Eine Gesellschaft in Unfreiheit - Marcel Grzanna - E-Book
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Eine Gesellschaft in Unfreiheit E-Book

Marcel Grzanna

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Beschreibung

Kaum ein anderes Land der Welt geht so restriktiv gegen Presse- und Meinungsfreiheit vor wie die Volksrepublik China. Die Proteste in Hongkong im Jahr 2019 sind nur ein Teil der Folgen dieser Politik, die auch auf Europa wirkt. Ausländische Reporter stehen zunehmend unter intensiver Beobachtung. Der deutsche Journalist Marcel Grzanna hat mit seiner Frau Pia Schrörs neun Jahre im Reich der Mitte gelebt und gearbeitet. In seinem Debüt gibt er Einblicke in ihren außergewöhnlichen Alltag, in einen Staat, der sein Volk in Unfreiheit erzieht, und in die ständigen, bisweilen auch bedrohlichen Konfrontationen mit Polizei und Staatssicherheit während ihrer akribischen Recherchen. Ein schonungsloser und zugleich persönlicher Bericht über die Mechanismen des größten Überwachungsstaates der Welt.

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Buch

Marcel Grzanna liefert mit Eine Gesellschaft in Unfreiheit einen hochspannenden Insiderbericht über die Mechanismen des größten Überwachungsstaates der Welt. Neun Jahre hat der deutsche Auslandskorrespondent mit seiner Frau, der Journalistin Pia Schrörs, in China gelebt. Neben ihren Erlebnissen nimmt Marcel Grzanna Bezug auf die politische Lage des Landes, die Proteste in Hongkong und verknüpft diese mit Chinas Geschichte. Er beschreibt ihre tägliche Arbeit als Reporter, die oft brenzligen Umstände ihrer Interviews mit Dissidenten, ihre Bespitzelung, Verfolgung und Bedrohung durch den Staat. Mehr als einmal gehen die beiden Journalisten an ihre Grenzen und schließen Land und Leute dennoch in ihr Herz. Ein unverzichtbarer Bericht für alle, die sich für China interessieren.

Der Autor

Marcel Grzanna wurde 1973 im Ruhrgebiet geboren. Er arbeitet seit vielen Jahren als freier Journalist und Autor. Sein Spektrum umfasst Politik, Wirtschaft, Sport und gesellschaftliche Strömungen in Ostasien, aber auch in anderen Teilen der Welt. Als Auslandskorrespondent lebte er mit seiner Frau neun Jahre in China und schrieb unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Schweizer Tages-Anzeiger.

Marcel Grzanna

Eine Gesellschaft in Unfreiheit

Ein Insiderbericht aus China, dem größten Überwachungsstaat der Welt

Mit einem Vorwort von Peter Kloeppel

Dieses Buch beschreibt meine Zeit als deutscher Auslandskorrespondent in China und beruht auf meinen Erfahrungen, Erlebnissen, Aufzeichnungen und Recherchen. Es ist meine persönliche Sicht auf meine Arbeit, mein Leben und die Menschen darin. Dieses Buch hat selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Manche Namen habe ich aus Respekt vor der Privatsphäre geändert. Einige Aussagen und Ereignisse habe ich mit erläuternden Quellen hinterlegt. Keine Person und kein Ereignis sind erfunden.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Originalausgabe Mai 2020Copyright © 2020 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München, unter Verwendung eines Fotos von © FinePicFotos Umschlaginnenseiten: Getty Images 521897335 (Thank you for choosing my work.) und Shutterstock 202134403 (Lewis Tse Pui Lung)Fotos im Innenteil: © Marcel GrzannaLektorat: Dr. Marion PreußMP · Herstellung: kwSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-26655-4V001www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Inhalt

Vorwort

1 Zu neuen Ufern

2 Jung und naiv

3 Abgestempelt

4 Helft uns!

5 Kein Kommentar

6 Falsches Spiel

7 Freund und Helfer?

8 Spion, Spion

9 Unter die Haut

10 Katholikenjagd

11 Kritisch beäugt

12 Hongkongs Widerstand

13 Unbezahlbar

14 Vorsicht, Kamera

15 Erschütternd

16 Bei den Kims

17 Erschwerende Umstände

18 Good bye, Mao

Danksagung

Anmerkungen

Für Pia, Lily und Mats.Uns alle hat das Leben in China geprägt und geformt.

Vorwort

China ist überall. In unseren Computern und Smartphones, im Spielzeug und in Kleidungsstücken genauso wie in Autos und der Raumfahrt. Mit seinen Unternehmen bestimmt das Land ganze Märkte, kann Preise diktieren und Industrien in die Knie zwingen. China ist ein bedeutender, ständig wachsender Machtfaktor in der Weltpolitik. Die Nation weitet ihren wirtschaftlichen Einfluss auf allen Kontinenten aus und macht auch keinen Hehl daraus, dass Handel und Politik untrennbar miteinander verknüpft sind. Die chinesischen Machthaber denken nicht von Wahl zu Wahl, ihr Zeithorizont misst sich in Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten. An China kommen wir nicht vorbei.

Dennoch bleibt das Riesenreich mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern den meisten von uns verschlossen. Es sind nicht nur Schrift und Sprache, sondern auch der philosophisch-kulturelle Hintergrund, der westlich orientierten Menschen mit ihrem Drang zur Individualisierung wenig nachvollziehbar erscheint: das Aufgehen des Individuums in der Masse zum Wohle des Großen und Ganzen.

Genau das macht es aber auch so faszinierend, sich mit China zu beschäftigen. Da schließe ich mich bewusst ein. Mein erster Besuch in Peking liegt mittlerweile 33 Jahre zurück. Als RTL-Reporter begleitete ich Bundeskanzler Helmut Kohl im Sommer 1987 auf einer China-Reise, die den deutschen Regierungschef und seine Delegation sogar nach Tibet führte. Ich kam tief beeindruckt von der Größe und Vielfalt des Landes zurück und begann, Chinesisch zu lernen. Zwei Jahre lang traf ich mich immer sonntags mit einem Studenten aus Shanghai. Heute ist er Kunstprofessor. Er brachte mir die Grundzüge von Schrift und Sprache bei und ganz nebenbei die chinesische Kultur näher. Mein Traum einer Korrespondentenstelle in Peking scheiterte dennoch – Ende der Achtzigerjahre erschien es einem jungen Fernsehsender noch zu ambitioniert, einen Reporter in den Fernen Osten zu entsenden.

Doch Chinas Bedeutung wuchs mit jedem Jahr. Die Hoffnung auf einen festen Korrespondenten, der über die teils unglaublichen Entwicklungen des Landes berichten würde, hatte ich nie aufgegeben. Bis schließlich 2007 unsere ehemalige Journalistenschülerin Pia Schrörs zu mir kam. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Marcel Grzanna wollte sie nach Peking ziehen und von dort Geschichten aus China liefern. Sie fragte, ob RTLsich vorstellen könne, sie zu beschäftigen.

