Eine Vampirin auf Abwegen - Lynsay Sands - E-Book

Eine Vampirin auf Abwegen E-Book

Lynsay Sands

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Beschreibung

Lissianna Argeneau ist wohl die einzige Vampirin, die kein Blut sehen kann. Ihre Mutter macht ihr deshalb zum dreißigsten Geburtstag ein ungewöhnliches Geschenk: einen Psychiater, der sie von ihrer Blutphobie befreien soll. Doch als Lissianna den gut aussehenden und charmanten Dr. Gregory Hewitt an ihr Bett gefesselt vorfindet, wird ihr auf den ersten Blick klar, dass er mehr ist als nur ein schneller Snack für zwischendurch. Könnte er womöglich gar der richtige Mann fürs Leben sein, auf den Lissianna schon so lange wartet? Doch um ihn in einen Vampir verwandeln zu können, muss Lissianna erst ihre Abscheu gegen Blut überwinden ... "Wer Vampir-Storys, ob modern oder klassisch, liebt, sollte sich diesen Roman um nichts auf der Welt entgehen lassen. Spannend, fesselnd, actionreich und romantisch - alles, was ein gutes Buch braucht." Phantastik-Couch.de

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Seitenzahl: 523

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LYNSAY SANDS

Eine Vampirin auf Abwegen

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Regina Winter

PROLOG

November 2000

„Bitte, es ist wirklich nur eine ganz normale kleine Dinnerparty.“

„Mhm-mhm.“ Greg Hewitt hatte sich das Telefon zwischen Schulter und Hals geklemmt und hielt es mit dem Kinn fest, während er anfing, seinen Schreibtisch aufzuräumen, weil er bald gehen wollte.

Annes Stimme hatte jetzt diesen knatschigen Tonfall, was immer ein schlechtes Zeichen war. Mit einem innerlichen Seufzer schüttelte er den Kopf, während seine Schwester nicht aufhörte zu reden und ihm erzählte, was sie als Essen geplant hatte: alles in dem Versuch, ihn zu überreden, doch zu kommen. Ihm fiel auf, dass sie nicht erwähnte, wer sonst noch bei diesem kleinen Dinner anwesend sein würde. Er befürchtete jedoch, es bereits zu wissen. Greg bezweifelte nicht, dass es wieder einmal nur Anne, ihr Mann John und eine weitere alleinstehende Freundin sein würden, die sie hoffte mit ihrem immer noch unverheirateten älteren Bruder verkuppeln zu können.

„Also?“

Greg verscheuchte seine Überlegungen und nahm das Telefon in die Hand. Offenbar war ihm etwas entgangen. „Tut mir leid, was hast du eben gesagt?“

„Wann wirst du morgen hier sein?“

„Ich komme nicht.“ Bevor sie losjammern konnte, fügte er schnell hinzu: „Ich kann nicht. Ich werde morgen nicht mal im Land sein.“

„Was?“ Sie hielt kurz inne, dann ertönte ein misstrauisches: „Warum? Wohin fährst du denn?“

„Nach Mexiko. Ich mache Urlaub. Das ist überhaupt der Grund, wieso ich anrufe. Ich fliege gleich morgen früh nach Cancún.“ Er wusste, dass es ihr die Sprache verschlagen hatte, und erlaubte sich ein kleines Zucken der Belustigung um die Mundwinkel, während er gleichzeitig mit dem Telefon jonglierte, um in sein Anzugsakko zu schlüpfen, das er im Laufe des Tages abgelegt hatte.

„Mexiko?“, fragte Anne nach einer langen Pause, „Urlaub?“

Greg konnte nicht entscheiden, ob ihr Staunen Belustigung verriet oder nur ihre Betrübnis über sein bisheriges Leben kommentierte. Das hier war sein erster Urlaub, seit er vor acht Jahren seine psychologische Praxis eröffnet hatte. Tatsächlich hatte er seit Beginn seines Studiums keine richtigen Ferien mehr gemacht. Er war ein typischer Workaholic, der unbedingt Erfolg haben wollte und bereit war, seine gesamte Zeit in Arbeit zu stecken, um dieses Ziel zu erreichen. Freizeit hatte er so gut wie keine gehabt. Dieser Urlaub war also seit Langem überfällig.

„Anne, ich muss gehen. Ich schicke dir eine Postkarte aus Mexiko. Bis dann!“ Greg legte auf, bevor sie noch etwas sagen konnte, dann griff er nach seiner Aktentasche und floh aus dem Büro. Es überraschte ihn nicht, das Telefon klingeln zu hören, als er die Tür hinter sich schloss. Anne gab nicht so schnell auf. Mit einem dünnen Lächeln ignorierte er das Läuten jedoch und steckte den Schlüssel ein, während er den Flur entlang zum Fahrstuhl eilte.

Dr. Gregory Hewitt befand sich nun offiziell im Urlaub, und diese Gewissheit bewirkte, dass er sich bei jedem Schritt, der ihn weiter von seinem Büro wegführte, entspannter fühlte. Tatsächlich pfiff er leise, als er den Fahrstuhl betrat und den Knopf für P3 drückte. Das Pfeifen erstarb jedoch schnell auf seinen Lippen, als Greg sah, dass eine Frau mit hastigen Schritten auf die sich schließenden Türen zukam. Er griff instinktiv nach der Schalttafel des Fahrstuhls, und sein Blick suchte nach dem HALT-Knopf, um die Tür wieder zu öffnen. Doch er hätte sich keine Gedanken zu machen brauchen, denn die Frau war schnell, und es gelang ihr, in die Kabine zu schlüpfen, bevor die Türen sich ganz geschlossen hatten.

Greg ließ die Hand wieder sinken und trat höflich zur Seite, damit sie das von ihr gewünschte Stockwerk wählen konnte. Er sah sie neugierig von oben bis unten an, als sie sich vor ihn stellte, und fragte sich, woher sie wohl gekommen war. Der Flur war vollkommen leer gewesen, als er hergekommen war, und er hatte nicht einmal gehört, dass sich eine Tür geöffnet oder geschlossen hatte. Aber er war auch mit seinen Gedanken bei seinem bevorstehenden Urlaub gewesen. Es gab mehrere Büros auf dem Stockwerk, und sie konnte aus jedem von ihnen gekommen sein. Er war sich jedoch sicher, dass er sie noch nie zuvor dort gesehen hatte.

