Vampire sind die beste Medizin - Lynsay Sands - E-Book

Vampire sind die beste Medizin E-Book

Lynsay Sands

4,8
8,99 €

Beschreibung

Mit ihren siebenhundert Jahren will die Vampirin Marguerite Argeneau endlich eine eigene Karriere starten und lässt sich zur Privatdetektivin ausbilden. Als sie ihren ersten Auftrag erhält, geht sie mit Feuereifer ans Werk. Sie soll die Mutter eines Unsterblichen aufspüren. Was Marguerite zunächst für einen leichten Job hält, nimmt jedoch schon bald gefährliche Ausmaße an, als ein Unbekannter sie mit einem Schwert bedroht. Doch zum Glück eilt der Vampir Julius Marguerite zur Hilfe. Er ist überzeugt, dass sie seine Seelengefährtin ist, und will sie für sich gewinnen. Allerdings ist er ein wenig aus der Übung, denn es ist schon fünfhundert Jahre her, seit er das letzte Mal eine Frau umworben hat ...

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Seitenzahl: 489

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Inhalt

Titel

Widmung

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Epilog

Impressum

LYNSAY SANDS

Roman

Ins Deutsche übertragen von Ralph Sander

Für Dave. Danke für all deine Hilfe, Mr Spice.Ein besonderes Dankeschön geht an Daniela Brodner, die mir geholfen hat, einen Namen für Lissiannas Baby zu finden.

 

1

Marguerite wusste nicht genau, was sie geweckt hatte. Vielleicht ein Geräusch. Vielleicht auch, dass der aus dem Bad ins Zimmer fallende Lichtschein für einen Moment unterbrochen worden war. Möglicherweise aber auch schlicht ihr Überlebensinstinkt. So oder so war sie von einer Sekunde auf die nächste hellwach, riss die Augen auf und bemerkte eine dunkle Gestalt, die sich über sie beugte. Jemand stand neben ihrem Bett, so düster und unheilvoll wie der Tod. Sie hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als sie sah, wie die Gestalt mit beiden Händen etwas in die Höhe hob. Sie erkannte die Geste aus ihrer Jugend wieder, als der Umgang mit Schwertern und ähnlichen Waffen noch an der Tagesordnung gewesen war. Instinktiv rollte sie sich zur Seite, während der Angreifer zum tödlichen Schlag ausholte.

Als Marguerite auf den Boden plumpste, hörte sie, wie die schwere Klinge die Matratze traf. Aus ihrem erschrockenen Aufschrei wurde ein frustrierter Fluch, weil sie sich im Bettzeug verheddert hatte. Da der Unbekannte mit seinem Schwert aufs Bett gestiegen war und erneut ausholte, gab sie den Kampf mit dem Laken auf und griff stattdessen nach der Nachttischlampe, um den Hieb zu blockieren.

Der Aufprall ließ einen dumpfen Schmerz durch ihren Arm schießen, und ein weiterer Schrei kam ihr über die Lippen. Sie wandte den Kopf ab von den Funken, die durch den Kontakt von Metall auf Metall durch die Dunkelheit sprühten, und dankte insgeheim dafür, dass das Dorchester ein Fünf-Sterne-Hotel mit hochwertigen Nachttischlampen war, die einem Schwerthieb standhielten.

„Marguerite?“ Dem Ruf folgte ein Klopfen an die Verbindungstür zum Rest der Suite. Sie und ihr Angreifer hielten gleichzeitig inne und sahen zur Tür. Ihr Angreifer musste sich in dem Moment entschieden haben, es nicht mit zweien ihrer Art aufzunehmen, also sprang er vom Bett und eilte zur Balkontür.

„So nicht, Freundchen“, murmelte sie, ließ die Lampe los und rappelte sich auf. Sie würde ihren Angreifer nicht davonkommen lassen, nur damit der später zurückkehren und einen erneuten Anschlag auf ihr Leben verüben konnte. Dummerweise hatte sie in ihrem Eifer aber das um ihre Beine gewickelte Bettlaken vergessen, sodass sie noch keinen Schritt getan hatte, als sie der Länge nach hinschlug.

Sie biss die Zähne zusammen, um den Schmerz zu unterdrücken, und schaute zur Balkontür, wo soeben die Vorhänge aufgerissen wurden. Sonnenschein fiel durchs Fenster in den Raum, und Marguerite sah, dass ihr Angreifer komplett in Schwarz gekleidet war. Stiefel, Hose, langärmeliges Hemd – alles in Schwarz. Und dazu auch noch ein schwarzes Cape und schwarze Handschuhe. Plötzlich drehte er sich zu ihr um und ließ sie erkennen, dass sein Gesicht hinter einer schwarzen Maske verborgen war. Dann trat er hinaus auf den Balkon und ließ die Vorhänge genau in dem Moment zufallen, als die Schlafzimmertür aufflog.

„Marguerite?“ Mit sorgenvoller Miene kam Tiny zu ihr gelaufen.

Sie fuchtelte wild mit den Händen herum und zeigte auf die Balkontür. „Er entwischt uns!“

Tiny stellte keine Fragen, sondern änderte prompt seine Richtung und eilte zum Balkon. Marguerite schaute ihm verdutzt nach, da ihr bewusst geworden war, dass der Mann nichts weiter trug als eine Boxershorts aus goldfarbener Seide, auf deren Rückseite ein großes rotes Herz prangte. Vor Erstaunen bekam sie den Mund nicht mehr zu, aber als Tiny zwischen den wallenden Vorhängen verschwand, stockte ihr vor Sorge auf einmal der Atem. Sie hatte einen unbewaffneten und fast nackten Mann auf ihren fliehenden Angreifer gehetzt – der ein Schwert besaß!

Fluchend konzentrierte sie sich darauf, ihre Beine aus dem Laken zu befreien. Jetzt, da ihr Leben nicht länger in Gefahr war, stellte das natürlich überhaupt kein Problem mehr dar. Aufgebracht lief sie ums Bett herum, stürmte zwischen den Vorhängen hindurch und … stieß mit Tiny zusammen, der soeben ins Zimmer zurückkam.

„Vorsicht, es ist helllichter Tag!“, ermahnte er sie, umfasste ihre Oberarme und schob sie vor sich her ins Zimmer.

„Hast du ihn gesehen? Wo ist er hin?“, fragte Marguerite aufgeregt und versuchte, um den breitschultrigen Oberkörper herumzusehen, während Tiny die Balkontür schloss und die Vorhänge zuzog. Durch seine Position wurde der größte Teil des Sonnenlichts von ihr abgehalten, gleichzeitig konnte sie aber auch so gut wie nichts erkennen.

„Ich habe niemanden gesehen. Bist du dir sicher, dass du nicht bloß geträu…?“ Mitten im Satz brach er ab, da er sie im Schein des wenigen Sonnenlichts betrachten konnte, das sich zwischen den Vorhängen hindurch den Weg ins Zimmer bahnte.

Marguerite stutzte angesichts seines seltsamen Blicks, den er über ihr kurzes rosa Nachthemd und dann weiter bis zu ihren rot lackierten Zehennägeln wandern ließ. Und der dann genauso langsam wieder nach oben zurückkehrte und ihre wohlgeformten nackten Beine ebenso erfasste wie ihre Brüste, von denen wegen des großzügigen Ausschnitts zu viel zu sehen war. Dort blieb er schließlich auch hängen, wobei seine Miene einen sorgenvollen Ausdruck annahm.

„Du bist verletzt“, sagte Tiny, nahm ihr Kinn und drückte es sanft nach oben, um ihren Hals besser betrachten zu können. Leise fluchend zog er seine Hand zurück.

„Was ist?“, fragte sie, als er sie am Arm fasste und mit ihr durch den Raum hastete.

Sie sah an sich herab. Blut lief auf ihren Busen und wurde dort vom Stoff ihres Nachthemds aufgesogen. Verwundert tastete sie ihren Hals ab, bis sie eine Schnittwunde entdeckte. Offenbar hatte das Schwert sie doch noch erwischt, als sie zur Seite aus dem Bett gerollt war.

„Sag mir, was passiert ist!“, forderte Tiny sie auf und ging mit ihr ins Badezimmer.

„Ich bin aufgewacht, und da stand neben meinem Bett ein Mann mit einem Schwert in der Hand. Er wollte damit nach mir schlagen, und ich habe mich weggedreht, um mich auf den Fußboden zu schmeißen.“ Sie warf einen Blick zurück ins Schlafzimmer, während Tiny einen Waschlappen nahm und ihn unter den Wasserhahn hielt. Das Adrenalin jagte noch immer durch ihren Körper, und mit einem Mal wurde sie von großer Unruhe erfasst. Sie wollte den Mann verfolgen, der sie im Schlaf angegriffen hatte.

„Nächstes Mal solltest du dich schneller wegdrehen“, meinte Tiny und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich, als er damit begann, das Blut wegzuwischen. Mit finsterer Miene ging er dieser Tätigkeit nach und wurde erst ruhiger, als er das wahre Ausmaß ihrer Verletzung feststellen konnte. „Ganz so schlimm ist es nicht. Sieht nicht nach einem tiefen Schnitt aus. Die Haut wurde wohl nur angeritzt.“

„Das wird schnell verheilen“, erwiderte sie beiläufig und kehrte an Tiny vorbei zurück ins Schlafzimmer. Sie war nicht daran gewöhnt, dass sich jemand um sie kümmerte, und es behagte ihr auch nicht.

