Eine kleine Menge Gift - Rita Renate Schönig - E-Book

Eine kleine Menge Gift E-Book

Rita Renate Schönig

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Am Morgen nach dem Whisky-Tasting fühlt sich Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener unwohl und muss vom Notarzt versorgt werden. Ähnliche Symptome treten bei Herbert auf. Umso größer ist der Schrecken als Emil Noack, ebenfalls ein Teilnehmer des Tastings, tot am Eingang zum ›Riesen‹ gefunden wird und die Hinweise deuten auf einen Mord. Die Mordermittlungen der Offenbacher Kriminalpolizei führen zu einer Schnapsbrennerei im bayerischen Kahlgrund. Auch die SE-PRI-SOKO, unter der Leitung von Helene und Herbert, gehen dieser Spur nach; natürlich auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Rita Renate Schönig

Eine kleine Menge Gift

Seligenstädter Krimi

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Eine kleine Menge Gift

Inhalt:

Eine kleine Menge Gift

Donnerstag / 22. 09. 2022

Freitag / 23.09.2022 – 08:05 Uhr

Samstag / 24. 09.2022 – 08:20 Uhr

Sonntag / 25.09.2022 – 02:50 Uhr

Montag / 26.09.2022 – 07:35 Uhr

Dienstag / 27.09.2022 – 08:30 Uhr

Rezepte:

Bedanken

Impressum neobooks

Eine kleine Menge Gift

11. Seligenstadt – Krimi

Die Handlung ist frei erfunden und entspringt meiner ausgeprägten Fantasie.

Mit Einverständnis der Eigentümer des Spirit of Scotland Sandra und Thorsten Manushabe ich deren echte Vornamen verwendet. Sonstige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt

Inhalt:

Nach dem Whisky-Tasting, dem Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener aufgrund des noch immer kursierenden Corona-Virus mit einem mulmigen Gefühl entgegensah, fühlt sie sich prompt am nächsten Morgen unwohl und bricht zusammen. Gleichartige Symptome treten bei Herbert auf.

Umso größer ist der Schrecken als Emil Noack, einer von weiteren Teilnehmern am Tasting, tot am Eingang zum ›Riesen‹ gefunden wird.

Laut der Rechtsmedizin ist Emil Noack aufgrund einer Verätzung seiner Speiseröhre qualvoll erstickt und alles deutet auf einen Mord hin.

Die Ermittlungen der Offenbacher Kriminalpolizei führen zu der Schnapsbrennerei im bayerischen Kahlgrund, in der Emil Noack gearbeitet hatte.

Auch die SE-PRI-SOKO, unter der Leitung von Helene und Herbert, gehen dieser Spur nach; natürlich auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Impressum

Texte und Bildmaterial © Copyright

Rita Renate Schönig

Postfach 1126

63487 Seligenstadt

Mailadresse: [email protected]

Homepage: www.rita-schoenig.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Buches darf reproduziert, in einem Abrufsystem gespeichert, in irgendeiner Form elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Art übertragen werden.

Ständige Protagonisten

Ermittlerteam Präsidium Offenbach K11

Nicole Wegener,Erste Kriminalhauptkommissarin

Harald Weinert,Kriminalhauptkommissar

Lars Hansen,Kriminalhauptkommissar

Dietmar Schönherr, Kriminaloberkommissar

Andreas (Andy) Dillinger, Kriminalhauptkommissar und Lebenspartner von Nicole

Staatsanwaltschaft

Falk von Lindenstein und Felix Heller

Sybille Kleinschmidt, Vorzimmerdame

Rechtsmedizin

Dr. Martin Lindner (Doc)

Kriminaltechnik

Kai Schmitt,Kriminaloberkommissar

Lutz Berger, Kriminaloberkommissar

Wiebke Pannkok,Kriminalkommissarin

Thomas (Tom) Theissen, IT Consulting Wiesbaden Projektmanager

Johannes (Jo) Schneider, Softwareentwicklung

Seligenstädter Polizeistation

Josef Maier, Polizeihauptkommissar/Dienststellenleiter

Berthold Bachmann, Polizeikommissar

Mona Schilling, Polizeikommissarin

Philipp Reichenbach, Polizeianwärter

Seligenstädter private Sonderkommission (SE-PRI-SOKO)

Helene Wagner, Freundin von Nicole Wegener

Herbert Walter, Lebensgefährte von Helene

Ferdinand und Bettina Roth, Freunde

Gundula (Gundel) Krämer, Nachbarin

Georg (Schorsch) Lenz, ehemaliger Nachbar

Felix und David Körner, Nachbar-Jungs

Speziell diesem Roman zugeordnete Personen

Emil Noack, Opfer

Silvia Noack geb. Weidmann, Ex-Frau von Noack

Veronica und Werner Stein, Inhaber der Destille

Simon Stein, Neffe von Werner Stein

Finn Trautmann, Angestellter in der Destille

Sandra und Thorsten Morgenstern, Inhaber des Whisky-Geschäfts

Karl Hetzer, Sozialarbeiter

Tobias Maurer, Grafiker, Freund von

Silvia Noack geb. Weidmann

Dr. Patrick Keil (Notarzt)

Erklärungen:

Paracetamol-Vergiftung

Der Anteil von Paracetamol im Blut, der 4 und 24 Stunden nach der Einnahme gemessen wird, kann helfen, das Ausmaß der Schädigung der Leber zu bestimmen. Bluttests zur Leberfunktion können manchmal helfen, besonders dann, wenn die Vergiftung langsam durch mehrfach wiederholte Dosen verursacht wurde.

Bleichmittel mit Alkohol gemischt kann u. U. zur Bildung von Chloroform führen, welches eine Ohnmacht auslösen kann. Eventuell kann sich auch Salzsäure bilden, die extrem ätzend auf Haut und Schleimhäute wirkt.

Die Eiskalten: lustige Bezeichnung der Bestatter

Nur „Bahnhof“ verstehen: Laut Duden stammt die Phrase aus der Zeit des Ersten Weltkrieges (1914-1918): "Bahnhof" bedeutete für die Soldaten "Heimkehr". Das magische Wort beherrschte sie derart, dass sie an nichts anderes mehr denken und nicht mehr aufmerksam zuhören konnten.

LKW: Leberkäsweck

Dialekt:

Knoddern; meutern, murren

Olwel: dümmlicher Mensch

Zorngickel:cholerisch veranlagter Mensch

PP: Polizeipräsidium

LKW: Leberkäsweck

Bräsig: schwerfällig im Kopf (norddeutsch)

5.000 ESP sind30,0506 EUR Spanien 1986/ 1999 (Bargeld seit 2002)

Eine kleine Menge Gift

Donnerstag / 22. 09. 2022

Endlich wagten die Leute sich wieder in Restaurants, Kinos und zu öffentlichen Veranstaltungen. Dennoch war es für viele nach dreimaligem Lockdown und der damit staatlich verordneten Abstinenz, ein seltsames Gefühl.

Einerseits bestand der drängende Wunsch, sich mit echten Menschen zu treffen, anstatt über Telefon, Handy oder Tablet mit Freunden, Verwandten und Bekannten in Kontakt zu bleiben. Auf der anderen Seite fragten sich manche, ob nicht doch noch Gefahr lauerte, sich mit diesem Corona-Virus zu infizieren.

