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Beim morgendlichen Gassi gehen mit seiner Hündin, Miss Lizzy, entdeckt Ferdinand Roth an der "Mulaule" die Leiche einer, in die historische Seligenstädter Tracht gekleideten, Frau. Erst bei näherem Hinsehen, erkennt er – es ist ein Mann – Staatsanwalt a.D. Heinz Hagemann; auch der "Hartgesottene" genannt. Ihm sollte in einigen Tagen, der Bundesverdienstorden überreicht werden. Die naheliegende Frage: Wollte jemand diese Auszeichnung verhindern und – wenn ja, weshalb? – stellen sich nicht nur Helene und Herbert. Auch Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener und ihr Team gehen zunächst diesem einzigen Anhaltspunkt nach. Die Ermittlungen ergeben, dass Heinz Hagemann keineswegs der moralisch korrekte Staatsdiener und ehrbare Mitbürger gewesen war, der er vorgab zu sein. Weitere Nachforschungen enthüllen dunkle Geheimnisse, sowohl in der Familie der Hagemanns, wie auch bei Heinz Hagemann selbst.
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Seitenzahl: 513
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Rita Renate Schönig
Mulaule
Regionaler Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Mulaule
17. Oktober 2017 / Dienstag 23:55 Uhr
18. Oktober 2017 / Mittwoch 08:05 Uhr
Mittwoch / 08:20 Uhr
Mittwoch / 10:15 Uhr
Mittwoch / 10:20 Uhr
Mittwoch / 10:35 Uhr
Mittwoch / 11:05 Uhr
Mittwoch / 12:45 Uhr
Mittwoch / 15:00 Uhr
Mittwoch / 15:10 Uhr
Mittwoch / 16:05 Uhr
Mittwoch / 16:20 Uhr
Mittwoch / 16:40 Uhr
Mittwoch / 17:05 Uhr
Mittwoch / 17:00 Uhr
Mittwoch / 17:05 Uhr
Mittwoch / 17:50 Uhr
Mittwoch / 18:10 Uhr
Mittwoch / 18:50 Uhr
Mittwoch / 19:00 Uhr
Mittwoch / 19:55 Uhr
Mittwoch / 20:20 Uhr
19. Okt. 2017 / Donnerstag 08:20 Uhr
Donnerstag / 08:50 Uhr
Donnerstag / 09:30 Uhr
Donnerstag / 09:50 Uhr
Donnerstag / 10:10 Uhr
Donnerstag / 10:15 Uhr
Donnerstag / 10:25 Uhr
Donnerstag / 10:55 Uhr
Donnerstag / 11:00 Uhr
Donnerstag / 11:15 Uhr
Donnerstag / 11:30 Uhr
Donnerstag / 11:40 Uhr
Donnerstag / 12:20 Uhr
Donnerstag / 12:50 Uhr
Donnerstag / 13:50 Uhr
Donnerstag / 14:10 Uhr
Donnerstag 14:20 Uhr
Donnerstag / 14:30 Uhr
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Donnerstag / 15:10 Uhr
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Donnerstag / 16:15 Uhr
Donnerstag / 16:35 Uhr
Donnerstag / 16:50 Uhr
Donnerstag / 17:05 Uhr
Donnerstag / 17:15 Uhr
Donnerstag / 17:20 Uhr
Donnerstag / 17:25 Uhr
Donnerstag / 18:15 Uhr
Donnerstag / 18:30 Uhr
Donnerstag / 18:35 Uhr
Donnerstag / 19:05 Uhr
Donnerstag / 19:20 Uhr
Donnerstag / 20:45 Uhr
Donnerstag / 22:45 Uhr
Donnerstag / 23:15 Uhr
20. Oktober 2017 / Freitag 06:50 Uhr
Freitag / 08:55 Uhr
Freitag / 09:10 Uhr
Freitag / 09:20 Uhr
Freitag / 09:30 Uhr
Freitag / 10:25 Uhr
Freitag / 10:40 Uhr
Freitag / 10:45 Uhr
Freitag / 10:55 Uhr
Freitag / 11:15 Uhr
Freitag / 11:45 Uhr
Freitag / 12:20 Uhr
Freitag / 13:10 Uhr
Freitag / 13:55 Uhr
Freitag / 14:50 Uhr
Freitag / 17:10 Uhr
Freitag / 17:50 Uhr
Freitag / 20:25 Uhr
21. Oktober 2017 / Samstag 08:05 Uhr
Samstag / 08:50 Uhr
Samstag / 09:30 Uhr
Samstag / 10:30 Uhr
Samstag / 11:30 Uhr
Samstag / 12:30 Uhr
Samstag / 15:15 Uhr
Samstag / 16:05 Uhr
Samstag / 16:30 Uhr
Rezepte von Helene:
Die Autorin:
Impressum neobooks
4. Fall der Reihe
Seligenstädter Krimi
Rita Renate Schönig
Wer sich tiefweiß, bemüht sich um Klarheit;
wer der Menge tief scheinen möchte,
bemüht sich um Dunkelheit
Friedrich Nietzsche
Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder
verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhalt:
Beim morgendlichen Gassi Gehen mit seiner Hündin, Miss Lizzy, entdeckt Ferdinand Roth an der Mulaule die Leiche einer, in die historische Seligenstädter Tracht gekleideten, Frau.
Bei näherem Hinsehen, erkennt er – es ist ein Mann – Staatsanwalt a.D. Heinz Hagemann, auch der „Hartgesottene“ genannt. Ihm sollte in einigen Tagen, der Bundesverdienstorden überreicht werden.
Die nahe liegende Frage: Wollte jemand diese Auszeichnung verhindern und – wenn ja, weshalb? – stellen sich nicht nur Helene und Herbert, die wieder einmal ihren kriminalistischen Neigungen folgen.
Auch Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener und ihr Team gehen zunächst diesem einzigen Anhaltspunkt nach.
Hinweise ergeben, dass Heinz Hagemann keineswegs der moralisch korrekte Staatsdiener und ehrbare Mitbürger gewesen war, der er vorgab zu sein. Weitere Nachforschungen enthüllen dunkle Geheimnisse der Familie.
Impressum
Texte © Copyright by
Rita Schönig
Bildmaterialien © Copyright by
Rita Schönig
Mailadresse
www.rita-schoenig.de
veröffentlicht: 2019
überarbeitet: 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert, in einem Abrufsystem gespeichert, in irgendeiner Form elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise übertragen werden.
Ermittlerteam der Mordkommission – Offenbach
Nicole Wegener, leitende Kriminalhauptkommissarin (KHK)
Harald Weinert, Kriminalhauptkommissar (KHK)
Lars Hansen, Kriminaloberkommissar (KOK)
Dr. Ludwig Lechner, Erster Kriminalhauptkommissar (EKHK) Leiter des Kommissariats K11
Staatsanwaltschaft:
Falk von Lindenstein,
Felix Heller
Rechtsmedizin:
Dr. Martin Lindner, genannt Doc
Viktor Laskovic, KTU,
Seligenstädter Polizeistation
Josef Maier, Polizeihauptkommissar und
Dienststellenleiter
Hans Lehmann, Polizeioberkommissar
Berthold Bachmann, Polizeikommissar
Privates Ermittlerteam:
Helene Wagner, ehemalige Vermieterin und
mütterliche Freundin von Nicole Wegener
Herbert Walter, Lebensgefährte von Helene
Josef (Sepp) Richter, Nachbar
Georg (Schorsch) Lenz, Nachbar
Gundel (Gundel) Krämer, Nachbarin
Ferdinand und Bettina Roth, gute Freunde
Seligenstädter Ausdrücke zur Weiterbildung:
Dreggwiwwel - kleiner Dreckfink
Fuchtel - unter strenger Zucht stehen
Griffel - Finger
keifern - unentwegt plappern
Lumpeseckel - hinterhältige Person
Owermaschores - Obermacher, Ansager
schinant - schamhaft, verschämt
Rotzleffel - Gassenjunge mit laufender Nase
Schellekloppe - an der Haustür klingeln (Spaß)
Schluri - Schuft
Trumm - mächtig großer Gegenstand
Zergus - Ärger
Erklärungen - kurz und knapp:
Der Unterschied zwischen DNA und DNS:
DNA – Deoxyribonucleic acid ist der
Englische Begriff für Erbinformationen
DNS – Desoxyribonukleinsäure ist der
deutsche Begriff.
DNS hört man nur äußerst selten – meist in deutschen Krimis,
die professionell produziert wurden.
Langsam und fast lautlos steuerte er den hellen Citroën durch die menschenleere Hospitalstraße bis zum Anwohnerparkplatz, unweit der Mulaule.
Der etwa 1463 erbaute Wehrturm gehörte einst zur Stadtbefestigung und wurde im Mittelalter als Pulverturm, eine Zeit lang aber auch als Gefängnis für Gauner und Betrüger genutzt. Genau deswegen sollte der feine, nach außen hin untadelige Herr Heinz Hagemann dort aufgefunden werden; angeprangert und gut sichtbar. Besonders für diejenigen, die diesen Gutmenschen gewissermaßen auf ein Podest gestellt und ihn nun sogar für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatten.
Heinz Hagemann, der Inbegriff der Gerechtigkeit und Moral. Ein Vorbild an christlicher Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, eine wahre Stütze der Gesellschaft.
So lautete die Vorablaudatio seiner Vereinsfreunde und Gönner in dem Ersuchen an die Landesregierung. Entsprechend verfassten die heimische Presse, als auch die Zeitungen des Kreises Offenbachs, ihre Reportagen – eine einzige Beweihräucherung Hagemanns zur Schau getragenen Selbstlosigkeit.
Was wirklich hinter der Fassade des ehemaligen Staatsanwalts steckte, ahnten nur wenige und die schwiegen – schon um ihres eigenen Ansehens wegen und eventuell entstehender Konsequenzen.
Niemals hatte der Hartgesottene, wie er unter vorgehaltener Hand genannt wurde, auch nur einen Funken Verständnis gezeigt. Im Gegenteil: Er nutzte seine Macht gnadenlos aus. Dabei war es ihm egal, ob er dadurch Leben und Familien zerstörte. Recht und Gesetz, Zucht und Ordnung und vor allem die Moral waren sein Credo. Einfühlungsvermögen war für Heinz Hagemann ein Fremdwort.