In der Chefredaktion waren wir einerseits begeistert: Eine Absolventin unserer Schule wagt den Sprung ins eiskalte Wasser und ist sich auch nicht zu schade, als Einzelkämpferin selber zu drehen, ihre Beiträge am Laptop zu schneiden und den fertigen Nachrichtenfilm über das Internet nach Deutschland zu schicken. Die Voraussetzungen waren gut. Denn unseren Journalistenschülern hatten wir in der Ausbildung immer eingeimpft: »Wir bringen euch nicht nur Journalismus bei, sondern auch das Einmaleins der Fernsehproduktion. Wenn ihr beides beherrscht, dann steht euch die Welt offen.« Und der Zeitpunkt schien optimal gewählt: Die Olympischen Spiele 2008 standen vor der Tür, die Welt blickte mit Staunen und wachsendem Interesse auf das Land, das sich selbstbewusst von seiner besten Seite zeigen wollte.

Zur Eröffnung der Sommerspiele – Pia und Marcel waren mittlerweile schon ein Jahr vor Ort – reiste ich nach China. Gemeinsam mit meiner Sport-Kollegin Ulrike von der Groeben wollten wir von der Eröffnungsfeier berichten und bekamen dabei einen Eindruck von den Arbeitsmöglichkeiten unserer China-Korrespondentin. Das »RTL-Studio Peking« bestand aus einem Zwölf-Quadratmeter-Zimmer und war Teil des kleinen Wohnhauses, das die beiden Reporter gemietet hatten. Über dem Eingang flatterten ein deutscher und ein chinesischer Wimpel im Wind. Mehr mittendrin im Reich der Mitte konnte man nicht leben: Das typisch chinesische Backsteinhaus mit Innenhof lag in einem Hutong, also einem klassischen Wohnviertel mit engen Gässchen, durch die kein Auto passte. Nicht jedes Haus hatte fließendes Wasser, öffentliche Toiletten waren Standard für viele Hutong-Bewohner. Der Verzicht auf Privatsphäre gehörte zum Alltag. Dafür bekam man als Europäer einen hautnahen Eindruck vom traditionellen chinesischen Lebensstil.

So faszinierend das alles war: Ich machte mir trotzdem Sorgen. War es wirklich so einfach, wie die beiden sich das ausmalten? Um ein möglichst umfassendes Bild eines Landes und seiner Bevölkerung zu zeichnen, würde es nicht ausreichen, nur Pressekonferenzen, Kulturveranstaltungen und ausgewählte Vorzeigeprojekte zu besuchen. Pia und Marcel wollten schließlich »Hard News« liefern. Das heißt: Genau hinschauen, kritisch fragen, an einer Geschichte dranbleiben, dorthin gehen, wo es auch mal Probleme mit Behörden und Staatsunternehmen geben könnte. Journalisten müssen berichten, wenn einschneidende Veränderungen im Leben von Menschen geschehen und Träume wahr werden. Aber sie dürfen auch die Augen nicht verschließen, wenn die Staatsmacht sich Bahn bricht und individuelle Rechte in Gefahr sind.

Es ist gleichsam faszinierend, frustrierend und beängstigend zu sehen, wie schwer sich die chinesischen Behörden mit diesem Verständnis von Journalismus tun. Da werden Reporter bespitzelt und ihre Mitarbeiter bedroht. Örtliche Polizisten setzen Informanten unter Druck, beschlagnahmen Videoaufnahmen oder behindern Recherchen. Marcel Grzanna und Pia Schrörs ließen sich trotzdem nicht von der Arbeit abhalten, und manchmal hielten sie selbst uns in der RTL-Nachrichtenzentrale in Köln im Ungewissen über ihre Arbeit. Was dazu führte, dass wir einmal erst aus der Nachrichtenagentur dpa von der Festsetzung der beiden erfuhren, in einer Provinz Tausende Kilometer entfernt von Peking. Die Sache ging dank der Intervention der deutschen Botschaft gut aus. Doch danach vereinbarten wir, dass unsere Redaktion aus Sicherheitsgründen immer über alle Reise- und Recherchepläne informiert sein müsse.

Manchmal grenzt es an ein kleines Wunder, dass trotz der Schikanen der Staatsorgane kritischer Journalismus möglich ist. Dies geschieht oft nur, weil selbstbewusste Chinesen von Vertuschungsversuchen der Obrigkeit genug haben und den Reportern Rede und Antwort stehen. Aber auch weil ortsansässige Mitarbeiter sich für ein Verständnis von Pressefreiheit einsetzen, das in ihrem Land eher Seltenheitswert hat. Manchmal reichen die Missfallensbekundungen des Staates sogar bis nach Deutschland, wenn die hierher entsandten Botschaftsmitarbeiter sich bei Chefredaktionen über vermeintlich zu kritische Berichterstattung der China-Korrespondenten beschweren und Besserung verlangen.

Dieses Buch will eines nicht sein: eine wissenschaftliche Abhandlung mit Statistiken und Tabellen. Vielmehr bietet es eine journalistische Perspektive auf die rasante Entwicklung einer Nation, die in Siebenmeilenstiefeln von einer agrarisch geprägten Gesellschaft zum Wirtschafts-Powerhouse marschiert. Koste es, was es wolle. Marcel Grzanna nimmt uns mit auf spannende Reportagereisen in Regionen, die Touristen nur selten zu sehen bekommen. Wir erhalten einen ungefilterten Blick auf das Leben von Chinesen in und außerhalb der Metropolen. Wir sind dabei, wenn Industrie und Umweltschutz kollidieren, wenn Parteikader und Sicherheitsorgane ein absolutistisches Autoritätsverständnis kultivieren, Menschen systematisch bespitzeln, verfolgen und einsperren, während selbstbewusste Bürger gleichzeitig auf Individualität, Eigentumsrechte und das Recht auf freie Meinungsäußerung pochen.

Wenn wir »Zhong Guo«, das Reich der Mitte, besser verstehen wollen, können wir das am besten mithilfe von Menschen, die dort leben. Der chinesische Philosoph Konfuzius hat vor 2.500 Jahren gesagt: »Wohin du auch gehst, geh mit Deinem ganzen Herzen.« Marcel Grzanna und Pia Schrörs haben ihr ganzes Herz in die Hand genommen und sich auf das Abenteuer China eingelassen. Entstanden ist ein herausragendes und absolut lesenswertes Buch, das den Schatz ihrer Erfahrungen zeigt und uns hilft, dieses faszinierende Land besser zu verstehen. Denn wir dürfen nicht vergessen: China ist überall.

Peter Kloeppel

1 Zu neuen Ufern

Ende Dezember 2006: Kälte und schlechte Luft haben Peking fest im Griff. Wir stehen auf einer Fußgängerbrücke über der Chaoyangmenwai, einer der Hauptverkehrsadern der Stadt, und starren auf die Autos unter uns. Seit zwei Tagen befinden wir uns in der Hauptstadt der Volksrepublik China. Die ersten Eindrücke sind deprimierend. Der Smog hängt so dicht über den Straßen, dass die Sicht nur wenige Hundert Meter beträgt. Die Sonne klebt als gelbe Scheibe am Himmel. Aber sie strahlt nicht. Sie wirft kaum mehr als mattes Licht auf die Tristesse dieser Wintertage. Alles ist grau und trüb.