Niemand wusste so recht, wie er sich verhalten sollte und klare, nachvollziehbare Maßnahmen vonseiten vermeintlich qualifizierter Regierungsbeauftragter blieben aus oder waren widersprüchlich. Im Gegenzug häuften sich die Kommentare selbst ernannter Gesundheitsexperten. Diese erhielten wiederum Gegenwind von Coronagegnern und Verschwörungstheoretikern, die ja schon immer gewusst hatten, dass es überhaupt keine Pandemie gegeben hatte und alles nur ein abgekartetes Spiel der Regierungen war. Dabei wurden die Zehntausende, die infolge des Virus' gestorben waren, schlichtweg ignoriert oder als ›Fake News‹ – der zurzeit geläufigste Ausdruck für Täuschung und Manipulation – dargestellt.

Auch Nicole trug einen inneren Kampf aus, indem sie heute Abend ihr Geburtstagsgeschenk einlösen durfte ... musste ... wollte? Sie war sich darüber nicht ganz im Klaren. Den Gutschein für das Whisky-Tasting hatte sie von Helene und Herbert zu ihrem 44. Geburtstag im Oktober des letzten Jahres erhalten, konnte ihn aber bis jetzt nicht einlösen.

In normalenZeiten hätte die Kriminalhauptkommissarin als Liebhaberin des ›Wasser des Lebens‹ sich wahnsinnig gefreut. Doch war Normalität weit entfernt von dem, was in den vergangenen Jahrzehnten darunter verstanden worden war. Und Nicole fragte sich, ob der Begriff Normalität in Zukunft je wieder als solcher Verwendung finden würde.

Die einzige Konstante in den letzten Monaten war die nahezu gleichgebliebene Anzahl der Morde sowie der Brand- und Waffendelikte, für die sie als Erste Kriminalhauptkommissarin zuständig war. Gegenläufig stiegen die Straftaten von häuslicher Gewalt enorm und die Dunkelziffer – darüber waren sich Polizei und Gesetzgeber einig – lag vermutlich weitaus höher, als offiziell bekannt war.

»Was ist los? Freust du dich nicht?« Andy ihr Lebenspartner, ebenfalls Kriminalhauptkommissar, stupste sie in die Seite, während sie Hand in Hand auf das Haus, in dem Helene und Herbert wohnten, zugingen.

»Ich frage mich, ob wir nicht doch noch einige Wochen mit dem Tasting hätten warten sollen.«

Andy zog die Stirn in Falten. »Jetzt mach dir mal keine allzu großen Sorgen. Wir haben gerade einen Test gemacht und sind alle geimpft. Außerdem nennt man Whisky das ›Wasser des Lebens‹. Was also soll da schiefgehen?« Er drückte Nicole an sich. »Du wirst sehen, es wird ein schöner Abend.«

»Na des nenn ich doch mal Timing«, rief Herbert, der mit Helene gerade das Haus verließ, grinste und seine Hand zur Ghettofaust gekrümmt den beiden entgegenstreckte.

Während Andy in gleicher Weise auf die Geste reagierte, lächelte Nicole lediglich und widerstand dem Impuls, ihre langjährige mütterliche Freundin zu umarmen.

Stattdessen fragte sie: »Weißt du, wie viele Leute sich angemeldet haben?«

»Uns eingerechnet sind wir sieben Personen, berichtete mir Herr Morgenstern gestern. Also alles im Rahmen«, versicherte Helene, als sie Nicoles angespannten Blick bemerkte.

Hingegen äußerte Herbert froh gelaunt: »Ich bin gespannt, was uns erwartet.«

An der Seite von Andy schritt er hinter ihren Frauen her in Richtung Marktplatz. Kurz darauf erreichten die vier die Freihofstraße. Noch nicht in der Kleinen Maingasse angelangt, vernahmen sie die Stimmen von Männern. Sekunden später sahen sie diese in launiger Stimmung plaudernd vor dem Eingang des ›Spirit of Scotland‹ stehen, dessen schottische Flagge – das weiße Andreaskreuz auf hellblauem Grund – im leichten Wind hin und her schwang.

Sofort erkannte Herbert ein vertrautes Gesicht, woraufhin er erfreut auf die Gruppe zulief, und rief: »Ja, des is ja e schee Überraschung.«

Taktgesteuert drehten die drei Männer ihre Köpfe in seine Richtung. Aber nur einer reagierte mit einem herzlichen breiten Lächeln.

»Ihr auch hier?« Der stämmige Mittfünfziger, bekleidet mit einerrot-schwarz karierten Jacke im Holzfällerstyle, formte seine Hand zu einer Ghettofaust und streckte sie Herbert entgegen. Dessen Erwiderung folgte sofort.

Helene grüßte den Mann mit einem freundlichen: »Hallo, Herr Hetzer. Ach ja, ich erinnere mich, Sie sind auch Whiskyliebhaber.«

Bei Nicole löste der Name Hetzer ebenfalls einen Funken der Erinnerung aus. Dann dämmerte es ihr. Der Mord im September vor 3 Jahren an einem früheren Lehrer der ›Hans-Memling-Schule‹ und die damit einhergehende Geiselnahme einer 16-Jährigen.

Der Mann hatte die junge Frau aus den Fängen des etwa gleichaltrigen Geiselnehmers befreien können und dabei die Brutalität des mehrfach vorbestraften aus Altötting stammenden Jugendlichen selbst zu spüren bekommen. Der Fall war den lokalen Medien eine fette Schlagzeile wert gewesen und rückte den Retter der Schülerin ins Rampenlicht.

»Du erinnerst dich an Herrn Hetzer?«, wurde Nicole von Helene in die Gegenwart zurückgeholt. »Er rettete ...« Gerade noch rechtzeitig hielt sie inne, weil ihr bewusst wurde, dass die beiden anderen Männer mithörten.

»Ja, ich erinnere mich«, bestätigte die Kriminalbeamtin. Sie nickte dem Mann zu, während der, offenbar erfreut über die unverhoffte Begegnung, einige Schritte auf sie zukam und sagte: »Schön, Sie wieder zu treffen.« Mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: »Diesmal unter angenehmeren Umständen.«

Nicole rang sich ein Lächeln ab und raunte: »Malen Sie den Teufel nicht an die Wand.«

Zum Glück war die Kriminalhauptkommissarin nicht abergläubisch, sonst hätte sie – gleicher Monat vor drei Jahren – als ein negatives Zeichen gedeutet.

Trotzdem konnte sie das: schön, Sie wieder zu treffen, nicht wiederholen.

»Bestenfalls gibt es eine Schnapsleiche«, flüsterte Andy lachend, als wäre er in Nicoles Gedanken gewesen.

»Kennen Sie die anderen?«, wandte er sich an Karl Hetzer und drehte den beiden Männern seinen Kopf zu. »Nur für den Fall ...« Sein begleitendes Grinsen ließ allerdings sofort nach, als ihn Nicoles strafender Blick traf.

»Nö. Sehe ich heute zum ersten Mal«, antwortete Karl Hetzer, ebenfalls mit einem Lächeln.

In dem Moment kam Thorsten Morgenstern, der Inhaber des Whiskygeschäfts, die Stufen herunter. Der kräftig gebaute Mann trug einen langen Bart und war mit schwarzen Jeans und Shirt bekleidet.

»Och, nicht im Kilt?«, äußerte Karl Hetzer enttäuscht.