Das alles interessierte den Fahrer des Citroëns nur sekundär. Er wollte in erster Linie Rache! Genauso, wie sein ehemaliger Zellennachbar, für den er diesen Job erledigte. Nur, dass die Art von Vergeltung, die sein Knastbruder mit seinem Auftraggeber verhandelt hatte, für ihn keine richtige Strafe war, weshalb er ein wenig nachgeholfen hatte.
Was sollte das, diesen Staatsanwalt in Frauenkleidung neben den Turm zu setzen, nur, dass er für eine kurze Zeit die Lachnummer der Stadt wird? Nein! Wenn Rache, dann richtig.
Ein Blick in die Umgebung verriet ihm, dass in keinem der umliegenden Häuser noch Licht brannte. Auch sonst war keine Menschenseele zu sehen. Trotzdem zog er die Kapuze des Sweaters tiefer, bevor er aus dem Wagen stieg und den Kofferraum öffnete.
Verächtlich blickte er auf den, in der Seligenstädter Tracht der Frauen gekleideten Mann. Was diese Maskerade sollte, war ihm unklar. Dennoch hatte er den leblosen Körper in die Tracht gezwängt, was gar nicht so einfach gewesen war und auch das Gesicht, wie angeordnet, geschminkt. Als gelungen konnte man es nicht bezeichnen. Aber, was solls, bin ja keine Tussi, dachte der Mann.
Er hob die Leiche aus dem Kofferraum und schwang sie über seine Schulter. Dabei fielen ihm die Perücke mit den blonden langen Zöpfen und der schwarze Hut ins Auge. Damit sollte er den Toten ebenfalls noch ausstaffieren.
Erneut wunderte er sich, stapfte mit seiner Last die am Turm verlaufende Treppe hinunter und auf der anderen Seite die erdige Anhöhe wieder hinauf. Dort platzierte er die Leiche in der Ecke, dekorierte sie mit Perücke und Hut und nahm noch letzte Handgriffe an Kleidung und Position vor.
Zuletzt steckte er den Zettel in eine Falte des Trachtenrocks. Auch so ein Blödsinn, den er nicht nachvollziehen konnte.
Wieder auf dem asphaltierten Uferweg besah er sich sein Werk einige Sekunden lang und machte ein Foto mit dem Handy – eine Anordnung seines Kumpels und des ihm unbekannten Auftraggebers.
Total abgefahren. Da soll mal einer sagen, ich wäre pervers, dachte er bei sich, ging gleichmütig die Stufen am Turm wieder hoch und stieg in seinen Wagen. Ursprünglich war es das Fahrzeug des Toten, der es jetzt ja nicht mehr benutzen konnte und laut seinem Kumpel, dürfe er damit machen was er wolle.
Persönlich stand er nicht auf Oldtimer und die Kiste gab PS-mäßig auch nicht besonders viel her. Aber er hatte zumindest einen fahrbaren Untersatz, bis sich etwas Besseres ergab.
Auf dem Beifahrersitz lagen die Habseligkeiten des ehemaligen Staatsanwalts. Der Geldbörse entnahm er die Scheine – es waren gerade mal 45 Euro – und warf Portemonnaie, Schlüsselbund und iPhone ins Handschuhfach.
Morgen kommt der kleine Arsch mit mehr Knete und dann ... mal sehen.
Nebelschwaden, die ersten Anzeichen auf den beginnenden Herbst, standen über den Mainauen. Ebenso deutete die morgendliche Temperatur von zwischen 7 bis 8 Grad darauf hin, dass der Sommer bald vorbei sein würde. Und dennoch, glaubte man dem Wetterbericht, sollte am Nachmittag, das Thermometer erneut auf 18 bis 20 Grad klettern.
Miss Lizzy, ein Cavalier King Charles Spaniel mit langen weißen Haaren und kastanienroten Markierungen, interessierte das wenig, wenn überhaupt. Sie tobte, sobald Ferdinand Roth ihr das Halsband abgenommen hatte, voller Lebensfreude über das feuchte Gras der Mainwiesen. Hier und dort erschnupperte sie an Sträuchern geheime Nachrichten, die ihre Artgenossen ganz sicher nur für sie hinterlassen hatten. Anschließend fegte sie weiter zum Ufer, wo sie einige Enten aus dem Schlaf aufscheuchte. Mit ihren 9 Monaten war die kleine Hundedame noch sehr verspielt, hörte aber mittlerweile – also meistens – aufs Wort.
In den ersten Nächten schlich Lizzy oftmals heimlich ins Schlafzimmer und schnappte nach einem Zipfel der herunterhängenden Bettdecke. Sie zerrte so lange, bis sie sich endlich daran hochziehen konnte. Woraufhin Ferdinand den Welpen ins Körbchen zurückbrachte, das keine 3 Meter entfernt im Badezimmer stand.
Seine Ermahnung – Bett für die Menschen – Körbchen für das Hundi, bezog sich sowohl auf Lizzy, als auch auf Bettina, seine Ehefrau, die bei jeder Umbettung lächelte. Hingegen die Hundedame ihn aus ihren großen dunklen Augen herzzerreißend anschaute und ihr schwarzes Näschen rümpfte.
Das Prozedere wiederholte sich mehrmals und einige Nächte hindurch, bis Ferdinand sich durchgesetzt hatte. Mit dem kleinen Kompromiss, dass das Körbchen jetzt direkt vor dem unteren Ende ihres Ehebettes stand und Bettina ihr Kopfkissen geopfert hatte.
„Lizzy! Komm jetzt, wir müssen noch Brötchen kaufen“, rief er die Hündin.
Die kam sofort angerannt. Wobei ihre langen Ohren, wie riesige Schmetterlingsflügel im Wind flatterten.
Vorbei an den teils restaurierten Überresten des Palatium, einer ehemaligen Residenz aus dem Jahre 1188, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa, gingen die beiden nun in trauter Zweisamkeit nebeneinander den Uferweg entlang. Alle zwei Schritte sah Lizzy zu ihrem Herrchen auf, so als wollte sie sagen: Schau, ich kann schon bei Fuß.
Plötzlich hielt die Hündin ihre Nase in den Wind und trippelte aufgeregt vor und zurück.
„Lizzy, was ist los?“ Ferdinand bückte sich und strich über den Kopf der Hundedame. Die drehte sich einmal um die eigene Achse und schoss dann die asphaltierte Uferpromenade entlang.
„Lizzy! Bei Fuß!“
Doch Lizzy dachte gar nicht dran. Vor dem Turm – der Mulaule – bremste sie abrupt und bellte sich die Seele aus dem Leib. Immer wieder versuchte sie die niedrige, für die sie dennoch zu hohe Steinmauer zu erklimmen.
Als Ferdinand endlich schnaufend bei seiner Hündin ankam, tänzelte diese um seine Beine, um sofort wieder bellend und jaulend die Mauer bezwingen zu wollen. Er folgte ihrem Blick.
„Ach du liebe Zeit. Wer ist denn das?“
In circa 3 Meter Höhe, in die Mauerecke des Turms gelehnt, saß eine Frau. Den Kopf, mit langen blonden Zöpfen, unter einer schwarzen Haube gesenkt, die Arme seitlich am Körper anliegend und mit ausgesteckten Beinen sah es aus, als ob sie tief schliefe. Andererseits konnte Ferdinand sich dem Eindruck nicht verschließen, dass es sich ebenso um eine lebensgroße Puppe handeln könnte.
Stutzig machte ihn auch die Bekleidung. Die Frau trug die charakteristische Seligenstädter Tracht. Der schwarz bestickte Rocksaum mit Sträußen-, Ranken- und Schleifendekoration, in der Form von Klatschmohn, Kornblumen, Margeriten und Ähren.
Diese Tracht wurde normalerweise nur getragen, wenn historische Festivitäten anstanden, was seines Wissens zurzeit nicht der Fall war.
„Hallo! Geht es Ihnen gut? Kann ich Ihnen helfen?“
Verunsichert sah Ferdinand sich um. Aber, außer ihm und Lizzy war momentan niemand unterwegs. Lediglich aus einem Haus, oberhalb der Uferpromenade, lehnte sich eine Person aus dem Fenster, rief etwas wie Gekläffe und schloss dasselbe unsanft.
„Lizzy, komm her.“
Ferdinand klinkte die Hundeleine in Lizzys Halsband und befestigte die Hündin an der Bank, die rechtsseitig des Turms stand. Die Spaniel-Dame war damit überhaupt nicht einverstanden und bellte umso lauter und zerrte an der Leine.
„Ich bin gleich wieder bei dir“, versuchte er die Hündin zu beruhigen, mit wenig Erfolg. Sie sprang hin und her und brachte ihren Unmut lautstark zum Ausdruck.
„Miss Lizzy!“ Sein Ton wurde schärfer. „Gut jetzt, Sitz und Platz!“
Mit leisem Gejaule folgte die Hündin den Anweisungen und legte sich vor die Bank. Aber nur so lange, wie sie ihr Herrchen im Auge hatte.
Vorsichtig erklomm Ferdinand den etwa 60 cm hohen Mauersims und Schritt für Schritt die Steigung. Als er bei der Person ankam – jetzt erkannte er, dass es sich keinesfalls um eine Puppe handelte – fragte er noch einmal: „Kann ich Ihnen helfen?“, erhielt aber keine Antwort.
Mit einem unguten Gefühl wagte er, seine Hand an den Hals der Frau zu legen, um sie schnell wieder wegzuziehen. Erschrocken hielt er sich am nebenanstehenden Trafokasten fest. Gänsehaut erfasste seinen Körper, gleichzeitig traten Schweißperlen auf seine Stirn. Dennoch konnte er nicht umhin, die Person näher in Augenschein zu nehmen; Macht der Gewohnheit aus seiner Zeit als Sanitäter.