Peking ist eine einzige Baustelle gut anderthalb Jahre vor den Olympischen Spielen. Und die Menschen hier sind ein anderer Schlag als jene, mit denen wir noch 48 Stunden zuvor in Taiwans Hauptstadt Taipeh tagein, tagaus zu tun hatten. Pia, meine Frau, hatte bei Radio Taiwan International, einem öffentlich-rechtlichen Radiosender, der in 13 Sprachen, darunter Deutsch, in alle Welt sendet, ein Praktikum absolviert. Ich hatte bei meinem damaligen Arbeitgeber zwei Monate Resturlaub und freie Tage eingereicht, sodass wir den Trip nach Taipeh nutzten, um gemeinsam in einer Sprachschule Mandarin zu pauken. Es wurden traumhafte sechs Wochen.

Wir waren in einem kleinen netten Hotel mitten im Stadtzentrum abgestiegen. Die Tochter des Betreibers freute sich mit uns über jeden neuen Satz, den wir halbwegs unfallfrei aussprachen. Morgens marschierten wir die Straße hinunter zu einer Bäckerei, die von einer Frau eröffnet worden war, die ein paar Jahre in Deutschland gelebt hatte. Es gab leckeres Brot und wahlweise frisch gemahlenen Kaffee aus Kolumbien, Brasilien oder Costa Rica. Wenn sie selbst im Laden stand, unterhielten wir uns über deutsche Politik, und sie offenbarte Detailwissen über die Kanzlerschaften von Kohl und Schröder. Sie nannte sich Claudia für ihre deutschen Freunde. Wir verstanden uns so gut, dass sie uns an einem Wochenende mit ihrem Auto auf den höchsten Berg des Landes chauffierte.

An den Nachmittagen saßen wir oft am wild bewachsenen Ufer des Jilong-Flusses, wo jemand ein paar Plastikmöbel hingestellt hatte und kannenweise grünen Tee verkaufte. Um uns herum saßen alte Männer, die Karten spielten, während wir den Unterrichtsstoff vom Vormittag wiederholten. Zum Beispiel viermal die Silbe ma in vier verschiedenen Tonlagen: monoton gleichbleibend, ansteigend, abfallend-ansteigend, abfallend. Unsere Lehrerin Frau Shi war ein harter Knochen, der kein Wort Englisch sprach und uns alles abverlangte, wenn wir die ansteigende Betonung des zweiten Tons nicht deutlich vom erst abfallenden und dann wieder ansteigenden dritten Ton unterschieden. Zur Auflockerung befahl sie mir mit erhobenem Zeigefinger, Pia vor dem Schlafengehen ausgiebige Schultermassagen zu gewähren.

Abends liefen wir gerne stundenlang durch die Metropole und suchten eines der vielen lieblichen Restaurants auf. Damals schlossen wir Taipeh tief ins Herz. Intensiv hatten wir die wohligen Temperaturen während des Spätherbstes, die Sauberkeit der Innenstadt und die Höflichkeit der Menschen dort genossen, ehe wir zu unserem zweiwöchigen Kennenlerntrip in die Volksrepublik China aufbrachen.

In Peking pfeift uns jetzt der eisige Wind um die Ohren, die Luft stinkt und alle naselang rotzt jemand neben uns auf den Boden. Gleich am ersten Abend will man uns im Restaurant um ein paar Euro prellen. Das wäre alles halb so schlimm, wenn wir uns hier nur als Touristen aufhielten: kennenlernen, verabschieden, auf Wiedersehen. Tatsächlich aber besuchen wir zum ersten Mal diese Stadt, die wir schon sehr bald zu unserem Lebensmittelpunkt machen wollen. Auf der Brücke über der Chaoyangmenwai dämmert uns, was das bedeutet.

»Ich kann nicht fassen, dass wir hier wirklich hinziehen wollen«, meint Pia und schaut mich an. Eine dicke Träne läuft ihr über die Wange.

»Scheiße«, denke ich. Was soll das werden, wenn wir jetzt schon weinend auf dieser Brücke stehen und unserem alten Leben nachtrauern, vier Monate bevor es überhaupt richtig losgeht. Pia hat nur den Mut, es auszusprechen. Es ist nicht leicht, alles infrage zu stellen, wenn man sich jahrelang auf etwas vorbereitet, das man so unbedingt will. Denn mit den Zweifeln kommt auch die Angst, dass man seinen Traum begraben muss.

Und wir träumten nun schon einige Jahre davon, als Korrespondenten im Ausland zu arbeiten. Die Idee geisterte bereits seit meinen Anfängen im Journalismus zu Beginn der 1990er Jahre durch meinen Kopf. 2003 wurde es konkret. Ich saß vor dem Nachrichtenticker, als aus der damals kommenden Olympiastadt Athen eine Meldung über den öffentlichen Nahverkehr eintrudelte. In diesem Augenblick dämmerte mir, dass es eine gute Idee sein könnte, dort hinzugehen, wo bald die Olympischen Sommerspiele stattfänden. Damit wäre ein grundsätzliches Interesse einer breiten Medienlandschaft an unserer Arbeit für einen gewissen Zeitraum garantiert. Und damit wäre auch die wirtschaftliche Grundlage für einen Umzug ins Ausland geschaffen. Ich war wegen meiner begrenzten Fremdsprachenkenntnisse zuvor nie auf die Idee gekommen, in ein Land zu ziehen, in dem nicht Englisch oder Deutsch die Landessprachen waren. Jetzt begriff ich: Auch andere Sprachen ließen sich in wenigen Monaten lernen, wenn auch nicht fließend. Aber Mittel und Wege, mit den Einheimischen zu kommunizieren, würden sich überall finden.

China stand zufällig als Nächstes in der olympischen Reihe. Das International Olympic Committee (IOC) hatte Peking die Sommerspiele 2008 zugesprochen, und wir erkannten schließlich das berufliche Potenzial. Hätten die Spiele in diesem Jahr anderswo stattgefunden, wären wir wohl niemals nach China gegangen.

Es fühlte sich fast an wie ein Wink des Schicksals, als wir eines Abends in einer Berliner Kneipe am Tresen standen und den Tischglobus kreisen ließen. Wir spielten dieses Spiel von Zukunft und Sehnsucht. Pia schloss ihre Augen, und ich drehte die Achse. Dann brachte sie die Kugel mit dem Zeigefinger blind zum Stehen. Wir trauten unseren Augen kaum. Nicht nur, dass Pia auf China zeigte. Der Nagel ihres Zeigefingers landete bündig unter dem Namen Peking. Als würde sie einem Kind erklären, wo diese Stadt in der Welt zu finden sei. Wir lachten. Natürlich hätten wir unsere China-Pläne zwar auch dann weiterverfolgt, wenn ihr Finger auf Oslo oder Neufundland gezeigt hätte. Aber diesen Zufall nahmen wir gerne als eine Bestätigung für die Tauglichkeit unserer Idee zur Kenntnis: »Wenn das nicht mal ein Zeichen ist.«

Und jetzt stehen wir ein paar Jahre danach auf dieser Brücke, und Pia kullern die Tränen übers Gesicht. »Wollt ihr wirklich in diesen Moloch ziehen«, hatte Peter Kloeppel sie gefragt, der damals neben seiner Aufgabe als RTL-Chefredakteur auch Direktor der RTL-Journalistenschule war. Pia hatte sich rund zwei Jahre zuvor in Köln für ein Volontariat beworben und das große Glück gehabt, eine von nur 30 Auserwählten zu sein, die alle zwei Jahre unter damals Tausend Bewerbern ermittelt wurden. Peter Kloeppel mochte die Peking-Idee, aber er wusste um die Herausforderung. Er kannte die Stadt und hatte Freunde dort.