»Hätte ich gewusst, dass du auf Männer im Rock stehst, hätte ich mich in Schale geworfen«, kam spontan die Antwort, der ein Schmunzeln folgte. Anschließend ließ er seinen Blick über die Anwesenden gleiten. »Ich sehe, wir sind komplett. Dann kann‘s ja losgehen. Bitte.«

Seiner einladenden Armbewegung folgend betraten alle das Geschäft.

Im Inneren winkte Sandra, die Ehefrau des Inhabers, Helene zu. »Ich habe diese Plätze für Sie reserviert.« Sie deutete zur hinteren Kopfseite des langen Tischs.

»Das ist sehr nett von Ihnen«, bedankte die sich und flüsterte Nicole zu: »Guck mal, wir können sogar unsere Schnittchen selbst schmieren.« Sie zeigte auf das Weißbrot und die mit Schmalz und Frischkäse gefüllten Schälchen auf dem Tisch. »Wird schon gut gehen.«

Die beruhigend gemeinten Worte erreichten bei Nicole jedoch nur halbwegs ihr Ziel, weil ihre Aufmerksamkeit von einem der Männer, der am anderen Ende des Tischs stand, in Anspruch genommen wurde.

Er war kaum größer als 1,70 Meter und von knochiger Gestalt. Die Spitzen seiner dunklen kurz geschnittenen Haare bedeckten nur minimal den Haaransatz und endeten vor seinen leicht abstehenden Ohren. Er hatte eng zusammenstehende Augen, eine große Nase und seine bleiche Haut spannte sich über die eingefallenen Wangenknochen bis hin zu einem schmallippigen Mund.

Speziell seine Kopfform rief in der Kriminalbeamtin die Erinnerung an die blassen Schädel wach, die Dr. Martin Lindner, der Rechtsmediziner, in seinem Büro in einer Glasvitrine aufbewahrte.

Nicht gerade der Traum einer jeden Frau, huschte der Gedanke durch Nicoles Kopf.

Doch nicht allein sein Äußeres war es, das ihr Augenmerk auf den Mann lenkte. Wirkte er vor einigen Minuten noch gelassen, so schien er jetzt immer nervöser zu werden. Er hielt seinen Blick permanent auf einen der Zettel gerichtet, die zur Information auf die zu erwartenden Whiskysorten für jeden Teilnehmer auf dem Tisch lagen.

Erst nachdem alle Platz genommen hatten und der Inhaber die Anwesenden nun offiziell nochmals begrüßte, hob er für einen Moment den Kopf. Senkte diesen aber sofort wieder, als Thorsten Morgenstern den Ablauf des Whisky-Tastings erklärte und anschließend bemerkte: »Das leckere Schmalz und der Frischkäse auf dem Tisch sind nicht zur Deko gedacht. Also greifen Sie gerne und öfter zu. Dann muss ich mich später nicht opfern.« Dabei klopfte er auf die Rundung seiner Taille und zwinkerte in Richtung seiner Frau, deren Meinung durch ein informatives Kopfschütteln keine Worte benötigte.

Wie schon beim ersten Mal, als Nicole das Spirituosengeschäft betreten hatte, war sie von der üppigen blonden Lockenpracht von Sandra Morgenstern beeindruckt. Damals wie heute kamen ihr die Filme der Highlander-Reihe ›Es kann nur einen geben‹ und Connor MacLeods erste Ehefrau Heather in den Sinn.

»Darüber, dass da viel übrigbleibt, brauchst du dir keine Gedanken machen, oder?«, erwiderte Karl Hetzer lachend und schaute zu den Männern in seiner Nähe.

Der Knochige, links neben ihm, brachte ein sparsames Lächeln zustande.

Der andere, schlank aber sehnig, wie das Shirt preisgab, das seinen Oberkörper umspannte, lehnte kopfschüttelnd ab, wobei seine hellblonden schulterlangen Haare hin und her schwangen.

»Bin seit langem Vegetarier.«

Dann ging es auch schon los mit Auskünften zum Alter, der Herkunft, Herstellung, Reifung sowie der Verkostung der Whiskys. Die 10-minütige Pause nach einer Stunde nutzten Karl Hetzer und der blonde Mann zu einem persönlichen Gespräch mit dem Inhaber und trafen schon mal eine Auswahl, welchen Whisky sie später kaufen wollten.

Unterdessen sah der Knochendürre sich lediglich das Sortiment in den Regalen an.

Nach dem Tasting erwarben Nicole und Andy zwei Flaschen vom ›Wasser des Lebens‹, die ihren Geschmacksknospen vornehmlich in Erinnerung geblieben waren, ähnlich wie Helene und Herbert.

Erst als sie sich bei ihren Gastgebern für den informativen und angenehmen Abend bedankten, fiel Nicole der seltsame Mann wieder ein. Sie sah sich um. Doch er war anscheinend bereits gegangen.

Ohne einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden und in bester Stimmung trat sie mit den anderen den Heimweg an.

»Und, war des net a gut Idee?«, wollte Herbert wissen.

»Ja doch«, stimmte Nicole zu. »Obwohl ich seit Jahren bekennende Whiskyliebhaberin bin, habe ich noch nie ein Tasting mitgemacht. Es war wirklich interessant.«

»Ich fand vor allem hochinteressant, dass der Schwund in den Whiskyfässern als ›Angels’ Share‹, ein Schluck für die Engel, bezeichnet wird. Jetzt weiß ich, wer bei uns zu Hause der Engel ist«, äußerte Andy mit einem spitzbübischen Lächeln.

»Hey!« Nicole stieß ihm sanft ihren Ellenbogen in die Seite. »Was willst du damit andeuten?«

»Nichts. Gar nichts.«

Donnerstag – 23:10 Uhr

Zufrieden sah der Mann auf den sterbenden Emil Noack herab. Er hatte sich den Richtigen ausgesucht. Ein einfältiger Kerl mit wenig Selbstbewusstsein und noch besser – er war arglos. Er hatte weder Freunde noch Familie und nach seiner Scheidung nicht einmal mehr eine Freundin. Ein einsamer in sich gekehrter Mann, außer wenn er auf Twitter unterwegs war. Hier ließ er seinen ganzen Frust heraus, schimpfte auf alles und jeden und machte sich Luft.

Wäre Emil Noack vorsichtiger gewesen, wenn er geahnt hätte, mit wem er sich immer erbittert stritt?

Anzunehmen, mutmaßte der Mann und starrte auf das Handy, das er sicherheitshalber aus dessen Hosentasche genommen hatte. Er würde es weit weg von hier entsorgen, vielleicht zertreten und in einen Abfallbehälter werfen, oder besser noch in einem Gewässer versenken. Jetzt aber – und das machte ihm die meiste Freude – würde er ihm Klarheit verschaffen, wem er die ganze Zeit vertraut hatte.

»Ich bin Spirit 87.« Der Mann lachte kehlig.

Emil Noack starrte ihn, zunehmend schwächer werdend, aus glasigen Augen an. Die giftige Substanz wirkte schnell, war aber auch sehr schmerzhaft. Er meinte, innerlich zu verbrennen.

»Ja, da guckst du. Und ich will dir noch etwas sagen. Silvia hat dich nie geliebt. Wie auch – einen wie dich. Sie hat dich nur wegen des Geldes geheiratet.«

Er warf dem am Boden Liegenden einen letzten verachtenden Blick zu, drehte sich um und ging.

Freitag / 23.09.2022 – 08:05 Uhr

»Herbert, es klingelt.« Helene schlug mit ihrer Hand sanft auf die Bettdecke, unter der Herbert sich mit einem Brummen auf die andere Seite drehte.