Greg hatte kaum ihr Gesicht sehen können, als sie eingestiegen war, und der größte Teil davon war nur verschwommen in seiner Erinnerung, aber ihre Augen waren von einem silbrigen Blau gewesen, das seine Aufmerksamkeit geweckt hatte. Ungewöhnlich und schön, aber wahrscheinlich das Ergebnis gefärbter Kontaktlinsen, dachte er und verlor sofort das Interesse an ihr. Greg bewunderte schöne Frauen und fand überhaupt nichts dabei, wenn sie das Beste aus ihrem Aussehen machten. Nur wenn sie diese Art von Künstlichkeit einsetzten, um noch attraktiver zu wirken, ging ihm das eher gegen den Strich.

Doch dann schüttelte er jeden Gedanken an sie ab, lehnte sich entspannt an die Rückwand der Kabine und begann sofort wieder, an seinen bevorstehenden Urlaub zu denken. Greg hatte zwar schon oft Ausflüge geplant, war aber noch nie zuvor in einem Land wie Mexiko gewesen und wollte alles genießen, was es dort gab. Außer dem üblichen Strandurlaub hoffte er auf Fallschirmsegeln und Schnorcheln, und vielleicht gab es dort sogar eine dieser Bootsfahrten, auf denen man Delfine beobachten konnte.

Er hoffte auch, das Museum Casa Maya besuchen zu können, einen ökologischen Park mit einer Reproduktion des vor Jahrhunderten versunkenen Alltagslebens der Mayas und mit ausgeschilderten Wegen, von denen aus man die lokale Tierwelt betrachten konnte. Und dann natürlich das Nachtleben! Wenn er nach seinen Besichtigungen tagsüber noch Energie haben sollte, würde er es vielleicht mit Tanzbars wie dem Coco Bongo oder dem Bulldog Café versuchen, wo die Gäste halbnackt zu ohrenbetäubender Musik herumwirbelten.

Das fröhliche Bing des Fahrstuhls lenkte Gregs Gedanken wieder von den halbnackten tanzenden Frauen ab hin zur Anzeige über den Türen. P3 leuchtete, Parkebene drei. Sein Stockwerk.

Er nickte der Frau höflich zu, trat aus dem Fahrstuhl und durchquerte dann die große, beinahe leere Parkfläche. Am Rande seiner Gedanken tanzten immer noch halbnackte Frauen, deshalb brauchte Greg eine Minute, um die Schritte hinter sich zu bemerken. Er hätte beinahe einen Blick über die Schulter zurückgeworfen, um zu sehen, wer es war, tat es dann aber doch nicht. Das Geräusch war das hohle Klackern von hohen Absätzen auf Beton; scharf und schnell und laut in dem weiten Raum widerhallend. Die Brünette hatte offenbar auch auf diesem Stockwerk geparkt.

Sein Blick wanderte zerstreut dorthin, wo sein Auto sein sollte, blieb aber an einem der Stützpfeiler hängen, an dem er vorbeikam. Das große, auf den Beton gemalte P1 bewirkte, dass er verwirrt langsamer wurde. Die Parkebenen 1 und 2 waren für Besucher der diversen Büros und Geschäfte im Gebäude reserviert. Sein Auto stand auf P3, und er war sicher, die Anzeige im Fahrstuhl hatte genau das angegeben, als er hinschaute … aber offensichtlich hatte er sich geirrt. Er blieb stehen und wollte sich wieder in die Richtung wenden, aus der er gekommen war.

Das hier ist die richtige Ebene. Das da vorn ist das Auto.

„Ja, selbstverständlich“, murmelte Greg und setzte seinen Weg fort. Er ging bis zu dem einzigen Auto auf der Etage.

Erst als er den Kofferraum öffnete, wurde ihm schockartig klar, dass der kleine rote Sportwagen überhaupt nicht sein Auto war. Er fuhr einen dunkelblauen BMW. Aber so schnell ihm dieser Gedanke gekommen war, so schnell war er auch schon wieder verschwunden, aufgelöst wie Nebelschwaden von einem Windstoß.

Greg beruhigte sich, stellte seine Aktentasche in den Kofferraum, stieg selbst hinterher, rückte sich in dem kleinen Raum zurecht und zog dann den Kofferraumdeckel über sich zu.

1

„Mhm. Dein Haar riecht so gut.“

„Äh, danke, Bob.“ Lissianna Argeneau sah sich auf dem dunklen Parkplatz um, den sie gerade überquerten, und war erleichtert, dass sie hier offenbar allein waren. „Aber glaubst du, du könntest vielleicht die Hand von meinem Po nehmen?“

„Dwayne.“

„Bitte?“ Sie blickte verwirrt zu seinem hübschen Gesicht hoch.

„Ich heiße Dwayne“, erklärte er grinsend.

„Oh.“ Sie seufzte. „Also gut, Dwayne, könntest du die Hand von meinem Po nehmen?“

„Ich dachte, du magst mich.“ Seine Hand blieb fest auf ihrem Hinterteil und drückte es auf eine mehr als freundschaftliche Art.

Sie widersetzte sich dem Bedürfnis, ihm eins überzuziehen und ihn in die Büsche zu zerren wie den Neandertaler, als der er sich aufführte, und zwang sich zu einem Lächeln. „Das tue ich auch, aber warten wir doch, bis wir in deinem Auto sind, um …“

„O ja. Mein Auto“, unterbrach er. „Was das angeht …“

Lissianna blieb stehen und schaute ihm ins Gesicht. Sie kniff ihre Augen argwöhnisch zusammen angesichts des Unbehagens, das sich plötzlich auf seiner Miene spiegelte. „Ja?“

„Ich habe kein Auto“, gab Dwayne zu.

Lissianna blinzelte; ihr Verstand tat sich schwer, das Gesagte zu begreifen. In Kanada hatte jeder, der älter war als zwanzig, ein Auto. Nun ja, so gut wie jeder. Vielleicht war das auch übertrieben, aber die meisten alleinstehenden Männer, die alt genug für Verabredungen waren, hatten ein Auto. Es war so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz.

