4,49 €
Eine Handgreiflichkeit auf dem Adventsmarkt in Seligenstadt, ein Einbruch in eine Boutique in der Nähe am selben Abend sowie eine Leiche, die erstochen in deren Obergeschoss liegt, geben dem Team um Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener vom K11 in Offenbach Rätsel auf. Erst nach den Ergebnissen der Spurensicherung stellt sich heraus, dass die Taten im Zusammenhang stehen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rita Renate Schönig
Einbruch mit Todesfolge
Seligenstädter Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Einbruch mit Todesfolge
Inhalt:
Ständige Protagonisten
Hauptcharaktere
Infos und Erklärungen:
Mittwoch, 04. Dez. 2024 / 19:10 Uhr
Donnerstag, 05. Dez. 2024 / 08:15 Uhr
Freitag, 06. Dez. 2024 / 07:15 Uhr
Samstag, 07. Dez. 2024 / 08:50 Uhr
Danke
Rezepte - Kochen
Rezepte – Backen.
Vita:
Bis heute sind folgende Bücher erschienen:
Einbruch mit Todesfolge
Impressum neobooks
15. Seligenstadt – Krimi
Handlung sowie Protagonisten entspringen ausschließlich meiner Fantasie, mit Ausnahme der Inhaber der Boutique und ihrer Mitarbeiterinnen, deren reale Namen ich modifiziert verwenden durfte. Teile der Dialoge sind in Seligenstädter Mundart verfasst und daher, die Grammatik betreffend, nicht regelkonform.
Impressum
Texte © Copyright by Rita Renate Schönig
Bildmaterialien © Copyright by Rita Renate Schönig
Postfach 1126
63487 Seligenstadt
E-Mail-Adresse: [email protected]
Homepage: www.rita-schoenig.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Buches darf reproduziert, in einem Abrufsystem gespeichert, in irgendeiner Form elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Art übertragen werden.
Kim, ihre Freundin Anna sowie Nils und Julian – alle zwischen 17 und 19 Jahre alt – treffen sich auf dem Adventsmarkt in Seligenstadt. Aufgrund des stark unter Alkoholeinfluss stehenden Julian kommt es zu Handgreiflichkeiten, mit einem Mann, der sich Kim und Anna danach als Simon Matthes, Fotograf einer Modeagentur, zu erkennen gibt. Wenig später wird er in einer Boutique in der Nähe ermordet.
Für Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener vom K11 in Offenbach und ihr Team wird bald klar: Die Taten hängen zusammen. Doch die Suche nach dem Mörder gestaltet sich äußerst schwierig.
Ermittlerteam Präsidium Offenbach K11
Nicole Wegener, EKHK
Harald Weinert, KHK
Lars Hansen, KHK
Dagmar Dietz, KOK
Andreas (Andy) Dillinger, KHK
Patrick Rudolph, IT-Techniker, IKT-Polizeipräsidium
Staatsanwaltschaft:
Falk von Lindenstein und Felix Heller
Rechtsmedizin
Dr. Martin Lindner (Doc)
Kriminaltechnik/Spurensicherung:
Kai Schmitt, KOK
Lutz Berger, KOK
Wiebke Pannkok, KK
Christine Voß, KK
Elena Vasilenko, KK
Seligenstädter Polizeistation
Andreas Eberbach, PHK, Dienststellenleiter
Hans Lehmann, POK
Berthold Bachmann, POK
Saskia Ehrlich, POK
Mitglieder der Hobby-Ermittler
(SE-PRI-SOKO)
Helene Wagner, Freundin von Nicole Wegener
Herbert Walter, Lebensgefährte von Helene
Ferdinand und Bettina Roth, Freunde
Gundula (Gundel) Krämer, Nachbarin
Georg (Schorsch) Lenz, ehemaliger Nachbar
Speziell diesem Roman zugeordnete Protagonisten
Kim Möbius und Paul Möbius
Christian und Katrin Möbius, Eltern von Kim und Paul
Anna Westphal, Freundin von Kim
Gesine und Oliver Westphal, Eltern von Anna
Nils Rauch, Freund von Kim
Claudia und Armin Rauch, Eltern von Nils
Julian Wendel, Schulkollege von Anna und Kim
Andrea und Martin Wendel, Eltern von Julian
BKA, Jonas Wahl, Kriminalhauptkommissar
Dietmar Schönherr, angehender Rechtsmediziner
Agentur Impression of Fashion
Eva und Johannes Brandner, Inhaber
Simon Matthes, Inhaber und Fotograf
Ute Sänger, Freundin von Simon
Lili Becker – alias Luisa Braun, Praktikantin
Boutique Seligenstadt
Ina und Heinz Edelmann, Inhaber
Kerstin Bašić und Simone Adler, Mitarbeiterinnen
EWO – Einwohnermeldeamt
HTP – Hessisches Polizeipräsidium für Technik, Wiesbaden, zuständig für kriminaltechnische Untersuchung von Fahrzeugen.
Reflexschirmdiffusor – lichtreflektierende Schirme in Fotostudios
SpuSi – Spurensicherung
Plattdeutsch: Dat sütt wohl so ut – Das sieht wohl so aus.
Sie hatten sich mit Anna und Kim für halb sieben auf dem Adventsmarkt verabredet. Aber wie immer kamen die beiden zu spät. Als sie endlich eintrafen, hatte Julian schon drei Glühweine intus und entsprechend glühten seine Wangen trotz der Temperatur um den Gefrierpunkt. Zudem fielen seine Hemmungen, sodass er ständig seinen Arm um Annas Schultern legte.
Während Kim sich Nils' Umarmung nur zu gerne gefallen ließ, versuchte Anna, Julian zu entgehen. Allerdings schien ihn dies nur noch mehr anzustacheln.
»Was hast du denn? Du magst mich doch«, säuselte er bereits lallend dicht an ihrem Ohr. Dabei drang sein nach Alkohol riechender Atem in ihr Gesicht.