Mit zwei Fingern seiner Hand hob Ferdinand das Kinn der Frau an. Sie dürfte wohl so um die 70 Jahre alt sein, stellte er fest, war aber für ihr Alter ungewöhnlich stark geschminkt und … kratzig? Er schaute genauer hin.
„Herr im Himmel. Das ist ein Mann“, murmelte er.
So schnell es ihm möglich war, hastete er den kurzen Abhang hinab. An der Bank angekommen, nahm Ferdinand seine Hündin hoch, presste sie an sich und setzte sich erst einmal. Nachdem er wieder einigermaßen klar denken konnte, sagte er: „Lizzy, ich glaube, wir müssen die Polizei verständigen. Da stimmt etwas nicht.“
Er tastete in seiner Hosentasche nach seinem Handy. Natürlich lag das zu Hause.
Der diensthabende Polizeibeamte schaute skeptisch durch die Glasscheibe, als Ferdinand Roth explizit nach Polizeihauptkommissar Josef Maier, dem Leiter der Polizeidienststelle, fragte.
„Ich muss unbedingt mit Ihrem Vorgesetzten sprechen“, äußerte er nochmals eindringlich.
Der Polizist zeigte auf die Stühle, die in dem kleinen Flur vor der Anmeldung, an der gegenüberliegenden Wand standen, und griff zum Telefonhörer. Dabei ließ er Ferdinand nicht aus den Augen. Erst jetzt entdeckte er die Hündin, die brav neben ihrem Herrn Platz machte.
Sofort wurden die Gesichtszüge des Polizeibeamten weicher, was vermutlich daran lag, dass Lizzy den Mann hinter der Glasscheibe mit schräg gelegtem Kopf, aus ihren schwarzen Knopfaugen anschaute. Damit hatte die Hundedame immer Erfolg.
Gedämpftes Gemurmel drang in den Wartebereich. Wenige Minuten später öffnete Polizeihauptkommissar Josef Maier die seitliche Glastür, durch die es zu den innen liegenden Amtsräumen ging.
Ferdinand erhob sich und Lizzy ebenfalls.
„Ich nehme an, Sie sind Herr Roth?“, stellte Josef Maier in ernstem Ton fest, um sich dann lächelnd zu der Hundedame herunterzubeugen. „Und wen haben wir hier?“ Er hielt ihr seine Hand zum Schnuppern unter die Nase. Die wedelte mit dem Schwanz und schleckte kurz über dessen Finger.
„Das ist Miss Lizzy“, antwortete Ferdinand nervös. „Ich muss eine Tote eh ... einen Toten melden.“
Maier ließ von der Hündin ab und sah den Mann vor ihm bestürzt an. „Ja was denn nun? Und wo? Kommen Sie.“
Die beiden wurden in ein Büro geführt. Der Polizeihauptkommissar machte eine Geste auf die vor seinem Schreibtisch stehenden Stühle. Er selbst ließ sich dahinter im Sessel nieder. Gleichzeitig griff er nach Block und Stift.
„Nun erzählten Sie mal der Reihe nach, Herr Roth.“ Maier stutzte. „Sagen Sie, kennen wir uns nicht? Ach, jetzt fällt es mir wieder ein. Sie wohnen in einem der Häuser im Klosterhof, stimmt’s?“
„Ja“, bestätigte Ferdinand knapp.
Maier nickte betreten. Sofort ereilte ihn die Erinnerung an den Toten im Graben der Klostermühle vor einem Jahr und die vorläufige Inhaftnahme der Roths. Eine unschöne Sache damals.
„Sie haben also einen Leichenfund zu melden? Ich hoffe nur, es liegt nicht schon wieder ein Toter im Klosterhof.“
Ferdinand schüttelte den Kopf. „Aber unten am Main, an der Mulaule.“
„Woher wollen Sie wissen, dass die Person tot ist? Haben Sie sie etwa an…?“
„Ich wollte sehen, ob ich helfen kann“, fiel er dem Polizeihauptkommissar ins Wort und fügte erklärend hinzu: „Ich war früher Sanitäter. Auf den ersten Blick sah es aus, als würde sie schlafen. Dann dachte ich, es könnte auch eine Puppe sein, in der Seligenstädter Tracht – also der Tracht der Frauen“, schilderte Ferdinand seinen Eindruck. Es wunderte ihn selbst, dass er nun auf einmal so ruhig und gelassen seine Angaben vorbrachte.
„Die Seligenstädter Tracht?“, wiederholte Maier ungläubig und schaute Roth mit in Falten gelegter Stirn an. „Sprachen Sie nicht soeben von einem männlichen Toten?“
„Das ist ja gerade das Merkwürdige. Es ist ein Mann in der Kleidung einer Frau.“
Josef Maier brauchte ein paar Millisekunden. Dann fragte er: „Das erklären Sie mir bitte.“
„Als ich meine Hand auf die Schlagader am Hals legte, fühlte es sich stachelig an. Da habe ich kurz das Kinn angehoben und ... ja, da waren einwandfrei Bartstoppeln.“
Der Polizeihauptkommissar beugte sich ein wenig über seinen Schreibtisch. „Getrunken haben Sie aber nicht?“
„Um diese Zeit?“, ereiferte sich Ferdinand etwas zu laut. „Ich bitte Sie.“
„Ja, ist ja gut.“ Maier winkte ab. „Was glauben Sie, was ich hier schon alles erlebt habe.“ Er schnaufte hörbar. „Wann haben Sie die Leiche gefunden?“
„Das muss so etwa 10 bis 15 Minuten her sein. Und gefunden hat sie eigentlich Lizzy, meine Hündin.“
„Haben Sie schon den Notarzt oder die Feuerwehr gerufen?“
„Nein. Mein Handy liegt zu Hause. Ich wollte ... also wir wollten nur kurz Gassi gehen und Brötchen holen. Ach du liebe Zeit, Bettina!“ Ferdinand sprang auf. „Meine Frau wird sich bestimmt schon sorgen, wo ich so lange bleibe.“
„Wie geht es Ihrer Frau? Ich hoffe“, Maier räusperte sich, „sie konnte die eh ... unleidige Angelegenheit von damals einigermaßen gut verarbeiten? Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen für die Unannehmlichkeiten. Aber mir blieb keine Wahl.“
„Machen Sie sich keine Vorwürfe. Das war alles nur ein großes Missverständnis. Sie haben nur Ihre Arbeit getan. Und danke, meiner Frau geht es gut, was auch an Miss Lizzy liegt.“
Die Hündin lag vorbildlich neben Ferdinands Stuhl, hob aber jetzt ihren Kopf, als sie ihren Namen hörte.
„Das beruhigt mich. Danke, dass Sie mir das nicht nachtragen.“ Josef Maier, hievte sich aus seinem Bürosessel und warf der Hündin einen zärtlichen Blick zu. „Sie ist aber auch eine ganz Süße.“
Es schien, als ob Lizzy den Polizeihauptkommissar angrinste.
„Rufen Sie Ihre Frau an, während ich eine Streife zur Mulaule schicke.“ Josef Maier schob das Telefon über den Schreibtisch.
Natürlich hatte Bettina sich bereits Sorgen gemacht und erwogen, nach ihrem Ehemann zu suchen. Der Grund seiner langen Abwesenheit erregte sie allerdings noch mehr. „Weißt du wer es ist?“
Ferdinand verneinte, obwohl er das Gefühl hatte, dass ihm das Gesicht bekannt vorkam.
„Nun kümmert sich die Polizei darum. Ich mache mich jetzt auch gleich auf den Weg. Trotz alldem knurrt mir der Magen.“
Der Dienststellenleiter kam in den Raum zurück, als Ferdinand gerade den Hörer auflegte.
„Danke für das Telefonat“, sagte er. „Brauchen Sie mich noch, oder kann ich jetzt gehen?“
„Ja, natürlich. Sie können gehen, Herr Roth. Eine Streife ist bereits unterwegs. Sollte die Kriminalpolizei noch Fragen haben, wissen wir ja, wo wir Sie finden.“
Sofort bemerkte Maier seinen Fauxpas und schoss hinterher: „Entschuldigung. So hatte ich das nicht gemeint.“
Nachdem Ferdinand seine Hündin die Treppe runtergetragen hatte, setzte er sie vor der Polizeistation ab. Lizzy hatte nichts Eiligeres zu tun, als direkt an der Ecke der letzten Treppenstufe ihre Duftmarke zu hinterlassen.
„Das hat dich wohl auch sehr mitgenommen“, quittierte Ferdinand. „Jetzt aber nix wie weg von hier, sonst bekommen wir zwei noch Ärger. Außerdem wartet Frauchen schon zu lange.“
Sein Blick fiel auf die gegenüberliegende Bäckerei. „Weißt du was? Wir kaufen gleich dort unsere Brötchen.“
Die beiden überquerten die Straße und liefen direkt in die Arme von Gundula Krämer, die gerade aus der Tür kam.
„Ja, Ferdi. Was machst du denn so früh bei der Polizei?“ Mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis, stellte sich die gerade mal 1 Meter 45 kleine Frau dem 1 Meter 90 Hünen in den Weg.
„Ist schon wieder was passiert?“
„Wieso? Woher weißt du ...?“
Sogleich gab Ferdinand sich selber die Antwort.
Was Gundel an Körpergröße fehlte, machte sie durch ihre allgegenwärtigen Augen und Ohren wett. Zurückhaltung und Diskretion waren nicht gerade ihre Stärken. Sie sah und wusste einfach alles, was in der Stadt vor sich ging und kannte auch beinahe jeden; zumindest die alteingesessenen Einwohner.
Jetzt hatte sie ihn und Lizzy gesehen, als sie die Polizeidienststelle verließen. Es hatte also keinen Sinn etwas abzustreiten oder zu verheimlichen. Zudem würde es morgen sowieso in der Zeitung stehen, die Gundel regelmäßig und intensiv las.
Dennoch informierte Ferdinand die Schwägerin seiner Ehefrau nur über den Fund der Leiche neben der Mulaule; nicht aber darüber, dass es sich um einen Mann in der Seligenstädter Tracht der Frauen handelte.