Bevor sie noch eine Bemerkung dazu machen konnte, fügte Dwayne hinzu: „Ich dachte, du hättest eins.“

Es klang beinahe wie ein Vorwurf, stellte Lissianna bei sich fest und runzelte die Stirn. In mancher Hinsicht hatte die Frauenbewegung ihnen wirklich keinen Gefallen getan. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er als Mann das Fahrzeug gehabt oder, ohne zu zögern, einen Weg gefunden hätte, sie an einen Ort zu bringen, an dem sie hätten allein sein können. Doch er schaute nur verärgert drein, als habe sie ihn dadurch, dass sie kein Auto hatte, irgendwie enttäuscht.

„Ich habe eins“, sagte sie defensiv. „Aber heute bin ich mit Verwandten gekommen.“

„Die Tussie mit dem rosa Haar?“

„Nein. Das ist meine Freundin Mirabeau. Thomas ist gefahren“, antwortete Lissianna abwesend, während sie über die Situation nachdachte. Er hatte kein Auto, und Thomas hatte den Jeep abgeschlossen, als sie gekommen waren. Sie konnte vielleicht zurück in die Bar gehen, Thomas suchen und sich den Schlüssel geben lassen, aber sie hatte wirklich nicht vor, seinen Jeep zu benutzen, wenn sie –

„Schon gut. Ich habe nichts dagegen, es im Freien zu tun.“

Lissianna wurde jäh aus ihren Überlegungen gerissen, als er sie an den Hüften packte und an sich zog. Instinktiv lehnte sie sich zurück und brachte damit eine gewisse Distanz zwischen ihre beiden Oberkörper, aber das half nicht dagegen, dass ihre Unterkörper sich umso mehr aneinanderdrückten. Plötzlich wurde ihr klar, dass der Gedanke daran, „es im Freien zu tun“, Dwayne wirklich nicht störte. Wenn überhaupt, legte die Härte, die sich gegen sie drückte, nahe, dass der Gedanke ihn erregte. Offenbar ein leicht erregbarer Bursche, dachte Lissianna. Sie selbst konnte nicht begreifen, was es draußen so anziehend machen sollte, besonders in einer Nacht des kanadischen Winters.

„Komm schon.“ Dwayne ließ ihre Hüfte los, ergriff ihre Hand und zog sie eilig auf die andere Seite des Parkplatzes. Erst als er sie hinter den großen metallenen Abfallcontainer in der dunkelsten Ecke bugsierte, wurde ihr klar, was er vorhatte.

Lissianna verkniff sich eine sarkastische Bemerkung über sein romantisches Wesen und kam zu dem Schluss, dass sie einfach dankbar sein sollte, dass es Winter war. Es hatte zwar noch nicht geschneit, war aber kalt genug, dass die vergammelnden Lebensmittel in dem großen Container nicht stanken.

„Hier ist es genau richtig.“ Dwayne drückte sie mit ihrem Rücken an das kalte Metall des Containers und drängte sich gegen sie.

Lissianna seufzte innerlich und wünschte sich, sie hätte ihren Mantel nicht drinnen gelassen. Sie kam mit der Kälte besser zurecht als ein Durchschnittsmensch, aber sie war nicht gänzlich vor ihr geschützt. Das kalte Metall, an dem sie lehnte, zog die Wärme aus ihr heraus und zwang ihren Körper, schwerer zu arbeiten, damit sie warm bleiben konnte. Sie war hungrig und ihr Körper so dehydriert, dass sie ihm im Augenblick wirklich keine Mehrarbeit zumuten wollte.

Der plötzliche Angriff seines Mundes auf den ihren zwang Lissiannas Gedanken wieder in die Gegenwart zurück und machte ihr klar, dass es Zeit war, die Kontrolle über die Situation zu übernehmen. Sie ignorierte die sondierende Berührung seiner Zunge an ihren geschlossenen Lippen, packte ihn vorn am Sakko und drehte ihn mit sich um. Dann drückte sie ihn ein bisschen fester gegen den Container, als sie eigentlich beabsichtigt hatte.

„Junge, Junge“, lachte er, und seine Augen begannen zu blitzen. „Eine wilde Frau.“

„Das gefällt dir, wie?“, fragte Lissianna trocken. „Dann wirst du das hier ganz sicher großartig finden.“

Sie ließ seine Jacke los, krallte sich in seine Haare und riss seinen Kopf zur Seite. Jetzt bewegte sie ihren Mund auf seinen Hals zu.

Dwayne stieß kleine entzückte Laute aus, als sie die Lippen leicht an seiner Halsschlagader entlangzog. Sobald sie die beste Stelle für ihren Zweck gefunden hatte, öffnete Lissianna den Mund, atmete durch die Nase, und ihre Eckzähne fuhren zu ihrer ganzen scharfen Länge aus und senkten sich in seinen Hals.

Dwayne gab ein leises Keuchen von sich und erstarrte, seine Arme schlossen sich noch fester um sie, aber nur einen winzigen Moment lang. Schon lehnte er gelöst an dem Container, als Lissianna ihm die Gefühle sandte, die sie empfand: Die Zufriedenheit, als Blut durch ihre Zähne floss und direkt in ihren Organismus ging, und den ein wenig schwindelig machenden Rausch, als ihr Körper sich gierig und wollüstig auf die flüssige Gabe stürzte.

Das einzige Bild, das ihr als Vergleich für die Reaktion ihres Körpers einfiel, war die erwartungsvolle Spannung, die ausgelöst wurde beim Anblick eines Bootes, das kurz vor dem Umschlagen stand, nachdem es nur auf einer Seite belastet worden war. Lissiannas Körper reagierte genauso, als ihr hungriges Blut sich beeilte, das neue Blut zu absorbieren, während ihre Zähne einsaugten, was ihr Körper so unbedingt brauchte. Es bewirkte einen nicht unangenehmen Rausch. Sie stellte sich vor, dass es ähnlich sein musste wie das, was Leute erlebten, wenn sie Drogen nahmen. Nur, dass es hier nicht um Drogen ging; das hier war Lissiannas Leben.