Seine bekümmerte Frage liegt uns jetzt auf der Brücke über der Chaoyangmenwai wieder in den Ohren, als der Horizont hinter einem faden Schleier verschwindet. Die Gegensätze zu Taiwan drücken auf die Seele. China ist für uns Neuland. Wir waren zwar Ende 2004 für ein paar Tage in Hongkong, aber das war eine andere Welt. Wir begreifen, dass es eine Sache ist, ein paar Wochen Urlaub in Asien zu machen. Aber seine Zelte in Deutschland abzubrechen, um sie in China wieder aufzustellen, ist eine ganz andere. Auch wenn uns immer bewusst war, dass es ein Risiko birgt, sich auf etwas einzulassen, von dem man keine Ahnung hat. Zumal weitreichende Konsequenzen für uns damit verbunden waren. Pia hatte ein gutes Jobangebot für die Zeit nach der Journalistenschule abgelehnt und ich meinen Posten als Leiter des Berliner Büros einer Sportnachrichtenagentur zur Disposition gestellt.

Wir waren natürlich nicht die ersten Ausländer, die sich diesem Abenteuer stellen und in China arbeiten wollten. Doch die meisten ausländischen Mitarbeiter großer Firmen machen einen Erlebnistrip in die Stadt, look and feel, ehe sie endgültig Ja oder Nein zu einem neuen Leben in der aufsteigenden Wirtschaftsmacht sagen. Ein bisschen so wie wir in diesen Dezembertagen. Aber diese Entsandten in spe werden vom Flughafen abgeholt und in ein schönes Hotel gebracht, das ihre Firma zahlt. Vor allem die begleitenden Ehe- oder Lebenspartner müssen schließlich überzeugt werden, weil sie es in der Regel sind, die ohne Aufgabe jahrelang gezwungen sind, sich in wildfremder Umgebung sinnvoll zu beschäftigen. Auf diesen Kennenlerntrips treffen sie schon einmal künftige Arbeitskollegen und andere Landsleute, die ihnen sagen, wo man am besten essen geht und wann sich der Buchclub in der deutschen Schule trifft. Vielleicht schauen sie sich auch schon einmal eine der Villen in den Vorstädten an, die der Arbeitgeber gegen horrendes Geld anzumieten bereit ist, damit die Mitarbeiter und deren Familien sich wohl fühlen, 9000 Kilometer von zu Hause entfernt. Dann fliegen sie nach ein paar Tagen mit dem Gefühl zurück, dass bestens für sie gesorgt sein wird und mit der Gewissheit, dass die Brötchen vom deutschen Bäcker auch in China frisch auf dem Frühstückstisch stehen werden.

Uns holt niemand am Flughafen ab. Wir gehen als Freiberufler auf eigenes Risiko ins Ausland. Eine Villa oder ein großes Apartment sind reine Utopie. Wir suchen für 500 Euro nach Bewohnbarem. Wir wissen nichts von einem deutschen Bäcker und haben keine Ahnung, wo sich andere Deutsche in dieser Stadt überhaupt aufhalten. Das Hotel, in dem wir im Dezember 2006 auf eigene Kosten für 14 Tage absteigen, ist zum Weglaufen. Unser Zimmer hat nur ein Oberlicht, durch das ein bisschen Helligkeit dringt. Eine brummende Klimaanlage, an deren Fächern feuchte Staubfusseln kleben, wärmt das Zimmer notdürftig auf. Junge Frauen stehen in dicken Mänteln an der Rezeption, weil nirgendwo geheizt wird. Wenn wir an ihnen vorbeilaufen, schauen sie uns argwöhnisch an und kichern. Morgens verlassen wir das Hotel, weil wir uns keine Minute länger als nötig dort aufhalten wollen. Es gibt nicht einmal Kaffee. Wenn wir auf die Straße treten, ist außer Autos und ein paar Bürogebäuden in der Ferne nichts zu sehen. Wir irren durch diesen Moloch auf der Suche nach etwas Lieblichem, nach einem Halt für die Seele. Die ersten beiden Tage laufen wir vom Hotel aus dummerweise noch in die falsche Richtung, nämlich dorthin, wo wir auf Kilometer hinaus keinen ordentlichen Kaffee finden. Irgendwann sitzen wir vormittags in einem McDonald’s, essen einen fettigen Eiermuffin und trinken schlechten Kaffee. Wir stellen uns zunächst vor, wie wir in den kommenden Jahren an dieser öden Kreuzung, in diesem Schnellrestaurant hocken und unser Frühstück hinunterwürgen. Aber wir wissen auch, dass Muffensausen dazugehört. Deswegen lassen wir uns trotz des emotionalen Tiefpunkts nicht von unserer Entschlossenheit abbringen. Alles hatten wir darauf ausgerichtet, am 1. Mai 2007 den Flieger in ein neues Leben zu besteigen. Und trotz der Tränen bleibt es dabei: Wir wollen nach Peking, um von dort als Korrespondenten zu berichten.

Schnell wendet sich das Blatt. Am Tag darauf verzieht sich der Smog. Es wirkt wie Balsam für die Seele. Blauer Himmel verleiht der Stadt einen anderen Charakter. Er gibt ihr die Würde zurück. Wir klammern uns fortan an Kleinigkeiten. Die Filiale einer guten Kaffeekette, die wir finden, macht uns glücklich. Wir verbringen den Nachmittag des Heiligen Abends dort. Später essen wir in einem thailändischen Restaurant in pinkfarbenem Dekor und haben Spaß. Am 1. Weihnachtstag verspeisen wir in einem bodenständigen chinesischen Lokal feierlich erstmals Peking-Ente und verlieben uns in die Geschmackskombination der hauchdünnen Weizenpfannkuchen, bestrichen mit der süßlich, dickflüssigen Hoisin-Soße. Sie besteht hauptsächlich aus fermentierten Sojabohnen. Zum Entenfleisch legt man noch einige in Streifen geschnittene Gemüsesorten in den Fladen: ein Festmahl. Weil es das erste Mal ist, bitten wir das Knochengerüst der verspeisten Ente sehen zu dürfen, um sicherzugehen, dass man uns nicht nur die Haut, sondern tatsächlich auch das Fleisch darunter serviert hat. Die schmalbrüstige Ente hatte tatsächlich kaum mehr zu bieten. Dazu trinken wir Beijing Bier, das vornehmlich nach Wasser schmeckt, und den unverzichtbaren baijiu, einen Weizenschnaps mit markanter Note, der bei ausreichender Investition sehr süffig sein kann. Wir zahlen wenig und bekommen dafür eine Plörre, die uns beinahe die Speiseröhre verätzt. Aber der Abend bereitet uns große Freude.

