Rendezvous mit einem Vampir - Lynsay Sands - E-Book

Rendezvous mit einem Vampir E-Book

Lynsay Sands

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Beschreibung

Vampirin Alexandrina Argenis fährt in die Kleinstadt Port Henry, um die junge Unsterbliche Stephanie vor einem gefährlichen Feind der Vampire zu beschützen. Dort trifft sie den gut aussehenden Hapernus Stoyan, in dem sie sogleich ihren Seelengefährten erkennt. Doch Harper trauert noch seiner letzten Gefährtin nach, für deren Tod er sich schuldig fühlt.

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LYNSAY SANDS

RENDEZVOUS MIT

EINEM VAMPIR

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Ralph Sander

Zu diesem Buch

Die temperamentvolle spanische Vampirin Alexandrina Argenis, von allen Drina genannt, wird für einen Auftrag nach Kanada gerufen. Ein junges Mädchen, das gegen ihren Willen von einem Abtrünnigen gewandelt worden war, braucht nun Schutz und Anleitung – und Drina ist genau die Richtige für den Job! Aber nicht nur die berufliche Seite hält für Drina Neues bereit: Kaum in Kanada angekommen, trifft die Unsterbliche auf Harpernus Stoyan, der ebenfalls auf das frischgebackene Vampirmädchen aufpassen soll. Drina erkennt in ihm sofort ihren Seelenpartner. Dem attraktiven Vampir wiederum steht der Sinn zwar nach vielem, nicht jedoch nach Liebe! Noch immer hat er mit dem Verlust seiner letzten Gefährtin zu kämpfen, denn er gibt sich selbst die Schuld an ihrem Tod. Harper hat sich geschworen, nie wieder eine andere Frau auch nur anzusehen. Einen weiteren Verlust könnte er nicht ertragen! Harper hat sein Herz in Eis gepackt (was ungefähr der kanadischen Außentemperatur entspricht!), und Drina muss ihr ganzes heißblütiges Temperament aufbieten, um es zum Schmelzen zu bringen …

1

Drina nahm das rhythmische Klacken ihrer Absätze kaum wahr, als sie die Stufen der Flugzeugtreppe hinunterging. Ihr Blick wanderte von den winterlich kahlen Bäumen auf beiden Seiten der privaten Landebahn zu dem Mann, der am Rand des Rollfelds gegen einen Golfwagen gelehnt stand.

Mit seiner dunklen Haarfarbe, dem dunklen Teint sowie dem schwarzen Ledermantel hätte man ihn durchaus für einen Schatten halten können, wäre da nicht das goldschwarze Funkeln seiner Augen gewesen. Diese Augen spähten zwischen Mütze und Schal – beide aus ebenfalls schwarzer Wolle – hindurch in ihre Richtung. Der Mann zeigte keinerlei Regung. Erst als sie die letzte Stufe hinter sich gelassen und die Rollbahn betreten hatte, stieß er sich von dem Wagen ab und kam ihr entgegen.

Trotz der Kälte rang sich Drina zu einem Lächeln durch. Ein Gruß wollte ihr schon über ihre zitternden Lippen kommen, aber der blieb ihr im Hals stecken, als der Mann ihr die kleine Tasche abnahm und sich wortlos von ihr abwandte. Während er auf dem Fahrersitz des winzigen, offenen Gefährts Platz nahm und ihre Tasche auf den Beifahrersitz stellte, streifte sie endlich ihre Verblüffung ab und setzte sich in Bewegung. Dabei konnte sie es sich nicht verkneifen vor sich hin zu murmeln: »Hallo, Sie müssen Drina Argenis sein. Freut mich Sie kennenzulernen. Kommen Sie, ich nehme Ihnen Ihr Gepäck ab. Und steigen Sie doch bitte ein, damit ich Sie zum Vollstrecker-Hauptquartier bringen kann und Sie nicht so lange der Kälte ausgesetzt sind.«

Dank des überragenden Hörvermögens musste der Mann mitbekommen haben, welche Worte sie ihm auf ihre sarkastische Weise in den Mund gelegt hatte. Aber er ließ sich weder etwas anmerken, noch äußerte er sich dazu. Stattdessen ließ er lediglich den Motor an und wartete, dass sie sich zu ihm setzte.

Drina verzog den Mund. Es war offensichtlich, dass er ihr Gepäck auf den Beifahrersitz gestellt hatte, weil er nicht wollte, dass sie sich neben ihn setzte, sondern auf der Rückbank Platz nahm. Verärgert setzte sie sich auf die harte, kalte Bank, musste aber sofort nach der Metallstange neben ihr greifen, da der Wagen so ruckartig anfuhr, dass sie ansonsten den Halt verloren hätte. Das eiskalte Metall unter ihren Fingern veranlasste sie nicht zum ersten Mal zu dem Gedanken, dass sie sich mit den Begleiterscheinungen eines Winters in Nordamerika gründlicher hätte befassen sollen, bevor sie zu dieser Reise aufgebrochen war. Wenn sie nicht als Eis am Stiel enden wollte, musste sie unbedingt in nächster Zeit shoppen gehen.

Da es sonst nichts zu sehen gab, beobachtete Drina, wie die kleine Maschine, mit der sie hergekommen war, auf der Startbahn beschleunigte und abhob. In dem Augenblick, in dem die Reifen den Kontakt zum Boden verloren, erloschen abrupt alle Lichter, die die Landebahn markierten, und Dunkelheit machte sich breit. Für Sekunden konnte sie nichts sehen, aber dann stellten sich ihre Augen auf die veränderten Lichtverhältnisse ein, und sie konnte die knietief verschneite Landschaft mit den kahlen Bäumen ausmachen, die den Weg säumten. Unwillkürlich begann sie sich zu fragen, wie lange sie wohl auf diesem Ding durch die Kälte chauffiert werden würde.