„Und warum hast du nicht schon von dort den Notarzt und die Polizei gerufen?“, fragte Gundel mit einem unüberhörbaren Vorwurf in der Stimme.
„Ein Notarzt hätte da nichts mehr ausrichten können; das kannst du mir glauben. Außerdem liegt mein Handy zu Hause“, antwortete Ferdinand wahrheitsgemäß.
„Hm, hm, hm“, brummte Gundel und schüttelte ihren Kopf mit den dauergewellten, hellblonden Haaren.
„Typisch Mann. Jetzt gibt es schon die Möglichkeit, mit einem Handy von überall hin und her zu telefonieren und dann vergisst du es mitzunehmen.“
Dem hatte Ferdinand nichts entgegenzusetzen und hob nur entschuldigend die Schultern.
„Ich muss jetzt aber wirklich ... Bettina wartet.“
Er drängte sich an Gundel vorbei und öffnete die Tür zur Bäckerei.
„Du musst aber unbedingt Helene und Herbert informieren“, rief diese ihm hinterher. „Ihr seid doch in letzter Zeit sowieso so eng.“
Zum besseren Verstehen ihrer Andeutung kreuzte sie ihre kurzen, fleischigen Zeigefinger übereinander.
„Ich sage schon mal Sepp und Schorsch Bescheid. Die ersten Stunden sind entscheidend für die Ermittlungen“, hörte Ferdinand dumpf ihre helle Stimme durch die bereits geschlossene Tür.
Er holte tief Luft. Warum muss die Frau ständig irgendwem irgendwas erzählen? Und welche Ermittlungen, dachte er noch. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Er tätig schnell seinen Einkauf und eilte, die Brötchentüte in der einen Hand, Lizzy an der anderen führend, die Bahnhofstraße entlang. In Höhe des Kinos hielt er kurz an und schaute nach links.
Soll ich doch erst einen Abstecher zu Helene und Herbert machen, rauschte der Gedanke durch seinen Kopf. Hingegen zeigte seine Armbanduhr: 9 Uhr 20. Er entschied sich für das Frühstück mit Bettina.
Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener schaute aus dem Fenster ihres Büros und schlürfte bereits ihren dritten Kaffee an diesem Morgen.
Seit einigen Tagen war es ungewöhnlich ruhig im Dezernat K11 des Offenbacher Kriminalkommissariats. Weder ein Brand- oder Waffendelikt und schon gar kein aktueller Mord, den es aufzuklären galt, landeten auf ihrem Schreibtisch. Auch ihr unmittelbarer Vorgesetzter Dr. Ludwig Lechner stürzte nicht, zwecks Infos, wie eine Tsunamiwelle über die Türschwelle. Es gab ja nichts, wonach er sich hätte erkundigen sollen.
Stattdessen hatten sie und ihr Team die Akten einiger alter und ungeklärter Fälle vor sich liegen. Angesichts der ruhigen Lage waren ihnen diese von höherer Stelle aufs Auge gedrückt worden.
Während Andreas Dillinger, ihr Lebensgefährte, sich im Archiv des Präsidiums seit Jahren mit Leidenschaft diesen sogenannten „Cold Cases“, widmete, blätterte Lars Hansen – Mitte des Jahres ebenfalls im Rang des Kriminalhauptkommissars – gelangweilt darin herum.
Hingegen war sein Kollege, Harald Weinert, recht froh über die nicht allzu anstrengende, wenn auch monotone Betätigung. Im Februar war er Vater geworden und hatte in den ersten Monaten kaum eine Nacht durchgeschlafen. Das normalisierte sich zwar – seine kleine Tochter schlief jetzt ganze sechs Stunden am Stück. Dennoch machte sich der monatelange ungewohnte Schlafrhythmus in Form diversen auffälligen Gähnens noch immer bemerkbar.
Nicole und Lars hatten dafür nur ein müdes Lächeln übrig und den weisen Spruch: So hattest du dir das nicht vorgestellt, oder?
„Wenn nach so langer Zeit ein Mord noch aufgeklärt wird, kann man schon von einem glücklichen Zufall sprechen“, murmelte Lars halblaut vor sich hin.
„Sag‘ das nicht“, widersprach Harald. „Du weißt doch selbst, dass es heute möglich ist, durch eine DNS-Analyse den oder die Täter, auch nach Jahrzehnten noch zu überführen.“
„Vorausgesetzt sie leben noch“, warf Lars ein.
„Selbst, wenn sie nicht mehr am Leben sind, ist es für die Angehörigen der Opfer immer ein Trost, wenn der Mörder ihrer Liebsten doch noch ermittelt wird, auch wenn er nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann.“
„Wenn du das sagst“, antwortete Lars unaufmerksam und blätterte in den Seiten der vor ihm liegenden dünnen Mappe.
„Was hat ein Vermisstenfall unter den ungeklärten Mordfällen zu suchen? Da ist dem Andy doch tatsächlich mal ein Fehler unterlaufen.“
„Kann ja mal passieren“, erwiderte Harald. „Gib her. Ich bring ihm die Akte zurück.“
In der Hoffnung, für kurze Zeit dem reizlosen Zeitvertreib zu entkommen, streckte er den Arm aus um die Unterlagen entgegenzunehmen. Doch Lars machte keine Anstalten diese seinem Kollegen auszuhändigen.
Stattdessen nuschelte er vor sich hin: „Das ist allerdings interessant. Es handelt sich um einen 17-jährigen Jungen, Daniel Hagemann aus Seligenstadt. Er ist fast genau heute vor 16 Jahren verschwunden und gilt bis dato als vermisst.“
„Aus Seligenstadt?“ Harald kam um den Tisch herum und beugte sich über die Schulter seines Kollegen.
***
Was ist nur mit den bösen Jungs los, sinnierte Nicole. Einen Moment ereilte sie die Illusion, die Welt hätte sich zum Guten gewandt und sie – sprich die Kriminalpolizei – würde nicht mehr gebraucht. Der törichte Gedanke entfloh ihrem Bewusstsein so schnell, wie er gekommen war.
Das wird nie passieren. Das menschliche Wesen ist nicht dafür geschaffen, auf immer und ewig friedlich miteinander umzugehen.
Ein Spruch, der Andy öfter mal rausrutschte; kein Wunder bei all den verstaubten Akten, von denen er umgeben war.
Als ihr Handy jetzt klingelte, zuckte sie zusammen und hätte fast ihren Kaffee verschüttet.
„Wegener“, meldete sie sich lässig. „Ja, ich wohne in Seligenstadt, wieso? ... Eine Tote? Sie machen Scherze?“
Der Kollege vom Kriminaldauerdienst versicherte mit müder, aber essigsaurer Stimme, dass er in Bezug auf Verstorbene nie Späße machen würde und auch sonst keinen Anlass dazu hätte.
Nicole wackelte mit dem Kopf und rollte mit den Augen. Nach dem dreiminütigen Gespräch, währenddessen sie sich Notizen machte, rief sie ins Nebenzimmer: „Jungs, wir haben einen Mord.“
„Au, fein“, kam die Antwort wie aus einem Mund von ihren Mitarbeitern und gleich danach von Harald: „Sorry, so war das nicht gemeint.“
Nicoles Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. „In Seligenstadt wurde eine Tote gefunden.“ Im gleichen Moment erwartete sie die bekannte Retoure, die auch sofort kam.
„Was? Schon wieder? Das ist nicht dein Ernst?“ Lars stand am Türrahmen und drohte mit dem Zeigefinger. „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, in diesen Ort zu ziehen. Leichen auf verlassenen Grundstücken. Leute, die vergiftet, erwürgt und anschließend gerädert werden.“
„Vergiss nicht die Spukgeschichten, die noch immer in dem Ort die Runde machen“, nahm Harald grinsend den Faden auf. Plötzlich war er hellwach. „Ich sage nur – der schwarze Mönch.“
„Ja, das Böse ist immer und überall“, konterte Nicole. „Obertshausen ist aber auch nicht gerade der Garten Eden, oder?“ Sie zwinkerte ihrem Kollegen kokett zu.
„Das nicht. Aber, lass mich überlegen. Wann gab es dort den letzten Mord? 2008 und davor 2003?“ Lars fuhr mit der Hand über seinen Dreitagebart und anschließend durch seine schulterlangen, braunen Haare.
„Wenn ich mich nicht irre, liegen immerhin 5 Jahre dazwischen. Ein kleiner Unterschied zu deinem auserwählten kuscheligen Domizil – jedes Jahr ein Mord.“
„Bevor dein Hirn qualmt, schnapp dir einen Dienstwagen. Harald und ich fahren mit dem Insignia, alles andere steht – soweit vorhanden – zu deiner freien Verfügung.“
In diesem Jahr hatte die Polizeibehörde ihren Fuhrpark um zehn Fahrzeuge erweitert und Nicole hatte sofort einen entsprechenden Antrag auf ein neues Auto gestellt. Zum Erstaunen ihrer Mitarbeiter wurde ihr und ihrem Team ein fabrikneuer Insignia zugeteilt.
„Übrigens, die Tote trägt die Seligenstädter Tracht“, rückte Nicole mit den ersten Infos heraus. „Soweit mir bekannt ist, findet aber zurzeit keine passende Festivität statt. Sprich du mal mit Josef Maier“, wandte sie sich an Harald. „Vielleicht kann er dir nähere Auskünfte geben.“
Nicole wusste, dass er sich, seit dem Leichenfund vor zwei Jahren in der NOTH GOTTES-Kapelle, sehr für die Historie Seligenstadts interessierte und deshalb engeren Kontakt mit dem Dienststellenleiter der Seligenstädter Polizei aufgebaut hatte.
„Wieso rücken wir nicht alle zusammen in einem Wagen an?“, erkundigte sich Lars.
„Harald und ich fahren anschließend direkt zur Rechtsmedizin nach Sachsenhausen. Dort liegt nämlich schon unsere Leiche. Der griesgrämige Kollege vom KDD informierte mich, dass er bereits die Staatsanwaltschaft benachrichtigt hat und die Obduktion für Punkt 15 Uhr angesetzt ist. Ich denke, da willst du nicht mit?“
Lars hob die Hände. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“
„Dachte ich mir“, erwiderte Nicole lachend.