»Lass das gefälligst!«, fauchte sie. »Wenn du nicht augenblicklich deine Hände bei dir behältst, machst du Bekanntschaft mit meinem Knie – und das an einer Stelle, die dir besonders wehtut.«
Einen Moment lang schaute Julian konsterniert, lachte und zog Anna erneut an sich. Obwohl sie bisher seine x-maligen Wünsche nach einem Date abgelehnt hatte, war er sich sicher, dass sie sich nur zierte und mehr von ihm wollte. Ihre Signale während der Pausen auf dem Schulhof waren – aus seiner Sicht – eindeutig.
»Sorry, aber ich habe euren Wortwechsel mitgehört. Alles in Ordnung? Belästigt dich der Typ?«
Anna sah in das Gesicht eines jungen Mannes – eines besonders sympathisch aussehenden Mannes, wie sie sofort feststellte.
»Was mischst du dich hier ein?«, ging Julian ihn sogleich an, bevor Anna eine Antwort geben konnte. »Zieh Leine, oder ich ...«
»Die junge Dame war doch wohl verständlich genug. Sie will nichts von dir.«
Kim und Nils hatten sich ziemlich schnell hinter den Glühweinstand zurückgezogen, und das nicht nur, weil es immer voller auf dem Adventsmarkt wurde und sie ständig von jemandem angerempelt wurden. Durch den verbalen Schlagabtausch aufmerksam geworden, traten sie aus dem Halbschatten der an der Ecke der Bude befestigten Tanne hervor und sahen, dass Julian von einem Unbekannten am Arm festgehalten wurde.
»Was geht hier vor? Lass sofort meinen Freund los!«, forderte Nils den Mann auf, obwohl die Bezeichnung Freund nicht so ganz zutraf.
Julian war bis vor zwei Jahren ein Klassenkamerad, schaffte aber aufgrund seiner Faulheit, die Schule betreffend, nicht die Versetzung – dafür standen Feiern und Alkohol an erster Stelle – und musste daraufhin das Schuljahr wiederholen. Damit das nicht noch einmal vorkam, vor allem aber, damit niemand von den Schwierigkeiten ihres Sohnes erfuhr, baten Andrea und Martin Wendel den ›Eins A-Schüler‹ Julian, Nachhilfestunden zu geben.
Die Bezahlung war mehr als großzügig, weswegen Nils nicht ablehnte. Das galt ebenso für die Aufsicht beim Besuch des Adventsmarktes. Dafür hatte Julians Mutter einen zusätzlichen Bonus lockergemacht.
»Dein Freund hat offensichtlich zu viel getrunken und belästigt diese junge Dame«, antwortete er. »Du solltest ihn nach Hause bringen, bevor er noch eine Anzeige wegen Belästigung bekommt.«
»Du sagst mir nicht, was ich tun oder lassen soll«, entgegnete Julian wütend.
Vergeblich versuchte er, sich aus dem festen Griff des Fremden zu lösen.
»Anna? Ist das wahr?« Nils sah sie an.
»Na ja. Julian ist ... er ... er hat vielleicht wirklich zu viel getrunken. Ich denke, es ist besser, wir gehen alle nach Hause.«
»Du bist so ein Vollidiot!«, fauchte Kim. Ihr Blick war auf Julian gerichtet und wirkte in der Beleuchtung des Glühweinstands bedrohlich wie scharfe Pfeilspitzen.
So hatte Kim sich den Abend nicht vorgestellt. Sie wusste, dass Julian verrückt nach Anna war, hatte aber nicht damit gerechnet, dass er ihr gleich an die Wäsche ging. Denn im Grunde war Julian eher der schüchterne und ganz und gar nicht unangenehme Typ, obwohl er mit seinen dunkelbraunen, wirren, in die Stirn fallenden Haaren bei den meisten Mädchen gut ankam – geradezu umschwärmt wurde. Nur eben nicht von Anna.
Aber gerade sie brauchte Kim an ihrer Seite – sozusagen als Alibi ... sollte das mit Nils ernster werden. Deshalb hatte sie die Hoffnung, dass Annas Ablehnung Julian gegenüber sich in lockerer Stimmung ein wenig verringern würde.
Dieser Plan war nun fehlgeschlagen. Zudem hatte der kleine Vorfall die Aufmerksamkeit anderer Adventsmarktbesucher auf sich gezogen.
Deswegen knurrte Kim: »Lasst uns gehen.«
»Ihr könnt gerne gehen. Wir bleiben noch ein wenig«, sperrte sich Julian dagegen und versuchte ein weiteres Mal, Annas Arm zu fassen.
Sie wich erneut zurück und zischte: »Geh mir bloß aus den Augen.«
Anschließend drängte sie sich an den in Trauben vor einer Würstchenbude Stehenden vorbei und bahnte sich einen Weg durch die über den Marktplatz flanierenden Menschen.
»Anna! So warte doch«, rief Kim ihrer Freundin hinterher.
Aber sie lief bereits zur Frankfurter Straße.
»Ich geh' ihr nach«, wandte Kim sich an Nils.
»Sehen wir uns später noch?«, fragte er zaghaft zurück.
»Nein! Dafür kannst du dich bei dem bedanken. Bring die Saufnase besser nach Hause.« Kim warf Julian einen letzten verächtlichen Blick zu und folgte ihrer Freundin.
»Na dann entlasse ich den da mal in deine Obhut«, sagte der Fremde und ließ Julian los.
Der wäre augenblicklich zusammengesackt, hätte Nils ihn nicht aufgefangen. Zudem war an seinen halb geöffneten Augen zu erkennen, dass er nicht viel von dem, was um ihn herum geschah, mitbekam.
Mittwoch / 20:10 Uhr
Kim fand ihre Freundin auf den Stufen zu einem Geschäft sitzend.
»Das war eine bescheuerte Idee von mir. Tut mir leid. Ich hätte nicht gedacht, dass Julian sich derart danebenbenimmt«, entschuldigte sie sich bei Anna.