Schritt für Schritt nähern wir uns an, Peking und wir. Was uns gestern noch nervte, bringt uns heute schon zum Lachen. Dem Kulturschock nach der Ankunft aus Taipeh folgt die sachliche Erkenntnis, dass manche Orte erst auf den zweiten Blick Charme entwickeln. Unsere Zuversicht wächst und mit ihr die Vorfreude auf die größte berufliche Herausforderung unseres Lebens.

Doch es gibt noch ein Problem: »Was macht so ein Korrespondent eigentlich den ganzen Tag?« Henrik Bork heißt der Mann, der diese Frage stellt. Er ist damals Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Henrik erzählt uns von seinen Anfängen als freier Journalist in der Volksrepublik und seiner damaligen Ahnungslosigkeit vom Alltag eines Korrespondenten. Er kennt China mit all seinen Facetten. Mitte der Neunzigerjahre wurde er mal aus dem Land ausgewiesen, weil die Regierung seine direkte Art, Dinge gnadenlos beim Namen zu nennen, nicht mochte. Da wurde sein Bild sogar in der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau eingeblendet. Er ging nach Japan und, als sich die Wogen geglättet hatten, kam er acht Jahre später zurück nach Peking.

Eine Kollegin aus Berlin kannte Henrik noch aus gemeinsamen Studienzeiten und empfahl uns, ihn anzuschreiben, wenn wir in der Stadt seien. Er könnte uns bestimmt ein paar Tipps geben, meinte sie. Der erste gute Tipp von Henrik ist ein japanisches Restaurant in der Panjiayuan Lu, in dem wir zusammensitzen und Sake trinken. Über die Jahre wird es eine unserer Lieblingsanlaufstellen der Stadt, bis es dichtmacht, an anderer Stelle viermal so groß wiedereröffnet und dabei leider Herz und Seele verliert. Es ist ein spannender Abend, den wir zusammen erleben. Henrik erzählt Kurioses und Erschreckendes aus all den Jahren, die er in Asien verbracht hat.

Das Treffen macht uns Mut, weil auch wir vom Alltag der Korrespondenten noch nichts wissen, als wir vier Monate später mit zwei Koffern, zwei Rucksäcken und ein paar Brocken Mandarin ohne Rückflugticket erneut in Peking landen. Nach ein paar Tagen haben wir eine Wohnung gefunden, die unserem schmalen Geldbeutel gerecht wird. Wir richten unser Heimbüro ein, kaufen ein Telefon, ein Faxgerät und einen Schreibtisch.

Noch ist im Sender in Köln kein Bewusstsein dafür entstanden, dass in Peking jetzt eine Reporterin zur Verfügung steht, die komplette Beiträge produzieren kann. Die Ausbildung an der Kölner Journalistenschule zielte zwar genau darauf ab, den Absolventen sowohl das journalistische Handwerk als auch die Handhabe von Kamera und Schnitt zu vermitteln. Doch Pia ist die Erste, die ihre erworbenen Fähigkeiten jetzt vollumfänglich in die Tat umsetzen will. Sie hatte eigens Extraschichten beim Umgang mit der Kamera geschoben. Doch ob das Konzept in der Praxis wirklich funktioniert, sodass aus einer Zulieferin von Bildmaterial eine echte Korrespondentin wird, weiß noch niemand.

Bislang war das deutsche Privatfernsehen ohne eine China-Korrespondentin ausgekommen. Es fehlt allen noch die Vorstellungskraft, was Pia über die üblichen Bildangebote der weltweiten Nachrichtenagenturen Reuters, Associated Press (AP) oder Agence France-Presse (AFP) hinaus aus der Volksrepublik würde anbieten können. Zumal die autoritäre Staatsmacht ausländische Journalisten bei jeder Gelegenheit gängelt und diskreditiert. Ist es überhaupt möglich, dass wir als China-Neulinge in so einem Umfeld ausreichend recherchieren können, um interessante und exklusive Einblicke aus der Volksrepublik zu vermitteln? RTLund n-tv würden nicht ohne Weiteres Geschichten ins Programm nehmen, die sich nicht vom Material der Agenturen unterscheiden.

Wochenlang sind wir wie gelähmt. Ich besuche ein paar Pressekonferenzen des Organisationskomitees der Olympischen Spiele und setze ein paar Texte bei der Agentur ab. Aber auch ich weiß noch nicht, mit welchen Themen sich neue Zeitungskunden in Deutschland gewinnen lassen. Die erste Zeit verbringen wir deshalb gerne damit, unser Leben zu organisieren, um das Gefühl zu haben, beschäftigt zu sein. Pia bastelt geschlagene zwei Wochen am Design ihrer Visitenkarten.

Wir leben in Fuli Cheng, einem Wohnblock südlich des Finanzviertels Guo Mao. Hier gibt es im Jahr 2007 in Fußgehweite nur chinesische Restaurants und einen chinesischen Supermarkt. Die örtliche Bäckerei verkauft süßes Weißbrot, mal mit süßer Wurst gestopft, mal mit Puderzucker garniert. Wir waren auf Backwaren mit asiatischem Charakter vorbereitet und hatten uns vorsorglich eine Brotbackmaschine aus Deutschland schicken lassen. Von der Existenz einer deutschen Bäckerei wissen wir immer noch nichts. Jahre später lachen wir selbst über uns, angesichts von so viel Ahnungslosigkeit. Schließlich lebten in der Stadt damals schon Tausende Deutsche und Zehntausende anderer Nationen, die längst Strukturen geschaffen hatten, die es ermöglichten, viele Annehmlichkeiten aus der Heimat auch in China zu genießen, ganz gleich, um welche Vorlieben es sich handelt.

Doch für den Augenblick fühlen wir uns sehr wohl in unserer chinesischen Blase. Viele Monate essen wir jeden Tag die lokale Küche. Bei uns um die Ecke gibt es den Nudelmann, wo wir hausgemachte Nudeln entweder mit Rinderbrühe in Suppe schlürfen (là miàn) oder abgekühlt serviert in einer Sesamsoße (liáng májiàng miàn). Natürlich gibt es den obligatorischen Feuertopf (huŏguō), bei dem wie beim Fondue den Speisenden selbst überlassen ist, welche Zutaten sie in welcher Reihenfolge in der Brühe garen möchten. Und wenn wir keine Lust auf Nudeln oder Brühe haben, bieten andere Restaurants klassische chinesische Hausmannskost (jiāchángcài), oder wir kochen selbst, meistens Reis mit gefüllten Teigtaschen (jiăozi) aus der Tiefkühltruhe. Zur Abwechslung gehen wir immer gerne zum Japaner, wo wir bald schon herzlich als Stammkunden begrüßt werden.