Ihr Kollege hatte eine, für einen Kriminalkommissar nicht unbedingt förderliche Abneigung Leichenöffnungen beizuwohnen, und sie nahm, soweit dies möglich war, darauf Rücksicht. Einmal wies sie sogar den Staatsanwalt, der verbal sein Unverständnis darüber zum Ausdruck brachte, mit der Bemerkung zurecht: Haben wir nicht alle unsere kleinen Macken?
„In der Kennedyallee haben sie wohl auch nicht viel zu tun“, kommentierte Harald die ungewöhnlich zügige Autopsie.
„Wenn wir nicht liefern, sind auch der Doc und sein Team arbeitslos“, konterte Nicole, mit einem Grinsen und nahm ihre Tasche und Jacke von der Rückenlehne ihres Bürosessels.
„Während ihr mit den Kalten ein Rendezvous habt, werde ich meine Beziehung zur elektronischen Datenverarbeitung intensivieren, sobald ihr mir Infos vorlegt“, bot Lars seine Dienste an.
„Clever“, raunte Harald seinem Kollegen zu.
„Dafür darfst du den Wagen holen, Harry“, rief der ihm hinterher, mitsamt einem Stift, der aber am Türrahmen abprallte und vor den Füßen von Dr. Ludwig Lechner landete.
Der Erste Kriminalhauptkommissar der Abteilung des K11 zog erschreckt den Kopf ein.
„Entschuldigung! Mein Kollege übt noch“, sagte Harald und bückte sich nach dem Schreibmaterial.
„Was?” Der Chef des K11 schaute seine Mitarbeiter befremdet an. „Also das ... eh, das wäre ja noch schöner. Eh ... also, weshalb ich hier bin. Wo wollen Sie eigentlich hin? Sie haben einen neuen Fall.“
Nicole schlängelte sich an ihrem Vorgesetzten vorbei. „Wir sind schon unterwegs.“
„Ja, aber Sie wissen doch noch gar nicht wohin?“ Dr. Lechner drehte sich halb um die eigene Achse.
„Nach Seligenstadt. Dort wurde eine Tote aufgefunden.“
„Es sei denn, Sie haben eine weitere Leiche für uns?“, ergänzte Nicole die Aussage von Harald.
„Eh, ja ... ich meine, natürlich nein. Eine Leiche pro Tag genügt ja wohl. Oder?“
Dr. Lechner wischte mit einem blütenweißen Batist-Taschentuch seine mit Schweißperlen bedeckte Stirn ab. Schuld dafür war nicht die stickige Luft in den Fluren des alten Polizeipräsidiums, das nie über eine Klimaanlage verfügt hatte und auch keine mehr erhalten würde, weil ein Neubau bereits in Planung war, sondern sein stetig steigender Blutdruck.
„Wir wurden gerade von den Kollegen des KDD unterrichtet“, beendete Nicole die sichtbar mentale Überbeanspruchung ihres Chefs. „Sobald wir mehr wissen, geben wir Ihnen sofort Bescheid, wie immer.“
„Ja, ja, tun Sie das. Ich weiß ja, dass ich mich auf Sie verlassen kann, Frau Wegener. Viel Erfolg.“
Mit diesen lobenden und aufbauenden Worten schritt Dr. Ludwig Lechner, mit leicht hängenden Schultern, den Gang entlang.
„Viel Erfolg?“, wiederholte Lars, als sie alle drei im Fahrstuhl nach unten fuhren. „Was ist denn mit dem los?“
„Er überlebte gerade einen Anschlag durch einen Stabilo point“, antwortete Harald. „Wie würdest du darauf reagieren?“
„Hoffentlich behält er kein Trauma zurück“, lachte Lars.
„Jungs, bitte“, erwiderte Nicole. „Etwas mehr Respekt. Auch wenn Dr. Lechner manchmal etwas ... sonderlich ist, so ist er noch immer unser Chef.“
„Wie lange, glaubst du, wird er uns noch erhalten bleiben?“, fragte Harald. „Immerhin ist er auch schon 64 und längst pensionsberechtigt und, so ganz gesund sah er gerade auch nicht aus.“
Nicole zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich hoffe aber noch ganze Weile. Bei ihm wissen wir zumindest woran wir sind. Was danach kommt, steht in den Sternen. Also, seid lieb zu ihm. Klar?“
„Klar, Chefin“, antwortete Harald.
„Genau wie zu dir“, setzte Lars nach. „Wir beide lieben dich sehr. Stimmt’s Harry?“
Nicole grinste. „Nicht nötig. Die Aufgabe hat Andy bereits übernommen.“
Das große Haus hatte es möglich gemacht, dass sie zwischen zwei Räumen wählen konnte. Sie entschied sich für das Zimmer, von dem aus sie den Blick in den Garten hatte.
Nun schaute sie aus dem Fenster auf den von der Hitze des Sommers gezeichneten, nicht mehr ganz grünen Rasen und auf das schon herbstlich gefärbte Laub der Bäume.
Auf den Tag genau, vor einem Jahr, war die 63-Jährige aus dem ehelichen Schlafzimmer ausgezogen, was bei ihrem Ehemann auf Unverständnis stieß und letztlich in einem groben Wortgefecht, vonseiten ihres Gatten, endete.
Sie hätte wohl nicht mehr alle Sinne beisammen, schnaubte er wutentbrannt und drohte, sie aus dem Haus zu werfen, und zwar mittellos, sollte sie nicht zur Vernunft kommen.
Maria Hagemann verstand nicht wieso er, sogar in den eigenen vier Wänden, darauf bestand diese Farce aufrechtzuerhalten. Ebenso wenig konnte sie ergründen, woher sie plötzlich den Mut genommen hatte, ihm ins Gesicht zu schleudern, wenn er sie rauswerfen würde, sie allen erzählen würde, weshalb Daniel wirklich von zu Hause weggelaufen war.
Im ersten Moment war der Staatsanwalt a.D. sichtlich erschrocken. Noch niemals zuvor hatte es irgendwer gewagt, ihm zu drohen. Am wenigsten hätte er dies von seiner, bis dato gehorsamen, Ehefrau erwartet.
Mit einem hässlichen, aber unsicherem Lachen verließ er danach das Haus. Natürlich in dem unerschütterlichen Glauben, dass Maria bei seiner Rückkehr zur Besinnung gekommen sein würde.
Nur blieb sie diesmal stur, wie ihr Ehemann erkennen sollte. Genauso wie er sich, seit diesem Tag, mit der Tatsache abfinden musste, dass seine Ehefrau sich weigerte, weiterhin an Veranstaltungen teilzunehmen, an deren Organisation er maßgeblich beteiligt war, oder dessen Vorsitz er ehrenamtlich innehatte. Wodurch sich Heinz Hagemann gezwungen sah, die Abwesenheit seiner Frau immer wieder durch neue Ausreden entschuldigen zu müssen.
Nach 40 Jahren Ehe, in denen Maria sich stets seinen Wünschen untergeordnet hatte, ohne zu widersprechen, brach für ihn eine Welt zusammen.
Eine Ehefrau hatte ihrem Ehemann Folge zu leisten! So war es schon bei seinen Eltern, bei ihren ebenso und den Generationen davor. Die zwangsläufig enge Verbindung zur Kirche, mit ihren christlichen Dogmen, denen sie beide ebenfalls von Haus aus anhingen, tat das Restliche dazu.
Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass Maria Hagemann, nachdem ihr einziger Sohn, von zu Hause weggelaufen war, ihr Heil und ihre Kraft in Gebeten und dem fast täglichen Kirchgang suchte.
Anfangs hatte sie die Hoffnung, wenn sie nur intensiv genug zu Gott dem Herrn betete, würde ihr Sohn bestimmt wieder heimkehren. Aber ihre Gebete wurden nicht erhört und ihr Ehemann tat sein Möglichstes, Salz in ihre Wunden zu streuen.
Du hast ihn verweichlicht, zu einer Memme verzogen, sonst hätte er das niemals getan, so seine, sich beinahe täglich wiederholende Anklage, die nur darauf zielte, seine eigene Fehlerhaftigkeit zu verbergen. Dabei wusste Maria seit Jahrzehnten von seinem Geheimnis. Sie sprach nur nie darüber – verdrängte es und ertrug ihr Schicksal. Was blieb ihr anderes übrig.
Nach wie vor kochte sie, hielt das große Haus sauber, in dem sie sich nie richtig wohl gefühlt hatte und versorgte den Garten – ihre einzige Freude.
Maria Hagemanns Umdenken und somit auch ihr Widerstand gegen ihren Ehemann begann an dem Morgen, an dem sie, nach mehr als 19 Jahren, einen Brief von ihrem Sohn in den Händen hielt. Sie konnte es kaum glauben und dennoch hatte sie es in ihrem Inneren immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde.
Entgegen allen Äußerungen aus ihrem Umfeld – ihr Sohn wäre vermutlich nicht mehr am Leben, womöglich sogar Opfer eines Triebtäters geworden – hatte sie nie wirklich daran gezweifelt, dass Daniel sich eines Tages wieder bei ihr melden würde.
In krakeligen Buchstaben entschuldigte er sich dafür, sich in all den Jahren nicht gemeldet zu haben. Oft hätte er Anlauf genommen, aber in letzter Minute der Mut verlassen. Jetzt hätte eine Entscheidung getroffen, die sein kommendes Leben beeinflussen würde. Eine nähere Erklärung würde er ihr gerne persönlich mitteilen, wozu er noch etwas Zeit benötigte.
Nachfolgend schilderte Daniel sein Lebensweg, seit dem Zeitpunkt, als er mit 17 Jahren von zu Hause weggegangen war.
Gelegenheitsjobs, um über die Runden zu kommen – ein kleines Zimmer, bei einem netten Ehepaar in Frankfurt. Später – eine Lehre als Schreiner, dann Prüfung zum Meister – Umzug nach Mainz, wo er seit mehr als 10 Jahren in einer glücklichen Beziehung sei und in einem Architektenbüro arbeite.