»Nicht deine Schuld. Ich weiß ja, dass er keine Gelegenheit auslässt, mich zu einem Date einzuladen. Aber er ist nun mal nicht mein Typ.«
»Der andere aber schon ... Ich meine den, der dich aus Julians Klauen gerettet hat. Streite es nicht ab. Ich hab' doch bemerkt, wie du ihn angesehen hast.« Kim lächelte.
»Quatsch, ja, er machte einen netten Eindruck und sieht auch noch gut aus«, gab Anna grinsend zu. »Aber er ist viel zu alt. Ich schätze so Mitte zwanzig.«
»Na und? Aber wir können ihn ja fragen, wenn du Interesse hast. Er ist bestimmt noch ...«
»Nein, hab' ich nicht«, fiel Anna ihrer Freundin ins Wort. »Komm, mir ist kalt.«
Sie stand auf und hakte sich bei Kim unter.
»Hi, ihr Hübschen. So sieht man sich wieder.«
»Was machst du denn hier? Verfolgst du uns?«, blaffte Kim den Mann an, der Julian vor nicht mal einer Viertelstunde, in seine Schranken gewiesen hatte.
»Wie kommst du auf diese absurde Idee? Ich habe, wie es aussieht, nur den gleichen Weg. Mein Wagen steht ganz in der Nähe. Kann ich euch nach Hause fahren? Es ist ziemlich kalt.«
»Nein, danke«, lehnte Kim ab. »Wir haben es nicht weit und außerdem steigen wir nicht zu einem Fremden ins Auto.«
»Oh, natürlich. Entschuldigt, ich bin Simon, Simon Matthes«, antwortete er mit einem Lächeln.
»Aha«, erwiderte Kim.
Er sieht wirklich verdammt gut aus, stellte sie fest.
Mit seinen halblangen, dunkelbraunen, lockigen Haaren, den breiten, geschwungenen Brauen über den dunklen Augen und dem markanten Gesicht machte er einen südländischen Eindruck. Und wegen seiner Größe von mindestens einem Meter fünfundachtzig schätzte sie Norditalien – vielleicht Mailand – die Stadt der Mode. Dafür sprach auch seine schicke Daunenjacke im hohen Preissegment. Kim war sich sicher, es handelte sich um ein Designerstück einer bekannten Modefirma mit Sitz in München.
»Kim und Anna«, stellte sie sich und ihre Freundin vor.
»Ist etwas mit meinem Outfit nicht in Ordnung? Oder weshalb starrst du mich so an?«, fragte Simon amüsiert.
»Schicke Jacke. War bestimmt teuer.«
»Kommt drauf an, was du unter teuer verstehst«, entgegnete er ausweichend, während er Kim von oben bis unten abscannte. »Aber, wenn ich dich so ansehe – dein Outfit ist auch nicht schlecht. Du kennst dich in Mode aus.«
»Ihr könnt euch gerne weiter über Klamotten austauschen; ich mache mich jetzt auf den Heimweg. Mir ist kalt!«, unterbrach Anna den kurzen Flirt der beiden.
»Ja, mir auch«, schloss Kim sich ihr an.
»Moment! Ich bin Fotograf und für eine Modelagentur tätig. Falls ihr Interesse habt ...? Zwei neue hübsche Gesichter können wir immer gut gebrauchen.« Er holte Visitenkarten aus seiner Jackentasche und reichte den beiden je eine.
»Sag bloß, die Masche kommt noch immer an?«, prustete Anna amüsiert los. »Wir sind keine zwölf mehr. Für wie blöd hältst du uns?«
»Ihr könnt gerne dort anrufen oder auf der Homepage nachsehen, wenn ihr mir nicht glaubt. Tschau.« Simon hob die Hand, drehte sich um und ging weiter die Straße entlang und bog dann in die Sackgasse zum Parkplatz vor dem ›Riesensaal‹ ein.
»Was meinst du, glaubst du ihm?«, wollte Kim wissen.
Anna zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Du denkst doch nicht ernsthaft ...?« Sie stockte mitten im Satz, als sie den grüblerischen Gesichtsausdruck ihrer Freundin sah.
»Wenn das mit der Agentur stimmt, könnte es für mich von Vorteil sein – eine Art Sprungbrett für meinen Berufswunsch.«
»Okay. Dann rufen wir morgen dort an. Zuvor werde ich Recherchen zur Modelagentur und diesem Simon ...« – Anna hielt die Visitenkarte in den Schein der Straßenlaterne – »Simon Matthes anstellen. Jetzt lass uns nach Hause gehen.«
Ihr Weg führte sie aber an einer Boutique vorbei, in der beide gerne shoppten.
»Der da gefällt mir.« Anna zeigte auf einen flauschig aussehenden hellblauen Mantel. »Was hältst du davon, wenn wir morgen eine Shoppingtour machen? Zu meinem sechzehnten Geburtstag habe ich von meinen Eltern einen großzügigen Geldbetrag bekommen. Und einen neuen Mantel könnte ich gut brauchen. Und mit dem Schal, den Handschuhen und der Mütze wäre mein Outfit perfekt. Oder was meinst du?«
»Eine äußerst praktische und ziemlich konservative Investition«, stimmte Kim mit gespielter Ernsthaftigkeit und einem Kopfnicken zu.
»Ja, ich weiß. Du würdest das Geld lieber für stylishere Kleidung ausgeben, auch wenn du dir bei dieser Kälte den Allerwertesten abfrierst – wie jetzt gerade«, erwiderte Anna lachend.
Wie meistens hatte Kim einen schwarzen Minirock an. Das einzige, der Jahreszeit geschuldete Zugeständnis waren schwarze Stiefel, die bis über die Knie gingen, sowie eine pinkfarbene Steppjacke mit Kunstfellkapuze.
»Wie kommst du drauf, dass ich friere? Ich hab' einen dicken Pullover an.« Zum Beweis zupfte sie an ihrem rosaroten Rollkragenpullover.