Sie teilte die Vorhänge und schaute nach draußen auf den sonnenüberfluteten Balkon. Niemand hielt sich mehr dort auf, und sie konnte am Geländer auch kein Seil oder etwas anderes entdecken, was erklärt hätte, wie der Angreifer es bis hier oben schaffen konnte.

Mürrisch betrachtete sie die Skyline. Sie waren im siebten und damit obersten Stockwerk, also musste der Unbekannte vom Dach auf den Balkon gestiegen sein.

„Er wollte dir den Kopf abschlagen.“

Bei dieser Bemerkung ließ Marguerite die Vorhänge los und drehte sich um. Tiny stand über ihr Bett gebeugt und begutachtete den Schnitt in der Matratze.

Allmählich kam wieder Ordnung in ihre Gedanken. Der Angreifer hatte ein Schwert benutzt, also handelte es sich bei ihm eindeutig um einen Unsterblichen. Sterbliche töteten sich gegenseitig für gewöhnlich mit Schusswaffen oder Messern. Wenn sie es auf einen Unsterblichen abgesehen hatten, griffen sie zur klassischen Methode: dem Pflock. Eine Enthauptung mittels Schwerthieb deutete dagegen so gut wie sicher auf einen Unsterblichen als Täter hin.

„Hast du hier in England irgendwelche Feinde, von denen ich nichts weiß?“, fragte Tiny plötzlich und richtete sich auf.

„Das muss mit dem Fall zusammenhängen“, entgegnete sie kopfschüttelnd.

Zweifelnd zog er eine Augenbraue hoch. „Wieso? Wir haben bislang noch gar nichts herausgefunden.“

Marguerite verzog den Mund. Dass sie bislang nicht die kleinste Information über ihren Fall zutage gefördert hatte, gefiel ihr gar nicht. Sie war hergekommen, um Christian Notte zu helfen, einem fünfhundert Jahre alten Unsterblichen, der die Identität seiner verstorbenen leiblichen Mutter in Erfahrung bringen wollte. Anfangs hatte sich das nach einem leichten Auftrag angehört, doch inzwischen war das Gegenteil eingetreten. Seit Christians Geburt war viel geschehen, und er hatte ihnen nur wenige Informationen liefern können. Sie wussten, er war in England zur Welt gekommen, und sein Vater war mit ihm zwei Tage nach seiner Geburt ins heimische Italien zurückgekehrt.

Tiny und Marguerite hatten mit ihrer Suche in England begonnen und die letzten drei Wochen damit zugebracht, staubige Kirchenarchive zu durchsuchen, ob irgendwo seine Geburt verzeichnet war und ob zumindest der Name Notte auftauchte. Sie begannen im südlichsten Zipfel des Landes und arbeiteten sich in Richtung Norden durch, bis sie nach Berwick-upon-Tweed gelangt waren. Dort kam Tiny schließlich auf die Idee, Christian erst noch einmal gründlich zu befragen, ob er nicht irgendeinen Hinweis liefern konnte, der es ihnen ermöglichte, ihre Suche zumindest ein klein wenig einzugrenzen, wenigstens auf eine Hälfte des Landes.

Mit diesem Vorschlag war Marguerite sofort einverstanden gewesen. Eigentlich hatte sie Detektivarbeit für eine interessante Beschäftigung gehalten, doch inzwischen zweifelte sie daran, ob ihre Entscheidung wirklich so gute Karriereaussichten mit sich brachte. Es änderte nichts an ihrer Zusage, Christian zu helfen und die Identität seiner Mutter in Erfahrung zu bringen. Marguerite würde ihr Bestes tun, um diesen Auftrag zu erledigen.

Tiny hatte Christian in Italien angerufen und ein Treffen in London vereinbart. Anstatt bis zum folgenden Morgen zu warten, um mit dem nächsten Zug am helllichten Tag nach London zu fahren, hatte Marguerite noch in der Nacht einen Mietwagen genommen und war vor Sonnenaufgang in London eingetroffen. Christian war mit seinen Cousins Dante und Tommaso bereits angekommen und hatte im Hotel eingecheckt.

Sie hatten sich nur kurz unterhalten und ein ausführliches Treffen für den nächsten Abend vereinbart, dann war jeder von ihnen auf sein Zimmer gegangen.

„Nein, wir haben tatsächlich bislang nichts herausgefunden“, stimmte sie Tiny zu, schürzte die Lippen und fügte hinzu: „Aber ich wüsste keinen anderen Grund, warum mich jemand umbringen sollte. Vielleicht gefällt es jemanden ja nicht, dass wir überhaupt Nachforschungen anstellen.“

Tiny schien das nicht zu überzeugen, von daher erstaunte es sie nicht, als er sorgenvoll vorschlug: „Vielleicht sollten wir die Zimmer tauschen. Oder ein anderes Hotel nehmen.“

Ihr gefiel der Gedanke nicht, sich anziehen, die Koffer packen und umziehen zu müssen. Plötzlich fragte er: „Das war doch ein Unsterblicher, oder nicht?“

Erschrocken sah sie ihm ins Gesicht, obwohl sie seine Schlussfolgerung nicht hätte überraschen dürfen. Sie selbst war noch ein Neuling in der Detektivbranche, aber Tiny war ein alter Hase. Dass er den Zusammenhang erkennen würde, war nur eine Frage der Zeit gewesen.

Seufzend fuhr sie sich durchs Haar und nickte: „Ja, davon bin ich überzeugt. Und wir sollten tatsächlich in ein anderes Hotel umziehen und einen anderen Namen benutzen. Aber nicht heute Morgen“, fügte sie entschieden hinzu. „Heute wird er ganz sicher nicht noch einen Versuch wagen, und ich bin hundemüde.“

Tiny nickte. „Sag mal, hattest du die Balkontür offen gelassen?“

„Nein.“

„War sie verschlossen gewesen?“

Nach kurzem Zögern zuckte sie mit den Schultern. „Ich habe sie nicht aufgemacht, als ich reinkam. Also kann ich dazu überhaupt nichts sagen.“

Bei ihrer Antwort runzelte er nachdenklich die Stirn. „Du wirst aber nicht weiter hier schlafen. Du kannst mein Bett haben.“

„Du wirst aber auch nicht hier schlafen“, stellte sie klar.

„Richtig“, stimmte er ihr zu. „Ich werde in deiner Nähe bleiben, bis wir umgezogen sind. Jackie und Vincent würden mir das nie verzeihen, wenn ich nicht verhindere, dass dich jemand umbringt.“

Sie lächelte flüchtig, als er ihren Neffen Vincent Argeneau und dessen Lebensgefährtin Jackie Morrisey erwähnte. Ihr gehörte die Morrisey Detective Agency, womit sie Tinys Boss war … und damit nun wohl auch Marguerites Boss.

„Ich werde auf der Bank am Fenster ein Nickerchen machen, und du schläfst in meinem Bett“, entschied er.

„Da wirst du kein Auge zumachen“, widersprach sie und ging zur Verbindungstür ins Nebenzimmer. „Du kannst dich zu mir ins Bett legen.“

Schnaubend folgte er ihr nach nebenan. „Als ob ich da Schlaf finden würde.“

Grinsend warf Marguerite einen Blick über die Schulter und ertappte ihn dabei, wie er sie anstarrte, als sie vor ihm her ins zweite Schlafzimmer ging. Sie musste nicht erst seine Gedanken lesen, um zu wissen, dass er sie für attraktiv hielt. Das war ihr schon seit dem Beginn ihrer Freundschaft klar gewesen, außerdem fand sie ihn auch attraktiv. Er war groß, gut aussehend, er besaß die Statur eines Linebackers und hatte eine breite Brust, mit der sich eine Frau stundenlang beschäftigen konnte. Und als würde das alles nicht genügen, konnte er ganz im Gegensatz zu Marguerite auch noch kochen. Der Mann war so gut wie perfekt, allerdings eben nur so gut wie. Es gab ein Problem, und das war eins von der besonders großen Art: Sie konnte ihn lesen und ihn kontrollieren. Nach siebenhundert Jahren Ehe mit einem Mann, der in der Lage war, sie zu lesen und zu kontrollieren – was er auch bei jeder Gelegenheit schamlos ausgenutzt hatte –, wollte sie so etwas keinem anderen Menschen antun.

„Du bist vor mir sicher“, versprach sie ernst, während sie auf sein Bett zusteuerte.

„Marguerite, Schatz, kein Mann ist vor einer Frau sicher, die so aussieht wie du“, gab er zurück und schloss die Tür hinter sich. Er sah ihr zu, wie sie sich hinlegte, und fügte hinzu: „Vor allem, wenn diese Frau auch noch ein solches Nachthemd trägt. Aus was besteht das eigentlich? Einem Taschentuch und einem Stück Spitze?“

Marguerite sah an sich herab. Dieses Nachthemd war gar nicht so freizügig. Oder zumindest nicht so freizügig wie einige andere in ihrem Wäscheschrank. Sie mochte hübsche Dessous, weil sie sich darin sexy fühlte. Singles wie sie mussten schließlich irgendwas dafür tun, damit sie sich sexy fühlen konnten. Und abgesehen davon hatte sie nicht damit gerechnet, dass es jemand zu sehen bekommen würde.