Sie hörte, wie Dwayne ein leises, erfreutes Geräusch von sich gab. Es war ein Echo ihrer lautlosen Bekundung des Vergnügens, das sie erlebte, weil die Krämpfe in ihrem Körper langsam nachließen.

Zu langsam, erkannte Lissianna plötzlich. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Sie behielt die Zähne tief in seinem Hals, fing aber an, seine Gedanken durchzugehen. Sie brauchte nicht lange, um das Problem zu finden. Dwayne war nicht das gesunde Exemplar, das er zu sein schien. Tatsächlich war nur wenig an ihm, was es zu sein schien. Aus seinen Gedanken erfuhr sie, dass die Schwellung, die sich gegen ihren unteren Bauch drückte, keine Schwellung, sondern eine Gurke war, die er in die Hose gesteckt hatte, seine Schultern waren unter der Jacke dick gepolstert, und die attraktive sportliche Bräune kam aus der Tube. Sie sollte wohl die natürliche Blässe verdecken, die durch … nun ja, Blutarmut bewirkt wurde.

Lissianna riss den Mund mit einem Fluch weg; ihre Zähne glitten schnell wieder in die Ruheposition zurück, und dann starrte sie den Mann wütend an. Nur der Instinkt ließ sie in seine Gedanken gleiten, um seine Erinnerungen neu zu formen. Sie war so wütend auf diesen Kerl …

Und auf Mirabeau auch. Immerhin war es die Idee ihrer Freundin gewesen, diesen Kerl zu einem kurzen Biss mit nach draußen nehmen. Lissianna wusste, dass ihre Mutter ein Geschenk für sie vorbereitet hatte, und hatte bis zu ihrer Geburtstagsfeier warten wollen, um sich zu nähren, aber Mirabeau – und ihre Cousine Jeanne – hatten befürchtet, Lissiannas Blässe würde Marguerite Argeneau veranlassen, ihr eine Infusion zu verabreichen, sobald sie wieder zu Haus waren.

Als Dwayne begonnen hatte, sie anzubaggern, hatte sie sich von Mirabeau zu einem kleinen Imbiss überreden lassen. Und jetzt würde die Sache vielleicht kompliziert werden. Sie hatte einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte, und dann noch ein wenig länger, um die Information zu finden, dass er anämisch war. Sie konnte nur hoffen, dass sie ihm in der kurzen Zeit nicht zu viel Blut abgenommen hatte.

Als sie mit seinem Gedächtnis fertig war, sah Lissianna ihn mit einer Mischung aus Verärgerung und Sorge an. Trotz seiner künstlichen Bräune sah er blass aus, doch stand er zumindest noch fest auf den Beinen. Sie ergriff sein Handgelenk, fühlte seinen Puls und war beruhigt. Er war etwas beschleunigt, aber stark. Am kommenden Abend würde es ihm wieder gut gehen. Dwayne würde sich ein Weilchen nicht so toll fühlen, aber am Ende war es kaum mehr, als er dafür verdiente, dass er hier aufgepolstert und aufgegurkt herumrannte, um ein Mädchen anzumachen. Idiot.

Leute konnten so dumm sein, dachte sie gereizt. Wie Kinder, die sich verkleideten und so taten, als seien sie älter, als sie wirklich waren, liefen Erwachsene nun mit Push-ups, in Korsetts oder silikongefüllt herum, um etwas vorzugeben, was sie gar nicht waren oder was sie für attraktiv hielten. Und es wurde immer schlimmer. Sie fragte sich, warum die Menschen nicht verstanden, dass sie gut waren, so wie sie waren. Und dass nur diejenigen, die an anderen herummäkelten, ein Problem hatten.

Lissianna gab Dwayne den Gedanken ein, dass er herausgekommen war, um Luft zu schnappen, weil er sich nicht wohlgefühlt hatte. Sie wies ihn an, so lange draußen zu bleiben, bis er sich besser fühlte, und dann ein Taxi nach Hause zu nehmen. Dann ließ sie ihn die Augen schließen, während sie sich langsam ganz aus seiner Erinnerung löschte. Sobald sie sicher war, dass sie das erledigt hatte, ließ sie ihn schwankend stehen, wo er war, umrundete den Container und machte sich auf den Rückweg.

„Lissi?“ Eine Gestalt kam über den dunklen Parkplatz auf sie zu.

„Vater Joseph.“ Lissianna änderte überrascht ihren Kurs, um ihm entgegenzugehen. Der alte Priester war ihr Boss im Obdachlosenheim, in dem sie arbeitete. Sie hatte dort die Nachtschicht übernommen. „Was machen Sie denn hier?“

„Bill sagte, es sei ein neuer Junge hier in der Gegend aufgetaucht. Er glaubt nicht, dass der Junge älter ist als zwölf oder dreizehn, und er ist ziemlich sicher, dass er sein Essen in den Abfallcontainern dort hinten zusammensucht. Ich wollte mal sehen, ob ich ihn finden und überreden kann, zu uns ins Heim zu kommen.“

„Oh.“ Lissianna sah sich auf dem Parkplatz um. Bill war einer der Stammgäste im Obdachlosenheim. Er wies sie oft auf Leute hin, die vielleicht ihre Hilfe brauchen konnten. Und wenn er sagte, dass ihm ein neuer Junge hier aufgefallen war, dann stimmte das. Bill war sehr zuverlässig, was diese Dinge anging. Und Vater Joseph war ebenso zuverlässig, wenn es darum ging, Ausreißer zu suchen, in der Hoffnung, sie zu erwischen, bevor sie etwas Verzweifeltes oder Dummes taten oder zu Drogen oder zur Prostitution verleitet wurden.