Der Wald war nicht so ausladend, wie er ihr vom Flugzeug aus erschienen war, und so dauerte es nicht lange, bis sie die Baumlinie hinter sich gelassen hatten und sie auf einen schmalen Weg einbogen, der an einer schneebedeckten weitläufigen Fläche mit nichts als einem großen Haus und einer lang gestreckten Garage darauf entlangführte. Auf diese Garage fuhr der Mann jetzt zu und brachte den Wagen neben einer Tür so abrupt zum Stehen, dass der feste Schnee unter den Reifen knirschte. Er griff nach ihrer Tasche und stand von seinem Platz hinter dem Lenkrad auf, um dann wortlos auf diese Tür zuzugehen.

Verdutzt zog Drina die Augenbrauen hoch, während sie sich von dem Beifahrersitz erhob und ihm nach drinnen in eine kleine Halle folgte. Von dieser zweigten zu ihrer Linken einige Zellen ab, doch er ging vor ihr her zu einer Tür auf der rechten Seite, durch welche sie in einen Korridor gelangten, der in einer Wagenhalle endete, in der mehrere Fahrzeuge standen.

Drina warf einen kurzen Blick auf diese fahrbaren Untersätze, die alle gleich aussahen und die man – wenn sie sich nicht irrte – als SUVs bezeichnete. Sie folgte dem großen, düsteren und schweigsamen Fremden, der ihr die hintere Beifahrertür eines dieser Wagen aufhielt und wortlos wartete. Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie den Mann. Wie es schien, sollte er sie nach Port Henry begleiten, aber es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie sich von ihm wie ein Kleinkind auf den Rücksitz verfrachten ließ, um dort eine zweistündige Autofahrt über sich ergehen zu lassen.

Mit einem süßlichen Lächeln auf den Lippen tauchte sie unter seinem Arm hindurch und ging zur Beifahrertür, öffnete sie und stieg ein. Dann drehte sie sich zu ihm um und warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

Er reagierte darauf mit einem kläglichen Seufzer, dann warf er ihre Tasche in den Fußraum vor ihrem Sitz und knallte die Tür zu.

»Na toll«, murmelte sie, während er um den Wagen herum zur Fahrertür ging. Allerdings musste sie sich über das Verhalten dieses Mannes nicht wundern. Immerhin arbeitete er für ihren Onkel, und der war der einsilbigste Mann, den sie je kennengelernt hatte. Zumindest auf dieser Seite des Ozeans, fügte sie im Geiste hinzu, während der Griesgram sich ans Steuer setzte und den Motor anließ.

Drina sah, wie er auf einen Knopf drückte und sich daraufhin das Garagentor öffnete. Erst nachdem er den Gang eingelegt hatte, fragte sie: »Fahren wir auf direktem Weg nach …«

Weiter kam sie nicht, da er aus der Innentasche seiner mit Pelz abgesetzten Jacke einen Briefumschlag hervorholte und ihr hinhielt.

»Ach ja, ich hatte völlig vergessen, Ihnen das hier zu geben«, legte sie ihm ihre Worte in den Mund und grinste spöttisch, während sie den Umschlag an sich nahm.

Der ungehobelte Klotz an ihrer Seite zog nur eine Augenbraue hoch, mehr an Reaktion gab es nicht.

Kopfschüttelnd machte sie den Umschlag auf und zog einen Brief von ihrem Onkel Lucian heraus. Darin erklärte er ihr, dass der Name ihres Fahrers Anders sei und dass er sie umgehend nach Port Henry bringen solle. Vermutlich bedeutete dieser Brief, dass Lucian Anders nicht zugetraut hatte, ihr diese Information persönlich zu übermitteln. Vielleicht war er ja tatsächlich stumm, überlegte sie und warf dem Mann einen prüfenden Blick zu, als sie den Brief in ihre Tasche steckte. Die Nanos hätten das zwar beheben müssen … außer natürlich, es handelte sich nicht um ein körperliches, sondern ein genetisch bedingtes Problem. Dennoch hatte sie noch nie zuvor von einem stummen Unsterblichen gehört.

»Können Sie überhaupt nicht reden?«, fragte sie ihn schließlich.

Wieder zog er eine Braue hoch und lenkte den Wagen über die Auffahrt vor dem Haus. Achselzuckend erwiderte er: »Warum soll ich mir die Mühe machen? Das können Sie doch genauso gut selbst erledigen.«

Aha, also unhöflich, nicht stumm, überlegte Drina und blickte finster drein. »Dann hat Tante Marguerite mit ihren Geschichten von den ach so charmanten kanadischen Männern aber offenbar maßlos übertrieben.«

Das veranlasste ihn dazu, eine Vollbremsung hinzulegen und sie mit weit aufgerissenen Augen anzustarren. Es waren ausgesprochen schöne Augen, wie sie ein wenig geistesabwesend feststellen musste, während er regelrecht bellte: »Marguerite?«

»Mein Gott, er redet ja schon wieder«, kommentierte sie ironisch. »Schweig still, mein pochendes Herz. Ich weiß nicht, ob ich so viel Aufregung verkraften kann.«

Mit einem mürrischen Blick quittierte er ihren Sarkasmus, dann nahm er den Fuß vom Bremspedal und fuhr weiter die Auffahrt entlang, bis sie an ein bewachtes Tor gelangten. Zwei Männer kamen aus einem kleinen Wachhaus und winkten ihnen zum Gruß zu. Sie machten sich sogleich daran, das Tor von Hand zu öffnen. Kaum war Anders durch das erste Tor hindurch und ein Stück weit bis zu einem zweiten Tor vorgefahren, wurde das erste hinter ihnen auch schon wieder geschlossen. Die Männer zogen sich in das kleine Gebäude zurück, und fast im gleichen Moment ging das zweite Tor von selbst auf. Anders gab Gas und lenkte den SUV auf eine dunkle Landstraße.