Sie blickte zu Tiny, der tatsächlich versuchte, sich auf die Sitzbank am Fenster zu quetschen. Da er sich dort aber nicht ausstrecken konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu sitzen. Er lehnte sich gegen die Wand an einer Seite, verschränkte die Arme vor der Brust und machte eine finstere Miene, während er ihrem Blick auswich.

„So wirst du überhaupt nicht schlafen können“, seufzte Marguerite.

„Na ja, so viel Schlaf brauche ich auch nicht“, brummte er, sah sie kurz an und schaute gleich wieder weg.

Marguerite musterte ihn einen Moment lang, schüttelte den Kopf und machte es sich auf dem riesigen Bett bequem. Sie schloss die Augen, um einzuschlafen, doch Sekunden später schlug sie sie wieder auf, starrte an die Decke und ließ ihren Blick zu Tiny wandern. Das war ja albern. Auf diesem Platz konnte er nicht schlafen, und sie würde ebenfalls keinen Schlaf finden, weil sie wusste, dass er kein Auge zubekommen konnte. Außerdem war das Bett wirklich groß genug für sie beide, ohne dass sie sich ins Gehege kommen mussten.

Die Augen leicht zusammengekniffen, gab Marguerite der Versuchung nach und drang in seine Gedanken ein. Es bedeutete für sie keine Anstrengung, den Mann zu kontrollieren und ihn dazu zu veranlassen aufzustehen, zum Bett zu kommen und sich zu ihr zu legen. Dann ließ sie ihn einschlafen und zog sich leise seufzend aus seinem Geist zurück.

Eine Zeit lang betrachtete sie ihn, wie er neben ihr lag, dann machte sie die Nachttischlampe aus, zog die Bettdecke über sich und schloss die Augen … um sie ein paar Sekunden später wieder aufzureißen. Mit ernster Miene stierte sie auf die Umrisse des Mannes, da ihr soeben klar geworden war, was sie da eigentlich getan hatte. Es war genau das, was ihr so zuwider gewesen war, wenn ihr Ehemann ihr das antat. Sie hatte ihn so handeln lassen, wie sie es für das Beste hielt, ohne zu respektieren, was er eigentlich wollte.

Sie versuchte, sich damit zu rechtfertigen, dass es bereits spät war und sie beide müde waren. Im Bett würde er natürlich besser schlafen, doch diese Einsicht änderte nichts an ihren Schuldgefühlen. Tiny war nicht der erste Sterbliche, den sie in siebenhundert Jahren kontrolliert hatte, und für gewöhnlich zerbrach sie sich darüber auch nicht den Kopf. Aber Tiny war ein Freund, und unter Freunden tat man so etwas nicht … ganz so wie ihr Ehemann Jean Claude sie niemals hätte kontrollieren sollen.

Marguerite verzog den Mund und setzte sich auf, schaltete das Licht ein und stieß Tiny an, um ihn aufzuwecken. Im nächsten Moment war er wach.

„Wa…was ist passiert?“ Aufgebracht sah er sich um, dann erkannte er, dass er neben ihr im Bett lag. „Was denn?“, fragte er verwirrt.

„Ich habe dich ins Bett kommen lassen, damit du bequemer schlafen kannst, aber dann ist mir klar geworden, dass es nicht richtig von mir war, dich zu kontrollieren. Also … wenn du lieber am Fenster schlafen möchtest …“ Sie ließ den Satz unvollendet und zuckte die Schultern.

Zuerst war er nur verwirrt, aber dann zeichnete sich Verärgerung auf seinem Gesicht ab. „Du hast mich kontrolliert?“

Sie biss sich auf die Lippe und nickte beschämt. „Es tut mir leid. Ich habe eingesehen, dass es falsch war, deshalb habe ich dich ja auch geweckt.“

Tinys Wut verrauchte gleich wieder. Als er zum Fenster sah, machte er nicht den Eindruck, als sei er besonders versessen darauf, dorthin zurückzukehren. Trotzdem setzte er sich hin, um aufzustehen, als er bemerkte, dass er unter der Tagesdecke, aber auf der Bettdecke lag.

„Ich dachte mir, wenn du vor mir aufwachst, fühlst du dich besser, wenn du siehst, dass ich unter der Decke liege und du darauf geschlafen hast“, erklärte sie vorsichtig.

„Das tue ich allerdings“, bestätigte er und entspannte sich ein wenig. „Ich schätze, wenn wir so schlafen, ist es okay. Aber kontrollier mich nicht noch einmal! Wir sind Partner, Marguerite. Wir sind gleichberechtigt. Ich muss dir vertrauen können, und das geht nicht, wenn du mich kontrollierst, sobald ich nicht deiner Meinung bin.“

„Das werde ich nicht tun“, versprach sie ihm.

Tiny nickte und legte sich wieder hin, und Marguerite schaltete die Nachttischlampe aus. Dann lagen sie eine Weile im Dunkeln, bis Tiny einen Seufzer ausstieß und sagte: „Jetzt bin ich hellwach. Meinst du, du könntest mich einschlafen lassen?“

Überrascht drehte sie sich zu ihm um. „Du willst, dass ich dich kontrolliere?“

„Nur, damit ich schlafen kann.“

Ihre Schuldgefühle lösten sich in Wohlgefallen auf, und sie drang in seinen Geist ein, damit er wieder einschlief. Schließlich ließ sie lächelnd ihren Kopf aufs Kissen sinken. Sie konnte Tiny leiden. Er war ein guter Mann. Wirklich zu schade, dass sie ihn lesen und kontrollieren konnte. Als Lebensgefährte hätte er eine Frau glücklich machen können.

Vielleicht sollte ich für ihn eine Lebensgefährtin suchen, überlegte Marguerite. Es wäre sicher schön für Jackie, die Ehefrau von Marguerites Neffen, wenn ihr guter Freund auch in Zukunft bei ihr sein würde. Sie wusste, die Frau würde am Boden zerstört sein, wenn er starb – ob das nun nächste Woche geschah oder irgendwann in vielen Jahren, wenn er ein alter Mann war.

Marguerite schloss die Augen und ließ eine Unsterbliche nach der anderen im Geiste vorbeiziehen, von denen sie wusste, sie könnten zu Tiny passen. Er war ein großer, liebevoller Mann, ein sanftmütiger Riese. Er verdiente eine genauso liebevolle Frau, die ihn zu schätzen wusste. Mitten in ihren Überlegungen schlief sie schließlich ein.

Julius Notte betrachtete verwundert das leere Bett. Es war noch nicht mal fünf Uhr, also mindestens eine Stunde bis zum Sonnenuntergang. Marguerite Argeneau hätte in diesem Bett liegen sollen, doch sie war nicht da. Er wusste, er war im richtigen Zimmer. Der Parfümduft – ein süßliches, intensives Aroma wie Obst zur Erntezeit – verriet ihm, dass es ihr Zimmer war. Und irgendwann in den letzten Stunden hatte sie das Bett benutzt, das konnte man nicht übersehen, dennoch war das Zimmer jetzt verlassen.

Grübelnd schaute er sich um und nahm das herrschende Durcheinander in sich auf. Bettlaken und Tagesdecke lagen auf dem Boden, daneben eine demolierte Tischlampe, außerdem Scherben eines Glases, das vermutlich auf dem Nachttisch gestanden hatte.

Sorge verdrängte seine Verärgerung, sein Instinkt dirigierte ihn zu der Tür, die zum zweiten Schlafzimmer der Suite führte. Dort sollte eigentlich der Privatdetektiv Tiny McGraw schlafen, doch als er sich der Tür näherte und tief durch die Nase einatmete, nahm er wieder ihr Parfüm wahr. Marguerite war nebenan, oder zumindest hatte sie sich dort eine Zeit lang aufgehalten.

Julius öffnete die Tür und trat ein, ohne ein Geräusch zu verursachen.

 

2

Erstickte Laute rissen Marguerite aus dem Schlaf. Obwohl sie sofort hellwach war, benötigte sie einen Moment, ehe ihr Verstand begriff, was ihre Augen wahrnahmen. Tiny hing in der Luft, ein Mann hatte ihn am Hals gepackt und hielt ihn hoch. War das … Christian Notte? Ohne den Blick von den beiden Männern abzuwenden, tastete sie blindlings umher und stieß mit der Hand gegen die Nachttischlampe. Sie schaltete sie ein und musste blinzeln, so grell war das Licht im ersten Moment.

„Guten Abend, Marguerite.“

Unwillkürlich versteifte sie sich und starrte den Mann an, der Tiny in seiner Gewalt hatte. Nein, das war nicht Christian Notte. Dieser Mann war über eins achtzig groß, hatte breite Schultern, attraktive Gesichtszüge und silberschwarze Augen. Das alles hätte auch auf Christian gepasst, doch der Mann hier hatte kurz geschnittenes schwarzes Haar und trug einen Anzug. Christians Haar war länger und kastanienfarben, und bislang hatte sie ihn stets nur in schwarzem Leder oder in schwarzer Jeanskluft gesehen.