„Ich helfe Ihnen“, bot Lissianna an. „Er ist wahrscheinlich irgendwo hier. Ich …“

„Nein, nein. Heute ist Ihr freier Abend“, sagte Vater Joseph und sah sie dann stirnrunzelnd an. „Außerdem tragen Sie nicht einmal einen Mantel. Was machen Sie denn überhaupt hier draußen ohne Mantel?“

„Oh.“ Lissiannas Blick flog zu dem Abfallcontainer hinüber, als es auf einmal dahinter polterte. Eine schnelle Sondierung von Dwaynes Gedanken sagte ihr, dass er dieses Geräusch verursacht hatte, als er den Kopf gegen den Container gelehnt hatte. Idiot. Sie schaute zurück und stellte fest, dass Vater Joseph ebenfalls die Container betrachtete, und sagte schnell, um ihn abzulenken. „Ich hatte etwas im Auto meines Vetters vergessen.“

Das war eine so offensichtliche Lüge, dass Lissianna nur inständig hoffen konnte, dass der Priester nicht bemerkt hatte, wo sie wirklich hergekommen war, sondern annehmen würde, dass es der kleine schwarze Mazda gewesen war, der neben den Containern stand. Sie wollte nicht mehr lügen als nötig, also rieb sie sich fröstelnd die Arme und fügte hinzu: „Aber Sie haben recht, es ist wirklich kalt hier draußen.“

„Ja.“ Er sah sie besorgt an. „Sie sollten lieber wieder reingehen.“

Lissianna nickte, wünschte ihm eine gute Nacht und floh. Sie eilte über den Parkplatz, dann um die Hausecke und wurde erst langsamer, als sie in die laute, überfüllte Bar kam.

Thomas war nirgendwo zu sehen, aber Lissianna hatte aufgrund der fuchsienfarbenen Spitzen von Mirabeaus tiefschwarzem Haar keine Schwierigkeiten, diese mit Jeanne zusammen an der Bar zu entdecken.

„Oh, du siehst …“ Mirabeau zögerte, als Lissianna vor ihr stand, und schloss schließlich mit „… genauso aus wie vorher. Was ist denn passiert?“

„Blutarm.“ Sie spuckte das Wort verärgert aus.

„Aber er sah so gesund aus!“, protestierte Jeanne.

„Gepolsterte Schultern und Bräune aus der Tube“, sagte sie. „Und das war noch nicht alles.“

„Was kann er denn sonst noch auf die Schnelle verbessert haben?“, fragte Mira trocken.

Empört antwortete Lissianna. „Er hatte eine Gurke in der Hose.“

Jeanne kicherte ungläubig, aber Mirabeau stöhnte und sagte: „Es muss eine von diesen Salatgurken gewesen sein; es sah gewaltig aus.“

Lissianna starrte sie verdutzt an. „Du hast tatsächlich nachgesehen?“

„Du etwa nicht?“, konterte sie.

Jeanne fing an zu lachen, aber Lissianna schüttelte nur missbilligend den Kopf und sah sich an der Bar um. „Wo ist Thomas?“

„Hier!“

Sie fuhr herum, als er die Hand auf ihre Schulter legte.

„Habe ich richtig gehört? Dein Romeo hatte eine Gurke in der Hose?“, fragte er amüsiert und drückte ihre Schulter liebevoll.

Lissianna nickte angewidert. „Kannst du dir das vorstellen?“

Thomas lachte. „Das kann ich leider wirklich. Erst polstern Frauen ihre Büstenhalter, jetzt polstern Männer ihre Shorts.“ Er schüttelte den Kopf. „Was für eine Welt.“

Lissianna spürte, dass ein widerwilliges Lächeln um ihre Mundwinkel spielte, als sie seine Miene sah, dann gab sie auf und vergaß ihren Ärger. Es hatte sie gar nicht verstimmt, dass Dwayne sie mit einer Gurke getäuscht hatte; was er in der Hose hatte, hatte sie sowieso nicht interessiert. Sie war ja nur zu einem kurzen Biss mit ihm nach draußen gegangen. Die Zeitverschwendung ärgerte sie jedoch, und die Tatsache, dass sie mehr Energie verbraucht hatte, um sich in der Kälte warm zu halten, als das Blut des Mannes schließlich geliefert hatte. Sie hatte jetzt sogar noch mehr Hunger als zuvor. Die ganze Sache hatte ihren Appetit nur noch vergrößert.

„Wie lange dauert es noch, bis wir zu Mom gehen können?“, fragte sie erwartungsvoll. Ihre Verwandten und Mirabeau hatten beschlossen, sie zum Tanzen auszuführen, bevor sie zu der Geburtstagsfeier gingen, die ihre Mutter für sie veranstalten wollte. Lissianna hatte sich sehr darüber gefreut, aber das war zu einem Zeitpunkt gewesen, als sie nur ein bisschen hungrig gewesen war. Jetzt stand sie kurz vor dem Verhungern und wollte unbedingt bald zu dieser Party, denn ihre Mutter hatte sicher eine Mahlzeit vorbereitet. Sie war inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem sie sogar eine Infusion akzeptieren würde, was sonst unvorstellbar gewesen wäre. Lissianna konnte es nicht ausstehen, intravenös ernährt zu werden.

„Es ist erst kurz nach neun“, sagte Mirabeau, die auf die Armbanduhr geschaut hatte. „Marguerite wollte nicht, dass wir dich vor zehn zurückbringen.“

„Hm.“ Lissianna verzog verärgert den Mund. „Weiß jemand, wieso die Party so spät anfängt?“

„Tante Marguerite sagte, sie müsse vor der Party noch etwas für dich in der Stadt abholen und das sei erst nach neun möglich“, warf Thomas ein. „Und dann muss sie noch zurückfahren, also …“, er zuckte die Achseln, „… keine Party vor zehn.“

„Sie holt wohl dein Geschenk ab“, spekulierte Mirabeau.

„Das glaube ich nicht“, sagte Thomas. „Sie erwähnte etwas von Lissianna und Nahrung. Ich nehme an, sie holt einen besonderen Nachtisch ab oder so.“

„Einen besonderen Nachtisch?“, fragte Jeanne interessiert. „In der Stadt? Nach neun?“ Sie sah Lissianna aufgeregt an und riet: „Ein Süßmäulchen?“

„Mag sein“, schloss Lissianna sich den Spekulationen an, und ihre Augen leuchteten voll Vorfreude. Sie hatte die Vorliebe ihrer Mutter für Süßes geerbt, und nichts bereitete ihnen mehr Genuss als Süßmäulchen. So nannten sie nicht diagnostizierte Diabetiker, die mit gefährlich hohen Blutzuckerwerten durch die Welt spazierten. Es war schwierig, überhaupt eine solche Person aufzuspüren, und es wurde immer schwieriger, weil sie danach der betreffenden Person immer den Gedanken in den Kopf setzten, zum Arzt zu gehen und einen Bluttest machen zu lassen. Und damit gab es wieder ein Süßmäulchen weniger für sie.