»Nur, dass der den Hals wärmt und nicht deinen Arsch«, widersprach Anna und schlug ihrer Freundin auf den Hintern. »Aber du bist die Expertin in Sachen Klamotten.«
Kim wollte Modedesignerin werden und hatte sich bereits bei einigen Hochschulen nach den Möglichkeiten erkundigt. Die einzige und schwierigste Hürde, die sie zu überwinden hatte, waren ihre Eltern. Kims Wunsch traf bei ihnen auf wenig Begeisterung. Vor allem der Vater – der erfolgreiche Strafverteidiger Christian Möbius – hoffte, dass seine Tochter in seine Fußstapfen treten würde. Jedoch hatte Kim keinerlei Ambitionen, Kriminelle vor Gericht zu vertreten und im besten Fall auch noch vor einer Gefängnisstrafe zu bewahren, obwohl es so gut wie gesichert war, dass sie die ihnen angelasteten Straftaten begangen hatten.
Mindestens ebenso gruselig empfand Kim den Job ihrer Mutter. Sie war biomedizinische Analytikerin in einem Labor und untersuchte Körperflüssigkeiten von Menschen.
Nein, auch in einem derartigen Beruf konnte Anna sich Kim nicht vorstellen. Niemals! Sie bekam bereits die Krise, wenn jemand in ihrer Nähe ständig nieste. Zudem war Anna sich sicher, dass ihre Freundin ihren Willen, in der Modebranche Fuß zu fassen, durchsetzen würde – so wie immer, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
Kichernd gingen sie um die Ecke des Geschäfts und sahen sich auch hier die Auslagen an, als überraschenderweise Julian vor ihnen stand.
»Mann, hast du uns erschreckt«, fauchte Kim. »Wollte Nils dich nicht nach Hause bringen?«
»Ja, schon. Aber auf dem Weg musste ich kotzen. Deshalb haben wir vor dem ›Riesensaal‹ eine kleine Pause eingelegt«, antwortete er mit unklarer Stimme.
»Und wo ist Nils?«, wollte Anna wissen.
Julian zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Hatte einen kleinen Filmriss.« Er grinste. »Als ich wieder zu mir kam, war der gute Nils weg.«
Übergangslos fragte er: »War da nicht gerade der Typ, der mich vorhin so blöd angegangen ist?« Er zeigte in die Richtung der Parkfläche vor dem ›Riesensaal‹.
»Ja. Angeblich ist er Fotograf und auf der Suche nach neuen Gesichtern für eine Modelagentur. Er hat uns sogar seine Visitenkarte gegeben«, antwortete Anna und lachte. »Als ob wir auf die ausgelutschte Masche hereinfallen würden.«
»Zeig her.« Julian riss ihr die Karte aus der Hand, mit der sie vor seinem Gesicht herumfuchtelte.
Auch ihm war Kims Berufswunsch bekannt, weswegen er sie fragte: »Du überlegst doch nicht ernsthaft, da anzurufen?«
»Was spricht dagegen, wenn ich mich mal erkundige? Für meine Bewerbung bei der Fachschule für Modedesign brauche ich ohnehin einige Fotos. Warum also nicht das eine mit dem anderen verbinden?«
Um der spürbar aufwallenden Missstimmung zwischen den beiden entgegenzuwirken, sagte Anna: »Wir werden uns natürlich vorher informieren, ob diese Agentur überhaupt existiert und wer oder was dahintersteckt.«
»Wenn es dir um schöne Fotos geht, dazu brauchst du den Schnösel nicht«, erwiderte Julian. »Die kann ich auch machen.«
»Du?« Kim lachte. »Wie soll das gehen? Du hast weder eine geeignete Kamera noch die passende Location.«
Mittwoch / 21:10 Uhr
Waren sie wirklich gerade dabei, einen Einbruch zu begehen?
Das ist doch irre, hörte Kim ihre innere Stimme. Dennoch war sie nicht in der Lage, umzukehren. Im Gegenteil – das Kribbeln in ihrer Magengegend wuchs, während sie im Schein ihrer Handytaschenlampe hinter Anna und Julian herstolperte und sich einen Weg durch den Bauschutt bahnte.
»Woher wusstest du, dass man hier hineinkommt?«, fragte sie, an der Tür auf der Rückseite der Boutique angekommen.
»Reiner Zufall«, antwortete Julian und machte sich am Türschloss zu schaffen.
»Und es ist auch reiner Zufall, dass du Einbruchswerkzeug dabeihast?« Anna kicherte angespannt.
»Leuchte auf das Schloss, sonst kann ich nichts sehen«, knurrte er, anstatt einer Antwort.
»Was ist, wenn eine Alarmanlage losgeht?«, gab Kim zu bedenken.
»Dann haben wir noch immer genügend Zeit, um abzuhauen«, erwiderte Julian und stieß die Tür auf.
Einen Moment standen die drei davor. Aber als ein Alarm ausblieb, hasteten sie in den Flur, auf dessen linker Seite sich zwei Toiletten befanden. Dadurch, dass Kim und Anna öfter in der Boutique einkauften, wussten sie, dass es zum Verkaufsraum rechts um die Ecke ging, und übernahmen jetzt die Führung.
»Schaltet eure Handylampen aus, nur falls doch noch jemand vorbeigehen sollte«, forderte Kim ihre Freundin wie auch Julian auf. »Die Schaufensterbeleuchtung reicht, um uns zurechtzufinden. Such dir was aus und komm nach oben«, wandte sie sich an Anna. »Dort sind wir ungestört.«
»Ich probiere den Mantel an, der mir so gut gefällt.« Sie bewegte sich direkt auf das Schaufenster zu, aber Kim hielt sie mit einem »Stopp!« zurück. »Vielleicht hängt das Teil irgendwo auch noch auf einer Stange. Ich gehe schon mal nach oben. Die Gelegenheit, endlos Dirndlkleider anzuprobieren, lasse ich mir nicht entgehen.«
Sie warf einen Blick zu den vorderen Ladenfenstern und eilte, als sie sicher war, dass niemand davor die Auslagen betrachtete, die breite, geschwungene Treppe hoch.