„Wer sind Sie?“, fragte sie und sah besorgt zu Tinys Gesicht, das zu ihrem Schrecken bläulich anlief. Auch strampelte und zappelte der Sterbliche bereits deutlich schwächer, je länger er sich in dieser Lage befand. Sie warf dem anderen Mann einen wütenden Blick zu. „Hören Sie auf, sich so rüpelhaft zu benehmen, und lassen Sie gefälligst meinen Kollegen los. Wir sind Freunde von Christian, und es wird ihm nicht gefallen, wenn Sie Tiny umbringen.“

„Kollege?“ Er ließ Tiny zu Boden fallen und stemmte die Hände in die Hüften. „Nennt man das jetzt so?“

Marguerite entgegnete nichts, da ihre ganze Sorge Tiny galt. Der Detektiv röchelte und hustete, während er sich hinzuknien versuchte. Wenigstens lebte er noch. Das war zumindest etwas, befand sie, und wandte sich wieder dem Fremden zu, der sie wütend musterte.

Er war ganz offensichtlich irgendwie mit Christian verwandt, der wiederum ihr Auftraggeber war, aber … wenn sie ehrlich sein sollte, dann überstieg diese Situation ihren Verstand. Das war ihr erster Auftrag, und sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte. Am liebsten hätte sie den Kerl zur Schnecke gemacht und aus ihrem Zimmer geworfen, auch wenn das eigentlich Tinys Zimmer war. Doch ob das der professionellste Ansatz war, vermochte sie nicht zu beurteilen. Vielleicht erwartete man von ihr strikte Höflichkeit.

Sie warf Tiny einen kurzen Blick zu und überlegte, ob er sich von diesem Überfall wohl genügend erholt hatte, um sie bei dieser Angelegenheit zu unterstützen. Ungläubig musste sie dann aber mitansehen, wie Tiny aufsprang und noch immer nach Luft ringend auf den Besucher losging.

Diese Gegenattacke war für sie ein deutliches Zeichen, dass sie wohl doch nicht höflich sein musste, entschied sie zufrieden. Sie zuckte unwillkürlich zusammen, als sie sah, wie der Fremde die Attacke mit einem Fingerschnippen abwehrte und Tiny gegen die Wand geschleudert wurde.

„He!“, brüllte sie und sah zwischen den beiden Männern hin und her, bis sie erkennen konnte, dass sich der Sterbliche wieder rührte und es ihm anscheinend gut ging. Sein Gesichtsausdruck wirkte eher wütend als schmerzverzerrt, während er sich langsam aufrichtete.

Marguerite wandte sich erneut dem Angreifer zu und setzte zu einer Schimpfkanonade an, hielt jedoch inne, als sie feststellte, dass er sie gar nicht mehr beachtete. Sie folgte seinem Blick, weil sie wissen wollte, was ihn so faszinierte.

Seine Aufmerksamkeit galt dem Bett, genauer gesagt, der Bettdecke. Die Tagesdecke war auf den Boden gerutscht, und während Marguerite ihre Hälfte schützend vor sich hielt, lag die andere Hälfte glatt auf der Matratze. Sie war ein wenig zerknittert, aber man konnte deutlich erkennen, dass der Detektiv darauf geschlafen hatte, nicht jedoch darunter. Diese Tatsache schien den Fremden zu begeistern, doch den Grund dafür konnte sie nicht nachvollziehen. Bevor sie sich aber weiter Gedanken darüber machen konnte, wurde sie von Tiny abgelenkt, der einen neuen Anlauf wagte.

Marguerite schnaubte ungehalten über so viel Dummheit von Tinys Seite, musste der Eindringling doch nur die Geste von gerade eben wiederholen, um den Sterblichen abermals gegen die Wand krachen zu lassen. Der dumpfe Knall ließ sie zusammenzucken, und sie kam zu dem Entschluss, dass es jetzt reichte. Sie musste einschreiten, bevor der reizende, aber wohl nicht ganz so schlaue Detektiv noch ernsthafte Verletzungen davontrug.

Kurz entschlossen griff Marguerite nach der Nachttischlampe und holte mit ihr aus, wobei sie davon ausging, dass der Stecker genauso aus der Steckdose gerissen wurde wie zuvor, als sie sich in ihrem Zimmer gegen das Schwert zur Wehr gesetzt hatte. Ihr Plan sah vor, den Fremden mit der Lampe an der Brust zu treffen. Etwas an dem Winkel und daran, dass der Nachttisch so dicht an der Wand stand, machte ihr einen Strich durch ihre Rechnung. Kaum war das Kabel straff gezogen, hielt es die Lampe zurück, und anstatt den Eindringling zu treffen, landete das verdammte Ding beinah auf ihrem Schoß.

Aufgebracht drehte sie sich um und zerrte am Kabel, damit sich der Stecker irgendwie lockerte. Hätte sie das gleiche Problem mit dem Schwertkämpfer gehabt, dann wäre sie jetzt längst tot, überlegte sie bestürzt. Plötzlich wurde sie von hinten gepackt, und noch während sie vor Schreck aufschrie, spürte sie, wie sie gegen eine harte, muskulöse Brust gedrückt wurde.

Natürlich musste der Stecker ausgerechnet jetzt seine Gegenwehr aufgeben, und so traf die ihr entgegenschießende Lampe sie am Auge. Sie ignorierte den stechenden Schmerz und streckte rasch die Hand aus, mit der sie die Lampe gepackt hatte, weil der Eindringling danach greifen wollte.

Der veränderte sofort seinen Griff um sie, hielt sie mit der rechten Hand fest, um die linke freizubekommen. Die hatte zuvor um Marguerites Taille gelegen, während die rechte sich nun auf Brusthöhe befand.

Sie stieß einen entsetzten Schrei aus, als sich seine rechte Hand um ihren Busen schloss. Bestimmt war ihm diese Tatsache gar nicht bewusst, doch sie nahm das nur allzu deutlich wahr, und es gefiel ihr gar nicht, von einem Unbekannten begrapscht zu werden, auch wenn es noch so unabsichtlich geschah und auch wenn er irgendwie mit ihrem Auftraggeber verwandt war. Genau an diesem Punkt war ihre Geduld am Ende.

Sie presste die Lippen aufeinander, holte mit der Lampe aus und schlug über ihre Schulter hinweg nach ihm. Wo sie ihn getroffen hatte, konnte sie gar nicht sagen, doch auf jeden Fall zeigte ihre Aktion die gewünschte Wirkung. Der Mann fluchte und lockerte überraschend seinen Griff um sie, sodass sie sich aus seiner Umarmung befreien und vom Bett springen konnte. Mit einem Fuß berührte sie bereits den Boden, mit dem anderen stützte sie sich auf dem Bett ab, als der Fremde auf einmal diesen Knöchel zu fassen bekam und sie festhielt.

Aus dem Gleichgewicht gebracht, verlor Marguerite den Halt und schlug hart auf dem Boden auf. Sie rollte sich zur Seite, um sich hinsetzen zu können. Im gleichen Moment wollte er vom Bett steigen, verhedderte sich aber im Bettlaken, verlor die Balance und landete mit seinem ganzen Gewicht auf Marguerite, der die Luft aus den Lungen gepresst wurde.

In diesem Augenblick ging die Tür zum Schlafzimmer auf. Als der Stecker der Nachttischlampe aus der Steckdose gerissen worden war, wurde der Raum in Dunkelheit getaucht. Jetzt, da die Tür aufging, fiel das Licht aus dem Flur ins Zimmer. Dann schaltete jemand die Deckenbeleuchtung ein, und es wurde richtig hell.

„Tiny?“

Da sie Christians Stimme wiedererkannte, befreite sich Marguerite von dem Fremden, der auf ihr gelandet war und sich seitdem nicht mehr rührte. Als sie sich wieder bewegen konnte, setzte sie sich auf und sah über das Bett hinweg zur Tür.

Als Erstes erkannte sie Christians Cousin Marcus Notte und machte vor Erstaunen große Augen. Marcus war nicht mit dabei gewesen, als sie sich am Morgen vor Sonnenaufgang mit Christian getroffen hatten. Aber jetzt war er mitgekommen, und bei ihm befand sich ein Zimmermädchen. Nach Marcus‘ konzentrierter Miene und dem ausdruckslosen Gesicht der jungen Frau zu urteilen, löschte der soeben all ihre Erinnerungen an das, was hier geschah.

Marguerite sah sich weiter um und entdeckte Christian. Der Unsterbliche kniete neben Tiny und versorgte ihn, so gut es ging. Plötzlich sah er sich um und reagierte mit Erstaunen, als er sie sah.

„Marguerite?“ Er stand auf und wollte um das Bett herumgehen, doch dann hielt er abrupt inne und bekam den Mund fast nicht mehr zu, als sich ihr Angreifer ebenfalls aufrichtete und in sein Blickfeld geriet. „Vater?

„Vater?“, wiederholte Marguerite und betrachtete erstaunt den Mann, von dem sie nun wusste, dass es sich bei ihm um Julius Notte handelte.

„Ja“, sagte Christian, dessen Gesichtszüge sich missbilligend verhärteten, während er zu Marguerite geeilt kam, um ihr aufzuhelfen. Als sie neben ihm stand, griff er nach Tinys Morgenmantel und legte ihn ihr um.