„Das könnte sein“, stellte Thomas fest. „Es würde erklären, wieso Tante Marguerite freiwillig in die Innenstadt von Toronto gefahren ist. Mit dem Auto in der Stadt herumzufahren findet sie furchtbar und meidet es für gewöhnlich wie die Pest.“

„Wenn sie denn selbst gefahren ist“, sagte Mirabeau. „Sie hat Bastien vielleicht einen der Firmenwagen schicken lassen, um sie herumzukutschieren.“

Thomas schüttelte den Kopf, als Lissiannas Bruder erwähnt wurde, der Chef von Argeneau Enterprises. „Nein. Sie ist selbst gefahren und war gar nicht glücklich darüber.“

Lissianna trat ungeduldig von einem Bein auf das andere und fragte: „Wann können wir also los?“

Thomas zögerte. „Na ja, es ist Freitagabend, und der Verkehr könnte schlimm sein, weil alle übers Wochenende die Stadt verlassen wollen“, sagte er nachdenklich. „Ich nehme an, wenn wir in einer Viertelstunde aufbrechen, werden wir nicht allzu früh da sein.“

„Wie wäre es, wenn wir jetzt gleich gehen und du langsam fährst?“, schlug Lissianna vor.

„Sind wir so langweilig?“, war seine amüsierte Gegenfrage.

„Nicht ihr. Dieser Laden. Es ist wie ein Fleischmarkt.“ Lissianna zog die Nase kraus.

„Also gut, du Gör.“ Thomas zauste liebevoll ihr Haar. Er war vier Jahre älter als sie und mehr älterer Bruder für sie als ihre eigenen Brüder. Aber sie waren ja schließlich auch zusammen aufgewachsen. „Lasst uns gehen. Ich werde mein Bestes tun, langsam zu fahren.“

„Pah.“ Jeanne schnaubte. „Kann ich mir vorstellen.“

Lissianna lächelte, als sie ihre Mäntel holten und die Bar verließen. Thomas fuhr immer zu schnell, und sie wusste, dass Jeanne Louise recht hatte. Sie würden ganz bestimmt zu früh kommen und damit ihre Mutter verärgern. Aber das war ein Risiko, das sie eingehen musste.

Von Vater Joseph war nichts mehr zu sehen, als sie zu Thomas’ Jeep gingen. Er hatte entweder aufgegeben oder suchte woanders. Ihr nächster Gedanke galt Dwayne, und sie warf einen Blick zu den Abfallcontainern hinüber, als Thomas an ihnen vorbeifuhr. Auch von ihm gab es keine Spur, er war ebenfalls verschwunden. Sie war ein wenig überrascht, dass er sich so schnell erholt hatte, dann schob sie die ganze Sache beiseite. Er lag jedenfalls nicht bewusstlos mitten auf dem Parkplatz, also hatte er offensichtlich ein Taxi nach Hause genommen.

Der Verkehr war nicht so schlimm wie befürchtet. Es war inzwischen spät genug, dass das Schlimmste schon vorüber war, und sie erreichten das Haus ihrer Mutter am Rand von Toronto relativ schnell. Zu schnell.

„Wir sind eine halbe Stunde zu früh“, sagte Jeanne Louise auf dem Rücksitz, während Thomas den Jeep hinter Marguerites kleinem rotem Sportwagen parkte.

„Ja.“ Er zuckte die Achseln. „Sie wird schon damit zurechtkommen.“

Jeanne Louise schnaubte. „Du meinst, sie wird damit zurechtkommen, nachdem du sie charmant angelächelt hast. Du konntest Tante Marguerite schon immer um den kleinen Finger wickeln.“

„Warum, glaubst du, war ich so gerne mit Thomas zusammen, als wir jünger waren?“, fragte Lissianna amüsiert.

„Oh, ich verstehe!“ Thomas lachte, als sie ausstiegen. „Du magst mich nur, weil ich so gut mit deiner Mutter umgehen kann.“

„Na ja, du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass es mir um deine Nähe ging, oder?“, neckte Lissianna ihn, als er um das Auto herum an ihre Seite kam.

„Freches Ding.“ Er zog sie am Haar.

„Ist das nicht das Auto deines Bruders Bastien?“, fragte Mirabeau, als sie hinter dem Beifahrersitz ausstieg und die Tür des Jeeps zuwarf.

Lissianna warf einen Blick auf den dunklen Mercedes und nickte. „Sieht so aus.“

„Ich frage mich, ob sonst noch jemand im Haus ist“, murmelte Jeanne Louise.

Lissianna zuckte die Achseln. „Ich sehe keine anderen Autos. Aber Bastien könnte ein paar Firmenwagen losgeschickt haben, um Gäste abzuholen und herzubringen.“

„Selbst wenn er das getan hat, ist sicher noch niemand von ihnen hier“, sagte Mirabeau, als sie auf die Haustür zugingen. „Du weißt, dass es unmodern ist, pünktlich zu einer Party zu erscheinen. Nur altmodische Leute kommen pünktlich.“

„Dann sind wir jetzt aber ganz schön altmodisch“, stellte Lissianna fest.

„Nö. Wir sind Trendsetter“, verkündete Thomas, und sie kicherten alle.

Bastien öffnete die Haustür im selben Moment, als sie davorstanden. „Mir war so, als ob ich ein Auto gehört hätte.“

„Bastien, Dude!“, grüßte Thomas ihn laut, dann umarmte er ihn fest, was den Älteren überrascht erstarren ließ. „Wie läuft’s denn so, Dude?“

Lissianna biss sich auf die Lippen, um nicht laut lachen zu müssen, und warf Jeanne Louise und Mirabeau einen vielsagenden Blick zu. Dann wandte sie sich schnell wieder ab, als sie sah, dass auch ihre Freundinnen sich angesichts Thomas’ plötzlicher Leutseligkeit kaum beherrschen konnten. Er hatte sich in Sekundenbruchteilen von einem ganz normalen Mann in einen Spinner verwandelt.