»Ich denke, sie mag nur moderne Klamotten.« Julian schüttelte irritiert den Kopf. »Ich seh' mich mal im Keller um und komme dann hoch zu euch.«
Er kramte in seiner Hosentasche und anschließend in der Jacke nach seinem Smartphone, konnte es aber nicht finden.
Verdammt. Wenn ich schon wieder ein Handy verloren habe ...
Er tastete sich die Treppe hinunter, und fand unten angekommen, einen Lichtschalter.
Das schwache Licht aus dem Keller machte Anna im Erdgeschoss die Suche nach dem Mantel, den sie unbedingt anprobieren wollte, und den dazu passenden Accessoires leichter. Demgegenüber stieg das Risiko, durch die Schaufensterscheiben entdeckt zu werden, falls doch noch jemand unterwegs sein sollte. Aber gerade diese Möglichkeit setzte in ihr eine ungewohnte Euphorie frei.
Immer unaufmerksamer schlenderte sie an den Kleiderständern vorbei, fand den gesuchten Mantel und zog ihn über. Danach begutachtete sie die dazu passenden Handschuhe, Mützen und Schals, klemmte sich einige davon unter den Arm und rannte ins erste Obergeschoss.
Dort trat Kim, in ein hellblaues Dirndl gekleidet, gerade aus einer Umkleidekabine.
»Wow, das steht dir fantastisch«, äußerte Anna bewundernd. »Solltest du öfter tragen.«
»Und mir mein Image zunichtezumachen?«, gab Kim lachend zurück. »Obwohl ich gerne einmal damit zum Oktoberfest nach München möchte. Fühlt sich echt gut an und für die Bewerbungen an den Modefachschulen könnten verschiedene Outfits von Vorteil sein. Ich muss unbedingt noch das grüne Dirndl anziehen.«
Sie machte sich erst gar nicht die Mühe, zur Umkleide zu gehen, und verschwand zwischen den Kleiderständern.
»Wo bleibt Julian? Kneift er jetzt doch? Ich denke, die Farbe steht mir am besten. Oder was meinst du?« Kim posierte vor dem Spiegel, stoppte aber plötzlich in ihren Bewegungen und schrie.
Erschrocken drehte Anna sich zu ihr um und sah – genau wie ihre Freundin – wie Simon Matthes in gekrümmter Haltung, eine Hand auf seinen Bauch gepresst, auf sie zu stolperte und längs auf den Boden fiel.
»Ist das Blut?«, kreischte Kim, deutete auf den sich rasch mittig auf seinem Körper ausbreitenden Fleck und würgte augenblicklich.
»Ich glaube, er hat eine Stichwunde«, sagte Anna mit bebenden Lippen.
Während Kim sich an deren Arm klammerte, setzte eine monströse, grüne Kreatur, mit einem roten Mantel gekleidet, unbeholfen einen Fuß auf die letzte Stufe.
Der Grinch.
Anna wusste, dass dieses Kostüm von den Besitzern der Boutique immer als Werbung in der Vorweihnachtszeit benutzt wurde. Und ihr Verdacht, dass Julian im Keller darauf gestoßen sein musste, wurde zur Gewissheit, als sie die weißen Sneakers sah und dann den Kopf der Figur, den er unter dem Arm trug.
»Julian! Vorsicht!«, schrie Anna.
Erschrocken verlor der das Gleichgewicht und fiel in den Ledersessel, der neben der Treppe stand. Der Kopf des Grinch fiel auf den Boden und kullerte mit dumpfen Ploppgeräuschen die Stufen hinab.
Er rappelte sich aus dem Sessel hoch und sah Anna und Kim verstört an. »Warum schreit ihr?« Dann fiel sein Blick auf die am Boden liegende Person.
»Was geht 'n hier ab?« Noch immer war seine Sprechweise unklar, aber immerhin verständlich. »Wer ist das und warum liegt der hier?«
»Das ist Simon Matthes, der dich vorhin daran gehindert hat, mir an die Wäsche zu gehen«, antwortete Anna. Sie beugte sich über den Leblosen und legte zitternd die Fingerkuppen ihrer Zeige- und Mittelfinger seitlich an Simons Hals. »Er ist tot, vermutlich erstochen.«
»Erstochen? Ihr macht Scherze?«, äußerte Julian kaum hörbar.
»Sieht das hier so aus?« Kim deutete auf den blutdurchtränkten, wollweißen Kaschmir-Pullover.
»Von wem?«
»Das fragst du uns? Vor nicht mal einer Stunde hattest du Zoff mit ihm und jetzt ist er tot«, erwiderte Anna scharf.
»Wir brauchen einen Arzt!«, kreischte Kim.
»Hey Mädels ...« Schlagartig schien Julian nüchtern und der Situation, in der sie sich befanden, bewusst. »Ihr glaubt doch nicht, dass ich ...?«
»Woher kommt dann das Blut an deiner Hand?«, fragte sie.
»Blut? Welches Blut?«
Er besah sich seine Hände. »Verdammt, was ...?« Er sank erneut in den Sessel. »Mir ist schwindelig und mein Schädel brummt.« Er fasste sich an den Hinterkopf. »Da ... da ist eine riesige Beule. Muss mir irgendwo den Kopf gestoßen haben.«
»Jetzt mach hier nicht auf die Tour«, fauchte Kim. »Wo warst du die ganze Zeit? Und wieso steckst du in diesem ... Kostüm?«
Obwohl sie nicht glauben konnte ... nicht wollte, dass Julian jemanden erstochen haben sollte, sprachen die Indizien gegen ihn. Zudem erfuhr sie tagtäglich durch die Arbeit ihres Vaters, dass Menschen in bestimmten Situationen zu Dingen fähig sein können, die ihnen niemand zugetraut hätte.
Bevor Julian antworten konnte, klingelte Kims Handy.
Das Gesicht ihres 14-jährigen Bruders erschien auf dem Display.
»Paul, was gibts?«, blaffte sie ihn an.