Maria fühlte Erleichterung und Stolz, dass Daniel es trotz der widrigen Umstände geschafft hatte, sich ein neues Leben aufzubauen. Gleichzeitig beschlich sie Furcht. Was war in den letzten Monaten passiert? Welche Entscheidung meinte ihr Sohn und weshalb suchte er gerade jetzt den Kontakt zu ihr? Sollte er vielleicht schwer krank sein, möglicherweise Krebs haben, eine Knochenmarkspende benötigen oder brauchte er eine Organspende?
Sie malte sich die schlimmsten Dinge aus. Ihr Herz schien zerspringen zu wollen und ihre Augen brannten. Aber, da kamen keine Tränen, die ihre jahrelangen Qualen hätten mildern können. Dagegen verspürte sie eine niemals gekannte und nicht für möglich gehaltene Wut auf ihren Ehemann, der nie würde erfahren dürfen, dass Daniel Kontakt zu ihr aufgenommen hatte und ab jetzt, wie er ihr mitteilte, regelmäßig schreiben wollte.
Noch in der gleichen Stunde eröffnete Maria Hagemann ein Postschließfach auf ihren Namen und teilte Daniel die Daten mit. Seit jenem Tag fuhr sie jeden Dienstagmorgen mit ihrem Fahrrad zum Postamt, und nie wurde sie enttäuscht.
In freudiger Erwartung auf Neuigkeiten öffnete sie auch an diesem Morgen die Nachricht von ihrem Sohn. Dabei fiel ein weiterer Brief heraus, adressiert an ihren Ehemann. Verwundert legte Maria diesen zuerst einmal auf den Beistelltisch und widmete sich, denen für sie bestimmte Zeilen.
Sie erschrak.
Daniel schrieb, dass ihm der Bericht über die bevorstehende Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an seinen Vater in die Hände gespielt worden war; von wem wüsste er nicht.
Wie kann so etwas möglich sein??
Die doppelten Fragezeichen und der zusätzlich unterstrichene Satz führten Maria klar vor Augen, wie entsetzt ihr Sohn war.
Sollte sein Vater nicht selbst die Initiative ergreifen und dieser schändlichen Farce ein Ende bereiten, so teilte Daniel mit, würde er nicht mehr länger schweigen. Alle Welt würde erfahren, welch ein Mensch Heinz Hagemann wirklich ist.
Maria ließ die Blätter in ihren Schoß sinken.
Hatte sie schon wieder einen Fehler gemacht, indem sie Daniel verschwieg, dass diese Verleihung bevorstand? Sie wollte ihn doch nur schützen. Im gleichen Moment fragte sie sich, wer ihrem Sohn diesen Zeitungsartikel zugespielt haben könnte.
Alle seine Schulfreunde – insbesondere Oliver Krug – sein damals bester Freund, hatten den Kontakt schnell abgebrochen, ebenso dessen Eltern, nachdem Daniel verschwunden war,
Maria bemerkte diese misstrauische Distanz jeden Samstag, wenn sie zum Markt unterwegs war und die Krugs sowie auch andere Eltern ehemaliger Klassenkameraden ihr über den Weg liefen, oder eher aus dem Weg gingen.
Anfangs schmerzte es sehr, dass sie nicht ein tröstliches Wort von den Leuten, gerade von den Krugs, zu hören bekam. Andererseits konnte sie es ihnen nicht verübeln. Olivers Eltern machten Heinz Hagemann für den Absturz ihres Sohnes in die Kriminalität verantwortlich; was vielleicht auch teilweise stimmte.
Im Alter von 16 Jahren wurde Oliver in einem Musikgeschäft ertappt, als er einige Tonbandkassetten stehlen wollte. Richter Friedhelm Hanke, ein ehemaliger Unteroffizier, folgte wie fast immer, dem Antrag seines Staatsanwalts, Heinz Hagemann und verurteilte den Jungen zu einer 3-monatigen Jugendstrafe, aus der er traumatisiert zurückkam.
Über das, was damals in diesem Jugendgefängnis passiert war, schwieg Oliver eisern, wurde aber immer wieder straffällig und wegen Einbruch und Diebstahl festgenommen. Vor einigen Jahren sogar aufgrund der Vergewaltigung an einer jungen Frau.
Wohl wissend, dass es Ärger bedeutete, öffnete Maria nun auch den Brief, der an ihren Mann adressiert war.
Schon die Anrede: – An Herr Hagemann – nicht Heinz Hagemann oder gar Vater, verriet Daniels ungeheuren Groll.
Wenn du dachtest, ich wäre gänzlich aus deinem Leben verschwunden an jenem Tag vor genau 20 Jahren, muss ich dich enttäuschen, erneut! Ich lebe und es geht mir gut. Allerdings vermute ich, es interessiert dich nicht und es ist auch nicht der Grund weshalb ich dir, nach all der Zeit, schreibe.
Aber, stopp! Bevor du jetzt das Blatt aus lauter Wut zerreißt, solltest du doch lesen, was ich dir zu sagen habe, denn dein weiteres, so „hochanständiges“ Leben könnte davon abhängen.
Ich wurde davon unterrichtet, dass dir das Bundesverdienstkreuz verliehen werden soll, für besondere aufopferungsvolle ehrenamtliche Tätigkeit zum Wohle deiner Mitmenschen.
Ich dachte, es verschlägt mir die Sprache!
Wer kommt denn auf eine solche Idee, fragte ich mich. Doch dann erinnerte ich mich wieder daran, wie sehr du schon immer Leute beeinflussen konntest. Wie man sieht, hast du nichts verlernt, aber auch nichts dazugelernt.
Ich gebe dir einen guten Rat: Nimm diese Auszeichnung nicht an, oder du wirst es bereuen!
Es ist leichter, einer Begierde ganz zu entsagen, als in ihr maßzuhalten.
PS. Du hast Nietzsche oft zitiert, dich aber nie an seinen Weisheiten orientiert.
Daniel.
Es ist leichter, einer Begierde ganz zu entsagen, als in ihr maßzuhalten.
Nachdem Maria Hagemann die Zeilen erneut gelesen hatte, ging sie nach unten in die Küche und legte den Brief auf den Tisch, neben den Frühstücksteller ihres Ehemanns.
Kurzfristig wunderte sie sich, dass er noch immer nicht aufgestanden war, verschwendete aber keinen weiteren Gedanken darüber und öffnete die Terrassentür zum Garten.
Das Laub auf dem Rasen musste weg.
Zu Mittag sollte es Schnüsch geben, nach dem Rezept von Helenes Großmutter. Ein Stück geräucherter Speck köchelte bereits in verlässlicher Harmonie mit Lauch und Möhren, in einem Gemisch von Milch und Wasser, in einem Topf. Jetzt schälte sie die Kartoffeln.
Eigentlich galt Schnüsch in Norddeutschland als ein sommerlicher Gemüseeintopf. Aber bei ihr kam das Gericht auch schon mal im Herbst oder sogar im Winter auf den Tisch, dann natürlich mit Gemüse aus dem Tiefkühlfach.
Nicole und Andy waren ebenfalls nie abgeneigt, einen ordentlichen Rest des Eintopfs abends auf der Terrasse vorzufinden; wussten sie doch, dass das Gemüse, jedenfalls im Sommer, aus Herberts Garten kam und deshalb aus rein biologischem Anbau.
Seit er letztes Jahr den beiden, für eine geringe Miete, sein Haus überlassen hatte, kümmerte sich Andy auch um den Gemüsegarten. Somit war für Herbert, gerade in den warmen Monaten, nicht gezwungen täglich mit der Gießkanne bewaffnet nach dem Rechten zu sehen.
Nicole hatte eher weniger mit der Gartenarbeit am Hut. Sie genoss lieber bei einem Glas Rotwein die Sonne auf der Terrasse oder lag im angrenzenden Zengarten.
Sie nannte es: Mit Genuss die innere Mitte finden und war damit ganz bei Herbert, der den Garten vor einigen Jahren, nachdem er von seiner Weltreise zurückgekehrt war, angelegt hatte. Die kleine Oase der Ruhe diente außerdem zu Übungsstunden in Thai Chi oder Yoga, unter seiner fachkundigen Leitung.
Auch Elfi, die Tochter von Josef Richter, nahm oft daran teil. Nicht zuletzt deshalb, weil sie Kraft tanken musste und eine Auszeit brauchte von ihrem betagten, zwar noch rüstigen, aber manchmal anstrengendem Vater, den alle nur Sepp nannten.
Während Helene die Kartoffeln in den Topf legte, gingen ihre Gedanken auf Reisen.
Vor zwei Jahren hätte sie nicht geahnt, dass ihr Leben noch einmal derart ereignisreich und glücklich werden könnte.
Nach dem Tod ihres Ehemanns, eines Polizeibeamten, vor jetzt mehr als 10 Jahren, fühlte sie sich in ihrem Haus ein wenig einsam und beschloss, die oberen Räume zu vermieten. Allerdings wollte sie eine Mieterin, mit der sie sich auch privat verstehen würde, und dachte dabei eher an eine Dame in ihrer Altersgruppe. Doch kaum, dass sie eine Anzeige in die Zeitung gesetzt hatte, meldete sich eine junge Frau, etwa um die 30 Jahre, die ihr sofort sympathisch gewesen war. Als sich dann noch herausstellte, dass es sich um eine Kriminalbeamtin handelte, gab es für Helene keine Zweifel mehr. Sie erfasste es als einen Wink des Schicksals oder sogar wie ein Zeichen von Friedel selbst, der, davon war sie felsenfest überzeugt, wo immer er auch war, auf sie aufpasste.
In den folgenden Jahren entwickelte sich zwischen den beiden Frauen eine innige Verbundenheit – ähnlich einer Mutter-Tochter-Beziehung. Hinzu kam, dass Helene leidenschaftlich gerne Krimis las, und schaute und für sich selbst versuchte, den Täter zu ermitteln.