„Ja … nun … Thomas. Hallo.“ Es gelang Bastien, sich seinem überschäumenden jüngeren Vetter zu entziehen. Wie immer wirkte er verkrampft und nicht ganz sicher, wie er mit ihm umgehen sollte. Und genau das war der Grund, wieso Thomas sich so benahm. Er wusste, dass er für Lissiannas ältere Brüder – die über vierhundert und sechshundert Jahre alt waren – nicht mehr als ein Welpe war, und das ärgerte ihn maßlos. Mit über zweihundert Jahren immer noch als Kind betrachtet zu werden konnte schrecklich lästig sein, und daher benahm Thomas sich in Gegenwart Älterer auch oft wie eines. Er ergriff jede Gelegenheit, die Älteren sich unsicher fühlen zu lassen, und das wiederum nutzte er – wie Lissianna annahm – zu seinem Vorteil aus. Ihre Brüder unterschätzten ihn häufig.

Lissianna, die wegen ihrer relativen Jugend unter der gleichen Behandlung litt, konnte sich gut vorstellen, wie Thomas sich fühlte. Auch sie sah es nur zu gerne, wenn ihre älteren Brüder vor Unbehagen nicht ein noch aus wussten.

„Also, wo ist die Party, Dude?“, fragte Thomas vergnügt.

„Sie hat noch gar nicht angefangen“, stellte Bastien fest. „Ihr seid die Ersten.“

„Nein, Dude, du musst der Erste gewesen sein“, verbesserte Thomas ihn gut gelaunt, dann gestand er: „Du machst dir keine Vorstellung, wie mich das erleichtert. Mirabeau hat nämlich gesagt, wenn wir als Erste kämen, würden wir damit zeigen, wie altmodisch wir sind. Aber wir waren nicht die Ersten. Du warst vor uns hier.“

Lissianna hüstelte, um damit das Lachen zu überspielen, das ihr entwichen war, als ihrem Bruder klar geworden war, dass man ihn gerade altmodisch genannt hatte. Als sie sich wieder im Griff hatte, sah sie den armen Bastien linkisch und steif und auch ein wenig verärgert dastehen. Sie erbarmte sich seiner, und um die Situation zu entschärfen, fragte sie ihn: „Und, wo steckt Mom? Dürfen wir reinkommen, oder müssen wir noch länger hier draußen stehen bleiben?“

„Oh, bitte kommt rein.“ Bastien trat rasch beiseite. „Ich bin selbst gerade erst gekommen, und Mutter ist nach oben gegangen, um sich für die Party umzuziehen, nachdem sie mich reingelassen hatte. Sie müsste in ein paar Minuten so weit sein. Vielleicht möchtet ihr im Spielzimmer warten, bis sie runterkommt. Sie will sicher nicht, dass du das festlich hergerichtete Wohnzimmer siehst, Lissianna, ehe alle hier sind.“

„In Ordnung“, sagte Lissianna umgänglich und betrat das Haus.

„Wie wäre es mit einer Runde Pool, Dude?“, fragte Thomas freundlich, als er Lissianna ins Haus folgte.

„Oh … äh … nein. Danke, Thomas. Ich muss die Gäste empfangen, bis Mutter fertig ist.“ Bastien zog sich tiefer in den Flur zurück. „Ich werde ihr sagen, dass ihr hier seid.“

„Er mag mich einfach“, sagte Thomas amüsiert, als Bastien verschwunden war, dann breitete er die Arme aus, um die Damen auf eine geschlossene Tür zuzuscheuchen. „Kommt mit. Lasst uns spielen. Hat noch jemand Lust auf Pool?“

„Ja, ich“, sagte Mirabeau, dann fügte sie hinzu: „Lissi, du hast eine Laufmasche.“

„Bitte?“ Lissianna hielt inne und schaute an ihren Beinen hinab.

„Hinten“, sagte Mirabeau, und Lissianna drehte sich, um sich die Rückseite ihres rechten Beins ansehen zu können.

„Wahrscheinlich bin ich an irgendetwas am Müllcontainer hängen geblieben“, murmelte sie angewidert, als sie die lange, breite Laufmasche an ihrer rechten Wade sah.

„Müllcontainer?“, fragte Thomas interessiert.

„Frag lieber nicht“, sagte sie trocken, dann schnalzte sie verärgert mit der Zunge und richtete sich wieder auf. „Ich muss die Strümpfe wechseln, bevor die Party beginnt. Zum Glück hat Mom darauf bestanden, dass ich ein paar Sachen in meinem alten Zimmer lasse, als ich ausgezogen bin. Ich müsste dort auch ein paar Strümpfe haben. Geht ihr ruhig schon mal vor.“

„Komm schnell zurück“, rief Thomas, als sie leichtfüßig die Treppe hochsprang.

Lissianna winkte nur über die Schulter, als sie den Treppenabsatz erreicht hatte und durch den Flur auf ihr Schlafzimmer zuging. Es war auf jeden Fall eine gute Idee, schnell zu den anderen zurückzukehren. Marguerite Argeneau würde nicht erfreut sein, dass sie so früh gekommen waren, aber Thomas würde ihre schlechte Stimmung schon vertreiben.

„Feigling“, tadelte Lissianna sich. Sie war über zweihundert Jahre alt und würde sich um die Meinung ihrer Mutter wahrscheinlich immer noch Gedanken machen, wenn sie sechshundert war. Sie musste dabei nur an ihre Brüder denken. Sie waren unabhängig und konnten für sich selbst sorgen und … na ja … sie waren schlicht und ergreifend richtig alt, aber sie fürchteten immer noch, Marguerite Argeneaus Missfallen zu erregen.

„Muss in der Familie liegen“, schloss sie, als sie die Tür zu dem Zimmer öffnete, in dem sie bis vor Kurzem gewohnt hatte und in dem sie hin und wieder immer noch übernachtete, wenn sie zu lange geblieben war, um es noch vor Sonnenaufgang nach Hause zu schaffen. Den Griff noch in der Hand blieb sie stehen und riss überrascht die Augen auf, als sie den Mann auf ihrem Bett sah.