Wenn wir uns hin und wieder mit Kollegen treffen, sind wir immer ganz erstaunt, wenn diese uns erzählen, dass man auch Parmaschinken oder Müsli kaufen kann. Doch weil wir unseren Alltag so mögen, wie er ist, beschäftigen wir uns weder mit Parmaschinken noch mit Müsli. Wir entscheiden uns bewusst oder unbewusst dazu – so genau haben wir nie darüber nachgedacht –, unseren eigenen Weg zu gehen und uns nicht allzu sehr an die deutsche Gemeinde zu hängen. Zum einen, weil wir 25 Taximinuten entfernt von Sanlitun wohnen, wo viele Deutsche leben. Unser Alltag spielt sich woanders ab. Und zum anderen hilft es uns, Land und Leute schneller kennenzulernen und Fortschritte mit der Sprache zu machen, wenn wir weitgehend auf uns allein gestellt sind. Hinzu kommt eine gewisse Zurückhaltung, weil wir als Neulinge unsicher sind, wie wir uns unter all den renommierten Asienexperten positionieren können. Zumal wir für Medien arbeiten, deren China-Expertise noch sehr begrenzt ist.

Weil wir die allerersten Korrespondenten von RTL und dem Sport-Informations-Dienst (SID) in China sind, gibt es noch keine amtliche Registrierung unserer Büros, die wir formell eröffnen müssen. Arglos arrangieren wir alles in Eigenregie und tappen in diverse Fallen. Eine davon führt Pia nach wenigen Monaten direkt in ein Verhörzimmer der Staatssicherheit. Noch aber nehmen wir fälschlicherweise an, alles werde seinen Lauf nehmen.

Eines Abends brennt in der Nachbarschaft der Dachstuhl eines Rohbaus. Wir schauen aus dem Fenster im 17. Stock und fassen einen Entschluss: Da müssen wir jetzt hin, das drehen wir. Wir schnappen uns die Kamera und das Stativ, setzen uns in ein Taxi und fahren in Richtung des Gebäudes. Wir sind nervös, weil wir keine Ahnung haben, ob man einfach so eine Kamera auf einen vermeintlichen Großbrand halten darf oder ob das Regime uns wegen fehlender Lizenzen in Ketten legt. Die Frage erübrigt sich für diesen Abend. Als wir ankommen, sind die Flammen schon erloschen.

Es vergehen sieben Wochen seit unserer Ankunft, bis wir endlich unsere Chance wittern. Schwere Fluten haben in Südchina ganze Dörfer zerstört. Wir lesen in den staatlichen Zeitungen von Hunderten Toten. »Auf geht’s«, entschließen wir uns. Wir buchen ohne Rücksprache mit dem Sender drei Flugtickets, zwei für uns, eines für unsere Übersetzerin, eine junge Frau, Anfang 20, die wir schon während unserer Stippvisite im Dezember kennengelernt hatten. Sie nennt sich Holly und weiß nichts über Journalismus. Aber sie spricht Englisch und half damals unserer Immobilienmaklerin aus, uns als Kunden zu gewinnen. Eine Dolmetscherin ist zunächst das Wichtigste, wenn wir uns auf den Weg in die Provinz machen wollen.

Wir starten am frühen Morgen und landen drei Stunden später in Meizhou in der Provinz Kanton. Mit einem Taxi fahren wir mehrere Stunden Richtung Katastrophengebiet, doch wir finden anfangs keine zerstörten Dörfer. Das Einzige, was wir sehen, ist ein Mann in einer Kleinstadt, der mit einem Wasserschieber eine Lache aus seiner Garage abzieht. Wir werden unruhig. Für die erheblichen Reisekosten erwarten die Redaktionen sicherlich eine Gegenleistung. Der Mann mit dem Gummiwischer wird nicht ausreichen für einen Beitrag im deutschen Fernsehen.

Wir suchen weiter. Noch eine Stunde vergeht. Der Fahrer fragt sich durch, und wir haben Glück. Irgendwann am Nachmittag finden wir tatsächlich eines der Dörfer, die komplett verwüstet sind. Kaum angekommen bekommt Pia einen Anruf von n-tv und schildert live am Telefon, dass sie gerade knietief durch den Schlamm läuft und es noch immer in Strömen regnet. Es ist ihre erste Telefonschalte, die live in Deutschland zu hören ist. Als das Gespräch beendet ist, schaut sie mich grinsend an und wischt sich demonstrativ mit der Hand über die Stirn: »Geschafft!«

Einige Bewohner des Dorfes haben einen Fährservice auf die andere Seite des Flusses eingerichtet, wo sich der Ortskern befindet und sich am Tag zuvor eine meterhohe Flutwelle durch die engen Gassen Bahn gebrochen hat. Ein Schweinekadaver schwimmt auf dem Fluss an uns vorbei. Wir setzen über und sprechen dort mit Leuten, die alles verloren haben, mit Familien, die Angehörige vermissen, mit Menschen, die der örtlichen Regierung Unfähigkeit vorwerfen.

Aber schon drängt die Zeit. Das RTL-Nachtjournal hat sich gemeldet und eine Reportage für den gleichen Tag bestellt. Pia ist zuversichtlich, dass sie bis Mitternacht deutscher Zeit liefern kann. In China sind wir im Sommer sechs Stunden voraus, und es ist erst früher Abend. Dummerweise trägt Holly an diesem Tag Flip-Flops. Bei jedem Schritt durch den Schlamm muss sie fürchten, einen ihrer Schlappen zu verlieren. Sie kämpft sich zurück zum Auto. Wir verlieren fast eine halbe Stunde, weil sie kaum vorankommt.

In der nächstgrößeren Stadt nehmen wir ein Hotel. Pia bastelt stundenlang an ihrem Beitrag, sucht Bilder heraus, O-Töne, textet, schneidet, vertont schließlich. Es ist vier Uhr morgens. Genug Zeit, glauben wir. Aber wir haben die Rechnung ohne das Internet gemacht. Das WLAN-Netz des Hotels kapituliert bei dieser Datenmenge. Die Übertragung soll vier Stunden dauern. Wir sehen ein, dass der Beitrag in dieser Nacht nicht im Nachtjournal laufen kann, selbst wenn Holly im Schlamm der Fluten feste Schuhe getragen hätte. Niedergeschlagen ruft Pia den Chef vom Dienst an und handelt sich zwei Stunden vor Sendebeginn eine Rüge ein. Nach einer Schimpftirade sagt er, er werde schon etwas im Stehsatz finden, um die Lücke zu schließen. Die ganze Arbeit umsonst, so scheint es. Wird das Nachtjournal jemals wieder eine Geschichte bestellen oder war das schon Beweis genug, dass es keinen Sinn ergeben würde, sich auf das neu eröffnete Büro Peking zu verlassen? Dann können wir gleich wieder die Koffer packen und nach Deutschland zurückkehren, glauben wir. Deprimiert legen wir uns schlafen.