Freilich sollte Nicole Wegener, von Amts wegen, nicht über ihre Arbeit in einem Mordfall reden. Dennoch fiel die eine oder andere Bemerkung, bei einem köstlichen Abendessen, mit dem Helene fast immer auf sie wartete, oder bei einem Glas Rotwein oder auch einem Whisky. In den meisten Fällen erwies sich ein solcher Gedankenaustausch als fruchtbar und förderte bei Nicole die entsprechende Intuition zur Lösung ihrer aktuellen Ermittlungen.
Und dann trat Herbert Walter in Helenes Leben. Zwar kannten sie sich seit Jahrzehnten, doch wäre keiner von ihnen auf den Gedanken gekommen, dass sie in ihrer zweiten Lebensphase ein Paar würden. Es stellte sich heraus, dass er die gleiche Neugier an den Tag legte, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und ebenso gehörte Nervenkitzel zu seinem zweiten Vornamen. Zudem besaß er enorme Kenntnisse im Computer-Bereich und war immer auf dem neuesten Stand, wenn es um Technik und Elektronik ging.
Als die seit Jahrzehnten vergrabenen Leichen auf dem Grundstück gegenüber seinem Haus der Polizei Rätsel aufgaben, konnten sie beide mithelfen, die Tötungsumstände zu klären.
Das Klingeln des Telefons riss Helene aus ihren Träumereien.
Hoffentlich keine schlimmen Nachrichten, bahnte sich der Gedanke seinen Weg durch ihren Kopf, wie stets, wenn Herbert mit dem Auto alleine unterwegs war. Ihrer Meinung nach fuhr er zu schnell; nach seinem Empfinden – die anderen zu langsam. Noch mehr Sorgen machte sie sich, wenn Sepp auf dem Beifahrersitz saß.
Der mittlerweile 92-jährige Josef Richter – von jedem nur Sepp genannt – hatte sich bei einem Sturz auf der Terrasse eine starke Verstauchung im Ellenbogen zugezogen und ein Haarriss im unteren Rückenbereich. Nun musste er regelmäßig zur Bewegungstherapie. Bedeutete: Wassergymnastik im Krankenhaus. Natürlich passte ihm das überhaupt nicht in den Kram. Schon deshalb nicht, weil seine Tochter Elfi unnötigerweise eine neue Badehose gekauft hatte, obwohl es die alte, die in der hintersten Ecke im Schrank vergraben lag, auch noch getan hätte. Er hatte sie doch nur einen Sommer lang getragen, als das Freischwimmbad 1965 eröffnet worden war. Danach hatte er die Badeanstalt nie wieder betreten. Es war ihm dort zu laut, die Sonne zu heiß und das Wasser zu nass.
Während der 10-minütigen Fahrt zu seinem ersten Termin war er deshalb ständig nur am Meckern und Elfi am Ende ihre Kräfte. Also sprang Herbert ein und kutschierte seinen nervtötenden Nachbarn zur Therapie.
Helene trocknete ihre Hände an einem Stück Küchenpapier ab und eilte in den Flur zum Telefon. Entgegen der Annahme, es wäre ihr Herbert, zeigte das Display die Festnetznummer von Bettina und Ferdinand Roth.
Seit dem Mord an der Klostermühle im letzten Jahr und den damit zusammenhängenden unschönen Verwicklungen, waren sich die beiden Paare nähergekommen. Sie gingen öfter zusammen essen oder unternahmen Tagestouren in die nähere Umgebung. Auch hatten sie im Herbst zu viert einen angenehmen Kurzurlaub an der Mosel verbracht.
Bei dem Aufenthalt in einem 4-Sterne-Hotel handelte es sich eigentlich um ein Geburtstagsgeschenk von Herbert an Helene. Schon lange lag sie ihm damit in den Ohren, stieß aber stets auf Taubheit derselben.
Mit fremden, schwitzenden Menschen Backe an Backe auf engstem Raum zu sitzen, ist einfach nur widerlich, betonte er seine Abscheu zum Thema Wellnesshotel.
Umso erstaunter war sie, als am Morgen ihres 73-zigsten Geburtstags ein Gutschein für einen 3-tägigen Aufenthalt in einem Wellness-Hotel auf dem liebevoll gedeckten Frühstückstisch lag und freute sich sehr. Noch mehr, als Bettina und Ferdinand sich spontan anschlossen. Erst später erfuhr sie, dass Herbert zuvor mit den beiden ein Abkommen getroffen hatte.
Die Damen sollten saunieren, während die Herren es sich bei einem Bierchen im angrenzenden Bistrobereich gut gehen ließen. Damit hatte er elegant die Kurve gekriegt, was die Saunagänge betraf.
„Hallo, Bettina?“, rief Helene fröhlich in den Hörer.
„Helene! Hier ist der Ferdi. Kann ich mal mit Herbert sprechen?“
„Herbert ist nicht da. Er fährt den Sepp zur Krankengymnastik.“ Sofort alarmiert, aufgrund von Ferdinands Tonlage, fragte sie: „Ist irgendetwas mit Bettina?“
„Nein, nein. Bettina geht es gut. Mach dir keine Sorgen.“ Einen Augenblick später: „Ich habe eine Leiche gefunden.“
„Eine Leiche?“ Helene setzte sich auf die Garderobenbank. Nach einem tiefen Atemzug fragte sie: „Wo?“
„Unten an der Mulaule.“
In diesem Moment hörte sie den Schlüssel in der Haustür. „Ich glaube, er kommt gerade zurück.
Ferdi ist dran“, wandte sie sich Herbert zu. „Er hat eine Leiche gefunden, unter an der Mulaule.“
„Was? Net dein Ernst?“
Sie reichte den Hörer weiter.
„Ferdi, was ist los?“
In den nächsten Minuten hörte Helene ein: Aha! ... Wirklich? ... Bist du dir sicher? Ach, die Polizei weiß auch schon Bescheid? ... Na klar, wir komme nach em Mittagesse.“
Nachdenklich legte Herbert das Telefon zurück auf die Station und sagte: „Der Ferdi hat an der Mulaule e Leiche gefunde. Wir solle nach em Mittagesse mal zu dene komme.“
In diesem Moment klingelte es erneut.
Mit Blick auf das Display stöhnte er. „Die kann ich jetzt net auch noch ertrage.“
Er drückte Helene den Hörer in die Hand.
„Habt ihr schon gehört“, zwitscherte Gundel durch die Leitung. „Der Ferdinand hat eine Leiche bei der Mulaule gefunden. Ich habe ihm gleich geraten, euch davon zu unterrichten.“
„Ich kann mir vorstellen, dass die Polizei bestimmt mehr daran interessiert ist“, entgegnete Helene.
„Dort war er doch schon. Ich kam gerade aus der Bäckerei gegenüber, weil ich heute Morgen mal Appetit auf frische Brötchen hatte. Ansonsten esse ich morgens ja nur Vollkornbrot; ist ja viel gesünder.“
Nur einen Sekundenbruchteil wartete Gundel auf Zustimmung, dann plapperte sie weiter: „Auf jeden Fall habe ihn aus der Polizeistation kommen gesehen, mit seiner Lizzy auf dem Arm. Die hat er sogar die Treppe runtergetragen. Die Ärmste hat es bestimmt im Kreuz.“
Als auch hierzu keine Reaktion von Helene erfolgte, fuhr sie fort: „Der Ferdinand kam dann auch zur Bäckerei rüber. Ich habe ihn natürlich gleich gefragt, was er so früh bei der Polizei zu suchen hatte.“
„Natürlich“, unterbrach Helene Gundels Redefluss und brachte sie damit kurzfristig aus dem Konzept.
„Eh, ja. Hätte ja sein können, dass bei denen wieder mal eingebrochen wurde oder die Bettina überfallen worden ist.“
„Kommt bei dene auch ständig vor“, murmelte Herbert. Trotzdem er nicht mit Gundel reden wollte, war er doch neugierig und hing dicht am Hörer.
„Was?“
„Nichts“, erwiderte Helene.
„Eh, ja. Was ich eigentlich fragen wollte. Was unternehmen wir jetzt? Ich meine, der Ferdinand wurde doch schon einmal von der Polizei verdächtigt …“
Helene und Herbert hörten Gundel heftig atmen.
„Es ist aber auch schon merkwürdig, dass der ständig Tote findet, meint ihr nicht auch?“
„Von ständig kann ja wohl net die Rede sein“, sprach jetzt Herbert direkt in den Hörer. „Außerdem, wenn einer eine Leiche findet heißt des noch lang net, dass es um ein Verbrechen geht. Kann ja auch en ganz simple Herzinfarkt sein.“
Gundel nickte. „Ja, möglich. Auf jeden Fall werde ich Sepp und Schorsch berichten.“
„Beeil dich aber“, erwiderte Herbert, „bevor die es aus der Zeitung erfahrn.“
„Der Ferdi sagte nicht, dass schon ein Reporter dort gewesen ist“, antwortete Gundel nachdenklich. „Aber ja, du hast recht. Ich muss mich beeilen.“
Gundula Krämer legte auf.
„Wette, dass des heut nix wird, mit de Frühstücksbrötchen bei der Gundel?“ Herbert grinste.
Mit Bedacht lenkte Harald den fabrikneuen Dienstwagen über das heikle Pflaster aus teils großen, groben Steinen und vorbei an der Lüschebank, die in die Reste der Stadtmauer eingelassen war.
Wie die Bank zu dem kuriosen Namen kam, erfuhren er und seine Lebenspartnerin Marion Haus von Polizeihauptkommissar Josef Maier, während einer persönlichen Stadtführung.
Nach der Überlieferung warteten in früheren Zeiten, die älteren Fischersleute auf der Bank auf die Rückkehr ihrer Söhne und deren Ausbeute. Dabei erzählten sie ihre ganz eigenen Fang-Geschichten und schmückten diese natürlich aus; bedeutete – es wurde kräftig Fischerlatein gesponnen – also enorm geflunkert.
Selbstverständlich, so versicherte Josef Maier damals zwinkernd, darf dort auch heute immer noch ungestraft gelogen werden. Der Spruch über der Bank lädt ja gerade dazu ein.