»Ich wollte dich nur warnen«, antwortete er ein wenig verschnupft. »Unsere Ellies drehen am Rad. Sie wollen die Cops anfunken, falls du in den nächsten Minuten nicht antanzt.«
»Oh, ist es schon so spät?« Kim schaute auf die Zeitanzeige in ihrem Handy und stellte fest, dass es fast halb zehn Uhr war. »Sorry, Paul. Ich bin auf dem Weg. Sag unseren Eltern ...«
»Das wäre nice, Sis. Und ich lass' mir was einfallen«, wurde sie von Paul unterbrochen. »Dafür bist du mir was schuldig. Bis gleich.«
Kim hasste es, wenn ihr kleiner Bruder diese Jugendsprache benutzte, und wies ihn jedes Mal zurecht. Diesmal jedoch empfand sie es, angesichts der Lage, einfach nur als eine kurzzeitige Entspannung.
»Meine Eltern ... Ich hatte versprochen, um zweiundzwanzig Uhr zu Hause zu sein«, klärte sie Anna und Julian auf. »Was sollen wir nur tun?«
»Die Polizei rufen ...?«, schlug Julian vor.
»Und was sagen wir denen? Dass wir drei hier eingebrochen sind, um eine private Modenschau zu veranstalten, bei der einer von uns ... ermordet wurde?« Kim atmete tief durch und sagte: »Wir müssen hier weg. Und das sofort!«
»Aber wir können ihn doch nicht einfach hier liegen lassen«, protestierte Anna verunsichert.
»Wir haben keine andere Wahl«, stimmte Julian Kim zu. »Außerdem kannten wir den Kerl noch nicht mal.«
»Ich muss mich nur noch umziehen.«
»Vergiss es. Schnapp dir deine eigenen Klamotten und dann nichts wie raus hier«, entgegnete Julian, schälte sich selbst hektisch aus dem Kostüm und schleuderte es auf den Sessel.
Auch Anna entledigte sich des Mantels und ließ ihn achtlos auf den Boden fallen, sodass er zum Teil auf Simons Körper landete, während Kim ihre Kleidung aus der Umkleidekabine holte und zusammenraffte.
Hektisch rannten die Jugendlichen zur Hintertür, durch die sie in das Geschäft eingebrochen waren, und so schnell es der Schutt im Hinterhof zuließ, durch das Baugitter. Dabei blieb Kim an einem, davon abstehenden Draht hängen, befreite sich hastig und hetzte Anna und Julian hinterher.
Als sie vor dem ›Riesensaal‹ ankamen, bestand Kim darauf, das Dirndl auszuziehen. »Ich kann doch nicht so zu Hause auftauchen. Wie soll ich das erklären?«
»Willst du dich etwa hier umziehen?«, fragte Julian.
»Muss ich ja wohl«, entgegnete Kim und verzog sich in die Ecke neben der Zugangstür zum ›Riesensaal‹. »Also dreh dich schon um«, fauchte sie ihn an. »Oder glaubst du, ich würde extra für dich einen Striptease hinlegen?«
Claudia Rauch saß am Küchentisch und wartete auf ihren Sohn. In einigen Wochen würde er in Darmstadt wohnen, um dort Elektro- und Informationstechnik zu studieren. Die Zeit bis dahin wollten beide auskosten. Weswegen nahm sie sich wöchentlich einen Morgen für ein gemeinsames Frühstück frei.
Aufgrund dessen wunderte sich Claudia, dass Nils auf ihr Klopfen an seiner Tür nicht antwortete. Aber einfach so hineinzuspazieren war nicht ihre Art, sie respektierte seine Privatsphäre und hatte auch nie Grund, ihm hinterherzuschnüffeln. Nur heute Morgen hatte sie ein seltsames Gefühl, als sie an seinem Zimmer vorbeiging, besonders, weil sein Auto nicht vor dem Haus stand.
Ihrem Ehemann gegenüber hatte sie geäußert: Ich glaube, Nils ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen. Woraufhin Armin gelacht und geantwortet hatte: Claudia, er ist neunzehn Jahre alt. Vielleicht hat er bei einer Freundin übernachtet, von der wir noch nichts wissen.
Danach trank er im Stehen den letzten Schluck seines Kaffees, gab ihr einen Kuss auf die Wange, zog sein Jackett über und verabschiedete sich wie immer mit den Worten: Bis heute Abend, Schatz.
Einige Minuten später hörte sie den Summton des sich öffnenden Garagentors und sah, hinter dem Fenster stehend, wie er wegfuhr. Armin machte sich keine allzu großen Sorgen, weshalb Nils nicht nach Hause gekommen war – weshalb auch. Er wusste ja nichts von der Sache, als ihr damals noch kleiner Sohn plötzlich vom Spielplatz verschwunden war. Zum Glück hatte sie Nils einige Zeit später in einem Spielehaus gefunden. Ihrem Ehemann hatte sie aus Angst, dass er ihr Vorwürfe gemacht hätte, bis heute nichts davon erzählt.
Sie goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein und sah auf die Uhr. Zwanzig Minuten würde sie sich noch geben, dann würde sie entgegen ihrer sonstigen Manier in sein Zimmer gehen. Es waren nur zehn Minuten vergangen, als sie nach einem erneuten Klopfen die Tür öffnete.
Das Bett war unberührt und der Raum in einem ordentlichen Zustand, so wie sie es von ihrem Sohn kannte. Jetzt allerdings wäre es ihr lieber gewesen, wenn Jeans, Shirt und Pullover im Zimmer verstreut gelegen hätten und er in seinem Bett.
Claudia überlegte. Nils hatte ihr erzählt, dass er mit Julian, dem er auf Drängen seiner Eltern hin Nachhilfestunden gab, den Adventsmarkt besuchen wollte.
Ob sie bei den Wendels mal anrufen sollte? Die Mutter war – soweit sie wusste – nicht durchgehend berufstätig und möglicherweise zu Hause.
In der nächsten Sekunde hatte sie das Telefon in der Hand.
Von Andrea Wendel erhielt sie die Mitteilung, dass Julian in der Schule sei.
»Haben Sie versucht, Nils anzurufen?«, fragte sie anschließend.