»Herbert! Da ist jemand an der Tür«, wiederholte sie, jetzt lauter und rüttelte an seinem Arm.

»Na und. Ich schlaf, soll später wiederkomme«, erwiderte er kaum verständlich und wickelte sich tiefer in seine Decke. »Außerdem geht es mir nicht so gut.«

Das helle Ding-Dong-Klingeln an der Haustür erklang erneut und dann anhaltend, als würde jemand seinen Daumen fest auf den Klingelknopf gepresst halten.

Glücklicherweise hatte Helene darauf bestanden, dass Herbert das ›knockin' on heaven’s door‹ in diesen Klingelton änderte. Dennoch war es nicht weniger nervend, wenn es ständig erklang.

»Herbert! Jetzt geh' halt mal nachschauen!« Ihrer Aufforderung Nachdruck verleihend, stieß sie ihrem Lebensgefährten nun regelrecht in den Rücken.

»Ja, sach mal ... gehts noch?«

»Das ist ja nicht zum Aushalten.« Mit einem tiefen aggressiven Atemzug schwang Helene die Beine aus dem Bett, schlüpfte in die Hausschuhe und schnappte ihren Morgenmantel, der über einem Sessel in der Ecke lag.

Auf halbem Weg nach unten schrie sie gegen das anhaltende Schellen an: »Ich komme doch schon!« In der Hoffnung, dass derjenige vor der Tür es hörte und endlich seinen Finger von der Klingeltaste nahm.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, zuerst auf die Videokamera zu sehen, riss sie die Haustür auf. »Was um alles in der Welt ...?« Sie stockte mitten im Satz und blickte in das entsetzte Gesicht ihrer Nachbarin.

Die 68-Jährige schlotterte am ganzen Leib und hielt noch immer ihren ebenfalls zitternden Daumen auf den Klingelknopf gepresst. Entsprechend dröhnte das nervige Ding-Dong weiter bis in die letzte Ecke des Hauses.

»Petra, du kannst jetzt loslassen.« Helene griff nach deren Hand und löste sanft den Finger von der Taste. »Ist etwas mit Hans?«, fragte sie besorgt, in dem Wissen, dass ihr fünf Jahre älterer Ehemann vor einigen Monaten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt im Krankenhaus gewesen war.

Petra schüttelte den Kopf. »Nein. Nicht der Hans ... zum Glück«, brachte sie über ihre bebenden Lippen. Sie drehte sich halb um und deutete zum Eingang des ›Riesen‹. »Ich glaube, er ist tot.«

»Was? Der Hans ist tot? Um Gottes willen!«

Unbemerkt hatte Herbert sich, jetzt doch neugierig geworden, angeschlichen und Petras letzte Worte aufgeschnappt.

»Was machst du denn jetzt hier? Nein. Dem Hans geht es gut«, entgegnete Helene missgestimmt über ihre Schulter.

»Komm erst einmal rein.« Sie wollte ihre Nachbarin in die Wohnung ziehen. Doch die schüttelte den Kopf und packte ihrerseits Helene am Arm. »Er liegt gleich da vorn.« Sie deutete zum ›Riesen‹ – dem Seligenstädter Bürgerhaus – das von den Einheimischen ›Gud Stubb‹ genannt wurde.

Herbert reckte sich hinter Helene und schaute nach allen Seiten. Nachdem er keine seiner anderen Nachbarn sehen konnte, schlappte er im Morgenmantel und in Hausschuhen an Helene und Petra vorbei aus dem Haus.

»Du kannst doch nicht ...« Helene stieß erneut die Luft aus, schnappte den Haustürschlüssel von der Kommode neben der Garderobe und rannte hinter ihm und Petra her, die sich bereits an seine Fersen geheftet hatte.

In der hintersten Ecke des von Pfeilern getragenen Teils des Überbaus und daher von vorn nicht direkt einsehbar lag der Mann vor dem Eingang zum ›Riesen‹.

Herbert rannte zu ihm, kniete sich neben ihn und legte vorsichtig seine Finger an dessen Halsschlagader. Dann schüttelte er kaum merklich den Kopf. »Er ist tot. Helene, ruf die Polizei. Ich bleib solange hier, damit niemand sich nähert und ...«

»Ihr solltet euch erst einmal anziehen«, machte Petra, jetzt wieder gefasster, ihre Nachbarn auf deren Bekleidung aufmerksam. »Ich pass auf, bis ihr wiederkommt.«

»Nix da. Ich bleib hier. Geh' du dir was anziehe«, sagte Herbert zu Helene. »Wenn du wiederkommst, geh' ich.«

Keine drei Minuten später kam sie in Jeans und einem offensichtlich hastig übergezogenen Rollkragenpullover – ihre Haare standen strubbelig vom Kopf ab – wieder zurück, gerade in dem Moment als sich ein Polizeiwagen mit Blaulicht näherte.

»Oh!« Petra sah verschreckt zu den sich nähernden Beamten. »Muss ich jetzt mit denen reden?«

»Des wird sich net vermeide lasse«, antwortete Herbert. »Schließlich hast du den Mann gefunde. Aber du brauchst keine Angst zu habe. Des is der Berthold Bachmann und die Mona Schilling. Des sind ganz Nette und ich kenn die schon lang.«

»Hallo Helene, hallo Herbert«, grüßte der Polizeioberkommissar die beiden. »Ihr habt wieder einen Toten. Jetzt, im Beisein eines direkten Zeugen«, er runzelte die Stirn und sein Blick streifte Petra, »kann ich euch nicht länger decken.«

»Was heißt des, du kannst uns net länger decke? Wir habe wie immer nix damit zu tun«, ging Herbert auf Berthold Bachmanns scherzhafte Bemerkung ein und hob beide Arme, entsprechend einer abwehrenden Gestik. »Un grad hab ich noch gesagt, ihr zwei seid ganz Nette. Unsere Nachbarin hat den Mann entdeckt.« Er trat einen Schritt zur Seite, sodass Petra nun voll dem Auge des Gesetzes ausgesetzt war.

»Ja das ... das stimmt. Ich habe ... ich habe den Mann gefunden«, bestätigte sie schüchtern.

»Und wieso rufen Sie nicht direkt die Polizei und klingeln stattdessen bei Ihren Nachbarn?«, wollte Bachmann wissen. Dabei kniff er die Augen zusammen und fixierte Petra Müller nun noch eingängiger, sodass sie erneut zu zittern anfing.

Mona Schilling sah Berthold strafend an. Schon bei Dienstbeginn um 6 Uhr heute Morgen war er griesgrämig, wollte aber nicht sagen, weshalb. Dennoch, was es auch sein sollte – er durfte seine schlechte Laune nicht an einer Zeugin auslassen, die gerade eine Leiche gefunden hatte.

»Sie müssen sich nicht ängstigen«, versuchte Mona die Frau zu beruhigen. »Der Anblick eines Toten ist für die meisten Menschen, die nicht öfter damit zu tun haben, immer ein Schock.«

Sie kniete sich neben den leblosen Mann, fühlte wie schon Herbert zuvor, dessen Halsschlagader und kam zu demselben Ergebnis.

Er ist tot und das seit einigen Stunden.

Zwar hatte die Leichenstarre noch nicht eingesetzt, dennoch war der Körper bereits merklich erkaltet. Äußere Verletzungen konnte sie auf den ersten Blick nicht feststellen, wollte die Position der Leiche aber nicht verändern.