Marcus war mit dem Dienstmädchen fertig und schloss die Tür, dann ging er zu Christians Vater, der sich langsam wieder aufrappelte. Marguerite beobachtete, wie Marcus ihm etwas ins Ohr flüsterte. Was es war, konnte sie nicht verstehen, aber sie hörte Julius fauchen: „Was? Bist du dir sicher?“

„Ja, und du wärst es auch, wenn du dir die Zeit genommen hättest, seine Gedanken zu lesen“, erwiderte Marcus ein wenig ungeduldig. „Ich habe doch gesagt, du sollst warten, bis …“

„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach Julius ihn leise. „Aber ich konnte nicht anders.“

„Fertig.“ Christians Stimme veranlasste sie, ihn anzusehen. Als sie an sich herabblickte, stellte sie fest, dass er für sie den Gürtel des Morgenmantels zugeschnürt hatte. Sie lächelte ihn dankbar an und musterte neugierig die beiden älteren Unsterblichen. Christian dagegen machte einen verärgerten Eindruck.

„Was hast du hier bitte gemacht, Vater?“, fragte er schroff.

Der alte Notte sah seinen Sohn kurz an, wich dann aber schnell dessen Blick aus, indem er sich auffällig damit beschäftigte, die Ärmel seines Anzugs glatt zu ziehen. „Nichts. Ich bin nur vorbeigekommen, um mit deinem Detektiv zu reden.“

„Zu reden?“, warf Marguerite fassungslos ein. „Sie haben Tiny angegriffen!“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, er hätte Ihnen etwas antun wollen.“

Während sie angesichts dieser absurden Behauptung aufgebracht schnaubte, fragte Christian: „Was hat dich denn auf diesen Gedanken gebracht?“

„Ihr Zimmer war völlig verwüstet“, erklärte er seelenruhig. „Da liegt eine demolierte Lampe, überall ist Glas verstreut, und das Bettzeug wurde im Zimmer verteilt. Bei dem Anblick musste ich doch schließlich davon ausgehen, dass sie gegen ihren Willen hierher gebracht worden war.“

Christian sah sie an. „Stimmt das?“

„Was er gesehen hat, ja, aber nicht der Schluss, den er daraus zieht“, antwortete sie, dann stutzte sie und drehte sich zum Vater um. „Wie sind Sie eigentlich reingekommen?“

„Das Zimmermädchen“, erwiderte er prompt, womit er ihrem Gefühl nach zum ersten Mal die Wahrheit sagte. „Ich habe geklopft, aber es hat niemand aufgemacht. Da wusste ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Sonne war noch nicht untergegangen, also hätte sie in ihrem Zimmer sein müssen. Da habe ich mir vom Zimmermädchen die Tür aufschließen lassen.“

„So bin ich auch eben reingekommen“, sagte Christian. „Mein Schlafzimmer grenzt an dieses hier, und von dem ganzen Lärm bin ich wach geworden. Ich wollte nachsehen, ob alles in Ordnung ist, und dabei bin ich im Flur Marcus über den Weg gelaufen. Als niemand öffnete, haben wir uns vom Zimmermädchen die Tür aufmachen lassen.“ Dann schaute er zwischen seinem Vater und Marcus hin und her und schüttelte fragend den Kopf. „Wenn ihr beide hier seid, wer kümmert sich um die Firma?“

Marguerite sah zu Julius. Notte Construction war ein sehr erfolgreiches Familienunternehmen, das auf internationaler Ebene operierte und auf Baustellen in ganz Europa sowie in Nordamerika im Einsatz war. Sie wusste, Julius führte das Unternehmen, und Marcus war sein Stellvertreter.

„Deine Tante Vita“, murmelte Julius kleinlaut. Bevor Christian darauf aber etwas entgegnen konnte, ging der Mann rasch zum Gegenangriff über und fragte an Marguerite gewandt: „Und was genau haben Sie nun da drinnen getrieben? Haben Sie und dieser Tiny …?“ Mitten im Satz verstummte er. „Auf Ihrem Nachthemd ist Blut.“

Sie sah nach unten und stellte fest, dass der Morgenmantel sich ein wenig geöffnet hatte und die Blutflecken auf ihrem Nachthemd zum Vorschein gekommen waren. Seufzend schlug sie die Revers um. „Jemand hat bei mir eingebrochen und versucht, mich zu enthaupten.“

„Was?“, riefen die drei Unsterblichen wie aus einem Mund.

„Und deshalb bin ich jetzt hier“, fuhr sie fort und nickte bekräftigend. „Tiny wollte nicht, dass ich allein in meinem Zimmer bleibe, weil dieser unbekannte Angreifer es noch mal versuchen könnte. Und ich wollte aus dem gleichen Grund nicht, dass er stattdessen nebenan schläft. Also …“ Sie zuckte mit den Schultern. „Er bot an, auf der Sitzbank am Fenster zu schlafen, aber die ist für ihn zu klein. Also haben wir uns das Bett geteilt.“

Ein längeres Schweigen entstand, während alle drei Nottes sich zu Tiny umdrehten. Sie verdrehte die Augen, da sie wusste, dass jeder von ihnen in seinen Gedanken nachforschte, ob sie tatsächlich nur dagelegen und geschlafen hatten. Ein solches Verhalten empfand sie als äußerst unverschämt, zumal das keinen von den dreien etwas anging. Sie konnte in ihrer Suite eine Orgie feiern, wenn sie wollte, und es hatte die Nottes nicht zu kümmern.

Tiny stöhnte auf, Marguerite lief zu ihm und kniete sich vor ihm hin. Es gelang ihm, sich aufzusetzen und sich gegen die Wand zu lehnen, während er vor Schmerzen die Augen zukniff.

„Wie geht es dir?“, fragte sie besorgt.

„Ich werd‘s überleben“, brachte er heraus.

Marguerite lächelte angesichts seines mürrischen Tonfalls, dann richtete sie sich auf und griff Tiny unter den Arm, um ihn hochzuziehen.

„Hoppla“, murmelte er, während er sich an der Wand abstützte. Er verzog den Mund und fügte hinzu: „Hör auf mit solchen Aktionen, Marguerite, sonst bekommt jemand wie ich noch Komplexe.“

„Was für Aktionen?“, wollte ein amüsierter Christian wissen.

„Aktionen, die beweisen, dass sie stärker ist als ich“, räumte er ironisch grinsend ein. „Ich bin es nicht gewöhnt, dass ein Mädchen mehr Gewichte stemmen kann als ich.“

„Du übertreibst“, wehrte sie glucksend ab und dirigierte ihn zum Bett. Nachdem er sich hingesetzt hatte, drückte sie seine Beine auseinander, nahm seinen Kopf in beide Hände und drückte ihn nach vorn, um ihn sich genauer anzusehen.

„Was tun Sie da?“

Marguerite schaute zur Seite und erschrak, als sie Julius gleich neben sich entdeckte, der ihr Verhalten kritisch beäugte.

„Ich untersuche ihn auf Kopfverletzungen“, erklärte sie gereizt. „Sie haben ihn wie eine Frisbeescheibe gegen die Wand geschleudert, und ich will mich vergewissern, dass Sie ihn dabei nicht ernsthaft verletzt haben.“

„Mir geht’s gut, Marguerite“, beteuerte Tiny und hob den Kopf. „Mein Rücken hat das meiste abbekommen.“

„Es geht ihm gut“, plapperte Julius nach und packte Marguerites Arm, um sie von Tiny wegzuziehen. „Lassen Sie den Sterblichen in Ruhe. Sterbliche sind schwach, aber nicht so zerbrechlich.“

„Tiny ist weder schwach noch zerbrechlich“, herrschte sie Julius Notte an und befreite sich aus seinem Griff.

„Ganz richtig“, pflichtete Tiny ihr bei und erhob sich vom Bett, während er die Brust rausdrückte. Es hätte Marguerite nicht verwundert, wenn er auf die Idee gekommen wäre, sich auf die Brust zu trommeln, doch so sehr hatten Julius Nottes Bemerkungen sein Ego nun auch wieder nicht verletzt.

„Dann habe ich wohl nebenan gehört, wie Sie ein paarmal gegen die Wand geworfen wurden“, bemerkte Christian, während der Sterbliche begann, zwischen den Laken nach irgendetwas zu suchen.

„Ja, als ich aufwachte, hatte Ihr Vater mich am Hals gepackt und hochgehoben“, murmelte er beiläufig. „Verdammt, wo ist denn mein Morgenmantel?“

„Oh, tut mir leid, Tiny, den habe ich an. Hier, du kannst ihn zurückhaben.“ Sie öffnete den Gürtel, doch bevor sie den Morgenmantel ganz abgelegt hatte, hörte sie, wie Julius abrupt nach Luft schnappte.