Am nächsten Tag schreibe ich auf dem Rückflug nach Peking eine Reportage. Die Frankfurter Rundschau hat Interesse und auch ein paar andere Regionalzeitungen. Wir sind froh, dass nicht alles völlig umsonst war. Zeitungsberichte, die nach geschriebener Zeile bezahlt werden, lohnen sich aber auch nur, wenn ein Text mehrfach verkauft wird. Doch so oder so war die Reise eine wertvolle Erfahrung für uns, die uns zeigte, wie einfach es im Grunde war, an eine Geschichte zu kommen. Weder Polizei noch Stasi1 hatten uns an der Arbeit gehindert. Niemand fragte nach unserem Presseausweis, den wir zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht besaßen. Wir versuchten, die Pleite mit dem Internet aus der vergangenen Nacht abzuhaken.

Nach der Ankunft in Peking klingelt Pias Telefon. Das Nachtjournal fragt, ob die Geschichte denn heute pünktlich in den Sender einlaufen könne. Uns fällt ein Stein vom Herzen. Die Reportage wird doch noch gesendet. Und es kommt noch besser. Auch die Hauptnachrichten von RTL aktuell fragen eine kürzere Version für den Tag danach an. Volltreffer. Die Arbeit war nicht vergebens. Schnell ist das Malheur vergessen. Der Beitrag ist rund, die Bilder gut. Ab sofort gilt das »Büro Peking« als echte Option.

Wir feiern den Erfolg am Abend mit einem Nachtmahl bei unserem Stammchinesen. Wir haben allen Grund dazu, weil wir die Bestätigung bekommen haben, dass unser Konzept funktioniert und dass Pia in der Lage ist, fertige Beiträge in einer Qualität zu produzieren, die die Redaktionen gerne bestellen. Und tatsächlich wird die Reportage zur Initialzündung.

Wenn uns damals jemand fragte, wie lange wir in China bleiben wollten, sagten wir immer, dass wir das Olympiajahr abwarten und danach entscheiden würden. Wir wollten uns nicht mit einem festen Termin unter Druck setzen. Die Marschroute lautete immer: Wenn es funktioniert, bleiben wir, ansonsten kehren wir zurück. Wir ahnen an diesem Abend noch nicht, dass wir für neun Jahre in China leben werden.

Pia schafft es mehrfach im Monat mit ihren Reportagen ins Programm und erhält in den folgenden Jahren viel Wertschätzung für ihre Arbeit. Sie wird 2011 von Amnesty International beim 6. Marler Fernsehpreis für Menschenrechte mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung sitzt sie neben Gerd Ruge, der einen Sonderpreis für sein Lebenswerk erhält und der Anfang der 1970er Jahre selbst als China-Korrespondent für drei Jahre in Peking arbeitete. Zweimal wird Pia auch für den CNN-Award für deutschsprachige Journalisten unter 33 Jahren nominiert.

Ich arbeite derweil für viele namhafte deutschsprachige Medien. Im Sommer 2009 werde ich Wirtschaftskorrespondent der Süddeutschen Zeitung und des Schweizer Tages-Anzeigers. Noch kurz vor unserer Abreise nach China hatte mich eine Kollegin beim SID gefragt, ob wir denn nach Olympia auch wirklich nach Deutschland zurückkehren wollten. »Wenn mir nicht unbedingt die Süddeutsche Zeitung einen Job anbietet, dann wohl schon«, sagte ich überwiegend scherzhaft. Ich wollte die Frage weder mit Ja noch mit Nein konkret beantworten, auch um zu vermeiden, frühzeitig die Tür für eine mögliche Rückkehr zuzuschlagen. »Das wird wohl nicht passieren«, antwortete die Kollegin. Dass es dann doch genau so kommen würde, war beim besten Willen nicht abzusehen. Aber als die Stelle überraschend frei wird, setze ich mich im Bewerbungsverfahren durch und kann mein Glück kaum fassen, dass ich mich vom Sportredakteur mit den Schwerpunkten Fußball, Eishockey und Rudern zum Repräsentanten des Wirtschaftsressorts einer der führenden deutschen Tageszeitungen wandle. Dieses eine Ressort flößte mir stets großen Respekt ein, und ich wusste nicht, ob ich seinem Anspruch gerecht werden könnte.

In all den Jahren bereisen Pia und ich das Land in alle Himmelsrichtungen und dürfen China auf eine Art und Weise kennenlernen, die uns fasziniert, beglückt und amüsiert, die uns aber auch Angst macht, traurig stimmt und deprimiert. Wir lachen, weinen, essen und streiten mit den Chinesen. An manchen Tagen herzen, an anderen verfluchen wir sie. Doch egal, in welcher Gefühlslage wir den Gastgebern begegnen, wir empfinden es stets als großes Privileg, in China als Auslandskorrespondenten arbeiten zu dürfen.

Staatssicherheit und Polizei werden im Laufe der Zeit zu einem ständigen Begleiter unserer Arbeit. Oft verstecken wir uns, manchmal fliehen wir vor ihnen, hin und wieder stellen wir sie selbst zur Rede, und es kommt auch vor, dass wir uns freundlich mit ihnen unterhalten. Mehrfach werden wir für mehrere Stunden festgehalten, wir werden verhört oder bedroht. Manchmal hilft uns nur noch diplomatische Hilfe der Bundesrepublik Deutschland, um aus unserer misslichen Lage freizukommen. Manchmal wird es sogar handgreiflich; ein Teammitglied wird von der Polizei grün und blau geprügelt.

Dutzende Male reisen und recherchieren Pia und ich als Kooperationspartner von RTL und Süddeutsche Zeitung gemeinsam durchs Land. Auch noch, nachdem unsere Tochter Lily und unser Sohn Mats geboren werden. Die beiden sind mit dabei, wenn wir hinter die Kulissen der Werkstatt der Welt blicken, die Lebensumstände von Wanderarbeitern beleuchten oder verwaiste Kinder besuchen. Sie sitzen mit im Auto, wenn wir uns vor der Polizei verstecken, sie stehen hinter der Kamera (bzw. liegen in ihrem Kinderwagen), wenn wir Dissidenten interviewen. Oft sind sie sogar Türöffner bei Reisen tief in die Provinzen, wo scheue Menschen schneller Vertrauen zu uns aufbauen, weil wir kleine Kinder mitbringen. Wir glauben, dass wir mit der gleichen Arbeitsweise in Deutschland oft auch verstörte Blicke geerntet hätten, aber in China stellte niemals irgendjemand die Anwesenheit der Kinder infrage.

China wird zu unserer neuen Heimat. Die Entscheidung nach Peking zu ziehen, entpuppt sich als die bestmögliche unseres Lebens. Es werden prägende neun Jahre zwischen Einschüchterungsversuchen durch die Staatssicherheit und Familienausflügen in die Sweatshops des Landes. Wir leben unseren Traum, den sich viele andere nie zu träumen wagen. Wie oft begegneten wir in Deutschland Kollegen, die uns sagten: »Ich wollte auch immer mal im Ausland arbeiten, aber …« Wir waren unendlich froh, dass wir dieses »aber« abgeschüttelt hatten. Es hätte genügend Hindernisse gegeben, die uns ausreichend Rechtfertigung geliefert hätten, unsere China-Pläne abzublasen. Aber … Wir hätten uns einen solchen Entschluss wohl niemals verziehen.