Verdammt, warum bin ich nicht schon selbst daraufgekommen, schimpfte sich Claudia, antwortete aber: »Ja, natürlich habe ich das. Trotzdem danke. «
Sobald sie aufgelegt hatte, wählte sie Nils' Handynummer, erreichte aber nur die Mailbox.
»Nils, bitte ruf mich zurück. Ich mache mir Sorgen, weil du nicht nach Hause gekommen bist.«
Um kurz nach neun ging Claudia Rauchs Anruf bei der Polizeidienststelle ein.
Die Polizeibeamtin informierte sie, dass, wenn eine erwachsene, volljährige Person, die keine auffälligen psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen aufweist, vermisst wird, sie erst achtundvierzig Stunden nach der Abgängigkeit eine Vermisstenmeldung einleiten.
»Trifft das auf Ihren Sohn zu?«
Claudia Rauch verneinte. »Aber Sie können doch sein Handy orten?«
»Ohne richterlichen Beschluss dürfen wir das nicht. Es sei denn, es ist Gefahr im Verzug.«
»Hören Sie, Nils war gestern Abend zusammen mit einem Freund auf dem Adventsmarkt«, ließ Claudia Rauch nicht locker. »Julian kam nach Hause – mein Sohn aber nicht. Auf seinem Handy kann ich ihn nicht erreichen. Das ist mehr als unüblich. Demnach könnte er sehr wohl in Gefahr sein. Können Sie nicht wenigstens nach seinem Wagen Ausschau halten? Er fährt einen Mini Cooper Cabrio, blau mit weißem Dach.«
Die Polizistin schaute sich in der Zentrale des Polizeireviers um. Und als sie niemand in ihrer Nähe bemerkte, sagte sie: »Geben Sie mir das Kennzeichen des Wagens. Ich werde meine Kollegen bitten, die Augen offen zu halten. Das ist aber inoffiziell. Ich könnte deshalb Ärger bekommen, also bitte ich Sie, darüber Stillschweigen zu bewahren.«
»Das werde ich«, versprach Claudia und atmete ein wenig erleichtert auf. »Danke Frau ..., wie ist ihr Name?«
»Marie Schwan, Polizeikommissarin.«
»Danke, Frau Schwan. Und bitte, wenn Sie Informationen erhalten, rufen Sie mich an.«
Donnerstag / 08:50 Uhr
Nils war kalt und er fühlte sich wie gelähmt. Er wollte die Arme ausstrecken, stieß aber ringsum gegen Hindernisse.
Was soll das? Wo bin ich? Träume ich noch immer?
Klar und deutlich sah er wieder die Bilder dieses Albtraums.
Eine schwarz gekleidete Person, in der Hand ein Messer, mit dem sie in den Bauch eines Mannes stach, der augenblicklich zusammenbrach und in gekrümmter Haltung auf dem Boden liegen blieb. Die Person beugte sich über ihn und zog das Messer aus dessen Körper. Sie flüsterte irgendetwas, was Nils nicht verstand, drehte sich um und ging.
Der Mann, der eben noch reglos auf dem Boden gelegen hatte, streckte seine Hand aus und röchelte so etwas wie: »Hilf mir.« Aber Nils konnte sich nicht rühren. Dann hörte er hinter sich ein Geräusch. Als er sich umdrehte, stand da ein grünes Monster. Panisch rannte er an ihm vorbei und hinaus in die Dunkelheit.
Was für ein Scheißtraum! Oder ist es kein Traum?
Nach wie vor war es stockfinster um ihn herum. Erneut versuchte Nils sich zu bewegen, stieß aber ein weiteres Mal an eine Decke.
Bin ich eingesperrt – vielleicht in einer Kiste?
Der Gedanke verursachte bei ihm augenblicklich Panik und Erinnerungen an Gruselfilme, die er Jahre zuvor noch gern gesehen hatte, flimmerten vor seinem geistigen Auge auf.
»Quatsch, du weißt genau, dass das nur Fantasie ist«, sagte er laut vor sich hin. »Wach endlich auf!«
Er klopfte mit den Fingerknöcheln an seinen Kopf. Es hörte sich an, als ob er gegen einen sehr festen Gegenstand hämmerte. Das Hämmern nahm zu. Außerdem vernahm er das Bellen eines Hundes.
»Hallo, geht es Ihnen gut? Brauchen Sie einen Arzt?«
Im nächsten Moment spürte Nils einen kalten Luftzug und eine Hand tastete seinen Hals ab.
»Er lebt Lizzy. Gott sei Dank.«
Jemand rüttelte sanft an seiner Schulter. »Hören Sie mich?«
Nils blinzelte. Sekunden später sah er vor sich nebelhaftes Licht. Einen Augenblick danach erkannte er, dass es von einer Straßenlaterne kam, und auch die Stimme neben ihm nahm langsam die Umrisse eines Menschen an, der sich zu ihm beugte.
»Meinen Sie, Sie können aussteigen?«
Nils sah den Mann, der ihm jetzt seine Hand reichte, verständnislos an.
Zumindest bin ich nicht six feet under, stellte er erleichtert fest.
»Wo bin ich?«, fragte er und schaute sich um.
»Sie stehen vor den Elektroladesäulen am ›Kloster-Parkdeck‹ in Seligenstadt. Und ihr Wagen ist ziemlich ... ramponiert. Hatten Sie einen Unfall?«
»Einen Unfall?«, wiederholte Nils verwirrt.
»Mein Name ist Ferdinand Roth«, stellte sich der Mitte Siebzigjährige vor, »und das ist Miss Lizzy.« Der Mann deutete auf die Spaniel-Hündin, die jetzt, ohne einen Laut von sich zu geben, neben ihm saß. »Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«
»Nils, Nils Rauch«, antwortete er.
Dann fiel sein Blick auf das Fahrzeug, aus dem er mithilfe des Mannes ausgestiegen war.
»Das ist mein Auto. Was ist damit passiert? Und warum habe ich auf dem Beifahrersitz gesessen?«
»Ich denke, ich rufe Ihnen einen RTW und die Polizei.« Der Mann griff in seine Jackentasche und holte ein Handy heraus, während Nils erneut erschrak.