Sie erstarrte mitten in der Bewegung, als ihr auffiel, wie gierig sein Blick über ihr rosa Nachthemd und all das wanderte, was es nicht bedeckte. Tiny hatte sie zuvor ganz genauso angesehen, und da war sie sich attraktiv und auch ein wenig sexy vorgekommen. Jetzt dagegen war das völlig anders. Silberne Flammen loderten in den schwarzen Augen des Unsterblichen, und Marguerite konnte praktisch die sengende Hitze fühlen, die sie auf ihrer Haut hinterließen. Ein Schaudern folgte diesem Gefühl, und als sein Blick an ihren Brüsten hängen blieb, da richteten sich ihre Nippel so steil auf, als habe er sie mit seiner Zunge liebkost. Als sein Blick dann zu ihrem Bauch wanderte, erbebten ihre Muskeln wie bei einer hauchzarten Berührung. Und als er schließlich auf das Dreieck ihrer Schenkel schaute, da war es so, als könne er durch die zarte Seide blicken und den darunter verborgenen Schatz sehen, an dem sich schnell so viel Hitze zu sammeln begann, dass Marguerite ein Stöhnen unterdrücken musste.

So hatte sie noch nie zuvor auf einen Mann reagiert, und dass es jetzt bei einem völlig fremden Mann geschah, war mehr als verwirrend und beunruhigend.

„Nein, nein.“ Tiny stand plötzlich neben ihr und zog den Frotteestoff hoch, was sie von ihrer Reaktion auf Julius ablenkte. „Schon okay. Behalt du ihn ruhig an. Ich ziehe einfach eine Hose über.“ Während er ihre Schulter tätschelte, warf er Julius einen verärgerten Blick zu, dann nahm er seine Jeans von der Stuhllehne, über die er sie wohl vor dem Zubettgehen gehängt hatte.

Julius Notte räusperte sich und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Was hatte es mit diesem Angriff auf sich? Konnten Sie sehen, wer es war?“

Marguerites Verlegenheit verwandelte sich in Ärger, als sie sich die Geschehnisse des Abends wieder ins Gedächtnis rief. Ihre Augen wurden schmal, als sie mit süßlicher Stimme fragte: „Welcher Angriff? Ihrer oder der erste?“

Eigentlich hatte sie ihn damit beleidigen wollen, doch der Mann verzog angesichts ihrer Frage nur amüsiert die Mundwinkel. Im Gegenzug setzte sie eine finstere Miene auf, bis auf einmal an die Tür geklopft wurde.

„Das wird mein Frühstück sein. Ich hab’s heute ganz früh bestellt“, murmelte Tiny und zog den Reißverschluss der Hose zu, während er zur Tür eilte. Keiner sprach ein Wort, während ein Page einen Servierwagen ins Zimmer schob. Der Mann musterte erstaunt die vielen Leute im Raum und die herrschende Unordnung. Marguerite konnte sich gut vorstellen, wie seltsam das wirken musste. Drei vollständig bekleidete Männer, Tiny, der nur seine Jeans trug, und dazu sie in einem viel zu großen Morgenmantel. Tausend Fragen mussten dem Mann durch den Kopf gehen, aber seine Ausbildung untersagte es ihm, auch nur eine davon auszusprechen.

„Gut so, danke“, sagte Tiny, als der Mann den Wagen an Marguerite vorbeischob. Sofort blieb er stehen und lächelte sie nervös an, dann kehrte er schnell zur Tür zurück, die Tiny ihm nach wie vor aufhielt.

Obwohl das Tablett mit einer silbernen Haube abgedeckt war, breiteten sich die köstlichen Gerüche der Speisen darunter im Zimmer aus. Marguerite drehte sich um und nahm die Haube ab. Offenbar servierte die Hotelküche zu jeder Tageszeit Frühstück, wenn ein Gast das wünschte. Es war ein komplettes englisches Frühstück. Eier, Speck, Würstchen, gebackene Bohnen, gebackene Tomaten, Champignons, Blutwurst, Kartoffelpuffer und Toast.

Wenn Tiny immer so reichhaltig aß, würde er noch einen Herzinfarkt bekommen, bevor sich eine Gelegenheit dazu ergab, ihn zu wandeln, überlegte Marguerite und nahm ein Würstchen, ehe sie das Tablett wieder zudeckte. Sie biss ein Stück ab, erst dann wurde ihr bewusst, was sie da eigentlich tat. Schuldbewusst sah sie sich um, aber alle waren ganz auf den jungen Mann konzentriert, dem Tiny ein Trinkgeld in die Hand drückte, ehe er die Tür hinter ihm schloss.

Kopfschüttelnd steckte sie auch den Rest des Würstchens in den Mund und kaute hastig. Dabei überlegte sie, dass sie wohl zu viel Zeit in Tinys Gesellschaft verbrachte. Unsterbliche – oder Vampire, wie sie zu Marguerites Verärgerung von den Sterblichen genannt wurden – hörten meist nach rund hundert Jahren damit auf, herkömmliche Nahrung zu sich zu nehmen, weil es einfach nur langweilig und zeitraubend war. Doch in den letzten drei Wochen hatte sie Tiny regelmäßig bei den verschiedenen Mahlzeiten Gesellschaft geleistet, und auch wenn sie bis dahin nie in Versuchung gekommen war, musste es dennoch auf irgendeine Weise abgefärbt haben, wenn sie jetzt damit anfing, Essen von seinem Teller zu stibitzen.

„Ich schätze, ich sollte wohl mal alle miteinander bekannt machen“, sagte Christian.

Marguerite schluckte den letzten Bissen hinunter und drehte sich um, wobei sie hoffte, dass sie sich den anderen mit Unschuldsmiene präsentierte. „Vater, Marguerite Argeneau. Marguerite, mein Vater Julius Notte.“

„Julius?“, warf Tiny ein. „Wieso kommt mir der Name so bekannt vor?“

Verwundert beobachtete sie ihn, während er sein Hemd überstreifte. Sie wusste, er kannte den Namen des Mannes längst, immerhin hatten sie seit Wochen in den Archiven danach gesucht.

„Ah, ich hab’s!“, rief er plötzlich und schnippte mit den Fingern. „Heißt dein Hund nicht auch Julius?“

Unwillkürlich musste Marguerite grinsen. „Ja, das stimmt.“

„Er ist ein richtig großer Hund“, ließ Tiny die anderen wissen, ohne dabei den Blick von Julius zu nehmen. „Sein Fell ist so schwarz wie Ihr Haar. Ein neapolitanischer Mastiff. Das ist eine italienische Rasse, nicht wahr?“ Dann fügte er noch vielsagend hinzu: „Der sabbert in einer Tour.“

Marguerite wandte sich ab und hielt die Hand vor den Mund, scheinbar, um zu husten, obwohl sie in Wahrheit nur nicht ernst bleiben konnte. Es wunderte sie nicht, dass Julius Notte so erstickt klang, als er fragte: „Sie haben Ihren Hund Julius genannt?“

Mit ausdrucksloser Miene räumte sie ein: „Ich habe jeden meiner Hunde Julius genannt. Den ersten hatte ich vor einigen Hundert Jahren. Viele Juliusse haben über die Jahre hinweg gelernt, Stöckchen zu holen und Sitz zu machen.“

Ein erstickter Laut entwich Christians Kehle, der verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klang. Tiny grinste breit und nickte ihr zustimmend zu, während sich Marcus auf die Unterlippe biss, den Kopf wegdrehte und zu husten begann. Allerdings machte Julius Notte gar nicht den verärgerten Eindruck, den sie von ihm erwartet hätte, sondern wirkte vielmehr sehr erheitert.

Sie kam zu dem Schluss, dass sie Männer wohl nie verstehen würde. Kopfschüttelnd ging sie zu der Tür, die zum Rest der Suite führte. „Ich nehme jetzt ein Bad.“

„Augenblick mal“, protestierte Julius. „Sie haben uns noch immer nichts zu dem anderen Überfall gesagt.“

„Das kann Tiny erledigen“, gab Marguerite ruhig zurück. „Ich nehme jetzt ein Bad.“ Auf weiteren Widerspruch wartete sie gar nicht erst, sondern verließ das Zimmer.

Julius sah ihr lächelnd nach und betrachtete fasziniert ihr langes, gewelltes kastanienfarbenes Haar, das einen Stich ins Rot hatte, den Morgenmantel, der so weit war, dass er ihr von den Schultern zu rutschen drohte, ihre wohlgeformten Beine und entzückenden kleinen Füße. Sie war einfach großartig. Wunderschön, intelligent, verdammt sexy und mindestens ebenso frech, dachte er bewundernd, wurde aber jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als Christian ihn anfuhr: „Hör auf, ihr auf den Hintern zu starren, Vater! Sie ist meine Detektivin.“

Die gute Laune war prompt dahin, Julius drehte sich zu seinem Sohn um und konterte im gleichen Tonfall: „Sie mag deine Detektivin sein, aber sie ist meine …“

„Deine was ist sie?“, hakte Christian interessiert nach, als sein Vater mitten im Satz abbrach.

„Meine Verantwortung“, entgegnete er schließlich. „Als Familienoberhaupt steht jeder in meiner Verantwortung, auch du und jeder, der für dich arbeitet.“

Christian wollte darauf etwas erwidern, doch Julius wandte sich bereits an Tiny und forderte ihn auf: „Sagen Sie uns, was es mit dem ersten Angriff auf sich hatte.“

Das genügte, um Christian vom Thema abzulenken. Er blickte den Sterblichen erwartungsvoll an.