»Hat Marguerite irgendeinen bestimmten kanadischen Mann gemeint?«, fragte er plötzlich, als Drina den Blick von dem hinter ihnen zugleitenden Tor abwandte.

Erstaunt nahm sie zur Kenntnis, dass der Mann mit einem Mal spürbar nervös wurde. »Ach, jetzt auf einmal kriegen Sie den Mund auf?«, wunderte sie sich belustigt. »Haben Sie etwa Angst, Sie könnten damit gemeint sein?«, zog sie ihn auf.

Er warf ihr einen bohrenden Blick zu. »War ich damit gemeint?«

Drina schnaubte herablassend und legte ihren Gurt an. »Als ob ich Ihnen das erzählen würde.«

»Nicht?«

Sie drehte sich zu ihm um und sah seine irritierte Miene. »Ganz bestimmt nicht«, versicherte sie ihm.« Welche Frau mit Selbstachtung möchte schon den Rest ihres Lebens mit einem ungehobelten Klotz verbringen, wie Sie einer sind?«

»Ein ungehobelter Klotz?«, krächzte er.

»Ja, Sie haben richtig gehört«, sagte sie. »Ein ungehobelter Klotz, den man bestenfalls noch dazu benutzen kann, ihn in Holzscheite zu zerteilen.« Mit einem honigsüßen Lächeln auf den Lippen ergänzte sie dann noch: »Na ja, vielleicht kann man als Frau ja noch mit einem dieser Holzscheite was anfangen. Es heißt doch, dass die Nanos alle Körperfunktionen von männlichen Unsterblichen anstandslos aufrecherhalten, nicht wahr?«

Zufrieden sah sie mit an, wie er den Mund nicht mehr zubekam. Dann drehte sie sich so lange hin und her, bis sie auf ihrem Platz eine bequeme Sitzposition gefunden hatte, und schloss die Augen. »Ich glaube, ich werde ein Nickerchen machen. Im Flugzeug kann ich nie gut schlafen. Gute Fahrt wünsche ich Ihnen.«

Auch wenn ihre Augen geschlossen waren, spürte sie, dass er immer wieder zu ihr hinsah. Sie ignorierte diese Tatsache und schaffte es, sich ein Grinsen zu verkneifen. Dieser Mann musste mal gehörig verunsichert werden, und das hier war zweifellos die beste Methode, um das zu erreichen. Im Lauf der Jahrhunderte hatte sie ein gutes Gespür entwickelt, um das Alter anderer Unsterblicher zu schätzen, und in seinem Fall war sie sich sicher, dass er um einige Hundert Jahre jünger war als sie. Er würde nicht in der Lage sein, sie zu lesen, sodass er nur raten konnte, was ihr wohl durch den Kopf ging. Ganz sicher würde ihn das wahnsinnig machen, was ihm ganz recht geschah. Es war nicht besonders viel nötig, um ein Minimum an Höflichkeit an den Tag zu legen, und in einer zivilisierten Gesellschaft war Höflichkeit nun mal unerlässlich. Diese Lektion sollte der Mann lernen, bevor er zu alt war, um überhaupt noch irgendwas zu lernen.

Harper betrachtete kurz seine Karten, dann nahm er die Pik-Sechs und legte sie auf den Stapel. Er sah zu Tiny und war kein bisschen überrascht, dass der Mann nicht auf sein Blatt schaute, sondern gedankenverloren die Treppe betrachtete.

»Tiny«, sagte er. »Du bist dran.«

»Oh.« Der Sterbliche sah sich seine Karten an, dann begann er, eine von ihnen zu ziehen, doch im gleichen Moment ging Harper dazwischen und stoppte ihn.

Auf Tinys verwunderten Blick hin erklärte er: »Du musst erst eine ziehen.«

»Ach, stimmt ja.« Kopfschüttelnd steckte er die ausgewählte Karte zurück und nahm eine vom Stapel.

Harper konnte ebenfalls nur den Kopf schütteln, während er sich zurücklehnte und dachte: Himmel, bewahre mich vor neuen Lebensgefährten. Der Gedanke veranlasste ihn dazu, den Mund zu verziehen, schließlich schien es in letzter Zeit von ihnen nur so zu wimmeln: Victor und Elvi, DJ und Mabel, Allesandro und Leonora, Edward und Dawn, und jetzt auch noch Tiny und Mirabeau. Die ersten vier Paare waren inzwischen seit eineinhalb Jahren zusammen, und so allmählich nahmen sie alle wieder Verstand an. Zwar waren ihre Beziehungen immer noch so frisch, dass es manchmal etwas strapaziös sein konnte, aber zumindest waren sie in der Lage, ihre Gedanken länger als zwei Sekunden beieinander zu halten.