Wenn wir heute auf die Entwicklungen in China zurückblicken, fühlen wir uns bestätigt in unserer stets kritischen Haltung der regierenden Kommunistischen Partei gegenüber. Eine Haltung, die uns häufig zum Vorwurf gemacht wurde. Unzählige Male mussten wir uns anhören, dass wir ideologisch befangen und voreingenommen über das Land berichteten. Dass es uns als Journalisten nur darum ginge, schlechte Nachrichten zu verbreiten, weil die sich besser verkaufen ließen. Doch wer sich die jüngsten Geschehnisse in Hongkong anschaut, wo Sicherheitseinheiten mit brutaler Gewalt alles niederknüppeln, was nach Protest aussieht, oder über die Enthüllungen über Umerziehungslager für muslimische Uiguren im Nordwesten des Landes liest, wo eine irrsinnige Zahl an Menschen wegen Verbrechen Einzelner in Sippenhaft genommen wurde, der bekommt einen Crashkurs über die Mechanismen autoritärer Systeme.

Wir sahen uns aufgrund unserer journalistischen Arbeit in China sehr häufig mit diesen Dingen konfrontiert. Auch deshalb ist dieses Buch entstanden. Es soll deutlich machen, dass eine Diktatur für die überwältigende Mehrheit ihrer Bevölkerung immer die schlechtere Alternative ist zu demokratischen Strukturen, ganz gleich, was uns die Machthaber solcher autoritären Systeme gegenteilig weismachen wollen. Dieses Buch ist ein Plädoyer für Freiheit, Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit. Und es ist ein Versuch, seine Leser davon zu überzeugen, kompromisslos für die Werte liberaler Demokratien einzustehen.

2 Jung und naiv

»Ach, du meine Güte«, schoss es mir durch den Kopf. »Wir haben ein Problem. Und zwar ein riesengroßes.« Mein linkes Auge begann zu zucken, ein Hitzeschauer lief mir die Ohren abwärts über den Rücken, Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Es fühlte sich an, als hätte ich gerade zum ersten Mal einen Lungenzug an einer Zigarette genommen. Mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen, und mein Kreislauf sprang im Dreieck. Ich benötigte einige Augenblicke, bis ich wieder klar denken konnte.

Seit fast vier Monaten lebten wir im Land, und ich hatte mich gefragt, weshalb die Grenzbeamten am Flughafen so verstört auf mein Visum geschaut hatten. Ich war auf dem Weg nach Japan zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Osaka. Es war meine erste Auslandsreise seit dem Umzug nach Peking. Bei der Passkontrolle inspizierte der zuständige Beamte meinen Ausweis sehr eindringlich. Er bat mich schließlich, ihn zum Schalter des Schichtführers zu begleiten. Ich dachte mir nichts dabei, sondern beschwerte mich ungeduldig, weil die Zeit knapp wurde und ich zum Abflugschalter musste.

Der Beamte zeigte seinem Vorgesetzten mein Visum. Der warf einen kurzen Blick darauf, war aber mit den Gedanken offenbar noch woanders. Es war ein hektischer Morgen mit Tausenden Grenzübertritten binnen kurzer Zeit. Der Schichtleiter schien völlig überlastet zu sein. Schließlich redete auch ich noch dazwischen und erinnerte daran, dass ich wirklich keine Zeit mehr hätte. Der Mann blickte genervt noch einmal in meinen Reisepass und gab schließlich sein Okay: »Lass ihn gehen!«

In der Annahme, dass alles rechtens war, hatte ich die Landesgrenze hinter mir gelassen. Jetzt saß ich voller Vorfreude auf meinen Japan-Trip im Flieger. Die Zeit zum Nachdenken nutzte ich, um nachzusehen, was den Grenzbeamten so kritisch gestimmt hatte. Während der vergangenen 20 Minuten hatte ich nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, dass irgendetwas mit meinen Papieren nicht stimmen könnte. Andernfalls wäre ich den Beamten niemals so fordernd gegenüber aufgetreten. Eine große Klappe habe ich in der Regel nur, wenn ich mich im Recht fühle.

Ich nahm also meinen Reisepass und schaute auf das Visum: J1 für Journalisten. So weit, so gut. Aber dann: Entries, also Einreisen: 01? Moment mal. Das war höchst seltsam. Ich war mit diesem Visum schon einmal eingereist vor etwas mehr als vier Monaten und lebte seitdem in China. Ich hatte die feste Absicht, in die Volksrepublik zurückzukehren. Aber wie sollte ich mit einem Visum, das für eine einmalige Einreise bestimmt war, ein zweites Mal nach China hineinkommen? Ich benötigte ein Visum, das mir unabhängig von der Häufigkeit meiner Auslandsreisen immer wieder die Rückkehr ins Land ermöglichte. Dieses Visum in meinem Reisepass tat das definitiv nicht. Hier war etwas faul und zwar gewaltig.

Tatsächlich hatten wir uns in den vergangenen vier Monaten nie um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung gekümmert. Wir waren in all der Zeit nie in der Ein- und Ausreisebehörde gewesen, um uns amtlich anzumelden. Wir waren nie bei der staatlichen medizinischen Untersuchung, die jeder Langzeitgast über sich ergehen lassen musste, ehe er seine Papiere bekam. Wieso nicht?

WIESONICHT?????

Nun, es gab Gründe dafür. Natürlich gab es die. Vielleicht keine ausreichend guten. Aber es gab immerhin welche. Auch wir waren uns schließlich darüber im Klaren, dass wir nicht einfach in ein Land reisen und uns dort als Dauergäste niederlassen konnten, ohne ein einziges Mal unsere Dokumente vorzulegen. Dass es doch so weit kam, war eine Mischung aus Dummheit, Missverständnis und Naivität.

Unter anderem trug unser Wohnungsmakler Jimmy unverschuldet seinen Teil dazu bei. Nachdem wir wenige Tage nach unserer Ankunft unsere Wohnung bezogen hatten, bot Jimmy an, uns polizeilich zu melden. »Ach, das kann der Makler übernehmen«, staunten wir. »Das geht ja einfach.« Er nahm also unsere Reisepässe mit, und einen Tag später überreichte er uns die Registrierung der lokalen Polizeiwache in Fuli Cheng, samt unseren Dokumenten. Jetzt wusste man, dass wir hier waren, dachten wir. Und was die örtliche Polizeistation anging, stimmte das auch. Doch mit der Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung hatte dieser Vorgang rein gar nichts zu tun. Jeder Ausländer, ob Resident oder Tourist, muss sich theoretisch bei der nächstgelegenen Polizeistelle 24 Stunden nach Ankunft melden. Die Hotels übernehmen das automatisch für ihre Gäste, weswegen die meisten Ausländer von diesem Vorgang nichts mitbekommen. Aber wer privat unterkommt oder eine eigene Wohnung mietet, der ist den Behörden gegenüber in der Bringschuld.