Tiny zögerte kurz, dann murmelte er: „Ich brauche erst mal einen Kaffee.“

Julius trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, dennoch wartete er ab, bis Tiny sich eine Tasse eingeschenkt hatte. „Also? Der erste Angriff?“, hakte er dann sofort nach.

Zwar gab Tiny mit einem Nicken zu verstehen, dass er die Frage gehört hatte, trotzdem schob er mit der freien Hand die Haube vom Tablett und nahm sich ein Stück Frühstücksspeck. Erst als er den Bissen verspeist hatte, antwortete er: „Jemand ist eingebrochen und hat versucht, Marguerite zu enthaupten.“

Mit geschlossenen Augen stand Julius da und betete, er möge nicht die Geduld verlieren.

„Äh … Tiny … das ist ziemlich genau das, was uns Marguerite auch gesagt hat“, machte Christian ihm klar.

„Und genau das ist auch passiert“, erwiderte der Detektiv achselzuckend und griff nach einem weiteren Stück Speck.

Als Julius ein kehliges Grollen ausstieß, stellte sich Christian ganz automatisch schützend vor den Sterblichen. „Gut, aber Sie werden uns doch sicherlich ein paar Einzelheiten nennen können.“

„War der Angreifer sterblich oder unsterblich?“, platzte Julius heraus. „Wie sah er aus? Wie ist er ins Zimmer gekommen? War er bewaffnet? Was es überhaupt ein Er?“ Aufgebracht kniff er die Augen zusammen. „Sie sind ein Detektiv, Sterblicher. Sie werden ja wohl irgendwelche Details bemerkt haben, die uns weiterhelfen können!“

Tiny musterte den Mann ruhig, während nach wie vor der Ansatz eines Lächelns seine Mundwinkel umspielte. Es war offensichtlich, dass er sich für den vorangegangenen Angriff rächen wollte. Als Julius kurz davor war, ihm an die Kehle zu gehen, damit er endlich mit den Antworten auf ihre Fragen herausrückte, da begann er zu reden.

„Ich vermute, er war ein Unsterblicher, aber mit Sicherheit kann ich das nicht sagen. Und beschreiben kann ich ihn schon gar nicht, weil ich ihn nicht gesehen habe. Selbstverständlich war er bewaffnet, schließlich hätte er Marguerite nicht mit bloßen Händen enthaupten können. Er hatte ein Schwert. Sie meint, es müsste sich um einen Mann gehandelt haben, aber ich kann dazu nichts sagen, immerhin habe ich ihn gar nicht zu Gesicht bekommen.“

Während der Mann weiterredete, atmete Julius langsam aus.

„Als ich ins Zimmer kam, war er bereits über den Balkon entwischt. Marguerite hatte sich in ihrem Bettlaken verheddert und lag auf dem Boden. So wie sie es schildert, war sie plötzlich aufgewacht, hat das Schwert herabsausen sehen und sich aus dem Bett gerollt. Am Hals hatte sie eine Schnittwunde, ihr Nachthemd war blutverschmiert, und sie zeigte auf die Balkontür. Ich bin rausgelaufen, aber da war von dem Eindringling schon nichts mehr zu sehen. Er muss über das Dach gekommen sein, und vermutlich ist er auf dem gleichen Weg auch wieder entwischt.“

Julius kniff die Lippen zusammen. Um ein Haar wäre Marguerite Argeneau ermordet worden. Jemand hatte versucht, sie zu töten, bevor er – Julius – zu ihr ins Zimmer hatte kommen können.

„Marguerite meint, es hätte etwas mit dem Fall zu tun“, ergänzte Tiny noch.

„Was?“, fragte Julius verblüfft.

Der Detektiv nickte. „Sie sagt, sie hat keine Feinde, aber sie hat zu recht erklärt, dass es jemanden gibt, der nicht will, dass Christian die Identität seiner Mutter herausfindet.“

Julius zuckte innerlich zusammen. Dieser Mann versuchte nicht mal, seine absurden Verdächtigungen für sich zu behalten. Zugegeben, ganz so absurd waren sie nicht, denn immerhin hatte er selbst tatsächlich alles in seiner Macht Stehende unternommen, damit Christian nichts über seine Mutter erfuhr. Kein Wunder, dass Tiny und erst recht Marguerite glaubten, er könne deshalb auch hinter diesem ersten Überfall stecken. Verdammt!

„Warst du es?“, fragte Christian.

Entrüstet legte Julius den Kopf in den Nacken. „Nein!“

„Tu nicht so empört, Vater“, raunte Christian ihm ungehalten zu. „Du willst nicht, dass ich etwas über meine Mutter herausfinde, und bislang hast du es auch geschafft, jeden Detektiv abzuwimmeln, den ich darauf angesetzt habe. Aber Marguerite und Tiny sind nicht aus Europa, und Marguerite gehört zu einer mächtigen Familie. Die beiden kannst du nicht mit irgendwelchen Drohungen verjagen.“

„Du weißt davon?“ Julius schaute ihn verwundert an.

„Natürlich weiß ich davon“, erwiderte er voller Abscheu. „Die meisten unsterblichen Detektive waren jünger als ich, daher konnte ich sie lesen. Ich bekam zwar von ihnen zu hören, dass sie keine Spur finden können und dass sie die Suche für reine Zeitverschwendung halten oder dass sie Wichtigeres zu tun haben und meinen Fall nicht übernehmen können. Aber ihr Verstand schrie fast regelmäßig: ‚Oh verdammt, ich muss mich irgendwie aus der Affäre ziehen, sonst zerquetscht mich Julius Notte, als wäre ich nur eine kleine Fliege!‘“

Julius warf Marcus einen finsteren Blick zu, als dieser sich ein lautes Lachen nicht verkneifen konnte.

„Also? Hast du Marguerite angegriffen?“, bohrte Christian nach und fügte dann entgegenkommend hinzu: „Vielleicht nicht mit der Absicht, sie zu töten, sondern um ihr Angst zu machen, damit sie den Auftrag doch noch ablehnt?“

„Nein“, wiederholte Julius mit Nachdruck.

„Ich würde dir ja gern glauben, aber …“

„Können Sie ihn nicht lesen?“, warf Tiny ein. „Ich dachte, ihr könnt euch gegenseitig lesen, solange es sich nicht um einen Lebensgefährten handelt. Ich weiß, dass Marguerite in Kalifornien Vincent gelesen hat.“

„Marguerite ist älter als Vincent“, erklärte Christian. „Ich kann meinen Vater nur lesen, wenn er seinen Geist für mich öffnet.“

„Na, dann soll er das doch einfach machen“, schlug Tiny vor.

Julius erstarrte, als sein Sohn sich zu ihm umdrehte und ihn fragend ansah.

„Bist du bereit, mir deinen Geist zu öffnen, damit ich ihn lesen kann?“, wollte Christian wissen.

Sein Vater machte sich nicht mal die Mühe, darauf etwas zu entgegnen, sondern verzog nur den Mund.

„Das hatte ich mir gedacht“, murmelte Christian. „Du bist hergekommen, um …“

„Vielleicht sollten wir das woanders diskutieren“, gab Marcus zu bedenken und brachte sich bei den beiden erst jetzt wieder in Erinnerung. Als sie sich zu ihm umwandten, deutete er mit dem Kopf auf Tiny, der den Servierwagen vor einen der Sessel am Fenster gerollt hatte und es sich gemütlich machte, um zu frühstücken.

„Achten Sie gar nicht auf mich“, rief der Detektiv ihnen amüsiert zu. „Während Sie sich unterhalten, werde ich etwas essen.“

„Wir gehen lieber und lassen Sie in Ruhe“, entschied Christian und bedachte seinen Vater mit einem wütenden Blick. „Wir können uns in meinem Zimmer unterhalten.“

Als Julius zustimmend nickte, ging sein Sohn vor ihm zur Tür.

Julius zögerte einen Moment lang. Er hatte diesem Tiny den Hals umdrehen wollen, als er ihn zusammen mit Marguerite im Bett vorfand, und von diesem dringenden Wunsch war er erst abgekommen, nachdem Marcus ihm etwas zugeflüstert hatte. Seit dem Moment wusste er, die beiden hatten sich tatsächlich nur das Bett geteilt, und die zwei verband auch kein Verhältnis in der Art, von der er ausgegangen war.

Natürlich hätte er das auch selbst herausfinden können, wie Marcus ihm ganz richtig vorgehalten hatte. Er hätte nur den Mann lesen müssen, anstatt gleich das Schlimmste anzunehmen. Jetzt fühlte er sich mies. Dem Detektiv war es nur darum gegangen, für Marguerites Sicherheit zu sorgen. Einen Augenblick lang spielte er mit dem Gedanken, sich bei Tiny zu entschuldigen, doch dann fiel ihm ein, dass der Mann seine große Klappe hatte aufreißen müssen, er solle seinen Geist für Christian öffnen. Hätte Tiny den Mund gehalten, wäre sein Sohn jetzt nicht noch wütender auf ihn. Diese beiden Dinge hoben sich gegenseitig auf, und Julius kam zu dem Schluss, dass er sich nicht entschuldigen musste.

Nach einem letzten finsteren Blick auf den Sterblichen machte Julius auf dem Absatz kehrt und folgte seinem Sohn nach draußen.