Tiny und Mirabeau waren dagegen noch ein frischgebackenes Paar, und beide konnten praktisch nur an den jeweils anderen denken … und daran, bald wieder eine Gelegenheit zu finden, sich gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen. Auch waren sie nicht in der Lage, ihre Gedanken für sich zu behalten, und das war so, als würde man rund um die Uhr und das an jedem Tag der Woche im Radio von einem Lebensgefährten-Porno beschallt werden.

Dass Harper nicht vor eineinhalb Jahren nach dem Tod seiner eigenen Lebensgefährtin seine Sachen gepackt und sich aus dem Staub gemacht hatte, war vermutlich ein Zeichen dafür, dass er eine masochistische Ader besaß, gab es doch für jemanden, der seine so sehr herbeigesehnte und begehrte Lebensgefährtin verloren hatte, keine schlimmere Folter als dieser Lust und unverhohlenen Geilheit zuhören zu müssen, die von den anderen, neuen Lebensgefährten ausgestrahlt wurde. Allerdings hätte er auch gar nicht gewusst, wohin er hätte gehen sollen. Zugegeben, er besaß ein Apartment in der Stadt, und er hatte seine Geschäfte, um die er sich zumindest zum Schein kümmern konnte, doch warum sollte er sich diese Mühe machen, wenn er schon vor Jahren alles so eingerichtet hatte, dass er nicht jeden Vorgang selbst überwachen musste? Er konnte lange Zeit auf Reisen gehen, ohne ständig nach dem Rechten sehen zu müssen. Er hätte auch seine Verwandten in Deutschland besuchen können, aber die waren mit ihm nur entfernt verwandt und hatten schon vor Jahrhunderten ihr eigenes Leben aufgebaut, weshalb sie so gut wie keinen Kontakt untereinander hatten.

Genau genommen waren Elvi, Victor, Mabel und DJ für ihn das, was einer Familie am nächsten kam. Nach Jennys Tod hatten die beiden Paare ihn praktisch bei sich aufgenommen, sie hatten ihn getröstet, als er noch unter dem ersten Schock über diesen Verlust stand, und allmählich hatten sie ihn in die Welt der Lebenden zurückgeholt. Dafür war er ihnen dankbar. So sehr sogar, dass er froh über die Gelegenheit war, sich für ihre Wärme und Herzlichkeit zu revanchieren, indem er hier nach dem Rechten sah, während sie ihre Flitterwochen machten. Es wäre nur schön gewesen, wenn er dabei nicht auch noch von einem Paar gequält worden wäre, das gerade erst zusammengefunden hatte.

Tiny legte endlich eine Karte auf den Stapel, und Harper nahm eine weitere. Dann jedoch hielt er inne und sah zum Fenster, da er hörte, wie Reifen knirschend über den frischen Schnee rollten.

»Was ist?«, wollte Tiny mit nervöser Stimme wissen.

»Ein Wagen ist soeben die Auffahrt hochgefahren«, erwiderte Harper und schaute Tiny an. »Scheint so, als ob eure Ablösung eingetroffen ist.«

Sofort war Tiny aufgesprungen und rannte in die Küche, um einen Blick durch die hinteren Fenster nach draußen zu werfen. Als er dann zum Garderobenschrank ging und seine Jacke herausholte, stand auch Harper auf und folgte ihm. Die Ankunft ihrer Ablösung war etwas, worauf er sich schon gefreut hatte. Er vermutete, dass Tiny und Mirabeau sich als Nächstes in ihr Schlafzimmer zurückziehen würden, um so bald nicht mehr gesehen zu werden. Das hieß, er würde vom Großteil ihrer besessenen Gedanken verschont bleiben, was ein Segen für ihn sein würde.

Offenbar hatte Tiny ihn kommen sehen, da er auch nach Harpers Jacke griff und sie ihm gab, nachdem er in die Küche zurückgekehrt war. Beide zogen sie ihre Jacken über und begaben sich zum Hinterausgang, aber während Tiny bereits Stiefel trug und schnurstracks nach draußen ging, musste Harper erst noch an der Hintertür stehen bleiben, um in seine Stiefel zu schlüpfen. Das dauerte zwar nur einen kurzen Augenblick, doch als er Tiny schließlich nach draußen folgte, war der bereits nirgends mehr zu sehen.

Harper verzog den Mund, als ihm der eisige Wind ins Gesicht schlug, während er den Stiefelabdrücken des hünenhaften Sterblichen folgte. Die führten hin zu den Stufen, über die man zu dem Fußweg gelangte, der entlang der Auffahrt bis zur Garage verlief. Da er den Blick vor sich auf den Boden gerichtet hatte, bemerkte er die ihm entgegenkommende Person erst, als sie sich unmittelbar vor ihm befand. Abrupt blieb er stehen, als dicht vor seinen Stiefeln ein Paar Joggingschuhe auftauchte, und riss überrascht den Kopf hoch. Dann sah er vor sich eine zierliche Frau in einem Mantel, der für einen kanadischen Winter entschieden zu dünn war.

Sein Blick wanderte hoch zu ihrem Kopf, der nicht von einer Mütze bedeckt war, von dort hinab zu ihrer Reisetasche und schließlich zu den beiden Männern, die ein Stück hinter ihr bei einem SUV standen und sich unterhielten.

»Hi.«

Harper schaute wieder zu der Frau hin, die ihn zögerlich anlächelte und ihm ihre Hand hinhielt, die nicht von einem Handschuh vor der Kälte geschützt wurde.