Könnte sich um einen Herzinfarkt handeln. Ein unnatürlicher Tod war jedoch auch nicht ausgeschlossen.

»Hast du jetzt Zeit, den Notarzt zu rufen?«, blaffte sie ihren Kollegen an, der sich noch immer mit Herbert unterhielt.

»Kommen Sie.« Die Polizeikommissarin nahm Petra am Arm und zog sie ein Stück weit weg von dem Toten. »Haben Sie den Mann gefunden, wie Herr Walter sagte?«

»Ja.«

»Meinen Sie, Sie könnten mir ein paar Fragen beantworten?«

»Ich ... ich denke schon«, antwortete Petra und suchte Blickkontakt zu Herbert.

»Danke, Herr Walter«, wandte Mona Schilling sich ihm zu. »Sie können jetzt nach Hause gehen und sich etwas Passendes anziehen. Schließlich ist Fastnacht lange vorbei.«

»Das ... das ist meine Schuld.« Petra Müller räusperte sich. »Ich habe ihn und Helene aus dem Bett geklingelt, nachdem ich den Mann entdeckt hatte.«

»Wisst ihr schon, wer der Tote ist?«, erkundigte diese sich und machte einen langen Hals.

»Stopp, Frau Wagner!«, wurde sie von Mona zurückgehalten.

»Schon gut, Frau Schilling. Ich weiß doch, wie das abläuft«, erwiderte Helene.

Jetzt ertönte, erst leise dann immer schriller, das Martinshorn eines Krankenwagens.

»Die haben sich ganz schön Zeit gelassen. Gleich nachdem ich die Polizei informiert habe, habe ich auch den Notarzt gerufen. Hätte ja sein können, dass der Mann noch am Leben ist«, erklärte sie mit freundlicher Unschuldsmiene. »Ist er aber wohl nicht«, fügte sie hinzu, wobei sie erneut versuchte, einen Blick zu erhaschen.

»Na dann muss ich ja nicht ...« Berthold Bachmann ließ das Handy wieder in seiner Jacke verschwinden.

»Aber ich muss jetzt – nämlich mich anziehe, sonst krieg ich von deiner Kollegin noch 'ne Anzeige wegen ›Erregung öffentlichen Ärgernisses‹. Außerdem wedele schon a paar Gardine.« Herbert bewegte seinen Kopf zu den Nachbarhäusern. »Ich kann dir, wegen der Leiche sowieso nix sage. Ich hab se ja net gefunde.«

»Berthold!« Mona Schilling kam, Petra Müller am Arm führend, auf ihren Kollegen zu, gefolgt von Helene. »Würdest du so freundlich sein, den Fundort abzusperren, oder soll ich das auch noch für dich übernehmen?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie mit ihrer Zeugin zum Dienstwagen und öffnete die hintere Tür. »Bitte Frau Müller, setzen Sie sich. Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Und Sie, Frau Wagner, bitte ich, nach Hause zu gehen.«

Nachdem Petra Platz genommen hatte, schlug Mona Schilling die Autotür zu, sodass Helene augenblicklich von ihrer Nachbarin abgeschottet war.

»Ja, was is en los? Ihr habt euch doch immer so gut verstande«, wollte Herbert in Anbetracht der offenkundig angespannten Lage wissen.

»Ooch, da ist nix weiter«, beteuerte Berthold. »Sie hat wohl heut nur einen schlechten Tag.«

Dass er für die miese Stimmung zwischen ihnen beiden verantwortlich war, wollte er Herbert nicht unbedingt auf die Nase binden. Zumal ihm der letzte Beweis für seinen Verdacht noch immer fehlte.

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete Herbert wie Mona Schilling eine Rolle Absperrband aus dem Kofferraum holte und diese Berthold zuwarf, ohne ihn anzuschauen.

Herbert runzelte die Stirn. »Na ja, des geht mich ja auch nix an. Ich geh dann mal ... mich umziehe.«

Der Rettungswagen traf ein. Für die Nachbarn der absolut endgültige Hinweis, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein musste. In null Komma nix stand der Großteil von ihnen in sicherem Abstand im Halbkreis auf dem Parkplatz vorm ›Riesen‹, reckte die Hälse und spekulierte. Sehen konnten sie nur, dass die Rettungssanitäter und der kurz danach eingetroffene Notarzt die wenigen Stufen zum Eingang der ›Gud Stubb‹ hinuntergingen und dort beschäftigt waren.

Mona Schilling drehte sich zu ihrer Zeugin Petra Müller um. Sie saß nach wie vor im Streifenwagen, aber diese Wagner hatte doch tatsächlich die Tür geöffnet und die beiden redeten intensiv miteinander.

Mit strammem Schritt ging die Polizistin auf die Frauen zu und sah, dass sie gebannt auf ein Handy schauten.

»Was geht hier vor?«, erkundigte sie sich in äußerst strengem Ton. »Hatte ich Sie nicht gebeten, nach Hause zu gehen, Frau Wagner? Stattdessen mischen Sie sich schon wieder in die Ermittlungen ein und scheinen, wie es aussieht, meine Zeugin beeinflussen zu wollen.«

»Das scheint nur so«, erwiderte Helene gelassen. »Sehen Sie sich das hier mal an.« Sie hielt Mona Schilling das Handy vor die Nase.

Es dauerte einige Augenblicke, bis diese verstand, was sie da sah, und die Polizistin in ihr wieder die Oberhand gewann.

»Das ist ungeheuerlich! Nun sind Sie einen Schritt zu weit gegangen, Frau Wagner.«

»Wie bitte?« Dann begriff Helene. »Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich dafür verantwortlich bin? Also bitte! Halten Sie mich für dusselig?«, zischte sie die Polizistin an.

Berthold Bachmann kam zu der kleinen Gruppe. »Ich denke, das geht leiser. Die Leute ...« Er machte eine halbrunde Bewegung mit dem Kopf zu den bereits versammelten Personen.

»Ich bin wohl etwas ... eh ... angespannt heute.« Monas Entschuldigung war sowohl an ihren Kollegen als auch an die beiden Frauen gerichtet. Gleichzeitig deutete sie auf das Handy, das Helene jetzt auch Berthold Bachmann unter die Nase hielt. »Sieh dir das mal an. Und achte auf die Uhrzeit als die Aufnahme ins Netz gestellt wurde.«

Zwischenzeitlich war ihr aufgefallen, dass Frau Wagner nicht für das Verbreiten der Aufnahme im Internet verantwortlich sein konnte.

»6 Uhr 50«, las Berthold laut. »Das ist ja lange, bevor der Mann gefunden wurde.«

»Du sagst es«, stimmte Mona zu. Und spontan schoss der Gedanke – handelt es sich womöglich um einen nicht natürlichen Tod – durch ihren Kopf, weshalb es sie zum Notarzt und seinem Team trieb. »Konnten Sie irgendwelche Verletzungen feststellen? Und kennen Sie schon den Todeszeitpunkt?«

»Wie soll das möglich sein? Wir sind gerade erst eingetroffen«, grummelte einer der Sanitäter mürrisch.

Hat denn jeder heute schlechte Laune, fragte Mona sich und schielte zu Berthold. Er unterhielt sich jetzt mit Petra Müller.

Oh, ich habe die arme Frau ganz vergessen. Und die Wagner ist auch noch immer da. Kann die nicht einmal das tun, was man ihr sagt?