Hier kannst du lügen, bis sich die Balken biegen
Ein klein wenig abgeändert würde sich der Satz gut in unseren Verhörräumen machen, überlegte Harald ironisch und fuhr weiter auf dem asphaltierten Mainuferweg zum Fundort der Leiche.
„Unsere Kollegen sind schon fleißig bei der Arbeit“, stellte Nicole fest, als sie sich näherten.
Die beiden Fahrzeuge der Kriminaltechniker parkten auf dem befestigten Weg, direkt neben die Streifenwagen der Seligenstädter Polizei.
„Stell dich hinter die Polizeifahrzeuge“, schlug sie vor. „Man kann nie wissen, wie feucht der Untergrund der Wiese tatsächlich ist. Es wäre ein gefundenes Fressen für unsere Kollegen, wenn wir da nicht mehr rauskämen.“
Gleichzeitig machte Nicole Lars, der direkt hinter ihnen fuhr, ein Zeichen, damit er ebenfalls auf dem Asphalt bleiben sollte – aber zu spät. Er hatte einen neuen Ford Focus ergattert und rollte gerade auf die Mainauen.
Das Gebiet rund um den Turm war durch ein Plastikband abgesperrt. Ebenso die seitlich entlangführende Treppe und der größte Teil der oberen linksseitig angrenzenden Altstadtmauer.
Am Fundort nahmen die Kollegen der Spurensicherung, zusätzlich zu den Aufnahmen mit ihren Spezialkameras, nach althergebrachter Methode, die Abdrücke der Schuhspuren, mithilfe von flüssigem Kunststoff.
Auf dem restlichen Teilstück, oberhalb der Mauer, drängten sich zahlreiche Schaulustige, die die Polizeiaktion mit ihren Handys filmten. Ein Vertreter der Presse witterte ebenfalls eine Sensationsstory und hielt seine Profikamera direkt auf die Beamten.
„Frau Wegener. Hallo, Harald.“ Josef Maier, der Leiter der Seligenstädter Polizeidienststelle, kam auf die Kriminalkommissare zu. „Man glaubt es nicht, schon wieder ein Mord in unserem schönen Städtchen.“
Nicole und Harald nickten grüßend und Lars, der jetzt hinzukam, reichte Maier die Hand. „Josef.“
„Wo genau wurde die Tote gefunden?“, fragte die Kriminalbeamtin.
„Dort oben, direkt an der Ecke des Turms.“ Der Polizeihauptkommissar deutete auf die Stelle zwischen einem mit Graffiti-Tags beschmierten Trafohäuschen und dem Turm. „Er wurde vor etwa 20 Minuten ins Rechtsmedizinische Institut gebracht.“
„Ja, die Kollegen vom Dauerdienst haben mich unterrichtet“, bestätigte Nicole. „Weiß man schon etwas über die Todesursache?“
„Äußere Anzeichen eines gewaltsamen Todes konnte der Notarzt, nach der ersten Beschauung, nicht feststellen. Heißt … keine Strangulations- oder Würgemerkmale und auch keine Einstichwunden. Allerdings zeigten sich erste Todesflecken an den Armen. Demnach könnte das Opfer hierher transportiert worden sein. Dort hinten befindet sich ein Anwohnerparkplatz. Wie ihr seht, haben wir das Gelände ebenfalls weiträumig abgesperrt.“
Maier schaute in die Runde. Letztlich blieb sein Blick an Nicole hängen.
„Meiner bescheidenen Meinung nach denke ich, dass der Fundort nicht der Tatort ist. Selbst bei uns würde es auffallen, wenn ein Mann, in der Tracht einer Frau durch die Straßen spaziert.“
„Habe ich was an den Ohren, oder hast du gerade von einem Mann gesprochen?“, fragte Harald.
Der Dienststellenleiter nickte. „Ja, ein Mann in der Seligenstädter Tracht der Frauen, sagte ich. Wurde euch das nicht mitgeteilt?“
„Nein. Das wussten wir noch nicht.“ Nicoles Stimme war anzumerken, dass sie über die mangelhafte Information seitens des Kollegen vom Kriminaldauerdienst ganz und gar nicht erfreut war.
„Das ist allerdings eine Überraschung“, murmelte Harald und dachte gleichzeitig: Das gibt Ärger.
„Ich höre mal, was die Kollegen der Spurensicherung für uns haben“, verkündete Lars und enteilte mit langen Schritten der zunehmend eisigen Atmosphäre.
„Oh. Da ist wohl etwas schiefgegangen“, äußerte Maier „Tut mir leid, hätte ich Ihnen gleich ...“
„Ist nicht Ihre Schuld“, presste Nicole über ihre Lippen. Das wird ein Nachspiel haben, liebe Kollegen, setzte sie gedanklich nach.
„Es handelt sich um einen etwa 70-jährigen Mann. Bedauerlicherweise hatte er keinen Ausweis oder sonstige Papiere bei sich, anhand dessen wir ihn hätten identifizieren können; auch kein Handy oder sonstige persönliche Dinge.“
Der Leiter der Polizeistation Seligenstadt schaute einen Augenblick, in Gedanken versunken, über die Mainauen und sagte: „Ich denke, der Mann wurde hier bewusst hingelegt, sozusagen zur Schau gestellt. Ich meine ... die Seligenstädter Tracht, sogar die passende Perücke hatte er auf und dann noch die besonders auffällige Schminke. Sehr merkwürdig, das Ganze.“
„Wo bekommt man denn eine solche Tracht her?“, wollte Nicole wissen. „Hat die jedes Mitglied des Trachtenvereins zu Hause im Schrank?“
„Einen Trachtenverein gibt es hier nicht, wohl aber einem Heimatverein, dessen Mitglieder bei Veranstaltungen ihre Tracht zur Schau tragen“, antwortete Maier. „Aber, das wissen Sie ja bereits. Und ja, manch einer wird wohl schon seine eigene Tracht im Schrank hängen haben. Die meisten Kostüme werden im Fundus des Heimatvereins aufbewahrt – schon wegen der fachgerechten Lagerung. Damit, wenn sie alle paar Jahre benötigt werden, in gutem Zustand sind.“
„Wer betreut diesen Fundus?“
„Kann ich Ihnen auf Anhieb nicht sagen. Ich lasse Ihnen Namen und Adresse raussuchen.“
„Gut. Wer hat die Leiche gefunden?“
„Ferdinand Roth. Sie erinnern sich ... letztes Jahr? Das Ehepaar aus dem Klosterhof? Ferdinand Roth und seine Frau Bettina? Sie waren kurzzeitig des Einbruchs in die Klosterapotheke verdächtig und des Mordes an Sebastian König, der in den Mühlrädern zu Tode gekommen war.“
Nicole brauchte keine zwei Sekunden, um sich den Fall erneut vor Augen zu führen.
In wenigen Sätzen gab Josef Maier die Aussage Ferdinand Roths wieder.
„Demnach hat er den Fundort verunreinigt?“, stellte die Kriminalbeamtin verärgert fest.
„Er versicherte mir, dass er wirklich sehr vorsichtig zugange gewesen sei. Außer natürlich, dass seine Schuhabdrücke bei der Leiche zu finden sind.“
„Weshalb rief er nicht gleich die Polizei?“
„Er hatte sein Handy zu Hause gelassen.“
Nicole sah zu den Häusern hoch. „Was ist mit den Bewohnern? Hat irgendwer etwas gesehen oder gehört?“
„Meine Mitarbeiter befragen gerade die Nachbarschaft. Nach Aussage des Notarztes ist der Mann seit ungefähr ...“ Josef Maier schaute auf eine Armbanduhr, „18 Stunden tot, plus minus eine oder zwei Stunden.“
„Also schon gestern am späten Nachmittag, zwischen 17 und 18 Uhr“, rechnete Nicole flugs nach. „Demnach könnten Sie mit Ihrer Annahme recht haben und der Tote wurde irgendwann in der Nacht hierher transportiert. Stellt sich die nächste Frage … wo war er in der Zwischenzeit?“
Lars kam die Treppe am Turm herab. „Die KTU fand Schuhabdrücke im feuchten Erdreich, rund um den Platz wo die Leiche lag und das hier lag zwischen den Rockfalten der Tracht.“
Er hielt eine Plastiktüte hoch, in der sich ein Blatt Papier befand. Nicole nahm die Tüte und drehte sie so, dass sie den Text auf dem Zettel lesen konnte.
Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen
„Was soll das denn?“
„Das ist ein Zitat von Friedrich Nietzsche“, klärte Maier sie auf. „Es wird immer deutlicher, dass die Fundstelle explizit gewählt wurde und wir es hier mit keinem normalen Mord zu tun haben – eher mit einer ganz persönlichen Abrechnung.“
„Sieht ganz so aus“, stimmte Harald zu. „Warum bist du eigentlich nicht bei der Kriminalpolizei?“
„Mir reichen die Krimis im Fernsehen“, erwiderte der Polizeihauptkommissar ernst.
Polizeikommissar Berthold Bachmann und eine jüngere Polizistin mit langen, zu einem Zopf geflochtenen, braunen Haaren bewegten sich auf die Gruppe zu.
Der Unterschied zwischen den beiden hätte nicht größer sein können. Während der 56-Jährige in behäbigem Gang antrabte, näherte sich seine durchtrainierte Kollegin mit federnden Schritten.
„Polizeikommissarin Sarah Senger“, stellte Maier die etwa Mitte 20-Jährige vor.
Berthold Bachmann hob grüßend die Hand. „Hallo“.
Der Anblick der jungen Polizistin zauberte Lars sofort ein begeistertes Lächeln ins Gesicht.
„Hansen, Kripo Offenbach. Meine Chefin, Frau Wegener und Kollege Weinert.“
Seine Hand schnellte nach vorne.
„Angenehm.“ Sarah Senger lächelte kokett zurück. „Also, ich meine, unter diesen Umständen. Aber ist ja euer täglich‘ Brot, wenn ich das mal so sagen darf.“
„Naja, eh ... nicht nur“, beeilte sich Lars, stolpernd zu antworten. „Zum Glück gehört Mord nicht ausschließlich zu unserer täglichen Arbeit. Wir kümmern uns auch um Waffen- und Branddelikte im K11.“