»Alexandrina Argenis«, verkündete sie, als er nur verständnislos auf ihre Hand starrte. »Aber alle sagen Drina zu mir.«

Er zog eine Hand aus der Tasche und erwiderte ihre Form der Begrüßung. Dabei stellte er fest, dass sich ihre Finger trotz der Kälte warm und zart anfühlten. Nachdem er sich geräuspert hatte, sagte er: »Harpernus Stoyan.« Dann ließ er ihre Hand schnell wieder los und schob seine zurück in die Tasche, um sie nicht zu lange der Kälte auszusetzen. Er machte einen Schritt zur Seite, damit Drina an ihm vorbeigehen konnte. »Gehen Sie schon mal ins Haus. Da ist es angenehm warm, und im Kühlschrank ist genug Blut für alle.«

Sie nickte und ging weiter, wobei Harper ihr hinterherschaute und wartete, bis sie um die Ecke verschwunden war. Dann erst machte er sich auf den Weg zum SUV, der jetzt in der Auffahrt stand. Tiny und ein anderer, dem kanadischen Winter entsprechend mit Mütze, Handschuhen und sogar einem dicken Schal ausgestatteter Mann standen immer noch hinter dem Wagen. Als er sich den beiden näherte, zog der Neuankömmling eine Kühlbox von der Ladefläche und übergab sie Tiny.

Anstatt mit der Box zum Haus zurückkehren, sagte Tiny: »Pack ruhig noch deinen Koffer drauf, dann kann ich den auch gleich mitnehmen.«

Harper musste flüchtig lächeln. Tiny war ein riesiger Kerl, ein richtiger Hüne, und er war verdammt stark … jedenfalls für einen Sterblichen. Er war daran gewöhnt, der Kraftprotz zu sein, mit dem es nicht viele Sterbliche aufnehmen konnten, doch dabei vergaß er, dass er jetzt mit Unsterblichen zu tun hatte, gegen die er eigentlich nur ein Schwächling war.

Aber der Neuankömmling kam der Aufforderung nach und packte einen Koffer auf die Kühlbox, dann wandte er sich kommentarlos wieder dem SUV zu. Tiny machte sich sofort auf den Weg ins Haus, während Harper einen neugierigen Blick auf die Ladefläche des SUV warf. Zwei weitere Kühlboxen standen dort, und der andere Mann war gerade damit beschäftigt, die Stecker zu ziehen und die Kabel aufzuwickeln.

»Harper!«

Überrascht sah er den Neuankömmling an, der ihn so einsilbig begrüßt hatte, und dann erkannte er das Augenpaar, das ihn zwischen Mütze und Schal anschaute. »Schön dich zu sehen, Anders«, entgegnete er und griff nach einer der Kühlboxen. »Ist schon eine Weile her.«

Anders’ Antwort bestand aus einem knappen Brummen, während er die andere Kühlbox an sich nahm. Dann machte er die Heckklappe zu, verriegelte den Wagen per Fernbedienung und nickte Harper zu, damit der vorausging.

Harper drehte sich um, konnte sich aber weder das Grinsen noch eine Bemerkung verkneifen. »Du bist ja immer noch so geschwätzig.«

Als der Mann ihm auf Russisch mehr oder weniger zu verstehen gab, dass er die Klappe halten solle, musste Harper laut lachen, was ihn selbst ein wenig erschreckte. Dennoch fühlte es sich gut an, wie er gleich darauf fand. Vielleicht war es ein Zeichen dafür, dass die Depressionen allmählich von ihm abfielen, die ihn nach Jennys Tod befallen hatten.

Dieser Gedanke entlockte ihm ein leises Seufzen, als er die Kühlbox in die andere Hand nahm, um die Tür zu öffnen. Seit eineinhalb Jahren war er tief in Selbstmitleid und schlechter Laune versunken, und auch wenn er davon ausging, dass dies nach dem Verlust einer Lebensgefährtin eine ganz normale Reaktion war, hatte er das Gefühl, Erleichterung zu verspüren, endlich wieder ein wenig mehr er selbst zu sein. Von Natur aus war er nicht der trübsinnige Typ, aber seit Jennys Tod hatte es nicht viel gegeben, das ihm ein Lachen oder auch nur ein Lächeln entlocken konnte.

»Hier.« Tiny stand vor ihm und nahm ihm die Kühlbox ab, kaum dass er das Haus betreten hatte. Er überließ sie ihm und schaute zu, wie der Mann sie ins Wohnzimmer trug, wo er das Kabel abwickelte und an die nächste Steckdose anschloss. Die Box, die Tiny selbst ins Haus gebracht hatte, war in der Küche bereits an den Strom angeschlossen. Offenbar verteilte der Mann die Boxen im Haus, um nicht eine einzelne Steckdose zu überlasten und die Sicherung rausfliegen zu lassen. Immerhin waren diese Dinger so etwas wie tragbare Kühlschränke, die vermutlich viel Strom verbrauchten.

Als er die Kälte in seinem Rücken spürte, wurde Harper bewusst, dass er Anders den Weg versperrte, also machte er rasch einen Schritt zur Seite, um den Mann vorbeigehen zu lassen. Gleich hinter ihm zog er die Fliegengittertür zu und ließ die Tür ins Schloss fallen, die er dann auch sofort verriegelte. Als er sich wieder umdrehte, kehrte Tiny gerade zu ihnen zurück und holte die dritte und letzte Kühlbox, die Anders mit ins Haus gebracht hatte. Harper ließ seinen Blick durch das Esszimmer wandern, auf der Such nach Alexandrina-Argenis-alle-sagen-Drina-zu-mir, die neben dem Esstisch stand und ihren dünnen Mantel auszog.