»Ich kann keine äußeren Verletzungen feststellen«, versicherte der Arzt nun. »Nur so viel: Der Tod könnte gestern Abend zwischen 23 Uhr plus minus eingetreten sein. Das wollten Sie doch wissen?« Er drehte sich noch vor der Leiche kniend Mona zu und lächelte.

Sie konnte es kaum glauben. Der erste Mensch, der ihr heute ein Lächeln schenkte ... undwas für eins.Sekundenlang verlor sie sich in dem glatt rasierten Gesicht. Mit den häufig von Männern favorisierten Drei-Tage-Bärten konnte sie sich einfach nicht anfreunden; hingegen sie den Trend zu kurz geschnittenen Haaren mochte. In diesem Fall waren sie rotblond und die Brille verstärkte den Eindruck eines soliden Charakters und grundlegend freundlichen Menschen.

Wo hast du in den letzten Jahren gesteckt, fragte sich Mona.

Nun erhob er sich und kam auf sie zu. »Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?«, holte der Notarzt sie aus ihrem Tagtraum. »Der Mann ist seit mindestens ...«

»Ja, ja. Danke, das hilft uns weiter«, antwortete Mona nach einem Räuspern. Verlegen strich sie mit einer Hand eine nicht vorhandene Strähne aus ihrem Gesicht und versuchte, ihre innere Balance wiederzufinden.

»Ich nehme an, weil ich einen unnatürlichen Tod nicht ausschließen kann, lassen Sie die Leiche zur rechtsmedizinischen Untersuchung bringen?«

»Ja, ich denke, das werden wir veranlassen und auch die Spurensicherung hinzuziehen«, stimmte Mona zu. »Hatte er eine Brieftasche dabei – Papiere?«

»Ja. Aber ich habe natürlich nicht reingeschaut. Dennoch nehme ich mal an, dass der Mann Mitte dreißig sein dürfte. Ein Herzinfarkt ist zwar in jedem Alter möglich, aber doch eher ungewöhnlich.« Der Arzt überreichte ihr mit seinen noch immer in Einweghandschuhen steckenden Händen ein dickes schwarzes und abgegriffenes Portemonnaie sowie einen übersichtlichen Schlüsselbund und Autoschlüssel. »Könnte sein, dass er auf dem Weg zu seinem Wagen war.« Die Kopfbewegung des Arztes wies zu den geparkten Fahrzeugen ringsum.

»Ja, wäre möglich«, erwiderte Mona und drückte automatisch auf den funkgesteuerten Wagenöffner. Prompt blinkten unweit von ihnen die Fahrzeugleuchten eines dunkelgrauen Kleinwagens auf.

»Schön, dass ich auch dabei helfen konnte«, äußerte der Notarzt.

Erneut traf Mona dieses umwerfende Lächeln.

»Ach ja – ein Handy konnte ich nicht finden, heutzutage doch eher eine Ausnahme.« Er zuckte mit den Schultern.

Ja leider, erwischte sich Mona bei dem Gedanken und hörte sich fragen: »Dürfte ich Ihren Namen erfahren? Nur, falls ... wegen des Protokolls.«

»Gerne. Ich habe nichts zu verbergen und bin auch nicht vorbestraft.«

Humor hat er auch noch. Mona seufzte.

Nachdem der Arzt seinen Namen und eine Telefonnummer angegeben hatte stieg er in seinen Wagen.

Berthold sagte: »Du lässt aber auch nichts anbrennen, bevor ...«

»Bevor was?«, schnitt Mona ihm das Wort ab. »Vielleicht sagst du endlich mal, was mit dir los ist.«

Das Handy des Polizeioberkommissars klingelte und befreite ihn von einer Antwort – vorerst.

»Noch steht nicht fest, weshalb der Mann tot ist«, beantwortete er die Frage seines Vorgesetzten Polizeihauptkommissar Josef Maier und informierte ihn zu dem, was der Notarzt von sich gegeben hatte. »Das Fahrzeug des Toten steht hier auf dem Parkplatz. SpuSi wäre gut«, beendete er seinen Kurzbericht.

»Okay, ich kümmere mich darum«, erwiderte der Dienststellenleiter. »Ich werde auch die Kripo informieren. Sperrt den Fundort großflächig ab und bleibt vor Ort, bis die SpuSi eintrifft«, ordnete der Leiter der Seligenstädter Polizeidienststelle an.

Freitag – 09:30 Uhr

Gundel spülte gerade das Shampoo aus ihren Haaren, als sie durch die halbgeöffnete Badezimmertür ihr Handy klingeln hörte. Sie drehte das Wasser ab, schlang ein Handtuch um ihren Kopf und eilte ins Wohnzimmer. Aber noch bevor sie das Telefon erreichte, verstummte es schon wieder.

Ein Blick auf das Display verriet einen Anruf in Abwesenheit. »Das hab ich auch bemerkt«, knurrte sie und legte das Handy zurück auf den Tresen, nachdem auch noch unbekannt angezeigt wurde.

Wenn sie eins gelernt hatte, dann, dass sie nie mehr einen Telefonanruf einer fremden Nummer entgegennahm oder sogar zurückrief. Das letzte Telefonat dieser Art hatte sie eine Menge Lehrgeld gekostet, weil sie ihre Neugier nicht im Zaum halten konnte. Nur mit der Hilfe von Felix Körner dem 15-jährigen Sohn der Nachbarn und seinem 2 Jahre älteren Bruder David, denen es gelungen war, sie aus der Telefonfalle zu befreien, hielt sich der finanzielle Schaden in Grenzen.

Logischerweise hatte sie niemandem davon erzählt. Die Blöße, dass sie auf die Masche eines unseriösen Telefonanbieters hereingefallen war, wollte sie sich nicht geben. Vor allem auf Schorschs Kommentare konnte sie gut und gerne verzichten; hatte sie ihm doch immer eingebläut, sofort bei solchen Anrufen aufzulegen – und dann fiel sie selbst darauf rein.

Auch jetzt noch, nach Monaten, ärgerte Gundel sich über ihre Naivität.

Fünfzehn Minuten später, eine Trockenhaube auf dem Kopf, ließ sie ihren Finger über der Auswahltaste des Kaffeeautomaten kreisen und entschied sich für einen großen Cappuccino. Mit der Tasse in der Hand schaltete sie den Fernseher an und machte es sich auf ihrer Couch bequem. Entsprechend stellte sie erst nach einer weiteren fast halben Stunde fest, dass der ihr unbekannte Anrufer noch mehrmals versucht hatte, sie zu kontaktieren.

Mit dem Hinweis: »Mit mir nicht mehr, du Depp«, ging sie zurück ins Badezimmer, löste vorsichtig die heiße Haube von den Metallwicklern, deren stacheliges Innenleben nicht nur unangenehm auf ihre Kopfhaut drückte, sondern auch immer wieder an der Plastikhaube hängen blieb. Und zum wiederholten Mal fragte sie sich in den Spiegel schauend, warum sie sich das, Woche für Woche, antat.

Vielleicht sollte ich mich doch mal zu einem feschen Kurzhaarschnitt durchringen, ähnlich dem von Helene und Bettina.

Aber nachdem sie die von den Wicklern befreiten röhrenartigen Gebilde auf ihrem Kopf in Form gebracht hatte, entschied sie sich erneut dagegen. »Das bin ich und basta!«, sagte sie und nickte ihrem Spiegelbild zu.