„Oh, tut mir leid, falsches Zimmer“, murmelte sie und zog die Tür wieder hinter sich zu.

Dann sah sie sich verdutzt auf dem Flur um, bis ihr klar wurde, dass sie gar nicht das falsche Zimmer erwischt hatte. Das hier war ihr altes Schlafzimmer. Sie hatte jahrzehntelang dort geschlafen und irrte sich ganz bestimmt nicht. Sie wusste nur nicht, wieso sich ein Mann dort drinnen befand. Oder vielmehr, warum er mit ausgebreiteten Armen und gespreizten Beinen auf ihrem Bett lag – gefesselt an Kopf- und Fußende.

Lissianna dachte einen Moment nach. Ihre Mutter hätte doch sicher keinen Untermieter aufgenommen, und selbst wenn, hätte sie es sicher ihren Kindern erzählt. Sie hätte ihn auch nicht in Lissiannas altem Zimmer untergebracht, das ihre Tochter bei den seltenen Gelegenheiten, in denen sie hier übernachtete, immer noch benutzte. Außerdem wiesen die Fesseln eher darauf hin, dass er kein ganz freiwilliger Gast sein konnte.

Ebenso wie die Schleife um seinen Hals, dachte Lissianna, als sie sich an den fröhlichen roten Farbtupfer des Bandes erinnerte, das von seinem Kinn zusammengedrückt wurde, als er den Kopf anhob, um sie anzusehen.

Es war die Schleife, die schließlich bewirkte, dass sie sich beruhigte, denn ihr wurde klar, dass er wahrscheinlich die besondere Überraschung war, derentwegen ihre Mutter in die Stadt gefahren war. Das Süßmäulchen, von dem Jeanne Louise gesprochen hatte. Obwohl, dachte Lissianna, der Mann in ihrem Bett ausgesprochen gesund ausgesehen hatte. Aber man konnte da nie ganz sicher sein, bis man näher kam und die Süße roch, die ein unbehandelter Diabetiker ausströmte.

Der Mann in ihrem Zimmer war sozusagen eine Geburtstagstorte auf Beinen. Und er hatte tatsächlich köstlich ausgesehen, dachte sie, als sie sich an ihn erinnerte. Seine Augen waren durchdringend und intelligent gewesen, die Nase gerade, das Kinn stark … und sein Körper war auch nicht übel gewesen. Er schien groß, schlank und muskulös zu sein, wie er dort auf dem Bett ausgestreckt gelegen hatte.

Nach ihrer Erfahrung mit Dwayne war Lissianna selbstverständlich klar, dass das Sakko, das er trug, ebenfalls gepolstert sein konnte. Sie hatte nicht nach Gurken Ausschau gehalten, aber der Mann war nicht sonderlich gebräunt gewesen, weder aus der Tube noch sonst wie, hatte aber auch nicht anämisch gewirkt, und ihre Mutter würde wahrscheinlich auch nicht den Fehler machen, den Lissianna zuvor begangen hatte. Marguerite hätte sich davon überzeugt, dass er genau das war, was sie wollte, bevor sie ihn ihrer Tochter schenkte. Und Jeanne Louise hatte wahrscheinlich recht, und er war ein unbehandelter Diabetiker. Alles andere wäre eher seltsam gewesen. Ihre Mutter würde kaum den ganzen Weg in die Stadt gefahren sein, nur um ein durchschnittliches gesundes Individuum zu finden, wenn sie auch einfach eine Pizza bestellen und Lissianna den Lieferanten überreichen konnte, wie sie es üblicherweise tat.

Also war er wohl tatsächlich etwas Süßes, schloss sie und bemerkte, wie ihr Hunger wieder an ihrem Magen zu nagen begann. Lissianna hätte nichts dagegen gehabt, ihr Geschenk schon einmal zu probieren. Nur ein Appetithäppchen, um sie über die Runden zu bringen, bevor ihre Mutter ihn ihr wirklich schenkte. Rasch wies sie den Gedanken jedoch wieder von sich. Selbst Thomas würde ihre Mutter nicht wieder aus der schlechten Laune locken, wenn sie das tat. Also war es keine gute Idee, reinzugehen und ihn zu beißen, aber sie brauchte immer noch frische Strümpfe.

Lissianna wusste, dass es am besten sein würde, so wie sie war, in das Spielzimmer zurückzukehren, aber sie überlegte sich andererseits, dass es, da die Überraschung nun sowieso verdorben war, albern sein würde, den ganzen Abend mit Laufmaschen in den Strümpfen herumzulaufen. Sie war nun einmal hier, und es würde nur einen Moment dauern, sich ein frisches Paar von denen zu holen, die sie genau für einen solchen Notfall hiergelassen hatte.

2

Greg starrte auf die geschlossene Tür. Er konnte einfach nicht begreifen, dass jemand sie gerade geöffnet, kurz hereingeschaut – offensichtlich verblüfft über seinen Anblick – und sich dann entschuldigt und die Tür wieder zugemacht hatte, während er wie ein Idiot dagelegen hatte, zu erschrocken, um etwas zu sagen oder zu tun. Nicht, dass er eine große Chance hatte zu reagieren, aber immerhin …

Die Muskeln in seinem Hals fingen an wehzutun, denn es war anstrengend, den Kopf hochzuhalten, um die Tür im Auge zu behalten. Mit einem resignierten Seufzer ließ Greg seinen Kopf wieder auf das Kissen zurückfallen und begann leise vor sich hinzufluchen, wie dumm er doch gewesen war.

An diesem Abend war ihm deutlich vor Augen gehalten worden, was für ein vollkommener Idiot er war. Greg hatte sich zuvor nie für einen Idioten gehalten, tatsächlich war er immer der Ansicht gewesen, dass er über eine gewisse Intelligenz verfüge, aber nur so lange, bis er in den Kofferraum eines fremden Autos geklettert war und sich selbst darin eingeschlossen hatte, ohne jeden Sinn und Verstand.

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