»Wenn das alles Blut ist, haben Sie aber eine Menge mitgebracht«, meinte Tiny, während er mit der dritten Box in Richtung Wohnzimmer entschwand.

»Lucian hat es für Ihre Wandlung mitgeschickt«, antwortete Anders und bückte sich, um die Stiefel auszuziehen.

»Mein Gott, er redet ja schon wieder«, rief Drina und täuschte dabei Entsetzen vor. »Und sogar in ganzen Sätzen.«

»Manchmal bekommt man sogar einen ganzen Absatz aus ihm heraus«, erwiderte Harper, der dabei aber zu Tiny sah. Der Mann war im Durchgang zum Wohnzimmer stehen geblieben und schaute etwas erschrocken drein. Offenbar war ihm nicht klar gewesen, dass nun, nachdem er und Mirabeau sich als Lebensgefährten gegenseitig anerkannt hatten, als Nächstes die Wandlung anstand.

»Einen ganzen Absatz?«, wiederholte Drina ironisch und lenkte abermals Harpers Aufmerksamkeit auf sich.

»Nur wenn er ziemlich kurz ausfällt«, murmelte er und sah sie wieder an. »Aber ein Absatz ist es trotzdem.« Er hielt inne, um Drina genauer zu betrachten. Dass sie zierlich war, hatte er schon draußen bemerkt. Im Grunde war das nichts weiter als eine höfliche Umschreibung dafür, dass sie etwas kurz geraten war. Aber die Kurven befanden sich alle an den richtigen Stellen und fielen auch recht ordentlich aus. Sie musste spanischer Herkunft sein, ihr Teint hatte einen olivefarbenen Stich, die Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Stirn war ausgeprägt, und ihre makellose, gerade Nase stach sogar fast ein wenig hervor. Aber alles zusammen ergab das seiner Meinung nach ein sehr attraktives Gesicht.

»Ja, genau, die Wandlung«, sagte Tiny mehr zu sich selbst. Als Harper ihn ansah, machte der einen entschlossenen Eindruck, da er die Schultern straffte und ins Wohnzimmer weiterging.

Harper legte die Stirn in Falten und musste sich zwingen, Tiny nicht den Rat zu geben, mit der Wandlung vielleicht doch noch eine Weile zu warten. Er wusste nur zu gut, dass dies nur eine instinktive Reaktion auf seine eigenen Erfahrungen war. Es kam selten vor, dass ein Sterblicher während einer Wandlung starb, und die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, dass es Tiny bestens überstehen würde. Aber Jenny war dabei gestorben, und deswegen war es auch das Erste, woran er denken musste, wenn von Wandlung die Rede war.

Seufzend kniete er sich hin, um seine Stiefel auszuziehen, dann richtete er sich wieder auf und entledigte sich seiner Jacke, die er über den Arm legte. Er nahm auch Anders’ Jacke an sich und ging dann zu Drina, um deren Jacke ebenfalls mitzunehmen. Alles zusammen brachte er in der Küche in die Vorratskammer, durch die man in die Garage gelangen konnte, die zugleich aber auch als Garderobe diente.

»Praktisch.«

Harper drehte sich um und sah Drina, die in der Tür zur Küche stand und sich in dem kleinen Raum umschaute. Als er nach den Bügeln griff, kam sie zu ihm, während er gerade ihre Jacke aufhängte.

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Sie sollen doch nicht für uns den Butler spielen.« Sie griff nach dem zweiten Kleiderbügel und schob ihn in Anders’ Jacke, damit er sich um seine eigene Jacke kümmern konnte.

Harper murmelte ein »Danke«, musste sich aber zwingen, ihr nicht zu versichern, alles sei in Ordnung, und sie auch nicht gleich wieder aus dem winzigen Raum zu schicken. Der kam ihm mit einem Mal noch viel kleiner vor, als sie nun neben ihm stand. Außerdem hatte er das Gefühl, dass mit ihrem Eintreten alle Luft aus der Kammer entwichen war, wodurch ein unerträglich heißes Vakuum entstanden war, das in ihm das Bedürfnis weckte, nach Luft zu schnappen. Es war eigenartig, da er noch nie unter klaustrophobischen Attacken gelitten hatte. Trotzdem war er froh, dass sie alles aufgehängt hatten und er mit ihr in die deutlich größere Küche zurückkehren konnte.

»Und wo ist diese Stephanie, die wir bewachen sollen?«, wollte Drina wissen, als sie sich auf einen der Hocker an der L-förmigen Theke setzte, die die Küche vom Esszimmer trennte.

»Sie schläft«, antwortete Harper, der an ihr vorbei zum Tisch ging, um die Spielkarten einzusammeln.

»Stephanie ist noch den Schlafrhythmus der Sterblichen gewöhnt«, erklärte Tiny, der soeben in die Küche zurückgekehrt war. »Deshalb hielten wir es für besser, wenn einer von uns so wie sie tagsüber wach bleibt und der andere nachts auf sie aufpasst, wenn sie schläft. Ich habe die Nachtschicht.«

»Sie machen sich Sorgen, weil es hier zu wenig Sicherheitsmaßnahmen gibt«, erläuterte Harper und schob die Karten in die Papphülle, die er danach auf den Tresen legte.