In diesem Moment klingelte es. Diesmal war es nicht das Handy, sondern die Haustürklingel.

»Was will der denn schon wieder?«, murmelte sie mit Blick in die Kamera und drückte, ohne eine Antwort zu geben den Öffner.

»Jesses na, isch hoab schon gedenkt, es wär dir was bassiert«, rief Schorsch, während er – für seine Verhältnisse – ziemlich fix über die Steinplatten zur Haustür eilte. »Isch hoab schon x-mol ogeruffe. Host de des net geheert?«

»Nein. Wie du siehst, habe ich mir die Haare gemacht.« Gundel deutete mit dem Zeigefinger zu ihrem Kopf. »Unter der Trockenhaube höre ich nichts. Und außerdem war kein Anruf von dir auf meinem Handy. Gott weiß, wo du angerufen hast ... jedenfalls nicht bei mir.«

»A nadirlich hoab isch bei dir ogeruffe. Glaabst de isch wär bleed?« Verärgert holte Schorsch sein großes Seniorenhandy aus der Jackentasche, betätigte einige Tasten und schaute anschließend verständnislos. »Des gibts doch net. Isch hoab doch ... Aaach ja.« Er schlug sich mit der Hand an den Kopf, wobei das Handy den Erstkontakt herstellte und er zusammenzuckte. »Isch hoab ja mit dem Karl soim Telefon telefoniert, weil moins leer woa.«

Blitzschnell kombinierte Gundel, dass die Anrufe der unbekannten Nummer doch von Schorsch stammten. »Aha. Mal wieder vergessen, den Akku aufzuladen.«

»Ja«, bestätigte er und setzte sofort hinterher: »Schee, doi neu Frisur.«

Gundel rollte mit den Augen. »Ich habe mir doch nur ... Was wolltest du eigentlich von mir?«

»Mer hawe widder a Leich, des wollt' isch dir verzähle. Die Petra, die Fraa vom Jürgen Müller hot en Dode am Oigang zum ›Riese‹ gefunne ... heut Moin. Des sin Nachberrn von de Helene und vom Herbert. Do is die aach gleich hie. Un de Herbert is dann noch im Bademandel mit ihr zu dem Dode.«

»Und woher weißt du davon?«

»Vom Malte. Der hot mir moi Weck fers Friehstick gebrocht un hot gesehe, dass do hinnerm ›Riese‹ was los war. Er is nadirlich do hie un hot geguckt. Awer viel Zeit hot er ja net gehabt, weil, er musst ja zu uns in die ›Residenz‹. Die Petra un de Herbert hot er awer schon gesehe. Un dann hot de Malte mir e Foto gezeischt, was schon im dem Internetz die Rund mache dät un wollt wisse, ob isch den Dode kenne.«

»Was? Ein Foto von der Leiche? Jetzt schon? Das muss ich mir ansehen.« Gundel rannte zum Couchtisch, auf dem ihr Laptop lag.

»Kennt isch en Kaffee kriehe? Moi Zunge is jetzt ganz trocke, wesche dem was isch dir alles verzählt hoab.«

»Später. Oder mach dir selbst einen«, erwiderte Gundel und starrte auf den Rechner, der ihrer Meinung nach viel zu lange brauchte, um betriebsbereit zu sein. »Mittlerweile müsstest du ja wissen, wie der Automat funktioniert.« So oft, wie du bei mir bist, fügte sie gedanklich hinzu.

Während Gundel auf der Tastatur herumtippte, griff Schorsch nach einem Kaffeebecher, der auf der Spüle stand, stellte ihn unter den Kaffeeautomaten und wählte aus den verschiedenen Symbolen auf der Maschine einen großen Milchkaffee. Geräuschvoll setzte das Mahlwerk ein und er lächelte zufrieden; mehr noch, als die braune Flüssigkeit in die Tasse floss, gefolgt von der Milch. Wenig später führte er genüsslich den Becher an seine Lippen.

Doch bereits nach dem ersten Schluck spuckte er diesen angewidert in die Spüle.

»Ah pfui Deiwel. Was is en des fern Muckefuck? Is die Milch sauer?«

»Was?«, murmelte Gundel unaufmerksam. Sie war gerade fündig geworden und klebte mit den Augen am Bildschirm.

»Isch glaab doi Milch is sauer«, wiederholte Schorsch. »Der Kaffee schmeckt wie de Muckefuck, den's nooch em Kriech gegewe hot.«

»Die Milch kann nicht sauer sein«, widersprach Gundel. »Nicht in der kurzen Zeit. Ich habe vor nicht einmal einer Stunde einen Cappuccino getrunken.«

»Probier halt selbst.« Schorsch hielt ihr den Becher entgegen.

Gundel sah kurz auf. »Die Tasse hast du von der Spüle genommen, stimmts?«

»Ja, warum?«

»Da war noch ein Rest Bouillon drin. Hättest du vielleicht erst mal auswaschen sollen.«

»Ach ja, des wollt isch dir noch saache. Den Dode, den hoab ich gestern gesehe, wie isch nooch em Kaffee bei dir hoamgegange bin. Der is grad aus soim Auto raus, do uff em ›Riesepakplatz‹, als oaner hinner dene Säule vorn Oigang zum ›Riesesaal‹ uff den zugekomme is. Des war so en richtische Zorngickel. Erst hawe sich die zwaa ganz schee in de Hoarn gehabt. Dann hot der Zorngickel den annere kloanere Derrabelische runnergebutzt un dem ebbes zugesteckt.«

Freitag – 09:45 Uhr

Vor Kriminalhauptkommissar Harald Weinert leuchtete sein Handy auf und vollführte zur gleichen Zeit einen Eiertanz auf der Tischplatte. Dabei gab es ein kaum hörbares Summen von sich, das nur von seinen, jeweils im vorgeschriebenen Mindestabstand von eineinhalb Meter neben ihm sitzenden Kollegen Kriminaloberkommissar Dietmar Schönherr und Kriminalhauptkommissar Lars Hansen wahrgenommen wurde.

Beide hofften inständig, dass es Arbeit gab. Was nichts anderes bedeutete, als dass eine Leiche den monoton dozierenden Ausführungen der Computerspezialisten ein Ende machte ... wenigstens für die Beamten der Mordkommission.

Von den insgesamt 15 Ermittlern, darunter 5 Frauen, saßen die meisten, die Köpfe gesenkt, auf ihren Stühlen und taten, als würden sie intensiv zuhören. Stattdessen daddelten einige unter der Tischplatte auf ihren Handys herum, während andere den Eindruck machten, gleich einzunicken.

Bemerkt wurde das aber nur von der Ersten Kriminalhauptkommissarin Nicole Wegener, Leiterin der Organisationseinheit des K11 für Gewalt-, Brand und Waffendelikte. Sie stand neben einem der Fenster und hätte dieses am liebsten geöffnet, um frische natürliche Luft in den Raum zu lassen. Doch die Klimaanlage mit neuestem Virenfilter, die angeblich 99,9 % aller Krankheitskeime – auch die Corona-Viren – herausfiltern beziehungsweise abtöten konnte, untersagte das. Selbst der Blick hinaus auf die bis ins Detail akkurat angelegten Grünflächen mit Sträuchern und Bäumen – obwohl die Bäumchen noch Jahre benötigen würden, um ihrer Bezeichnung gerecht zu werden – wurde ihr durch die heruntergezogenen Jalousien – natürlich elektrisch – verwehrt. Und wie so oft in letzter Zeit trauerte sie dem alten Präsidium nach, dessen Charme sie seit ihrem ersten Arbeitstag erlegen war.