 

3

Marguerite ließ ihren Blick über das Durcheinander in ihrem Zimmer schweifen, als sie hineinging, um ihren Koffer zu holen. Sie öffnete den Deckel, nahm heraus, was sie für ihr Bad benötigte, dann suchte sie sich frische Kleidung zusammen. Zum Glück hatte sie bei ihrer Ankunft im Hotel an diesem Morgen nicht alles ausgepackt, sodass sie später einfach nur ihren Koffer schnappen musste, wenn sie auscheckten.

Im Badezimmer legte sie ihre Sachen auf den Tresen aus glänzendem Marmor, dann ging sie zur riesigen Wanne und gab eine großzügige Portion Schaumbad hinein. Sie drehte den Wasserhahn auf und ließ sich mit einem erschöpften leisen Seufzer auf dem Wannenrand nieder.

Sie war müde und hätte noch gern ein paar Stunden geschlafen. Die Fahrt von Berwick-upon-Tweed war nicht schlimm gewesen, doch die vorausgegangene dreiwöchige Suche hatte sich als anstrengend und ermüdend entpuppt.

Ihre Mundwinkel zuckten verärgert, wenn sie nur daran dachte, wie viele Stunden sie damit zugebracht hatten, ein uraltes Buch nach dem anderen zu durchsuchen, Zeile um Zeile mit dünnem Federkiel geschrieben, die Tinte mittlerweile verblasst, nur um irgendwo auf den Namen Notte zu stoßen.

So viel verschwendete Zeit, grübelte sie. Und alles nur, weil sich dieser starrsinnige Kerl weigert, seinem Sohn den Namen der Frau zu nennen, die seine Mutter war.

Verständnislos schüttelte sie den Kopf. Julius Notte war ein attraktiver, ja eigentlich sogar ein viel zu attraktiver Mann. Vermutlich hatte er im Lauf seines Lebens mit so vielen Frauen geschlafen – sterblichen wie unsterblichen –, dass er ihnen längst nicht mehr den jeweiligen Namen zuordnen konnte. Es war anzunehmen, dass er auch keine Ahnung hatte, wer die Mutter seines Sohnes war. Bestimmt hatte sie den Jungen einfach in einem Weidenkörbchen bei ihm vor der Tür abgestellt, als er gerade nicht zu Hause war.

Sie rümpfte die Nase angesichts ihrer boshaften Überlegungen und beugte sich über die Wanne, um das Wasser abzustellen. Ganz offensichtlich war sie im Moment sehr schlecht gelaunt, und sie konnte nur hoffen, dass ein ausgiebiges, entspannendes Bad Abhilfe schaffen würde. Sie zog sich aus und stieg in die Wanne, um sich von dem wohltuend warmen Wasser umschließen zu lassen.

Sie liebte Schaumbäder über alles und hatte nie verstanden, wie jemand es vorziehen konnte zu duschen. Wie viel schöner war es doch, den ganzen Körper einweichen zu lassen, so wie sie es jetzt tat. Auf diese Weise fand sie Zeit, um zu entspannen und nachzudenken. Und derzeit hatte sie über einiges nachzudenken.

Als Christian ihnen den Auftrag gab, hatte er sie bereits wissen lassen, dass Julius Notte sich beharrlich weigerte, ihm den Namen seiner Mutter zu nennen oder überhaupt nur über sie zu sprechen. Genau genommen machte sogar die ganze Familie einen Bogen um das Thema. Er bekam lediglich zu hören, sie sei tot und er sei ohne sie besser dran.

Die wenigen Dinge, die er über sie wusste, waren ihm im Verlauf von Jahrhunderten zu Ohren gekommen. Doch nichts davon war konkret genug gewesen, um ihm einen Hinweis zu liefern, wo er mit der Suche nach ihr beginnen sollte. Bis zu dem Tag, an dem eine seiner Tanten ein Porträt betrachtet hatte, das ihn als kleines Kind zeigte. Lächelnd hatte sie erklärt: „Da warst du erst wenige Wochen alt. Dein Vater hat es malen lassen, gleich nachdem er mit dir im selben Jahr aus England zurückgekehrt war.“

Da er nun endlich etwas in der Hand hatte, heuerte Christian sofort Privatdetektive an, die der Identität seiner Mutter auf die Spur kommen sollten. Das Problem bestand allerdings darin, dass man für einen solchen Auftrag einen unsterblichen Detektiv benötigte, doch diejenigen, die in Europa dieser Tätigkeit nachgingen, ließen sich nur zu schnell durch Julius Notte ins Bockshorn jagen, da der Mann über sehr viel Macht verfügte. Er brauchte lediglich zum Telefon zu greifen, und schon ließ jeder Detektiv die Finger von dem Fall.

Bis jetzt, dachte Marguerite grimmig. Sie konnte Christian gut leiden, und ihrer Meinung nach verdiente er es zu erfahren, wer seine Mutter war. Und sie fürchtete sich nicht vor Julius Notte und seiner Macht. Sie würde die Suche so lange fortsetzen, wie Christian es wünschte. Natürlich wäre es alles viel einfacher gewesen, wenn Julius Notte den Mund aufgemacht hätte. Dann wäre es ihr und Tiny erspart geblieben, ein verstaubtes Archiv nach dem anderen aufzusuchen und muffige Bücher zu wälzen.

Marguerite verzog den Mund. Bislang fiel ihr Urteil über diesen neuen Job sehr enttäuschend aus. Das Recherchieren empfand sie als äußerst langweilig, und sie spielte schon jetzt ernsthaft mit dem Gedanken, nach dem Abschluss dieses Falls eine andere Karriere anzustreben.

Mit dem seifigen Waschlappen rieb sie über ihre Beine, während ihre Gedanken zu Julius Notte zurückkehrten. Warum der Mann seinem Sohn nicht den Namen der Mutter nennen wollte, war für sie unbegreiflich. Möglicherweise hatte diese Frau Julius sehr wehgetan, und er wollte nichts mehr von ihr wissen. Oder aber er hatte niemals ihren Tod verwinden können. Wie ihr zu Ohren gekommen war, stellte der Verlust des Lebensgefährten für einen Unsterblichen einen schweren Schlag dar. Sie selbst hatte nie einen Lebensgefährten gehabt und konnte diese Behauptung nicht bestätigen. Dennoch wusste sie, dass manche Unsterbliche Jahrhunderte brauchten, um den Schmerz zu verarbeiten … sofern sie sich überhaupt davon erholten.

Aber selbst wenn das erklärte, warum Julius nicht über diese Frau reden wollte, hatte Christian ein Recht darauf, die Identität seiner Mutter zu erfahren.

Sie lehnte sich zurück und fuhr mit dem Waschlappen über ihre Arme. Als sie danach ihre Brüste einseifte, wurde ihre Hand auf einmal langsamer, da sie an ihre sonderbare Reaktion denken musste, als Julius sie in Tinys Zimmer so eindringlich angestarrt hatte. Die bloße Erinnerung daran ließ ihren Körper abermals reagieren, und Marguerite nahm mit Erstaunen zur Kenntnis, dass sich ihre Nippel schon wieder aufrichteten, als sei Julius dort und würde sie ansehen.

Sie biss sich auf die Lippe und legte den Waschlappen auf den Wannenrand, während sie sich zur Ruhe zwang. Ein Gefühl der Erregung hatte ihren Körper erfasst, und sie konnte nur hoffen, dass es schnell wieder vorbei sein würde. In den mehr als siebenhundert Jahren ihres Lebens war es noch nie vorgekommen, dass ein Mann sie nur anschauen musste, um sie so reagieren zu lassen. Und dann widerfuhr ihr so etwas ausgerechnet bei einem Wildfremden, bei dem sie sich nicht mal sicher war, ob sie ihn überhaupt leiden konnte!

Was für ein Barbar musste man sein, wenn man einfach in ein fremdes Schlafzimmer eindrang und einen Sterblichen würgte und gegen die Wand schleuderte, nur weil er sich gerade dort aufhielt? Er behauptete, er habe geglaubt, Tiny würde sie angreifen. Doch wie sollte das möglich sein, wenn sie beide fest geschlafen hatten? Sie jedenfalls hatte fest geschlafen, und sie nahm nicht an, dass Tiny wach gewesen war. Außerdem war Tiny ein Sterblicher, sie eine Unsterbliche. Er konnte sie also ohnehin zu nichts zwingen, was sie nicht wollte.

Julius dagegen mochte dazu in der Lage sein, musste sie sich eingestehen. So wie sie selbst war er unsterblich, und von dem vorangegangenen Kampf wusste sie, dass er auch stärker war als sie. Er hätte sie also zwingen können, ihr Zimmer zu verlassen und sich in dieses Bett zu legen.

Aus einem unerfindlichen Grund löste diese Erkenntnis einen erneuten wohligen Schauer in ihr aus, was sie stutzig werden ließ. Sie hatte gerade erst siebenhundert Jahre Ehe mit einem schrecklichen Ehemann hinter sich, und sie verspürte beim besten Willen nicht den Wunsch, sich derzeit auf eine Beziehung zu irgendeinem Mann einzulassen. Sie wollte ihre Freiheit genießen, sich eine Karriere aufbauen, das Leben leben …