Irritiert sah Drina Tiny an. »Ist das denn nicht genau verkehrt herum? Sie sind doch der Sterbliche, richtig? Sollten Sie nicht tagsüber wach sein und diese Mirabeau in der Nacht?«

Tiny lächelte betrübt. »Das wäre insgesamt sicher praktischer gewesen, aber es war ja nur für diesen einen Tag. Und während ich den Tag oder die Nacht mit ihr verbringe, um sie im Auge zu behalten, muss irgendwer in ihrem Zimmer schlafen, und das musste Mirabeau sein.« Als Drina fragend eine Braue hochzog, fuhr er fort: »Wir hielten es für keine gute Idee, sie nachts in ihrem Zimmer allein zu lassen. Hier gibt es keinen Zaun, keine Alarmanlage … Es könnten Stunden vergehen, bis uns auffällt, dass jemand sie mitgenommen hat oder …«

»Oder was?«, hakte sie nach, als Tiny zögerte. Es war von ihrer Seite reine Höflichkeit, wie Harper nur zu gut wusste. Die Frau hätte ihn ebenso gut einfach lesen können, um das zu erfahren, womit er nicht rausrücken wollte. Dennoch verhielt sie sich so respektvoll, dass sie ihn danach fragte.

Schweigend zog Tiny seine Jacke aus, aber schließlich gestand er ihr ein: »Es herrscht eine gewisse Sorge, Stephanie könnte versuchen wegzulaufen und zu ihrer Familie zurückzukehren.«

»Tatsächlich?« Drina kniff ein wenig die Augen zusammen.

Tiny nickte. »Offenbar hat Lucian ein paar Mal diesen Gedanken bei ihr lesen können. Er glaubt zwar, dass sie nur ihre Familie sehen, nicht aber Kontakt mit ihr aufnehmen will …« Er zuckte unschlüssig mit den Schultern. »Aber was sie angeht, weiß das keiner von uns, daher muss wegen Leonius rund um die Uhr jemand bei ihr sein.«

»Das heißt, wir rechnen nicht nur mit einem Angriff von außen, sondern auch mit einem möglichen Gefangenenausbruch«, sagte Drina mehr zu sich selbst. »Und deshalb schläft Mirabeau bei ihr im Zimmer.«

»Das war jetzt nur die erste Nacht«, entgegnete Tiny. »Wir sind erst vorgestern hier eingetroffen. Elvi, Victor, DJ und Mabel waren bis dahin hiergeblieben, um sie nicht aus den Augen zu lassen. Aber die sind alle heute Morgen um vier abgereist …« Missmutig verzog er den Mund. »Als sich Stephanie schlafen gelegt hat, ist Mirabeau ebenfalls ins Bett gegangen.«

Drina stieß einen schweren Seufzer aus, lächelte betrübt und sagte: »Na, dann darf ich wohl annehmen, dass das von jetzt an meine Schicht sein wird. Ich genehmige mir einen Blutbeutel, dann gehe ich rauf und löse Mirabeau ab.«

Harper musste grinsen, als er Tinys Gesichtsausdruck bemerkte. Der Mann schwankte zwischen dem Drang, einerseits laut Halleluja zu rufen, andererseits aber zu beteuern, das sei heute Nacht nicht mehr nötig und sie könne morgen mit ihrer Schicht beginnen. Pflicht und Verlangen versuchten sich gegenseitig zu überbieten. Tiny und Mirabeau hatten Stephanie von New York hergebracht, wo sie sie aus der Kirche hatten schmuggeln müssen, in der sich etliche Paare gleichzeitig trauen ließen, darunter auch Victor und Elvi. Sie waren durch einen Geheimgang entkommen und dann lange Zeit in der Kanalisation unterwegs gewesen, ehe sie sich wieder an die Oberfläche gewagt hatten. Dann waren sie nach Port Henry gefahren, wo Victor und Elvi bereits darauf warteten, die junge Frau begrüßen zu dürfen.

Da Tiny und Mirabeau jetzt offiziell dienstfrei hatten und Drina und Anders ihren Job übernahmen, hatte Lucian darauf bestanden, dass sie zunächst noch hier im Haus blieben, bis die schlimmsten Symptome der beiden frischgebackenen Lebensgefährten abgeklungen waren. Harper vermutete, dass ihr Pflichtgefühl sie nicht ruhen lassen würde, solange sie hier waren. Und vermutlich würden sie sich sogar verpflichtet fühlen, sich dafür erkenntlich zu zeigen, dass sie die nächsten Wochen hier in diesem Bed’n’Breakfast verbringen durften.

»Drina hat recht«, erklärte Anders und ersparte Tiny dieses innere Ringen. »Es ist besser, wenn sich jemand bei Stephanie im Zimmer aufhält, der mit seinen Gedanken nicht ständig woanders ist. Außerdem sind wir jetzt an der Reihe. Ihr beide habt dienstfrei.«

Tiny atmete erleichtert auf und nickte, fügte dann aber hinzu: »Solange wir hier sind, werden wir aber aushelfen.«

»Das wird hoffentlich nicht nötig sein, aber wir wissen das Angebot zu schätzen«, erklärte Drina, als Anders bloß mit den Schultern zuckte. Dann ließ sie sich von ihrem Hocker gleiten und sah Harper fragend an. »Welches Blut soll ich nehmen? Das aus den Boxen oder das aus dem Kühlschrank?«

»Ganz egal«, meinte Anders beiläufig. »In den nächsten Tagen kommt noch mehr Nachschub.«

Harper ging zum Kühlschrank, nahm vier Beutel heraus und verteilte sie, wobei er einen Drina gab.

»Danke«, sagte sie leise und schob den Beutel auf ihre Fangzähne. Plötzlich jedoch versteifte sie sich und blickte über ihre Schulter. Harper folgte ihrem Blick und sah Teddy aus der Eingangshalle ins Esszimmer kommen.