Aber das war es nicht allein, was ihr in dem abgedunkelten Raum die Luft zum Atmen nahm. Irgendwie fühlte sie sich matt und das Grummeln in ihrem Bauch wurde auch immer unangenehmer. Obwohl das Brötchen mit Aprikosenmarmelade von heute Morgen samt Kaffee den Weg aus ihrem Magen in nicht regulärer und damit gegenläufiger Richtung bereits verlassen hatte.

Was ist nur mit mir los?Schwanger?

Panik stieg in ihr auf. Es war zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Oder hatte sie sich gestern Abend womöglich doch mit dem Virus infiziert?Sie vermochte nicht zu beurteilen, was schlimmer für sie wäre.

Nicole Wegener holte tief Luft und versuchte, sich auf die Ausführungen der ITler zu konzentrieren, denen sowohl das eine wie auch das andere egal war. Dermaßen von sich und den fast unbegrenzten Möglichkeiten der Informationstechnologie, die sich nach dem Umzug in die neuen Räume des Polizeipräsidiums böten und dem von ihnen eingebrachten Know-how überzeugt, registrierten sie nicht, wie sie ihre Zuhörer ins Koma redeten. Unzweifelhaft gingen sie davon aus, dass die Handlungsoptionen der Kriminalpolizei vor ihrer genialen IT-Technik auf dem Stand der Antike stehen geblieben waren.

Insbesondere für Lars, der sich im Laufe der Jahre zu einem regelrechten Computerexperten gemausert hatte, war dieses Gelaber, wie er es schon im Vorfeld genannt hatte, Zeitverschwendung. Deshalb suchte er Augenkontakt mit Harald, um ihn anzuhalten, der Mitteilung auf seinem Handy auf den Grund zu gehen.

»Sorry, da muss ich rangehen«, sagte dieser fast ebenso erleichtert, erhob sich und eilte aus dem Raum, was die gesamte Gruppe augenblicklich ins Hier und Jetzt zurückbrachte.

Nach nicht einmal drei Minuten kam er zurück, ging schnurstracks, ohne den verärgerten Blicken der IT-Experten Beachtung zu schenken, auf Nicole zu und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie: »T'schuldigung, die Arbeit ruft«, sich den ITlern zuwandte und Lars und Dietmar, die in der hintersten Reihe saßen, zuwinkte.

Auf dem Flur setzte Harald Nicole sowie seine Kollegen von der Leiche und dem Fundort – Seligenstadt vor dem ›Riesen‹ – in Kenntnis.

»Noch steht nicht fest, wie der Mann ums Leben gekommen ist und ob es sich um Mord oder doch eher um einen natürlichen Tod handelt. Aufgrund keiner äußerlich sichtbaren Verletzungen war der Notarzt sich nicht sicher«, wiederholte er dessen Informationen. »Deshalb fragte Josef, ob ich die Überführung in die Rechtsmedizin veranlassen könne. Die SpuSi hat er bereits benachrichtigt.«

»Na auf jeden Fall brauchen wir die Spurensicherung«, stimmte Nicole zu. »Das übernehme ich. Zwei von euch sollten sich sofort auf den Weg machen. Der dritte gibt mir hier drinnen moralische Unterstützung.« Sie zeigte mit dem Daumen zu dem Raum, aus dem sie gerade geflüchtet waren. »Allzu lange wird es hoffentlich nicht mehr dauern.« Ansonsten setze ich dem ein Ende, fügte sie gedanklich hinzu. Die Beule an ihrem Dienstwagen vor Augen, die einer der IT-Leute vor einiger Zeit verursacht hatte, zweifelte sie keine Sekunde daran, dass ihr das gelingen würde.

»Also gut. Ich melde mich freiwillig«, äußerte Dietmar scheinbar selbstlos, nachdem Lars permanent den graugesprenkelten Fußboden fixierte und Harald als Kopf der Drei-Mann-Truppe ohnehin mit vor Ort sein sollte.

»Ist bekannt, um wen es sich bei dem Toten handelt?«, wollte Nicole wissen.

»Emil Noack, 36 Jahre alt, wohnhaft in Alzenau«, spulte Harald die Informationen ab. »Alles andere wie Arbeit, Familie und so weiter, kann Dietmar später erforschen, wenn unsere Fachleute dort drinnen sich genug beweihräuchert haben.«

Schon wieder die Türklinke in der Hand, hielt Nicole einen Moment inne. »Sagtest du, der Tote lag am Eingang zum ›Riesen‹? Das ist doch am Haus von Helene?«, fügte sie völlig unnötig hinzu, weil jeder ihrer Kollegen wusste, wo Helene Wagner und ihr Lebensgefährte Herbert Walter wohnten.

»Hat etwa einer von ihnen die Leiche gefunden?«

Harald schüttelte den Kopf. »Eine Nachbarin ... aber natürlich waren die beiden gleich vor Ort.«

»Hm. Was auch sonst?«, murmelte Nicole. »Befragen! Und falls es neue Erkenntnisse gibt, scheut euch nicht, mich zu informieren.«

Jetzt öffnete sie die Tür und ging zielstrebig wieder zu ihrem Fensterplatz, während Dietmar sich erneut auf seinen Stuhl an der gegenüberliegenden hinteren Ecke der in U-Form gestellten Tischreihen schlich.

Das Angebot der IT-Profis, zu wiederholen, was die Kriminalbeamten in den letzten fünf Minuten versäumt hatten, lehnte Nicole höflich, aber bestimmt ab. Ebenso deutlich verweigerten ihre grauen Zellen den weiteren Ausführungen der Experten zu folgen. Irgendwann hörte sie die üblichen Dankesfloskeln beider ITler an alle für die Zeit, die sie sich genommen hatten und insbesondere ihren Namen, worauf Nicole gerne verzichtet hätte.

Das fluchtartige Verlassen des Raums zeugte einwandfrei davon, dass einige ihrer Mitarbeiter jetzt tatsächlich annahmen, dass sie für die Einführung in die brandneue Informationstechnologie, die das Leben der Ermittler vereinfachen sollten, verantwortlich war. Dabei folgte auch sie nur den Richtlinien der Hierarchie des Polizeiapparats.

Freitag – 10:05 Uhr

»Mir is ganz furchtbar schlecht«, äußerte Herbert und fasste sich an den Bauch. »Ich hab doch nur e Stück Brot mit Butter und Käs' gegesse. War da vielleicht schon Schimmel dran?«

»Ich hatte den gleichen Käse, die gleiche Butter und das gleiche Brot. Und mir ist nicht schlecht«, antwortete Helene, noch immer sauer auf Herbert.

Nicht nur, dass er auf das Klingeln an der Haustür nicht reagiert hatte, sondern auch, weil er sich bis weit nach Mitternacht ständig von einer Seite auf die andere gedreht und dabei gestöhnt hatte. Und dann, als sie endlich eingeschlafen war, klingelte es.

»Mir war heut Nacht auch schon so komisch im Bauch. Ich werd mir doch net so en Darmvirus eingefange habe.« Es war eher eine Feststellung als eine direkte Frage. Dennoch sah er Helene nach einer Antwort suchend an und sie bemerkte jetzt, dass Herbert tatsächlich ganz blass im Gesicht war.