»Ich blute«, sagte er und hielt Ferdinand Roth seine Hand entgegen.
Was hat das zu bedeuten? Könnte ich einen Unfall gehabt haben und kann mich nicht mehr erinnern? Aber weswegen? Ich hatte gestern Abend auf dem Adventsmarkt gerade mal einen Glühwein und der war auch noch alkoholfrei, nahm das Gedankenkarussell in Nils' Kopf Fahrt auf. Wieso kann ich mich daran erinnern, jedoch nicht daran, wie diese Beulen in meinen Wagen kommen konnten und ich hierhergekommen bin?
Sein nächster Gedanke war, wie er das mit dem Auto seinen Eltern erklären sollte.
»Der Rettungswagen kommt gleich. Und die Polizei habe ich auch verständigt. Sie können sich also nicht erinnern, wie das ...«, Ferdinand deutete zu dem verbeulten Wagen, »passiert ist, Herr Rauch?« Dabei sah er Nils misstrauisch an und runzelte die Stirn.
Der schüttelte den Kopf. »Ich habe Durst«, sagte er stattdessen. »In meinem Auto hinter dem Beifahrersitz müsste eine Flasche Wasser liegen. Könnten Sie...?«
»Ja, sicher.« Der sich ihm als Ferdinand Roth vorgestellte Mann beugte sich ins Wageninnere, wobei sein Oberkörper fast den gesamten Einstieg einnahm.
In der Hoffnung, dass die Flüssigkeit seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen und ebenso seine Kopfschmerzen lindern würde, trank Nils die halbe Flasche in einem Zug. Der einzige Gedanke, der ihm aber danach in den Kopf kam, war, dass er seine Eltern beziehungsweise seine Mutter, anrufen müsste. Wenn er, wie er annahm, die ganze Nacht nicht zu Hause gewesen war, würde sie sich bestimmt Sorgen machen. Er griff ebenfalls in seine Jackentasche.
»Wo ist mein Handy?« Er sah Ferdinand ratlos an.
»Vielleicht liegt es im Auto«, antwortete er und beugte sich erneut in den Kleinwagen. Diesmal wurde er aber nicht fündig. »Wann hatten Sie es denn zum letzten Mal benutzt?«, fragte er.
Nils überlegte. »Gestern Abend, als ich meine Freundin angerufen habe, damit sie pünktlich zum Adventsmarkt kommt.«
»Und, hat es funktioniert?«, erkundigte sich Ferdinand, eigentlich nur, um dem jungen Mann die Möglichkeit zu geben, seine Gedanken wieder in die richtige Bahn zu lenken.
»Natürlich nicht, wie immer.« Nils schüttelte erneut den Kopf, musste aber feststellen, dass er das lieber hätte bleiben lassen sollen.
Alles drehte sich um ihn, und er wäre direkt neben seinem Mini Cooper auf dem Boden aufgeschlagen, hätte Ferdinand ihn nicht aufgefangen.
»Das muss ein sehr alkoholhaltiger Abend gewesen sein«, sagte er und setzte Nils vorsichtig zurück auf den Beifahrersitz.
»Das ist es ja, was ich nicht verstehe«, erwiderte er. »Ich hatte nur einen Glühwein und der war alkoholfrei. Aber weshalb kann ich mich an nichts erinnern?«
In dem Moment hörten beide das Martinshorn des Rettungswagens.
»Würden Sie mal kurz Lizzy halten?«, fragte Ferdinand, drückte Nils die Hundeleine in die Hand und lief dem RTW entgegen.
Bevor die Sanitäter sich des verwirrten jungen Mannes annahmen, wollte er ihnen seinen Verdacht bezüglich dessen Erinnerungslücke mitteilen, ohne dass die Polizei, deren Sirene ebenfalls schon zu hören war, das aufschnappte.
Als Josef Maier noch Chef der Seligenstädter Polizeistation war, hätte Ferdinand keine Bedenken gehabt. Aber bei dem jetzigen Dienststellenleiter – falls er denn bei diesem Einsatz selbst dabei wäre – war er unsicher, wie seine Mutmaßung ankommen würde.
Er winkte den RTW um die Ecke, wo die Rettungshelfer ihren Wagen direkt hinter Nils Rauchs Mini zum Stehen brachten. Und während Nils ständig liebevoll über Lizzys Kopf streichelte, die sich das gern gefallen ließ, teilte er den ehemaligen Kollegen – wenn auch bereits die zweite Generation, nachdem er in den Ruhestand gegangen war – seinen Verdacht mit.
»Danke für den Hinweis, Herr Roth. Und Sie haben Glück«. Er deutete mit dem Daumen über seinen Rücken und auf die Aufschrift ›Notarzt‹ auf seiner Weste. »Ich werde entsprechende Maßnahmen ergreifen.«
Darauf, dass ein Notarzt mit vor Ort sein würde, hatte Ferdinand gehofft, weil nur ein Arzt befugt ist, bei Verdachtsfällen – egal welcher Art – eine Blutentnahme vorzunehmen. Sollte er aber mit seiner Vermutung richtig liegen, zählte jede Minute.
»Sie sind bei den beiden in guten Händen«, sagte er zu Nils und ging mit Lizzy ein Stück beiseite, damit die Rettungssanitäter ihre Arbeit machen konnten, als auch schon der Polizeiwagen eintraf.
Erleichtert stellte Ferdinand fest, dass Polizeioberkommissar Hans Lehmann und sein junger Kollege Polizeikommissar Philipp Reichenbach aus dem Fahrzeug stiegen und, nachdem sie sich einen Überblick verschafft hatten, direkt auf ihn zukamen.
»Diesmal nur einen Verletzten gefunden?«, sprach Hans Lehmann ihn, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, an. »Wie kann nur ein so süßer Hund, immer mal wieder Tote finden?«, fügte er hinzu und ließ der Spaniel-Hündin die Streicheleinheiten zukommen, die sie anforderte.