»Ich dachte mir doch, dass ich Stimmen gehört habe«, sagte der Mann gähnend und fuhr sich mit einer Hand durch sein volles graues Haar.

»Tut mir leid, wenn wir dich geweckt haben, Teddy«, entgegnete Harper und deutete auf die Neuankömmlinge. »Die Verstärkung, die Lucian angekündigt hat.« Dann wandte er sich an Drina und Anders und erklärte: »Teddy Brunswick ist der Polizeichef von Port Henry, und er ist auch ein guter Freund. Er hat sich angeboten, bis zu eurer Ankunft bei uns zu bleiben und uns zu helfen.« Er sah wieder zu dem grauhaarigen Mann hin. »Teddy, das ist Alexandrina Argenis, oder Drina, wie sie bevorzugt.«

Teddy nickte ihr zu, während Harper fortfuhr: »Und das ist Anders.«

»Hmm«, machte Teddy. »Ist das Ihr Vor- oder Ihr Nachname?«

»Weder noch«, antwortete der und machte jede weitere Frage hinfällig, da er sich den Blutbeutel über die Fangzähne schob und zu trinken begann.

Teddy zog ein mürrisches Gesicht, ging aber ohne jeden weiteren Kommentar in den Lagerraum mit dem Garderobenschrank. Einen Augenblick später kam er mit Jacke und Stiefeln wieder heraus. »Nachdem die Kavallerie jetzt eingetroffen ist, kann ich mich wohl auf den Heimweg machen und wieder in meinem eigenen Bett schlafen«, verkündete er und setzte sich an den Esstisch, damit er seine Stiefel anziehen konnte.

»Danke, dass Sie geblieben sind, Teddy«, sagte Tiny. »Kurz bevor Drina und Anders angekommen waren, hatte ich noch einen frischen Kaffee aufgesetzt. Möchten Sie einen Becher für unterwegs mitnehmen.«

»Das wäre schön«, sagte Teddy dankbar, schnürte den einen Stiefel zu und widmete sich dann dem anderen. Sofort ging Tiny zum Küchenschrank und holte einen Thermosbecher heraus. Als Teddy mit dem zweiten Stiefel fertig war, hatte Tiny bereits Kaffee eingefüllt und Milch und Zucker dazugegeben. Nachdem der Polizist auch die Jacke angezogen hatte, gab der Sterbliche ihm den Becher.

»Besten Dank. Ich bringe den morgen gespült zurück, wenn ich vorbeikomme, um nach dem Rechten zu sehen.«

»Das hört sich gut an«, meinte Tiny zustimmend und begleitete den Mann noch bis zur Tür.

»Tja«, sagte Drina, nachdem sie den geleerten Beutel von ihren Zähnen gezogen hatte, und ging um den Tresen herum, um den Beutel in den Abfalleimer zu werfen. »Dann wird es für mich wohl Zeit, mich ins Bett zu legen.«

Harper lächelte flüchtig, als er sah, welche Grimasse sie dabei zog. Es war erst kurz nach eins. Sich jetzt ins Bett zu legen, das war so, als würde ein Sterblicher nachmittags um vier Uhr schlafen gehen. Vorläufig würde sie sicher nicht einschlafen können, und er vermutete sogar, dass sie erst bei Anbruch der Dämmerung eindösen würde – also genau dann, wenn sie zusammen mit Stephanie schon wieder aufstehen musste. Auf sie wartete eine harte Zeit, bis sie sich an den neuen Schlafrhythmus gewöhnt hatte, dachte er mitfühlend.

»Wenn Sie oben an der Treppe stehen, ist es das Zimmer vorne rechts«, erklärte ein hilfsbereiter Tiny den Weg. »Ich weiß bloß nicht, für welche Seite des Doppelbetts sich Mirabeau entschieden hat.«

»Das werde ich schon herausfinden«, versicherte sie ihm und nahm ihre Reisetasche an sich. »Gute Nacht, Jungs.«

»Gute Nacht«, raunte Harper so wie die anderen. Dann sah er ihr nach, wie sie das Zimmer verließ. Gleich darauf konnten sie hören, wie sie die Treppe nach oben ging. Ein wenig irritiert schaute Harper zur Deckenlampe und fragte sich, wieso es ihm mit einem Mal im Zimmer etwas dunkler vorkam.

2

Drina blieb vor der Schlafzimmertür stehen, zu der Tiny sie geschickt hatte, und drückte sie vorsichtig auf. Kaum hatte sie sie einen Spaltbreit geöffnet, setzte sich jemand auf der ihr zugewandten Seite des Betts auf. Vermutlich war es Mirabeau, die nun aufstand und zu ihr in den Flur kam.

»Unsere Ablösung?«, flüsterte sie und zog die Tür leise hinter sich zu. Sie trug Jogginghosen und ein ärmelloses T-Shirt, beides bequem genug, um darin zu schlafen, aber auch, um jederzeit in Aktion zu treten, falls das notwendig werden sollte.

»Drina Argenis«, stellte sich Drina mit einem bestätigenden Nicken vor und hielt ihr die Hand hin, die von der anderen Frau ohne zu zögern ergriffen wurde.

»Mirabeau La Roche. Lucian sprach davon, dass Anders mit Ihnen herkommen würde. Stimmt das?«

»Ja, er ist unten bei den anderen«, antwortete Drina. »Ich bin hier, um Sie abzulösen. Von jetzt an schlafe ich in Stephanies Zimmer.«

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