vorn links, Musanabwiza Marie Louise, hat überlebt. Rechts neben ihr steht Mazuru. Die drei Kinder links (Ngunzo Deogratias) und rechts (Nyirahabim Helena) neben meinem Großvater und rechts dahinter (Denise Umutoni) sind die Kinder von meinem Onkel Innocent und seiner Frau (hintere Reihe links mit dem Baby auf dem Arm). Der Mann rechts neben ihr ist mein Onkel Innocent, ihr zweiter Mann.

Mein Onkel Mulinda Claude und seine Frau, die später meinen Onkel Innocent heiratete.

Ich kann mich erinnern, dass, als ich noch klein war, darüber geredet wurde. Innocent bekam mit ihr noch einmal zwei Kinder. Alle Kinder starben während des Völkermordes, nur die älteste Tochter von Claude überlebte.

In Ruanda bekamen die Töchter kein Land von den Eltern geschenkt, denn man ging davon aus, dass sie nach der Hochzeit zur Familie ihres Mannes zogen. Das war damals in Ruanda üblich. Wenn eine Familie beispielsweise einen Hof hatte, dann bekamen die Söhne jeweils einen Teil des Landes, konnten von den Erträgen leben und sich dort ein Haus bauen. Und das konnten sie sich bauen, wo sie wollten. Entweder in die Nähe ihrer Eltern oder auch weiter weg. Es war eine patriarchalische Gesellschaft. Aber dieses Gesetz wurde nach dem Genozid geändert. Auch Töchter erben heute genauso viel wie Söhne vom elterlichen Vermögen.

Unser Haus war ganz nahe am Haus meiner Großeltern. Wir verstanden uns alle sehr gut. Auch das Haus meines Onkels stand beinahe direkt nebendran. Mein Onkel war noch nicht verheiratet, er hatte eine Verlobte. Beide sind während des Völkermordes umgekommen.

Meine Eltern haben 1978 geheiratet. Ich war nicht das erste Kind meiner Eltern. Vor mir erwarteten sie schon ein Kind. Im sechsten Monat erlitt meine Mutter jedoch eine Fehlgeburt. Es wäre ein Mädchen gewesen. Meine Eltern waren sehr traurig.